Ausgabe 
29.3.1923
 
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D. 75

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173. Jahrgang

Donnerstag, 29. März 1923

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Drutf »nd Verlag: vrühl'sche Univerfitat§.vvch- und Zteindruckerei B. Lange in Gießen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schnlstrahe 7.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bi, zum Nachmittag vorher ohnejede Verbindlichkeit, vreir für 1 mm höhe für Anzeigern» 27 mm 'Breite örtlich 80 Mk., ausmärt« 100 Mk..- für Re kl ame> Anzeigen von 70 mm Breite 400MK.Dei Platz- Vorschrift 20°/, Aufschlag Hauptschriftleiter: Aug. (öoetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen Teil: Ernst'Blumschein, für den Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in Biegen.

Stinnes' Romfahrt.

Unser Berliner Mitarbeiter schreibt uns:

Der ReichstagSabgevrdnele und Groh- industrielle Hugo Stinnes ist wieder auf heimatlichem Boden angelangt und dürfte wohl selbst am meisten erstaunt darüber sein, welch starken Wellenschlag seine Romreise in der politischen Welt hervorgerufen hat. Diese Reise diente allerdings nicht rein priva­ten Geschäften, sondern war, wenn auch nicht amtlich, von Absichten der Politik geleitet. Herr Sttnnes sprach am Montag vor dem in Rom tagenden Kongreß der Handelskammern, einem Weltparlament der Kaufleute, das als eine Art zweiter Auflage der vorjährigen Morgankonferenz die Ansicht der internationa­len Finanzwelt über die Ruhr- und Repara- tionsfrage in einer für Frankreich wenig schmeichelhaften Entschließung kund gab. Stinnes tat bei diesen Verhandlungen, was et als Deutscher tun konnte, er berichtete über den Standpunkt der Berliner Regierung zu der Reparations- und Wiederaufbaufrage. Aber dies war es nicht allein, was ein so mächtiges Rauschen im internationalen Blätterwald er­zeugte. Stinnes hatte auch noch lange, intime Unterredungen mit dem amerikanischen Dele­gierten Kent, der den Reparationsplan der amerikanischen Kaufmannschaft dem Kongreß vorgelegt hatte, sowie mit demRichter" Gary, der als Präsident des Nordamerika mischen Stahltrustes der wirkliche König der amerika- nischen Schwerindustrie ist. E. A. ©ajri; aber, der noch 1920 ganz profranzösisch war Und auf den Schlachtfeldern ententistische Propaganda- reden hielt, hat sich jetzt vollkommen dem ame­rikanischen Geschäftsstandpunkt angcschlossen und die Entschließung Kent nachdrücklich un­terstützt.

Dieser Umschwung hat natürlich seine Fol­gen. Die Londoner Weltblätter bringen be­reits spaltenlange Betrachtungen über die denkwürdige Zusammenkunft GaryStinnes, man munkelt, daß die Amerikaner ein Drittel der Interessen in der Ruhrindusttie erhalten werden, und an britischer Amtsstelle sollen ge­gen diese Verteilung eines noch gar nicht er­legten Bärenfells angeblich keine Einwendun­gen erhoben sein, wenn das englische Geschäft dabei ebenfalls nicht zu kurz kommt. Man fürchtet nur, daß die eigentlichenEroberer" des Ruhrgebietes, Frankreich und Belgien, sich eine derartige Einmischung nicht gefallen lassen. Wenn das Ruhrdrama, vom deutschen Standpunkt aus gesehen, nicht eine so tief er­schütternde Tragödie wäre, könnte man über diesen Andrang ftemder Verdiener und Ge­winnler herzlich lachen. Welche Empfindun­gen hat aber Stinnes' Rvmfahrt in Paris aus­gelöst? Herr Stinnes wurde, was wirklich nie­mand vorausgesehen hatte, auch im italieni­schen Außenministerium empfangen. Zwar nicht von Mussolini selbst. Das wäre ja, vom alliierten Standpunkt aus,zuviel. Gunst dem Knaben" gewesen. Aber Eontarini, der Gene­ralsekretär des italienischen Auswärttgen Amts, hat sich doch eine Ehre daraus gemacht, den deutschen Wirtschaftsführer zu begrüßen. Eontarini aber und nun beginnen die Kom­binationen führte das Gespräch mit Sttnnes im Aufttage Mussolinis, den er auf der Reise nach Mailand wo Mussolini mit dem bel­gischen Außenminister Zaspar und dem öster­reichischen Bundeskanzler Seipel zusammen­trifft ausführlich über die Unterredung in­formieren sollte. So ergab sich alles zwang­los. Mussolini konnte Sttnnes nicht sprechen, weil er nach Mailand mußte. Aber Sttnnes konnte alles Wesentliche Vorbringen, und Zaspar wird es in Mailand schon zu hören bekommen. Darüber soll man in Paris nicht ein wenig nervös werden? Am Quai d'Orsay spielt Poincarö natürlich den Sieger mit der dreifach gepanzerten Brust. Für den Augen­blick. so läßt er verkünden, sei eine Regelung der internationalen Lage weder zu erhoffen noch zu befürchten, der gegenwärttge Zustand des Abwarlens werde vielleicht noch wochen­lang andauern; Ja es sei ausgeschlossen, daß Stinnes irgendwelche italienische oder ameri­kanische Erfolge erzielen könne. Man fürchte keine italienisch-belgische Sonderver^tändi- gung.

Diese gespielte Zuversicht wird von der Pariser Presse doch nicht mehr so ganz ge­teilt. Man kennt Herrn Stinnes von Spaa her. Man weiß, daß er in diplomattschen Aufgaben ein jäher und geschickter Unterhändler ist und daß er sich auch bei seinen internationalen Ge­schäften nie dem Einfluß der deutschen Inter­essen und des vaterländischen Gefühls entzieht. Cs ist also durchaus zu verstehen, wenn seine Rvmreise in Frankreich eine gewisse Anruhe und Spannung aufkommen lieh. Dazu gesellen sich noch andere Ämstände: Die Ankunft des päpstlichen Delegaten Monsignore Testa im ^Kriegsgebiet" an Rhein und Ruhr und die Levorstehende ReparattnSdebatte im eng­

lischen Unterhaus. Wenn die Franzosen unter­dessen in ihrem lächerlichen Kriegsterror fori- fahren, deutsche Schüler, die für ihre Lehrer eintteten, ausweisen, und Dienstmädchen, die nicht bei Franzosen dienen wollen, auf den Schub bringen, so machen sie die Stimmung nur reif, die zu einem für Deutschland vielleicht gar nicht so ungünstigen Kriegsende führen wird. _ _________

Kundgebungen im Ruhrgebiet.

Rach einer Meldung derBoss. Ztg." aus Essen erlasfen die Bergarbeitergewerk­schaften aller Richtungen einschließlich der pol­nischen Derufsvereinigung einen Aufruf an die Ruhrbergleute, worin vor den französischen Versprechungen und Lockungen gewarnt wird: Der französische Imperialismus und Militaris- mufr seien und bleiben arbeiterfeindlich. Der Bergarbeiterstreik im Saargeb.et sei der schla­gendste Beweis dafür. Der Versuch der Fran­zosen, die Bestände von den Halden abzufahren, werde ein Mißerfolg bleiben.

Die Kundgebung schließt: Kameraden! Wir bleiben fest im Abwehrkampf für unser Recht und unsere Freiheit. Der Widerstand wird wie bisher mit Ruhe und Entschlossenheit fortgesetzt, bis Frankreich von der Gewaltpolitik Abstand nimmt.

Dortmund, 28. März. (WTB.) In Dort­mund, Köln und Elberfeld fanden gestern große Kundgebungen sozialdemokratischer Frauenorganisationen statt, die ins­besondere aus allen Teilen des besetzten Rhein­landes und des neubesehten Ruhrgebietes be­schickt waren.

In den Kundgebungen richteten die deutschen Frauen einen Aufruf an die Frauen aller Kulturvölker, worin sie namens des Rechts, der guten Sitten und der Menschenwürde feierlich protestieren gegen die französisch-belgische Invasion. Sie erheben ferner Einspruch gegen die einseitige Beeinflussung des Auslandes, die den Eindruck wach ruft, als sei Deutschland ein Bar­barenstaat, der politisch und wirtschaftlich ver­nichtet werden müsse. Die Frauen weisen darauf hin, daß Deutschland und besonders die deutschen Bergleute stets zu brüderlicher Hilfe bereit waren, wenn es galt, im Auslände l>ei Lnglücksfallen rettend einzugreifen (Courtieres), bei Hungers­und Wassersnot, bei Epidemien, um das Leid und Elend unter den Bedrückten, der Rot preisgegÄie- nen Menschen zu lindern. Heute schicken Millionen unterernährter deutscher Kinder, unzählige dahin­siechende Frauen un^> Mädchen T-ru sende von K anken und Cr.isen durh die deutschen F auen einen lauten Hil,^u> an die fui>e.roen Frauen der gaiyen Welt, ihre Stimme zu erheben, auf daß den Schrecknissen der Invasion Einhalt getan werde. Die deutschen Frauen wollen keinen neuen Krieg und keine Revanche, sie wollen in Frieden und ernster Arbeit mit allen Rationen der Welt wieder aufbauen und gut machen, was zerstört wurde, wollen in inne­rer und äußerer Freiheit am Werke des Friedens und der Menschenliebe wirken. Das objektiv ur­teilende Ausland müsse an Deutschlands Seite stehen, solle nicht bie Rachwelt bis zum Ende der Menschengeschichte davon berichten, daß die Frauen ganzer deutscher Industriestriche samt ihren Kleinen in unseren Tagen zugrunde gerichtet werden konnten, ohne daß der Zeitgenossinnen Herz und Hand sich regten.

Die Kundgebungen hinterllehen einen gewal­tigen Eindruck.

Berlin, 29. März. Wie den Blättern aus dem Ruhrbezirk gemeldet wird, wird auf allen Zechen, die von den Franzosen oder den Belgiern beseht gehalten werden, gestreikt. Die Zechen­beamten und die Arbeiter wollen die Arbell erst dann wieder aufnehmen, wenn sich kein Soldat mehr auf den Zechenanlagen blicken läßt.

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fpd. Rüdes heim. 28. März. Dor der Woh­nung des französischen Kreisdelegier- t e n fanden in den letzten Rächten wiederholt D e- monstrationen statt, bei denen von bisher nicht ermittelten Tätern das Deutschland- Lied gelungen wurde.

Neichswirtschaftsmnnster Dr. Becker über die vorläufige Unmöglichkeit von

Verhandlungen.

London, 28. März. ' (Wolff.) Reichs- wirtschaftSminister Dr. Becker erklärte in einer Anterredung mit dem Berliner Bericht­erstatter desDaily Telegraph" über die Ruhrlage, Verhandlungen könnten nicht eingeleitet werden, solange Frankreich nicht bereit sei, zu verhandeln, so­lange es auf dem Wunsche bestehe, Deutsch­land seine Bedingungen zu diktteren und so­lange es die Absicht verkünde, das, was es be­setzt habe, zu behalten.. Man werde keinerlei Verhandlungen erreichen, bevor Frankreich auf die eine oder andere Weise seiner Bereit­schaft,zuverhandeln,Ausdruck ge­geben habe. Damit meine er natürlich nicht, daß Deutschland von Frankreich die Eröffnung von Verhandlungen erwarte. Aber wenn man bereit sei, zu verhandeln, so beständen immer Mittel und Wege, diese Bereitschaft bekannt­zugeben. Augenblicklich könne daher Deutsch­land nur das tun, was eS bereits getan habe. Die deutsche Regierung müsse und werde die Politik fortsetzen, die sie nach dem Einbruch in

Eine bedeutsame Aussprache im englischen Unterhaus.

London, 23. März. (WTB.) Im Unter- Hause fand heute nachmittag die mit großer Spannung erwartete Aussprache über die Ruhrfrage statt. Auf der Potschaftergalerie waren der oeutsche Botlchafter Sthamer und der französische Botschafter Graf St. Au- c l a i r e, auf der Lordgalerie der brittsche Ge­schäftsträger in Berlin, Lord d'Abernon an­wesend. Sir Edward Grigg, der frühere Privatsekretär Lloyd Georges, er­öffnete die Aussprache, die sich in den Bahnen der früheren Debatten bewegte. Grigg betonte, daß, trenn die Reparationen nur eine Meinungsver­schiedenheit zwischen der französischen und der englischen Politik darstellten, er an einer Ver­ständigung nicht zweifeln wurde. Aber wenn der Sinn Frankreichs wirklich auf Reparationen ge­richtet wäre, so würde es eine andere Haltung; angenommen haben gegenüber den praktischen und geschäftsmäßigen Vorschlägen, die von der gegen­wärtigen und der früheren Regierung vorgebracht wurden. Er sei aber der Ansicht, daß die Repara­tionen nicht mehr den Mittelpunkt des französi­schen Gedankenkreises bildeten. Der Haupt- beweggrund Frankreichs sei nicht Sicherheit oder Reparationen in der alten Form, sondern Sicherheit unter einer neuen Begriffsbestimmung. Wenn England diese Politik unterstütze, so würde es die Verpflichtung auf sich nehmen, sich in die inneren Ange­legenheiten Deutschlands einzü­rn i s ch e n und die deutsche Souveränität für alle Zeiten zu beschränken. Das waro.' in lom-neuoen Iahren zu einer unvermeidlichen Explo­sion führen. Diese Politik sei den bri­tischen Kriegszielen und dem Ver­trag von Versailles entgegengesetzt. Er bitte die Regierung, auch die Dominions in dieser Angelegenheit zu befragen.

London, 29. März. (WTB.) Hinterhaus. Als weiterer Redner lenkte Asquith ine Auf­merksamkeit auf die bedeutsame Rede des deutschenAußenministersvonRosen- b e r g, die nicht die gebührende Beachtung in der britischen Presse gefunden habe. Er fragte, ob die von Minister Rosenberg ausgedrückte Ansicht der britischen Regierung vorgelegt worden sei. Wenn dies so wäre, wann es geschehen sei und in wel­cher Mitteilungsform? Sei die britische Regierung schon seit einiger Zeit im Besitz dieser Mittellung gewesen und habe sie irgendweche Schritte unter­nommen, um sich mit anderen Mächten zu ver­ständigen, oder überlasse sie sich immer noch derHaltung eines ohnmächtigen, wohlwollenden Beiseite stehens? Wenn diese Vorschläge von Deutschland gemacht worden seien und zur Erörterung sreiständrn, sd könnte er nicht umhin, sich zu fragen, warum die Dinge ihren gegenwärtigen Verlauf nehmen und welche Absicht und welche Forderungen Frankreich zwängen, die Ruhrbesetzung fortzusehen und sie zu erweitern. Geschehe es deswegen, um den Be­trag von 6600 Millionen Pfund zu erhalten, von dem jetzt jedermann wisse, daß er nicht ge^ihlt toeritm könne? Habe die britische Reglern ig je­mals daran gedacht, von Frankreich eine bestimmte Mitteilung über seine Politik zu erhalten? As­quith betonte die Gefahr für die E n- I e n t e und gab der Hoffnung Ausdruck, daß die Regierung werde erklären können, daß die Lage nicht so ernst sei, wie es den Anschein habe.

Schatzkanzler Baldwin erwiderte namens der Regierung. Er verglich die europäische Lage mit der Lage eines äußerst ausgedehnten Streiks. Wie bei einem Streik, so mache sich auch in der gegenwärtigen euro­päischen Lage eine Gesinnung geltend, die von einer Einigung nichts wissen wolle. Eine Ver­mittlung werde von beiden Parteien erst im richtigen Augenblick begrüßt und trage dann dazu bei, eine Verständigung herbei­zuführen. Baldwin betonte dann die Gefahr einer voreiligen Intervention, die den Streik nur ver­längere, und gab seiner Meinung dahin Aas­druck, daß der Augenblick kommen werde, in dem die Dienste Englands gegenüber seinen Alliierten und Deutschland von unschätzbarem Wert sein würden. Wenn England seine Bespre­chungen mit seinen Alliierten derart führe, daß sie ihr Vertrauen verloren und daß sie mit Ge­fühlen erfüllt würden, daß England ihnen gegen­über eine feindselige Haltung einnehme, würden alle Mittel Englands zur Ohnmacht verurteilt sein. Baldwin schloß, die Re­gierung sei in naher Berührung mit oen alliierten und den anderen in Betracht kommenden Regierungen. Die Regierung hoffe immer noch, daß die Zeit kommen w^rde, wo man durch irgendeine An­

regung oder Intervention Englands einen Schriki vorwärts kommen werde, um den Frieden näher zu bringen. Aber die Regierung sei fest über­zeugt, daß sie den für England richtigen Weg verfolgen werde. Gr teilt dann unter B?z ig nähme auf die Erklärungen Dr. Rosenbergs noch mit, er sei durch ein Reutertelegramm benach­richtigt worden, das einen vollständigeren und angemesseneren Eindruck gebe, als er durch ein anderes Telegramm in der englischen Presse er­halten habe.

^Interstaatssekretär MacReill erklärte zu der Rede des deutschen Außenmini­sters, der Vorschlag, daß ein Ausschuß von inter­nationalen Wirtschaftlern, den Reparationsbetrag festsetzen solle, sei tatsächlich derselbe Vorschlag, den Hughes einige Monate vorher in Amerika gemacht habe. Es sei aber eine sehr wichtige Einschränkung dem Vorschlag beigefügt; denn die deutsche Regierung habe ausdrücklich erllärt, daß die Vorbedingung für ein derartiges Vor­gehen die vollständige Räumung des Ruhrgebietes durch die Franzosen sein müsse. Iedermann wisse, daß Frrnkieich nicht die leiseste Absicht habe, eine völlige Räumung des Ruhrgebietes als Vorbedingung für die Er­örterung dec Reparationsfrage anzunehmen, and daher sei in der Rede Rosenbergs in keiner Welse irgend ein Fortschritt zu erblicken. Die englische Regierung habe tatsächlich gewußt, daß solch ein Vorschlag wahrscheinlich von der deutschen Regie­rung gemacht werde. Letztere sei damals benachrichtigt worden, wenn derDor- schlag nicht ein gut Teil weiter gehe, wie er skizziert sei, die englische Re­gierung den Vorschlag für nicht sehr fruchtbar oder gewinnbringend für den gegenwärtigen Augenblick halte

Ramsah Macdonald erklärte, die Re­gierung dürfe nicht gestatten, daß dieser wilde Kampf solange weiter gehe, bis die eine oder andere Partei unterlegen sei. Seines Erachtens sollte die Regierung Frankreich in be­stimmter Weise fragen, welches seine Politik sei und was es mtt der Fortsetzung der Besetzung zu erlangen hoffe.

In seiner namens der Regierung abgegebenen Erklärung sagte Schahkanzler Baldwin, die Wurzel des Hebels liege darin, daß während der letzten 2 Monate eine tiefe. offen­kundige Meinungsverschiedenheit zwischen den Alliierten Englands und England selbst über die angewandte Politik bestanden habe. Die Fortdauer des Kampfes würde für Europa und die ganze Wett verhänxmisvoll sein. Rur dadurch, daß man sich mit beiden Parteien in enger, freundschaftlicher, direkter Fühlung halte, habe ein Außenstehender die Macht, später zu helfen, dem Streit em Ende zu bereiten und eme Regelung herbeizuführen. Wenn er sich dagegen ernmische, bevor das psychologische Moment gekommen sei und bevor die geeignete Stimmung herrsche, so werde er vielleicht den Kampf verlängern. Dies gelte in hohem Maße von der Lage, in der sich Frankreich und Deutsch­land gegenüberftänben. C r glaube, der Augenblick werde kommen, wo Eng­lands Dienste für seine Alliierten und für Deutschland von unschätz­barem Wert sein könnten. Wenn wir in dieser Weise zu unseren Al­liierten sprechen würden, so entstehe der Ein­druck, wir begännen etwas , was sie als eine feindselige Handlung auffassen würden. Dann würde unser ganzer Einfluß, der, wie ich glaube, in einiger Zeit sehr groß sein wird, eingeschränkt werden. Die Regierung be­findet sich in enger Fühlung mit der Lage so­wohl gegenüber unseren Alliierten als auch gegen­über Deutschland. Wenn der Augenblick kommt, wo wir durch irgend eine Art von Vorschlägen, Intervention oder irgendetwas anderes einen Schritt vorwärts kommen können, wird die eng­lische Regierung dies tun und sich bemühen, den Frieden, auf den die Welt seit so langer Zeit wartet, näher zu brin­gen und m der Frage der Schulden und der Reparationen eine Regelung herbeizu ühren, ohne die es keine Besserung der internationalen Be­ziehungen geben kann. Wir hoffen noch immer, daß die Zeit kommen wird, wo wir das tun können. Wir sind fest überzeugt, daß wir bisher und besonders in den letzten Wochen den einzigen Weg verfolgten, auf dem England vorwärts gehen konnte. Wir haben das Vertrauen und die Freundschaft unserer Alliierten aufrecht erhalten, und i cb glaube, Deutschland wird unS als einen ehrlichen Makler anneh­men, wenn die Zeit kommt. Ich sehe im Augen­blick nicht, was uns veranlassen Dnnte, von un­serem Wege abzuweichen.

das Ruhrgebiet beschlossen habe. Die Fortset­zung der deutschen Politik werde ermöglicht durch die Tatsache, daß die durch die Ruhr­besetzung in Deutschland verursachten Wirkun­gen keineswegs so ernst seien, wie man an­fänglich befürchtet habe.

Unerhörte Kriegsgerichtsurteile.

Landau, 28. März. (Wolfs.) Rachdem das französische Kriegsgericht gestern den stellvertre­tenden Vorstand der Betriebsinspektion II in Lud­wigshafen, Gottfried, wegen angeblichen Ver­stoßes gegen die sogenannte Sabotageverordnung

zu 20 Iahren Zwangsarbeit verurteilt hatte, ist von demselben Gericht ein weiteres un­geheuerliches Tlrteil gefällt worden. Der Drehscheibenwärter L ö ch n e r wurde zu 1 0 Iah° ren Zwangsarbeit verurteilt, weil er an­geblich verschuldet habe, daß eine französische Lo­komotive im Bahnhof Ludwigshafen in die Dreh­scheibe fiel.

Zu diesen drakonischen Urteilen ist zu bemer­ken, daß sich die den Verurteilten zur Last geleg­ten Handlungen am 2. März, also ehe die Franzosen den Betrieb übernom­men und ehe sie das Personal offiziell benach­richtigt hatten, ereignet haben. Ebensowenig war die in Frage kommende Verordnung Rr. 147 (Ge-