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Bürger und Bürgerinnen von Gießen!
Auf unserer Stadt lastet, viele erdrückend, eine schwere Wohnungsnot. „Eine Familie von 5 Personen bewohnt ein kleines Zimmer. Betten können nicht ausgestellt werden. Die ganze Familie schläft auf der Erde. Drauhen vor dem Fenster ist ein Misthaufen, so dast das Fenster nicht geöffnet werden kann." „Tine lungenkranke Witwe mit 4 Kindern bewohnt ein Zimmer. Die 5 Personen schlafen in 2 Betten, weil Platz für weitere Betten nicht vorhanden ist." Zwanzig derartige Fälle wurden neulich als Bilder aus der Giestener Wohnungsnot in den Giestener Zeitungen erzählt. Aber diese 20 bilden nur einen kleinen Ausschnitt aus der Gesamtheit des Elends. 1046 Familien haben gegenwärtig (am 1. Juli) in (Siesten überhaupt keine wirkliche Wohnung.
Die Stadt soll helfen! Jawohl, sie tut, soviel in ihrer Macht ist. Auch in diesem Sommer baut sie, wie in den vergangenen Jahren, aber ihre Mittel reichen nicht aus.
Bürger und Bürgerinnen von Gießen, die Ihr in guten und behaglichen Wohnungen lebt, und auch Ihr, die Ihr zwar eigentlich eine größere Wohnung haben mühtet, die Ihr aber, wenn Ihr Euer Los mit dem der menschenunwürdig Hausenden vergleicht, doch sagen müßt, daß Ihr es besser habt, - könnt Ihr das Elend in Eurer nächsten Nachbarschaft, in den Straßen und Winkeln, an denen Ihr und Eure Kinder täglich vorübergeht, mitansehen? Ist es nicht eine Gewisfenspflicht, hier zu Helsen?
Gewiß, wenn es eine Möglichkeit gibt. Nun so überlegt: In Gießen wohnen etwa 6000—7000 Familien in ausreichenden Wohnungen. Wenn von diesen auch nur 7S - und wer möchte nicht glauben, daß fast die Gesamtheit den Anttieb fühlte, hier zu handeln - sich dazu auftaffen, zunächst einmal für 6 Monate jeden Monat im Durchschnitt eine oder zwei Mark zu spenden, so bekommen wir , monatlich 6—8000 Mark, in sechs Monaten 36-48000 Mark. Vielleicht werden aber doch nicht wenige sein, die über die genannte Summe hinausgehen, nicht wenige, die eine einmalige höhere Spende zu geben in der Lage und guten Willens sind. Vielleicht wird auch einer oder der andere bereit fein, ein Dar- lehen zinslos zur Verfügung zu stellen, das später zurückerstattet wird. Kurz, es kann, ohne daß jemand eine wirkliche Entbehrung auf sich nimmt, eine noch viel höhere Summe erzielt werden.
Was soll dann geschehen?
Wir wollen eine Straße einfacher Reihenhäuser auf Grund und Boden, der der Stadt gehört, errichten. Was der Stadt ihre Mittel im Augenblick nicht erlauben, das wollen wir schon heute beginnen.
Die Stadt hat sich bereit erklärt, den Grund und Boden kostenlos zur Ver, fügung zu stellen. Sie will Baustoffe liefern und die Bauleitung übernehmen. Die fertigen Häuser sollen in ihren Besitz übergehen. Sie werden so der Spekulation entzogen. Der Regimentskommandeur hat sich bereit erklärt, soweit es der Dienst zuläßt, durch seine Truppe zu Helsen. Wir rechnen auf tätige Mithilfe aus der Bürgerschaft, der Arbeiterschaft und der Studentenschaft. So muß es gelingen, mit verhältnismäßig sehr geringen Mitteln schon bis zum kommenden Winter eine ganze Reihe von Häusern im Rohbau fertig zu stellen.
Sollte das nicht möglich sein? Dann kann es nur darin seinen Grund haben, daß die Mehrzahl der Bürger von Gießen kein Herz hat für die bitterste Not. Gewiß, heute gibt es wenige, die aus dem Überfluß geben können, aber wer, der diesen Aufruf liest, und ein Dach über seinem Kopf und Platz für sein Bett hat, kann sagen, selbst die geringste Summe sei für ihn zu hoch!
Sonntag, den 13. Juli, nachmittags 3 Uhr im Philosophenwald:
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