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UT.H8 ZwetteZ Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Mittwoch, 27. Juni (923

«an ij^axrg. u.^wdinnsnaMI

Die Hundesteuer in (Ziehen.

Am morgigen Donnerstag wird sich die ©tobt» torordneten-Versammlung zum drittenmal seit dem (Beginn ihrer Amtstätigkeit mit der H u n d e- steuer zu beschäftigen habm. Die erste Vorlage im Februar, die den Stadtverordneten empfahl, die Steuer für den Besitz eines Hundes auf den für die damaligen Verhältnisse durchaus nicht übermäßig hohen Betrag von jährlich 3000 Mk. festzusehen, konnte nur mit Mühe unter Dach und Fach gebracht werden. Die folgende Vorlage, die ab 1. <juli die Hahressteuec auf 30 000 Mk. für den ersten Hund erhöhen wollte, fand in der vorigen Sitzung des Stadtparlaments vom 7. Hum keine Mehrheit, sondern wurde zur nochmaligen Bera­tung an den Finanzausschuß zurückgegeben. Diese Entscheidung war eine VerlegenheitLmaßnahrne. 3n kühler und streng abwägender Sachlichkeit hatte der Finanzausschuß die Vorlage der Ver­waltung geprüft und, wenn wir recht unterrichtet sind, e i n st i m m i g dem Plenum zur Annahme empfahlen, aber Stimmungen, die sich in der Plenarsitzung aus dem Hause heraus geltend mochten, vermochten die etwas schwache Verteidi­gung der Vorlage fo sehr zu schwächen, daß schließlich nur noch der Finanzausschuß als Not- hafen übrig blieb, wenn man nicht riskieren wollte, dieses Steuerschiffchen an den verschieden­artig verteilten Klippen scheitern zu lassen. Mas der Finanzausschuß dem Hause nun zur Beschluß­fassung empfehlen wird, entzieht sich bis jetzt unserer Kenntnis.

3n der Bürgerschaft kann man vielfach eine sachliche Berechtigung der Schwierigkeiten nicht einsehen, die dieser Steuer bisher aus dem Kreise der (BürgerDerttetung gemacht wurden. Man ver­kennt keineswegs die Notwendig leit, bei der Be­willigung von Steuern sehr vorsichtig zu sein, aber man sagt sich auch, daß hier der Finanz­ausschuß keine schlechte Arbeit geleistet hatte, der man sich hätte anschließen sollen. Diese Ansicht weiter Dürgerkreise entbehrt nicht der Be­rechtigung. Gewiß ist die Hundesteuer eine Be­lastung, die von den Zahlungspflichtigen nicht an­genehm empfunden wird. Das ist aber auch bei allen anderen Steuern der Fall. Man darf bei einer Betrachtung über die Notwendigkeit einer stärkeren Anspannung der Hundesteuer vor allem nicht übersehen, daß diese Steuer in den allermeisten Fallen einem Luxus auferlegt wird, der in einer Zeit, da man in steigendem Maße die Gewerbesteuer und die Grund- und Ge­bäudesteuer zu den Lasten der Allgemeinheit heranzieht, da für soziale Zwecke der verschieden­sten Art immer größere Aufwendungen dringend notwendig werden, nicht mit einem steuerlichen Vorzug behandelt werden kann. Natürlich muß man hier auch unterscheiden, und zwar nach der Richtung hin, daß die Halter von Nuhhunden bei der Bemessung der Steuerhöhe nicht in em en Topf geworfen werden mit den Haltern reiner Lurustiere. Als Nutzhunde sind u. E z. B. anzusehen die Wachhunde in den am Rande der Stadt oder in größeren Gärten frei gelegenen Wohnhäusern, ebenso Hunde zur Bewachung ge­werblicher oder Handelsbetriebe, Zughunde, Sani- tätS-, Polizei- und Dlindenführerhunde und schließlich Zuchttiere, soweit sie wirklich für die Aufzucht in Frage kommen Als Luxushunto sind dagegen u. E. alle Hunde anzusehen, die lediglich aus Liebhaberei gehalten werden. Daß man hierfür niedrig bemessene Steuern glaubt vertreten zu können, ist uns verwunderlich, und daß man, wie in der vorigen Stadtverordneten- Sihrmg geschehen, diesen Standpunkt zum Teil auch noch mit rührseligen Worten begründet, überzeugt nicht etwa von der Güte und Tiefe des Standpunktes, sondern laßt ihn nur noch frag­würdiger erscheinen. Wir meinen, wer sich heute das Vergnügen leisten wlll. aus Liebhaberei einen Hund zu hallen, der wird, wenn er die Sache ruhig überlegt und gerecht denkt, sicherlich auch nichts dagegen einzuwenden haben, daß ihn die Stadtverwaltung einlädt, nach dem heuti­gen Geldwert 30000 Mk. Hundesteuer für das ganze Hahr an die Allgemeinheit abzu- führen. Besucht man ein Konzert, ein Theater, ein Kino, einen Vortrag oder sonst eine Veranstal­tung, so muß man (und zahlt auch ohne Murren) die erhebliche Vergnügungssteuer leisten, kaust man irgendwo Waren, so wird man im Waren­preis auch mit der Umsatzsteuer belastet und finbet das ganz natürlich. Warum soll aber die Stadt, deren Arbeiter doch auch wieder bei der Straßenreinigung gar oft sich han­delnd mit dem Hundedasein beschäftigen müssen und für diese handelnde Tätigkeit Lohn beanspruchen, nicht auch von diesem Hundedasein den finanziellen (Beitrag bekommen, den sie nach der Lage der städtischen Finanzen braucht und mit jeder weiteren Geldentwertung in stei°

Das Moselhaus.

Vornan von Luise Schulze-Brück.

83. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Dor ihnen leuchteten die hellen Abendmäntel unb Kopftücher zweier jungen Mädchen auf. Sie sprachen sehr lebhaft. Man konnte jedes Wort deullich verstehen. Gerade warf die eine hin: »Was wird nun aus den Kindern?" Lebhaft erregt wendete die andere ihr hübsches eigen­williges Gesichtchen der ersten zu, so daß Eva und Arnolds sie deutlich sahen. »Was aus ton Kin­dern wird?" sprudelte sie hervor. »Aber das ist doch erst die zweite Frage! Nora hatte recht, daß sie ging, sie konnte gar nicht anders! Zuerst kommt doch unser eigenes Recht auf Glück, auf unsere Persönlichkeit. Die Kinder! Sie werden schon jemand finden, eine alle Tante, eine gute Erzieherin."

Unwillkürlich preßte Arnolds Frau Evas Arm bedeutsam an sich. Als die beiden ein wenig vorausgegangen traten, sagte er: »Ho:en S'. ? wohl! Da geht schon die Saat auf. Unb wie viele sol­cher jungen Geschöpfe mögen aus dem Komödien­spiele Wohl mit derselben Empfindung hinaus- gegangen sein."

Eva nickte nachdenklich. Es wat seltsam, fast alles, was Arnolds sagte, stand ganz im Wider­spruch zu dem, was ihr bis jetzt als das Richtige erschienen war. Hatte sie selber berat bis jetzt so wenig nachgedacht? Stand sie so unter dem Einfluß ihrer Umgebung, der Meinung ihrer Bekannten, daß sie ohne weiteres deren Hdeen zu den eigenen gemacht hatte? Sie erinnerte sich vor kurzem mit zwei jungen Frauen gerade über Nora gesprochen zu hoben, und damals war doch auch ü>r das Recht auf das Aus leben, auf die |

MatthäuSgemeinto erfüllt, und wie tief die Ar­beit der Männer- unb 5 raucnixtreinigung im Eemeindeleben Wurzel gefaßt hat.

* D i e neuen Lohnsteuerabzüge. Die fünffachen (Beirege der bisherigen Abzüge von der Lohnsteuer sollen vom 1. Huli ab Gel­tung haben. Diese Erhöhungen bedeuten für den Gehalts- und Lohnempfänger trotz der vom näch­sten Monat ab zu erwartenden beträchtlichen Steigerungen des Arbeitslohnes eine nicht uner­hebliche steuerliche Erleichterung. Bezieht ein Äu­gest elfter, der Frau und zwei Kinder hat, ein Monatseinkommen von 1 Million, so ergibt sich folgende Lohnsteuer

Gehall 1 000 000 Mk.

Steuer 100 000 Mk.

steuerfrei für den

Mann 6 000Mk

steuerfrei für die

Frau 6 000 Mk.

steuerfrei für

2 Kinder 80 000 (TOT

Werbungsk. 50 000 Mk. -- 142 000 Mk

Also steuerfrei.

Hausangestellte bleiben in jedem Falle weiterhin steuerfrei, wenn nicht die Bewertung der Naturalleistungen, die heute auf monatlich 60 000 Mark festgesetzt ist, wesentlich erhöht werden sollte.

Aus dem Amtsverkündigungsblatt.

*"* Das Amtsverkündigungsblatt Nr. 47 vom 26. Huni enthüll: Gebühren für amts­tierärztliche Dienst Verrichtungen. Anleihe der Provinz Oberhessen von 1902. Schlußprüfung für die vom .Lehrerinnenseminar der Viktoriaschule zu Darmstadt usw. abgegangenen Schulamtsan- teärterinnen. Erhöhung des Einzugs-, Einkaufs­und Feuereimergeldes für Ortsbürger, sowie der Allmendauflagen. Erwerbslosenunterstützang. Dienstnachrichten. Viehseuchen.

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President Harding . . . 27. Juni President Arthur .... 4. Juli George Washington . . 1L Juli America..........18. Juli

President Roosevelt . . 23. Juli President Fillmore . . . 26. Juli

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aentorn Maße haben muß? ürtb weiter, sind Sem 30 000 Mark im Hahre = 2500 Mark imWonat heutzutage, wo man sozusagen t ä g- , l i ch schon nur noch mit Zehntausenden Rechnet, ein gar so gewaltiger Betrag, um den man wie einst um ein Zehnmarkstück feilschen müßte? Diese Fragen können doch nur ver­neint werden. Nun wird oft auch auf den Hund der »ganz Deinen Leute" verwiesen, die d:e Steuer nicht bezahlen könnten und dann ihren vierbeinigen Freund Certaufen müßten. Wir wol­len durchaus nicht bestreiten, daß es für diese Leute schmerzlich sein mag, wenn sie sich von dem ftebgewonnenen Tier trennen sollen; aber steht nicht auch da eine andere Frage doch noch mehr im Vordergrund, nämlich die Frage der Le­benshaltung des Menschen? In dieser Zeit, wo man auf so vieles Liebegewordene ver­zichten muß, um nur die dringendste Lebenshal­tung befriedigen zu können, bürfte es Wohl auch dem hundebesitzenden Deinen Mann, als wichti­ger erscheinen, die Geldaufwendungen, die ein Hund ihm verursacht, für seine eigene Le­ben shaltung zu verwe.rden. In wenigen Worten ferner ein anderer Gesichtspunkt! Wir haben auch gar kein Bedenken dagegen, daß man die Hunde der Züchtereien, die für den Verkauf aber nicht für die Aufzucht bestimmt sind, mit einer angemessenen Steuer belegen würde, deren Höhe sich natürlich mit der Länge des Hunde- besitzeS ausgleichen müßte. Diese Steuer wird ja doch, wie bet allen Waren, zweifellos auch hier auf den Kaufpreis gerechnet, den der Käufer zu bezahlen hat. Und schließlich noch eins: es müßten dvch auch mal Mittel und Wege gesucht und ge­funden werden, die vielen nicht zur Steuer angemeldeten Hunde nach Wohnort und Herrchen" festzustelLn, damit ein Zustand be­seitigt wird, den alle diejenigen, die es mit der Erfüllung ihrer hundesteuerlichen Verpflichtungen genau nehmen, als ungerecht empfinden.

Wenn man die Hundesteuerfrage unter den Gesichtspunkten betrachtet, die hier in Kürze ent­wickelt sind, so wird man wohl zugeben, daß die Stadtverwaltung als Sachwalterin der ganzen Bürgerschaft keine unbilligen Anforderungen an die Hundebesiher stellt. Illlerdings wird man. wie oben gesagt, nach der Art des Hundebesitzes un­terscheiden müssen. Die Stadtverwaltung war bis­her der Ansicht, daß das Gesetz eine sowhe älnter- scheidung nicht gestatte. Demgegenüber ist aber daran zu erinnern, daß unsere Nachbarstadt Bad- Nauheim vor nicht allzu langer Zeit eine Un­terscheidung ungefähr in der von uns oben skiz­zierten Art torgenommen hat. Es wäre nun zu prüfen, wessen Standpunkt der richtige ist. Wir mochten wünschen, daß sich die Stadtverord­netenversammlung diesmal ohne Wider­stände auf den Standpunll stellt, den einzu­nehmen die Hnteressen der städtischen Finanzen zur Pflicht machen. Das soll natürlich nicht be­deuten, daß man nun künftig alles unbesehen hin­nehmen soll, was die Verwaltung vorschlägt, aber es soll heißen, daß man nicht mehr so überaus bedenklich sein möge wie bisher.

Aus Stadr und Land.

® ießen, den 27. Huni 1923.

Do« der Butzbach-LichGrünberaer Bahn.

Nach einer Vorbesprechung, die die Vertreter der an der Butzbach-LichGrüntorger Dähn ge­legenen Gemeinden Montag vormittag in Butz­bach bereinigte, fand ebenfalls Montag tormUtag in Butzbach, um Vsll älhr auf dem RathauH, eine Sitzung zur Erörterung der Ver­hältnisse im ButzbachLichGrün- berger Bahnbetrieb statt, an der Vertreter der Hess. Regierung, der Kreisämter Greßen und Friedberg, die Gemeindevertreter und Vertreter der Firma Lenz u. Co. als Dttriebsführerin der ButzbachLicher Bahn teilnahmen

Don Bürgermeister Volke r-Lich wurden zu­nächst die Wünsche der Gemeinden und ihre Klagen hinsichtlich der Rückzahlung der Obligationen und

Fahrplanes torgetragen und dabei das eigen­artige Verhalten der tot rietofüßrenben Firma Lenz u. Co., das erst am Samstag wieder im »Gießener Anzeiger" besprochen wurde, in scharfer llLeise gekennzeichnet.

Die Ausführungen dieses Redners fanden die Unterstützung des Vertreters des Krelsamts Gie­ßen Regierungsrats Hemmerde, der noch ganz besonders das rücksichtslose Vorgehen der Firma Lenz hinsichtlich der Kündigung der Obligationen rügte.

3n der Aussprache erklärte der leitende Be­amte der Firma Lenz u. Co., Regierungsbau­meister N 0 a ck, daß er den Gemeinden bei der Rückzahlung der Obligationen entgegenEonunen Persönlichkeit als das natürllchste und erste er­schienen. Scheu sah sie zu Artwlds auf, wie er ba neben ihr schritt, fest und kräftig, in allem em ganz anderer als die Männer ihres Kreises. Einen Augenblick hatte sie das beftimmte Gefühl, baß sie völlig wehrlos gegen ihn fein würde, mit ihm gehen möchte bis ans Ende der Welt, wenn er es so wollte.

Hans Dietrich hatte eine Droschke heran- gerufen. Nun raffelten sie eilig durch die kaum stiller gewordenen Straßen. Das Licht der Schau- senster war erloschen. Es war nicht mehr so hell, darum erschien der .Menschenstrom, der dahin­trieb, fast noch dichter.

3n dem großen Weinrestaurant, das sie dann betraten, war jeder Tisch besetzt. Warmer Speisen­geruch drang ihnen schwer entgegen, lautes Stim­mengeräusch schwirrte durchei ranker. Sie durch­schritten den ganzen Jungen Raum, ,hne Platz zu finden, als sich plötzlich von einem tor Tische jemanb erhob unb mit einem Ausruf des Er­staunens auf sie zutrat. Es war Ensingen, der dort mit einem Herrn unb einer Dame zusammen- faß. Er begrüßte Arnolds merkwürdig wortreich, aber seine Augen gingen währenddessen flackernd zu Frau Eva hinüber. An seinem Tische waren noch Plätze genug frei, und so ließ es sich nicht gut umgehen, daß man dort auch Platz nahm, obgleich Frau Eva. als sie das junge Ehepaar erkannte, lieber weitergegangen wäre. Denn die junge Frau, in deren Gesicht es plötzlich auf- flammte, als sie Hans Dietrich sah, war ihr höchst unsympathisch wegen der aggressiven Art, mit ber sie bie Bewunderung jedes männlichen Wesens, das in ihren Gesichtskreis kam, zu erzwingen suchte. Sie hatte es eine Zeitlang im vorigen (Sinter ganz besonders auf Hans Dietrich abge­sehen. Er war damals durchaus nicht unempfind-

wvlle: die Firma schlage eine Regelung in der Art vor, baß für 15 Obligationen den ©emernben eine Aktie zugeterlt werde, ober falls eine Ge­meinde darauf verzichte, bte Rückzahlung der Obligationen zum 600fachen Betrage erfolgen solle.

Die Ausführungen des ßanbtagdabg?orbneten Fenchel- Ober-Hörgern gingen dahin, daß er bie bei ber Bahn bestehenden Mißstände als derart himmelschreiend bezeichnete, daß sie sofortige Abhilfe erforderlrch machten.

Pfarrer Nies- Ettingshausen betonte, daß man endlich mit ber Bahn ins Reine kommen müsse unb die Hauptfach: jetzt bie fei. baß die in ber Versammlung gegebenen Dersp rechn n - gen auch gehalten würden. Während bie (Bahnbetriebsleitung früher Kohlenmangel vor- schützte, habe sie. auch nachdem sie ilebcrftuß an Kohlen hatte, den Betrieb fast bis zur Stillegung eingeschränkt. Als nach vielen Bemühungen die Betriebsführerin von ber Reichskohlenstelle Kohlen in Menge bekam, habe bie Firma Lenz u. Co die Annahme der Kohlen verweigert bzw. einen Teil an private Firmen verkauft, unb als 'fcairn die liefernde Stelle, die die Kohlen nur für den (Bahnbetrieb bereitgestellt hatte, diese barm wieder zurückforderte, habe man bie verkaufte Menge von dem Bahnvor­rat .erseht. So fd man also beute wieder so weit wie damals, als die Dttriebsführerin. aller­dings ohne viel Erfolg zu haben, Kohlenmangel torschützen konnte.

Dieses seltsame Geschäftsgebaren konnte von dem Vertreter der Firma Lenz u_ (So, nicht geleugnet werden

Man einigte sich schließlich auf eine Ent­schließung, die zum Ausdruck bringt: 1. baß bie Rückzahlung der Obligationen dem heutigen Geld wert entsprechend zu geschehen hat: die von ber Firma torgeschlagene (oben erwähnte) Regelung sei unannehmbar. Die Erreichung dieses Zieles soll evtl, auf dem Klage weg erstrebt werben. 2. Man ver­langt unbeschadet aller Rechte, die sich aus der Konzessionsurkunde ergeben, daß mindestens b re i Zugpaare täglich in jeder Richtung gefahren werden.

Sehr wichsig war es, daß bie Hess. Regierung, die durchs Ministerialrat Krapp und Geh. Rät G e i b e l vertreten war, feststellte, daß das ganze bisherige Verhaltender Firma Lenz u Co. gesetzwidrig undden Verträgen zuwiderlaufend war. Es wurde betont, baß vom 1. Huli ab der obengenannte neue Fahrplan eingeführt werden müsse. Die Re­gierung behielt sich die Prüfung unb Genehmi­gung aller Dertragsäntorungen vor, ber sich bie Firma Lenz bisher zu entziehen vermocht hatte.

Es darf nun ber Hoffnung Ausdruck gegeben werden, daß jetzt endlich, dank ber Unterstützung durch die Regierung und der Aufllärungsarbeft ber Presse, wieder einigermaßen geordnete Zu- ftänbe in dem Betrieb der Nebenstrecke cütireien, denn die Firma 2en$ wird nun wohl gemerkt haben, daß sie auf Widerstände gefloßen ist, über bie sie sich nicht so ohne weiteres hmwegsetzerr kann. «

Noch eine Erhöhung

der Post-Gebühren am 1. August.

Nach einer Mitteilung von zuständiger Seite steht für den 1. August eine weitere Er­höhung ber Post-, Telegraphen- unb Teleph.ongebühren bevor. Dom Verkehrs» beirat werden u. a. vorgeschlagen: Fernbriefe 1000 Mark, Ortsbriefe 400 Mark, Telegrammgebühren das Vierfache vom Huli, Telephongebühren bas Dreieinhalbfache.

*

** Die Männer- und Frauenver- einigung der Ma 11 u s gem e i n de feierte am vergangenen Sonntag ihren Fami- li e n t a g im Philosophen Wald. Der geräumige Saal ber Wirtschaft zum Philosophenwald war bis auf Den letzten Platz besetzt. Die Hugendvereini- gungen ber Gemeinde boten eine Fülle voa Dar­bietungen: Musik- unb Liedervorträge, Rezitation und Reigen. Frl. Pfaff trug vier Lieder mit warm empfundenem Ausdruck vor und erntete reichen Beifall. Hm Mittelpunkt der Veranstaltung stand bie Anspruch- von Prof. D. Dr. 6 d> i a n »Anser Verhältnis zur Hugend." Packend mußte er 3U schildern, wie eine Kivche, die noch- die Hug.nb hat, nicht alt sein kann. Pfarrer Mahr begrüßte die Gemeinde, Sekretär Aiebel sprach das Schlußwort. Draußen im Wald vergnügten sich die Kinder der Gemeinde unter Führung ifner Kinder- kirchenfräulerns mit Spiel unb Sang. Der Höhe­punkt der Kinderfreude war bie Drezelverteilung; freundliche Geber ber Gemeinde hatten bie Bre- Sein gestiftet. Der biesjährige Familientag bewies aufs neue, welch ein Geist ber Gemeinschaft bie

lich gegen diese Bevorzugung gewese-r, obgleich er schnell wieder in seine Gleichgültigkeit zurück- sank. Wer konnte wissen, ob Frau Lotti Schmidt nicht heute abend wieder Anstrengungen machen würde, das verlorene Terrain zurückzugewinnen.

Indessen Frau Lotti schien anderer Laune zu sein. Sie ignorierte Hans Dietrich vollständig und nahm dafür Bürgermeister Arnolds aufs Kam. _ Mit ber Ungeniertheit, die ihr Eigen war, liest sie alle Mienen farbigen, machte von ihren schönen Händen den auggiebigften Gebrauch unb funkelte ihn mit ihren glänzenden blauen Augen, feeren Pupillen ausfallend erweitert waren, so sehr an, baß es schließlich sogar ihrem Manne ausfiel, der sonst in dieser Beziehung außer­ordentlich tolerant war. Arnolds selber ließ das alles mit Seelenruhe über sich ergehen, was die schone Frau förmlich ungeduldig machte unb sie Z>u noch auffälligeren Anstrengungen herausfor- berte. Frau Eva hatte dies alles nun schon so oft an Frau Lotti Schmidt erlebt, ohne baß es sie weiter berührte. Aber heute fiel die kokette Frau ihr doch direkt auf die Nerven, unb sie fühlte sich sehr unbehaglich.

Ensingen schien das ganze Schauspiel mit einer Art boshafter Freude zu totradjtex Ein­mal beugte er sich sogar zu Frau Eva vor und flüsterte ihr »zu: »Entreißen Sie doch Ihren Odysseus feen Armen Circes!"

Daß die kleine Gesellschaft allmählich sehr still geworden war, merkte Frau Lotti nicht. Sie schäfte für Arnolds eine große Birne, wobei die blitzenden Ringe an ihren Händen aufs beste zur Geltung tarnen, beugte sich so weit zu ihm her­über, baß b:e Federn ihres riesengroßen Hutes sein Gesicht berührten, und sah ihm voll in die Augen, während toi jeder Bewegung die Seide ihrer Kleider raschelte unb ein starker Helivtroo-

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duft von ihr ausging. So kam es ihr Wohl ziem­lich unerwartet, als ihre dringende AufforbWung, ton hier noch in ein Cafa zu gehen, von Arnolds höflich, aber bestimmt, abgelehnt wurde.

Als dann Ohlers mit Arnolds gegangen waren, lachte Ensingen heimtückisch:Sie mären heute atonb grausam, schöne Frau. Sie haben den biederen Landmann um seine Sinne gebracht unb mit Ihren zarten Händen fremdes Gut zu stehlen versucht."

»Hst ihr aber nur sehr unvollkommen ge­lungen," schob Herr Schmidt phlegmatisch bar zwischen.

-Solch ein (Bär! lachte Frau Lotti Schmidt »Aber ejn famoser Landmann, ein Mann, ber mir gefallen konnte.

-Dus ist weiter keine Auszeichnung," mehrte ber Gatte. »Schade, baß der Landmann sie so wenig zu .würdigen wußte. Vielleicht hast du übermorgen toi Wellsheims mehr Glück, wenn wir ihn dort wieder treffen.

Die drei gingen unterdessen die Leipziger Straße hinunter. Frau Eva verstimmt, Arnolds Verärgert. Morgen den ganzen Tag konnte er Frau Eva nicht sehen, weil er nach Magdeburg Au einem seiner Vertreter fahren mußte, der feen Verkauf seiner Weine besorgte, und mit dem er barm den Atonb verbringen sollte. Das war ihm wie ein verlorener Tag, unb Eva erschien er ebenso. Unb bann am anderen Abend die Gesell­schaft toi Wellsheims! Don einem plötzlichen Schrecken erfaßt meinte er:Wenn mir Frau Wellshe'rm nur nicht diese schreckliche Frau Schmidt als Tischdame zuteilt ober sie in meine Nähe setzt"

,2luf irgendeine Weise wirb Frau Lotti schon dafür sorgen," sagte Eva lustig.

(Fortsetzung folgt)