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Donnerstag, 5. Zuli 1924

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger sürGberhesfen)

M.154 Zweites Blatt

land verboten. Aber das kann der Derichterstat- tung nur förderlich sein, denn er wird mit Harem Blick erkennen, was dort betrieben wird., er wird auch nichts doppelt sehen und wird nicht eine primitive Reparaturwerkstatt für landwirtschaft­liche Maschinen, in der sich zwei kleine Drehbänke, drei Bohrmaschinen, eine Shapingmaschine und horriblle bictu sieben Schraubstöcke im Gesamt­wert von 15 959 Ml. befinden, für eine Waffen­schmiede von riesiger Gröhe halten. Auf eine kleine Bedingung unsererseits wird der Berichterstatter sicher gerne eingehen. Eintausend Schweizer Fran­ken soll er vor Antritt seiner Reise bei einem Schweizer Bankhaus deponieren, und die hat er zugunsten armer Ruhriinder verloren, wenn sich herausstellt, dcch 'er sich bei seiner Berichterstat­tung an denTemps"geirrt hat; findet er dagegen seine Behauptungen bestätigt, so hat die Firma Krupp als Sühne für ihren Frevelmut 100 000 Schweizer Franken dem gleichen Zwecke zu­zuführen."

Der Roggen blüht früh dies Jahr! Riecht es nicht herrlich? Wie Brot!" sagten zwei Männer zueinander, die durch die abendliche^ Felder schweiften.

Immer heißer brannte die Sommersonnr, immer schwüler lasteten die Rächte. Morgens hingen blitzende Tautropfen an der schlanken Rehre und strahlten wie Märchenperlen. Die Blüte war verwelkt. Aber in der Roggenähoe schwoll und schwoll es. In allen ihren Herz­kämmerchen bildeten sich süfte Kern:, die nach außen einen feinen, spitzen Spieß sandten, tote um Diebe abzuschrecken. Die Feldmäuslein guckten immer eifriger nach oben und wehten die zier­lichen scharfen Zähnchen.

Der Aehre wurde das Haupt zu schwer. Sie neigte es und lieft es hängen, schweren Segens voll. Golden wurde der Schaft, golden wurde, sie selber. Sie versank wieder in ahnendes Träu­men, daft ihr etwas Trübes bevorstände.

Sensendengeln schreckte sie auf. Da kamen Männer in weiften Hemdblusen mit braunen, schweißnassen Gesichtern. Sie hatten Stäb: mit blanken, krummen Messern dran. Die schwangen sie im Dogen um sich, daß die Halme zischten und jäh umsanken.

Zisch-klirrl machte es eben durch die schöne, hohe Aehre Ein harter, kalter Schnitt ging unten durch sie hindurch'. Auch sie sank um in Lod und Vergessen.

Heute brachte dir der Bäcker ein frisches, braungoldig gebackenes Brot. Wie köstlich es Duftet! Wie herzhaft, wie einladend! Da ist das Korn mit drin, das die schöne Aehre trug. Da sollst du ihr Bild wieder sehen, wie sie sich jm Sonnnerwind neigt und wiegt, im wogenden, goldnen Roggenfeld.

Das ist das Lied der Saaten.

Das ist das Lied der Saaten, Erfüllt von Zukunft ganz: Jugend will Traum und Taten älnd einen Siegerkranz!

Doch wenn erst in den Aehren Das Korn die Halme neigt, Ist's Güte und Gewähren, Was in dem Felde schweigt.

Ernst Theodor Müller.

Körnlein in weicher warmer Muttererde und wartet und träumt. Oben Über die Felder geyen schm die Herbststürme und grämlicher Regen greint jeden Tag hernieder. Das Körnlein hört es pcchen wenn die Tausende und Abertausende: von Tröpfchen auf die Erde trommeln. Da wird es ihm, als müßte es sich dehnen. Im tiefsten Innern' erwacht ihm ein dunkler Gedanke, und der flüstert ihm zu:Treiben, treiben! Steck' Füßchen heraus und bohr' dich- ins liebe Mutter­land!" Da streckt es ganz vorsichug winzig- kleine weiße Fäßchen nacft unten heraus. Hoho, das ist aber fein! Qlun steht's nachmal so fest. Run wird's kühn und will auch nach c^en trete ben nach oben, ins Licht, in die Sonne!

'Ein feines, gelbes Spihchen bricht da aus seinem Kopf und bohrt und bohrt, bis ihm mit einem Male was Kaltes ums Rüschen bläst. Huhu duckt es sich erschrocken,das ist ja gar­stig!" -- Aber es wird bald reister und reckt'sich höher Lind nun sieht es Licht die hellgoldigq Senne und läßt sich wohlig küssen von ihren warmen Strahlen. Aus dem Gelbschnäbelchen ist ein Grünschnabel geworden der schon ganz frech dem Rovemberwind Trotz bietet.

Da eines schönen Tages kommt etwas Weiches. Weißes von oben herab. Millionen weißer Sternchen. Sie bleiben auf dem Boden liegen und bilden bald eine dichte, wollige Decke. Ihr nehmt mir ja Licht und Luft! Ihr sperrt mich von der lieben Sonne ab!" Da wispern die feinen Schneestimmchen:Sei still und schlaf 'ein! Es wird jetü bitterkalt droben. Da hüllen wir dich warm ein, Damit du nicht zu Tode frierst."

Da schlief es ein. Wie im Traum hörte es die Ehristnachtsglocken durch, die Luft gehen, dann Die Reujahrsglocken. Dann verging eine lange

Immer noch französischen Schutz für Landesverräter.

Im Rovember 1923 hatten verschiedene be­herzte Männer versucht, die Separatisten aus den widerrechtlich besetzten Amtsgebäuden in Düren zu vertreiben. Der Versuch mißlang, weil fran­zösische Truppen eingriffen. Die Franzosen ver­hafteten die deutschen Beteiligten, nämlich den Schuhpolizei-Oberleutnant Köllner und sieben andere Personen. Das französische Kriegsgericht in Bonn verurteilte den Köllner in den letzten Tagen aus diesem Anlaß wegenStörung der öffentlichen Ordnung", Paßvergehens und ver­botenen Waffentragens zu insgesamt 18 Monaten Gefängnis und 1000 Mk. Geldstrafe. Die sieben übrigen Angeklagten, welche die Franzosen nach und nach gegen Sicherheitsleistung aus der Unter- uchungshaft entlassen hatten, waren zur Der- ßantlung nicht erschienen. Das Gericht Verurteilte sie in Abwesenheit zu je fünf Zähren Gefängnis ur?D 1000 Mk. Geldstrafe.

Die Franzosen gehen also auch jetzt noch mit den schärfsten Strafen gegen die deutschen Män­ner vor, die sich an der Abwehr des Separa­tist enputsches beteiligt haben. Die Parteilichkeit der Franzosen tritt hierbei um so krasser vor, als sie umgekehrt den deutschen Iustizbehörden jede Strafverfolgung gegenüber den Separatisten selbst wegen gemeiner Straftaten planmäßig unmöglich machen.

Dafür folgende Beweise:

Der frühere separatistische Ch^f der Gendar­merieabteilung Sp:yer und Eintagsprä.ident der separatistischen Regierung Kuhn, der w gm ver­schiedener Betrügereien und Urkundenfäl chungen auf Grund eines Haftbefehls vom Am.sgericht Heidelberg verhaftet worden war, mußte auf Vera nlassung der französischen Be­sah ungsbehördewie der freigelassen werden.

Koblenz, 2. Juli. (WTD.) Die vom Schwurgericht in Trier wegen Widerstandes g-gen Polizeibeamte und wegen vorsätzlicher Tö­tung des Kellners Marx zu mehrjähriger Zuchthausstrafe verurteilten Kruse und Gvetz, die an der Separatistenbewegung in Trier beteiligt waren, sind dieser Tage auf Anordnung der Rheinlandkommis­sion in Freiheit gesetzt worden. Jede we i t e r e V e r s o l gu ng des Verfahrens wurde von der Rheinlandkommission untersagt.

Krupp in Rußland.

Don der Firma Krupp erhalten wir fol­gende Zuschrift:

Die französische Presse zu überzeugen, daft wir nicht in irgendeinem verborgenen Winkel der Erde «Waffen für einen Rach:- frieg schmieden ist nach, unseren Erfah­rungen unmöglich. Mehr als fünf Jahre lang haben wir derartige, immer wieder aus­gestellte Zweckmeldungen dementiert, und wir sind es eigentlich leid geworden, gegen Leute zu streiten, die die Wahrheit nicht wissen wollen-. Was sich jedoch' neuerdings DerTemps" aus Warschau berichten läßt ist so erstaunlich, daft man nicht recht weift, glaubt derTemps" das wirklich, oder will er dafür sorgen, daß- in dieser trüben 'Zeit der Sinn für Humor nicht ganz verloren geht.

Auf einem Terrain von 26 000 Hektar im Donez-Gebiet, das ihm von der Sowjet- regierung überlassen worden ist, wollte Krupp angeblich Musterfarmen errichten. Der größte Teil dieses riesigen Geländes ist bereits mit Eisenhüttenwerken und Werkstätten zur Erzeugung von Kriegsmaterial bedeckt, und diese ver­mehren sich noch, andauernd. Man mache sich klar was das bedeutet! Die Kruppschen Werke in Essen, die nicht gerade zu den kleinsten Der Erde gehören besitzen 120 Hek­tar überbaute Fläche, UnD nun hat Krupp in weniger als zwei Jähren in Rußland bald 26 000 Hektar mit nagelneuen Werk­stätten geradezu gepflastert."

Dieses Vertrauen in die Leistungs­kraft von Krupp ist wirklich ehrenvoll. Aber wir haben unsere Erfahrungen. Wenn wir jetzt sagen, an Der Geschichte ist lein wahres Wort, wir haben in Rußland nicht Drachenzähne, son­dern Roggen und Weizen gesät, so glaubt das in Frankreich kein Mensch. Deshalb wollen wir einen neuen Weg betreten. Hiermit wird der Bericht­erstatter desTemps" von uns zu einer Studien­reise durch unser russisches Pachtgebiet eingeladen. Wir werden unsere Verwaltung in Manytsch an­weisen, den edlen Polen gastfrei und nach Der Sitte des Landes aufzunehmen, wobei er freilich des Wudkis entraten muß, denn dieses Ehemals so beliebte Rationalgetränk ist nunmehr in Ruß-

Zeit. Als es März geworden war, hörte es plötzlich um sich' her flüstern und raunen:Ade, ade die Sonne tut uns weh! Wer müssen ver­gehn. ade, ade!" Da sah das Hälmchen, wie die weifte Schneedecke immer dünner und dünner wurde. Und plötzlich lag das äußerste Halm-- spihchen frei und schnupperte in Die frische Lust. Eben sang hoch oben auf einer schlanken Dorf­pappel eine Schwarzdrossel:Aufgewacht auf­gewacht! Frühling ward es über Rächt!" Da schlugen tausend Blümchen die Augen auf und guckten ganz verschlafen in die Märzsonne

Run ward's immer schöner und wärmer. Grünhälmchen spürte wieder in sich' das Seh­nen höher zu kommen. Es wuchs kräftiger, ent­faltete lange schmale Blätter auseinander. Dann schoß ein Schaft draus Hervor, der erst ein Ge­lenk dann noch eins und noch eins ansehte und üben einen bewickelten länglichen Kolben trug.

Es war schon Mai, und alle Kreatur ju­belte und jauchzte. Käser surrten, Schmetter­linge gaukelten, Vögel zwitscherten, und ganz heimlich steckte die Feldmaus ihr Spihköpfchen mit den zwei Stecknadelkopfaugen zum Loche her­aus und guckte verstohlen zuin Halm hoch, ob noch nicht ... ,

Ha jetzt! Schlank, zierlich geflochten wie ein Iungmadelszopf schälte sich die Roggenähre aus dem hohen Halm wundervoll ebenmäßig ge­wachsen ein Prachtstück. Kerzengrade erhob sie sich unö überragte alle anderen. Zärtlich strei­chelte sie Der warme Iuniwind, daß sie sich' wie im Tanze Hin und her wiegte. Die Sonne strahlt: so wonnig aus blauem Himmelsblust, daß der iungen Aehre ganz taumelig wurde. Da setzte sie die allerletzte Kraft ein und trieb etwas Seidiges, Duftiges aus sich hervor, die Blüte.

Roggenähren.

Den Hans R o t hh a r dt-Steglitz.

Hast du dir schon mal eine Roggenähre rich­tig angesehen? Hast du schon mal beobachtet, tote sie entsteht vom Samenkorn an, bis sie unterm Sensenschnitt dähinsinkt?

Komm, ich will dir's erzählen! Wenn die Felder leer geräumt sind vom goldnen Segen oer Ernte, dann erscheinen bald auf den Drachen kleine' braune Häufchen, die Magd und Knecht mit der Forke gleichmäßig verbreiten. Das ist die Rährung für das Feld, das einen Teil seiner Kraft das Jahr über verbraucht hat und wieder ersehen muß. Kluge Landleute geben dem Feld auch noch' künstliche Rährung, um es recht zum Treiben anzuspornen.

Im silbernen September zieht dann D?r Qfcmer ben Pflug aus seinem Geräteschuppen und bricht das Land um, reinigt es mit Der (Sage und zieht Die Saatfurchen. Dann senkt er das Saatkorn in breitem Wurf hitrein und wälzt die Furchen wieder zu. Da sitzt 'nun das

Die deutschen Frauen und die Kriegsschuldfrage

Wenn im trostlosen Chaos Der von sinn­losen Partei- und Klassenlämpfen erfüllten deut- schen Gegenwart ein Geschehen Den Skep­tiker mit einigem Hoffen auf eine bessere Zu­kunft erfüllen kann, ist es das sichtbare Bestreben der Mehrzahl der deutschen Frauen. Drücken über die Untiefen Dec politischen Leidenschaften zu bauen und dem Wollen des deutschen Volkes einigende Ziele zu geben. Es ist selbstverständlich, daß unter diesen Zielen die Au klärung über und der Kampf gegen die lügenhaften Grundlagen! des Versailler Diktats eine besonders bedeut­same Rolle spielen. Denn das Lösen moralischer, ethischer und kultureller Probleme war von je eine Ausgabe, die von den denkenden deutschen Frauen mit Vorliebe übernommen wurde, und wer Gelegenheit hatte, auf F.auentagungen den Willen Der Teilnehmerinnen zur Aufklärung und Mitarbeit zu beobachten, wer die überaus star­ken geistigen Kräfte gespürt hat. die innerhalb der verschiedenen von Frauen getragenen Ver­bände lebendig sind, wird mit uns bedauern, daft die Teilnahme der Frau an der Lösung der großen Zeitprobleme noch immer auf ein u. G. viel zu bescheidenes Maß beschränkt ist. Wieviel einheitlicher und zielstärker und wieviel weniger gespalten und destruktiv wäre z. D. die I u g e nD beweg ung in ihrer Gesamtheit, wenn die zum Führen berufenen deutschen Frauen und Mütter nennenswerten Einfluß auf sie hätten!

Der obere gekennzeichnete Wille zur Auf- öärung und Mitarbeit war es auch, der den aus Vertretern der großen deutschen Frauenvereine zusammen ges efttenFrauenausschuß zu r Bekämpfung der Schuldlüge" veran­laßte, in den letzten Iunitagen in Eisenach eins Schul ungswoche zu veranstalten. Es fehlt rms leider an Raum, um den zahlreichen Vor­trägen bei dieser Tagung so gerecht werden zu können, wie sie es verdienen, unb wie wir es wünschten. Wir beschränken uns deshalb auf Den nachstehenden kurzen Bericht einer Teilnehmerin aus Gießen:

Eine stattliche Anzahl von Frauen aus allen Tei­len Deutschlands hatte sich in Eisenach zur Schu­lungswoche eingesunden, freundlichst begrüßt von dem Oberbürgermeister und dem Frauenkomitee der Stadt. Ohne Unterschied der Partei, dec Kon­fession und des Standes waren alle von Dem heißen Wunsch beseelt, auch an ihrem Teil bei­zutragen zur Bekämpfung Der Schuldlüge und zur Durchsetzung Der Forderung auf Streichung des schimpflichen tz 231 des Versailler Diktats.

Frau Klara M e nd e, M. d. R., und Frau Rot aus Berlin leiteten die Veranstaltung auf mustergültige Weise: die hervorragendsten Sach­verständigen und Historiker hielten Vorträge: so über die Vorgeschichte des Krieges: Prof. Cavo aus Halle, über die Krise des Sommers 1914 und Die Bedeutung und Behandlung der Schuld- frage: Graf Montgelas, über die militärischen Vorbereitungen zum Kriege und die belgische Frage: Oberst Schwertfeger, über die Schuld im Krieg: Oberftleutn. Donk, über das ringende Deutschtum jenseits der Grenzen: Dr. v. Lösch. Eine Uebersicht über das Friedensdiktat gab Dr. Emmy Dvigtländer. Einige Frauen aus den ge­raubten Gebieten gaben erschütternde Berichte von den Leiden der Deutschen in ihrer einstigen Hei­mat und ihrer Treue zum Deutschtum

Oben auf Der Wartburg fand am 28. Juni die spreng sachliche und ganz von Dem Wunsche zur Einigkeit beseelte Diskussion über die ver­schiedenen Vorträge statt. Die für nachmittags aus der Sängerwiese geplante öffentliche Kund­gebung wurde durch Regen gestört und mußte im Fürstenhof gehalten werden. Die Eisenacher vaterländische Hugend spielte den Urteil und Frau Klara Mende hielt eine erschütternde Ansprache über diesen Schicksalstag des deutschen Volkes.

Den Höhepunkt der Tagung bildete der Sonn- Lagsgottesdienst im Stadtpark. Feldprobst Dr. Schlegel und der katholische Geistliche d'Estant entzündeten durch ihre Predigt in alten Herzen Begeisterung und Den Glauben an Die gute Sache, sie erinnerten Die Frauen an Die hohe Mission, die Gott jetzt ihnen vor allen anvertraut: Der Wahrheit zum Sieg zu verhelfen.

Wie stark die Tagung auf den Willen und die Entschlüsse Der Teilnehmerinnen gewirkt hat, läßt sich in wenigen Worten nicht sagen; hoffent­lich finden Die Frauen aus Gießen, die daran teil- genommen haben, bald Gelegenheit, über Den Deut­schen Frauenausschuß zur Bekämpfung der Schuld­lüge und ihre Erfahrungen in Eisenach einem größeren Kreis zu berichten.

Oberhessische Tagung für evang.- kirchliche Jugendarbeit.

Gießen, 2. Iuli.

Schon heute, nach Dem 1. Verhandlungs'.ag, darf gesagt werden, daß die Tagung für die ganze ev.-kirchl. Jugendarbeit und speziell für die Jugendfürsorge von weitgehendster De^eu ung ist. Es wurde eine solche Fülle von Aufgaben Der Kirche gerade auf Dem weitverzweigten Gebiet Der Fürsorge durchgearbeitet, daß Dem in Die.e Materie nicht eingeweihten Laien schwindeln mochte. Man muß es auf das lebhafteste begrü­ßen, daß diese Tagung stattfindet und man darf sich von ihr größten Erfolg versprechen, wenn alles, was hier im Wort zum Ausdruck kam, auch nach Möglichkeit in die praktische Tat um- geseht wird.

Ra'ch einer Andacht mit Lied und Gebet (Pfr. Decker) erteilte der Vorsitzende, Pfr. Zent­graf, Dem 2. Vereinsgeistlichen Der Inneren Mis­sion, Pfarrass. C l o tz - Darmstadt das Wort zu seinem Vortrag:Die modernen Wohl- fahrtsgesetzeundihreDedeutungfür Die Kirch e". Der Redner hat es verstanden, den an sich reichlich spröden und trockenen Stoff mit Leben zu füllen und Der Kirche die Wege zu weisen. Die ihr hier Dffen stehen. Hat sich nun einmal Der moderne Staat im Lauf der Zeiten zu einem Wohlfahrtsstaat entwickelt, so ist es nur verständlich, Daß er das ganze Fürsorge- Wesen durch Reichsgeseye zu regeln sich bemüht; deren wichtigste sind das Reichsjugendgerichts-, das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz und die Für­sorgepflichtverordnung vom 13. 2. 1924 nebst den dazugehörigen Ausführungsbestimmungen von Reich und Ländern. Dadurch, daß Reich und Länder durch Die finanzielle Lage sich genötigt sahen, weite Abstriche von den Gesetzen zu machen und viele Mußvorschriften in Kannvorschriften um­zuwandeln, bleibt her Kirche für die verschieden­sten Aufgaben ein großes Betätigungsfeld frei. Die Kirche als solche kann aber diese Ausgabe nicht allein lösen, sie bedarf hierzu per Mitarbeit aller evangelischen Kreise; sie müssen sich betei­ligen an der IugendgerichtsHilfe und an dem Jugendamt mit feinen mancherlei Ausgaben: Schuh Der Pflegekinder, Mitwirkung im Vormundschafts- Wesen, Schutzaufsicht, Fürsorgeerziehung Mutter­schutz, Säuglings- und KleinkinDerwohl;ahrt und wie sie alle heißen mögen, ferner an Der Kranken-, Wohnungs-, Kleinrentnerfürsorge, Kindererho­lungsheimen, Speisungen, Küchen uff. Im Rah­men Des Landesverbands für Innere Mission stehen hier Der Kirche die Türen für ganze Auf­gabenkomplexe geöffnet. Unfere Arbeit ist noch lange nicht beendet, trotz allem wollen wir nicht verzagen. Die Aussprache bewegte sich zunächst um eine Erörterung des § 2 der hessischen Aus­führungsbestimmungen, ferner um Die Verbindung vonGlaube" undLiebe", die die Kirche nun vollzogen hat und war durch mancherlei Hinweise aus Der Praxis recht ergiebig.

In Der Rachmittagssihung ergriff zunächst Dekan Roschen- Freienfeen, der Vater Der hes­sischen Dekanatserziehungsvereine, Das Wort zu seinen Ausführungen überD ieIugendfür- forge Der Kirche, wie sie war" und kam nach einer geschichtlichen Betrachtung über die Ent­stehung der hessischen Erziehungsvereine auf Deren Arbeit und Tätigkeit zu sprechen. Aus seiner reichen Erfahrung gab er an Hand ungezählter Fälle und Bilder aus dieser Arbeit einen Heber» blick über die ganze Art und das Wesen und die mancherlei rein praktischen Fragen der Zwangs­erziehung. Was uns zu dieser Fürsorgeerziehung hinführen muß, ist nicht so sehr der Schuh her Gesellschaft, als vielmehr das Mitleid mit der verwahrlosten Jugend, nicht das sentimental- schwätzende, sondern das tätig-christliche Mitleid. Die Erziehung muß eine rein individuelle sein

und hier entstehen die größten Schwierigkeiten, werden vielleicht auch Die meisten Fehler gemacht; denn jeder Schematismus ist hier ganz verkehrt, auch die verwahrlosesten Menschen sind keine Rummern, keine Handelsware. Wir brauchen christliche Familien, die bereit sind, Kinder zur Fürsorgeerziehung aufzunehmen. Wenn Pfar­rer Zentgraf das KorreferatDieIugend- sürsorge der Kirche, wie sie fein f o11" übernahm, so wollte er damit nicht zum Aus­druck bringen, als fei die Arbeit der Dekanats­erziehungsvereine falsch gewesen und jetzt über» flüssig, sondern er wollte die Erweiterung der Arbeit im Sinn des Reichsjugendwohlfahrtsge­setzes Herausstellen. Die Rotstände unter der gegenwärtigen Jugend find enorm, ein Haupt­notstand bildet die Familie: totr brauchen Kleiu- tinherarbeit, Serienunterbringung, Erholungsstät­ten, Waldheime, wir müssen mitwirken bei bet Polizeihilfe, der Bahnhofsmission, dem Melde­dienst neben all Den oben angeführten Arbeiten und müssen überall unsere evangelischen Belange wahren. Freilich erfordern diese Ausgaben gewal­tige Opfer, auch finanzieller Art, aber wenn eS heute möglich ist, daß in Berlin eine Riesensumme von mehreren 1000 Dollars aufgebracht wird, nur um einen Boxer von Amerika kommen zu lassen, so ist Damit der Beweis gegeben, daß Geld vor­handen ist, das für wichtigere Dienste und gerade für das Heiligste, das wir haben, unsere Kinder, flüssig gemacht werden muß. Aus Der Aus­sprache seien besonders die Ausführungen de« Med.-Rats W a I g e r betr. Pshchopaten und des. Dormundschafts- und 'Jugendrichters, Amtsge­richtsrat Gros, erwähnt, die besonders darauf hinwiesen, Daß wir im Verbrecher nicht den Qkrc- brecher, sondern den armen Menschen sehen müs­sen, der nur gar zu' oft ein Opfer falscher Er­ziehung, Der Verhältnisse und UmftänDe gewor­den ist.

Erst gegen 7 Uhr konnte Der Vorsitzende die Versammlung schließen, Die sich besonders am Rachmittag eines reichen Zuspruchs auS allen Schichten erfreuen konnte. Zu gleicher Zeit war im Matthäussaal eine Ausstellung geöffnet, Die eine Menge von Zugend- und einschlägiger, Fachliteratur enthält und mancherlei Ergänzungen zu Den Ausführungen Der Verhandlung zu geben geeignet ist. H

Turnen, Sport und Spiet.

14. DundeSfest

des TurnerbundesLahn-DünSberg"«

Das am Samstag und Sonntag in Wald­girmes abgehaltene Dundesfest des $.33- 2. D. nahm einen sehr schönen und würdigen Derlwls. Rach einem Kommers am Samstag abend be­gann am Sonntag früh um 6 Uhr Der Wettkampf, welcher unter der Leitung des BundesturnwartS © mißt um 12 Uhr beendet war. Einem muster­gültigen Festzug folgten Die gemeinsamen Frei­übungen Der Turner und Turnerinnen, welche als wöhlgelungen bezeichnet werden können. Rach einem Dorspruch von Frl. Paula Schrupp und. einem Degrüftungslied des GesangvereinsLie­der kränz" dankte Lehrer S ch r u p p der Gemeinde für ihre Unterstützung, und verstand es, in ler-; nigen Worten den Zweck der Turnsache her-, vorzuheben. Die Darauf folgenden turnerischen Darbietungen der Tv. Launsbach und 'Waldgirmes sowie die Volkstänze der Tur­nerinnen vom Tv. Wieseck sanden reichen Bei­fall. Der Dorsihende L. Daupert konnte vor Beginn der Preisverteilung mit Recht das 14. Dundesfest des T. D. L. D. als einen vollen Erfolg bezeichnen Bei der Preisverteilung konnte Turn- tixnt W. Schmidt nachstehende als die ersten in Den verschiedenen Stufen nennen:

Oberstufe (Zwölfkampf): Ehrenpreis: W. Hcfmann 211 Punkte (Tv. Lollar), Aug. Best. 208 P (Tv. Waldgirmes), W. Bernhardt, 207 P. (Tv Wieseck) 1. Sieger: Ehr. Rühl, 191 P. (Tv Burkhardsfelden), 2. Sieger: H. Häaßer, 158 P (Tv. Burkhardsfelden), 3. Sieger: W. Stephan, 182 P. (Tv. Gr.°Duseck).

Mittelstufe (Zwölfkampf): 1. Sieger: K. Dechthold 216 P. (Tv. Launsbach), 2. Sieger: Otto Sauer, 206 P. (Tv. Ruttershausen) und Wilhelm Müller (Tv. Launsbach), 3. Sieger: Hermann Rolshausen, 205 P. (Tv. Launsbach).

Lin t erst use (Reunkampf): 1. Sieger: tfv. Deppler 159 P. (Tv. Dorlar), 2. Sieger: K. Pfeiffer" 156 P. (Tv. Gr.-Buseck), 3. Sieger: Rrchard Belten, 154 P. (Tv. Leihgestern).

Altersstufe (Sechskampf): 1. Sieger: H. Frank 109 P. (Tv. Wieseck), 2. Sieger: 2. Hofmann, 107 P. (Tv. Lollar), 3. Sieger: R. Eisenhut, 104 P. (Tv. Wieseck).

Turnerrnnen (Sechskampf): 1. Siegerin: Berta Kümmel, 110 P. (Tv. Wieseck), 2. Siegerin: Sina Simon. 105 P. (Tv. Wteseck), 3. Siegerin: 103 P P. Hildebrand und Anni Schäfer (Tv. Wieseck) Frieda Müller (Tv. Launsbach).