Einzelbild herunterladen

Samstag, 1. März 1924

Erstes Blatt

174- Jahrgang

den. Die schamlose Lüge von der Allemschuld

Interpellationssturm der parlamentarischen Oppo« sitivn bequemte sich der Premier zwar, seinen Kollegen Henderson zu desavouieren. Aber seine Erklärung, die das Unterhaus missen lieh, das Labourkabinett halte ft<$. für Hendersons Aus­lassungen nicht verantwortlich, klang doch für konservative Ohren sehr matt. Wenn er noch hinzufügte, das Reparationsproblem bleibe das Hindernis für eine allgemeine Regelung! sobald der Bericht der Sachverständigen vvrliege, glaubt er, daß die Zeit für eine vollständige Prüfung aller Probleme gekommen sei so kann man hier wohl eine, wenn auch vorsichtige Umschreibung der Revisionssvrderung Hendersons betauetejen. Immerhin, trotz aller bescheidenen Ausmaße, doch erfreuliche Auspizien für die deutsche Außen- Politik und ein neuer wichtiger Fingerzeig füt Deutschlands Staatslenker.

des rhetorischen Fundamentes, aus dem Poin- oarö den kühnen Bau seiner imperialistischen Pläne errichtet hat. Die deutschen Staatsmänner sind leider bei dem Versuch diesen Stein aus der Mauer französischer Heuchelei herauszubrechen, in den Anfängen stecken geblieben. Manch kräf­tiges Wort haben wir aber, im wohltu«rden Gegensatz zu manchem seiner Vorgänger im Amt, gerade von S t r e s e m a n n zur Zurückweisung der Schuldlüge gehört. Um so mehr enttäuscht es, daß er jetzt dies Wort nicht fand.

Die Forderung auf Revision des Ver­sailler Vertrages wurde durch eine Wahl­rede des neuen britischen Innenminister Hen­derson aufs neue aufgerotlt. Einzigartig war diesmal daran, daß es ein alliierter Staats- mann im Amt war, der es wagte etwas za fordern, das die von den Alliierten seit sechs Jahren ängstlich gehütete europäische Lage von Grund aus erschüttern muh. Gegenüber dem

Annahme van Anzeiger für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohnejedeDerbindlichKeit.

preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlichb, auswärts 10 Goldpfennig; für Re­klame-Anzeigen d 70mm Breite 35 Goldpfennig, Platzvorschrift 20° , Auf­schlag. - Verantwortlich für Politik u. Feuilleton: l)r. Friedr. Wilh Lange; für den übrigen Teil' Ernst Dlumschein; für den Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in Gießen.

den Führern Ludendorff, Dr. Weber, Hitler und mir selbst an der Spitze. An der Ladwigsbrücte erhielt die dort postierte Landesp olizei Be­fehl zum Laden. Auf unseren Zuruf ging jedoch die Postenkette auseinander. Beim Einschwenken auf den Platz vor der Residenz begegnete uns wieder eine Postenkette, die auf unseren Anruf, nicht zu schießen, zurückwich. Gleich darauf kam aus der Richtung der Theatinerkirche ein Schwarm Landespolizei auf uns zu und während ein Of­fizier mit dem Karabiner zum Schlag ausholte, fiel, so wahr ich hier stehe, der erste Schuh von den Truppen der Landespolizei. Ob unsere Leute ge­schossen haben, weih ich nicht. Ich selbst wurde aus einem Fenster der Residenz dreimal aus einer Pistole beschossen. Als die Schießerei aufhörte, und ich gesehen hatte, dah um die Verwundeten bereits Leute beschäftigt waren, ging ich heim.

Die Frage des Vorsitzenden, ob Einig­keit bestand über den Vormarsch, um die nicht- nationale Regierung Stresemann zu stürzen, be­jahte Kriebel. Aus mehrere Fragen der Vertei­digung sagte Kriebel, es sei bei der Besprechung mit Kahr von der Rotwendiglteit, alles genau vor­zubereiten, die Rede gewesen. Das Vorgehen sollte konzentrisch erfolgen unt> die militärische Leituirg sollte Lossow haben.

Am Rachmittag wird

General Ludendorff

zur Vernehmung aufgerufen. Er gibt ein Bild seines bisherigen Lebens, das geschichtlich der Welt klar vorliege und voll Arbeit für Volk und Vaterland gewesen sei. Auf die Ditte des Vorsitzenden, sich über seine .politische Einstellung zu äußern, sagte der General, daß er die Ig- pflichtnahrne der bayerischen Reichswehr durch den bayerischen Staat als eine Meuterei und Versassungsbruch ansehe, wenn er auch die Weimarer Verfassung nicht verteidigen wolle, ^ch faß darin rm? Lockerung und Schwächung des Reiches, die Inkraftsetzung vvn Beschränkun­gen, die ich seit langem mit Sorge verfolge. Der General betennt sich als Gegner der marxistischen und kommunistischen Ideenwelt und damit auch als Gegner der Juden, die er im Weltkriege als eine Gefahr genügend fennengelecnt habe. Zur ultramvntanen Frage sagte Ludendorff: Ich achte die Segnungen der katholischen Kirche genau so hvch wie die der protestantischen; aber ich habe in Posen, Thorn und in Straßburg gesehen, wie durch die Zentrumspolitik das Deutsch­werden jener Länder erschwert wurde. Durch die Zentrumspo.itik ist Ob rschlesien polnisch gehörten. Ludendorff erklärte weiter, er sei im August 1920 nidjit aus politischen, sondern aus privaten Gründen nach Bayern gekommen, wo er dann auch in Beziehungen zu Kahr trat. Hier habe der Ge­danke des kundesweisen Anschlusses der deutsch- österreichischen Länder ohne Riederösterreich und Wien vorgeherrscht. Dieser Gedanke sei ihm un­deutsch erschienen. Ludendorsf wandte sich dann gegen die deut chseindiiche Politik des Datikans. Miterregter Stimme führte er aus, er sei erschüt­tert gewesen, als er den Bericht las über dte Heiligsprechung der Jungfrau von Orleans, wie Papst Benedikt XV. sich damals in Rom in fran­zösischer Sprache dahin ausdrückte, er bedauere, Franzose nur von Herzen zu sein. Der Genera! erwähnt dann die Verbindung Kahrs mit Justiz- rat Glaß, Führer des Alldeutschen Verbandes, der bereit gewesen sei, den Wünschen Kahrs auf Lockerung des Verhältnisses Bayerns zum Reiche zu entsprechen. Er habe darin eine große Gefahr für das Deutsche Reich und das deutsche Volk ge­sehen. Gr habe gesehen, daß hier von gewissen Kreisen der Bayerischen Dolkspartel eine Politik getrieben werde, die absolut Deutsch­land abträglich sei. Sie schaffe statt eines star­ken Reiches, daß und Freiheit bringen könne, einen Staat, der schwach sei. Die Ereignisse des 8. und 9. Rovember hätten Vielen die Augen geöffnet, und wenn man die Abmachungen lese, die zwischen dem Reichskanzler und dem bayerischen Minister­präsidenten über die Vereidigung der Reichswehr getroffen wurden, dann sei das ein Menetekel, auf das wir achten müßten.

Es sei ihm klar geworden, - ohne natio­nalen Willen Deutschland verloren sei. AuS diesen Erwägungen heraus sei er auf die völ­kische Freiheitsbewegung gestoßen und er habe mit seinen Freunden vomOberland" und den Rationalsoz-alisten immer geglaubt, - durch

München, 29. Febr. (Wolff.) Bei Beginn der heutigen Vormittagsverhandlung wendete sich zunächst im Rainen der gesamten Verteidigung Rechtsanwalt Dr. Schramm gegen die Karika­turen, die in der Presse veröffentlicht wurden, u. a. zu einer Abbildung des Generals Luden­dorff, wie er in Angst aufgelöst vor den Richter hintrete. Dr. Schramm ersucht den Vorsitzenden dringend, die Verfertiger solcher dreckiger Karte katuren aus dem Gerichtssaal zu entfernen. Rach der Erklärung des Vorsitzenden sind die betrete senden Leute bereits heute nicht mehr anwesend

Sodann wird die Vernehmung des Angeklag­ten Oberftleunant a. D Kriebel fortgesetzt. Der Angeklagte schildert dann im einzelnen die Ereig­nisse Am 5. Rovember wurde ich vom Kmnmer- zienrat Zenh zu einer Besprechung eingeladen, bei der Vertreter aller Wirtschaftskreise der na­tionalen Organisationen und der Bereinigten vater­ländischen Verbände Bayerns anwesend waren. Die Versammlung sei auf eine Anregung aus dem Generalstaatskommissariat einberufen worden. Rach Mitteilung des Kommerzienrats Zentz wollte Kahr an dem Abend eine programmatische Rede halten und dabei erklären, dah jetzt die Revolu­tionen zu Ende seien und das sog. neue Deutsch­land beginne. Auf die Frage Kriebels an Zenh, warum gerade der 8. Rovember für die Versamm­lung ausersehen sei, erwiderte Letzterer, das wisse er nicht. Es kam nun die berühmte Sitzung vom 6. Rovember um 4.30 bei Kahr. Vormittags wurde Kriebel von Seißer persönlich zu einer Sitzung bet Kahr eingeladen, bei der u. a. auch wieder Lossow, Seißer und Baron Aufseh und Vertreter der vaterländischen Verbände anwesend waren.

In der Dersammümg ließ Kahr keinen Zweifel darüber, daß er nach wie vor der Regierung Stresemann als einer nicht nationalen Regie­rung absolut feindlich gegenüberstehe unb daß diese Regierung von Bayern aus beimpft werden müßte.

Zunächst müsse ein normaler and dann ein anor­maler Weg gewählt werden. Es wurde ausdrück­lich ertDä&nt, dah der normale Weg natürlich auch kein parlamentarischer sein könne Kahr sprach ausdrücklich davon, daß es nicht genüge, die neuen Männer für Deutschland zu haben, sondern man müsse auch die preußische Regierung darauf vorbereiten, und dazu feien die Verhandlungen im Gange. Er verlangte Disziplin.

i Den Befehl zurAktion werde e r s e l b st geben. Er führte auch aus, es seien Gerüchte im Umlauf, daß Wicking, Bayern und Reich, Reichs flagge und Rationalsozialisten am 9. oder 15. Rov. selb­ständig losschlagen würden. Gegen diese vier Verbände wandte er sich mit seiner Wäi> nung. Hierauf sprach Lossow ausdrücklich davon, dah er jede Sache mitmache, die Aussicht auf Erfolg Habe. Er wolle nur keinen Kapp-Putsch mitmachen. S e i h e r spvach im allgemeinen davon, daß er treu hinter Kahr stünde und jeden Befehl von Kahr ausführen würde. Kriebel schilderte dann hie wetteren Details und kam auf die Rachricht zu sprechen, wonach das Oberland- Bataillon in der Kaserne festgehalten sei. Darauf

I sei er zum Wehrkreiskommando gefahren, wo er auf Lossow und Seiher wartete. Er finde es als einen unerhörten Vorgang, dah einem Mann- wie Ludendorff gegenüber die drei Männer,' die sich durch Handschlag, Treue gelobt haben, nicht einmal den Mut gefunden haben, ihn von ihrer anderen Stellungnahme zu benachrichtigen, und er bewundere Ludendorff, der bis zum Schluß kein Wort der Anklage für die Männer gefunden habe und für den Wortbruch, der an ihm begangen worden sei.

Er werde unter Beweis stellen, daß, als beim Wehrkreiskommando die falsche RQchrcht ein­traf, Ludendorff sei erschossen worden, der Hauptmmm Riedel die unerhörte Re cherrmg getan hat: Das ist die beste Lösung.

Der Angeklagte Kriebel verbreitet sich dann über' die Vorgänge am Vormittag des 9. Rovember. Es wurde uns klar, daß unsere Versuche. Einblick in die wirklichen Verhältnisse zu gewinnen, miß­glückt waren. Mein Vorschlag, uns in die Gegend von Rosenheim zurückzuziehen, wurde abgelehnt Dagegen wurde der Vorschlag angenommen, selbst in die Stadt zu marschieren, um uns über ine I Situation zu informieren Der Zug zur Residenz I erfolgte mit entlad euer Waffe und mit

die Gesundung -er deutschen Arbeiterschaft wir zur Freiheit kommen können. Für diese Be­wegung sei der preußische Militarismus daS

Heil gewesen.

Dann habe er Hitler kennengelernt. Er habe erkannt, daß hier etwas sittlich Hohes war, von dem Rettung kommen müsse, und so hatten Hitler und er sich gefunden. Hitler sei ihm treu ge­blieben, und er, Ludendorff, werde ihm die Treue halten. Luden dorff kam dann auf die monar­chistische Frage zu sprechen und betonte, er sei Monarchist. Die Dynastien wären aber für ihn nie Selbstzweck, sondern sie wären eben für das Volk da. Für ihn, Ludendorsf, war das Generalstaatskommissariat der erste Schritt einer, und zwar gewaltsamen Lösung der deutschen Frage. Er sah in Dr. von Kahr die Machtmittel des bayerischen Staates verkörpert. Für ihn war die Einrichtung dieses Genercll- staatskommissariats schon ein schwerer De r- fassungsbruch In der Abtrennung des bayerischen Teiles der Reichswehr sehe er ein weiteres Abgleiten auf der abschüssigen Bahn zur Lockerung des Reiches. Er habe zu L o s s o w volles Qtertranen gehabt Am 25. Oft. war Generaldirek­tor Minoux in München und entwickelte dort seine politischer und wirtschaftlichen Ansichten Am 2. Rovember fuhr ©elfter nach Berlin, darauf kam Admiral Scheer als Abgesandter des Reichskanzlers nach München. Er habe Scheer kein Hehl daraus gemacht, daß er für einen Druck in Richtung Berlin sei. Auch Scheer sei nicht richtig von Kahr und Lossow be­dient worden. Er bat dann Herrn Scheubner, einen Herrn nach Berlin zu schicken, der unter anderem auch bei Herrn v. Gräfe vorspvschen sollte, er möchte bald zu Besprechungen mit Kahr nach München kommen. Am 8. Rovember abends gegen 8V2 Ahr wurde er zuhause angerufen,

im DürgsrbrnukeNer fei seine Anwesenheit dringend erwünscht.

Auf seine Frage, worum es sich handele, habe et die Antwort erhalten, das würde ihm mitgeteilt werden. Im Bürgerbräu habe er zu Lossow gesagt, die Sache sei im Rollen und müsse jetzt vorwärts gebracht werden. Kahr meinte ihm gegenüber, er könne sich nicht entschließen, später habe er sich aber auf inständiges Bitten doch entschlossen. Während seiner Anwesenheit sei [ein Zwang auf die Herren ausgeübt worden. Lossow und Seisser haben Ludendorsf nicht zu­geredet, dazu hätte kein Anlaß Vorgelegen. Ludem» dorff betonte hierbei, daß er sich in bayerische Staatsbelange nicht eingemischt habe und nicht einmischen wollte. Rach der Fahrt ins Wehr­kreiskommando habe er den Eindruck gewonnen, daß Kahr und Seisser unfrei in ihren Ent­schlüssen seien. Ludendorsf betonte bann beson­ders, dah es ihn sehr schmerzlich berührt hätte, daß die Herren, nachdem sie einmal ihr Wort gebrochen hatten, ihm das ihm gegebene Wort nicht vorher zurückgenommen hatten. Sie haben unehrenhaft gehandelt und haben ihre Handlung Lügen gestraft. Beim Wegfahren auf dem Wehr­kreiskommando habe et zu Böhm gesagt, er solle das Wehrkreiskommando weiter beseht halten. Er habe nicht daran gedacht, daß später so ge­handelt werde. Das war eine Felonie, wie sie die deutsche Geschichte nicht aufzuweisen hätte. An eine Besetzung des Wehrkreiskommandos aus taktischen Gründen habe er nicht gedacht. Es sei für Ihn erst darauf angekommen, die völkische Bewegung zu retten. Dis gegen Mittag hätten die Rachrichten aus der Stadt günstig ge­lautet. Er habe, da die Lage ungeflärt war, einen Aufklärungszug durch die Stadt für das Würdigste gehalten, wobei jede Gewalt­anwendung untersagt wurde. Schließlich schildert Ludendorsf den

Zusammenstoß an -er Feldherrnhalle,

und behauptet, dah bei der Feldherrnhalle Plötz­lich Landespolizei erschien. Das Ganze sei ein M 0 rdanfall gewesen. Der Eindruck sei mensch­lich und militärisch schmählich gewesen. Luden- dorff schloß seine dreieirrhalbstündigen Ausführun­gen mit folgenden Feststellungen: Es war ge­lungen, die völkische Bewegung aus Treubruch Verrat und Mordanschlag zu retten. Durch Märthrerblut gestärkt erhielt sie neue Kraft. Das ist das von ihren Freunden nicht gewollte Ergebnis des 8. und 9. Rovember.

aufgenommen werde, vor allem auch ob Deutsch­land Sih und Stimme im Dolkerbundsrat zu­erkannt werde. Wenn auch der ganze hier er­örterte Fragenkomplex aller Voraussicht nach kaum Aussicht hat, in Bälde akut werden, so ist es doch ersreullch, dah Deutschlairds Standpunkt nunmehr mit aller Klarheit bekanntgegeben wurde.

Zweierlei Dinge vermissen wir tn der sonst so erschöpfenden Rede Stresemanns. Das eine ist die Schuldlüge, das anoere, aufs engste damit verknüpft, die R e v r s i 0 n des Versailler Vertrages. Den all- sonntäglichen Haßgesängen. mit denen Poinoars hinein das französische Volk und die gan$e Welt bis tief in den Herbst des vergangenen Zahres in seinem Geiste bearbeitete, ist von deutscher offizieller Seite nicht immer mit gleicher Ent-

nt.52

Erscheint täglich, außer Sonn- und Feiertag«, mit d. Samstagsbeilag«: B letzen er Fami Ke« b lütter

2 Goldmark n. 20 Gold- pfennig für Trägerlohn, auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummer« infolge höherer Gewalt. Fernsnrech-Anschlüss«: für die Schrift leltnng 112; für Verlag nnb Geschäftsstelle M.

Anschrift für Drahtnach. richten: Anzeiger »ietz«t. pestschecklonto:

Krankfort a. M. 11WI.

Jur Lage.

Am Dienstag hat sich derReichstag noch einmal zu einer Sitzungsperiode zusammeirgefun- den Er scheint feine von den verschiedensten Sei­ten stark angezweifelte Daseinsberechtigung da­durch nachweisen zu wollen, daß er dem Kabinett Marx wenigstens nachträglich noch einen Knüppel zwischen die Beine werfen will. Man hat ihn in den Wochen seiner Vertagung wenig oder gar nicht vermißt. Das Kabinett Marx hat inzwischen vor allem auf dem Gebiet des Finanzwesens auf Grund des Ermächtigungsgesehes positive Ar- I beit geleistet, die mit der parlamentarischen Ge- sehgebungsmafchine in der diesmal vor allen Din» I gen notwendigen Geschwindigkeit niemals hätte geleistet werden Eönnen. Gewiß ist an den Rot­verordnungen manches auszusetzen. Kein Mensch wird behaupten wollen, daß z. D. die Steuernot­verordnung und vor allem die Regelung der 5>h- pothekenaufwertung die Lösung darstellt, scy-on darum nicht, weil hierfür unter den gegebenen Verhältnissen jeder Lösungsversuch zwangsläusig Stückwerk bleiben muß. Wenn nun aber die Par­teien der Oppositton durch ihre Anträge auf Aen» berung oder gar Aufhebung der Rvtverordnungen das ganze Sanierungswerk der Regierung illuso- I risch machen wollen, so ist das ein parlamentari- I scher Unfug, der nicht scharf genug gegeißelt wer- ,den kann. Des Reichskanzlers Rede gipfelte mit vollem Recht in der kategorischen Forderung, die Stabilität unserer finanziellen und wirtschaft­lichen Lage nicht zur Plattform des Kampfes ixu Parteien zu machen.Wir müffen das Reich und das Leben der Ration retten. Das steht höher als Parteidoktrin und Wahltaktik". Sollte sich dieser fast schemenhaft gewordene Reichstag in seinen letzten Lebenszügen tatsächlich, wie es nach dem bisherigen Verlauf der Debatte fast den AnsckMN Haden könnte, in durchaus übertriebenem Selbst­erhaltungstrieb zur Tat aufraffen und durch feine Beschlüsse die Arbeiten der Reichsregierung zu fatiotieren suchen, so ist der Kanzler entschlossen, zum Schutz der Rvtverordnungen vom Reichsprä­sidenten daS Ausiösungsdekret zu erbitten. Mit dieser Drohung hat man ja bisher vom Parla­ment manches erreichen können. Vielleicht gluckt es dem Kanzler mit diesem oft erprobten Mittel den Reichstag seiner einzigen noch verbleibenden Aufgabe zuzuführen, nämlichin Schönheit zu Sterben'(. , ,

Die durch den bekannten Drieftvechfel zwischen dem Ches der HeeieSleitung als dem Inhaber der vollziehenden Gewalt und dem Reichspräsi­denten bereits angekündigte Aufhebung des militärischen Ausnahmezustandes ist durch Erlaß deS Reichspräsidenten mit Wirkung vom heutigen Tage prompt erfolgt. Ob die ihn ersetzenden Bestimmungenzur Abwehr von Be­strebungen auf eine gesetzwidrige Aenderung der verfassungsmäßigen Staatsform" genügen werden, Ordnung und Sicherheit in allen Teilen des Rei­ches aufrechtzuerhalten, das wird die Zukunft lehren müssen. Ramentlich in Sachsen und Thüringen scheint diese Ersetzung des mili­tärischen durch den zivilen Ausnahmezustand so­lange etn gewagtes Experiment, als die dortigen Regierungen nicht über die Machtmittel verfügen, die Bevölkerung unbedingt vor kommunistischem Terror zu schützen. Erst vor wenig Tagen be­schloß das Thüringische Staatsministerium in Der- lin die Fortdauer des Belagerungszustandes, zu­mindest aber dte Beibehaltung von Truppen in Thüringen zu beantragen, llnb wenn der sächsische Ministerpräsident H e l d t tm Landtag erklärte, seine Regierung sei imstande und gewillt, Ruhe und Ordnung tn Sachsen aufrechtzuerhalten, so führten ihn die der Rede folgenden schmählichen Radauszenen wertet man sie als Spiegelbild der tm Lande herrschenden Stimmung kläglich ad absurdum. Die schweren Bedenken, die die Vertreter der Rechtsparteien gegen dte Aufhebung des Lbisnahmezustandes geltend gemacht haben, erscheinen mindestens für die besonders gefähr­deten Reichsteile durchaus gerechffertigt.

Deutschlands außenpolitische Lage legte der Außenminister Dr. Stresemann in einer alle Momente der deuffchen Außenpolittk sachlich erörternden Rede dem Reichstage, dem deutschen Volk und der ganzen Wett dar. Grade für diesen letzten Teil seines Publikums war die Rede ge­münzt. Seinen Volksgenossen sagte Dr. ©trefe- mann wenig neues, aber der Welt da draußen kann es gar nicht oft genug wiederholt werden, daß sie und wir eine unlösbare wirtschaftliche Schicksalsgemeinschaft bilden. Daß diese Erkennt­nis auch m gewissen französischen Kreisen Ern- gang findet, hat Stresemann mit Genugtuung ge­bucht. Freilich sind diese nicht das Frankreich Poincarös. Dah dies Frankreich keine wirt­schaftliche Lösung des Reparationsproblerns seiner Ratur nach auch nach den Feststellungen der Sachverständigen die einzig diskutable son­dern die machtpolitische verlangt, das be° teetfen aufs neue die Behandlung der deutschen Pfalznote und der neuerliche Terror der Banden des Herrn de Metz in der Pfalz. Von besonderem Interesse waren Stresemanns Er­widerung auf die Aeuherungen Macdonalds zur Frage des Eintritts Deuffchlands in den Völkerbund. Wohl erklärte der Minister seine und der Reichsregierung Sympathie mit der dem Völkerbund zugrunde liegenden Idee der internationalen ©olibarität, ließ aber keinen

Ludendorsfs Verteidigungsrede.

Der vierte Verhandlungslag in München: Die Aussagen Kriebels und Ludendorffs. «Scharfe Anklagen gegen Kahr und Lossow. Ludendorsfs nationales Programm

Zweifel darüber, daß der Völkerbund in ferner gegenwärtigen Verfassung weit davon entfernt ist, diese Idee auch nur annähernd zu verwirklichen. Wenn Deutschland trotzdem eine etwaige Ein­ladung zum Eintritt nicht rundweg ablehnend be­scheiden werde, so|fe es doch seine Entschei- düng vvn der Lösung der Vorfrage abhängig schredenhett und glerchem entgegnet wor-

machen, ob Deutschland mit den gleichen Rechten bein Sie schamlose Lüge von ^r Altemschuld tpie hie alliierten Großmächte m den Völkerbund Deutschlands am Knege rst eurer der Eckpfeller

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

vrmk m,- Verlag: vrW'sche Univerfilittr-Vuch- und Lleirrdruckerei TL Sange in Siehrn. Zchriftlettung und Geschäftsstelle: SchnMohe 7.