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Nr. 286 Swettes Blatt

Sletzener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberheffen) Donnerstag, 4. Dezember (92|

Der Massenmord in Haiger. Direktor Angerstein selbst der Täter. Dolles Geständnis. (Eigener Bericht unseres noch Haiger entsandten RedaktionSmllgliedeS.) (Buchdruck nur mit ausführlicher Quellenangabe gestattet.)

Haiger im Dillgebiet, ein Keine» htbuftme- f^iche- Landstädtchen an der Drenke zwischen Westerwald und Siegerland, ist Über Rächt in dm Drennpunll des Interesses ganz Deutsch. iandS und darüber hinaus gerückt. Den Anlaß dazu gab die entsetzlich« Bluttat, über die wir schon zweimal berichteten. Die Aussehen erregende Wendung in den Ermittlungen, die gestern morgen gerüchtweise verlautete und in den Mittagsstunden des gestrigen Tages durch daS Talgeständnis dahin zur Gewißheit wurde, daß

Direktor Angerstein selbst der achtfache Mörder ist. veranlaßte un4, ein Mitglied unserer Re­daktion gestern nachmittag nach Haiger zu ent­senden, um dort durch eingehende Informationen an mastgebender Stelle und Erkundigungen bei angesehenen Bürgern unseren Lesern einen zu­verlässigen Bericht Über da» grauenhafte Geschehen zu verschaff.

Schon bei der Einfahrt in den Bahnhof Hai - fltr sieht man auf der dem Bahnhof gegenüber­liegenden sanft ansteigenden Höh«

die Stätte der furchtbaren Tat liegen ES ist ein zweistöckiges, in nettem Land- hauSstil gebautes Wohnhaus auS grauem Sand­llein mit freundlich leuchtenden grünen Fenster­läden und Dorgarten. Die Parterreräume dienen Bureau^wecken, das Obergeschoß und die Man- sarderrzimmer enthalten die Wohnungsräume des Direktors. Das an und für sich nett wirkende Bild des Hauses wird allerdings jetzt durch den nahezu ganz abgebrannten Dachstuhl stark beeinträchtigt. Die Lage des Hauses ist keineswegs so einsam, wie man sie sich nach den bisherigen Berichten vorstellen muhte. Etwa 200 Meter schrägüber des Hauses liegt daS Bahnhofsgebäude, in dem der Bahnhofsvorsteher wohnt und weitere Beamte stündig Dienst tun, etwa 150 Meter seitlich auf gleicher Höhe, nur durch eine Wiese getrennt, liegt daS Wohnhaus des Direktors Müller, und an dem Hause der Tat vorbei wickelt sich um die Zeit des Geschehens immer noch der Eisen­bahnbetrieb ab Schon diese Tatsachen wollten den kritischen Betrachtern der Dinge, den berufenen Beanrten, von vornherein nicht übereinst Immen mit der von Angerstein behaupteten, sonst aber von niemand bemerkten Anwesenheit einer Räu­berbande.

Der Hergang der Dinge am Montagabend nxtr wie folgt: Gegen 6 Uhr hörten di« im Sta­tionsgebäude diensttuenden Bahn beamten undEin- wohner des Müllerschen Hauses von der Wie,« zwischen dem Angerstciuschm und dem Müllerschen Grundstück her laute Hilferufe. Als man schleu­nigst an Ort und Stelle erschien, fand man Anger- stein mit Stichwunden am Boden liegend vor. Er lief den Helfern zu, er müsse sterben, ste sollten ihn liegen lassen, aber seiner Frau im Hause bei- ftehen, denn im Haufe seien 20 Einbrecher. Wäh­rend einige Leute die Zahl der Heyer hatte sich schnell vermehrt den Verletzten in das Müllersche Haus trugen, eilten andere dem Anger- steinschen Hause zu. aus dessen Dachstuhl gerade die Flammen herauSloderten und in dessen anderen Zimmern auch die Gardinen au brennen anfin­gen. Die Helfer drangen schnell In das HauS ein, In dem von Einbrechern keine Spur zu sehen war, dagegen aber die acht Leichen gefunden wurden. Die in den Zimmern brennenden Gardinen wur­den heruntergerissen und die Flammen erstickt, den Dachstuhlbrand löschte die mittlerweile herbei­geeilte Feuerwehr Zur Freimachung des Weges für die Feuerwehr wurden die Leichen unter der Aussicht der Polizei und Gendarmerie auS dem Hause geschafft Angerstein selbst war zunächst vernehmungsunfähig. Roch am Abend trafen der Untersuchungsrichter auS Dillenburg und etwas später auch der Dertreter der Staatsanwaltschaft inLimburg am Tatort ein. Veranlaßt durch Angcr- sreins Ausruf von den 20 Einbrechern hatte man

sofort die Gendarmerie- und Polizeibehörden und die Eisenbahnstationen in weitem Umkreis zur Dersolgung und Festnahme der Täter alarmiert.

Die Ermittlungen

begannen alsbald mit aller Tatkraft. Am Diens­tag in den frühesten Morgenstunden trafen der bekannte Frankfurter Gcrichtschemiler Dr. Popp und Frankfurter Kriminalbeamte ein. Bei den Er­mittlungen knüpfte man u. a. an mancherlei An­haltspunkte an, die schon vom ersten Augenblick des behördlichen Erscheinens ab höchst merkwürdig erschienen waren: so z. B. daß die Leichen schon starr waren, daß der sehr scharfe Wachhund, ein Deutscher Schäferhund, erstochen dalag, ohne daß irgend jemand von einem Wüten des Hundes, das unbekannten Personen gegenüber doch zwei­fellos eingetreten wäre, etwas gehört hatte: das Tier mußte es also nur mit einem ihm vertrau­ten Menschen zu tun gehabt haben. Weiter wurde von manchen als auffällig angesehen, daß Anger­stein selbst am Montagvormittag die Backwaren und die Milch durch das Fenster hindurch abge­nommen hatte. Gravierend war ferner eine Fest­stellung Dr. Popps auS dem Inhalt einer mit blutigem Waschwasser gefüllten Waschschüssel und an dem zum Händetrocknen benutzten Handtuch. Rach dieser Feststellung ergab sich für den Fach­mann der einwandfreie Schluß, daß keine Bande, sondern

nur ein einziger Täter

in Betracht kommen konnte. Weitere Feststellun­gen machten die Annahme einer Bandentat noch stärker hinfällig und führten dann immer mehv auf Anger st ein felbst als Täter hin; so z^D. Fingerabdrücke an den Mordwaften, einem Beil und einem kurzen Infanterie-Seitengewehr, wie es im Kriege vielfach getragen wurde. Be­reits am Dienstagnachmittag stand für Einge­weihte die Mordschuld Angersteins fest, aber noch leugnete er alles ab. Erst am gestrigen Mittwoch leugnete er alles ab. Erst am gestrigen Mittwoch- mlttag gelang es,

daS Mordgeständnis Angersteins zu erhalten. Sein Geständnis ist voll- st ä n d i g , und er liegt nun im Haigerer Krankenhaus als Polizeigefangener in Haft. Der Verbrecher hat feine best ialische Tat bereits in de r Rächt zum Montag be­gonnen und dann im Laufe des Mon­tagvormittag feine Opfer anschei­nend nacheinander umgebracht. Am Montagabend beim Fund der Leichen war beim auch schon, wie oben bemerkt, bei allen die Toten­starre eingetreten, fo daß allein schon hierdurch die von Angerstein aufgestellte Behauptung eines eben erst erfolgten Aeverfalls und Mordes hin­fällig geworden war.

Die Opfer dieser bestialischen Tat

sind: Frau A n g e r st e i n, geb. Barth au» Wetzlar, deren Mutter Frau Witwe Barth und deren 18jährige Tochter, bis vor kurzem in Wetzlar wohnhaft, daS Dienstmädchen Minna Stoll" auS Haiger, der Dureaubecwtte Diet­hardt auS Riederfcheld, der jung verheiratet war und mit feiner Frau ein drei Wochen altes Kind zurückläßt, der 17 Jahre alte Bureau- beamte Heinrich Kiel aus Haiger,der Arbeiter Alex Geiß aus Haiger und der Gartner Rudolf Darr aus.Dillenburg, beide in der Mitte der zwanziger Jahre. Wie man aus nichtamtlichen Aeuhcrungen entnehmen farm, hat der Ver­brecher in der Rächt zum Montag seine Frau und seine Schwiegermutter und am Morgen das Dienstmädchen in einem Mansardenzimmer um­gebracht. Hierauf hat er offenbar nacheinander die eben zum Dienst eingetretenen Bureaubeamten ermordet, denn beide hatten noch ihre ileber« zieher an. Seine junge Schwägerin, die nach einem Sonntagsausflug bei Bekannten in der Stadt geschlafen hatte, hat der Anmensch am Vormittag sofort beim Betreten des Hauses

nicdergemacht. Dann schlug er noch die beiden Arbeiter nieder, die er unter einem Vorwand ins Haus gelockt haben soll. Rach den Ver­brechen, zu denen er daS Dril und daS Mester benutzte, hat er die Opfer mit Benzol begossen, ebenso die Zimmer und deren Einrichtung, um dann am Abend durch die Brandstiftung seine Scheußlichkeit zu verdecken. Daß die Angestellten und Arbeiter mittags daheim nicht vermißt wur­den, soll darauf zurückz führen sein, daß sie öfter mal plötzlich zum Hauptwerk in Wissen fahren mußten bzw. während der Mittagspause an der Arbeitsstelle verblieben.

Der Mörder

steht in der Mitte der dreißiger Jahre, er ist aus Dillenburg gebürtig und vor etwa 3 Jahren von Dillenburg nach Haiger gekommen. Um das volle Gelingen seines scheußlichen, nach den Er- mittelungsergcbnicken offenbar ganz planmäßig und raffiniert ausgeklügelten Vorhab ns slcher- zustellen, soll er sogar d.e Wasserleitung bet feinem Hause unterbrochen haben, damit die Löschung des F.uerS erschwert, wenn nicht gar unmöglich werden sollt«: fest steht schon, daß er sich an der Leitung zu schaffen gemacht hatte. Offenbar um sich ein Alibi zu verschaffen, hat er sich am späten Rachmittag in die Stadt begeben und dort Einkäufe gemacht, was man von ihm bisher nie beobachtet hatte: bei seiner Rückkehr begann er dann sein Gaukelspiel. Ueber seine Motive zu dem scheußlichen Verbrechen kann die Behörde bis zur Stunde noch keine Auskunft geben. Richt etwa zur Entschuldigung des Mör­ders, sondern nur als Tatsachenregistrierunz sei hier bemertt, daß seine F.au schon seit mehreren Jahren magenleidend und infolgedessen körpe (ich sehr zusammengefallen war und daß dieser Lei- denSzustand der Frau dem Täter s hr zu Herzen gegangen fein soll: selbstredend könnte auch da­durch in gar keiner Weise die Beurteilung der Tat gemildert werden. In der Einwohnerschaft war Angerstein beliebt und allgemein geach et, sein Leumund soll auch als Kaufmann untadelig gewesen sein. Roble Pastionen und der Alkohol sollen bei ihm nie Vorgelegen haben, nach dieser Richtung hin rühmt man sogar seine Bescheiden­ste ck und Enthaltsamkeit. Allerdings habe er um sein Wohnhaus herum mehrfach Land gekauft, aber das habe wohl kaum für ihn zu einer finan­ziellen Ueberanspannung geführt. Reben seiner Solidität im allgemeinen wird seine Frömmigkeit als Mitglied einer Sette besonders hervorgehoben. Ob etwa Geisteskrankheit vorliegt, hat natür­lich der Arzt zu entscheiden, bisher aber und auch jetzt noch macht der Mörder auf den Laien nicht den Eindruck eines Geistes­kranken. Wo also die Beweggründe zu dem abscheulichen Verbrechen zu suchen sind, kann der nicht in der behördlichen Untersuchung Stehende heute noch nicht erkennen. Hoffentlich wird man in die 2age verseht, auch darüber der Oeffemlichkeit bald Aufllärung geben zu tonnen. Die Verletzungen deS Mörders rühren von ihm selbst her. Gr hat sich einen Stich von unten her In den linken Unterarm und einen Stich in den Leib versetzt, der den Magen troff und dadurch sehr gefährlich wurde. Die sofortige Operation am Montag abend im Haigerer Kran­kenhause beseitigte die akute Gefahr, und jetzt be­findet sich der Mörder den Verhältnissen ent­sprechend wohlauf. Ob er mit dem Bauchstich Selbstmord verüben, oder nurmimen" wollte und das Letztere zu derb ausgefallen ist, ist natürlich in der Bürgerschaft nicht bekannt. Er­wähnt sei in diesem Zusammenhang noch, daß Angerstein seine Geschäftspost vom Samstag noch nicht erledigt hatte und daß der Geldschrank nach der Tal unberührt vorgefunden wwurde.

Di« Erregung in der Bürgerschaft Haiger» war namentlich am Montag abend und in der Rächt zum Dienstag sehr groß, woran nicht

allein die furchtbare Tat. sondern auch daS Ge­fühl größter öffentlicher Unsicherhett infolge der Räubeibandeiigelchichte des ruchlosen Veib.^cherS schuld war. Viel« Leute Haigers haben in der Rächt zum Dienstag nicht gewagt, zu 'Bett zu gehen. Im Laute des Shenäkig» und auch gestern wurde wenigstens das Vertrauen in die DertehrS- sicherheit wieder heogestellt $umal dann noch bekannt wurde, daß man «s hier mit einem ge­meinen Schwindel des abscheulichen MörderS zu tun gehabt hatte. Trotzdem zittern die Wogen der Erregung ganz besonders in Haiger noch nach, die aber nun ausschließlich der bodenlosen Schur­kerei dieses bisher so sehr geachteten Menscher gelten: überall in den Straßen standen gestern nachmittag Gruppen, die da» schreckliche E via» nis eingehend besprachen. Der starke Polizei- schuh, der seit Montag abend in Gestalt ver­schiedener Schupoiormationen und zahlreicher Kri­minalbeamten aus den großen Städten nach Hui- ger verlegt worden war, wurde nun weitgehend abgebaut.

Hoffentlich findet die bestialische Tat dieses wüsten Verbrechers die gerechte Sühne!

*

Ueberfübrung des Mörders nach Gießen.

Im Laufe der Rächt zu heute ist der Mordet mittels des Gießener Sanitälsautos von Haiger nach Gießen in die Klinik überführt worden. Wir hatten Gelegenheit, eine i der Be­gleiter des Transports, der sich mit dem Ver­brecher unterhalten hat, über se ne Gind ucke von dem Menschen zu hören. Der Herr berichte'e rms, daß Angerstein auf die verschiedensten stets ganz klare und wohldurchdachte Antworten gegeben hat. Sogar auf Gesprächsgeb ete, die ganz abseits von der Tat liegen, z D. auf An­gelegenheiten des Obst- und Gartenbaues, ver­mochte er in diesen Stunden seinen Gedinkengang umzuschalten und babn 'Antworten, ja sogac galc Ratschläge zu geben, die an Schärfe der Logik und Klarheit des Ausdrucks nicht das geringste Alt wünschen übrig lassen. Aus die F.age, uxivum er denn eigentlich d e f irchtbare Tat begangen habe, antwortete er, der leidende Zustand seiner F.au habe ihn so schwer angegriffen, und da habe er sie von ihrem Leiden erlösen wollen. Aus den Vor­halt, daß aber doch die anderen Ermordeten damit nichts zu tun hatten, sagte er. diese seien auch böse Menschen" gewesen, d.e feinq Frau geärgert hätten, das Dienstmädchen habe immer alles anbrennen lassen. Der Gesamte.ndruck, ten die Begleitmannschaft bekam, wird babin^u» sammengefaßt, daß man es h er mit einem außer­ordentlich raffinierten Menschen zu tun hat, der sich seines Tuns genau bewußt ist und dessen Geistesfunktionen nicht die Anormalität zeigen, die er sich wohl beilegen möchte.

Kirche und Schule.

ReiSkirchen, 2. Dez. Feierstunden seltener Art durften gestern abend untere Ge­meinde und di« zahlreich herbeigeströmten Gäste aus den umliegenden Orten erleben durch Vor­führung deS Bethels ilms, der um 5 Uhr für die Jugend und um 8 llhr für Erwachsene in unserer Kirche gezeigt wurde. Mit anbächttgcm Staunen sahen die Zuschauer in technisch wie szenisch gleich vorzüglichen beweglichen Licht­bildern die gctoaltigen Anstalten, die der Glaube und die Lieve eines Mannes, das Vaters CB.'td- schwingh ins Geb.-n gerufen haben. Tief ergriffen waren sie von dem Jammer und dem Elend, das sich in diesen Anstalten jufammenbringt, und mit Bewunderung sahen f e, wie chrt lliche Siebe sich der Armen In rührender Treue und Barmherzig­keit annimmt und auch noch in das ermte Leden der so ganz mübf?l gen und beladenen Menschen­kinder Sonnenschein zu bringen vermag. Durch Ansprachen und Gesänge wurden die einzelnen Akte w.rkungsvoll umrahmt. Die Kirche. b;e an diesem Abend zum erstenmal im Schein des elek­trischen Lichtes erstrahlte (hoffentlich bekommen wir nun bald auch endgültig die so nötige Kirchen­beleuchtung und -Heizung), war za beiden Der» anstattungen überfüllt. Dem Beiheler L.eles' werk konnten an Elntrtttsg.llern und Kollekte ins­gesamt 235 Mark zu gewiesen werden.

Die rote Kaschgar.

Roman von Fedvr von Zobeltitz.

9. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

Hellmut hob die Hände.Ich bitte dich, Schwester keine Erregung," sagte erilnb wozu zweckloses Grübeln ub:r geschehene Dinge?

6ie lenkte ein und wurde ruhiger.Es ist nicht zwecklos. Hellmut. Es ist ein Suchen nach Klarheit de« Em. findens Was du da vorchm I äußertest: über Gerts Schöntuerei mit g-bgeu- lieber Selbstlosigkeit ich glaube, das trifft auch in diesem Falle zu. Dazu kommt seine Erob-° rungssucht und vielleicht noch ctnxiS: das allzu : leichte Spiel, das er mit mir hatte. Ich gab mich so, tote ich bin. Ich hatte den Menschen lieb und oerb-vrg es nicht. Ach ja, es mag mancherlei zusainmengefl ff en sein was ihn ver­anlaßte. mit mir zu brechen. Wohl auch meine Armut. Gewiß, auch Frei)e ist arm wie ein Kirchenmäuschen. Aber wollt« er sie denn hei­raten? Rein er wußte schon damals, daß ihre Mutter das nie zugeben würde. Sie war ihm im Augenblick nur Mittel zum Zweck. Er wollte mich loswerden und da kam ihm die Tvazik ihres Schickals grade zurecht, um ich ihr als tröstender Apostel zu nähern. Es war ein grausames Spiel und das frerge/fe ich ihm nie!"

Sie setzte sich wieder. .Sorge dich nicht. tellmut, sagte sie in gleichmäßig klingendem entfall .daß mich wieder die Rerven fortieißen könnten.' Es kommt ja zuweilen wie ein We.ter- fdjfag wie ein Aufruhr in der Ratur aber es ist vorüber . . Die Lösung ergab sich von felbit. Es war em langsames Absädelln. Er ver.mch- ILssigte mich. War er in Groh-Ponar, so lieh et kaum noch etwas von sich hören, schließlich schrieb er auch nicht mehr. Sein letzter Brief war die Antwort auf meinen Wunsch nach E.ft° schcidung Eine sehr luftige Antwort, ein spa ig:r Brief voll netter Wendung m, aphori tt ch, s ch- findig gewollt gei treich und desba.b lävpt'ch. Hit der Schluhkadenz: der Flirt mit mir fei d ch zu reizend gewesen, um ihn durch eine Hella $u verbürgerlichen. DaZ war das Ende m iner j ersten und letzten Leidenschaft. Vergißt man so ' VfcafcT 1

.Du kamst darüber fort," entgegnete Hell­mut, .das ist wichtiger als das Vergessen."

.Gewiß," gab sie zu, .ich komme über das Herzeleid fort. Ich bin ja kein Schwächling. Man geht nicht mehr in ein Kloster, wenn man sich lebendig begraben will. Ich hatte mein Stifts- anrecht auf Wesenburg. Ein Jahr lang na m ich den Kampf mit meinen Rachteulen auf. Kein Vergnügen bei der ewigen Rör eisucht der allen Jungfrau. Aber ich siegte. Als ich herkam. bitte der Administrator, der vorige, die Macht in den Händen, stähl wie ein Rabe und 1 gte der Do­mina gefälschte Quittungen vor. Ich kam laE> hinter seine Schliche und lieferte ihn dem Staats­anwalt aus. Meine Huchlwoiberchen waren schließlich doch froh, daß ich mich der Geschichte cmrehmen wollte aber als der Konvent zu­sammentrat. gab es vierer Zwi tracht uite. d n Parteien. Die Taten vom Stamme M'yding waren natürlich für mich, die Hora chen cr lirten, ich sei noch zu jung, um mit der Würde der Reise das Stift zu vertreten. Run griff ter Onkel in Groh-Prnar, immer gefällig, ein. Er schlug vor. die beiden Tanten Amanda das ist die mit dem Stock chnupfen, und Gundesch n. dos ist die Lahme, zu stellvertretenden Aeb.issin:en ernennen zu lassen, und darauf biß ihr Ehrgnz an. Sie dürfen nun das Stiftstreu-i auf der Herzseite tragen, ab:r weiter tun sie nichts."

Die Arbeit bleibt dir,' schallet« Hell mut ein. 'Bleibt mir. und es ist mir aui) lieb so. EZ ist eine gewaltige Arbeitslast, es ght alles durch meine Hände. Aber es ist ci.re gesunde Askese und eine vornehm? Tugendübung. Ich bin hier die Herrin. Ich brachte auch Leben tn die Bude ich habe meine Lemuren aufgekratzt, »»im letzten großen Manöv r wimmelte es an Schloß von Offizieren die Wesenaurg steht jetzt im Mittelpunkt der Geftlligke.t, wir geben Diners wir geben Gartens.ste. wir hatten auch einmal'den Rrgmten hier, es ist ein tergnug es Kloster qetocraen. und selbst m inei ältesten Rönnen fährt Lebenslust tn das Geb in, toe.in hie Sporen der Dr.mnschweiger Huterei durch die Zimmer flirren und die Defraaren einen Kranz um 'ie bilden. Allerdings, den Romilcin zuliebe kommt man wohl taunt auf die Wesen- burg. Aber ich frabe einen vorzüglichen Koch.

und im Stifiskeller lagern noch Weine, von denen Onkel Hora meint, sie verdienten besungen zu werden . . . Doch nun dein Auftrag, Hellmut. Wir follen bei der Hochzeit Gerts zugegen^ lern'?

Man bittet darum. Es ist fonjl niemand geladen. Es wär' auch umnöglich. Die Trauung findet vermutlich am Krankenbett Thedas statt."

Alexe lächelt bitter, kein Lächeln der A gen, es war nur ein rissiges Zucken um die Winkel des Wundes.

Oft es nicht ekelhaft?" fragte sie.

Hellmut hob die Schultern.Ein kluger Hantel, nichts weiter."

Die Aebtifin senkte den Kopf. Ihr Mienen­spiel tourte starrer, tie Brauen fliegen zu .nun­ter, ein sinnendes Fältchen grub sich in die schöne Wölbung der Stirn.

lllnd gleich nach der Trauung, sagte sie und wiederholte:Richt wahr, gleich nach der Stauung tr.tt Gert seine Reife nach Ehina an?"

Ja. Lexe. Flitterwochen gibt es in dieser merkwürdigen Ehr nicht!"

Wie lange bleibt er in Peking?

.Ich weiß es nicht, aber sicher zwei Jahre oder länger. Möglich auch, daß der Tod seiner Frau ihn früher zurtickrufll

Armes Weib! Wclhe Komödie! Aber wenn sie nun nicht stirbt, Hellmut? ..." Ein lauern­der Blick, voll bezähmter Dämonie, tair aus der Tiefe ihrer Augen den Bruder . . .Ich be­fragte den Stiftsarzt, den alten Wagner, er hat Theda auch einmal behandelt. Der lag e, es lei eines jener Grenzleiden, gegen de die Wissen­schaft fast machtlos fei. Ein Zurückbleiben der Entwicklung aus rätselhaften lllr'achen. Thrda ist heute noch Kind. Rur die Staut selbst kann da helfen. Sagt Wagner. 11 nb auch noch an.er Gefahren, wenn die Qiatur zu sturmi ch ch: Recht verlangt. Ich weiß nicht, ob du mich oerttef/L Gleichgültig! Jedenfalls spricht nichts gegen de Möglichkeit einer Genesung Thedas. Und dann ..."

Sie unterbrach *ich und stimmte den Ton ab. Sfaft du dch in Groß-Ponar schon einleben kön­nen? "fragte sie.

.Ich bin erst zu kurze Zeit drüben, entgeg­nete Hellmut.Es ist da viel zu tun, doch ich schaff' es Es ist ganz ähnlich wie hier, es ist I

arg gewüstet worden. Vorläuf g habe ich mich im alten Inspettorhause eingerichtet und führe da meine eigene Wirtschaft. Ein paar Möbel habe ich mir aus dem Zusammenbruch retten können

Auch deine berühmte MarkeTchammlung?"

Auch die. Die Gluubig.r vertannt^n ihren Wert. Aber ich war schon nahe daran, sie frei« händig zu verkaufen."

Hellmut, das hattest du kaum überlebt!

Schwer genug wäre es mir geworde.,. Doch da finb noch allerhand Läppertchllden . . . Karmst du mir ein paar Kröten leihen, Alexe?

Versteht sich," entgeg etc sie im> feite sich an ihren Schreibtisch, um eine Antoc-i u g aus u« füllen. Dabei sprach sie toeirtr:Dei e Samm­lung hat hohen Wert. Verkaufe sie nicht. Du hängst an der Spielerei. Sie ist dein Sorgen­brecher.

WenigsteTTs eine Adsenku-g von der Tages­arbeit. Auch nicht nur Spielerei . . . Er nahm die Anweisung und küßte Alexe die Hand . . . Tauseird Dank, Schwesterherz. Ich zahl dir die Summe in Raten zurück."

Es eilt nicht . . . Sie stand ein paar Schritte halb'eitwarts vor ihm. In ihcem Dttck log aufmerksame Beobac^ung. Sie must rie ihn. Durch die Fenster fielen schon Dämm rtch .tten des Abends. Run erhob er sich, und sie schien zufrieden. Er war gut gewachsen, eine Reuer- figur, und hielt sich im Ba m seiner selbst. Das schmale Gesicht nicht bedeutsam, doch aon vor­nehmer Prägung. Die Augen sehr hübsch, von dem Dunkelgrau der Meydti gs, das sich g tegent- lich aufhellen und auch fast schwarz werden konnte. Aber die Züge ein wenig ernt Sei, gleich­sam matt geworden unter einer La t Leiner und großer Sorgen.

Höre, Hell. sagte ste,du mußt einen dicken Schlußstrich unter alles Gewesene ziehen. Du hast wacker genug gekämpft, um uns den letzten nicht gerabe üppigen Rest des alten Farnllien- besitzes zu erhalten. Daß du unterlagst, war nicht deine Schuld.

Ich war immer ein Pechvogel," klagte er.

(Fortsetzung folgt)