ilim
) Wieset 1
Nöoen
Hin
en usw.
5B40D WM
' Vereine
)u&.
n
650
Einwandfreie billige Reinigung. w
Karl Böhling U»
leiid' unser te$
1$ riger
Brillit Stgnogr.- Verili von 1861 and DuniifiHlo.
Areitag, 11. M# abends 8-/, Ubr ““o ferelniabend t tflflfllL WW.
V.H.C.
Gießen 50DHI08 1Z.W: SSZ « ffitb. Sbnr7Ubr e°°°L?2>
uniert
tiilir llri< %
W
ilitr.
hr-
IL lltl
“15 SH*» i-n jtJS**
M*2*
B-U
*Ä
Nr. (60 Zweites Vlatt
——■■IM IUI II!■ IIIMIJ. I--||I—I II I ~llM ■ llr'-"-g-Jcm>»>3J
Bennigsen und die Einheit Deutschlands.
Zum 100. Geb irtStag des Politikers am 10. Juli.
Don Oberstudienrat Dr. Engel Haas, M. d. württberg. L. i
DaS Jahr 1859 brachte den Krieg Frank- -reichs und Sardiniens gegen Oesterreich, der den Zweck hatte, dieser Macht ihre Stellung in Italien zu entreißen und den König Viktor Emanuel II. zum Beherrscher Oberitaliens zu machen. Der Krieg wurde in Deutschland im Hinblick auf Frankreichs Gelüste nachi dem Besitz des Rheins als eine Bedrohung Deutschlands aufgefaßt: wenn Oesterreich besiegt war, so war die deutsche Widerstandskraft geschwächt' also galt es das zu verhüten, und nicht zuzulassen, daß das Spiel von 1805 und 1806 sich wiederhole, wo Napoleon I. zuerst den Habsburger niedergeschlagen hatte, dann den Höhenzollern. Der Krieg traf Deutschland so unvorbereitet wie möglich: es hatte keine -Zentralgewalt, welche die Dotkskraft zusammenfassen konnte und säst kein einheitliches Heerwesen. Das; dieser gefahrvolle Zustand abgestellt werden müsse, war allen Einsichtigen klar, und so begannen Besprechungen, an denen sowohl die Liberalen als die Derno- ,traten sich beteiligten. Bennigsen trat an Die Spitze der Bewegung, aus der am 16. Sep- ember 1859, als Oesterreich bereits unterlegen war und im Dorfrieden in Dillafranca aus die -Lombardei verzichtet hatte, der „Deutsche N a- itionalver ein" erwuchs. Alle klaren Köpfe waren sich darüber einig, daß die 1849 gefun- Dene. aber nicht durchgesetzte Lösung die einzig richtige war. Preußen mutzte die Führung lüberne'hmen. Aber Preutzen war im Süden nicht ibeliebt uni) selbst Männer wie Julius Holder jwollten vorerst von der preutzischen Spitze nichts ^wissen, sie waren nur für die Errichtung einer Zentralgewalt, ohne zu sagen und ohne auch (nur recht zu wissen, wem sie denn eigentliche zu übertragen sei. Aber gottlob hatten wir damals einen Staatsmann, der über diese Herr wurde. Auch im liberalen Lager begann die Erkenntnis zu dämmern, datz Bismarck etwas mehr- war als ein altmärtischer Krautjunker, und zögernd erschlotz sich auch Bennigsen dieser Erkenntnis, vollends seit er am 14. Mai 1866 abends 9 üftr auf Bismarcks Einladung eine persönliche Besprechung mit ihm in Berlin gehabt hatte. Hierbei hat ihm Bismarck eröffnet, datz er beabsichtige, nach Niederwerfung Oesterreichs, das dem deutschen Nationalstaat unbedingt widerstrebte, aus Grund eines möglichst ausgedehnten Wahlrechts ein deutsches Parlament zu berufen und Deutschland eine bundes- staatliche Verfassung zu geben. Ddn Hannover verlangte er keine Waffenhilfe gegen Oesterreich, aber Neutralität, und Bennigsen hat dann all; Kraft eingesetzt, um seinen König dazu zu gewinnen. Georg V. hielt sich aber für verpflichtet, den bestehenden Deutschen Bund, so unfähig und unfruchtbar er war, zu verteidigen, und so wurde Hannover im Kriege von 1866 von Preutzen erobert und im Prager Frieden seine Einverleibung in Preutzen und Oesterreichs Einwilligung zur Errichtung eines norddeutschen Bundes unter Preutzcms Führung ausgesprochen. Das Hannoversche Dolk entschied sich bei der Reichs- tagswahl vom 12. Februar 1867 mit der Mehrheit von 149 000 gegen 130 000 Stimmen für oen Anschlutz an Preutzen.
Don nun an war der Weg klar, den die Patrioten zu gehen hatten: es galt, den Norddeutschen Bund zweckmäßig zu gestalten und ihn zum Deutschen Reiche zu entwickeln. Bennigsen, hat bei der Gründung der Nationalliberalen Partei, welche am 26. September 1866 erfolgte, in erster Reihe gestanden. Als Abgeordneter zum verfassunggebenden Reichstag wurde er1 für die bremischen Marschen mit 9455 gegen 2904 welfische Stimmen gewählt. Er hat dann in jeder Weise zur Annahme des Verfassungs- Entwurfs der verbündeten Regierungen beigetragen und namentlich das entscheidende Verdienst an dem Koirrpromitz über das Heerwesen. In einem spannenden Zwischenfall während der Beratungen hat Bennigsen als Wortführer der ganzen Nation gesprochen, als er am 1. April 1867 dem König Wilhelm der Niederlande das Recht bestritt, Luxemburg, das zum Deutschen Bunde gehört hatte, an den Kaiser Napoleon III. zu verkaufen. Gestützt auf diese vom Reichstag einmütig auf genommene Erklärung hat Bismarck dann den Kauf verhindern können.
In den ersten Reichstag des Deutschen Reiches (71 bis 74) hatte die Natronalliberals geartet 120, im zweiten (74 bis 77) 153, tm dritten (77 bis 78) 127 Sitze. Das Präsidium hatte der Nationalliberale Simson inne, der einst
Der Kuhhirt.
Von Otto Anthes.
Der deutsche Professor und Dichter Hoffmann von Fallersleben wurde im Jahre 1842, weil er allerlei in deutschen Landen nicht so finden konnte, wie er es sich wünschte, vorn König von Preutzen seines Amtes als Professor entsetzt: der deutsche Dichter, der nun noch übrig bliebt wutzte nicht, wohin er fern langbärtiges Haupt legen sollte. Weil aber die frei- und deutschgesinnten Männer allerwegen untereinander in Verbindung standen, so erhielt er eine Einladung von dem Gutsbesitzer Rudolf Carl Müller auf Holdorf im Mecklenburgischen, datz er zu ihm kommen und bei ihm bleiben solle, bis er etwas Besseres und Lieberes gefunden hätte. Es währte auch nicht lange, da stellte der so freundlich Gerufene sichi auf Holdorf ein, ein riesenhafter Mann mit einem mächtigen Schlapphut auf dem Kopfe, einem langen Patriarchenbart, der ihm geradewegs übers grobe weitze Hemd wallte, weil er die Weste allezeit offen trug, und einem derben Knotenstock in der Hand. So kam er und zeigte sich alsbald willens, sich der Besonderheiten des mecklenburglschien Landlebens mit fröhlichem Eifer allzunehmen.
Mecklenburg war derzeit kein übler Ort für einen Geächteten und Verfehmten, wenn er, erst einmal eine Zuflucht gefunden hatte. Denn je^er Besitzer hielt sich dort auf seinem Grund und Boden wie ein kleiner König und ließ sich von Regierung und Amtmännern und dergleichen verteufelt wenig in seinen Kram hineinreden. Dennoch stellt, sichi bald die Notwendigkeit h-raus, für den verfolgten Professor irgendeine amtliche Aufenthaltserlaubnis zu erwirken, ilni) Aadolf
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
in der Paulskirche den Vorsitz geführt hatte, Bennigsen war der eigentlich maßgebende Mann, der freilich durch den linken Flügel der Partei allerlei Schwierigkeiten erhielt. Im Jahre 1873 wurde er zum Präsidenten des Preutzischen Abgeordnetenhauses gewählt und bekleidete die e Stelle bis 1879, wo der Wahlausfall den Konservativen das Aebergewicht verschaffte. Bennigsen hatte das Verdienst, im Frühjahr 74 die Militärvorlage abermals durch die Klippen zu bringen, indem er mit Bismarck, der damals an Rheumatismus krank zu Bette lag, eifrig verhandelte. Dabei vereinbarten beide Männer das sogenannte Septennat, d. h. die Bewilligung der Heeresziffer aus 7 Jahre (74 bis 81), wodurch der Armee die nötige Dauerhaftigkeit gegeben und doch das parlamentarische Bewilligungsrecht grundsählichi festgehatten wurde. Auch z.>m Zustandekommen der Justizgesetze von 76, die das gleich«. Verfahren iind den gleichartigen Ausbau der- Gerichte einführten, hat Bennigsen sehr viel Ikigetragen, nicht minder zur Hereinnahme des gesamten bürgerlichen Rechts in die Zuständigkeit des Reiches (73). Dagegen stand er, dessen Eintritt ins Ministerium 77 von Bismarck betrieben, aber durch die Rücksicht auf den linken Flügel vereitelt wurde, aus verfafsungs- mätzigen Erwägungen wie aus wirtschaftlichen und politischen bei der Zollreform vom 12. Juli 79 auf der verneinenden Seite. Benningsen, dem Bismarck am 5. Mai 81 das berühmte Wort zu- rief: »Latz nicht vom Linken Dich umgarnen" legte verstimmt am 11. Juli 83 seine Mandate zum Reichs- und Landtage nieder. Aber der Ko- lonialverein von 1884 erhielt in ihm einen entschiedenen Förderer, trohdem Graf Münster aus London ihm abmahnte und prophezeite, England werde an der Konkurrenz feiner Kolonien zugrunde gshen. 1887, als der Kampf um das Septennat entbrannte und Zentrum und Fortschritt nur das Triännat bewilligen wollten, lehrte Bennigsen ins parlamentarische Leben zurück und verblieb in ihm auch nachi Bismarcks Sturz. Vom Kaiser wurde er aus besonderem Vertrauen am 31. August 88 zum Oberpräsidenlen von Hannover ernannt. Der Liberale Rudolf von Bennigsen erhob seine gewichtige Stimme, als in Preutzen der berüchtigte Zedlitzsche Volksschul- geseh-Entwurf eingebracht wurde. Er rief das liberale Bürgertum aller Richtungen in Stadt und Land zur Abwehr auf die Schanzen, mit dem Erfolge, datz der Zedlitzsche Entwurf verschwand. Als Bennigsen später durch seine Abstimmung gegen die Vorlage der Regierung über das Vereinswesen „oben" mißliebig geworden war, nähm er am 1. Oktober 1898, 74jährig, seinen Abschied. Der Mann, der das zuständigste Urteil in allen Sachen des Reiches besaß, Fürst Bismarck 'hat Bennigsen am 5. Mai 1881 das ehrenvollste Zeugnis ausgestellt, indem er im deutschen Reichstage sagte:
»Er ist immer unter seinen Fraktionsgenossen der Mitkämpfer gewesen, dem ich wirklichen Beistand verdanke, und dem das Deutsche Reich für seine Herstellung, für seine Konsolidierung so viel schuldig ist, von langen Jahren her." Er starb am 1. August 1902.
Der Massenmörder von Hannover.
Schwere Vorwürfe gegen die Polizei.
Aus Hannover, 9. Juli, wird uns geschrieben: In Hannover ist ein Kriminalfalt aufgedeckt worden, der an Scheußlichkeit alles in den Schatten stellt, was man bis jetzt im Alten und 'Neuen Pitaval gesammelt hat. Es handelt sich um den jungen Händler Haarmann. Seine furchtbaren Verbrechen erinnern an die Taten des Berliner Massenmörders Großmann. Aber Großmann war ein moderner Blaubart. Er tötete Mädchen, deren er überdrüssig wurde, oder mit denen er in Streit geriet. Haarmann ist gewohnheitsmäßiger Knabenschlächter. Seine Beute waren junge Leute im Alter von 14 bis 20 Jahren. Zwei undzwa nz i g Opfer hat der Untersuchungsrichter bereits auf seine^entsetzliche Liste gesetzt. Vierzehn oder fünfzehn Morde gibt der verhaftete Täter zu. Er kann sich nicht mehr so genau erinnern. Er will sie in seine Wohnung gelockt und ihnen in einem krankhaften sexuellen Rauschzustand 'die Kehle durchbissen haben. Man greift sich an den Kopf: Wie konnte dieses Treiben durch sechs Jahre hindurch unbemerkt bleiben? Wo brachte er die Leichen hin? Er schnitt die Köpfe ab und warf sie in den Leinefluh. Die Rümpfe will er auf Friedhöfen vergraben haben. Die Ermittlung ergibt jedoch, datz er außer mit alten Kleidern gelegentlich auch mit Fleisch handelte, angeblich mit Pferde- oder Kalbfleisch. Also in Wahrheit mit Menschenfleischi Dies die gräßlichste Aufdeckung.
Wo kommt diese Bestie in Menschengestalt her? Wie tonnte er solange unbehelligt bleiben? Ueber sein Vorleben wird bekannt: Nach dem Austritt aus der Volksschule besuchte er die Unteroffizierschule in Neubreisach, wurde wegen Köiperschwäche entlassen, war auf verschiedenen Lehrstellen, diente bei einem Jägerbataillon, wurde als herzkrank entlassen. Dann beginnt die Verbrecherlaufbahn. Er treibt einen bunt len Kleider handel, wird wegen Einbruchsdiebüahl toieber holt, auch mit Zuchthaus, bestraft. Daneben dais erotische Laster. Schon als 18jähriger vergeht er sich an Echulknaben und Mädchen und steh, mehrmals unter Anklage nach § 175. Er wirb in der Irrenanstalt Hildesheim beobachtet, als unzurechnungsfähig erklärt und dann — erst recht auf die Menschheit losgelassen. Nun folgt das am wenigsten Erklärliche: Die Behörden merken nichts. In den Jahren 1918/19 wird er zwar wegen unerlaubten Verkehrs mit zwei jungen Leuten verhaftet. Da aber die zwei, die man mit ihm gesehen hatte, verschwunden waren, lieh man ihn wieder frei. An der „Roten Reihe" in der Altstadt zu Hannover hatte er seine Behausung. Keinem Mitbewohner des Hauses fiel etwas auf. Oder doch? Zwei Jahre lang bemühte sich die Vermieterin, ihn loszuwerden. Aber das Mieteinigungsamt schützte ihn. Er hatte einen Verbrecher genossen, seinen 22jährigen »Freund" Gvans, der ihm die jungen Leute zu- trieb, ebenfalls mit „abgelegten" Kleidern handelte und nun endlich auch hinter Schloß und Riegel sitzt. Und niemand wurde auf das Kompagniegeschäft aufmerksam? Die Polizei entschuldigt sich damit, daß in dem berüchtigten Hohe- Ufer-Viertel, wo der Knabenschlächter hauste, das veidorbenste Proletariat zu finden sei. Dort falle das schlimme Treiben nicht auf. Eine recht merkwürdige Erklärung, wenn man bedenkt, daß die genannte Gegend in nächster Nähe des Polizeipräsidiums liegt.
Aber es kommt noch toller. Haarmann war eine Zeit lang Angestellter eines bei der Polizei nicht übel angeschriebenen Detektivbureaus. Man fand bei ihm, als er endlich gefaßt wurde, noch den Detektivausweis. Außerdem tat er für die Polizei selbst Dienst als Agent und Spitzel in gewissen Lasterkreisen. Ein Kriminalkommissar war sein besonderer Gönner. Die Strombauverwaltung hat die Leine abgelassen, um verdächtige Knochen zu finden, die vielleicht auf weitere Spuren führen. Es scheint, daß auch in der PolizeiverwaltungHannoversein großer Reinigungsprvzetz einsetzen muh, um Klarheit über die Hintergründe und Begleitumstände des Mordprozesses Haarmann zu schaffen.
i *
Zum Fall Haarmann erfährt der amtliche Preußische Pressedienst, daß seitens des preußischen Ministeriums des Innern die Tätigkeit der hannoverschen Polizei einer Nachprüfung unterzogen wird.
Hessischer Hauplverein der Gustav-Adols-Stistung.
Unter der Leitung seines neu erwählten Vorsitzenden Di. jur Freiherm Hehl zu Herrnsheim hielt der Hessische Hauptverein der Gustav - Adolf - Stiftung seine in jeder Hinsicht glänzend verlaufene 81. Jahresversammlung am 6. und 7. Juli im lieblichen Zwingenberg ab.
Nachdem am Vormittag des Festsonntags in den Kirchen der Umgebung des Festortes durch hessische Diasporapfarrer Fest- und Jugend- Gustav-Adolf-Gottesdienste gehalten waren, bewegte sich am Nachmittag durch die Straften von Zwingenberg ein stattlicher Festzug, an den sich der Festgottesdienst anschloß, in welchem Pfarrer D. Kübel, Frankfurt a. M., der Vorsitzende des dortigen Hauptvereins, predigte und Prälat D. Dr. Diehl als Vertreter der Kirchenregierung sprach. Ein Pavallelgottesdienst mit Psairer Knab aus Pfungstadt als Prediger mutzte wegen des äußerst starken Andranges noch in einem Gasthaussaal veranstaltet werden. Zwei große Volksversammlungen im „Löwen" und im „Adler" ließen durch die Ausführungen der Redner in die eigentliche Gustav- Adol s - Arbeit hineinschauen: es sprachen der Vorsitzende des Hessischen Hauptvereins, Pfarrer D. Mahnert ans Innsbruck über „Aus dem Amtsleben eines österreichischen Diasporapfarrers" und Pfarrer von Braken aus Saarn, früher in Brasilien, über „ Leiden und Freuden des Ansiedlers in Brasilien". Einen erhebenden Abschluß fand der Festsonntag durch einen Familienabend im „Löwen", wo die üblichen Begrüßungen stattfanden, die Festgaben überreicht wurden und gute musikalische Darbietungen erfolgten. Auch, 'ryur sprach wieder Pfarrer D. Mahnert.
Müller kam auf den ebenso luftigen wie klugen Einfall, ihn auf dem Papier zu seinem Kuh- Ijirten zu machen.
Soweit war- alles gut. Indessen — es mußte doch etwas durchgesickert fein, daß da ein staats- gcfährlichei' Alk getrieben worden war — kurz, eines Tages erschien auf Holdorf ein Landjäger vom Amt in Güstrow und verlangte den Küh- 'birten Hoffmann zu sehen.
„Ja, mein lieben Kallis," sagte Müller-, „denn wollen wi mal Nachsehen, ob he auf seine Kammer is."
Sie stiegen die Treppe hinauf bis ins Dachgeschoß, und dort öffnete Müller eine Tür in ein sehr freundliches. Helles Mansardenzimmer. Zierliche weiße Gardinchen wehten vor den Fenstern, an den Wänden hingen zahlreiche Bilder, Bücher- standen und tagen überall herum, und am Stuhl lehnte eine großmächtige Tabakspfeife mit Quaste und Moerschaumkopf.
„Wähnt hei dor?" fragte der Landläger verdutzt.
„Ja," antwortete Müller, „bat tut he. Oder glaubst du, ich nehme mich en ungebild'ten Kuhhirten? Ich sehe mich meine Leute an."
Er wollte ihn sich aber auch ansehen, beharrte der Landjäger.
„Schön," sagte Müller, „denn wollen wi mal versuchen, ob wi em draußen finden."
Sie gingen aus dem Hof hinaus, wo gegen den Wald hin eine schöne große Wiese lag. Mittler zog den Landjäger hinter einen Dusch und sagte: „Tat is he."
Mitten in einem Hümpel von Kindern, Buben und Mädel bunt durcheinander, kroch ein grober Mann, barhäuptig und mit einem langen Bart behaftet, auf der Wiese umher und schien Blu
men zu pflücken. Dabei sagte er allerlei Takt- mäßiges, was die Kinder dann im Chor nachsprachen. Einmal klang's wie:
„Alle Vögel sind schon da, alle Vögel alle.“
And ein andermal wie:
„Wer hat die schönsten Schäfchen, die 'bat der gotöene Mond."
Nach einer Weile aber zog sichi die ganze Schar an den Rand der Wiese und ließ sich unweit des Busches nieder. Der große Mann hatte zwischen seinen Knien einen ganzen Berg von Blumen aufge'häuft, griff mit den großen, scheinbar unbeholfenen Fingern hinein und fertigte mit unglaublicher Behendigkeit die zierlichsten Kränzlein und Sträußchen. Selbst ein Landjäger mußte sehen, daß hier eine ganz merk- wükdige Begabung waltete.
Wer der brat>e Kallis wurde dadurch nur mehr gestachelt. Gr trat vor und sagte in strengem Ton, indem er mit dem Amtsfinger auf den großen Mann wies: »Sünd Sei nun de> Kauyhiit odder nich?"
Hinter ihm stand Müller und machte dem großen Mann Zeichen. Aber der hatte es nicht nölig, beruhigt zu werden. Gr lachte über's ganze Gesicht und sagte: „Jchi 'bab'8 versucht, lieber Mann. Aber sehen Sie, die Kühe und Ochsen, die großen nämlich, die erwachsenen, die wollten sich von mir nicht hüten lassen. Ich hab' ihnen meine schönsten Derschen und Liederchen gesagt, aber sie hörten nicht. Da hab' ich mich nun an die Kälber gegeben. And die verstehn mich. Wenn die mal groß sind, bann werd' ich doch ein > richtiger Hirte gewesen sein. — Wollen Sie mal hören, wie das schon klappt? — Kinder, paßt auf! — La, la, la, la."
Donnerstag, 10. Juli 192$
Am Vormittag des folgenden Tages trat der Verwaltungsrat zu seiner Sitzung in der Klem- kinderschule zusammen. Hier erstattete der Schrist- fülyter Pfarrer Wagner- Bensheim den Jahresbericht, aus dem als besonders erwähnenswert hervorgehoben seien die in 1923 erfolgte Einweihung der Gustav-Adolf-Kirche in Heusenstamm und die Herausgabe der Zeitschrift »Hessischer Gustav-Adolf-Dvie". Bemerkenswert find ferner die Anregungen des Vorsitzenden, an die akidemische Jugend auf Aniversität und Hochschulen und auch an die Jugend auf den höheren Schulen heranzutreten, um sie planmäßig mit der Gustav-Adolf-Arbeit bekannt zu machen. Weiter wurde der vom Vorstand auf- gestellte Anterstützungsplan angenommen, aus Grund dessen 36 000 Mk. verteilt wurden: hiervon erhielt der Zentralvorstand in Leipzig 12 000 Mark, die Daugemeinde Hüttenseld 18 000 Mk., die Gemeinde Herbstein zur Erhaltung ihrer evangelischen Schule 500 Mk., die 17 Sammelgemeinden 1700 Mk., der Vorstand zur freien Verfügung 2800 Mk. und die allgemeine Liebesgabe 1000 Mk. Die Erlaubnis zum Bau eines Gemeindehauses für 1925 rourüe der Diasporagemeinde Ober-Mörlen erteilt und der Vorstand zugleich ermächitigt, im Falle emc8 günstigen Ergebnisses der nächsten Sammlungen die Baugenehmigung auch für Bürstadt zu erteilen. F.r- ner wurde beschlossen, den Gesamtverein einzuladen, seine Tagung 1925 in Gießen abzuhalten. Als nächstjähriger Festort wurde Oppenheim bestimmt. Bezüglich der fälligen Wahlen ist zu berichten, daß an Stelle des freiwillig zurückgetretenen Geh. Oberpostrats Kobelt - Darmstadt Studienrat Dr. Zimmermann- Darmstadt in den Vorstand gewählt wurde. Die sahungsgemäß ausscheidenden Vorstandsmitglieder Pfarrer Loo s-Dutzbach, Pfarrer Wagner- Bensheim, Pfarrer Lehn- Offenbach und der Vorsitzende wurden wiedergewählt. Als Abgeordneter zur Tagung des Gesamtvereins im September in Braunschweig wurden bestimmt: Landgerichtspräsident Neuenhagen und Pfarrer Becker-Gießen, Pfarrer Knad- Pfungstadt, Pfarrer H o r st - Horchheim. Pfarrer Winkelmann - Alzeys Pfarrer Wagner- Densheim und Pfarrer Scriba - Groß-Gerau.
Gleichzeitig mit dem Vei waltungsrat tagten die Gustav - Adolf - Frauen vereine unter dem Vorsitz von Frau Pfarrer Lehn- Offenbach. Dabei 'hielt Studienrat Dr. Zimmermann- Darmstadt einen Vortrag über »Gustav-Adolf-Arbeit in den deutschen Gren- lanben“. Einen erhebenden Abschluß der Tagung bildete am Nachmittag die feierliche Grundsteinlegung der Kapelle mit Kleinlin.'er- schule und Schiwesternstation in Hüttenfeld, wobei der Ortsgeistliche Pfarrer Roos -Viernheim, Geheimrat D. Dr. Ftoring - Darmstadt und der Vorsitzende Ansprachen hielten. Diese Feier bildete einen neuen Markstein auf dem Wege der segensreichen Arbeit des Hessischen Hauptvereins. Wg.
Wirtschaft.
Die Lage der rheinisch - westfälischen Eisenindustrie.
Den langen Streik im Ruhrbergbau hat die rheinisch-westfälische Eisenindustrie noch immer nicht verwunden. Es dauerte geraume Zeit, bis die Erzeugung wieder einigermaßen in Gang kam, zumal anfangs die Kohlenzufuhr immer noch viel zu wünschen übrig lieh. Auch hatte das lange Stilliegen der Werke zahlreiche Reparaturen notwendig gemacht unb teilweise auch nicht unbeträchtlichen Rohstoffmangel verursacht. Vor allem aber hat sich bemerkbar gemacht, daß durch den Streik im Bergbau und die dadurch verursachte Nichtinnehaltung fest übernommener Lieferfristen durch die Eiseniittmstrie das Vertrauen im In- und im Ausland mehr oder weniger verloren gegangen ist. Das Ausland hält sich von größeren Aufträgen (namentlich in Schienen und Eisenbahnmaterial) fast ganz zurück. Es legt seine Aufträge hauptsächlich nach England, Belgien und Frankreich, ein Amstand, der für uns um so unangenehmer ist, als viele ausländische Staaten (z. D. Indien, Italien usw.) in den letzten Jahren eine recht beträchtliche eigene Eisenprvduktion geschaffen haben. Auch das Inland hat in den letzten Wochen vielfach Aufträge nach dem Ausland gegeben, da es dort sicherer bedient zu werden glaubt.
Verschärft wurde die Situatton noch durch die Angewihheit über die Erhaltung des Arbeitsfrre- dens in der Eisenindustrie. Bekanntlich ist vor einiger Jeit die breigeteilte Schicht durch die zweigeteilte erseht worden. Wie notwendig diese Maßnahme war, ergibt sich daraus, daß im Monatsdurchschnitt 1922 die Erzeugung je Kopf und Monat der Belegschaft auf 5,63 Tonnen gegen 9,52
Er fang ihnen den Ton an, und dann schmetterten sie allesamt los:
„Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt,
wenn es stets zu Schuh und Tr ihe biäderlich zusammenhält.
Don der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt: Deutschland, Deutschland über alted, über alles in der Welt.
Der Landjäger stand mit offenem Munde.
„Hast du nu verstanden?" fragte ihn Müller.
„Nee," sagte der Landjäger.
„Denn komm, denn will ich dich erst mal eine kleine Erleuchtung besorgen."
Er- zog ihn auf den Hof zurück und in die Stube hinein. Dort füllte er ihm ein paar tüchtige Schnäpse ein. And dann sagte er: „So, mein lieben Kallis, nu gehst du nach Güstrow rin und sag'st auf’m Amt, du hättest den Kuh- "hirten gesehen, und es wäre allens in Ordnung Hast du das nu verstanden?"
„Ja," sagte der Landjäger.
„Na, denn trott dich!"
Als der Landjäger aus d^m Hofe ging, kam der große Mann gerate mit den Kindern anmarschiert. Sie hatten sich zu einer langen Reihe angefaßt, jedes war mit einem Kränzet oder einem Sträuße! geschmückt Und mitten drin marschierte der Kuhhirte Hoffmann mit tilgen Schritten im Saft der Kinde, süße, barhäuptig und mit waltendem Bart. And aUciamt fangen sie mit hellen, klingenden Stimmen:
„Blüh' im Glanze dieses Glückes, blühe, deutsches 'Vaterland!'


