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„Blitzschutz" im Reichstag.
Italiens Minister-Diktator Mussolini hat kürzlich in einer Versammlung faszistischer Abgeordneter erklärt, die jetzige italienische Kammer sei das letzte Parlament, mit dem er zu arbeiten versuche. Wenn es versage, müsse es geschlossen und eine neue Einrichtung geschaffen werden. In D e u t s ch l a n d ist heute wohl mancher geneigt, Mussolinis LIrteil auch über den Deutschen Reichstag auszusprechen. Angesichts der Sabotageversuche des verstärkten Kommunistenorchesters scheint es wirklich so zu sein, daß der Parlamentarismus abgewirtschaftet hat. Die Aeberängstlichen, die sich von den kommunistischen Kindertrvmpeten und Trillerpfeifen einschüchtern lassen, vergessen aber, daß der deutsche Parlamentarismus erst in seinen Anfängen steckt und dah der Kampf um seine gesunde Entwicklung ausgenommen werden muh.
Radauszenen und Sprengungen der Sik- tzungen sind in der Geschichte des Parlamentarismus ziemlich häufig zu verzeichnen. Man denke an das einstige Schreckenskind des englischen Unterhauses, die irische Obstruktion, und an die Skandale im alten österreichischen Reichsrat. Der Unterschied zwischen jenen Störungen und dem deutschen Zustand ist nur, dah im neuen Reichstag links und rechts eine bedenklich stark angewachsene radikale Opposition fitzt, diebewuhtantiparlamentarisch vorgeht, zwei Pole, die sich in tödlichen Funken zu entladen und die empfindliche Apparatur einer modernen Volksvertretung zu zerstören drohen. Es handelt sich also darum, einen „Blitzschutz" zu finden und dieser ist gegeben in einer Reform der Geschäftsordnung.
Die neue Geschäftsordnung des Reichstages, die zu Beginn des Jahres 1923 in Kraft trat, brachte bereits eine bemerkenswerte Verschärfung der Ordnungsbestimmungen. Rach ihnen ist der A u S s ch l u h von den Sitzungen im Falle gröblicher Verletzung der Ordnung erstmalig auf acht Tage und im Wiederholungsfälle auf zwanzig Tage zulässig. Für länger als zwanzig Tage darf die Ausschließung wegen der gleichen Widersetzlichkeit nicht stattfinden. Den betroffenen Abgeordneten steht das Recht flu, schriftlich Einspruch zu erheben, worauf der Reichstag ohne Besprechung endgültig entscheidet. Seinerzeit bei den Ausschuhverhandlungen über die neue Geschäftsordnung war Professor Kahl als juristischer Fachmann und Vertreter der Deutschen Volkspartei über diese allzumilde Regelung hinausgegangen. Er beantragte bei Widersetzlichkeit eines Abgeordneten: Ent- ziehungdeSAusweises und der A u f - Wandsentschädigung sowie Ausschließung auf die Dauer von 30 Tagen nicht nur von den Sitzungen, sondern überhaupt von dem Betreten des Reichstages. Heute geht die Stimmung — jedenfalls in den Mittelparteien — dahin, daß eine abermalige Abänderung der Geschäftsordnung denjenigen Abgeordneten, die sich nicht fügen, die Diäten und die Freifahrkarten entziehen sollte. Das wäre ein wirksames Mittel. Denn wenn die Helden der Parlaments-Sabotage ihren Parteikassen zur Last fallen, werden sie wahrscheinlich von ihren eigenen Fraktionen zur Ordnung gerufen.
. Die Paragraphen der Geschäftsordnung tun es aber allein auch nicht. Es muh eine dem Reichstagspräsidenten stets verfügbare Macht dahinter-stehen. Diese Macht ist in besonders heiklen Fällen heute leider die gewöhnliche Polizei. Wer es eben wieder erlebt hat, wie z. B. der Abgeordnete Ludendorff durch eine kleine Armee von Schupoleuten eskortiert werden muhte, um ungefährdet in sein Auto zu gelangen, der kann sich eine Vorstellung davon machen, wie es aussieht, wenn ein renitenter Abgeordneter aus dem Sitzungssaal herausgeholt werden muh. Wie ist es denn in England, wo man in parlamentarischen Dingen immer noch etwas Iei> nen kann? Dort gibt nach Standing Order 20 der Sprecher auf dem Wollsack in Fällen von Widersetzlichkeit seinem Serjeant-at- A r m S einen Wink. Dieser nähert sich dem Abgeordneten und legt ihm die Hand auf die Schulter. Setzt der Abgeordnete auch jetzt noch Widerstand entgegen, so treten mehrere Unter» beamte (Messengers) zur Hilfeleistung herbei. Ohne Befragung des Hauses kann der
Noch keine Klärung.
Neue Verhandlungen des Reichskanzlers Dr. Marx mit den Deutschnationalen.
Berlin. 3. Inni. (WLD.) Der Reichskanzler verhandelte nach der Plenarsitzung des Reichstags mit den Ve tretern der Deutschnationalen und berief später die Bntt.e.er der M t t t e l p a r t e i e n zu sich. Fast sämtliche bürgerlichen Fraktio,.en beraumten für den Mead noch Sitzungen an. In der Besprechung, die der Reichskanzler in Anwe'enhrit des Ernährungsministers Grafen Kanitz mit den Deutsch- nationalen, Hergt. Schiele und Graf Westarp. Chatte, dürfte, wie in parlamentari- chen Kreisen verlautet, neben der Personenfrage vieder die Zusammensetzung der preußischen Regierung behandelt worden sein. Dabei betonte der Reichskanzler wiederum, dah er eine Einwirkung auf die inneren Angelegenheiten des preußischen Staates ablehne.
Wie aus parlamentarischen Kreisen verlautet, erklärte sich
die Deutfchnationale Fraktion
die gestern abend bis gegen 10 Uhr beriet, mit den Verhandlungen ihrer Unterhändler mit dem Reichskanzler einverstanden und beauftragte sie. die Verhandlungen fortzusehen. Die Unterhändler haben aber, wie man hört, nicht das Recht, ein endgültiges Uebereinkommen selbständig zu treffen. Wie weiter verlautet sind die Mittelparteien der Ansicht, daß die Erklärungen der Deutschnationalen bezüglich der Außenpolitik nach zu unbestimmt sind. Sie haben daher von den Deutschnationalen eine ganz klare Erklärung zur Außenpolitik verlangt, deren Ueberreichung von Len Mittelparteien bis Dienstag vormittag 11 Uhr erwartet wird, da sie eine weitere Verzögerung der Regierungsbildung nicht für möglich halten.
Die Verhandlungen des Kanzlers mit den Parteiführern, die bis in die späten Abendstunden dauerten, haben zu keiner Klärung der parlamentarischen Lage geführt.
Eine Einigung über die Besetzung des Außenministeriums und über die Frage der R e - giei'ungsloalition in Preußen ist zwischen den Deutschnationalen und den Mittelp-ar- teien noch nicht erzielt worden. Die Deut- scheDolksparteisoll allerdings, wenn man emer Meldung des „D. T." Glauben schenken darf den Deutschnationalen insofern entgegengekommen sein, als sie sich damit einver-standen erklärt hat daß das Ministerium des Aeuheren einem Pa r teipolitisch nicht abgestem- peltenDiplomaten anvertraut werde. Auch in der preußischen Frage soll sie dem gleichen Blatte zufolge bereit sein, die deutschnationale Forderung auf Auflösung der Großen Koalition zu erfüllen und in eine Auslösung des Landtags zu willigen. Sollten diese Informationen des Blattes wirklich zu- trefsen so wäre damit doch noch nicht die Frage der Kabinettsbildung gelöst, da die Demokratische Partei gestern ausdrücklich dem Kanzler erklärt hat, für sie komme ein Zusammengehen mit den Deutschnationalen, die einen ausgesprochenen Wechsel des bisherigen Kurses der Außenpolitik verlangten, nicht in Frage. Auch die Z e n t r u m s f r a k t i o n, die 'heute vormittag zu einer Sitzung zusammentreten wird, dürste den deutschnationalen Forderungen nicht Folge Listen Im übrigen haben bei den gestrigen De- sprechungen mit dem Reichskanzler die Vertreter der Mittelparteien übereinstimmend die Ansicht zum Ausdruck gebracht, daß nun endlich mit den Verhandlungen Schlußgemacht werden müsse.
Die Haftentlassungsanträge im Reichstag.
Berlin, 2. 3uni. Präsident Wallraf teilte bei Eröffnung der Sitzung das Ergebnis der in der letzten Sitzung vor genommenen Schrift- sührerwahl mit, gedenkt dann, während sich die bürgerlichen Abgeordneten erheben, des auf den österreichii chen Bundeskanzler verübten Attentats und schloß mit dem Wunsche, dah der hervorragende Staatsmann des befreundeten Reiches recht bald seine Tätigkeit wieder aufnehmen könne. (Beifall.) Ich schließe aus Ihrer Zustimmung, daß ich diesen Wunsch auch offiziell der österreichischen Regierung mitteilen darf.
Als einziger Punkt steht auf der Tagesordnung der Ausschuhbericht über die Anträge auf Freilassung von verhafteten Reichstagsabgeordneten. Der Ausschuß beantragt die E n t l a s s u n g des nationalsozialistischen Abg. Kriebel und der kommunistischen Abge- ordneten Hey de mann, Lademann, Ia- dasch Buchmann, Florin und Schlecht. Drei Fälle, die die drei in München wegen Teilnahme an einer kommunistischen Versammlung ver
hafteten Abgeordneten betreffen, sind vom Ausschuß noch nicht erledigt.
Der wegen des Hamburger Putsches in Untersuchungshaft befindliche Abg. Urbahn soll nach dem Ausschußantrag nicht freigelassen werden.
Abg. Brodaus (Dom.) erklärt, feine F eunde könnt n dem Ausschußantrag auf Hastenltassung des Abg Knebel nicht zustimmen. Wenn Knebel des eit wird und Urbahn in Haft bleibt, so wäre das tatsächlich zweierlei Maß.
Abg Ko en en (Komm): Der Reichstag hat bisher bei allen Gelegenheiten zweierlei Recht angewandt. Unse F.aktlvnsgenosse Mulle r - Kaiserslautern ist vom französischen Kriegsgericht zu fünf Zuhren Gefängnis verurteilt worden weil er zersetzende Arbeit in der französisch' n Armee geleistet hat^e. Von den natronal- so-ialistrschm Maulhelden hat keiner solch nationales Opfer gebracht. (Beisall bei den Kommunisten ) Der reaktionäre französische General d e Metz hat unseren Freund Müller in dem Augenblicke freigelassen, wo er zum Abgeordneten gewählt wurde. Der Deutsche Reichstag wiro aber gegen deutsche Abgeordnete unge echter verfahren als der französische Militarist. (Händeklatschen ber den Kommunisten und bei einigen Tribünenbe- suchern.)
Abg. Dr. Kahl (D. V.): Wir werden gegen die Freilassung der Abg. Kriebel und Lademann stimmen. Die Kommunisten sind ganz besonders an dieser Frage interessiert, weil sie am meisten an den hochverräterischen Plänen beteiligt sind. (Lärm bei den Kommunisten.) Das ist natürlich, denn Sie wollen doch den Umsturz der jetzigen Staatsordnung. Daraus erflärt sich auch das wüste Auftreten der Kommunisten in der ersten Reichstagssihung, ein Auftreten, das zu einer
Entwürdigung der Ehre des Deutschen Reichstags l
führt. Wir wollen uns nicht mitschuldig machen an dem Unfug, der mit dem Begriff „Immunität" getrieben wird. Wir lehnen die Hastentlassungsanträge ab. (Beifall bei der Deutschen Vvlkspartei.)
Abg. Frick (Rab-Sey.): Wir haben uns t-n der Ausschuhsitzung für die Haftentlassung in allen Fällen erklärt. Wir protestieren dagegen, daß die Fälle U r b a h n und Kriebel in einem Atem genannt werden. Kriebel ist im Urteil bestätigt worden, dah er aus reinsten vaterländischen Motiven gehandelt hat. (Gelächter bei den Kommunisten und Rufe: HeuchlerI Feiglinge!) Präsident Wallraf ruft den Abg. Heckert (Komm.) zur Ordnung. Abg. Frick (sortfahrend): Urbahn war dagegen der Führer des Hamburger Putsches, mit dem er Deutschland wieder unter das Ivch Moskaus im Interesse der jüdischen Internationale bringen wollte. (Lärm bei den Kommunisten. Glocke des Präsidenten.)
Präsident Wallraf: Es würde mir eine unangenehme Pflicht sein. Abgeordnete von der parlamentarischen Tätigkeit auszu- schliehen. 2lber meine Pflicht ist es, für die Würde und Geschäftstätigkeit des Reichstages zu sorgen. Seien Sie überzeugt, dah ich diese Pflicht erfüllen werde. (Beifall.)
Abg. Frau G o h l k e (Ruth Fischer) (Komm.): Ihr seid ja nichts als Masken und Hampelmänner der Kapitalisten. (Gelächter. Unruhe. Ordnungsruf des Präsidenten.) Sehr verehrtes Schattentheater! Sehr verehrtes Komödientheater! Sehr verehrtes Schaukelpferd. (Präsident Wallraf ruft die Rednerin zum zweitenmal zur Ordnung und macht sie auf die Folgen des dritten Ordnungsrufes aufmerksam.) Im Ramen der Kommunistischen Partei mit ihren 370 000 Mitgliedern sagen wir den Herren von der Bourgeoisie unseren herzlichsten Dank für die Offenheit, mit der sie den Willen zur Unterdrückung des'Proletariats aussprechen. (Händellatschen bet den Kommunisten.)
Rach weiterer Debatte wird den Ausschuh- anträgen auf Haftentlassung des Abg. Heyde- mann (Komm.) zugestimmt.
Im Falle Ur bahn (Komm.) wird in namentlicher Abstimmung mit 222 gegen 141 Stimmen der Ausschuhantrag angenommen, der sich gegen eine Haftentlass ung ausspricht. Für den Ausschuhantrag haben auch die Rationalsoziaolisten gestimmt. In der nachfolgenden Abstimmung über den Fall Ärie- b e l wird der Ausschuhantrag auf Haftentlassung mit 229 gegen 119 Stimmen abgelehnt. Die weiteren Ausschuhanträge werden gegen die Stimmen der Rechten angenommen.
Sprecher diesen oder auch»mehrere „Rebellen" durch seine Hauspolizei mit Gewalt an die frische Luft befördern lassen. Im freien England! Eine solche besondere Parlamentswache sollte man auch im Deutschen Reichstag einrichten.
Das Urteil im Harden Prozeß.
Berlin, 3. Juni. (Priv.-Tel.) In dem Prozeß wegen des Ueberfalls auf Maximilian Harden wurde gestern der Angellagte Oberleut
nant a. D. Ankermann wegen versuchten Mordes zu 6 Jahren Zuchthaus verurteilt unter Anrechnung von 11 Monaten Untersuchungshaft. Die Urteilsbegründung sagt, das Gericht habe als erwiesen angenommen, dah der Angellagte den Vorsatz gehabt habe, Harden zu toten. Bei ber Bemessung der Strafe sei zugunsten des Ange- llagten sein Gest än dn is und der Umstand zu berücksichtigen gewesen, dah er Im Kriege seine Schuld igkeit getan habe.
Das Wiener Attentat.
Wien. 3. Zuni. (WB.) Rach dem Abend- bulletin der den Dundeskanzler Dr. Seipel behandelten Aerzte ist das allgemeine Besinnen des Patienten sehr befriedigend. Dec Patient ist subjektiv und objektiv friichec und zeigt ein geistig reges Interesse für alle Vorgänge.
Vizekanzler Frank ist gestern nai>mit ag auf dem Rordbah ihof in Wien eingetroffen, wo er von dem Dundesminister des Acuß.ren Grünberger erwartet wurde. Die beiden Minister begaben sich sofort zum Dundeskanzler- a m t und dort fand unter dem Vorsitz des Vizekanzlers ein Mini st errat statt, der sich mit aktuellen parlamentarischen Arbeiten und dec Vorbereitung zu der b.'vorstehmden Tagung des Völkerbundrates in Genf beschäftigte, bei der nach einem früheren Ministerratsbeschluh die Dundesminister Grünberger und Kien- boeck Oesterreich vertreten sollen. Bei der morgigen außerordentlichen Sitzung des Rational- r a t e s wird namens der Regierung Vizekanzler Frank eine Erklärung abg-.ben. Rach Schluß des Ministerrates fuhr der Vizekanzler in Begleitung des Dundesministers Schmitz in das Krankenhaus, um dem Bundeskanzler aus dessen Wunsch einen Besuch abzustatten, der ganz kurze Zeit dauerte. In den Abendstunden traf Frank und Schmitz im Parlament mit dem Präsidenten des Rationaliates Miklas und mit den Obmännern der Mehrheitsparteien zu einet Besprechung zusammen.
Die aufrichtige Teilnahme an dem schwerer Schicksalsschlag, der mit dem Bundeskanzler auch ganz Oesterreich getroffen hat, zeigte sich den ganzen Tag über in unaufhörlichen Kundgebungen vor dem Wiedener Krankenhause. Kopf an Kopf steht hier eine dichte Menge, wartet auf Mitteilungen von drinnen und bespricht flüsternd, aber mit unverhohlener Entrüstung das Attentat. Mitglieder der Regierung, des Parlaments und des diplomatischen Korps erschienen im Krankenhause, um ihre Teilnahme auszudrücken. Der Zutritt zum Krankenzimmer ist streng untersagt. Trotzdem drang der Bundeskanzler darauf, der mit bewunderungswürdig er Energie und Seelenruhe sich in die schweren seelischen und körperlichen Folgeerscheinungen des Attentats fügt, vormittags mit den maßgebenden Politikern Rücksprache zu nehmen. Er empsing den Präsidenten des Ratronolrates, den Außenminister und den Obmann der Chrifllichsvzialen Partei. Der Kanzler lieh es sich nicht nehmen, mit den genannten Herren politische Gespräche zu führen, obwohl die Aerzte möglichste Schonung ungeordnet hatten
Der Reichspräsident richtete an den österreichischen Bundespräsidenten Hai - n i s ch folgendes Telegramm: Ties erschüttert durch die Rochricht von dem ruchlosen Anschlag auf den um Oesterreich hochverdienten und auch von mir sehr geschätzten Dundeskanzler Dr. Seipel versichere ich Sie und das österreichische Brudervolk meiner herzlichsie n Teiln ahme; dem verletzten Bundeskanzler bitte ich meine herzlichsten Wünsche für die baldige Wicdererstellung zu übermitteln. — Außenminister Dr. Stresemann ließ im Auftrage der Reichsregierung durch den Gesandten in Wien, Dr. Pfeiffer, dem Bundeskanzler Dr. Seipel seine Entrüstung über die unselige Tat, und die besten Wünsche für seine baldige Wiederherstellung ausdrücken. — Der Reichskanzler telegraphierte dem Bundeskanzler Seipel solgen- des: Mit tiefer Bestürzung erhielt ich soeben die Kunde von dem furchtbaren Anschlag auf das Leben Euer Exzellenz. Ich flehe zu Gott, dah Sie bald genesen und Ihre erfolgreiche Arbeit zum Wohle Oesterreichs in vollem Umfange aufnehmen können.
Mehrere Wiener Blätter befassen sich mit den wögllchen politischen Folgen des Attentats gegen Dr. Seipel und stellen fest, dah der Anschlag auf den Bundeskanzler diesen inmitten der wichtigen abschließenden Vorarbeiten für die Genfer Konferenz, auf der schwerwiegende Entscheidungen über die Durchführung des Sanierungsprogramms getroffen werden sollen, ereilt habe. Andererseits weisen die Blätter mit Bezug auf die wichtige Wiener Unterredung Dr. Seipels mit dem tschechoslowakischen Außenminister als Vorsitzenden und Dr. Janssens als Finanzreferenten des Völkerbundsrates darauf hin, daß über die Hauptfragen im wesentlichen wohl eine Verständigung erzielt sein dürfte. So sehr also die Blätter bedauern, dah der mit der ganzen Materie als seinem eigensten Werk eng vertraute Bundeskanzler gerade jetzt Oesterreich nicht selbst vertreten kann, so glauben sie doch, daß die Verhandlungen unter der Autorität Seipels von seinen Mitarbeitren, vor allem dem Außenminister Grünberger und dem Finanzminister Kienböck, durchgeführt werden dürften. Die „Wiener Allgemeine Zeitung" erfährt hierzu aus maßgebenden Kreisen, man sei der Ansicht, dah das Programm des Bundeskanzlers für die Genfer Völkerbundtagung trotz seiner Erkrankung durch- geführt werden könne.
Der Generalkommissar des Völkerbundes Zimmermann gab folgende Erklärung ab: Das Attentat gegen Seipel erfüllt mich mit dem tiefsten Abscheu. Die Tat wird im Ausland, wo der Kanzler die größte Autorität besitzt, tiefen Eindruck machen. Es wäre aber unrichtig, wenn durch das Attentat Zweifel an Stabilität der Verhältnisse aus öffentlichem Gebiete in Oesterreich entstehen würden. Einer solchen Annahme würde ich auch entgegentreten. Es ist selbstverständlich, daß ich die Schwierigkeiten, welche das Attentat für die Re-


