Nr. 293 Zweites Blatt Siehener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)
Raisuli, der Sultan der Berge.
Das Jahr 1924 hat den Spaniern in Marokko neue schwere Verluste gebracht. Die dortigen Verhältnisse sind dem Europäer im allgemeinen so fremd, dah eine Schilderung aus dem Munde des Führers der Freiheitvkämpfe, des ge ürchteten R a i» suli, großem Interesse begegnen wird. Die überragende Persönlichkeit dieses Mannes geht aus der Beschreibung seines Lebens, die er einer mutigen Engländerin diktiert hat, hervor. Wir bringen deshalb mit Erlaubnis deS Verlages Ä. F. Koehler einen Ausschnitt aus den in diesen Tagen erscheinenden „(Srinnetunge n".
3n Tanger ist es Sommer.
Aaisuli bringt seine Familie in Sicherheit und reitet selbst noch Sinat. Von Stunde zu Stunde wächst die Begeisterung. In den Bergen hat keiner mehr Sinn für Landarbeit und Viehzucht. Vaisuli sendet Getreide und Vieh vom seinen Gütern. Ilebecall stehen die Imams (die Priester) aus und reden zum Volk.
,Es ist ein heiliger Krieg und Vaisuli der berufene Leiter. Sein Fuß ist auf eurem Haupt, und ihr müht eure Häupter richten, wohin er eß will."
Der Scheik der Beni Iusuf ruft seine Leute zusammen. Er spricht vom Krieg. Iedermann eilt zu seiner Fahne. Sie küssen den Brief Vaifulis, sie halten ihn an ihre Augen, sie reihen ihn in ©tudc und streiten sich um diese Festen in dem Glauben, dah jeder von ihnen ein heiliges Amulett sei, das vor Gefahren schüstt. Da ist ein Mann, der fürchtet, dah ein anderer ihm diesen Driefsesten fortnimmt. Er schneidet sich mit dem Messer tief in den Arm, verbirgt das Papier-' stückchen In der Wunde und schließt dieselbe nach arabischer Sitte mit Blutegeln. Eine seltsame Sitte — und nur für arabische Verven bestimmt!
Der Araber legt die Blutegel über die Wunde, so dah diese mit ihren Kiefern die Wund» ränder zusammenbeihen. Dann schneidet er die Körper der Blutegel ab, aber die Kiefer bleiben geschlossen und halten die Wundränder zusammen, bis diese geheilt sind und die Blutegel allmählich abfollen. Der arabische Wundarzt erklärt dies für besser denn jede Vaht.
Anders ist der Krieg in Marokko als (in Europa. Gegen die Küste hin ist das Land eben, und von dort rückt Sllvestres Heeresmacht langsam vor. Vaisuli kann es nicht wagen, ihr - in offener Schlacht gegenüberzutreten. Seine Waffen lUnb anders.
Seine Krieger ermüden den Feind und springen dann wieder in die Berge zurück, in deren Schluchten sogar ein Flugzeug unbrauchbar ist, und wo ein paar Männer leicht ein ganzes Ve» giment aufzuholten vermögen.
Jeder Stamm hat feinen eigenen Befehlshaber, und unter ihm find wieder kleinere Gruppen. Ieder wirkt für sich allein, aber '.in Wirklichkeit alle nach gemeinsamem Plan.
Vaisuli selbst ist nur von einer kleinen Wache Getreuer umgeben, aber er hat überall Spione in den Städten, die ihm Berichte bringen, und hat Männer bei sich, die trefflich zu reden verstehen, und die er überall tm Lande umherfendet, »um die Begeisterung zu entfachen.
Vaifulis Plan ist, nie dort anzugreifen, wo Kanonen seine eigenen Krieger bedrohen, aber Silvestre dauernd in Furcht zu halten, ihm zu zeigen, dah das ganze Land voller Feinde (ist, und ihn in der Erwartung zu lassen, dah der Angriff dann kam, wenn er am wenigsten auf >ihn vorbereitet war.
Kleinkrieg — —
Ein Soldat patrouilliert allein auf der Straße zwischen Ceuta und Tetuan. Er sieht nichts als eine Karre, auf der ein paar leers Säcke liegen, und einen alten, halbnackten Mann ohne Waffen, bej, baß Pferd am Zügel führt. Er geht sorglos vorüber, aber zwischen den Säcken liegt ein Soldat der Berge und erschießt deck Soldaten.
Einige Spanier leben auf einer Siedlung und wollen sich nicht eher in den Schutz der Stadt begeben, bis sie ihr Getreide geerntet.
Eines Morgens treten sie aus ihrem Haus. Es ist nichts draußen verändert. Außer dem Ge- treidehausen neben der Dreschtenne, den sie am Abend vorher noch aufgeschichtet hatten, sehen sie auch jetzt nichts, und die Maultiere stehen ruhig daneben und fressen. Aber wie sich nähern, schießen die Btzrgsoldaten, die sich in der Vacht tn den Getreidehaufen einwühlten, sie nieder.
Am Vio Martin werden Soldaten mitten zwischen ihren Zellen von unsichtbaren Händen erschossen. Ein Lager von Pionieren wird ganz plötzlich zerstört, obgleich die Vorposten auf zwanzig Meilen keinen Feind sehen. In jedem
Kaktusgebüsch liegt ein Dergjäger mit geladenem Gewehr, so dah General Alfau endlich befiehlt, alle Kaktusgebüsche in den Bergen obzuschlagen zu verbrennen, so dah ihr Whang ausfieht wie ein bartloses Gesicht.
Ein paar Männer überfallen eine ganze Stadt. Zwei kleine Abteilungen sind's. Die eine schleißt sich heran und feuert. Unter dem Auf- bliyen ihrer Gewehre springen die andern voran, und wieder knallen die Schüsse. Inzwischen haben die ersten geladen und rennen wieder an den zweiten vorbei. Schuh auf Schuh bald von den einen, bald von den anderen. So stürmen sie durch die Strahen, schießen nieder, wen sie sehen, und sind auf der andern Seite hinaus, ehe die Bürger zu Atem kommen. Seltsam — nur Spanierfreunde werden erschossen. Die guten Moslemin aber sind nirgends zu sehen. Sie wurden gewarnt und verblieben in ihren Häusern.
Viemand verrät einen Gastfreund. Einst ist Scheik Mudden, ein Freund Vaifulis, mit zwei feiner Begleiter arg bedrängt. In der Vot schlüpfen sie durch die Hintertür in das Haus eines Freundes, aber die Polizei ist auf ihrer sSpur und sieht sie oder glaubt sie hineinschlüpfen zu sehen. Wenige Augenblicke später sitzen anscheinend vier Freunde gemütlich auf dem Diwan. Dor ihnen das kleine Teetischchen. Es sind der Hausherr, ein ehrwürdiger aller Mann, Mudden und seine Begleiter.
Da stürzen die Diener herbei und sind voller Angst.
„Sidi, die Polizei hat beide Türen beseht. Ihr seid verloren."
Der Hausherr winkt. Er ist keinen Augenblick verlegen. Man rückt schnell die Diwane von der Wand. Die drei legen sich ganz eng an die Mauer, und man häuft wieder die Kissen davor. Im Augenblick, als die Polizisten hereindringen, sitzt der alte Hausherr würdevoll und vollkommen unbefangen auf einem Berg von Kissen und schlürft seinen Tee. Er blickt verwundert auf:
„Was wollt ihr von mir, Bei Allahs"
»Wir müssen dein Haus durchsuchen. Du beherbergst einen Verräter."
Der Alte lacht überlegen.
„Durchsucht mein Haus und schont keinen Winkel. Ihr werdet nur meine Diener finden. Vber wenn ihr gesucht, so versäumt nicht zu mir zu kommen und mit mir den Tee zu trinken."
So geschieht es, und niemand vermutet die Verborgenen unter den Kissen.
Monat um Monat vergeht.
Längst ist Vaisuli wieder in Sinat. MeBerall schreitet der Kleinkrieg fort.
Nirgends gelingt es den Spaniern, etwas Wesentliches zu erreichen. Tausend kleine Gefechte und in den meisten die Bergbewohner die Sieger. Vaisuli ist bald hier und bald dort, ileberall wirkt sein Vame begeisternd. Lleberall jubelt das Volk ihm entgegen.
Vaisuli reitet wieder einmal in Hauen ein.
Da geschieht das letzte.
Plötzlich fällt alles Volk in den Straßen vor ihm auf die Knie und ruft ihm entgegen:
„Allah, segne unseren Herrn und Sultan!"
Vaisuli erschrickt. Er überlegt. Einer der ältesten Schells aber tritt ihm entgegen:
„Es ist der Wille des ganzen Volks. Sei unser Sultan! Mulai Iusuf ist in den Händen der Franzosen. Wie soll er uns ein gerechter Herr sein? Das ganze Marokko, soweit seine Berge ragen, soweit es in Freiheit lebt,» bittet dich: sei unser Sultan!"
Vaisuli ist tief bewegt.
Er denkt zurück an Sinat, der Knabe izu Füßen des alten Hlema, der Bandit in den Bergen — jetzt Sullan von Marokko.
„Wartet ein wenig, laßt mich nachdenken."
Er geht in fein Zell und verschließt sich vor aller Augen, und draußen harrt das begeisterte Volk.
„Allah, segne den Sultan!"
Am nächsten Tage ist eine gewaltige Versammlung endlosen Volkes. Auf dem Marktplatz in Hauen bei dem alten Schloß, in dem vor dreihundert Iahren schon einer der Ahnherren Rai- sulis wohnte.
Wieder sagen die Schecks.
„Der Herr der Gläubigen darf nicht stehen unter dem Ioch der Christen, so ist es geschrieben. Vimm den Platz, den leeren Thron und sei Herr über uns!"
Sie legen Teppiche auf die Straßen, die Frauen sehen aus den Fenstern. Sie sprengen kostbare Wohlgerüche über die versammelte Menge. Die Gelehrten der Moschee haben eine Proklamation vorbereitet. Der ganze Marktplatz
Gießener Stadttheater.
Leo Ascher: Hoheit tanzt Walzer.
Diese zwar reichlich sentimentale, aber im ganzen wegen der ansprechenden Melodien immer wieder gern gehörte Operette aus dem Wien Ötr Biedermeierzeit fand auch in der neuen Besetzung unter Ernst Badckows Spielleitung und Aloert Mischels Stabführung lebhaften Beifall. Freilich bekam die gestrige Aufführung noch eine besondere Vote durch das Gastspiel Elisabeth Friedrichs von der Frankfurter Oper. Fräulein Friedrich verfügt über eine schöne, modulationsfähige, auch in den höheren Lagen voll ausllingende Stimm:, die, unterstützt von einem anmut g-sympath fchen Sp.cl. die Partie der Prinzessin stark heraushob. Herr Dadekow konnte es seiner Partnerin zwar stimmlich nicht^gleichtun, fein Spiel erfreute aber wieder durch Temp r^m'nt und Schwung. Fräulein Simon bemühte sich am heftigsten, leider aber auch am erfolglosesten um den Diener Dialekt. Die Herren Schreiber als „Goldener Ochsenwirt" und S t a d i als spanischer Kammerdiener verhalfen der komischen Selle zu ihren: Recht. Für den erkrankten Herrn Viedel sang Herr Gräf die Partie des wackeren StramöfL
—e. •
Anton Bruckner.
Der. Konzertverein w'll im Anschluß an die Drucknerfeiem. die aus Anlaß feines 100. Geburtstages in letzter Zeit Dielen*rten stattfanden,
auch seinerseits Bern Andenken des g rosten Meisters huldig n. Vachdem er in Fr ihj h: 1922 seine Mess: in k^-Moll brachte, gl: dis bevorstehende Konzert vom Montag, 15. D:zember, feinem großen und b:licbteftcn Wer'e, dem „Te Deum". das der gott^strunkene Me ster nach dem Au-spruch? se n s F: urdes Göllrich den leben Gott g:to bmet, und das sich mehr d nn seine anderen Werke die Welt eronert hat. End: September 1E83 b gönn n. sehr cb Brulner. be-eich- nend für fein glaub g s H:rz — bere ts im März 1884 — also nach fünf Monaten auf d.e n.lLnb:te Partitur O. A. M D. G. (omnia ad majorem Dei gloriam). Die Uraufführung fand im I hre 1886 unter Hans Richters Le tung in Wi n statt, dann folgten München, Hamburg, auch Berlin (unter Siegfried Ochs) und andere Großstädte. Im Gegensatz zu Regers Pfalm ist das „Te Deum" mehr b kannt, aber auch, w e dieser. Der großen Schwier gleiten und starten Inst u- mantalb Setzung halb r g fürchtet und .n Ile n ren Städten selten aufg führt. Wie Reg rs Psalm ist auch das „Te Deu.n" wie die übrigen geistlichen Werke Bruckn rs der innigste Ausfluß unerschütterlich n Gottvertrauens, feiicS Viaens nach cw gern Glück, den d:r im Leaea so wunderliche Bauernsohn und in seiner Kunst io geniale Meister in Tönen von entzückender Schönheit ausströmen läßt. Der Text zu dem' Te Deum (lauöamuß) ist der Hymnus, den der B.scho' von Ma land, Ambros us, mt ö m he ligen Augustinus zusammen geformt haben soll: ein Preisgesang auf Goll, von Gebeten unterbrochen. Die große Tonschöpfung ist gewaltig instrumentiert, außer dem vielstimmigen Chor noch ein
ist von Fackeln erhellt, und aus jedem Fenster hängt eine Laterne heraus.
Vun tritt der älteste Scheik, ein ehrwürdiger Greis, mit schneeweißem Haar und weihen, wallendem Bart in der Mille, verliest den Willen des Dolles und ruft Vaisuli zum Sultan aus. Aber seine Stimme gehl unter in dem Gemurmel des Volles, wie die brandende See jede Stimme verschlingt. Und dann ziehen sie alle in die Moschee. Vaisuli voran, und sie wird so überfüllt von den Würdenträgern der Stämme, daH sic alle die ehrwürdigen Scheils nicht zu fassen vermag. Draußen liegen sie zu Hunderten auf ihren Knien und beugen ihre Stirnen so tief, daß fie den Staub des Bodens berühren.
Ihre Stimmen murmeln, aber die braunen Kleider der Bergbewohner sind in der Dunkelheit nicht mehr zu sehen, und es ist, als ob nicht nur die Schells in der Moschee, sondern als ob weithin die lebendig gewordene Erde, die Berge und Felsen, Allahs Segen erflehten für Vaisuli, den Sultan der Berge.
Aus der Provinz.
Landkreis Gietzcn.
•L Wieseck, 12. Dez. Vach der am 1. Dezember durchg f hrlen Vieh zähl ung sind in unserer G meind: folgende Viehbestände vorhanden: 75 Pferde, 552 Stück Vindoieh, 130 Schafe, 718 Schweine, 519 Ziegen, 296 Gänse, 101 Enten, 3714 Hühner. Denn damit der Friedensstand erreicht fein dürfte, so beweisen diese Zahlen andererseits, wenn man die Größe unseres Ortes berücksichtigt, daß es sich bei uns fast durchweg um landwirtfchoftliche Kleinbetriebe handelt. Bei dem verhältnismäßig niedrigen Schweinebestand ist zu berücksichtigen, daß in den letzten Wochen eine größere Zahl von Fettschweinen zu Haus- schlachtungen Verwendung fand. Vach den Feststellungen waren es bis 30. Vovember 438 Stück. Erfreulich ist die Tatsache, daß sich unser Viehstand gegenüber den Vorjahren hebt und damit die Ernährung immer mehr sicheraestellt wird. Der Konsum der breitesten Volksschichten und damit der Umsatz der landwirtschaftlichen Betriebe wäre ein noch größerer, wenn die gegenwärtig hohen Preise für Fleisch- und Wurstwaren eine Senkung erfahren würden,
Kreis Büdingen.
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