Nr. 109 Zweites Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzelaer für Gberheffen)
grdtag, 9. Mal 1924
Mittelftandsnot und Mittelstandshilfe.
. Bvn Dv. Hans Herschel -Breslau.
3n keinem Lande ist die soziale Umschichtung »«rch dem Kriege so start gewesen, wie in Deutschland. Wenigen Neureichen stehm viele CReuarme g^enüber. Diese kommen meistens aus dem Mittelstände her. Man erkennt sie am abgehärmten Aussehen, an abgetragener Kleidung, daran. Daß sie sich auch den kleinsten Wunsch versagen, Möbel und Andenken verkaufen müssen. Bisher zeigten sich die Erscheinungen mehr in der Stadl. 3n Kürze werden wir sie aber auch auf dem Lande sehen.
Schon paßt die Begriffsbestimmung des Mittelstandes nicht mehr, wonach dazu alles gehören sollte, was ohne Luxus, aber auch ohne Bot zu leben vermochte. Mittelstandsnot ist h-ute ein Wort, das gang und gäbe geworden ist. Mag es sich um Wvhrrung, Nahrung, Kleidung, um verfallene oder geschwächte Gesundheit handeln, immer wieder zeigt sie sich in den Schichten, welche einst bessere Lage gesehen haben. Die Del'ent« Wertung hat ihre größten Opfer im selbständigen Mittelstände gefordert, besrnders dort, wo der forckschreitenden Teuerung kein mit ihr gleitendes Einkommen -gegenüberstand.
Der Mittelstand ist nötig für den Staat. Er bildet die Brücke zwischen den oberen Zehntausend und dem Proletariat. Ein Land, in dem es nur wenig Reiche und sehr viel Arme gibt, ist gefährdet. An den -Unruhen im Spätsommer und Herbst 1293 waren Mittelständler nicht beteiligt -obgleich sie schwer Bot litten. Boch heute bilden sie einen Groh teil der Bevölkerung, dessen Aus- fall als Steuerfaktor sich für die Staatsfinanzen sehr schwer bemerkbar machen würde. Die Persönlichkeit findet in diesen Schichten noch Dwtre- 1er. Die meist kinderreichen Familien des Mittelstandes bezeichnen seine Erhaltung auch als wichtig für die Tevölkerungspolitik.
Die Schwäche des Mi.t.lstandes liegt darin, dah in ihm Interessengegensätze obwalten und idah deshalb auch eine einheitliche Organisation fehlt. Berbraucher und Erzeuger stehen sich gegenüber in den Städten und auf dem flachen Lande. Innerhalb der Städte haben wir den Gegensatz zwischen Verkäufern und Käufern, zwischen Hausbesitzern und Mietern, zwischen Unternehmest und Angestellten, auch wenn und obwohl alle diese dem Mittelstände angehören. Deshalb ist die Selbsthilfe im Mittelstände nicht so groß, wie s e z. B. bei den Arbitern war, welche sich nicht als zum Mittelstände gehörig betrachten. Durch jahrzehntelange straffe Organisation haben sie manches Durchgesetzt, sei es im wirtschaftlichen Kamvfe, sei es in der Gesetzgebung, was dem Mittelstände als solchem nicht gelungen ist
Die Bot des Mittelstandes zeigte sich befon- Vers auch in der Bot der ihm angehörigen Frauen, mochte es sich um Hausfrauen oder um solche im Erwerbs- oder Berufsleben stehende handeln. Deshalb hatte dort die Spekulation so um sich gegriffen.
Die Stabilisierung unserer Währungsverhältnisse, wie man sie seit ungefähr fünf Monaten beobachten kann, hat auch dem Mittelstand einige Erleichterung geschaffen. Das Sparen hat wieder Sinn bekommen. Man braucht nicht mehr in Einzelhandel und Gewerbe mit dem höher werdenden Wiederbeschaffungspreise zu ringen. Es herrscht wieder Sicherheit über die angemessenen Preise. Das Zurückhalten von Waren oder t>on landwirtschaftlichen Erzeugnissen fällt fort und kann nicht mehr durch die Angst um sinkenden Geldwert gerechtfertigt werden, Wucher ebensowenig. Die kleinen -Zahlen wirken beruhigend auf das Gemüt. Es ist in der Tat psychologisch etwas anderes, ob man drei Goldmark ausgibt oder drei Billionen Mark, obwohl es w.rchchastlich dasselbe ist. (Die R.chtslüge „QK-art gleich Mark' tvar damit kräh in die Erscheinung getreten.)
Aber nach der Stabil fterung hat der Mittelstand andere Sorgen bekommen. Es stellte sich die Geldnot ein. Es kam die Kreditnot dazu. Sie wirkt sich namentlich aus gegenüber dem kleineren und mittleren Drundbcfi^e auf dem Lande, den man zum Mittelstände ^zählen kann. Wir finden sie aber auch irr der Stadt. Personal- kredit ist kaum noch zu haben, Realkredit nur unter sehr schweren Bedingungen. Beim un elb- ständigen Mittelstände d.r Angestellten kamen viele Entlassungen vor. Die Beamten leiten unter dem Abbau. Das Vermögen ist vielfach aufgezehrt oder stark verringert Die persönliche Arbeitskraft, welche für viele Menschen heute die einzige Erwerbsmöglichkett bildet, ist stark herabgesetzt.
Die wichtigsten Fragen, welche Liesen bewegen, liegen zunächst auf dem Gebiete ter Auswertung I
[n^Ptnec und Sparer sind um ihr Vermögen gebracht worden. Der Staat sucht sich seiner Rechtspsllcht zur Wiedergutmachung mit der drrtten SteuernotverOr^nung zu entziehe. Eine der ersten Aufgaben der neuen Bolksrertretuna wird fein, der verletzten Gerechtigkeit her Ge- nuge su tun, ohne Unterschied der politischen Partei. Es geht nicht an die Privaten auf Kosten dec Oeffentlichkeit zu schädigen, mögen auch noch so groste Interessentengruppen aus dieser sich Lasur einsehen.
Auf dem Lande hat der Mittelstand zunächst die Hebung der Kreditnot, dann ein rechtes Verhältnis zwischen den Preisen seiner Erzeugnisse und den land wirtschaftlichen Betriebsmitteln, end- lich eine gerechte Steuerpolitik van dem neuen Reichstage zu fordern. Im Interesse der Volks«, ernährung müssen namentlich Düngemittel au erträglichen Preisen käuflich sein, wird auf eine weitere Herabsetzung der Frachten und der Kohlenpreise gedrungen werden müssen.
Der Mittelstand ist gegen den Marxismus schon gefühlsmäßig eingestellt. Er spricht sich auf dem Lande wie in der Stadt für die freie anstelle der Zwangswirtschaft aus. Er ist gegen die sogenannte Sachwerterfassung. Für ihn ist, soweit Grundbesitz in Frage kommt, die Scheidung zwischen Ertragswert und gemeinem Wert für die Steuer von größter Wichtigkeit. Der Sozialisierung leistet gerade der Mittelstand, namentlich im Handwerk, im Kleingewerbe und im Einzelhandel entschieden Widerstand. Hier wird insbesondere die neue Städte- und Landgemeinde- ordnung von Preußen vor allen Experimenten zu bewahren sein.
Das Handwerk braucht Erhaltung seiner Substanz, die vielfach schon aufs schwerste gelitten hat. Es wendet sich gegen die Lohns ummensteur in den Gemeinden, ferner gegen zu hohe Preise für Gas, Wasser und elektrischen Strom. Es verlangt geradeso wie der Einzelhandel die scharfe Scheidung zwischen Wucher und notwendigem Preisaufschlage. Man fordert schärferes Vorgehen gegen Kartelle und Syndikate. Die freie Wirtschaft wird insbesondere im Wvh (Ungswe en begehrt, weil man nur von der privaten Bautätigkeit dessen glückliche Lösung und damit zugleich eine Belebung aller üb.igen Gewerbe er» wo riet. 3m Submissionswesen liegt auch noch vieles im argen.
Das vom Verfasser vor ein paar Jahren für größere Gemeinden vorgeschsagene Mittel- standsdezernat ist in einigen Stödten durchgeführt worden. Allgemein hat es leider noch nicht tatsächliche Erfüllung gefunden.
Vielfach haben die Wohlfahrtsämter, deren Etats riesenhaft angeschw len find, die Aufgabe übernommen, dem Mittelstände, namentlich s.i em niedergebrvchenen Teile, im Rahmen der allgemeinen Fürsorge zu helfen. Damit aber ist weniger dem anderen Teile gedient, der eben durch zielbewußte Gemeindefürsvrge seinen drohenden Biederbruch verhindern will.
Der Dere'.endungsfaktor im Beamtentum aller Grade ist groß. Gewiß hat sich das preußische und das deutsche Beamtentum schon früher durch- gehungert. Wir wollen hoffen, daß diesem Bervengerüst des Staates bald wieder die nötige Nahrung zugeführt werden wird, beim damit wird nicht nur Mit elstanbs-, sondern Staatspoli.it getrieben. Vielfach sind im Abbau Mißgriffe nach- geordneter Stellen vorgekommen. Das muß an
ders werden.
Italiens innerpolitische Lage.
Don unserem römischen Korrespondenten.
Mussolini hat durch den Wahlsieg, den er mit Hilfe des neuen Wahlgesetz.'s am 6.' -April errungen hat. die von ihm gewünschte „Kammer der Arbeit" bekommen. Don den 535 Ageordneten des Parlaments teerte i 356 durch dir Ra men der stegreichen Mehrheitsliste gestellt. (Nach dem neuen italienischen Wahlges.tz erhält näml.ch dt:- lenige Partei, auf d e die m lsten Stimmen, mindestens aber 25 Prozent aller abgcgebe ei S im- men, entfallen, zwei Drittel der Kammersitze) Der italienische Mintsteepräsident kann auf eine Mehrheit von 375 bis 400 Abgeordneten in den meisten pclilischen Frager rechn.n. Bunm.hr kann Mussolini, der durch die sogenannte „nationale Revolutton" der Faszisten als Dittator an das Ruder kam, ferne Diktatur legalisieren: denn das Parlament wird alle feine Maßnahmen gukheißen. Dazu ist es einzig und allein da. Trotzdem birgt auch diese Art von Parlamentarismus, den man zum Unterschied vom denokrati- scheu denfaszistischenParlamentaris-
m u s nennen könnte, seine Gefahren für den Regierungsführer in sich. Es erhebt sich jetzt neben Mussolini eine faszistische Kontrollkommts- s t o n. die er nicht mehr so einfach arte das alte Parlament bei,ei e schieben kann. Unter den gewähren Abgeordneter befindet sich eine sehr große Zähl von jungen „Kriegsteilnehmern" die sicherlich mehr guten Willen und Temperament als politisch: Sachkenntnis und Ersah.ung mitbringen Aber gerade die eigentlich unpolitischen Elemente werden den größten Eifer zeigen. Gewiß herrscht im Faszismus Disziplin, und der Führer Hai es bisher immer verstanden, alle auftauchenden Risse und Sprünge wieder zu kitten. Wenn nun aber last dreihundert Faszisten einen parlamentarischen Machtfaktor darstellen, so ist — nach den Vorgängen im alten Parlament — anzunehmen, daß die individualistischen Betgungen sich jetzt' viel stärker zeigen werden. -Und es ist bekannt daß gerade im eigenen Lager jeder Zwist die schärfsten Formen annimmt. Auch jetzt, nach den Waylen, ist schon wieder, zum soundsovielsten Male, eine Reform des Faszismus yorgenommen worden, älnd es wird ein Tag kommen, wo Reformen nichts mehr helfen. Eine parlamentarische Partei werden die Faszisten auf Mussolinis Wunsch nicht bilden. Was sie eigentlich wollen, ist aus all ihren in einer ungeheuer geschwollene,! Phraseologie/ gehaltenen Ankündigungen nicht klar zu ersehen.
Die Regierung beabsichtigt zunächst, durch strenge Durchführung der Gesetze die normale ßage im Lande wiederherzustellen, die durch die viel- fachen Gewalttaten nach den Wahlen gestört worden ist. Cs sind zahlreiche Reformen auf allen Gebieten des wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Lebens geplant. Zu erwarten ist zunächst ein Pressegesetz, eine sehr heikle Angelegen- hcit. Die faszistische Logik äußert sich folgendermaßen: Durch die Wähl hat das Volk mit großer Mehrheit der Regierung das Vertrauen ausgesprochen. Folgtich schlt jede Berechtigung für die oppositionellen Zetta n- gen* die Regierung Mussolinis weiterhin zu kritisieren. Das wäre gewissermaßen ein Vergehen gegen den Willen des italienischen Volkes. — Inwieweit man die Pressefreiheit einschränlen wird, muß abegetoartet werden. Gefährlich ist eine solche Maßnahme immer. Es ist nicht za leugnen, daß der Faszisrnas in weiten Kre.sen and Ge^ bieten Italiens durchaus nicht lei-bl ist Be- rnerk.mswert ist zum Beispiel, daß Mussolini die meh.fachen dringenden Einladungen der Universi- tät Beapel. zu ihrem 700jährigen Jubiläum zu fommen. abgelehnt hat. Er fährt statt dessen nach Sizilien, um ein nach ihm benannte? Städt- ch'n einzu weihen. 3m Neapolitanischen hatte der WählÄmpf sehr eigenartige Formen angenommen, so daß die Stimmung der Bevöl e.ung dort immer noch eine sehr gereizte ist. — Außer dem Pressegesetz soll das neue Parlament die in den letzten Monaten von der Regierung mit fremden Mächten abgeschlossenen Verträge billigen und den Fraaer das Stimmrecht für die Derwaltungswähten verleihen.
Besondere Aufmerksamkeit will die Regierung den wirtschaftlichen Fragen widmen. Auch in dieses für die Existenz eines Volkes maßgebende Gebiet wird die politische Ideologie hineingetragen. Der Faszismus ist von der Idee beherrscht, er müsse das neue Römische Reich schaffen. Lind dazu erscheint ihm unumgängllch notwendig, die wirtschaftlichen neben den politischen Machtfaktoren In Rom zu zentrasssieren. Dos italienische Wli-tschaftsleben. Industrie and Finanz, hat seinen Sitz in Oberitalien, wie sich das eben aus den Botwendigkelten ergeben Hatz Heute fühlt die italienische Regierung natürlich, wie jede andere Regierung, daß ihre Macht zum Teil illusorisch ist, wenn sie nicht Industrie und Finanz mit sich, oder womöglich gar unter ih er Kontrolle hat. Die genügsameren Geister unter den Faszisten möchten nun wenigstens die Finanzmacht, die großen Dankzentralen, nach Rom ziehen, um ein Gegengewicht gegen die ober-italienische Industrie zu haben. Schwärmer möchten aus Rom gar eine Indnst iestadt machen, was sich allerdings aus naturgegebenen Gründen von selbst verbietet. Zunächst hat die Regierung alle Hände voll zu tun, um den Banken — und auch der Industrie — zu helfen. Durch den Zusammenbruch der großen „Danca di Sconto", 1922, ist das ital enische Bankwesen in derartige Schwierigkeiten geraten, daß staatliche Hilfe bis heute Schlimmstes verhüten muhte. Die Industrie, die nach dem Kriege sehr gelitten hat, kommt langsam wieder hoch und kann sich, soweit die Rvhstoffrage es zuläht, entwickeln. In welchem Maße deutsche Initiative hierbei im Spiel ist. kann heute nicht gut gesagt werden. Jedenfalls harren hier der Regierung viele und schwerwiegende Probleme, die gelöst werden müssen. Mussolini ist an sich ganz der Mann, die Dinge
vorwärts und zu einer Entscheidung zu treiben, ca er nicht gewohnt ist, Entschlüsse auf die lange Dank zu schieben.
. . Mahlen wurde offiziell verkündet,
daß im Ministerium keine Derändsrungen zu erwarten wären. Run aber hat General Diaz < der Kriegsminister, „aus Gesundheitsrücksichten" sein Portescuille abggben, und zu seinem Nach- folger ist General di Giorgio vom König berufen worden. Diaz war bei Kriegsende Armee- Oberbefehlshaber. 1922 wurde ihm der Titel eines „Duca della Bittoria" (Herzog des Sieges) verliehen — etwas spät zwar, aber immer noch rechtzeitig genug, wenn man bedenkt, daß man in Italien erst seit 1921 Siegesfeste feiert. Er trat in Mussolinis Kabinett als Kriegsminister ein, mit welchen Hoffnungen, das ist schwer zu sagen. Heute wird von feiten der demokratischen Opposition lebhafteste Kritik an der Militarpoliti! der Regierung geübt Hauptwortführer ist der bekannte General B e n c i v e n g a. Ec macht Der Regierung den Vorwurf, daß sie beim Heer an falscher Stelle spare. Die Regierung habe das Budget des Landheeres um 300 Millionen zugunsten der Marine und Luftwaffe verringert. Dann dürfe man aber auch den Bestand nicht aufrechterhalten. Ferner hegt der General schwere Befürchtungen über die faszistische Partei-Armee von 300000 Mann, die sog „Milizia nazio- nale", die nach seiner Meinung, toenn man etwa im Ernstfälle auf sie rechnen wolle, eine schwere Gefahr für das Heer und damit für das Volksganze bedeute.
Wer Gelegenheit hatte, Mussolini während der Zeit seiner bisherigen Regierungsführung zu beobachten, muh vor allem an ihm hervorlteben die außerordentliche Mäßigung, die er an Den Tag gelegt hat und zu der ihn die Verhältnisse schließlich auch gezwungen haben. Die Linie der Entwicklung wird ihn immer weiter zur konstitution'llen Regie.ungsform zuruckfüheen und er wird sich den Verhältnissen, die mit unse^ ter Zeit gegeben sind, so geschickt und unmerllich anpassen, daß seine Anhänger glauben werden, er habe die Verhältnisse sich angepaßt. Wie stark daran die außenpolitischen Zwangsläufigkeiten Mitwirken, das muß noch besonders betrachtet werden.
Wirtschaft.
Vom Gctreidcmarkt.
Das Bild des Prvduktenmarktes hat sich der Dorwoche gegenüber recht wenig verändert. Irgendwelche Anregungen waren nicht zu verzeichnen, und die immer noch schwierige Lage des Geldmarktes verhindert das Aufkommen einer festeren Tendenz. Der Saatenstand, der, wie schon vor einer Woche berichtet, als erheblich günstiger zu bezeichnen war, als man ursprünglich annehmen konnte, hat sich infolge der Erwarmung, die in den letzten Tagen eingetreten ist, weiter gebessert. Allerdings Dürfte man mit einer ziemlichen Verspätung Der Ernte zu rechnen haben, da Der Stand der Felder, verglichen mit dem des Vorjahres, noch weit zurück ist.
Die Preisgestaltung an Den deutschen Prv- duktenmärkten war in Der Derichtswvche durchaus rückgängig. Dieser Rückgang ist n?ben den oben erwähnten Umständen dem Eintreffen der russischen Winterladungen zuzuschreiben, die bis vor kurzem in den Strömen eingefroren lagen. Ra- türlich stößt die Abnahme Derartiger Mengen auf ziemliche Schwierigkeiten und trägt dazu bei, die an und für sich schon niedrigen Preise für Getreide weiter herabzudrücken. Dies trifft namentlich beim Roggen zu, während für Weizen, allerdings mehr für billige nordamerittmlsch: uch argentimsch? W-are, e Niger Bedarf Vorhand >n war. Unangenehm bemerkbar machten sich auch in dieser Woche erneut die großen Abgaben dcr RLichsgetreidestelle, namentlich in Süddeutschland. Das Mehlgeschäft läßt immer noch recht viel zu wünschen übrig. Billigere ausländische Mehle verhindern eine Wiederaufnahme Der Arbeit Der vielen in den letzten Wochen stark eingeschränkten Mühlenbettiebe. Die Kleieproduktion LiDet selbstverständlich Darunter auhcrord ntlich sta k, was sich in einem erneuten Anziehen der Preise für Kleie usw. fühllar macht. Für- Hafer tvar einiger Bedarf nach der Ostseeküste zu Ausfuh.zweck.n noch vorhanden, Im Inlande ruhte das Geschäft auch hierin fast vollständig. Gerste war, namentlich in Trauware, gut angeboten, fand aber nur in erstklassigen Qualitäten Abnehmer.
Die Lage an den Auslandinarcken hat sich wenig verändert. Die kanidishe-i Ölhäfen mobilisieren zur Zeit für einen verstärktem Export, was die argentinische Konkurrenz ziemlich drückmd empfindet. Die Ernteaussichten der Bereinig en Staaten werden als verhältnismäßig günstig bc*
Die billigste Reklame.
»Die billigste Reklame ist die Zeitungsanzeige", erklärt der hervorragende englische Reklamesachverständige Sir Charles Higham in einem Dortrag, Den er vor Der Londoner Handelskammer hielt. „Eine Seite mit An -.eigen in jedes Haus des Vereinigten Königreiches zu bringen, kostet weniger als ein Fünftel Penny. Um eine Postkarte in jedes Haus zu bringen, braucht man schon einen Penny für die Karte, ganz abgesehen von den Druckkosten. Lind dann ist es immer erst eine Postkarte gegenüber einer großen Zeitungsseite. Was für eine Macht liegt In Der Zeitungsanzeige? Eine Seite ist groß genug, um jedem etwas Interessantes mitzuteilen» und durch Die Möglichkeit, diese Bachri htcn in schönem und klarem Druck in alle Familien zu bringen, wird die Zeitung der große Marktplatz der Welt, das billigste Mittel, feine Waren zu veckaulea. und der Weg Der Reklame, Der die geringsten Kosten verursacht. Es ist für Die Leserwelt von großem Buhen, nicht nur Die Neuigkeiten aus aller Welt zu erfahren, sondern auch die Beuigkeiten über Die Dinge, Die es sich loh.tt, zu laufen. Jedermann kann sich heute einen gewissen Luxus gestatten, weil die Industrie so vieles Darbietet, und nur durch die Erleichterung Des Vertriebes, Den Die Anzeigen verschaffen, lohnt sich Die Herstellung von Massenartikeln. Sonst könnten sich Die Hersteller von Luxussachen nur an ganz wenige wenden, und diese müßten entsprechend teuer sein. Gute Waren, gut angezeig t — das ist Der Weg zum Reichtum. Schlechte Waren können nicht gut angezeigt werden, weil sich die Ausgaben Des Anzeig.ms von schlechten Sachen nicht rentieren. Ich glaube, daß
Die Zeit kommen wird, wo man Ideen so allgemein anzeigt, wie Zah'Pulver. Sie wwden rasch beweisen, ob sie wertvoll oder wertlos sind, wenn dies geschieht, grabe wie es bei dem Zahnpulver Der Fall ist. Selbst Henry Ford, früher ein Feind Der Anzeige, hat jetzt seinen Irrtum ein- gesehm. Solange er ein Monopol für billige Kraftwagen hatte, konnte er auf Anzügen verzichten, aber jetzt sind andere Fabrikanten mit ihm auf seinem eigensten Gebiet in Konkurrenz getreten. Ford ist ein kluger Mann, und deswegen hat er beschlossen, in diesem Jahr mehr als 5 Mill. Dollar für Anzeigen auszugeben."
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Die Duellen des Orinoko.
Unter den wenigen großen geographischen Aufgaben, die noch beute th e Lösung harren, steht das Geheimnis der Orinokoquellen mit an erster Stelle. Alerander von Humboldt hat zuerst auf Die Wichtigkeit Dieser Aufgabe hnngewirsen, ohne sie lösen zu können. Bach ihm haben ver- schicDene namhafte Forschungsreisende vergeblich versucht, Den Schleier zu hebm Robert Sch o m- burgk (1839), Jean Chaffanjon (1885), Theodor Koch-Grünberg (1912) Hamilton Bice (1920), alle mußten an Der Schwelle um» kehren. Tie kriegerischen Indianer der sagenumwobenen Sierra Parima, des Gebirges, auf dem Der Orinoko entspringt, die unge'heuren Strapazen, die sich dem Wagemut jener Männer entgegenstellten, hinderten jeden Zugang. Ihre vergeb- kkch-m Versuche konnten die beiden letztgenannten Zorscher nicht von ihrem Vorhaben abschrecken. Gemeinsam wollen sie jetzt noch einmal versuchen, ihr Ziel zu erreichen. Im Juni D. I. soll diese Ex
pedition ihren Anfang nehmen. Sie wird in zwei Abteilungen geteilt, eine westlich:, dir Dem Lauf Les Orinoko folgt, und eine östliche un er der Führung von Dr. Hamilton Rice und Dr Theodor Koch-Grünberg, die vom Amazonenstrom ausgeht und mit eigenem Dampfboot den Rio Begvo und seinen linken Rebenfluß Rio Dranco aufwärts fährt. Am oberen Rio Branco soll eine Radio- ft a t i o n errichtet werden, durch die man mit der zivilisierten Welt in Verkündung bleiben will. D.r weitere Weg führt auf Indianerbooten nach Westen Den Uvaiicueca hinauf, Dec alten Reiseroute von Kcch-Grünberg folgend. Der Uraricu- era ist ein wilder Strom. Der durch unzählig« Stromschnellen und Wasserfälle Der Schiffahrt die größten Schwierigkeiten entgegenfeht. Der Fluh ist fischreich: in Den Wäldern fehlt es nicht an Wild, aber die Ufer sind unbewohnt: nur kriegerisch:, kulturell sehr tief stehende Indianerhorde.n durchstreifen Den dichten Urwald. — Die Expedition ist mit allen modernen Hilfsmitteln aus- gestattet. Mittels eines Wasserflugzeuges hofft man die Verbindung zwischen den beiden Abteilungen herzustellen und Radiomeldungen ausza- senkten. Aus l>em Kamm der wasserscheidenden Gebirgskette wolten be.de Abteilungen zusammen- treffen, um gemeinsam in woche.nlanger Arbeit das Quellgebiet zu erforsche r und kartographisch festzulegen. Hoffentlich gelingt es auch>. mit den kriegerischen Bewohnern des Gebirgslandes in fräedlrchen Verkehr zu treten und völkerkundlich wertvolle Beobachtungen zu machen. Durch den Casiqurare, die bekannte Bifurkation zwischen Orinoko und Rio Begro, hofft man dresen großen linken Bebenfluß des LlmazonaS und damtt Den Anschluß an die Heimat zu erreichen.
Der menschliche Körper als Antenne, um elektrische Lebensvorgänge hörbar zu machen, ist eine neue Anwendung der Radiotelephonie, worüber Dr. Lilienstein im letzten Heft der Wochenschrift ^Radio - Umschau" (H. Bcchhold Verlag, Frankfurt a.M ) m t erläuternden Abbildungen ausführl ch berichtet. Die eleZtro-mag- netischen Eigenschaften des tierischen Körpers sind seit Galvanis Froschschcnkel-Dersuchen bekannt. Als Träger dieser elektrischen Vorgänge werden heute die Körpersäfte angesehen, mit den darin gelösten Elektrolyten, deren Ionen an den Zell- und K r m mbrare r Pole t ale Schwanlu genfer» vorrufen. Besonders stark s nd diese eie.irischen Ströme bei der Muskel-, Drüsen- und Berven- tätigfeit nachweisbar. Neuartig ist nur Dr Ci- liensteins einfacher Versuch, einen menschlichen Körper auf einer Funkenstation, an Stelle der Antenne, einzuschalten. Man hört sofort die rhytmischen, vom Herzakt'onsstrom her- rührenden Tone, ebenso auch das Brummen des Muskelstroms, der durch einfache Bewegungen des Köders erzeugt wird. Bun sind aber auch bei Der Tätigkeck Deä Bervengewebes, bei Drüsen- absonderungen usw., also Wohl bei allen Lebensfunktionen elektrische Vorgänge im Spiele, und man sieht staunend, welch großes Gebiet hier der Forschung für die Physiologie und Pathologie ihre Beeinflussung durch die Therapie er- schlossen werden kann. Es wird gelingen, die ein- zeinen Lebensv^rgänge Dem Ohre unterscheidend o'n r ma(5.cn und sie auszudeuten. Bei Uebertragung auf andere Organismen wird man also in absehbarer Zeit buchstäblich „das Gras wachsen hören" können.


