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Ium 2. August.

Don General der Artillerie und Kriegsminister a. D. von Stein.

Am heutigen Tage richten mir die Blicke auf die Zeiten zurück, die zehn Jahre hinter uns liegen. Der Gegensatz zwischen damals und letzt muh uns seltsam berühren. Heute beschäftigt sich alles mit wirtschaftlichen Fragen und Sorgen im groben wie im kleinen. Der JKangti im Lande und die Forderungen der Feinde zwingen dazu. Im Gegensatz zu der vorhandenen Rot herrscht ein Taumel des Vergnügens und d^ Ge­nusses. Da bildet sich der Boden für Reid und Selbstsucht. Die Folgen sind zunehmende Zer­splitterung und wachsender Gegensatz im Volke, die zum Zerfall des Volkskörpers führen können. Dun behalten zwar wirtschaftliche Dinge ihre Bedeutung, denn ohne Mittel zum Ceb.'n würde der leibliche Tod das Ende sein. 2lber sie allein bringen keine Bettung, wenn das schlim­mere Ende droht, der geistige Tod. Es ist der Gegensatz zwischen Geist und Materie, der ohne Vermittlung das Verderben bringt.

Zehn Jahre sind seit der Mobilmachung zum groben Kriege verflossen. Sie rief zum Kampf gegen heimtückische Feinde, die Deutschlands -Un­tergang beschlossen und verstanden hatten, uns die Schuld zuzuschieben. Wie anders war das Bild dieser Zeit! Ein Sturm der Begeisterung toste durch Deutschlands Gauen und erfüllte alle wahr- hast deutschen Herzen. Die kleinlichen Sorgen und die selbstsüchtigen Regungen schienen^ von dem heiligen Feuer verzehrt zu sein. Manner und

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Nr. 180 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General

wie sollen wir der Kriegsausbruches gedenken? Ein Mahnwort bei der 10. Wieder kehr der Erinnerungstage.

Don Bernhard Schwert feger.

I.

Zum zehnten Male jähren sich die Erinne- tungen an den Aasbrach des Weltkrieges. Es gibt wohl keinen Deutschen, der nicht mit ganz besonderen Empfindungen jener Sommertage ge­dächte, die plötzlich unser ganzes Volk zu den Waffen riefen. LInvergänglichs Erinnerungen stei­gen heraus, Stolz, Wehmut und Trauer um die Opfer, die für Deutschlands Grobe, Ehre und Selbstbehauptung haben gebracht werden müssen.

Aber nur der Lebende hat recht. Die heutige Zeit, fast so drückend und schwer, wie unsere Vorfahren sie in den Jahren der napoleonischen Zwangs Herrschaft haben erdulden müssen, gestaltet nicht, unS in wehmütigen Rückblicken zu erschöpfen. Sie fordert Kämpfer, denn es gilt, unser Vater­land aus der Tiefe der Gegenwart seinem neuen Ausstiege entgegenzuführen, der ebenso sicher kom­men wird, wie die Sonne sich jeden Morgen neu erhebt. Richks ist gerade heute unangebrachter als die starre Beschränkung auf die Erörterung ver­gangener Digge, wenn sie nicht in der ausge­sprochenen Absicht geschieht, daraus für die Zu­kunft zu lernen oder bestimmte Ziele zu ver­folgen, die erst nach 2lufhellung der Vergangen­heit erreichbar werden.

Jahre hindurch haben wir Deutschen unter der Rachwirkung von Krieg and Ilmstarz nichts Besseres zu tun aewubt, als und die Schuld an dem heutigen Zustande der Dinge leidenschaftlich und rücksichtslos gegenseitig zuzuschieben. Stau- nenb haben es die Völker der Erde erlebt, wie wieder einmal das von ihnen jahrelang so ge­fürstete, beneidete oder bewunderte Deutschland durch innere Uneinigkeit zum Spielball seiner Rachbain wurde. Statt eines einzigen, einmü­tigen Schreies der Entrüstung über den sogen. Friedensvertrag von Versailles und das uns ausgezwängt? Schuldbekenntnis hat man Jahre hindurch nichts anderes gehört als bittere inner- politische Anklagen der Volksgenossen untereinan­der. Ohne Uebertreibuna kann man Tagen, dah innerpvlittsche Parteien, die sich ganz nah? stehen, sich untereinander schärfer bekämpft haben, als wenn eS sich um Angehörige feindlicher Rationen handelte. Und dabei war es doch ganz unbe­streitbar. dah Deutschland seinen heroischen Wi­derstand unter keinen Umständen nahezu 4Va Cafte hätte aufrvtzterhalten können, wenn nicht, die ein­mütige Geschlossenheit fast aller Glieder des Vol­kes einen solchen Widerstand ermöglicht hätte.

Dabei gab cs eine Frage, deren Beantwor­tung alle Glieder der Ration hätte einigen müssen, da sie nach dem Urteil des Auslandes die grundlegende Voraussetzung für die Verurteilung Deutschlands in die Kosten des Weltkrieges bildet: die Frage der Schuld am Kriege. Was aber ist geschehen? Ist in allen den fahren, die auf den Vertrag von Versailles gefolgt sind, je­mals davon die Rede gewesen, dah das ganze deutsche Volk, in diesem einen Punkte wenigstens einig und geschlossen, durch den Mund seiner Vertreter und seiner Regierung das Schuldbe­kenntnis widerrufen hätte? Wohl ist gelegentlich in Vorträgen. Zeitungsaufsähen, Ministerreden von der Schuldfrage als der eigentlichen Grund­ige unseres heutigen Elends gesprochen worden. Aber zu einer wirklichen Volksgenesung ist eS nicht gekommen. Erst in den letzten Jahren haben sich weitere Kreise des Volkes, zum Teil zusam- mengefaht in va'erländischen Verbänden verschie­dener Art, die Erschütterung der Schuldlüge zum Ziel gesetzt. In der Hauptsache speisen sie sich sämtlich aus den Arbeiten weniger Männer, die seit Jahren mit der Erforschung der Kriegsur­sachen beschäftigt sind. Ich persönlich darf für mich in Anspruch nehmen, schon 1917 amtlich da­für cingetreten zu fein, dah alles i^echtzeitig ge­sammelt werden möge, was die belgischen Archive zur Beurteilung und damit zur Entlastung der deutschen Vorkriegspolitik mitzutcilen wuhten. Das Ergebnis dieser 2Nahnungen liegt in dem füns- bändigen AttenwerkeZur europäischen Politik"') vor. Es hätte nod> wesentlich gröher sein kön­nen. wenn die mahgebenden Stellen rechtzeitig die Erkenntnis dafür aufgebracht hätten, ein wie wert­voller Bundesgenosse uns in den Berichten der

) Amtliche Aktenstücke zur Geschichte der Europäischen Politik 1885 bis 1914. Unveröffent­lichte Diplomatische Urkunden aus den Belgischen Staatsarchiven. Herausgegeben von Beimhard Schwer tfeger. (Reue Ausgabe mit deutschen Ucbersetzungen). Bei der Deutschen Derlagsge- sellschaft für Politik und Geschichte in Berlin in Vorbereitung.

das höchste Ziel wird damit mcht erreicht. Der Geist muh die Herr­schaft behalten, der auch den Schwachen Kräfte verleiht. Samt finden wir vielleicht den Weg zurück zur Treue im kleinen wie im grohen. Die Treue, die einst das beste Gut der Deutschen gewesen, so oft sie auch gebrochen ist bis auf unsere Zeit, als Kaiser und Reich verlassen wurden.

Aber heute wollen wir uns noch einmal auf- nchten an den Augusttagen des Jahres 1914. 6ie haben gezeigt, was der Deutsche vermag, wenn sein Geist sich übers das Geistlose erhebt. Sollte er wieder einmal erwachen, so liegt es an uns. ob er den Rährboden findet, der ihn lebendig erhält tmß aller Widerstände. Daher bat jeder

Frauen, Alte und Junge, Hohe und Riedrige, Kluge und Einfache, sie alle stellten sich opfer­freudig in den Dienst des Vaterlandes und ver­banden sich in Liebe zur gemeinsamen Heimat zum einigen Volke. Wer damals auf dem Wege zur Grenze das weite Land durchquert hat fand keinen Unterschied 'zwischen den deutsch^ Stam­men. Sie axiren einig im Willen zum Stege und im Glauben an ihn. Wohl ist zuletzt die heilige Glut zur Asche zusammengesunken. Wir wollen heute darum nicht rechten, sondern daraus lernen. Trügerische Hoffnungen und Selbstbetrug ^war­teten das Heil von der eigenen Rachgtedigkert und von dem guten Willen der Feinde. Dieser Selbstbetrug wirft noch heute und lahmt rede^Tat­kraft. So sinken wir tiefer und tiefer, dis es leinen Ausweg mehr gibt.

Wie konnte das heilige Feuer der Begeiste­rung so traurig erlöschen? Die Grunde waren lange vor dem Kriege vorhanden gewe^n. Der schnelle Aufstieg und der gewonnene Reichtum hatten zum öden Materialismus, zur engherzigen Selbstsucht und zur trostlosen Gtttesferne geführt. Die Bildung der Parteien, die das Heil nicht rm Daterlande und im Gemeinwohl fud)ten, toar dadurch begünstigt und die Uneimgleit bertieft worden. Ipwege der Wissenschaft waren dabei bahnbrechend gewesen. Auf diesem Gruiwe konnte selbst die höchste Begeisterung des Wahres 1914 nicht Dauer behalten, sobald die sittlichen Forde­rungen über die menschliche Kraft huraus ge­steigert wurden. Der Glaube zerbrach, der Wun­der wirkt und Kraft und Willen zu übermensch­lichen Leistungen verleiht. Ein furchtbares Ge­schick kam Über uns. Als alles verloren war da

belgischen Diplomatie erwachsen war. Aber man wühle die Stunde nicht zu nützen. Was wir da­mals von der Minute ausgeschlagen haben, das bringt uns in der Tat keine Ewigkeit zurück.

Wiederholen wir uns in diesem Zusammen­hänge nochmals die Frage, in welcher Art wir Deutschen des Kriegsausbruches 1914 gedenken sollen Wir (ollen unS bewuht werden, dah es, soweit Deutsche auf der Erde leben, nicht eher wieder eine lebenSwürdige Form für sie alle gibt und geben kann, solange nicht der Makel von ihnen genommen ist, den Weltkrieg entfesselt zu haben, weil es uns nach der Weltherrschaft gelüstete. Wir müssen fordern, dah die Regierung als die berufene Sprecherin ihres Volkes keine der sich ihr so zahlreich darbietenden Gelegenheiten unbenutzt labt, um immer wieder darauf zurückzu- kornmen, Deutschland sei zwar bereit, die ihm auferlegten Lasten als Besiegter nach Mahgibe seiner Leistungsfähigkeit za tragen, müsse aber unbedingt fordern, dah aus diesen Lei­stungen keinerlei Rückschluh auf eine moralische Verfehlung gezogen werde. Deutschlind hat den Krieg toeber gewollt, noch hat es ihn enlfeffetf. Dabei müssen wir stehen bleiben.

Aber nicht mit leeren rhetorischen Beteue­rungen ist es getan. Es nützt ans gar nichts, immer wieder mit denselben oder ähnlichen Wor­ten auf die gleichen Singe zarückzukornrnen. Wir müssen vielmehr so verfahren, wie es in einem Prozeh der Fall sein würde. Wir müssen uns vor »llem mit der seindlichen Anklage und mit der dieser zugrundeliegenden Beschuldigung genau befassen. Punkt für Punkt der gegen unS er­hobenen Anklage müssen wir zunächst kennen lernen und zwar in der Formulierung, wie sie dem Feinde vorliegt und d e m n ä ch st zu entkräften suchen.

Die zehnjährige Wiederkehr der Erinnerungs- tage scheint mir in besonderem Mähe dazu ge­eignet. einen neuen, und wie ich zuversichtlich hoffe, aussichtsreichen Weg zu beschreiten. Die Franzosen haben ihr Schuldverdikt hauptsächlich auf den Gedankengängen aufgebaut, die in dem Gutachten der Professoren E. Bourgeois and G. Pages für die Untersuchungskommission des Senats zu erkennen sind. Dieses Gutachten ist im Iournäl officiel vom 9. Januar 1921 erschie­nen. Run haben aber die beiden Herausgeber ihre Arbeit auf Grund der ihnen bis Jini 1921 zu­gänglich gewordenen politischen Deröfsentftchun- gen erweitert und ihre Gutachten in Buchform unter dem Ätel .Die Ursachen und die Verant­wortlichkeiten des groben Krieges (Les vrigines et les responsabilitöes de la grande guerre) 1921 herausgegeben. Die Deutsche Verlagsgesell­schaft für Politik und Geschichte in Berlin be­reitet eine autorisierte deutsche Gesamtausgabe dieses für uns ungeheuer wichtigen Buches vor. Wir wollen aber nicht ©arten, bis das ziemlich umfangreiche Werk vorliegt, sondern uns mit seinem Inhalt bereits eingehender beschäftigen.

Zweifellos kommen wir bei der prakttschen Arbeit Frankreichs gegenüber am weitesten, wenn wir uns mit den Gedankengängen genau vertraut machen, die in Frankreich oftizielle Gestalt ange­nommen haben. Auf diese Weise gewinnt unser Kampf gegen den Schuldfpruch von Versailles einen festen Ausgangspunft. Wir wissen dann, waS Frankreich behauptet und ©erden mit Stau­nen dessen inne, was in Frankreich noch heute und zwar nicht von den ersten besten, sondern von Gutachtern des französischen Senats ge­schrieben und von weiten Teilen des Volkes ge­glaubt wird. Bei einer derartigen Betrachtungs­weise werden wir auch vor dem Optimismus bewahrt bleiben, als sei es für uns ein Ge­ringes, unsere Richtschuld am Weltkriege dar­zutun und auch den anderen Rationen glaubhaft zu machen. Aus einem solchen Optimismus er­wächst nur zu leicht, wenn Hindernisse sich ein- stellen. eine durch die tatsächliche Lage nicht zu rechtfertigende Enttäuschung, die sich dann leicht in einer völligen Abkehr von den bisherigen Be­mühungen zu äußern Pflegt.

Aus dem französischen Senatsgutachten er­sehen wir, dah in Frankreich über die Frage der Schuld am Kriege so unberechtigte und uns geradezu widersinnig erscheinende Anschauungen im Schwange sind, dah wir sie einer ernsten Beachtung gar nicht würdigen zu dürfen glau­ben. Das aber wäre grundfalsch denn.das fran­zösische Volk glaubt diese Dinge, und PorncarS, der geistige Vater der immer noch auf uns lastenden Erpresserpolitik Frankreichs, hat durch seine Reden und Schriften und sein unleugbares advokatisches Geschick sehr viel dazu beigetragen, das französische Volk in seiner geradezu primi­tiven Unkenntnis zu erhalten. Suchen wir also zunächst uns mit dem französischen Standpunfte, der ja noch heute der herrschende ist, völlig ver­traut zu machen. 1

Da beginnen denn die beiden französischen Professoren gleich mit der Feststellung, das Attentat von Serajewo und das Vorgehen gegen

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.ilnb jetzt? Fahr hin in Scherben, Du Flasche und du Glas!

Die Besten müssen sterben Doch aus dem Tod und Verderben

Blüht Hoffen uns nicht Hah . . .

Ich hatt' einen Kameraden, Ich habe keinen mehr.

Er kam in Welschland zu Schaden, Gott nahm ihn auf in Gnaden.--

Es lebe des Kaisers Heer!

H. Gz., August 1914.