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Nr. 208 Erstes Blatt

N4- Jahrgang

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

Druck und Verlag: Brühl'fche Univerfitätr-Vuch- und Steinöruderei B. Lange tu Sieben. $d)riftieitung und Geschäftsstelle: Zchulftraße 7.

Garantiepakt oder Schiedsgericht?

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohne jedeVerbindlichkeit. Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örllichS, auswärts 10 Goldpfennig; für Re­klame-Anzeigen D.70mm Breite 35 Goldpfenniq Platzvorschrift 20*/o Aus. schlag. - Verantwortlich für Politik u. Feuilleton: Dr. Friedr. Will). Lange für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den Anzeigenteil: HansDeck, sämtlich in Gießen.

Donnerstag, 4. September 1924

Herriot

empfing in seinem Hotel mehrere Journalisten, pflieö er erklärte, er habe den ameritani»

Erleichterungen im Verkehr mit dem besetzten Gebiet.

~~ Paris. 4. Sept. (WTB.) Wie Havas aus Düsseldorf meldet, hat General De -- goutte in der Absicht, seinen Wunsch zu zeigen, daß die wirtschaftliche Einheit Deutsch­lands so frühzeitig wie möglich und auch in so weitem Umfang als möglich wiederherge­stellt wird, am 3. September einen Erlaß veröffentlicht, durch den der Autoverkehr vollkommen freigegeben und das Ge- leitscheinshstem für Personen, die sich aus dem unbesetzten in das besetzte Gebiet be­geben, beseitigt wird.

Der zweite Abschnitt beginnt am 22. September. An diesem Tage tritt die deutsche Gesetzgebung im besetzten Gebiet wieder in Kraft.

Die interalliierten Zolltarife werden aufgehoben. Die Bestimmungen über den Transit verkehr durch das besetzte Gebiet treten außer Kraft, so daß mit diesem Tage die deutsche Zollfreiheil wieder vollständig hergestellt ist.

Der leitende Zoll ausschuh für Ein- und Ausfuhrbewilligung und die M i c u m werden weiterhin in iXm ihnen unterstellten Bezirken die Dewllligungen für das besetzte Gebiet erteilen. Jedoch sind für die Erteilung der Bewilligung und die Zahlung der Gebühren die deutschen Gesetze mahgebend. Das Ende der Ucbergangd- Periode ist der 22. September 1924, an dem das interalliierte Zollregime vollständig aufgehoben wird. Es ist natürlich, dah das Inkrafttreten die­ser Mahnahmen abhängig ist von der Verwirk­lichung und der Aufrechterhaltung der im ßow- doner Protokoll festgesetzten Bedingungen. Schließ« lich ist noch zu bemerken, dah die für das In­krafttreten dieser Bestimmungen angegebenen Da­ten abgeändert werden können, wenigsteni in bezug auf den zweiten Zeitabschnitt.

Beseitigung der französischen. Kulturpropagnnda im Ruhr­gebiet.

Düsseldorf. 4. Sept. (WTD.) Der Nachrichten -Dienst", h.rausgcgeben durch den französischen Pressedienst irt Düssel­dorf, stellt mit der heutigen Nummer sein Erscheinen ein. Gleichzeitig gibt der franzö­sische Pressedienst bekannt, daß die f r an - zösischen Lesesäle in Düsseldorf, Essen. Dortmund, Witten und Recklinghausen ab 4. September endgültig geschlossen werden. .

Das Problem der Genfer Dölkerbundskonserenz. Die ersten Besprechungen zwischen Macdonald und Herriot.

schen Vorschlag über ein Sicherheits­abkommen geprüft und mit dem amerikanischen Delegierten besprochen und er hvfse, die Ver­handlungen mit ihnen fortsetzen zu können. Nähere Angaben könne er nicht machen, denn Frankreich, das den Frieden und die Verständigung wolle, habe alles Interesse daran, vorsichtig vor­zugehen. lieber seine Rede am kommenden Frei­tag in der Völkerbundsversammlung machte Her­riot folgende Angaben: Ich werde die allgemeinen Gedanken der französischen Delegation Vorträgen, und die Delegation, die nach meiner Abreise Hier bleibt und deren Bedeutung und Zusammensetzung Sie kennen, wird die Fragen dann weiter bearbei­ten. An Frankreich liegt es, mit gutem Willen und im Geiste der Verhöhnung seininLondon begonnenes Werk fortzusetzen, das ist eine Aufgabe, die viel Arbeit, viel Heberlegung und im Interesse des Friedens viel Sammlung und Ruhe erfordert.

Auf die Frage deutscher Pressevertreter, ob Herriot Deutschlands Eintritt in den Völkerbund im Interesse Frankreichs für wünschenswert halte, erklärte der französische Ministerpräsident, diese Frage sei verfrüht und er wünsche, vorsichtig zu sein.

Eine solche Frage konnte man eher am Ende der Konferenz beantworten. Auch seien in Deutsch­land Kundgebungen erfolgt, die ihm kein Ver­gnügen bereiten. Die mit großer Zurückhaltung abgegebene Erklärung des Ministerpräsidenten, der den meisten Fragen vorsichtig a u s w i ch, bat1 im allgemeinen den Eindruck hinterlassen, dah ein Ergebnis der englisch-französischen Be­sprechungen, wie auch der ameribcmi'che.r Einwen­dungen auf Regelung der Sicherheitsfragen bis heute nicht vorliegt und auch in den Reden der beiden Ministerpräsidenten vom Donnerstag und Freitag kaum endgültig zum Ausdruck kom­men dürste, so dah noch bis zur Abreise der Ministerpräsidenten über die Richtlinien für die Weiterarbeit in Genf verhandelt werden dürfte Don Interesse war auch eine beiläufige Bemer­kung Herriots, wonach von i talieni s cher Setze keine Schwierigkeiten zu erwarten sind. Auch der englische Ministerpräsident

Macdonald

empfing heute abend zwischen 10 und 11 Uhr die Pressevertreter aller Länder, die gegen­wärtig in Genf weilen. Die zwanglosen Mittei­lungen und Qlnttoorten auf die ihm gefielt en Fragen bewegten sich in folgender Richtung: Das Problem der Sicherheit ist ein äußerst schwie­riges Problem und bevor man irgendwelche Ver­pflichtungen in dieser Frage einreht, muh man genau prüfen, was unter Sicherheit zu verstehen ist und es müsse die Frage auf ihre wahre D i m e n s i v n' tm Jntereste des Friedens zurück- gesührt werden. Der Völkerbund, der die gröh'e Friedenshoffnung vor allem der kleinen Staaten fei, dürfe nicht gefährlichen Prüfungen ausgesetzt werden, denn, wenn er zusammenbräche, würden wir vor einer neuen Kriegsgefahr stehen. Macdonald erblickt das W.sen der Frie­densgarantie im Ausbau des Schiedsver­fahrens, wobei es Sache der Juristen sei, das Verfahren und die Instanz festzusiel len. Die Menschheit werde sich an den Gedanken gewöhnen müssen, ihre Streitfälle dem Schiedsverfahren zu unterbreiten, das die einzige Sicherheit für die Aufr«hterhaltung des Friedens sei.

lieber seine eigenen Vorschläge verweigerte er die Auskunft mit dem Hinweis auf seine mor­gige Rede, ging aber wiederholt auf den Ge­danken einer internationalen Ab- rüstungskonferenz ein unter Beteiligung Amerikas. Auf die Frage, wie er die Lage auffaffe, die dadurch entstanden sei, daß ein gro­ßer Teil Europas bereits entwaftnet sei, er­klärte er, daß diese in den Friedensverträgen fest- gesetzten Entwaffnungen ausdkLcklich im Hinblick auf die allgemeine Entwaffnung ge­dacht waren und daß England alle Bestimmun­gen der Friedensverträge, und nicht nur diese oder jene Bestimmungen zu achten und durchzu­führen gedenke. Ebenso fei die Aeberweifung der militärischen Kontrolle an den Völ­kerbund im Friedensvertrag von Versailles fest­gesetzt worden. Rach seiner Ansicht über den Bei­tritt zum Döllerbund beftagt, erklärte er, er hoste auf den deutschen Beitritt wie auf den Rußlands.

Die Deutschnationalen nach der Schlacht.

Eine Unterredung mit einemFührer der deutschnatioualen Reichstagsfraktion.

Alle Behauptungen und Gerüchte, die als Folge der geteiltenHaltung der deutsch nationalen Reichstagsfraktion bei der Abstimmung zu den Londoner Vereinbarun­gen von einer Spaltung der Partei sprechen, gehen von falschen Voraussetzungen aus und wer­den binnen kurzem widerlegt sein. Wer die Entwicklung der Dinge innerhalb der Fraktton kennt, wjrd den Gedanken an eine Spaltung der Deulschnationalen Volkspartei als völlig un­begründet von sich weisen. Alle verantwor­tungsbewußten Mitglieder der Partei werden ge­rade jetzt an der

Geschlossenheit der Partei festhalten, weil von ihr ganz wesentlich abhängt, daß die Partei nunmehr auf dem Wege, den sie beschritten hat, in der äußeren und inneren Politik die Ziele erreicht^ welche sie sich gesteckt bat. Diese Ziele kann sie nur erreichen, toenn sie in der Reichsregierung ihren Einfluß mit dem.nötigen Nachdruck zur Geltung bringen kann. Das kann aber nur geschehen, wenn sie als große Partei einig und geschlossen dasteht. Nach den Be- sprechungen, die stattgefunden haben, ist anzuneh« men, daß dieser Einfluß der Deutschnationalen Dollspartei im Reichskabinett in kurzer Frist in die Erscheinung tritt.

Ich persönlich stehe nach wie vor auf dem Standpunkt, daß weder Industrie, noch Handel, noch irgendwelche beteiligten Kreise die Lasten, die uns das Sachverständigen-Gutachten auferlegt, auf die Dauer tragen können. Aber die deutschnatio­nale Reichstagsfraktion gibt sich der Hoffnung hin, daß es gerade ihrem Einfluß im Reichs- kab inett gelingen wird, bald eine

Nachprüfung der deutschen Leistungsfähigkeit gegenüber den Lasten des Sachverständigengut« achtens und des Versailler Vertrags überhaupt zu erreichen.

Es ist möglich dah durch die Annahme des Sachverständigengutachtens und die in Aussicht gestellte Anleihe die Not der deutschen Wirtschaft im gegenwärtigen Augenblick um etwas gemil­dert wird. Aber schon dabri bleibt von vorn­herein fraglich, ob, unter welchen Umständen und in welchem Umfange die Anleihe für die deutsche Wirtschaft nutzbar gemacht werden kann. Namentüch ist es außerdem zweifelhaft, wieviel von der Anleihe tatsächlich unserer Wirtschaft zugute kommt, da dec Betrag der Anleihe zu einem großen Teile dazu verwendet werden muh. um die uns für das erste Jahr auferlegten 2te- parationszahlungsverpflichtungen zu erfüllen.

Wenn sich die außen- und innerpolitischeo Verhältnisse überhaupt günstig entwickeln sollen, ist die

Annahme der Zollvorlage unbedingt erforderlich, und es ist daher bedauerlich, dah es durch die Deschluhunfähigkeit des Reichstages am Sonn­abend unmöglich geworden ist, diese Vorlage schon jetzt vor dem Wiederzusammentritt des Reichs­tages in einem Ausschuh gründlich durch-^be­raten, so dah sie hätte rasch verabschiedet werden können. Es wird nunmehr nicht zu um­gehen sein, dah der Reichstag nicht, wie vorge­sehen war, erst Mttte Oktober, sondern schon Ende September wieder zusammengerusev wird, um die Vorlage rm Ausschuß beraten jj können, zumal ihre baldige ßrlebigung schon des­halb dringend erforderlich ist, weil vorher Han- delsvertragsverHandlungen mit Frankreich und Belgien überhaupt nicht geführt werden können.

Erscheint täglich, außer Sonn- und Feiertags, mit d. Samstagsbeilage: GießenerFamilienb lätter Monats-Vezugrpreir:

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Der Generalagent.

Paris, 3. Sept. (WTD.) Aach einer amt­lichen Mitteilung hat die Reparationskommis­sion den amerikanischen Zinanzanwalt Gilbert zum endgültigen Generalagenten für die deut­schen Zahlungen ernannt. Gilbert hat sich bereit erklärt, bas Amt zu übernehmen. Der Generalagent wird sich erst im nächsten Mo­nat nach Europa begeben und fein Amt erst im Dezember endgültig übernehmen, nachdem er genügend mit seinem Vorgänger Young Füh­lung genommen hat.

Die Arbeit

des Generalagenten.

Eine Unterredung mit Owen 2)ouiig.

Paris, 3. Sept. (WTD.) DerExcel- fior veröffentlicht eine Unterredung mit dem vorläufigen Generalagenten für die deutschen Zahlungen, Owen V v u n g, der u. a. erklärte: Ich habe auf allen Seiten Vertrauen ge­funden sowohl bei den Führern der alliierten Regierungen, als auch bei der deutschen Re­gierung. Ich reise heute abend nach Berlin und bleibe dort während der Aebergangs- zeit der Durchführung des Dawes-Planes. Diese Aebergangszeit wird meiner Ansicht nach nicht länger als f ü n f W o ch e n dauern. Dann kehre ich nach Paris zurück, um dort mit den nach dem Dawes-Plan vorgesehenen Kommissaren mich zu besprechen, und in enger Zusammenarbeit mit der Reparationskommis­sion werden wir dann ein gemeinschaft­liches Arbeitsprogramm für die Durchführung des Planes aufsetzen.

Ich habe den Deutschen in keiner Weise ein Hehl daraus gemacht, daß es meine feste Ab­sicht ist was im übrigen mit dem Geist und mit dem Buchstaben des Dawes-Planes, den die Deutschen aus freien Stücken angenommen haben, in Einklang steht sie bis zur äußersten Grenze ihrer Leistungs­fähigkeit zahlen zu lassen. Dagegen habe ich ihnen aber auch versichert, daß ich mich nichtsdestoweniger energisch dem wider­setzen werde, daß dieser kritische Punkt über­schritten wird. And ich werde mein Wort halten!

Die Koblenzer Konferenz Freigabe von Wohnungen. Abbau der interalliierten Behörden.

Koblenz, 3. Sept. (WTB.) In den gestri­gen Verhandlungen zwischen den Vertretern der Reichsregierung, besonders des Ministeriums für die besetzten Gebiete, sowie den Regierungen der besetzten Länder von Preußen, Bayern, Hessen, Baden, Oldenburg und der Rheinlandkom­mission teilte Oberkommissar Tirard mit, daß die Rheinlandkommission in den nächsten Ta­gen die Verkehrsbeschränkungen zwi­schen dem unbesetzten und dem besetzten Gebiet beseitigen würde.

In der Stadt Koblenz sind in der letzten Zeit 3 0 0 Wohnungen von den F aa- zosen freigegeben worden, wettere werden folgen, da nunmehr die Besatzung diese Woh­nungen selbst bezahlen muh. Auch über den Abbau der alliierten Behörden wird verhandelt, die feit dem Ruhreinbruch ihre Tätig­keit in dem all- und neubesehten Gebiet entfaltet haben, ebenso über eine Aeberlettung dieser Stellen auf die deutschen Behörden. Für die Verhandlungen der einzelnen Fragen finb Unter­ausschüsse gebildet worden, die tagsüber mit den verschiedenen Behörden, abends in ge­schlossener Sitzung verhandeln. Die deutschen Re­gierungsoertreter rechnen mit einem längeren Aufenthalt, da die Verhandlungen voraussicht­lich lange anbauem werden. Dem Vernehmen nach sind sie von dem Deainn d»- Verhandlungen durchaus befriedigt. Heber den Abbau des interalliierten Zollregimes werden jetzt bereits in der Öffentlichkeit folgende Einzelheiten bekannt: Die Umarbeitung des Zoll­wesens wird in zwei Zeitabschnitten erfolgen. Der erste Zeitabschnitt beginnt am 10. September, an welchem Tage die Erhebung von Zollgebühren bei der öffentlichen Zollgrenze eingestellt wird. Das Regime der Zu- und Ablaufsbewilligungen hört mit diesem Tage auf. An der östlichst Zoll­grenze werden nur noch an den Hauptbahn­höfen Zollposten beibehalten, solange die für das besetzte Gebiet gellenden Zolltarife nicht dieselben sind, wie für das übrige Deutschland, d. h. also bis zum 22. September. Den Kaufleuten im un­besetzten Gebiet, welche durch das besetzte Gebiet hindurch Waren ins Ausland ausführen, wird empfohlen, diese beim Passieren der östlichen Grenze quittieren zu lassen, damtt diese aus­geführten Waren beim Uebergang über die äußere Landesgrenze nicht verwechselt werden mit Waren, die aus dem besetzten Gebiet flammen. Waren aus dem besetzten Gebiet unterliegen nämlich noch bis zum 22. September den alliierten Vorschriften über den Außenhandel.

Die letzten drei Tage der laufenden Woche werden in der Völkerbundsversammlung einen Zusammenprall internationaler Gegensätze brin­gen, wie er noch auf einer Konferenz sich ereig­nete. Schöne Reden und Höflichkeitsbezeigungen dürfen darüber nicht Hinwegtäuschen. Das Ringen -wischen zwei völkerrechtlichen Weltanschauungen spitzt sich zu einem ganz persönlichen Duell zwi­schen Herriot und Macdonald als den Matadoren der beiden Hauptententemächte zu. Frankreichs Feldgeschrei heißt Garantiepakt «Pakt der gegenseitigen Anterstühungs. Englands Losung lautet: Schiedsgericht (mit dem Aus­blick auf Abrüstung). Welche Auffassung wird siegen? Als Macdonald von London abfuhr, richtete er an die versammelten Journalisten die Pilatusfrage: Was ist Sicherheit?Die Sicher­heit eines Volkes wird ittcht immer nur von außen bedroht. Ich kenne Völler, deren Sicher­heit viel eher durch ihre innere Politik bedroht wird als von bösen Nachbarn." And dann:Papierene Garantien sind keine Sicherheit: sie führen dazu, dah die Völker inner­halb zehn Jahren wieder bis an die Zähne bewaffnet sind und daß sie dies für das einzige Mittel halten, den Frieden zu wahren." Nach Macdonalds Ansicht ist ein Doranschreiten auf dem Wege der Schiedsgerichtsbarkeit die einzig mögliche Methode, um vorwärts in der FriÄ>ens- bewegung zu kommen. Eine gänzliche oder teil­weise Abrüstung denkt sich Macdonald nur als Ergebnis späterer Weltkonferenzen. Damit (ft das englische Programm deutlich Umrissen, und es ist schwer zu finden, woher Macdonald noch diebesondere Heberraschung" hernehmen will, von der man im Zuhörer raum des Reformcttrons- saales munlfelt.

Die Frage ist, ob Macdonald mit sei­ner strengen Able hnun g des Garan- tiepaktgedankens der französischen Diplom a t ie gewachsen i st. Englische Blät° ter, die gewohnt sind, ihrer Regierung stets die Wahrheit zu sagen, wie z. B. derManchester ©uarbtan, behaupten, die französische Startmann­schaft sei diesmal in weit besserer Form als die Engländer. Herriot sei jq nur der Steuermann. Die starken Ruderer seien Driand, einer der gerissensten Staatsmänner Europas, dann Bour­geois, der erfahrenste Parlamentarier des Völkerbundes, und Paul Bvncour, ein Meister in der Kunst der ikberrebung. An diese reihe sichLoucheurals Vertreter des neuen verdienst­hungrigen Frankreichs, und im Hintergründe die­ser Delegation ständen die großen Debattenkünst­ler © ar rau t und de Iouvenel (von diesem flammt ja der Entwurf des Garantiepakts). Kurz und gut, gegen eine solche Truppe, die die Aus­lese der französischen Diplomatie darstelle, könne die britische nicht auftommen. Man wird ja sehen. Unterdessen haben die Amerikaner, die zwar am Völkerbund nicht beteiligt sind, aber wie in London die Fäden des Marionettenspiels in der Hand zu hallen scheinen, die Zwischenlösung des Generals Dl in die Debatte geworfen. Sie wurde am 29. August dem Völkerbundsrate über- reicht. Tasker H. Dlih ist der Vertreter der Ver­einigten Staaten im Obersten Kriegsrat der Alli­ierten. Seine Mitautoren: Professor James T. Shotwell und D. Hunter Miller, der Rechtsberater der amerikanischen Friedens dele- gation. Diese drei nichtamtlichen Diplomaten nennen ihren Entwurf echt amerikanisch und rabifal:Das Verbrechen des Angriffskrieges". Alle Angriffshand- lungen, auch wenn sie nicht zum Kriegszustand führen, ebenso die Vorbereitung zu solchen An- grifsShandlungen werden verboten. Der Inter­nationale Gerichtshof entscheidet auf Anzeige, ob Angriff vorliegt i^no verfügt auch sofort verhü­tende Maßnahmen Die Strafen: Acht und Bann, Vkvckade, keine Anleihe, kein Kriegsmaterial, kein Rechtsschutz. Unb: Sanktionen! Das Wort Hingt wohl ganz besonders bedenklich in deutschen Ohren. Aber es ist zu beachten, daß die Ameri- Liner in letzter Stunde ihren Vorschlag in diesem Punkte geändert haben. Nach Art. 8 Abs. 1 soll­ten die Sanktionen nicht nur den angreifenden Staat, sondern auch dessen Angehörige (national) treffen. In der neuen Fassung werden im An­griffsfalle nur die wirtschaftlichen und rechtlichen Beziehungen zu dem betreffenden Staate abge­brochen. Aber wo ist da die Grenze der Ein­wirkung. Die Amerikaner werden sich darüber noch deutlicher äußern müssen.

Die Genfer Verhandlungen.

Die Aussprache über den Ratsbericht wurde heute nachmittag beendet. Der geringe Anteil an der Eröffnung der Aussprache erklärt sich begreif­licherweise damit, daß die meisten Delegierten zunächst die großen Reden von Macdonald und Herriot am Donnerstag über die Sicher- heitsftage abwarten wollen, bevor sie das Wort ergreifen. So bildeten auch heute bereits, trotz­dem sie das Wort nicht ergriffen, die beiden Mi­nisterpräsidenten den Hauptanziehungs­punkt.