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ar. 288 Erster

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Blatt

V4- Jahrgang

Bamrrag, v. vezemver 1921

General-Anzeiger für Gberhessen

vrvS mid Verlag: vrühl'sche Unlverslläls-Vnch- und $teinönidcrei R. Lange in Stehen. Zchriftleitung und Seschäftrfte7e: Schullttaße 7.

SneobBt van für die lagesnummet »is zum Nachmittag vvrh« ohne lebrDerdlndlicb kett.

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Die Pariser Zusammenkunft.

Das Schicksal der Kölner Jone. Erneuerung der Entente cordiale.

Pari-, 6. Dez. ($H.) Sottet unb Cham­berlain hatten gestern vormittag eine Unierte* düng, über die folgend« amtlich« Erklärung auS- gegeben wird:

_3m Laufe Ihrer Unterredung haben die bei­den Minister die verfchtedeusten auswärtigen Pro­bleme zur Sprache gebracht. Uebet die Fragen, die eine sofortig« Lösuna erheischen, ist eine Verständigung erzielt worden. Die Fra­gen, die eine eingehende Prüfung erfordern, sollen weiterhin unter Betonung de- beiderseitigen Wunsches, bi« freundschaftlichen ®e8i«<'U'*qen zwi- schen Frankreich und England zu cntwickeln und die Aufrechterhaltung beS Friedens zu stchern, be- handelt werden."

Während bi« Besprechung noch au dauerte, tret die Kommission d«S Obersten Rates fit di« national« Verteidigung un­ter dem Vorsitz Paul DoncourtS zu einer Prüfung des Entwurfes zusammen, der die Ab­lösung der Interalliierten, Berliner Kontrottkom- Mission durch einen Ausschuß der ständigen M t l i t ä r k v m m i s s i o n deS Völker­bundes dorfieht. Paul Doncourt teilte Verriet die Schlußfolgerungen der Kommission mit, die der französische Mintsterpräfident unverzüglich Cham­berlain unterbreitete. Chamberlain hat daraus er­klärt. daß Großbritannien di« Ernennung etneS Franzosen zum Vorsitzenden deS Kontrollausschusses des Völkerbundes be­fürworten wolle. Herriot hat um 7 Uhr bte französischen Pressevertreter am Quai d'Orsay empfangen und gab ihnen genauere Aufschlüsse über die Besprechungen mit Chamberlain.

Die TRorgenbTärter bringen ausführliche An­gaben über die Sufammenfünft, liebevelnftinunenb wird dec herzliche Bert aus des Meinungsaus- tauscheS betont Heber die Räumung der Kölner Zone berichtet der ,QEa:tn folgendes: Der englische Außenminister steht auf dem Stand« pimtt, daß die Militä r-Kontrvlle zu einem befriedigenden Ergebnis füh­ren mühte, ehe England die Kölner Zone räume. England verpslichlet sich weiterhin, in der Zwischen- zeit fetnertei Maßnahmen za ergreifen. Ne fran­zösische 2nü>pedxtoegungen verhindern könnten. DerXcmpS-' betont, es komm« darauf an, die Mißverständnisse. die sich zwischen Frankreich und England henauSgebildet hatten, endgülüg zu zer­streuen. Äm übrigen herrscht in politischen Krei- fen dec Eindruck vor. daß es sich ledilich um einen Meinungsaustausch handelte, bei dem schwerwiegende Entschlüsse nicht? gefaßt wer- Den konnten, .©re Roulx-lle" saßt das Ergebnis der Besprechung kurz dahrn zusammen:

1. Frankreich unb England bleiben vereint in bet Verteidigung ihrer gemeinsamen allgemei­nen Interessen.

2. England verwirft daS Genfer Proto­koll nicht, wird aber «inen Beschluß erst an dem Tage fassen, an dem die Meinungsäußerung der Dominions vorliege.

3. England lehnt jede internationale Lösung ab, die die Sicherheit Frankreichs nicht gewährleistet.

4. England hat nicht die Absicht, die Bezie­hungen zu Sowjetrußland abzubrechen.

Aach der Havasagentur HU die lln'er- reduug CH nndrrlains mit Herriot in englischen und sranzcs scheu Kreisen einen gleich befrie­digenden Eindruck bin tert i fiert. Es sei klar, bat) in einer nur zweistündigen Unterredung leine entscheidenden Beschlüsse hatten erzielt werden Tonnen. Die Fühlungnahme habe jedoch ihr Ziel schon dadurch erreicht, daß eine gemeinsame Orientierung der auswärtigen Po­litik bei- beiden Länder festgelegt worden sei. Chamberlain habe öf entlich erklärt, daß es sein Bestreben fei, die Entente cordiale auf­rechtzuerhalten. E.ne aktive und ver­trauensvolle Ztrsammen arbeit könne zwischen Paris und London im Hinblick auf eine gemein« schrftl che U berelick mft d:c für einige auswärtige Probleme nrtwend gen Lös cng?n erzielt we.dm. So seien gewisserm.hen spontan einigebrtng» liche Entscheidungen getroffen wor­den. Frankreich und England fe.ea übereiagclom- men, Botschafter nach Konstantinopel zu entsenden, d c zeitweise auch ihren Wohnfttz m A n gora nehmen sollen. Für Frankreich lonime für diesen Posten eine politische Persön­lichkeit in Frage, bte sich den türkischen Angelegen­heiten besonders gewidmet habe.

Chamberlains Abreise.

Paris, 6. Dez. (Wolft.) Gestern mittag gab Ministecpräsident H e r r i o t dem britischen Außenminister ein Frühstück, dem der britische Botschafter Lord Crewe, der Sekretär Chamber­lains, Scrlby, der Präsident des Senats und der Präsident der Kammer, alle Minister, die ehemaligen Außenminister und die Prä­sidenten der Senats- und Kammerausschüsse für auswärtige Angelegenheiten bekr-ohnten. Um 5 übr ist der Staatssekretär nach Rom wei­tergereist. Auf dem Bahnhof war Herriot zur Verabschiedung erschienen Dor seiner Abreise hat Chamberlain an die Mitglieder der Presse folgende Ansprache geholten: Wir Minister und Politiker arbeiten nach britem Können, um die freundschaftlichen Beziehungen, die unsere beiden Länder durch die Errnnerung an gemeinsamen Ruhm, gemeinsame Prüfungen und gemeinsame

Interessen, einen, zu verstärken Lethen Sie uns hierzu Ihren mächtigen Beistand Unter­streichen Sie nicht zu sehr die Mei­nungsverschiedenheiten, die von Zeit zu Zrit, selbst unter den besten Freunden, auf­kommen können. Seien Sie vielmehr die Dol­metscher unserer beiden Rationen, mit ankeren Worten, der eine für den anderen. Die englische Presse möge es sich zur Pflicht machen, den fran­zösischen Standpunkt verständlich zu machen unb die französische Presse ihrereits möge alles daran setzen, die englischen Ansichten zu erläutern. Jeder für sich muh deschalb zum Vertreter jener C n« t e n t e cordiale werden, die immer Frank­reich und England einen möge. Dann wird die Presse und bei unserer wohlwollenden Aufgabe einmütige Unterstützung leifjcn.

Frankreich und Aeqypten.

Paris, 6. Dez. (WB Funkspruch.) Zu der Unterredung zwi chen Herriot und Chamberlain glaubtQuotidi-en" zu wissen, daß von Aegyp­ten und Marokko nicht lange gespro­chen worden fei Chamberlain habe erfiirt, er werde vor dem Dölkcrbundsrat den britischen Standpunkt zum Oludbral bringen. Ministerprä­sident Herriot h.be daraus g.anlworte!, d h sich Frankreich weder in die ägyptische Angelegenheit ein mischen wolle, noch dah es im R i f die Ansicht habe, die Racholge der sich zurückziehendcn Spanier an^utreten. »Ouo- tidien" berichtet ferner, es sei sehr wahrscheinlich, dah Herriot Anfang Januar eine erneuteDe- geanung mit Chamberlai n und v dl i ht auch mit Stanley Ba l dw i n, wenn nicht in England, so doch ht einem nordfranzösischen Hafen haben werde. Es sei höchst unwahriche.n- lich, daß Chamberlain auf der Rückreise von Rom sich in Paris aufhalten werde. Aus alle Falle werde aber Herriot mit ihm bei der Durchreise auf dem Bahnhof eine Unterredung haben.

Verurteilung ägyptischer Offiziere.

Kairo. 5. Dez. (WTB.) Das Kriegs­gericht verurteilte vier an byt Aufstand eines sudanifischen Bataillons tu CHartum betei­ligte Offiziere zum Tode. 'Drei wurden heute erschossen. Für den vierten wurde das Todesurteil in 15 Oahre Gefängnis um­gewandelt.

Englische Nüstungspläne.

London, 5. Dez. (TU.) Der parla­mentarische Korrespondent desDaily Tele­graph" meldet: Die gegenwärtige Regierung hegt keinen Zweifel über die Notwendigkeit, den Plan, Singapvre als Flotten­stützpunkt auszubauen, wieder aufzu­nehmen, und Mar ohne wesentliche Aende- sungen des Planes. Die Arbeiten verteilen sich über 10 Oahre. Die neue Regierung wird auch die Pläne der früheren Baldwin-Re­gierung wieder aufnehmen, wonach ein Bau von acht Kreuzern vorgesehen ist.

Der deutsch-englische Handelsvertrag.

Deutschland und der Handel mit den britischen Dominions.

Berlin. 5. Dez. (SU.) Ueber die deutsch- engltfcfcen Handels Vertrags Verhandlungen wird uns von einem Mitglied der gestern aus London nach Berlin zurückg-kehr'.en Delegation folgendes mitgeteilt: Die Handelsvertragsrerhanklungen in London waren die ersten Verhandlungen, bu nicht auf Grund des Vertrages von Versailles geführt wurden, aber unter dessen Einfluß standen. Es waren Ver­handlungen zwischen Gleichgestell­ten, bei denen lediglich die Interessen der beiden Parteien zu Worte kamen. Sie wurden durchweg in einem angenehmen und freundlichen Tone ge» füh t. Durch den Vertrag worden die getarnten Handels- und Vertragsinter essen, die Betä'.i- gunge« und Riederlassungsrechte dec beiderseiti­gen Staatsangehörigen und Gesellschaften in den beiderseitigen Ländern 'nach den Grund­sätzen der Meistbegünstigung geregelt, d. h. die deutschen Staatsangehörigen und ®efetl- schasten werden in Großbritannien genau so be­handelt werden wie die Staatsangehörigen der meistbegünstigten Rationen. Einen wie großen Fortschritt daS gegen den bisherigen Zustand be­deutet, werden am besten die deutschen Kaufleute ermessen können, die zu Großbritannien geschäft­liche Beziehungen unterhallen. Wenn es nicht ge­lungen ist, die Einreifebeschränkungen ganz aufzuheben, so ist auf Grund der Verhand­lungen doch in Zukunft deren liberale Handha­bung zu erwarten. Jedenfalls werden die Deut­schen m England nicht mehr schlechter behandelt werden als die Angehörigen anderer Rationen. Eine gleichzeitige Regelung unlereS Verhältnisses zn Indien und den Dominions

sowie den anderen Seiten des britischen Reiches war nicht mögllch, da Englanb verfassungs­mäßig nicht das Recht hat, für bie Reaieran-

aen dieser Gebiete in wirtschaftlichen Dingen bindende Verpsl chtungen einzugehen Zum Beweis dieser Behauptung haben sie öa.xmf Hingewi eien, daß die Zollpolitik Indiens und b e r groben Dominions sich ja in erster Linie gegen das Mutterland richtet, und trotz aller Bevorzugung die Zollsätze so gehalten sind, daß sie die Einfuhr aus Großbritannien er­schweren (Entgegen anderen Meldungen hat die britische Regierung mm nicht die Absicht, das Zustandekommen einer Regelung zwilchen Deutschland und den obengenannten Gebieten zu verhindern, sondern sie wird vielmehr den Ver­trag vorlegen und seine Annahme ernp- fehlen.

Sollte diese Annahme abgelehnt werden, dann steht es Deutschland frei, mit den Dommions ohne englische Vermittlung zu verhandeln.

Schwerindustrie und deutsch- französischer Handelsvertrag

Paris, 5. Dez. (WB.) DerTemps" be­schäftigt sich heute abend in einem längeren Leit­artikel mit den französisch-deutschen Wirtschafts- Verhandlungen, soweit es sich um die Schwer­es senindu st rie handelt. Die Verhandlungen hätten den Abschluß eines Handelsvertrags zum Ziel. Es handle sich also hauptsächlich darum, den Zolltarif für Deutschland und Frankreich zu bestimmen, lieber die engbegrenjtc Frage hin­aus hätten die deutschen Sachverständigen der Schwereisenindustrie sich bemüht, das Problem eines allgemeinen Abkommens für die europäische Schwerindustrie anzu­schneiden. Ja sogar noch mehr. Sie scheinen die Absicht zu haben, von dieser Verständigung das Abkonnnen über das Zollregime abhängig zu machen. Es scheint nicht, so fährt das Blatt fort, daß die Vertreter der französischen Schwereisen­industrie den Vorschlag der deutschen Sachverstän­digen hinsichtlich eines interna io aalen Zusammen­schlusses der Schwereisenindustrie ablehnen wollte. Die Meinungen gingen nur über die von den Deutschen vorgeschlagenen Methoden ausem- ander. Etn internationaler Zusammenschluß der Schwerellenindustrie verlange in der Tat notwen- dtgerwrise zunächst sehr del.rate Besprechungen mit den anderen, Eisen produzierenden Ländern, msbesondere mit England, Belgien, Luxemburg, der Tschechoslowakei und Italien. Diese Despre- chungen könnten nicht, wie künftig auch der Fortgang der Verhandln ngm fern möge, 6 s zum 10. Januar 1925 zu Ende d führt werden. An diesem Tage toerb? die deutsche Grenze für alle französische metallurgische Erzeugnisse geschlossen f in, wenn nicht der neue deutsche Tarif für sie in An­wendung komme. Daraus ergebe f ch für die lothringischen Hütten betriebe eine sehr ernste Schädigung, da die späteren Verhandlungen s ch nur noch schwieriger geflohen würden. Cs sei daher zu wünschen, dah die deutschen Vertreter, d e augenblicklich in Deutsch­land ihre Ar.ftragg.ber befragt.n, ernstlich nach- ber.tm, und dah sie. wenn sie nach Paris zurück- kchrien, annehmbare Vorschläge tar.f- licher Art machten, die es gestatten würden, zu einem provisorischen Abkommen zu gelangen,

die Gehälter der Reparationrkonlmission-Angestellten

Paris, 5 Dez. (Sil.) Die Reparations- kommissivn hat am 28. Rovember die Gehälter der mit d-r Ausführung des Sachverständigen­bericht s in Deut'chlard bca. flragtcn Persönlich­keiten festgesetzt. Der Generalagent für die Reparationszahlungen bezieht ein 2ah res- gehalt von 190 000 Go 1 dmark, der Cisenbahnkommiftar 105 003 Mk., der Reichsbank­kommissar 95 000 Mk., die anderen Äommiffare je 80 000 Mk. Das Jahresgehalt des Treu­händers beträgt 75 000 Goldmark. Die Mitglieder des Ucbertragungscresschusses. die nur einmal im Monat zusammenlreten, beziehen eine feste Monatsentschädigung von je 1500 Mk., neben den Reisespesen usw.

Umbildung des spanischen Direktoriums.

Paris, 5. Dez. (WTB.) Aus Hendaye wird gemeldet, daß man nach spanischen Rach- richten aus guter Quelle eine alsbaldige Um» b.lbung des Dir:ttoriums er werten tönne Gene­ral Primo d e Rivera, dessen Rückt chc nach Madrid etwa zum 20. Dezember erwartet cverde, wolle, we es scheine, unter seinen Vorsitz ein aus ZiviIperso nen zusammengesetz­tes Kabinett bilden. Als Außenminister komme d.r jrhige spanische Botschafter in Loidon Mercy del Val. als 3uftiynillster der Pro­fessor der rechtsw fsenschaftliche.i Fakultät an der Universität Madrid Clemento de Diego, als Jnnenm nister Gonzalez Rotwos, zur Zeit Generals prekär beim Staatsrat, und als Ma- rineminifter der derzeitige stellvertretende Vor­sitzende des Diveltoriums, Admiral Magaz, in Betracht.

Wählt!

Am 20 Oktober hat der Reichspräsident auf Antrag des Reichskanzlers den Reichstag auf- lost und für den 7 Dezember Rcuwahlen ausge­schrieben. Ein sieben Wochen langer Wahl- lampt wurde unS belchieden je mehr er sich dem Ende näherte, um so erschreckendere Formen nahm er an. DaS Ringen um die Seele deS Wählers ist ein Kamps mit geistigen Wallen, der vor der Pertönlichkeit des politischen Gegners Haltmachen tollte. Verdächtigungen, Betchtmpfungen, Beleidi­gungen deS parlamentarischen ,Kollegen" gehören nicht in den politischen Kampf. Achtung vor der Ueberzcugung des andern ist eine Selbstverständ­lichkeit, die in den leidenschaftlich hochgepeitschten Wogen des Wahlkampfes in den letzten Wochen leider nur zu oft in Vergessenheit geriet. Sie allzu temperamentvollen Redner aller Parteien hätten sich stets nur das eine vor Qlugcn halten sotten, dah sie in erster Linie nicht auf ihre eige­nen Leute, auch nicht auf die Anhänger gegne­rischer Parteien wirken wollten, sondern aus die übcrwäll:geird gros-r Maf,e der politisch Zn- bJlcrcntcn, auf die .Partei der 2llchlwähler", die sich i i ihrer großen Mehrheit nur von sach­lichen Darlegungen wird überzeugen haben lassen. Jetzt blickt jeder ruhig denkende Staats­bürger mit einem Ausatmen der Erlelchtecung auf diele Wochen erbitterten Buhlens um die Volks­meinung zurück, und manch einer wird sich Did Frage vorlegen: Bedurfte es sieben langer Wo­chen, um des Volkes Urteil einzuholen? 2st der deutsche Durch^tznittsbürger politisch so unreif, daß er sieben Wochen Ucberlcgung braucht, um auf eine einfach gestellte Frage eine ebenfo klare Antwort zu erteilen?

Mit einigem Reid blicken wir nach Eng­land, das zu ParlamentSauslösung. Reuwah­len und Regierungsbildung kaum mehr als vier­zehn Tage benötigte, ilnb mit Schaudern denken wir heute schon der berüchtigten parlamentarischen Händel, die uns blühen, wenn die morgige Wahl nicht eindeutig aussällt. Woran liegt das? 3n England trat Macdonald, als er mit seinem Ka­binett im Parlament in der Minderheit blieb,- mit der klaren Frage vor daS Voll: Für ober gegen den Sozialismus? Und ebenso Har lau­tete die Antwort der Wähler. Mit starker Mehr­heit entschieden die Wähler gegen Macdonaldt .-T trat zurück und wen ge Stunden spävec bilo^e bereits der eoieget Im Wahllarnps, Stanley Bald­win, sein Kabinett.

3n Deutschland hat sich die Reichsregie- rung gescheut, mit einer klaren, leicht faßlichen Wahlparole vor das Voll au treten. Da« Auslösungsdekret spricht recht verschwommen von parlamentarischen Schwierigkeiten", die amtliche Darlegung der Reichsregierung von gescheiterten Bemühungen zur Erweiterung des Reichskabi­netts. Aber der R e i ch s k a n z l e r , der schon bei den Umbildungsverhandlungen nicht mit dem ganzen Herzen dabei war, getraute sich nicht, das Kind beim rechten Ramen zu nennen, man sagte nicht, worum es ging, und sieben Wochen Wahl­kampf taten das ihrige, die Fragestellung noch mehr zu verwischen.

Wir haben uns bemüht, die Frage, deren Beantwortung man am Sonntag von dem Wähler verlangt, durch das verwirrende Vielerlei der Probleme, die in den Wahlkampf geworfen wur­den, ohne eine irgendwie entscheidende Rolle zu spielen, klar im Auge zu behalten.W o r u m es geht?" haben führende Persönlichkeiten aus den Lagern der drei für unter Oberhefsen ausschlag­gebenden bürgerlichen Parteien von ihrem Stand­punkt aus unseren Lesern eingehend dargelegt. Es geht um eine endliche Klärung unserer ver­worrenen Parieiverhältnisse angesichts der 25 eingereichten Wahlvorichläge allerdings ein schier entmutigendes Beginnen. Es geht um die Schaf­fung einer festen parlamentarisch en Basis für ein Kabinett, das mit starker Hand, ohne den Blick nach rechts oder links wenden zu brauchen, an die großen inner- wie außenpoli^ tischen Aufgaben herantritt, deren Losung diese sieben Wochen hinauSgeschoben haben.

Es gilt, alle die gewaltigen staatsbejahenden Kräfte, die bislang zu dem neuen Staat in Opposition standen, zur positiven Mtt- arbril an der Leitung des Staates zum Wohle des Vellsganzen heranzuz ehen. War es ein schwerer Fehler des alten Staates, die Sozial­demokratie in ihrer Opposition zu belassen, so würde es sich an dem neuen Staat ebenso bittet rächen, wollte man auch künftighin die starken, in dem großen von der Deutschnationalen Volkspartei vertretenen VottS:eil bislang brach liegenden Werte wieder in der Opposition belassen, nachdem diese unzweideutig ihren Wil­len zur Mitarbeit kundgetan hat. Gerade von der Beteiligung der bisher größten Oppositionspar­tei an den Regierungsgeschästen ist für unsere Außenpolitik eine außerordentliche Stär­kung zu erwarten. Richt allein, daß/eine unter Einbeziehung der Deutschnationalen gebildete, alsc aus sichere parlamentarische Grundlage sich stüt­zende Regierung bei der Durchführung des Lon­doner Abkommens, das ja für lange Zeit unsere Auhenpol.tik b stimmen wird, in wesentlich ge­festigter Position den Verlragskontrahenten gegenübertreten und eher wirt'chaftliche Vorteile er fingen kann als ein Kabinett, das stets der Gefahr ausgesetzt ist, im eigenen Parlament in der Mwdcryrir za bleiben; nein, auch das Aus­land selbst wird alles Interesse daran haben, die nationale Opposition in verantwortlicher Mitar­beit gebunden zu sehen. Es geht also um die Stärkung der Parteien, die zur Bildung einer starken nationalen Regierung auch mit den I Deutschnationalen bereit sind.

Die Sozialdemokratie hat mit dem I Schlachtruf .Büraerblock ober SoLmldemokratie?"