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gL 285 Zweites Blatt

Gießen und Wieseck.

Diese Frage, die wir mit unserem Artikel in ylr. 222 erneut in den Vordergrund des ötfent- ufien Interesses rückten, hat die weitgehende Anteilnahme aller Dürgcrkreise m Gi.ßen und Wieseck gefunden. Vicht nur aus der in unserer Vr. 229 abgedruckten Zuschrift eines Wiesecker Gemeinderats und aus den in unseren Ja. 246 und 256 veröffentlichten Antworten auf unsere Rundfrage, wozu wir eine verspätet ein- gegangene weiter unten noch nachtragen, sondern ebenso deutlich, ja noch eindrucksvoller auS den persönlichen Unterhaltungen gewinnt man in bet» Den Gemcrnten den Eindruck, daß hier eine An» gelegenheU berührt wurde, deren grobe Beteu- hmfl kür beide Gemeinwesen nicht verkannt wird. G r u n d s ä h l l ch e r Widerspruch gegen die Stvabenbahnverblndung GiehenWleseck ist denn auch nirgends laut geworden, und er würde ja fctn. weil eben die Gesetze der wirt- gastlichen Entwicklung und der Zwang zur Gr» TüUunfl von Lebensnotwendigkeiten für beite Ge- mclrtben aus alle Fälle stärker sind, als ein Wille, ber sich nur au» den Gesichtspunkt des Kirchturms emft eilen wollte. Was jetzt an Bedenken zu hören war und ist, gründet sich aus Erwägungen, die sich auS der gegenwärtigen wirtschastlichen Ge» gntlage ergeben. Diesen Bedenken möchten wir heute einige Worte widmen.

3*Dn Personen, die in Giehen mit zur Ent­scheidung der öfsentlichen Angelegenheiten berufen sind, wird geltend gemacht, die Stadt stehe jetzt vor außerordentlich drängenden großen Aufga­ben denen der Vorrang vor dem angeregten Stra- venbahnbauprojekt gebühre. Sie verweilen dabei namentlich aus die große Votwendigkeit eines neuen Schulhausbaues und auf die Unauffchieb- üarfeit der Verlegung und Erweiterung unseres Gaswerks. Beide Projekte seien mit so gewaltigen Ausgaben verknüpft, daß daneben einstweilen kein Daum mehr blNbe für andere Unternehmungen. Auf der andern Seite aber sei die kommunale Steuerkraft bereits so stark in Anspruch genom«* men. daß weitere Belastungen hier nicht in Be­tracht kommen könnten. Wir bezweifeln die Dring­lichkeit des Schulhausbaues und die Votwendigkeit einer möglichst schnellen Beseitigung unserer Gas» werksschmerken keinen Augenblick. Es fällt uns auch gar nicht ein, über die starke Inanspruch­nahme unserer kommunalen Steuerquellen mit einem leichten Achselzucken hinwegzugehen. Aber trotz alledem sehen wir die Dinge doch nicht so schwarz, wie sie von manchen anderen Kommunal­politikern betvachitel werden. Freilich ist zuzugeben, daß die Lösung der Finanzsrage bei all diesen neuen Ausgaben nicht leicht sein wird. Jedoch vor diesen Schwierigkeiten darf man nicht schon zurückschrecken, bevor man ihnen überhaupt zu Leibe gegangen ist. Drß mancher (Siebener Stadtvater heute noch zögert, sich entschlossener als bisher für den angeregten Stvaßenbahnbau nach Wieseck einzusehen, ist wohl nur darauf zu­rückzuführen, dab die bei der diesjährigen Haus­halts beratung für Anfang Oktober von der Stadt­verwaltung gewünschte Uebersicht über den Stand der städtischen Finanzen, insbescndere über den Steuereingang gegenüber den Voranschkigsziffern, bis jetzt noch nicht in die Hände der Stadtverord- neten gelangen konnte. Infolgedessen hatten diese bis jetzt nicht die Möglichkeit, sich ein einwandfrei fundiertes Urteil über die derzeitigen finanziellen Fähigkeiten der Stadt und die sich daraus er­gebenden Folgerungen für die Zukunft zu bilden. Beachtet man jedoch, daß Ministerialdircktvr U r - stadl kürzlich öffentlich aus eine sehr gute Finanz­lage des Staates hinwies und dab am Mittwoch auch bei Abg. Dingeldeh hervorhob, die Steuern des Staates hätten weit mehr als ver­anschlagt ergeben, und vergegenwärtigt man sich weiter, dab die Sreuerpolitil der Gemeinden im groben und ganzen doch dein staatlichen Dorbilde folgte, währeitd die Ausgaben in grober Linie gesehen wohl auch im gleichen Verhältnis stehen, so wird man zu dem Schluß kommen, daß die (Siebener Finanzverhaltnisse mindestens nicht ungünstig sein werden: eine A rnahme, mit der wir übrigens der Verewigung der hohen Steuersätze nicht das Wort reden wollen. Als Beweis für eine vertrauenSwürdige Lage unserer Finanzen Bann man Ja auch z. D. den Erwerb des Hardthof es und den Kau» des .Einhorn" durch die Stadt an- sehen, wobei übrigens auch mal öffentlich betont werden soll, dab diese Käufe nicht etwa au^ baren Betriebsmitteln der Stadt bestritten wurden, son­dern auf dem Anleiheweg ihre Deckung fanden.

(Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gdechessen)

3n diesem Zusammenhang mub jedoch darauf hia- qetoickn werden, daß die Anleiben der Stadt doch erst bann gewährt wurden, nachdem sich die Geldgeberin davon überzeugt hatte, dab die Finanzlage der Stadt dieses Vertrauen recht» fertigen kann. Aber man mub noch weitere Ge­sichtspunkte beachten. Es wird von keiner Seite vorgeschlagen oder auch nur stillschweigend er­wartet, daß (Sieben allein die Kosten dieses Baues tragen soll. Der Wiesecker Gemeinderat hat ja auch in seiner Sitzung vom 7. Vovemter. über die wir in unserer Vr. 264 vom 8. Vovenibrr berichteten, betont, daß Gießen das Kapital für diesen Bau .selbstverständlich nicht allein aufzubringen habe". Die grund­sätzliche Bereitwilligkeit der Wiesecker zur Mil- ftnanzierung des Unternehm ai übrigens na­türlich eine Selbstverständlichkeit! liegt also vor. Es wäre nun vor allen Dingen wichtig und interessant, zu klären, welche Beisteuer man in Wieseck leisten will. Ferner ist darauf hinzuweisea, daß diese Anlagekosten beim normalen Gang aller Dinye doch gar nicht zu Lasten der laufen­den Betriebsmitteleingänge. d. h. der Steuer­zahler beider Gemeinden gehen würden, sondern dab hierfür nur der Anleiheweg in Betracht käme. In diesem Falle würde es sich aber doch um eine toerbenbe Anleihe handeln, deren Zinsen- und Tilgungsdienst selbstverständlich aus dem Betrieb des Unternehmend zu bestreiten wäre. Hierbei spielt nun die Frage der Rentabili­tät der Linie eine mobgebenbe Rolle. Die Wirt­schaftlichkeit dieser Verbindung wird man wohl nicht bezweifeln dürfen, wenn man sich des täg­lichen starken Arbeiter- und Passantenverkehrs herüber und hinüber erinnert, und wenn man ferner mit in Betracht zieht, dab auch von Alten-Buseck. Beuern usw. her noch mancher Verkehr, z. D. insbesondere an Markttagen, hin- zukommen wird. Was bann für eine dauernd gute Frequenz ausschlaggebend fein würde, wäre in der Hauptsache ein guter Verkehr der Wagen und eine geschickte Tarifpolitik. Wir übersehen bet dieser Betrachtung der Frage der Kapi- tolairfbrrngung selbstverständlich auch nicht, dab die Stadt zur Durchführung des Schulhaus- und des Gaswerks-Unternehmens mit einer starken Anforderung an den (Sdbmarft, unter Umstän­den sogar an den ausländischen, heran tret en mub- Aber wir sind doch der Meinung, dab die großen Anleihepläne durch die viel geringere Geldaufnahme für den Straßenbahnbau in keiner Weise beeinträchtigt werden könnten. Erfreulicher­weise macht sich ja auch in neuerer Zeit ein starker Auftrieb des Sparsinns in den breitesten Volksschichten bemerkbar, der vielleicht einer Sparkasse die Möglichkeit böte, (Sieben und Wieseck für dieses werbende Unternehmen Geld zu leihen, so dab man mit dieser Anforderung vorn groben Geldmarkt fernbleibcn könnte. Alle diese Ucberlcgungen geben uns, wie schon oben gesagt, Anlaß, die finanziellen und wirtschaft­lichen Möglichkeiten zur Schaffung der Stra- ßenbahnw-rblndung GießenWieseck doch günsti­ger einzuschätzen, äls es bisher von anderer Seite geschehen ist.

Schließlich noch ein kurzer, beispielgebender Hinweis. Frankfurt a. M, das vielfach gern nachgeahmte Vorbild in großen kommunalen Din­gen, schickt sich jetzt an, seine Vorortgemeinde Griesheim a. M. in sich aufzunehmen. Die Verhältnisse zwischen Frankfurt und Griesheim sind fast genau dieselben, wie die zwischen (Sie­ben und Wieseck, vielleicht nur mit dem Unter­schied, dab Wieseck auf Grund seines Land- und ForstbesiheS finanziell doch noch leiftungS- fähiger ist als Griesheim. Was tut Frankfurt a. M.? Es will vor allem sein Straßenbahn- netz von der jetzigen Stadligrenze bis nach GrieSheim hinein durch'ühren, um natürlich den Verkehr unb damit auch den wirtschaftlichen Vorteil für die Frankfurter Geschäftswelt so­weit wie möglich in breitem Mabe zu sich her­überzulenken. Sollte dieses Frankfurter Beispiel, in der allemeuesten Zeit dargetan, uns nicht eine gute Lehre sein?

Antwort des Ltadtv. H. Kirchner, Vorsitzender des Vvangel. Arbeiter­vereins und 2. Vors. des Verkehrs- Vereins Oiehen:

Im Besitze Ihrer gefl. Zuschrift äußere ich mich zu den beiden Projekten wie folgt:

Die Frage der Eingemeindung W i e s e ck s ist m. G. heute noch nicht fpruch-

rej, sie wird aber wohl außerordentlich gefördert durch die Verwirklichung te£ anderen Projekts: Dau einer elettrifchen Bahn Gie­ßenWieseck.

WaS die Durchführung dieses zuletzt er­wähnten Projekts b tr.fit, fo unterliegt es teinem Zwo fei, daß durch die Erweiterung des Straßen- bah'.neheS und Schaffung e.ner Cime (Sieben Wieseck die Verle. sverhällnifie günsti er ge­staltet und unter allen Umstanden eine Belebung der wirtschaftlichen Beziehungen eintritt. Dieser Umstand berccht gl aber nicht, die Frage der Rentabilität eimS berartigen Unternehmens außer acht zu lassen. Ich we ß nicht, ob die in Wieseck wohnenden, in Gießen beschäftigten Arbeitnehmcr, die doch wohl den Hauptausschlag geben sollen, die Bahn dauernd so benutzen, daß sich der Betrieb einigermaßen rentieri. Müssen aber größere Zuschüsse geleistet werden, so ist d e Derw.lklichung des Projekts von oornberem schwierig. Inwieweit die Gemeinde Wieseck in der Lage ist, zu den Kosten der Anlage eines der­art gen Untern hmens und der ständigen Unter­haltung dcS Betriebs größere Mittel aufzubrin­gen, entzieht sich meiner Kenntnis, für die Stadt G.eßen dürfte es bei den nicht sehr günstigen Filianzverhältnissen schwer sein, derartigen großen Problemen, die zweifcll s w it'.ehen e Beach.urg verdienen, zur Verwirklichung zu verhelfen. Aller­dings hat die Stadl in der letzten Zeit, durch besondere Verhiltnissc gezwungen, einige größere Anwesen kauf Ich erwarben, die hierzu cckorter- lichen Mittel müssen aber durch Anleihen auf­gebracht werden.

Selbst aber bei einer Besserung der Finanz­lage unserer Stadt darf nicht außer Acht ge­lassen werden, daß noch eine Reihe anderer, lehr dringender Projekte aus Verwirllichung harren. Ich denke dabei an die Erweiterung deS Gaswerks, die sicher nicht mehr allzulange hinausgeschoben werden kann, die Schaffung ge­eigneter Räume für Schulen, deren derzeitige Unterbringung in hygienischer Hinsicht teilweise sehr viel zu wünschen übrig läßt, usw.

Trotz alledem ist anzunehmen, daß sich die Stadt etwaigen Anregungen, die auf eine Ver­besserung ter Derkrh'.s erhältnisse GießenWie- seck hinzielen, nicht verschließen und in eine er­neute Prüfung der Fixrge eintreten wird. Ich persönlich würde selbstverständlich eine baldige Verwirklichung dieses Projekts begrüßen.

Preisabbau bei der Keichspost.

Dem Verwaltungsrat der Deutschen Reichs­post sind für die im Dezember sta«findenden Tagungen Vorlagen wegen Ermäßigung der Post-, Telegraphen- und Fernsprechgebühren zu- gegangen.

Die Postgebühren im Inlandveriehr ent­sprechen im wesentlichen schon den Vorkriegs- sähen. Im Auslandverkehr ist eine Her­absetzung der Gebühr für den einfachen Brief auf 25 Pf., für die oft forte auf 15 Pf. in Aus­sicht genommen.

Für den P ost sche ckverkehr ist außer einer wesentlichen Ermäßigung der Zahlkarten­gebühren eine beträchtliche Herabsetzung ter Aus- zaßlungsgebühren vorgesehen dergestalt, daß die Steigerungsgebühr für Barauszahlungen von 1 vom Tausend auf 1/2 vom Tausend tes Scheck- betrag- und für bargeldlose Auszahlungen von V< auf Vie vom Tausend tes Scheckbetrags er­mäßigt werten soll. Ferner sollen, was beson­ders für die Auszahlung niedriger Beträge von Bedeutung ist, die Gebühren künftig nicht mehr auf 5 Pf., sondern nur auf 1 Pf. aufgeruntet werten. Auch die bisherigen hohen Gebühren für telegraphische Postanweisungen und im Zusammenhalt damit die Gebühren für tele- grapßische Aufträge tes Postscheckverkehrs werden durch die Vorlage wesentlich verbilligt.

Weiter wird beabsichtigt, die Wortgebühr für Telegramme im Fernverkehr von 15 auf 12 Pf. herabzusetzen. Eine Ermäßigung der Gebühr auf 10 Pf. ist wegen tes damit ver­bundenen hohen Eirmahmeausfalls zur Zeit leider nicht möglich. Um aber den Wünschen der Oefsentlichkeit noch weiter entgegenzukommen, soll im Telegrammverkehr eine V ayzone auf 75 K m. En t f ernung miDeiner Wortgebühr von 8 Pf. eingeführt werden. Die Wortgebühr für Ortstelegramme wird von 71/2 Pf auf 6 Pf. und für Brieftelegramme von 10 Pf. auf 6 Pf. ermäßigt. Die Vebengebühren im Tele- graphenverkehr sollen im allgemeinen auf die

Mittwoch, 3. Vezemder 192-)

Friedens (ätze zurückgeführt werden. Bri den Stan dungsgebühren wird 'ter Wegfall ter gebühr von 7$. Pf für jedes Telegramm vor- geschlagen, so daß für die Stundung noch noch 2 v. H teS Rechnungsbetrags zu erheben sind.

Die Ermäßigung ter Fernsprcchgebüh ren soll sich aut die Gesprächsgebühren bn Orts verkehr und hn Fernverkehr und auf die Ein richtungSgebühren erstrecken, außerdem sollen die Gebühren für das Aufgaben von Telegrammen durch Fernsprecher ober* durch Reben:elegraph ganz wegfallen Die OrtsgefprächSgedüht von 15 Pf gilt jetzt nur für die ersten 100 Ge­spräche im Monat. Bei den Überschießenten De sprächen ermäßigt sich die Gebühr von 100 zu IOO Gesprächen um 1 Pf.; alle Gespräche, die die Zahl 500 im Monat übersteigen, kosten 10 Pf Künftig wird die Ermäßigung um je 1 Pf schon in Stufen von 50 zu 50 Gesprächen statt finden, so daß ter 10 Pf.-Satz bereits bei Ueberschrellung ter Zahl 300 eintritt. Eine Verbilligung ter Orts- gesprächsgebühr für die ersten 100 Gespräche läßt sich nicht ermöglichen, weil die Selbstkosten bei Verwaltung erst gedeckt werten, wenn ein Teil­nehmer etwa 125 Ortsgespräche hn Monat führt. 65 v. H aller Teilnehmer erreichen diese Ge­sprächszahl nicht. Bei Herabsetzung ter monat­lich zu zahlenden Mindestgesprächsgebühr würde der Zugang an un rentier lieben Tilnehmem noch höher ansteigen. Aus diesem Grunde wurde auch eine gleichmäßige Gebühr von 13 Pf. für alle Orisgesprää-e nicht durchführbar sein.

Die Ermäßigung der Ferngesprächs- gebübren setzt bei Entfernungen über 50 Am. ein. Die Gebühr für Entfernungen von 50 bis 100 Km. (z. D BerlinFrankfurt (Ober), er­mäßigt sich von 1,35 auf 1,20 Mk. 3n den wetteren Stufen beträgt der Vachlaß 30 Pf. so daß z. B- em Gespräch BerlinDresden statt 1,60 Mk künftig 1,50 Mk. und ein Gespräch BerlinHam­burg statt 2,10 Mk. künftig 1,80 Mk- kosten wird. Auf Entfernungen bis 50 Km. hat die Herab­setzung der Geoühren unterbleiben müssen, weil der damit verbundene Einnahmeausfall nicht tragbar fein würde.

Die bei Herstellung neuer Fernsprechernrich- tu regen als einmalige Gebühr zu zahlende E l n- richtungsgebühr wird bei Haupbmschlüssen von 90 Mk. aus 80 Mk. und bei Vebenstellea von 60 Mk. auf 40 Mk herabgesetzt. Für dir bei den Haupt stellen erforderlichen 2lp parate zum Anschließen ter Vetenstellen (Anschluß organe) soll die Einiichtungsgebuhr je nach der Gröhe der VebenstcllenanlL^en statt 40 Mk. nur 30 Mk. oder 25 Mk. betragen.

Besonders willkommen wird den Tellnchmerr fein, daß sie ihre Telegramme künftig den Telegraphenanstalten durch Fernsprecher übermitteln können, ohne für die Vieter- schrift eine Gebühr zahlen zu müssen: bisher wurde für jedes Wort 1 Pf. erhoben.

Die Gebührenänderungen sollen im wesent­lichen am 1. Januar in Kraft treten; die neuen Orts- und FerngesprächSgcbühren kennen jedoch wegen ter nötigen umfangreichen Vorberei­tungen für den Betrieb erst vom 1. Februar an erhoben werden.

Hochschulnachrichten.

Don ter LanteSunitersität Gießen.

LU. Der ordentliche Professor für neutefta- mentlidje Theologie an unserer Universität D. Karl Ludwig Schmidt hat einen Ruf an die Universität Jena erhallen.

Der außerplanmäßige außerordentliche Pro fesfor für Philosophie an unserer Universität Dr. Kurt Koffka wurde von der Cornell Univer- fitt) in Ithaca, V. 3., U. S. QL, für das akade­mische Jahr 1924/25 zum acting Professor os rducation ernannt.

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Gratis- Weihnachts-Dosen

Niederlagen in allen Stadtteilen

Q ff An der Spitze stehen

Krügerol-KE;

mil denTonhuepfuch wirkenden Zusatz,

Gießener Konzertverein.

Das 3lmnr«Ounrtctt.

Konzeckvererne, die eine Monopolstelung inne haben, übernehmen damit auch gleühzeitig die ver­antwortungsvolle Qtufgabc, durch den Wechsel ihrer Qluffübrungcn em getreues Qlbbild des gesamten Musiklebens zu geben, durch die Aus­wahl ter ausführenden Künstler für die Gesamt­heit zu entscheiden. Gewisse Deg^-emüchkeit des Publikums alS auch ein fanatisches Singeschwoven- Jein für bestimmte Richtung«, terleiten gar leicht zum Festhalten an bewährtem Althergebrachten, während eS doch Psl.cht des Hörers wäre, s^ch mit dem Problemen ter Gegen wart, mit ihrem Ringen und Suchen auseinarwei^usehen.

Die Moderne ohne weiteres abzulehnen, würbe teichämend fein, solange man nicht selber die Werk? und ihre Tendenzen tennt. Völlige Zufrimmung ist vielleicht auch nicht immer von­nöten, wohl aber ein Wille zum Verstehen. Denn auch die Künstler ter Gegenwart und auch Ser jüngsten Vergangenheit sind Suchende und ehrllch Ring<mte, abgesehen von den sich überall finden­den Epigonenianera.

Reaktionen gegen das Althergebrachte hat es schon von jeher m ter Musckgeschichte gegeben. Die Musck, in den testen Iahrhmrdarten erst zur völligen Entwickllmg gelangt, hat darum auch weniger Gelegenheit zur reaktiven Aeuße'-ung gehabt, da die gestaltenden Kräfte immer in F.utz imö Bewegung geblieben waren. Erst nachdem eine gewisse Höhe ter Entwicklung erreicht war und em Zeitalter nicht mehr vernwchte, in den historisch gewordenen Formen Veues zu gelen und zu schaffen, da suchte man am Material zu ändern.

Die der Melodie innewohnenden Gesetze: Leit- tomxrbältni«, Motivbildung u. a. m._ die also fvrmb.ldend und formschaffend waren, wurden geleugnet. An Stelle überlieferter Schlußformeln, Kreirggesetzmäßiger Führung Jkr Akkorte, trat Line An< in 'n der r ,'ihu ag trän Tönen, die sich von

dem Formbrltenden lossagte: und wohl oder übel mußte uns solche Tonmasse, die sich von dem für uns traditionell und gefühlsmäßig Gewor­denen losgelöst hatte, fürs erste fonnlos und unverständl ch erschetrTen: die Spannmgsruhe- tunftc und -abschnitte, die Gliederung in Mo­tive, verschwanden. Erst längere, bewußte Ein­stellung tonnte zu verständnisvollem Anhören solcher Musck bringen. Das all hergebrachte Alkordmalerial dünkte dem Schaf enden zu ein­fach, für ihren Ausdruck unzureichend, 51 ab­gegriffen; sie verlangten nach neuen, schärferen, sinnlich erregenden Mitteln. Jede D.ssonin; war, führte man sie althergebracht zur Konsonanz, ein formb.ltender Bestandteil. Lieh man jede Rück­sicht auf die F)vm fallen, so erhielt man tn den Dckioncmzen Klänge an sich, deren Ausdrucks­wert nicht abyu[?ugnen war. Aber die rmmtt fortschreitende Verneinung jedes Wvhlllang^s an sich führte immer weiter fort von einem Hören im akkord-mäßigen Sinne, die Zufammenklänge war­ten immer mehr zu Zu°al!Sharmonien (wenn man noch von solchen sprechen kann), zu Begegnungen ter sich völlig selbständig bewegenden horizon­talen melodischen Linien. Der Klang wurde immer mehr auf die sinnliche Kraft tes Tones an sich aufgebaut, wurde zum Snergismas einzelner Töne, einzcllier Linien.

Die allen, überlieferten Morte erscheinen durch hinzugefügte, väl.ig ackord rernte, ja. man könnte sie sogar als akkordfeinditche Töne be­zeichnen. in einem ganz neuen Bcechungs lichte. Hindemith verbindet z. D. im dritten Satze keines Quartetts zu Anfang völlig heterogene Akkorde (Cello und Bratsche bringen pizzicato den A-SJur- Aklord pianissimo, dazu das plastische Thema in der 2. Violine in ODur). Durch den gedämpf­ten Hintergrund erscheint das C-Sur in völlig neuer, psychischer Spannung: denn die Psyche setzt die beiten Komplexe zueinander in Be­ziehung, die Melodieführung wird von den Aus­strahlungen tes tegle-.tenten A-'Dur-Akkerds neu gespannt, neu beleuchtet: daher die überaus nervcn^ei.;ente, völlig fesseinten Klänge für den, der sich für s're um= und emzustellen vermag.

Im Vordergründe tes Intevestes stand Paul Hindemiths 3 Streichquartett (C=5>ur op. 22), das seine Uraufführung am 4. Vovember 1922 in Donaueschingen erlebte. Die einzelnen Sätze sind auffallend kurz gehallet, episodenhaft, aber dennoch geschlossen in ch.er Form. Die Arli- tolat-onskraft des M.Modischen verleugnet er nicht, oft erscheinen die Themen durchaus vvllstümllch Har, aber das Brechungslicht, in dem Hrntemikh sie gibt, zergt ihn als den modernen Ringenteir und Könnenden. Was unserem Ohr schon als alttägl'ch vorkam, weil wtr zu sehr daran ge­wöhnt waren, ter reine Dreiklang, das erscheint bei ihm in moderner Beleuchtung. Welche Aus­druckskraft ist ihm rm örittlctjten Takte des dritten Satzes eigen! Starke, rhythmische E'.ergren, lyrische Stimmungen in sublimiertester Feinheit wechseln miteinanter.

Mit einer schwebend-zartcu Kanttlene der Geige führt Hintemith das Fagato tes ersten Satzes ein, die Bratsche tritt dazu, ein Zwie- gcsang edlefter Zarth it In der weiteren Darch- fübrung steigert sich das Ganze in leidenschast- licher Entladung das Fagato verklingt lyrisch ppp. Der 2. Satz mit rhythmischer Gespanntheit (unisono aller Instrumente), 5 < 3/4«=, 8/e-, 2/4*2aRc im Wechsel aber aus diescm Ungetümen Aufbraufen löst sich ein gra­ziöses Thema, das nach seinem Berklingen wie! er zum ersten Thema füh-t, bjesmal fugiert, noch- mal-ges verklärtes Eriche!ne-.l des zweiten Themas das erste Thema steigert sich vom p zum fff unisono bis zum Fine. Der dritte Satz ist ein Meisterstück polyphoner Kunst, vvil tounte.barer Zartheit und einheitlich geschlossener Stimmung. Der vierte Satz mit scherzhaftem Charakter führt zu einem Rondo. Graziös wird das Hauptthema eingesührt, die erste (teige nimmt das erste Seitenthema auf. führt es durch vom Eello the­matisch beantwortet. Vach Wietekehr tes Haupt­themas ein zweites Sritenthema, das erste Se ten- thema Hingt wieder an, das Hauptthema führt zum Schluß, Reminiszertzen des Hauptthemas im Cello, verllingende Triller in ten drei oberen Instrumenten, ein Pizzicato, bis-Dur-Akkord,

hier von unendlicher Leuchtkraft ter Anfangs­takt des Hauptthemas un fono sine. Gin stacker Eindruck, vi lleichl ter stärkste, ten ich b sher von Hind mithschen Weck n erhallen bäte; wohl nur möglich bei solch überlegener, fein- geistiger Wiedergabe. Ein Könner mil stacker Potenz, eine phärwrnenale polyphone Begabung!

Die ersten Takte des nachfolgenden Schu­be r t s ch e n Es-SurQuartettd fortenen in ihrer Einfachheit eine starke Umstellung Viel­leicht wich die Interpretatton durch das Amar- Quartett auch etwas stack von ter üblchen Art ab. Schuberts lyr sche Beschaulich eit erhielt durch die spezifisch ei^rgistifch-rhythmifche Einstellurrg eine andere Beleuchtung Das primäre Klang schwelgerische büßte von seiner Urkraft ein andererseits bestätigt diese Aaftassung die per sönliche G.staltungskrast dieser modern emgelte^ ten Künstler. Ist zur Darstellung ter Wecke unserer großen Altmeister solche Einstellung be­rechtigt? Vur soweit, wie das historische Sttl- gefähl nicht breinträchttgt wird und das urmufi» kallsche Gut keine Einbuße erleidet.

Den Abschluß b stete Debussys 0-MoN- Quartett, em Weck das immer mehr gewinnt, je öfter man es hört, und je mehr die Einstellung fockschrecket. Während Hindemity schon wieder ten Weg zur strengen Form gefunten h't, war De­bussy seinerzett ter Auflöser ter Firmen Er geht nur einzelnen Stimmungen nach, verneint ten traditionellen, flreng logischen, architektoni­schen Ausbau. So hastet all fernen Werten etwas episodenhaft Zerslatterntes an. Zu einer ge­schlossenen einheitlichen St mmung ringt er sich im Andantino durchs da bietet er neue Farben Lmienkunft mit feinen, falten Alkordklängen.

Daß die Einstellung tes Amar-Qnartetts ganz vom modernen Standpanll aus g sch eh'., ist bei friner Z sommensrtzang durchaus rerständlich; nur die subtilste, fernste Durcharteitung kann dem modernen Wecke gerecht werten, und so ist es um so mehr zu begrüßen, daß wir Gelegen­heit hatten, das Weck desVaters tes Impressio­nismus" in dieser Ausführung hören. -m-.