Rx. 258 Erstes Blatt
U4- Jahrgang
Donnerstag, 9. Moder 1924
Erscheint täglich, außer Sonn- und Feiertags.
Beilagen:
GießenerFamiIienblätter Heimat im Bild.
Monatr-Vezvaspreir:
2 Goldmark u. 20 Goldpfennig für Trägcrlohn, auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt. F e r n s p r e ch-Anschlüsse: Schriftleitung 112, Verlag undBeschaftsstelle 51. Ansonst für Drahtnachrichten: AnzeigerSiehen.
Postscheckkonto: Frankfurt a. M. 11686.
Sietzen rAnjeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
vnick rind Verlag: vruhl'sche Univerfitäts-Vuch- und Steindruckerei R. Lange in Gießen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schulstraße 7.
Annahme von Bnjtigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohnejedeVerbindlichkcit.
Preis für l mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich8, auswärts 10 Goldpscnnig; für Reklame-Anzeigen v 70mm Breite 35 Goldpfcnnig, Platzvorschrist20° .Aufschlag. - Verantwortlich für Politik u. Feuilleton: Dr. Friedr. Wilh. Lange; für den übrigen Teil: Ernst Blumschein,-für den Anzeigenteil: Hans Beck sämtlich in Gießen.
Die Parteien zur Regierungsumbildung.
Die Fraktionsbeschlüsse zu den Richtlinien des Reichskanzlers Dr. Marx. — Verschärfung der Lage.
WeShalb der Reichskanzler mit feinen Richtlinien eigentlich so geheimnisvoll getan hat, ist, nachdem sie nun glücklich veröffentlicht toorden sind, noch weniger- einzusehen. Das Ganze ist nicht viel mehr als eine einzige Zusammenstellung von Gemeinplätzen, die, wenn man nur die nötigen Interpretationskünste anzuwenden versteht, als Grundlage aller nur denkbaren Regierungslomdinationen verwendet werden tonnte. Dafür fehlt den Richtlinien allerdings auch die praktische Verwendbarkeit. Denn Parieren, die miteinander arbeiten und durch schwere Zeiten hindurchgehen sollen, können diese Ausgabe nir auf sich nehmen, wenn sie nicht mit verschwom- menen Redensarten über die Schwierigleiten hinweghuschen, sondern tiefer in die Drnge hineinsteigen und sich sachlich näher zu kommen suchen. Daß die Weimarer Verfassung die „rechtsverbindliche Grundlage des staatlichen Lebens" ist, wer will da widerstreiten, daß jeder Versuch, eine Abänderung aif ungesetzlichem oder gewaltsamem Wege her beizu führen, Hochverrat ist, darüber sind sich alle Gelehrten längst einig. Selbst die Deutschvölkischen können das nicht gut bestreiten, denn wenn sie ihr Wahlrecht zum Reichstag ausüben and ihre Abgeordneten in den Reichstag entsenden, dann erlennen nc damit die Verfassung als rechtsverbindlich an. Wobei sie sich selbstverständlich Vorbehalten, auf dem durch die Verfassung gegebenen Wege Aen- derungen zu beantragen and durchzusehen. Die Deutschnationalen haben jedenfalls schon bei verschiedensten Gelegenheiten den Gedanken an eine gewaltsame Aenderung der Verfassung weit von sich gewiesen, sie werden also einer Festlegung auf den ersten Punkt des Programms des Kanzlers nur dann aus dem Wege gehen, wenn sie darin eine Schlinge sehen, die ihnen, um ihre spätere Rückkehr in die Opposition zu verhindern. um den Hals gelegt werden soll.
Der zweite Punkt beschäftigt sich mit der Außenpolitik und den Londoner Abmachungen. Er vermeidet jeden Dlick nach rückwärts, erleichtert also hier den Deutschnativnalen ihre Zustimmung, da Abänderungen für die Zukunft als erstrebenswert bezeichnet werden. Soweit die Aufnahme in denVölker- b u n d in Frage kommt, ist es natürlich schwer, die Stellung der Fraktionen zu begründen, weil das deutsche Memorandum bisher im Wortlaut nicht bekannt geworden ist. Was aber über seinen 3n= palt auch von uns mitgeteilt wurde, ist wohl htn- reichend, um auch da weder für die Rechte noch für die Linke irgendwelche Bedenken zu schaffen. Daß die Lastenverteilung aus dem Londoner Gutachten, das heißt also, die Erschließung und Umgestaltung der Steuerquellen nach dem Maßslabe der Wirtschastssörderung und der sozialen Gerechtigkeit, gestaltet werden soll, das ist ein Sah, der in den Wahlaufrufen aller Parteien für die kommenden Reichstagswahlen vermutlich enthalten sein wird. Die Schwterigkeften fangen erst da an, wo es gilt, den Begriffder Wirtschaftsförderung oder der sozialen Gerechtigkeit zu bestimmen und mit den praktischen Notwendigkeiten tunlichst in Ueberetnsttm-- mung zu bringen. Die sozialen Leistungen endlich dem Vedürsnis entsprechend zu steigern, „sobald die finanzielle 2age des Reiches es irgendwie zuläßt", ist ein ersträienswertes Ziel, ist eine Notwendigkeit, nachdem ganze Schichten des Volkes. unter ihnen große Teile des Mittelstandes, in der Geldentwertung ertrunken find.
Dleibt endlich die Steigerung der Produktion, hinter der sich das künftige Handels- und Zollsystem versteckt. Der Grund- sah der wirtschaftlichen Freiheit, wie ihn die Richtlinien proklamieren, wird trotz des Erfurter Programms auch von den Sozialdemokraten geschluckt werden können. Dei den Zollvertragsverhandlungen schließlich soll mit der Stärkung der inländischen Produktion gleichzeitig die möglichste Förderung der Ausfuhr und die tunlichste Schonung des Verbrauchs verbunden werden. Wunderhübsch gesagt. Wenn das möalich wäre, wenn es so einfach wäre, diese Forderung in die Praxis durchzusehen, dann hätten wir vermutlich überhaupt keine Regie- rungskrifis gehabt, dann wäre unsere innere Politik ein Paradies, in dem Wolf und Schaf friedlich nebeneinander ihre Nahrung suchen. Aber so kommt man doch nicht weiter. Ein sehr kluger Abgeordneter hat dieser Tage sehr ironisch gesagt, dah Herr Dr. Marx heute vermutlich noch der einzige im ganzen Deutschen Reichstag wäre, der an die Möglichkeit eines Zusammenregierens von Deutschnationalen und Sozialdemokraten glaubt. Wenn man seine Richtlinien durchliest, sollte man diesem Spötter wahrhaftig recht geben. Aber gerade, wenn Herr Dr. Marx daran glaubt, dann müßte er greifbarere Formulierungen wählen, um fein Ideal zu erreichen. Mit dergleichen unverbindlichen Gemeinplätzen kommt er nicht einen Schritt vorwärts. Um so stärker wird deshalb der Verdacht, dah er diese Methode nur gewählt hat, um die Entscheidung hinausschieben zu können.
Cs ist ja nachgerade ein öffentfiches Geheimnis geworden, daß die verschiedenartigsten Kräfte der Arbeit sind, um die Krisis über den 10. Januar hinaus zu vertagen, da man immer noch darauf hofft, daß die Franzosen bis dahin die Ruhr räumen und den Deutschnationalen ein solcher Erfolg nicht gegönnt werden soll. Als wenn
es möglich wäre, Abmachungen dieser Art überhaupt geheim zu halten! Die Franzosen würden sich jedenfalls sehr genarrt vorkommen, wenn man erst einen Vertrag mit ihnen ab schlösse, der sie aus der Ruhr hinausmanövriert, und dann, nachdem sie eben draußen sind, ihnen beweist, dah nur für diesen Zweck die Regierungsfähigkeit der Deutschnationalen so lange vor ihnen geheim gehalten wurde. Ganz abgesehen davon, daß längst vorher etwas davon durchgesickert wäre. Herr Dr. Marx darf also selbst nicht im unklaren darüber fein, daß feine Kanzlerlaufbahn zu Ende ist, alls es ihm nicht gelingt, die Verhandlungen so >u führen, dah sie in einer ehrlichen Verkündigung mit den Deu tschnativna- len auslaufen.
Die Richtlinien des Reichskanzlers. Die dom Reichskanzler den Fraktionen des Reichstages übermittelten Richtlinien für die Entscheidung über den Eintritt in die Volksgemeinschaft lauten:
.1. Die Verfassung vom 11. August 1919 wird als rcchtsverbindlicheGrundlage dcs staatlichen Lebens anerkannt. Jeder Versuch, ihre Abänderung auf ungesetzliche, insbesondere gewaltsame Weise herbeizuführen, wird demgemäß als Hochverrat zu verfolgen und zu bestrafen sein.
2. Die Richtung der Außenpolitik wird in erster Linie durch die Londoner Abmachungen bestimmt. Die auf Grund derselben erlassenen Reichsgesehe sind lohalauszu- führen, ebenso wie wir eine loyale Durchführung deö Abkommens von unseren Dertragsgeg- nern erwarten. Die Regierung wird es sich angelegen sein lassen, die Auswirkung der übernommenen Verpflichtungen auf das sorgfältigste zu überwachen und die sich als notwendig erweisenden Abänderungen zu erreichen. Die Aufnahme in den Völkerbund soll entsprechend der im deutschen Memorandum niedergelegten Auflassung erstrebt werden.
3. Dei der L a st e n d e r t e i l u n g in Ausführung der bezeichneten Gesetze soflen die Maßstäbe der Wirtschaftsförderung und der sozialen Gerechtigkeit angewandt werden. Die bestehenden Finanzgesehe sollen nach diesen Gesichtspunkten durchgearbeitet werden.
4. Als eine der wichtigsten Aufgaben der Regierung wird betrachtet, die sozialen Lei- st u n g e n den Bedürfnissen entsprechend zu steigern, sobald die finanzielle Lage des Reiches dies irgend zuläßt.
5. Wirtschaftspolitisch wird die möglichste S t e i g e r u n g d e r P r o d u k t i o n und des Nutzungsgrades der Arbeit angestrebt werden, um die internationale Kredit- und Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu sichern, wie sie insbesondere auch unter dem Gesichtspunkt der Reparationsbelastung unerläßlich ist. Ausgehend von dem Grund der wirtschaftlichen Freiheit werden staatliche Eingriffe nut insoweit in Betracht kommen, als sie notwendig erscheinen, um eine wirflchastsschädliche Unter» brüdung der Wirtschaftsfreiheit von anderer Seite abzuwehren. Bei der Lösung der bevorstehenden außenhandelspolitischen Aufgaben wird mit der Stärkung der inländischen Produktion gleichzeitig auf eine möglichste Förderung der Ausfuhr auf dem Boden von Gegenseitigkeit und Meistbegünstigung und der tunlichsten Schonung des Verbrauchs hingearbeitet werden.
Das Ultimatum der Ientrumspartei.
Geringe Aussichten für die Aktion des Kanzlers.
Von unseremDerlinerDertreter.
Berlin, 9. Oft. Die parlamentarische Situation wird gegenwärtig vollständig beherrscht durch den Dorsto.ß Der Zentrumsfraftion, die noch vor dem Zusammentritt der d .utschnationalen Reichstagsfraktion eine Entschließung faßte, in der es heißt, die Zentrumsfraktion des Reichstages halte an ihrer Ueberzeugung fest, daß nur ein in innerer Einigkeit gestärktes Volk Deutschland retten, der durch Annahme des Londoner Abkommens geschaffenen gesamtpolitischen Lage gerecht werden und die uns auferlegten schweren Lasten unter tätiger Mitwirkung aller schaffenden Kräfte der Arbeit und Wirtschaft tragen kann. Die Zentrumspartei habe nachdrücklich die Bemühungen des Reichskanzlers unterstützt, die bestehende Koalition durch Hinzuziehung aller zu auf- tuender Mitarbeit bereiten Parteien von rechts und links zu verbreitern und dadurch eine starke gesicherte Regierung zu schaffen. Sie erwarte von allen zur Mitwirkung berufenen Parteien bestimmt, dah sie sich der vom Dolks- gMizcn dienenden Arbeitsgemeinschaft zum Wiederaufbau des Vaterlandes anschliehen.
Das heißt also
die Zentrumspartei ist entschlossen, unter allen Umständen an der Forderung der Verbreiterung der Regierungskoalition nach rechts und nach links festzuhalten.
Dieser Beschluß des Zentrums wurde den anderen Parteien in ultimativer Form übermittelt. Reichslanzler Dr. Marx, der offenbar entschlossen ist, unter keinen Umständen auf die Mitarbeit der Sozialdemokratie zu verzichten, hat zweifellos seinen ganzen Einfluß aufgeboten, damit seine Partei diesen Schritt unternahm, der besonders für die Deutsche Volkspartei und für die Deutschnationalen eine außerordentlich schwierige Lage geschaffen hat.
Während man noch am Dienstag mit der Möglichkeit gerechnet hatte, daß im Falle einer Bereitschaft der Deutschnationalen zur Anerkennung des gegenwärtigen Regierungsprogramms die Herstellung einer Regierungskoalition mit den Deutschnatiottalen allein erreichbar sein würde, ist diese Aussicht fast auf den Nullpunkt herabgesunken. In den Mrlamenlarischen Kreisen beurteilt man daher die Situation äußerst kritisch. Man fragt sich, ob das Ultimatum der Zentrumspartei auf taktische Momente zurückgeführt werden muh, und den Zweck verfolgt, die Deutschnationale Partei zum Rückzug zu zwingen, oder ob die Zentrumspartei wirklich ernsthaft an das Zustandekommen einer Koalition von den Deutsch- nationalen bis zur Sozialdemokratie glaubt. In den volksparteilichen Kreisen ist man geneigt, eher den ersteren Fall anzunehmen, da man fest davon überzeugt ist, dah sich die Zentrumspartei über die Wirkung ihres Beschlusses von voriiherein klar sein muhte. Man sieht daher schon jetzt voraus, dah die Mission des Reichsianzlers vollkommen zum Scheitern verurteilt sein wird. Ob dabei die Deutfchnationalen oder die Sozialdemokratie die grundsätzliche Verantwortung auf ihre Schullern laden, ist für die politische Beurteilung der Sachlage von untergeordneter Bedeutung. Weit ausschlaggebender ist die Frage, welche Konsequenzen nunmehr die Zentrumsfraktion aus den Wirkungen ihres Ultimatums ziehen wird.
Lehnt sie nunmehr rundweg weitere Verhandlungen über die Regierungsumbildung ab, so kommt es zu einer ernsten Regierungskrise, die voraus- richtlich den Rücktritt des Kabinetts Marx-Strese- mann zur Folge haben wird.
Ist sie dagegen geneigt, auf einer anderen Grundlage in eine Diskussion der Regierungsfrage einzutreten, so würde ihr nichts anderes übrig bleiben, als dieAufnahrne derDeutschnatio- nalen in die Reichsregierung.
Aus führenden Kreisen des Zentrums wird uns mitgeteilt, dah die Zentrumsfraktion des Reichstages die Tragweite ihres Beschlusses sehr wohl erwogen hat. Wenn jetzt nicht eine Regierung der Volksgemeinschaft von den Deutschnationalen bis zur Sozialdemokratie zustande kommt, so ist nach Auflassung des Zentrums jede Möglichkeit einer Befestigung der inneren und äußeren Lage des Reiches unmöglich. Die Hinzuziehung der Deutsch nationalen allein würde nach Auflassung des Zentrums doch sehr bald zu neuen Regierungskrisen führen, die Deutschland aus dem Krisenzustand auf absehbare Zeit hinaus nicht mehr herausbringen würden. Um eine solche Gefahr zu verhüten, sei es besser, die Auflösung des Reichstages herbeizuführen als unhaltbare Regierungsexperimente zu veranstalten, deren auhenpolitische Wirkungen für Deutschland geradezu katastrophal sein mühten.
Die Gegenrichtlinien der Deutfchnationalen.
Grsinnnttgsgemeinschaft aller christlichen und nationalen Volkskräfte.
Berlin, 9 Oft. (T. U.) Die Fraftionssihung der Deutfchnationalen Bvlkspartei, die gestern na-chmit:ag um 5 Uhr begann, dmert? bis 10 2 Uh ab.nds. Als Erg b lis der S.tzunz veröf e:t- licht die Frak.ion eine Entschließung, welche ie fast einmütige Zusttmmung aller Anwe'e dei fand. Die Enflchließung h.ißt: „Der Vorschlag des Herrn Reichskanzlers enttnid). we.<r den bisherigen Forderungen der Deutsch nationalen Volkspar.ei, noch den uns qe ebe en Zusicherung en, deren Erfüllung wir nach wie vor erwarten. Nachdem indessen der Herr Reichskanzler den Gtchanlen der Volksgemeinschaft in den Dvrdergrurid gestellt ha', erklären wir, dah gerade auch bie Leutschnatioiale Volkspartei stets für die Do lksgemein- schafteingetretenist. Wir verstehen da.unter eine Gesinnungsgemeinschaft, die in der Zusammmfaflung aller auf christlicher unb nationaler Grundlage stehenden Volks- kräste besteht. Demgemäh setzen wir voraus, dah Sicherheiten dafür geschaffen werden, dah alle an der vorgesehenen Gemeinschaft beteiligten Parteien sich zu folgenden Zielen bekennen:
1. Christliche Jugenderziehung und christliche Kultur als Grundlage des Staatslebens.
2. Unter Ablehnung des die Volksgemeinschaft verneinenden Klassenkampfes und unter Sicherung der Koalitionsfreiheit die Dc- 'ämpfung jedes den Arbeilsfrieden bedrohenden Terrors und die Förderung der Arbeitsoemein'ck»ol^ f»*; sntu-
Wahrung der sozialen und politischen Gleichberechtigung dec Arbeitnehmer.
3. Anerkennung und weitere amtliche Verfolgung der Regierungserftärung vom 29. August über die Richtschuld Deutschlands am Kriege.
Die Deutschnalivnale Reichttagssaktion billigt das bish.rige Verhalten ihrer Unterhändler und ermächtigt sie zu weiteren Verhandlungen über die Regierungsbildung an Hand der vorgelegten noch zu erörternden Richtlinien.
Die Antwort
der Sozialdemokraten.
Berlin, 9. Ott. (TU.) Der Vorstand der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion hat das Ersuchen des Reichskanzlers um Stellungnahme zu feinen Richtlinien in einem Schreiben beantwortet, in dem es u. a. heißt:
„Unter voller Aufrechterhaltung inferer Bereitwilligkeit, im Rahmen des uns mündlich von dem Herrn Reichskanzler entwickelten Programms sachlich mitarbcitcn Zu wollen, bitten wir bei den weiteren Besprechungen um Klarstellung folgender Punkte:
In dem Absatz 1 der Richtlinien, der vorn Schuh der bestehenden Verfassung vom 11. Aug ist 1919 handelt, ist das Wort „Republik" vermieden. Der Führer der Mehrheit der deutschnationalen Reichstagsfrat.ion, Herr Schlange-Schöningen, hat jedoch noch bar kurzem auf der Tagung der Dis.narck°I igenb in Braunschweig die Rückführung der Monarchie nach einem erfolgreichen Reoanchrkrteg öffentlich propagiert. Das nötigt unfeYer Auffassung nach dazu, daß jede Partei, die m die Reichsregierung einbezogen zu werden, den Drang hat, in der
Frage der Staatsform einer ganzunzweideutigen Fassungdes Regierungsprogramms zustimmt.
In dem Absatz 2, der von der Außenpolitik handelt, scheint uns die schriftliche Formulierung des Kabinetts weniger präzis zu fein als die mündliche Verhandlung vom 3. Oktober d. Is. erwarten ließ. Die Londoner Verhandlungen haben e^reulicherweise insbesondere wegen des Vertrauens, das sich der Herr Reichskanzler dort erwarb, die Voraussetzungen für eine fortschreitende Befriedung Europas und damit auch für die Herstellung stabiler Verhältnisse in Deutschland geschaffen. Unseres Erachtens kommt es jetzt darauf an, vor aller Welt klarzustellen, daß sich die Reichsregierung auf die
Fortführung der bisherigen Außenpolitik des Kabinetts Marx festlegt. Ferner bemerken wir, daß uns der Wortlaut des deutschen Memorandums bisher nicht bekannt ist. Wir nehmen an, dah der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund so schnell wie möglich erfolgt, da fest gestellt ist, daß Deutschland ein ständiger Ratssih zugebilligt worden wird.
In der mündlichen Besprechung am 3. Oktober d. Is. haben wir schon darauf hingewiesen, daß das Programm der Reichsregierung die Ratifikation des Washingtoner Abkommens über den Achtstundentag
enthalten müsse. Das Vermeiden einer Stellungnahme gerade in diesem Punkte wird die Absichten der Reichsreqierung leicht Mißdeutungen aussetzen, die dem Ansehen der deutschen Sozialpolitik sehr abträglich sein müßten.
Zu den Absätzen 3, 4 und 5, die die S t e u er», Wirtschafts - und Handelspolitik betreffen, bemerken wir in Kürze, daß die zum Schuhe der menschlichen Arbeitskraft und der Hebung der Konsumkraft der breiten Volksmasse zu treffenden Maßnahmen vor der Abfassung der Regierungserklärung genauer Präzisierung bedürfen. Insbesondere die Kriegsinvaliden, die Kriegerwitwen und -Waisen, die Sozialund Kleinrentner, die Sparer und Erwerbslosen sind heute noch nicht vor dem bittersten Hunger geschützt. Ihnen muß geholfen werden, wenn sie nicht völlig der bittersten Verzweiflung anheim- fallen sollen.
Der Beschluß der Demokraten.
Berlin, 8. Ott. (Wolfl.) Die Fr-aktionssitzung der Demokraten im Reichstage nahm einmütig folgende Entschließung an: Die Fraktion der Deutschen Demokratischen Partei hält eine Aenderung der Regierung in der jetzigen pvlitischen Lage nicht für erwünscht. Die Lösung wichtiger Ausgaben, deren Bearbeitung von der Regierung eingeleitet ist, und das Bedürfnis von Volk und Wirtschaft nach ruhiger Wetterentwicklung erfordern zur Zeit die Vermeidung einer Regierungskrise. Sollte eine Aenderugg in der Zusammensetzung der Regierung durch die Haftung der anderen Fvaftionen sich nicht vermeiden lassen, bann würden wir gemäß dem Vorschlag des Kanzlers einer nach rechts und links erweiterten Regierung unsere Unterstützung nicht versagen.
Das (Ergebnis der volkspartei- lichen Fraktionsfitzung.
Berlin, 9. Oft. (TU.) Die Fraktto-ssihung der Deutschen Voftspartei war um 8 Uh zu Ende. Die Fraktion Hut folgenb.-n Entschluß getros en, der dem Reichskanzler übermittelt worden ist: „Der Standpunkt der Deutschen Volks- Pa r t e i in der Frage der Regierungserwe. erung ist befannt, er ha t sich nicht geändert.
'Vjzb.UtüjÄj' fr».«-


