Gehr. Baer
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Die rote Kaschgar.
Roman von Fedor »en Zvbeltih.
f6 Fortsetzung (TZathbrud verboten.)
Heute freilich war über ihren Nachmittag von anderer Seite verfügt worden. O ja, verfügt -- denn Verl toi c ganz qcnnu. dav Tic seine Bitte um ein letztes Abschiedswcrt nicht ablehnen würde. Datz dieses Ttelldichein überslüsTig war und nur ein Ausreihen alter Wunden bedeuten konnte, darüber war sie sich klar. Aber bei aller Ent- lagungskraft aehörle doch auch die Wonne des Schmerze» zu ihrem Gcfühtsinhalt — gleichviel, ob sie sich zu der Lieberzeugung durchzuringen versuchte, daß unter dieses Sühkchmerzliche heute ein Schluhpunkt gesetzt werden sollte. Dena die Ueberzeugung unterstand einem Denkgesetz, das Herz aber nicht
Die 'THuttcr hatte inzwischen ein Stündchen schlummern können imb machte einen erfrischten Eindru.1 Vs erschien Frede zweifellos, daß eine jArt Krisis in ihrem Befinden eingetreten war. das Hrankheitsbild halte sich verändert. Der chronische Erregungszustand war gröberer Ruhe gewichen, sie Tvrach auch folgerichtiger, wenngleich ihr nach wie vor einzelne Worte fehlten und Pausen eintraten, die sie sichtlich bewegten, weil >ie sich in ihrem Begriffsvermögen nicht zurechl- isand. 3ii der oft stockenden Unterhaltung bei Tische kam sie wieder auf Bruder Dorotheus zurück und betonte von neuem, bah sie ihn vor feiner Abreise unbedingt kennen lernen wollte. Ocrt schien sie plötzlich aus ihrem Bewuhtsein ousschalien. zu wollen, ihre Gedanken beschäftigten sich ungleich lebhafter mit dem neuen Werber um die Hand ihrer Tochter, die ihr willkommener war, weil ei der Brüderschaft angehörte. „Die Horos find alle weltlichen SinneS," sagte sie. „ich habe noch die Schwester Antons aelannt, die den 5\urt Geisbach heiratete, Gott hab' sie selig, aber im Leben war sie ein frivoles Geschöpf, und als damals ihr Mann bet dem Zechen- unglüct verschüttet wurde, hieß es allgemein, er sei mit Absicht in den Tod gegangen — so hieß es. Lieb' Kindchen, die Horas sind ein verlorenes Geschlecht, auch dein Pater wird das zugeben müssen und wird in seiner Abgeschiedenheit
Freude empfinden, daß du mm doch die rechte Wahl getroffen hast Es ist die rechte, es ist Dorbestimmung. es ist dec Weg der reinen Liede, und auf diesem Wege wirst du bleiben, wenn er auch in der Ferne weilt, denn ihr seid unlöslich aneinander gebunden. .
Sie versank wieder in unruhiges Sinnen, indes Frehe iich still verhielt und jede Antwort umgmg. um die Mutter nicht durch einen Widerspruch zu reizen. 3n den RachmittagSstund« machte sie öfters einen längeren Spaziergang, es fiel der alten Frau also auch heute nicht auf, als sie ihr sagte, sie wolle auf ein Stündchen in den Wald - aber da war das Denken der Mutter doch schon wieder in Wirrung, denn sie warnte die Tochter vor der Lichtung an den Herzogs' buchen, wo noch immer ein Mutfleck im Grase zu sehen ici Vs war jene Stelle, auf der seinerzeit der Zweikampf zwischen den beiden alten Herren stattgefunden hatte.
Doch Freye suchte einen anderen Weg. Am Reckensee hatte sie sich ehemals häufiger mit Gert getroffen, und da hatte sie auch schon einmal Abschied von ihm genommen. 21Ite Erinnerungen sollten wieder lebendig werden. Sie schritt scharf aus, den Stock in der Hand, durch gelbe« Sonnenfltrren, die Weißdornbüsche entlang, an denen die blanken' Fädrn des Altweibersommers hingen und dann den Hang hinauf in den Hoch- wald. der heute, von keinem Windzug bewegt, still 'lag wie ein Heiligtum. Jeder der alten Bäume war Freye ein guter Bekannter, sie schweifte gern hier umher und hielt sich nicht immer auf gepflegten Wegen, sie durchwanderte den Wald am liebsten kreuz und quer, auch das Felstrürnrnergebiet der Höhe, das in Klippenzügen das Dunkel des Tannenhags durchbrach. Unten stand noch der Laubwald, Eichen und Buchen leuchtend im Prunkschmuck des Herbstes, auf der Sandale von Moos, Farren und Wacholder mit verstreuten erratischen Blöcken, um die wildes Himbeergebüsch sich schmiegte, auf den Lichtungen mit brandroter Erika. Langsam stieg Freye bergan, in den Laubschatten mi chten sich nun Radelbäu'me, zwischen das Unterholz drängte sich das fahl gewordene Grün der Heidel- und Preiselbeeren, gelbe, grüne, rote, weih punktierte Pilzköpse schossen aus der Moosdecke. Roch etwas
hoher begann em schmaler Oürttl von Twfuitxn, trügerisch mit grünlichem Schwamm überzogen, malerisch in seinen Spiegelungen, an den zutage tretenden Wasserlachen in den Farben des Regen- bogens mit tounderUch geformtem Krüppel bolz am gezackten Ufer. Freye umschritt das Sumpf- land und flieg wieder ein wenig hangab. über Trümmer von Eifenstein, dessen düsteres Rot mit blauen Tönen durchsprenkelt war. unb über Ge röll. auf dem sich schwer schreiten lieft. Aber sie trug derbe Stiesel und war nicht wehleidig bei körperlicher Anstrengung, die Metallspitze ihres Stocks berührte auch bald wieder festeren Boden unter den alten Eichen, die man die .Recken" nannte, weil sie fo riesig und gewaltig standen wie Helden der Dorzeit Es sollte hier in der Röhe einmal eine Burg gelegen haben, doch mehr in den Rahmen der Möglichkeit paßte wohl die Mär von einem heidnischen Tempel, der mitsamt seiner blutigen Opferstätte in die Erde versunken sei so erzählte die Sage, als die ersten Künder des Christentums vom Süden her in diese Berge zogen. An die Stelle des HeidenternpelS aber trat ein lieblicher blauer Waldsee, der leuchtete Freye auch jetzt zwischen den Stämmen entgegen, und zugleich hörte sie ein lustiges Pferdewiehern und eine Männerstimme, die sang daS Siegfriedmotiv, laut, wenn auch nicht richtig.
Der kleine See lag tief gebettet zu Füßen einer Trümmergruppe. deren mächtigste Platte, von drei natürlichen Pfeilern getragen, über dem Wasser schwebte, eine Art Grotte bildend, in der unter wucherndem Buschwerk ein Quell entsprang, der auf der Südseite des Sees Abfluß suchte und dann munter und kristallicht in felsigem Bette zu Tal hüpfte, lieber der Lichtung brannte noch Die sinkende Sonne, im Walde f(battete schon der Dämmer, auf der Steile oben bildete der Tannentouchs ein schwarzblaues Düster. Gert hatte den Trensenzügel seines Gauls über einen Baumaft geschlungen und trat Freye mit auS- gestreckten Händen entgegen.
.Grüß' dich, Freye," sagte er, „lieb von dir, daß du gekommen bist. Es war gewiß ein Wagnis von mir. dich herzulocken, ich gestehe, es war mehr, es war eine Frechheit — aber ich konnte nicht anders, es war zugleich tiefstinnere«
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.Setz dich.' fuhr er fort, zu dir — wie ehemals, wie es gut so. wie alles gekommen Wärst du glücklich mit mir geworden, wenn daS Schicksal uns zahmer behandelt hättet Sind Habicht und Taube denkbar im selben Reste?..."
Er hatte sich vor Ihr in das Buscharas gestreckt und sah zu ihr auf. aber ihr Blick tauchte nur flüchtig in sein Auge .Warum fragst du so?" antwortete sie „3ft cS nicht besser, wir lassen das Gewesene gewesen fein? Du wolltest mir Lebewohl sagen, und da kam ich her. ES lag kein Grund für mich vor, dir den Abschied zu weigern. Wir waren ja niemals Feinde auch in der Trennung nicht."
.Rein." rief er leidenschafUlch. .Feinde — um GotteswiUen, Wir beide! Dir haben uns lieb gehabt und konnten Aueinanber nicht kommen — es war die alte Geschichte! Ah. Freye. wenn ich dir erzählen woNte, wie meine Herzens- neigung zu dir wuchs und wuchs, wie sie aus einem schlichten MitleidSgesühl zu einem alb umfassenden Empfinden wurde, wie auch noch andre Momente hineinspielten — seltsam Pfhcho- logische-, Kunstgriffe der Ratur möchte ich sagen —“
Ihre Hand legte sich auf feine Lippen
„Gert," bat sie nochmals, .laß die Erinnerungen! Wir haben abgeschlossen, wir wollen nicht mehr an Vergangenem rühren. Und du magst ja auch recht haben mit deiner Frage von vorhin: vielleicht wäre unser Glück tote eine Illusion zerronnen - und vielleicht war die Härte, mit der uns da- Schicksal packle, das größere Glück für unS beide. Wir haben resigniert — und immer noch die Zukunft vor unS."
„Ist es wahr, daß auch du vor der Heirat stehst?" fragte er.
Das Sonnenrol auf ihren Wangen vertiefte sich. „Wie kommst du darauf?" erwiderte ne erstaunt.
(Fortsetzung folgt)


