Einzelbild herunterladen

Nr. M Swettes Blatt

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)

Die Straßenbahnfrage in Bietzen.

Unter dem Drucke der furchtbaren TMrt* Ichaftskatastrophe und der immer rascher anlvach- ffenden Finanznot muhten die städtischen Körper­schaften Ende Oktober v. Is. notgedrungen und schweren Herzens Len Strahendabnbe- !t r i e b stiUegen, Seit diesem Beschluß sind sechs Monate verslossen, die eine bemerkenswerte, gün­stige Aenderung der 'Verhältnisse mit sich brachten. Durch die Markstabilisierung ist die schlimmste Belastung einer jeden Wirtschaft, die von Tag zu Lag. ja von Stunde zu Stunde sich ändernde PreLgestaltung beseitigt,- hoffentlich auch für zimmer! Diese Wendung zum Des fern würde dem Strahenbahnbetrieb bei seinen Gestehungs­kosten zugute kommen. Auf der andern Seite besteht aber die Finanznot in dem Sinne noch fort, dah es nicht leicht ist, einem städtischen Betrieb, der schon in glücklicheren Zeiten ein Zu- schuhunternchmen war, Beihilfen aus dem Haus­halt der Stadt zu geben, dessen Ausgleich ohne Strahenbahndetrieb schon allerlei Kopfzerbrechen Verursachte. In der Zeit der festen Mark­rechnung (1913 und 1914) erforderte die Straßen­bahn bÄspielsweise alljährlich rund 20 000 Mk. Zubuhe. Damals konnten diese Beträge verhall- nismähig leicht gegeben werden, weil die Stadt für ihren Bereich noch die Steuerhoheit besah und aus diesem Wege die erforderlichen Mittel glatt beschaffen konnte. Heute ober, wo die Stadt in ihrer finanziellen Selbständigkeit sehr stark eingeengt ist und die Preise alles Bedarfs we­sentlich über dem Bvrkriegsniveau liegen, ist die Ausbringung gleich hoher oder gar noch größerer Zuschuhsummen komplizierter. Diese nahstiegende älederlegung hat auch die Stadtverwaltung in sehr ernster Weise beschäftigt, als bei der Auf­stellung Les Haushaltsplanes für 1924 ter Stra­ßenbahn-Titel zur Beratung stand. Trotz mehr­facher eingehender Erörterung ist u. W. bislang noch kein Weg gefunden worden, auf dem Las mit Sicherheit zu erwartende Defizit bei der Wiederaufnahme des Strahenbahnbetriebs voll­ständig gedeckt werden könnte.

ES ist uns nicht bekannt, um wieviel höher gegen früher die Stadtverwaltung den Fehlbe­trag beim künftigen Strahenba-hnbetrieb ver­anschlagt, wir wissen auch nicht, inwieweit die regulären GeldbeschaffunMnöglichLiten der Stadt für Len neuen Haushaltsplan ohne Straßen- Bahnbetrieb schon cmsgeschöpft bzw. rechnerisch eingesetzt sind. Es gehört sich für einen verarrt- wortungsbonmhten, soliden Wirtschafter, dah er Vor der älebernahme von Lasten die Deckungs- frage eingehend prüft, und es zeugt eindrucksvoll für das hohe unb ernste Derantwortlichfeitsbe- wuhtsein unserer Stadtverwaltung, Laß sie auch hier nach diesem gediegenen Wirtschaftsgrundsatz verfährt. Wir möchten aber doch dazu raten, nun nicht etwa allzu ängstlich zu sein und einzig und allein um der noch nicht vollkommenen > Losung der Deckungsfrage willen das Straßen - bahmrntemehmen weiterbin brach liegen zu ^lassen. Wenn auch die wirtschaftliche Lage tm allgemeinen noch Anlaß zu manchen Sorgen unb 'Beschwerden gibt, so ist doch uiuoerfennbar, daß fauch im Wirtschaftsleben in unserer Stadt gegen- 'über Len Verhältnissen, die bei der Stillegung des Straßenbahnbetriebes herrschten, eine merk­liche Besserung eingetreten ist. Zu beachten ist weiter, dah in den bevorstehenden Sommermo­naten mancherlei Deranstaltungen hier stallsinden werden, die einen starken Besuch unserer Stadt von außerhalb versprechen, von dem Las heunffch? Gewerbe und auch die Straßenbahn, wenn sie bis dahin wieder fährt, beachtenswerte Vorteile chaben dürften. Durch tiefe Ereignisse würde das Gesamtbild unseres örtlichen Wirtschaftslcb.ns also noch freundlicher gestaltet werden. Erwäh­nenswert ist ferner, dah auch der Verkehrsverein, der jetzt unter der regsamen Führung des S.'adtv. W i n n einen starken Antrieb erlebt, allerlei Pläne durchführen will, die die Hebung des Fremden­verkehrs in unserer Stadt bezwecken, und auch daraus wird man sich wohl allerlei Butzen für Unser Gemeinwesen versprechen können. Ein wirk­sames Mittel zur Forderung dieser Pläne ist die Wiederaufnahme des St ahenbahnbetriebs. Man denke sich nur mal in die Empfindungen eines durch allerlei Werbearbeit hierher gezogenen Fremden hinein, wenn er bet seiner Ankunft am Bahnhof Wahl Stiahenbahng l e i s e, aber keinen Strahenbnhnv erkehr sieht, während dieser in vielen anderen Städten in Gang ist. Unter soich n Umständen würde ein Fremder wohl keine sonder­lich günstige Meinung von unserer Stadt betam- men, und derartige Eindrücke bleiben bann auch nid# verschwiegen. Fäh.t die Strahenbahn ab.r und schafft sie dem erholungsuchenöen Reisenden Bequemlichkeit, so wird auch der Eindruck auf MWMWiMkM

Ein Roman aus dem 21. Jahrhundert von HanS Dominik.

86. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

«Halt! Hiergeblieben! Ihrem Vater ist nichts geschehen . . . Zeigen Sie uns, wo Sie Ihren Schmuck verwahren, und alles ist in Ordnung!"

Mit einem tauten Schrei «Vater!" taumelte .Florence zurück.

Wie im Rebel sah sie plötzlich Collin Ca­meron von hinten niedergerissen werden. Sie fühlte, wie ein Arm sie umschlang. Eine ihr so wohlbekannte Stimme drang an ihr Ohr.

.Florence! Ich bin bei dir! . . Hierher, Kameraden! . . . Hierher!"

Vom Erdgeschoß drang der Knall mehrerer Schüsse nach oben. Für die Plünderer in den Räumen ein Signal, schleunigst die Flucht zu ergreifen. Auch Co lin Camerons Be^l Iter waren im Augenblick verschwunden, ohne sich um den Führer zu kümmern, der halb betäubt am Boden lag. In den unteren Räumen unb im Garten entspann sich zwischen den fluchtenden Banditen und dem vordringenden weißen Stoßtrupp ein reguläres Fruergefecht. Alle Ausmerksamkell der Befreier konzentrierte sich hierhin.

Der Lärm dieses Kampfes drang auch nach oben und weckte Collin Cameron aus seiner Be­täubung. Er öffnete die Augen und sah um sich Schnell hatte ec die Situation erfaßt. Gr kannte das Haus von früher her gut und wußte, daß von KirrencenS Zimmern ein offener Balkon di­rekte Verbindung mit dem Garten hatte. Einmal

ihn zufriedenstellend im Sinne unserer Stadt sein. Alle diese Erwägungen sprechen doch wohl für eine baldige Wiederaufnahme des Straßenbaim- betriebs.

Es kommen aber noch andere, weitgr obere Gesichtspunkte bei der Behandlung der Strahen- bahnfrage in Betracht. Die Entwicklung unseres Gemeinwesens wird nicht stillstehen und sie darf auch nicht gehemmt werden. Im Gegenteil Haien wir allen Anlaß, sie zu fördern, soweit unsere Kräfte das gestatten. Hierbei ist die Straßen­bahn ein hervorragendes Instrument. Sie muß der Vorposten einer entschieden großzügigen Ver­kehrspolitik werden, die sich zum Ziele setzt, nicht nur i n Gießen, sondern auch draußen in der Umgebung den Verkehr zu fördern unb ihn so zu gestalten, daß seine belebenden Auswir­kungen der Stadt und den Rachbarorten zu weiterem Aufstieg verh.lfen. Ein Groh- Gießen mit weitgespannten Wirtschaftsmöglich­keiten mittels der elektrischen Straßenbahn anzu- flreben, auch wenn darüber noch manche Welle die Lahn hinunterflieht und mancherlei andere Hindernisse zu überwinden sein werben, das toäie wohl ein lohnendes Endziel, das freilich heute noch etwas in der Ferne liegt, lieber diese Ge­danken wirb ein andermal noch mehr zu sagen sein. Gegcnwartsbedeutung hat aber dec Hin­weis baixuif, dah die städtischen Körperschaften tm Oktober den Strahenbah.rbetrieb doch nicht um deswillen stillgelegt haben, well er über­bauet einen Zuschuß erfordert, sondern nur deshalb, weil man zur Zeit der Beschluhfassung kein Ende des überaus beängstigenden Abwärts­gleitens auf der Einnahmenseite und des rasenden Aufwärtsschnellens auf der Ausgabenseite der Betricbsrechnung sehea konnte. Man hat damals UTizweifelhaft Sie richtige Entscheidung ge­troffen, unb wir selbst gehören ja auch zu denen, die sie gefordert unb auch gebilligt haben. Heute kann man aber von zahlreichen Stadtverordneten die ebenfalls nicht unzutrefsende Erklärung hören, dah man damals den Stillegungsbeschluh wohl nicht gefaßt hätte, wenn man die bald danach eintretende Stabilisierung unserer Berh'ältniffe auch nur hätte ahnen können: man hätte dann, nachdem schon so viel für den Strahenbahnbetrieb geopfert, sicherlich auch für diese kurze Spanne Zeit noch das Opfer auf sich genommen, um der Allgemeinheit dieses Verkehrsmtttel ununter­brochen zu erhalten. Diesen Herren unb all denen, die seinerzeit mit ihnen und den anderen maß­gebenden Stellen der Stadt in einer Reih: standen, mag das Bewußtsein, daß eben niemand in die Zukunft schauen kann und man damals den Um­schwung noch nicht einmal ebnen konnte, eine Entlastung sein. Aus dieser Meinungsbildung ergibt sich aber doch Wohl auch ber Entschluß, daß man für die Wieberingangsetz ung der El k° trischen eintreten und ber Verwaltung Zuschuß- mittel bewilligen wird, die von jeher als selbst­verständlich angesehen wurden unb auch künftig­hin nicht zu vermeiden finb. Man wird sich im Hinblick auf die Zutunftsmöglichkeiten in Gießen ebenso wie z. B. in unserer Rachbarsladt Mar­burg, wo jpan den Betrieb der Straßenbahn Lurchgehalten hat, mit der Tatsache abfinden, daß bie Strahenbahn noch ein Zuschußbetrieb ist. für den man einstweilen ein etwas grö­ßeres Defizit auch toirb decken können. Man wird sich ferner ebenso mit einer gewissen Er­höhung des Fahrpreises gegenüber den früheren Beförderungssätzen abfinden, weil eben bie gairze wirtschaftliche Lage unausweichlich daiauf bin- drängt. Wir glauben nicht fehl zu gehen in der Amrahme, dah der Finanzausschuß und die Stadt- verordneten-Dersammlung bei der bevorstehen­den Beratung des neuen Haushaltsplanes Listen Gesichtspunkten ihre ernste Aufmerkamkell schen­ken unb gemeinsam mit ber Stadtverwaltung be­reitwilligst ein Unternehmen wieder in Gang bringen werden, das man unter ganz außerge­wöhnlichen Umständen durch einen der Lage an- gepatzten außerordentlichen Beschluß vorüber­gehend stillgelegt hat.

Tin letztes Wort zur Wahl

In den lebten Tagen vor ber Reichstags- Dahl haben sich die Parteien in besonders ein­dringlichen Aufrufen noch einmal an den Wähle r und den A i ch t w ä h l e r gewandt. Dieser letzte Appell der Parteien war ihr gutes Recht und ihre Pilicht. Denn es ist ein Unfug, in entschei­dender Stunde den Unzufriedenen zu spielen, ober aus Bequemlichkeit der Wahl fernzu­bleiben.

Durch die furchtbaren Erfahrungen des Welt­krieges und ber Rachkriegszeit hat das deutsche Volk in allen Schichten in einer Weise Gelegen­heit gehabt, politisch denken zu lernen, wie noch nie feit hundert Jahren. Und doch gibt es immer

aus dem Hause, würde er sich unter bie weihen Stoßtrupps mischen und sich bei Gelegenheit un­bemerkt entfernen.

<Sr erhob sich und trat durch die Tür in das benachbarte Zimmer. Blitzschnell glitt sein Blick überall prüfend umher. Vielleicht konnte er den Aufbewahrungsort des Schmuckes doch noch im letzten Augenblick entdecken. Da sah er durch die halbgeöffnete Tür im dritten Raum die Gestalt eines Mannes, der in seinen Armen Florence Deweh hielt.

Er stutzte unb blieb lautlos stehen. Da . . . ein Zittern ging durch seine Glieder. Er erkannte Averil Lowbale, den Sohn des Mannes, ber ihm die Lordschaft geraubt.

Rur einen kurzen Moment, und er hatte die Ruhe wiedergewonnen, hob die Schußwaffe, zielte sorgsam und drückte ab. Mit einem Sprunge war er an der Dalkvntreppe. Mit wenigen Sätzen stand er im Garten und eilte um das Haus ber Straße zu.

Da knallte es hinter ihm Er fühlte, wie eine Kugel seinen Rücken streifte. In rasender Elle stürmte er weiter. Roch mehr Schüsse hinter ihm, doch keine Kugel traf ihn mehr.

* .* *

Dort, wo bie Havel das Spanbauer Gemünd verläßt und sich zum mächtigen See weitet, lag an den Hängen des Ostufers das Besitztum Georg Isenbrandts. Gleich von der Uferstraße aus stieg das Gelände hier scharf in die Höhe, unb das geräumige Landhaus lag wohl fünfzig Meter höher als ber Fluß. Ein weiter Garten, mit

noch Tausende unb Abertausende, die glauben, eS geschehe genug, wenn die Leute der Feder In den Zeitungen Wahlartikel schreiben und die Be­rühmtheiten der Wahlliste Versammlungsreden und Rundfuntanspiachen halten. Diese Führer, so meinen die Unpolitischen, haben ihre Gemeinde, und diese wird das Wahlgeschäft schon richtig besorgen. Ja, es gibt auch in dieser Zeit des na ionaLn Elends in D.ut.ch.and weite Kreise, die in ihrem Beruf, oder in der letzten Mode vorzüg­lich Bescheid wissen, die aber keine Ahnung haben, was die Wahlreden eines Marx, Strese- mann, Dernburg, Crispien oder eines Westarp. Lersner, Wulle, Eichhorn bedeuten. So mancher von den Rurberufs-Menschen runzelt unwillig die Stirn, wenn er die Forderungen und das Ge­baren einer ihm nicht zusagenden Partei sieht. Aber er tut nichts weiter. Er informiert sich nicht, wohin er gehört und was am 4. Mai seine Pflicht wäre. Er gehört eben zur.Partei ber Richtwähle r.

Diese Partei bestand z.D. in Berlin am 6. Juni 1920 aus 303 000 Köpfen. Das waren beinahe ein Viertel der eingeschriebenen Wahl­berechtigten. Also ungefähr jeder vierte Wähler in Berlin verzichtete auf sein Recht. Im übrigen Reiche war es ähnlich. Und forschte man nach, so waren es meist Gebildete und beson­ders Urteilsfähige, die sich ber Wahl enthielten. Die Folge: Es verstärkte sich die Macht derjenigen Schichten, denen die Wahl nichts anderes ist als der Ausdruck ihrer rein materiellen Wünsche oder ihrer fanatischen poli­tischen Triebe. Was jene als ihr angenehmes Recht, das muh ber tiefer Denkenbe als Pflicht, als sittliche Forderung emb- finden, deren Richterfüllung nichts anderes ist als Verrat am eigenen Volkstum und Preisgabe des vaterländischen Ideals.

Wer sich aber entschlossen hat,diesmal doch mitzuwählen", der soll auch wissen, was er tut. Er soll die Stimmliste nicht in bie Hand nehmen, wie der Kriegsgewinnler das Fischmesser, mit einem verlegenen Blick auf den Rebenmann, was der wohl mache, sondern er soll sich so eingehend mit der Lage seines Vaterlandes und mit den politischen Forderungen seines eigenen Denkens und Daseins beschäftigt haben, dah er vor ber ll^ahlurne vernünftig und selbstän­dig handelt.

In diesem Zusammenhang muß ein Wort zu den vielen lleinen Zwergparteivorschlä- flen gefügt werden. Bei ber Aeichslagswahl sind für einen Abgeordnetensitz volle 6JOOO ©.Im­men erforderlich Jede Gruppe, die nicht 60 000 Stimmen auf sich bereinigt, ist damit von vornherein ausgefallen. Mit den ver­pufften Stimmen ist es gerade so, als ob diese Leute auf ihr Wahlrecht verzichtet batten. Sie haben ihre Stimme einer aussichtslosen Sache geopfert. An vielen Orten wird den Anhängern der Zwergparteien weis gemacht, daß ihre Stimmen doch nicht verloren seien, well sie ja auf ber Reichsliste der Gruppe gesammelt werden, weil man also hoffen dürfe, daß die Gruppe aus anderen Wahlkreisen zusammen doch mindestens 60 000 Stimmen aufbringen werde. Diese Behauptung ist falsch Denn, um zu ver­hüten, dah eine Gruppe, die im ganzen Reich mit Ach und Krach 60 000 Stimmen aufbringt, im Reichstag glücklich einen Sitz erhält, bestimmt das Wahlgesetz, dah keine Partei auf der Reichsliste mehr Sitze erhalten kann, als es ihr gelungen ist, Abgeordnete in einzelnen Wahlkreisen durchzubringen. Das heißt also: Jede Zwergpartei muh in irgendeinem Wahl­kreise 60 000 Stimmen für ihre Liste aufgebracht haben, wenn sie durch Verrechnung der Rest- flImmen noch einen Sitz auf Grund ber Reichs­liste erhalten will. Hier liegt ber Hase im Pfeffer. Ale poli.ischen Reugründungen der letzten Wochen verfugen in keinem einzigen Wahlfeeis für sich allein über 60 000 Stimmen.

Unb noch ein anderes: Angenommen, es ge­lingt einer lleinen Sonder gruppe, einen Sih im Reichstag zu ergattern. Was ist damit gewonnen? Rach ber Geschäftsordnung des Reichstages sind zur Bildung einer Fraktion mindestens 15 Abgeordnete notwendig. Eine Partei, die keine 15 Häupter zählt, ist keine Fraktion. Bekanntlich toirb die maßgebende und entschei­dende Tätigkeit des Reichstages in den 2llis- sch sfen, nicht in der Vollversammlung auögeübt D.e Ausschüsse werden aber ausschliÄlich durch die Fraktionen besetzt. Die ehrgeizige Zwerg- £a t te i i st also von den entscheidenden Stellen der Arbeit ausgeschlossen! Darum: Verzettelt am 4. Mai eure Stimme nicht an lleine und kleinste Gruppen, sondern wendet sie den großen politischen Par­teien zu!

alten Laubbäumen dicht bestanden, erstreckte sich von der Höhe des Hauses bis zur älferstraße hin. Schon zeigte das Laub in diesen Septembertagen jene leichte Vergilbung, die den kommenden Herbst unb Laubfall zuerst verkündet. Aber die Sonne, die schon ziemlich tief über dem Westufer des Sees stand, warf breite Ströme goldenen Lichtes über das Laub der Eichen unb Kastanien, lieh die uralten Randkiefern in purpurner Pracht erstrahlen.

Die Villa Isenbrandt hatte Gäste. An einem Kaffeetisch unter der Krone einer mächtigen Kastanie sahen Theodor Witthufen und Francis Garvin. Dem Amerikaner liehen die Geschäfte auch hier feine vollkommene Ruhe. Eine be­trächtliche Post lag vor ihm auf dem buntge­musterten Damast, und eilig und eifrig durchlas er Brief auf Brief. Während er die Schrift­stücke studierte unb hin und wieder mit Rand- nofen versah, blickte Witthufen in gemächlicher Ruhe auf das weite Panorama, das sich da vor ihm dehnte: die grünen, vom Sonnenlichte goldig gefleckten Flächen des Gartens, den breiten, blauen Havelsee und dann die Hfetberge von Spandau bis Potsdam.

Jetzt wanderte fein Blick aus den Fernen zurück unb ruhte lange auf dem Paar, baä dort unten im ©arten an ber Böschungsmauer stand: Maria und Helen. Arm in Arm standen sie dort und spähten die älferstraße entlang, als warteten sie auf das Erscheinen weiterer Gäste. Aeuherlich ein ungleiches Paar, bie zierliche klein Helen unb die hochgewachsene Maria. Verschieden auch nach Charakter unb Gemüt, waren sie doch schnell miteinanber befreundet geworden. Maria hatte den Arm um Helens Taille gefegt unb hörte

satnstag, 8. lllai |92|

Wirtschaft.

Börse und Geldmarkt.

Der Wollenschleier ber in den letzten Wochen über den deutschen Börsen lag, beginnt sich, zu lösen. Die Häufigkeit ber Zahlungsschwierigkeiten nimmt merklich ab, unb das Zustandekommen von Stützungen und Arrangements gestaltet sich wieder etwas leichter. Die weitgehenden Befürch­tungen, die man noch vor kurzem hegte, sind im Augenblick nicht mehr begründet. Die Ultimo- Regulierung hat sich selbst am Metallmarkt ziem­lich glatt vollzogen. Man war in der Bank- Welt auf Zwischenfalle gefaßt unb hatte sich dem­entsprechend sehr reichlich mit Gelb versorgt. Diese Beträge sinb in den letzten Tagen größtenteils toLber kurzfristig ausgeliehen worben. An ein­zelnen Tagen war das Angebot so stark, baß bis Zinssätze für täglich Gelb ganz erheblich nach­gaben. Allerdings handelt es sich hie bei nur um eine Zusallserscheinung. Im großen und ganzen sind die Geld- und Kredit re. Haltnisse doch noch sehr unerfreuliche. Dor allem liegen die Verhältnisse für die eigentliche produktive Wirtschaft, insbesondere für bie Industrie und Landwirtschaft, noch, sehr ungünstig. Selbst an bei Börse zahlt man für Rentenmarkkredite Zins­sätze von 5 bis 6 Prozent monatlich. Die Wirt­schaft, die längere Kreoi.e benötigt, sieht augen­blicklich kaum Möglichkeiten, sich Betriebskapitalien zu verschaffen. Wer über flüssige Gelder versügt, hält sie für alle Fülle bereit, um jederzeit eigene Geschäfte damit finanzieren zu können. Dieser Zu- stand wird voraus sichtlich mindestens solange an- dauern, wie bie Lösung bet Reparationsfrage in der Schwebe bleibt, ilnb selbst wenn in absehbarer Zeit diese Lösung zustande kommt, kann die deutsche Wirtschaft nur durch Auslandskreoite wieder in Gang gebracht werden. Es bestehen erfreuliche Anzeichen dafür, daß. das Ausland bereit ist, derartige Kredite in größerem Aus­maße zu gewähren. Die Golbdiskontbank hat bereits von amerikanischer unb englischer Seife neue Zusagen für Diskontkredite erhalten, und es ist zu hoffen, daß nach der Erledigung den Res: arationss rage auch bir.tte Verhandlungen zwischen deutscher Unternehmungen und aus­ländischen Kapitalgrnppen zu günstigen Ergeb­nissen führen werden. Bemerkenswert ist die Tat­sache, daß neuerdings das Ausland beginnt, ein gewisses Interesse für deutsche Industriepapiere zu betätigen. Vorläufig sind diese Auslandskäuss an den deutschen Börsen zwar nicht sehr umfang­reich, sie können aber als Symptom toieber- fehlenden Vertrauens bewertet werden. In dieser Beziehung wird natürlich auch ber Ausgang ber bevorstehenden Reichstagswahlen von großer Be­deutung fein. Gelingt es, die Grundlagen für eine einigermaßen kräftige Regierung zu schaffen, so ist damit schon viel gewonnen. Gerade die ame­rikanischen unb englischen Finanzgruppen fegen auf diese politischen Momente bekanntlich ein sehr großes Gewicht.

' Besserung der Lage im west fäll- schen Industriegebiet. In fast allen In­dustrie- und Gewervezweigen des Industriege­biets konnte bei zunehmender Arbeitsanforderung durchweg eine Besserung der Beschäffigungsmög-. lichkeit fest gestellt werden. Die Gesamtlage beä Arbeitsmarktes1 bi Westfalen und Lippe zeigte sich daher auch weiter befestigt. Bemerkenswert ist die weitere, teilweise erhebliche Senkung der Arbeitslosenzisser in fast allen Bezirken. Eine weitere Abnahme zeigen auch die Arbeitscin- schränkungen und -Kürzungen. Rach dem Stand vom 15. April betrug in Westfalen und Lippe die Zahl der bei den öffentlichen Arbeitsnach­weisen angemeldeten Arbeitssuchenden 88 075 männliche und 7185 weibliche Personen. Dem stan­den 1128 offene Stellen für männliche und 2070 für weibliche gegenüber. <

Eine Kruppsche Gründung in Spa nien? Spanische Blätter melden, daß in Barcelona ein neues Werk von Krupp-Essen ge­gründet worden sei, und ferner eine neue Werft in Tgragona. Zugleich verlautet von einer Er­weiterung der Werft in Valencia. Inwiewrtt diese Rachlichten 3utreffen läßt sich zur Stunde noch nicht fesfftellen, da die Berliner Direktion nicht in ber Lage ist, nähere Auskünfte darüber zu erteilen.

Wertbeständige Anleihe der Stabt Hannover. Die städtischen Kollegien ber Stabt Hannover Haben zur Ausführung von Bauten für bie stäbtischen Betriebswerke (Gas, Wasser unb Elektrizität) die Aufnahme einer wertbeständigen Anleihe "beschlossen, der die Weizenpreise zugrunde gelegt tocroen. Die Ge­nehmigung dieser Anleihe ist durch die maß­gebenden Stellen bereits erfolgt. Die Anleihe oll mit 5 Prozent verzinst unb mit 3,5 Prozent, otoie den durch die fortlaufende Tilgung ec- parten Zinsen getilgt werden.

geduldig unb freundlich dem munteren Geplauder Helens zu.

Meine Freundinnen in Amerika haben mich weidlich um die romantische Art beneidet, in ber Wellington um mich geworben hat. Aber genau besehen ist bas doch eigentlich gar nichts gegen bie Art, in ber du mit Georg Isenbranbt zusam­menkamst. Die Schreckensstunben in den Ruinen von Karakorum unb die Errettung durch Isen­branbt, das wäre an sich schon eine Brautwer­bung, tote sie so leicht nicht wieder vorkommt. Aber bie Art, tote Isenbrandt überhaupt auf bich aufmerksam wurde, das scheint mir doch ber Gipfel der Romantik zu sein. Die Aehnlichfeit mit seiner toten Braut benutzt das Schicksal, dich ihm zuzuführen."

Run ja. Helen ... ein reiner Zufall was es doch nicht. Die Aehnlichfeit ist schließlich doch durch eine, wenn auch entfernte Dlutsver- wandt schaff begründet."

3a, das mag ja fein, Maria Aber wunder­bar bleibt diese Fügung des Schicksals doch Einq derartige fabelhafte Aehnlichfeit ist schon ein großes Wunder. Ich weiß, du mit deinem kühlen Blut empfindest das gar nicht so wie ich Wenn ich das meinen Freundinnen drüben In den Staa­ten erzähle, toirb man es mir kaum glauben wollen. Ditte, erzähle mir einmal genau, wie das war . . . damals auf dem Kirchhof."

Einen Augenblick sah Maria über die weife Fläche, unb ein ernsterer Ausdruck lag auf ihrem Gesicht. Dann, wie aus einem kurzen Traum er­wachend, wandte sie sich zu Helen.

(Fortsetzung folgt)