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Nr. 128 Zweites SIM

Ein verhüteter Krieg!

Die Riesenexplosion bei Bukarest, eine der geivaltigsten Katastrophen ihrer Art, i'il mehr als ein wirtschaftliches Clnglück und mehr als ein empfindlicher Verlust des rumänischen Staatssäckels. Sie ist ein Fingerzeig dec politi­schen Vorsehung, die dafür sorgen zu wollen scheint das) gewisse imperialrstische Bäume nicht in den Himmel wachsen Llm aufzuzeigen, uxrs wir meinen sei auf die amtlichen rumänischen Berichte verwiesen, die, wenn auch widerwillig, zugeben, dah unter den in die Luft geflogenen Munitions­mengen sich aud), 1000 Waggons mit Granaten befanden, die von den Skoda-Werken neu ein­getroffen waren und die man noch nicht in sicheren Gewölben hatte unterbringen können. Sin Mu- nitionsmagazin, das bereits 2600 Waggons Gra­naten enthält, hofft man zuretten". Als) 3600 Waggons mit 105 mm Skoda-Geschossen auf einen Platz in der Rähe der Landeshauptstadt vereint, das geht weit über die natürliche militäcische Versorgung eines Landes wie Runränien hinaus und beweist, daß hier ein neuer Krieg vor- bereilet wur-de. Welcher Krieg? Der Krieg um Bessarabien, um jenen Landstrich zwischen Dnjesta und Pcuth, der durch Beschlus) der Pa­riser Dotschafterkonserenz vom 28. Oktober 1920 bem rumänischen Staate einverleibt wurde. Drei­einhalb Jahre lang schob Frankreichs das den Ru­mänen immer wieder Millionenanlerhen für Rüstungszwecke anbot, die Ratifikation jenes Be­schlusses hinaus, bis Bukarest des Wartens und ider älnsicherheit müde wurde und das rumänische .Königspaar auf eine W e r b e r e i s e schickte. Die Reise ging über Paris, Brüssel und London, und sogar die angeblich wirtschaftlichen Beziehungen Rumäniens zur Schweiz muh en herhalten, um einen Besuch des Ballan-Königspaares beim Völ­kerbund in Genf zu begründen. Warum machte Ferdinand Dgn Hohenzollern diese Reisen, die sicherlich für ihn und auch für die schöne Königin Maria keine Vergnügungsreisen waren, in Be­gleitung eines gr offen militärischen und diplo­matischen Gefolges? Die Rundfahrt hatte, das ist unterdessen klar geworden, keinen anderen! Zweck als um gut Wetter für den Fall eines b e - waffnetenKonflikts mit Ruhland zu bitten. Inwieweit bei dieser oder jener westlichen Regierung der Bukarester König dabei in der Nebenrolle des vom Schicksal ausersdhenen Ver­nichters des russischen Bolschewismus erschien, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls hat König F.-rdinand, wie man unter der Hand hörte, nicht verfehlt. auch diese Seite der rumänisch^-russischen Frage aufleuchten zu lassen. Das' war schließlich sein gutes Recht, denn er braucht gegen einen möglichcn russischen Angriff Verbündete, und -war sichere und stärlere als die Genossen von der Kleinen Entente.

2ll»er was geschah in Paris? Als das ru­mänische Königspaar dort unter Entfaltung eines unerhörten Prunkes einzog, um am Grabe des Unbekannten Soldaten" die Blumengrüße der kleinen lateinischen Schwester niederzulegen, schloß sich es war im vorigen Monat! Poin - ca r e am Quai d'Orsay mit Herrn Du ca, dem Außenminister Rumäniens, in einem Zimmer ein, um über dieAusgestaltung" des rumänisch-fran­zösischen Bündnisses zu beschließen. Dieses Bündnis bildet nicht nur ein Gegenstück zum tschechisch-französischen Vertrag, mit dem es in vielen Einzelheiten Aehnlichkeit hat sondern es entpuppte sich als ein Teil der großen foanzösi- schen Reuordnung Europas, die darauf hinzielt. inDeutschlands Rücken eine politisch und und militärisch zusammenhängende Staatenmasse zu schaffen. Frankreichs erhielt durch den neuen Vertrag das Recht, die rumänische Armer völlig zu reorganisieren und sie in jene Abhängigkeit vom Pariser Generalstab zu bringen, wie es in der Tschechoslowakei und in Polen be­reits der Fall ist. wo französische Generäle die gesamte militärische Macht in ihren Händen ver­einigen. Die nächste Folge der Pariser Geheim- bcschlüsse war ein R ü st u n g s k r e d i t von 200 Millionen Francs, und dann setzten die ungeheu­ren Munitionstransporte nach Bukarest ein. Ein großer Teil dieses Balkan-Zündstoffs ist jetzt durch einen, man Knute sagen, glücklichen Zufall in die Luft gegangen, und damit ist viel­leicht auch die Hoffnung gewisser Leute zerstört, die den Dnjestr zur Weltberühmtheit, einigen Millionen Menschen zu vorschnellem Tode und Europa zu neuen Ruinen verhelfen wollten.

Die überseeische Auswanderung nach Ziel und Beruf.

Die Auswanderung Deutscher nach überseei­schen Ländern im Jahre 1923 verdient besondere Beachtung. Die wirtschaftliche Rot in der deut­schen Bevölkerung hat bis November vorigen Jahres von Monat zu Monat eine steigende Zahl von Angehörigen aller Berufsschichten dazu ge­trieben, ihre alte Heimat zu verlassen, um sich jenseits des Ozeans neue Cxistenzmöglichkeiten zu

gur Jahrhundertfeier der Neunten Symphonie.

Don D. Bruno Wille.

3m Mai vor hundert Jahren wurde Beetho­vens bedeutendste Tondichtung zum ersten Mal einem Konzertpublikum torgetragen, vom Meister selbst dirigiert, obwohl er längst völllg taub war. Wir tocrben an Faust gemahnt, der erblindet mit dem Auge des Geistes in seine ©cclentiefe dringt und denhöchsten Augenblick" innen erlebt: in der Ewigkeitsschau geht ihm die Gewißheit auf, das Beste seiner Persönlichkeit könnenicht tn Aeonen untergehen". Beethoven ist ein faustischer Künstler, und seineRennte" hat durchaus fau­stischen Charakter. Goethe schildert in seiner Drch- tung die eine ganze Weltanschauung bedeutet, den Menschen, wie er sich aus irdischer Beschränkt­heit losrrngt, ganz dem Ewigen ergeben. Clnd Beethoven führt.uns, in der unmittetbar-gemüti- schen Sprache der Musik, denselben Kampf und Sieg des Erdensöhnes vor. Sern symphonischer Schwanengesang ist em Evangelium vom ewigen Sinn der Schöpfung, em Triumph der Güte und Freude.

Schon die Umstände, unter denen dreReunte" entftano und zur Aufführung gelangte, greifen mächtig ans Herz, insofern uns der titanenhafte Künstler vorlebt, tote ein Mensch imstande ist, hartes Leid, unter dem mancher andere zusammen­

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen) Montag, 2. Zum (924

suchen. Von Interesse sind die Richtungen, in die sich der Strom der deutschen Auswanderer bewegt.

Die Hauptauswanderungsziele gehen aus der untenstehenden Tabelle hervor. Es zeigt sich, daß die Auswanderung nach Südamerika in den Jahren 1920/23 stetig gestiegen ist. Hatte sich aber besonders in den Jahren 1920 und 1921 der Hauptstrom der deutschen Auswanderer nach Süd­amerika gerichtet, so ist das gewaltige Anschwellen der Zahl der Auswandernden 1922 und 1923 vorwiegend Nordamerika, insbesondere den Vereinigten Staaten, zugute gelommen. 3m Jahre 1923 gingen 81,1 Proz. aller Auswan­derer nach Rordamerika.

Es gingen nach:

Südamer.

Gesamtzahl der

Nord-

Bra­

Argen­

ohne näh.

Auswandernden amerifa

silien

tinien

Bezeich­

nung

1920

8 458

1 429

131

588

6 078

1921

23 451

9 080

6 872

2 056

3 920

1922

36 527

24 608

5 261

4 996

730

1923

115 416

93 576

8 920

9 640

1733

Die deutsche Auswanderung 1923 ging zu 99 Proz. über Hamburg und Bremen. Die Gliederung der über diese 5)äfen beförderten deutschen Auswanderer nach Berufsschich­ten geht aus folgender älebersicht hervor: and- und Forstwirtschaft . . . 16 903 14,9 % Bergbau, Hütten- und Ealinenwesen 1 843 1,6

Industrie (Gewerbe) einschl. Bau­

gewerbe ......... 45 418 39,9

Handels- u. Versicherungsgewerbe 13 070 11,5 Derkehrsgewerbe, Gast- u. Schank-

Wirtschaft ........ 3128 2,7

Häusliche Dienste......H 564 10,2

Lohnarbeit......... 3 039 § 2,7

Freie Berufe, Oeffentlicher Dienst 4 454 3,9 Ohne Beruf und Berufsgewerbe

(Familienangehörige usw.) . . 14 393 12,6

113 812 100 %

In den er ft en drei Monaten 1924 zeigt sich im übrigen ein erheblicher Rückgang Der Auswanderung. Im Rovember 1923 wanderten etwa 16 0 0 0 Deutsche nach über­seeischen Ländern aus. Don diesem Höchststand ist die monatliche Auswanderungsziffer bis April auf etwa 4000 gefallen. Das ist vor allem darauf zurüc^usühren, daß die Vereinigten Staaten nur einer bestimmten Anzahl von Deutschen die Ein­wanderung jährlich gestatten, und daß für das laufende Geschäftsjahr bis Juni 1924 diese Quote erschöpft ist. Im Juli Wirch mit dem Fortfall der nordamerikanischen Sperre mit einer erneuten erhebtichen Steigerung der Auswande­rungsziffer zu rechnen sein.

Alebe rmittlung vorherrschte, äleberhaupt war man zu jener Zell noch sehr anspruchslos. Als im Jahre 1847 der gemeinsame preußische Landtag zum ersten Male zusammentrat, damals ein be­deutsames Ereignis, wurden doch die Berichte darüber erst acht Tage später in derPreußischen Zeitung" veröffentlicht, einige Tage darauf über­nahmen sie dann die anoeren Blätter. Man vergleiche damit, wie heute das Rachrichtenwesen organisiert ist. Meistens erscheinen in den Blättern die Meldungen über die Ereignisse des ver­gangenen Tages, in vielen Fallen, wenn sich dies ermöglichen läßt, erfährt der Leser sogar von Begebenheiten, die sich erst wenige Stunden vorher zugetragen haben.

Mit der Erfindung des Telephons und der Verbreitung des telephonischen Verkehrs setzte eigentlich erst die schnelle Rachvichtenübermitt- lung im Zeitungswesen ein. Die meisten Tele­gramme, die heute die Zeitungen verösfentlichen, sind Wiedergaben von Telephongesprächen, denn dadurch wird eine große Beschleunigung und viel bessere Ausnutzung des Drahtes herbeigeführt. So waren die Meldungen, die derGießener An­zeiger" am Tage nach der Reichstagswahl über die Wahl veröffentlichte, zum größten Teil tele­phonisch übermittelt worden. Gerade die Wahl­ziffern, die sich aus ganz Deutschland in einer Zeitungsnummer vereinigten, waren geeignet, eine Vorstellung von den ungeheueren Fortschritten des Rachrichtenwesens in den letzten Jahrzehnten zu geben. Der Leser desGießener Anzeigers" konnte also schon am Tage nach der Wahl sich ein ungefähres Bild von deren Verlauf und dem voraussichtlichen Gesamtergebnis machen. So ist die Zeitung jetzt weit mehrals früher das Tagebuch der Zeit geworden und ein Dokument, in dem Ereignisse und Tatsachen aus­gezeichnet werden, sowie Stimmungen und Mei­nungen ihren Riederschlag finden.

Heute ist das Dasein eines Kulturmenschen ohne Zeitung sozusagen unmöglich. Wer im Leben stehen und nicht zurückbleiben will, der muh eine Zeitung lesen. Schon im Jahre 1697 hieß es in einem Hamburger BüchleinZeitungs Lust unb Rutz":Will aber wer klug seyn und werden, wo er anders in der Staats-, Handels- und bürgerlichen Gesellschaft leben will, so muß er Zeitungen wissen, er muh sie stets lesen, er­wägen, merken und einen Verstand haben, wie er mit denenfelben umgehen soll." Wie viel mehr gilt das, was damals empfohlen wurde, heute, in einer Zeit des gewaltig gesteigerten Verkehrs.

Der Hessische evangelische Psarrverein

hielt im Landesshnodalgebäude zu D a r m st a d t seine diesjährige Hauptversammlung ab. Der Vorsitzende Dekan I a u d t - Planig legte den

Das Tagebuch der Zeit.

Das Tagebuch der Zeit, in das die Geschichte ihre unmittelbaren, augenblicklichen Rotizen ein­trägt, nennt Der Dichter Robert Prutz die Zei­tung. Aktualität ist in der Tat ein Wesenszug der Presse. Prutz, der 1872 gestorben ist, hat aber die Entwicklung des modernen Rachrichtenwesens nicht mehr erlebt. Es ist ja noch gar nicht so lange her, daß wir nach unseren heutigen ^Begriffen den Inhalt einer Zeitung wirklich zeitgemäß nennen dürfen. Im 17. Jahrhundert brauchten Rachrichten von Venedig nach Nürnberg 20 Tage und von Antwerpen nach Köln fünf Sage. Ein reitender Bote legte die Strecke von Frankfurt a. M. nach Hamburg tn fünfeinhalb Tagen zurück, die Entfernung von Frankfurt nach Leipzig in zwei­einhalb Tagen und nach Paris in sechs Tagen. Im 18. Jahrhundert waren die Verhältnisse kaum besser. So erreichte die Rachricht von dem großen Erdbeben in ßtifabon am 1. Rovember 1755, bei dem angeblich mehr als 100 000 Menschen um« kamen, erst am 2. Dezember Berlin, d. h. an diesem Tage wurde sie von derVossischen Ztg." veröffentlicht. Selbst der weltgeschichlliche Vor­gang der Flucht Rapoleons von Elba, der durch Eilboten gemeldet wurde, brauchte einen halben Monat, um auf dem Wiener Kongreß bekannt zu werden und dort Bestürzung hervorzurufen. Tage­bücher der Zeit wird man die damaligen Zeitun­gen wohl kaum nennen können.

Roch um die Mitte des 19. Jahrhunderts war die Rächtichtenübermittelung nach unseren Be­griffen außerordentlich langsam. Eine Meldung brauchte zur Beförderung von Köln nach Frank­furt vier Tage, von Paris nach Köln eine Woche. Im Jahre 1849 richtete sich dieKölnische Ztg." eine Taubenpost ein, die die Rachrichten von Paris nach Aachen besorgte: von dort wurden die Meldungen nach Köln weitergegeben. Man muß berücksichtigen, daß zu jener Zeit die Eisen­bahnen erheblich langsamer fuhren ais heute. Das Jahr 1849 brachte aber eine neue, welt­bewegende technyche Neuerung, nämlich die Ein­führung des erstenelektromagnetischen Staats- telegraphen". Für die damalige Zeit war dies ein geradezu ungeheuerer Fortschritt im Nachrichten­verkehr. Der Telegraph war aber sehr teuer, so daß eigentlich nur in Ausnahmefällen von ihm Gebrauch gemacht worden ist und die briefliche

Jahresbericht vor. Der Verein hat das schwere Jahr 1923 gut überstanden: 32 neue Mitglieder sind eingetreten, 2 gestorben. Der Vorstand hat in feiner Arbeit der Not der Zeit Rechnung getragen. Die Neuwahl bewies dem Vorsitzenden das volle Vertrauen aller Anwesenden, so daß er sein Amt weiterführt. An Stelle des verhin­derten Rechners legte der Schriftleiter desHessi­schen Kirchenblattes", Fritsch- Ruppertsburg, den Rechenschaftsbericht ab. Er referierte über Arbeit und Inhalt des Blattes, das nun wieder neu aufzuleben beginnt. Es wird ihm das Amt von neuem übertragen. Prälat D. Dr. Diehl machte sodann der Versammlung vertrauliche Mitteilungen über den Abbau, welche durchaus befriedigten. Das bestätigte auch das Korreferat von Pft. Weck- Steinfurth, der die Wünsche der Geistlichkeit betonte. Oberschulrat Direktor Altendvrf- Friedberg referierte über die Or­ganisation des Reichsbundes höherer Beamten. Erfolg des Vortrages war der einstimmige Be­schluß, dem R. h. D. beizutreten und damit auch dem Landesverein B. h. D. Professor Dr. K. Schmidt- Gießen hielt dann einen interessanten Vortrag über denStand der neutestamentlichen Wissenschift". Psr. Dr. Simon- Albig schilderte die Gefahr, welche dem humanistischen Gymnasium droht. Eine .dementsprechende protestierende Er­klärung wurde angenommen und wird dem Lan­desbildungsamt eingereicht werden. Eine Adresse, welche dem scheidenden Professor D. Schian- Gießen Dank und Wünsche für sein neues Amt ausspricht, wurde angenommen. Vizepräsident Dr. B e r n be ck teilte die Grundsätze über die An­rechnung der Dien st Wohnungen der Geist- lichen mit. Seine Ausführungen über die jetzt viel besprochenen Kirchen st euern lösten eine lebhafte Aussprache aus. Daß die Landeskirchen- fteuer für 1924 höher als im Frieden ist, liegt an dem Ausfallen an Kapitalzinsen, den Minder­einnahmen an Pachterträgnissen und den zu er­wartenden größeren Posten an uneinbringlichen Steuern. Beschwert fühlen sich die Steuerzahler durch den Rückgriff auf das Ergebnis der Steuer­veranlagung von 1922 und durch die Festsetzung von nur zwei Zahlungsterminen. Es sollen mög­lichst vier 'Termine erwirkt werden. Im übrigen soll berechtigten Beschwerden durch Stundung, Herabsetzung usw. Rechnung getragen werden. Die Kirchenvorstände müssen die Einzelfälle prüfen

bracht, nicht nur zu ertragen, sondern sogar zu einer Stufe seines Emporstieges zu machenWas mich nicht umbringt, macht mich stärker", sagt Nietzsche, und zu solchem Heroismus 'hat sich Beet­hoven durchgerungen aus ferner Verzweiflung über den Verlust fernes Gehörs, das dem Musi­ker zunächst ganz unentbehrlich erschien: die Ver­suchung, sich selber zu töten, die ihn bei Begrünen­der Taubheit heimsuchte, bestand er als ein Held, vermöge seiner sittlichen Stärke:Ich will dem Schicksal in den Rachen greifen, ganz nieberbeugen soll es mich gewiß nicht: Kraft ist die Moral der Menschen, die sich vor anderen auszeichnen, sie ist auch die meine. Solche Grundsätze haben unseren Meister auch zu einem Lebenskünstler gemacht, der die Dissonanzen seines Mißgeschickes wunderbar aufzulösen wußte. Gerade dadurch daß der Taubgewordene von der Außenwelt ge­wissermaßen abgeschieden war, fühlte er sich ganz auf seine Innerlichkeit hingewle^en: und ungestört von des Alltags häßlichen Geräuschen, entfaltete er seine musikalische Einbildungskraft so groß­artig. daß an Stelle des eingebüßten Lorperlichen Gehörs ein geistiges trat, jenem weit überlegen an Spürsinn für die seelischen Geheimnisse des Kosmos. Sein heiligstes Innenleben such e er in Tönen auszudrücken, sein reinstes Sehnen und Lieben, seine Religiosität, die ein Glaube war an das Göttliche jm Menschen, an die ewige Liebe, die alle Düsterkeiten besiegt und verklärt.

Gerade in den Jahrzehnten äußeren lllnglücks befand sich Beethoven auf den Gipfeln seiner Schöpferkraft und Geistigkeit, und ein Riesenwerk reihte sich ans andere. Seit 1806 entstanden die Appassionate, die Missa svlemnis, das Violin­konzert in O-Dur und die letzten sechs Sympho­nien (von der vierten bis zur neunten), daM noch wundervolle Werke der Kammermusik.

Am 7. Mai 1824 fand in Wien das Konzert statt, das einzig großartig in der Kunstgeschichte dasteht. Auch in seinem äußerlichen Verlauf war es ein Triumph der Vergeistigung gegenüber den chaotisch^ungefügen Naturgewaiten. Lauter Werke von Beethoven wurden geboten, und der Meister selber schwang den Takt stock. Auf drei Sätze aus derMissa solemnis" und die Festouvertüre Weihe des Hauses" folgte die Neunte Sym­phonie, die ein halbes Jahr vorher entstanden war. Das im neuen Konzert Hause versammelte Publikum fühlte die Weihe erh.benster Kunst um) geradezu eine Offenbarung aus den Regionen ewiger Schönheit und Weisheit. Der Beifall so berichtet die Ehronik war so mächtig, wie er nur je einmal gewesen. Als ter Jubel b.gann, hörte es Beethoven nicht und sah auch kein An­zeichen davon, weil er ja dem Publikum den Rücken wandte. Da hatte eine der Solosänge­rinnen den guten Gedanken, den Meister nach dem Proszenium umzuwenden und aufmerksam za machen auf das begeisterte Auditorium, das in

und begutachten. Im Herbst soll nochmals eine Hauptversammlung staltfiuden, wahrscheinlich in Verbindung mit dem großen Deutschen Pfar- rer tag, der vom 22.- 24. September inGießen abgehalten wird.

Turnen, Sport unb Spiet.

Leichtathletik. Wie im Vorjahre fand am Sonntag anläßlich des Spielplatzwerbetages' der StaffellaafRund um die Anlagen" unter Teilnahme der Sportvereine der Gruppe Gießcn-Dutzbach statt. Die 3000 Meter lange Strecke war für Jugendliche und Akllve jeweils wie folgt eingeteilt: -2x200 Meter, 1000 Meter, 4,- 200 Meter und 4x100 Meter. Die Leicht­athleten des S. C. 1900 Gießen konnten, wenn auch nicht ohne Kampf, fo doch sicher die Staffeln in den beiden Klassen gewinnen. Die Ergebnisse: Jugend: 1. S. E. 1900 i. Mannsch 7,33 Min., 2. V. f. R. Butzbach 95 Meter zur., 3. S. C. 1900 II. Mannschaft weitere 35 Meter zurück, 4. S. C. 1900 HI. Mannschaft weitere 300 Meter zurück Aktive: 1. S. C. 1900 7,01 Min., 2. 3. Komp. I.- Regt. 15 150 Meter zurück, 3. V. f. L. Gießen weitere 50 Meter zurück, 4. L. C. 1920 Gießen weitere 200 Meter zurück

"älniversitätGieß enTechnische Hochschule Darmstadt gewinnt Gießer 2:1. Gießen ist damit in der Zwischenrunde um die akademische Handballmeisterschaft, deren End­spiel beim Deutsch-akademischen Olympia in Marburg ausgetragen wird. Spielverlauf: Die Darmstädter spielen mit dem Wind, sind über­haupt rascher als die Gießener und schießen nach wenigen Minuten ein. Gießen kommt allmählich auf. Einen 11-Meter-Ball hält der Darmstädter Torwächter. Bei einem Schuh der Gießener wirft er sich zu zeitig, und der Ball rollt über ihn ins Tor. Halbzeit 1:1. Mit dem Wind spielend wirk' Gießen immer überlegener, auch ist sein Zuspiel besser als beim Gegner. Darmstadts Sturm ver­sucht vergebens durch rasches Laufen auszu­gleichen. Gießen erzielt ein zweites Tor. Ständrge weitere Angriffe vereitelt die Darmstädter Ver­teidigung. Auch schießen die Gießener schlecht. Das Spiel verlief bei scharfem Tempo anständig und ruhig. Der Schiedsrichter Schneider (Reichs­wehr) leitete sicher und sachgemäß. Schwächen der Gießener: Sturm läuft zu langsam, Außen­stürmer, besonders links, langsam und unsicher, Schuhvermögen schwach. Ganz ausgezeichnet ist der Mittelläufer, gut sind Mittelstürmer, rechter Verteidiger und Torwart.

Hochschulnachrichten.

Don der Technischen Hochschule Darmstadt.

rmk. Darmstadt, 1. Juni. Das Sommer- semester der Techn. Hochschule weist nach der Aufnahme am 15. Mai einen Bestand von 2350 Studierenden und Hörern auf. Neu ange- meldet wurden 237 Studierende, darunter haben Maschinenbau 78, Elektrotechnik 62, Chemie 22 belegt.

Warnung vor dem Medizin-Studium.

Der Verband der Aerzte Deutschlands er­läßt, wie dieKlinische Wochenschrift" berichtet, eine neue besonders dringende Warnung vor dem Studium der Medizin. Diese Warnung wird hauptsächlich begründet mit den einschneidenden Bestimmungen über die Zulassung zur Kranken- kassenpraxis und mit der allgemeinen Notlage der Aerzte, die auch die älteren zur Weiterarbeit und die Assistenten zum Verbleib in ihrer Stellung zwingen.

, Wirtschaft.

Verschlechterung der Lage der Textilindustrie.

Die neuerlichen Kreditrestriktionen der Rerchs» bank haben auch die Textilindustrie starke älnge» legenheiten bereitet, da dieser Industriezweig we­gen der gewaltigen Rohstoffteuerung gegenüber der Vorkriegszeit unb der erheblichen Verluste an Be­triebskapital in der Inflationszeit heute auf bte bereitwillige Gewährung von Krediten angewiesen ist. Der Auftragseingang ist weiter befriedigend, wenn auch langlaufende Fristen von den Fabriken ausbedungen werden müssen. Die Fabriken sind aber vollbeschäftigt nur im Rahmen ihrer finan­ziellen Leistungsfähigkeit. Ein rationelles Arbei­ten, d. h. eine Vollbeschäftigung des gesamten stehenden Produktionsapparates wird in vielen Fällen ohne ausländische Interessennahme nicht

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die Hände schlug, Hüte und Tücher schwenkte Nun gab er durch Verbeugung seinen Dank zu erkennen, und dies war als Signal zum Lvs- brechen eines kaum erhörten Jubels, der lange nicht enden wollte. Freilich, der da oben stand, hörte ihn nicht er war eine Welt für sich auch wohl noch entrückt in jene Sphären, die ihm sein idealistischer Flug erschlossen hatte. Aber bann konnte er sich wieder einmal unter Menschen heimisch fühlen.

Hatte doch soeben sein Werk verküirdet, daß wir ©taubgeborenen, obwohl wir der Raiur und dem Schicksal gegenüber, noch m?b: durch Schuld menschlicher Ichsucht und Verständnislosigkeit, schwer zu leiden haben, dennoch über Kräfte ver­fügen, uns aus den Schluchten firmerer Niedrig­keit empvrzuringen ins Leuchten der Ewigkeit. Wie ein ^.erlösendes Wort" wild es empf-inden, daß nach Instrumental-Ak orden, die verzweifelten Schmerz ausdrücken, eine Menschenstimme Erbar­men verkündet:Freunde! nicht lolche Töne!" Clnd nun hebt ein Ehor einen Gesang des Trostes an, eines seligen Allgefühls - erst schüchtern und fast stammelnd, dann kraftvoll und einmütig, wie einen Gemeinde-Cantus von Bach Zugrunde gelegt sind ihm Schillers herrliche Worte vom Vater überm Sternenzeltden seine empvr- g^hebenen Geschöpfe um ubeln: Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium! Wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum.'