Pt. Q9 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Donnerstag, 24. Mai 1923
Lloyd George über die Lage.
Om neuesten Aussatz der Artikelserie, die in der »Deutschen Allgemeinen Zeitung" erscheint, besadt sich Llohd George mit der politischen Lage nach dem letzten deutschen Angebot. Die Antworten der alliierten Regierungen finden den Beifall Llohd Georges nicht.
Die französische und die belgische Regierung, so stellt er fest, haben wieder eine Lösungs- möglichkett -erschlagen. Diesem Schlag hat Frank- reich durch das Urteil gegen die Krupp- direktoren den nötigen Rachhall zu geben versucht, und zwar gerade in dem Augenblick, wo die deutsche Regierung »ein Friedensangebot gemacht hatte". Daß man so die deutsche Rote peoabeau als Vergehen behandelt hat, charakterisiert Llovd George als eine törichte und kurzsichtige Ungehörigkeit, wie fte die schlimmste preuhische Anmaßung niemals gewesen sei. Die Summe, die Deutschland als Reparationszahlung anbietet, sei zweifellos ungenügend. Wenn fick Frankreich und Belgien fetzt einfach über die allgemein geltende Meinung Hinwegsetzen, daß 50 Millionen Goldmark die äußerst mögliche Zahlung darstellten, wenn beide sogar den von Deutschland cmfge- nvmmenen Äughesschen Vorschlag höhnisch 'zurückwiesen — so sieht Llohd George die Erklärung für diese unnachgiebige Haltung in den beiden Sätzen der Antwortnote, die sich mit dem passiven Widerstand und mit den Möglichkeiten der Räumung des Ruhrgebiets befaßten. Er kommentiert sie kurz dahin: Sv ausgiebig ein Angebot an und für sich auch sein könne, es wird zurückgewiesen, wenn ihm nicht die völlige Unterwerfung unter die französischen Ruhrpläne vor- ausgeht.
Llohd George, der sich darauf beruft, daß er wohl öfter an der Regelung industrieller Streitsvagen teilgenommen habe, als die meisten anderen Polittker, hält die von Deutschland genannte Ziffer nicht als das äußerste Angebot der Reichs- vegierung. Es sei gewissernraßen nur eine Einleitung und Grundlage zu Verhandlungen. Bei allen privaten und staatlichen Unterhandlungen viedechole sich die Beobachtung, daß solche anfänglich genannten Zahlen schnell yt verschwinden pflegten. Mit gutem Gewissen lasse sich jeder Abarund überbrücken: „Darum bildet die bloße Tatsache, daß Deutschland ein Angebot macht, das den gerechten Fviderungen nicht entspricht, keinen genügenden Grund füt die Ablehnung, mit seinen Vertretern auf einer Konferenz über die richtige ^iffer^und die beste ZahlungSmechvde zu ver-
Einen zweiten, noch dringenderen Grund dafür, daß man das deutsche Angebot nicht kurzerhand adlehnen dürfte, erblickt Llohd George in dem alternativen Vorschlag Cunos, der auf den Plan deS amerckanischen Staatssekretärs Hughes ^urückgeht. Die rücksichtslose Gleichaültigkeit, mit Der die alliierten Regierungen diesen Vorschlag auch schon früher befxinbelt hätten, ist Llohd George unerllärlich. Wenigstens Großbritannien, Italien und England hätten es nicht versäumen dürfen, sich die Mitwirkung Amerikas cm der Lösung des Reparationsprvblems oder, was ebenso wichtig sei, zur finanziellen Durchführung aller kommenden Maßregeln zu sichern. Eine W>te mtt einem s o vernünftigen Vorschlag hätte nicht behandelt werden dürfen, als ob sie eine Beleidigung für die Würde Frankreichs und Belgiens darstelle. Tatsächlich würde der Vorschlag Hughes keineswegs die Aufhebung deS Vertrages von Versailles bedeuten, sondern chn im Gegenteil wieder Herstellen. Die Bestimmung der Reparationssumme dürfe nur auf diese Weise vor ein wirklich voreingenommenes Forum gebracht werden: denn die Repara- tionskvmmisfion, an der Amerika unbeteiligt war, sei als einseitig und in hohem Maße voreingenommen zu betrachten. Man müsse auch bedenken, daß die Reparativnskom- missivn jetzt nicht mehr der Ausführung des Dertragsg^ankens zu dienen habe. Ihr Charakter gäbe sich völlig gewandelt. Zur Durchführung des Vertrages von Versailles sei es un- bebtnat nvtwendrg, daß Amerika in diesem Tribunal vertreten sei. „Die deutsche Regierung", so führt Llohd George fort, „macht nun das Angebot, das Schicksal ihres Landes den unveränderten Bedingungen des im Juni 1919 unterzeichneten Vertrages zu unterwerfen. Frankrerch und Belgien haben ehrenhafterwetse kein Recht. Unterwerfung unter irgendwelche andere Bedingungen zu fordern. Weil sie darauf bestehen, etwas zu erzwingen, das gänzlich verschieden ist von dem Vertrag des 3a5re^ 1919. ist Europa tu Unruhe, und die internationalen Beziehungen sind mit dem Zündstoff der Erbitterung, des Haffes und der Rache durchsetzt."
Kein Wunder, so schließt der Artikel, daß
Das Msselhmrs.
Roman von Luise Schulze-Brück.
I 35. Fortsetzung. (Dachdruck verboten.)
Eva hörte mit halbem Ohr, wie ihr Rachbar I sie ernsprach: dann fuhr sie plötzlich zusammen, v fte hatte gerade noch erfaßt, daß er sie dringend Änlud, und seine hübsche Frau unterstützte feine Bitte. Es wäre unfreundlich gewesen, aktzutehnen. , @t>a kannte nun schon diese unbeschränkte Dastlich- 5 kett und so sand sie fid) nach kurzer Zeit auf der * groben Terrasse einer hübschen Villa dicht cm der Mosel wo mit fast zauberhafter Geschwindigtett «ne Tafel für die Gäste mit guten Dingen besetzt mrd die unvermeidliche Bowle vom Hausherrn mit vieler Feierlichkeit vorbereitet wurde.
Bürgermeister Arnolds faft Eva gegenüber, sie sprachen Gleichgültiges. Doch Eva fühlte, wie er r- trimer wieder aufmerksam und ein wenig besorgt | auf sie schaute Als die Tafel aufgehobcm war, • Sielt er einen Augenblick ihre Hand fest. Es war V chr ein seltsames Gefühl, als diese große Hand ' die ujre so kräftig umschloß, und sie atmete ttef. Unruhe und Zweifel schwanden einen AugEick, mi> sie fühlte nur ein ruhiges Geborgensem.
Der ganze Zauber eines Huliabrnds breitete sich vrr ihr aus. Ein ganz feiner Rebel schien aus der Mosel aufzusteigen und spann einen leisen Schleier über die Stadt am jenseitigen Ufer, aus dem die Lichter wie kleine Sterne aufblitzten. SHe S Sünne der Drücke ragten in scheinbar unermeß- Qiber Höhe in den Rachthimmel. Gedämpftes Lachen mischte sich in den leisen Wellenschlag der Doset, ein starker Hasmrngeruch kam aus den anstoßenden Gärten.
Marschall Foch durch Mitteleuropa reift, um die alliierten Armeen in Ordnung zu bringen. Er scheint mir der einzige Mann in Frankreich zu sein, der versteht, wozu all dieses führt.
Behörden und Presse.
Es wird häufig darüber geklagt, daß die deutsche Presse im Auslände nicht so zur GÄtung gelangen könne, als es im vaterländischen erntereife wünschenswert erschiene. Richt zuletzt sind an oief«: Einschätzung die Widerstände schuld, welche
l>^utfche Presse im eigenen Lande ju bekämpfen hat. ES ist nicht zu verlangen, daß ein Ausländer einer deutschen Einrichtung mehr Wert beilegt, als es die Deuffchen selbst tun. Das gilt sowohl allgemein, als auch im besonderen Falle der Einstellung deutscher Behörden zur Presse. Für manche von ihnen ist die Zeitung mir ein unbequemer Mahner und Stritt- ker. anderen, die sich zwar bereits von den Vorurteilen der Vorkriegszeit lvsgerungen haben, ist sie ein notwendiges liebel, und nur die wenigsten sind mit der Zeit mitgegangen und sehen in der Presse und ihren Vertretern willige Mitarbeiter zum Wohle des Volksganzen und int Dienste des Vaterlandes. Solches Derstä.rdnis bringt auch der Oberpräsident der Provinz Westfalen, Gronowski, der <^us den Christlichen Gewerkschaften hervorgegangen ist, in besonderem Rkaße auf, wie aus einer seiner Kundgebungen her vor geht, welche die Presse aller Richtungen abdruckt. Es heißt darin:
-Die Presse ist — und erregte Zeiten wie die gegenwärtigen beweisen es ohne Unterlaß — nicht nur ein hoch bedeutsamer Kulturträger, sondern einer der lebenswichtigsten ^Gegenstände des täglichen Bedarfs" dm: gesamten Bevölkerung. Die Zeitung fft nicht nur der Kanal, durch den die Wünsche, die Ansichten und Stimmungen der perschiederfften Volksteile dem Strome des Gesamtlebens der Ration zugeführt werden, sondern die Presse ist auch das Siche r- heitsventll, durch das die aufs höchste gespannten Leidenschaften und die Erregung der Bevölkerung den Weg ins Freie finden. Letzten Endes ist es der Desrnnenheit und dem Derantwortlichkeitsgefühl der deutschen Presse zu verdanken, daß der von ihr gemeinsam mit Parlament und Regierung geführte Abwehrkampf an der Ruhr und am Rhein ein wirtschaftlich.'r und moralischer Freiheitskrieg geblieben ist. Daß die Behörde — welcher Art sie auch teln möge — deshalb schon aus Gründen der Selbsterhaltung und des vaterländischen Pflichtbewußtseins die Aufgabe hat, der Presse ihren Existenzkampf zu erleichtern, sie nach Möglichkeit zu unlerslühen und unabhängig und lebertefräftig zu erhalten, liegt auf der Hand. Der Oberpräsident der Provinz Westfalen hält zwei Wege, die zu diesem Ziele führen, für gangbar. Giner-seits hat das Oberpräsidium ehren umfangreichen Rachrich t en- und Meldedienst eingerichtet, der auf schnellstem, d.h. drahtlichem Wege zuverlässige und mehrfach überprüfte Mitteilungen über alle wichtigen Geschehnisse in der Provinz und den Rachbargebieten einholt und sie sofort auf demselben Wege durch die großen Zeitungsnachrichtenstellen der Presse übermitteln läßt. Dre Zettingen werden auf diese mittelbare Weife durch das Oberpräsidvnn in die Lage verseht, sofort Meldungen veröffentlichen zu können, für deren Richtigkeit Gewähr geleistet werden kann. Ein zweiter unmittelbarer Weg zur Förderung und Unterstützung der Preffe besteht in der Zuweisung von amtlichen Anzeigen. Die gewaltigen Satz-, Druck- und Papier- kvsten und die hohen Detriebslasten des Zeitungsgewerbes fordern gebieterisch, daß behördlicherseits die bisher übliche Bttte um kostenlose Aufnahme von Mittellungen in den redaktionellen Teil der Zeitungen nur in unumgänglich notwendigen Fällen ausgesprochen wird. Rach Möglichkeit haben diese amtlichen Mitteilungen an die Bevölkerung durch bezahlte Anzeigen zu erfolgen. Denn es entspricht weder dem Wesen noch der Aufgabe der Behörde, von Steuerzahlern Geschenke ohne Gegenleistung anzunehmen, als welche Rach- richten erscheinen müssen, deren Veröffentlichung den Zeftungsbetrieben gewaltige Kosten verursacht und die in den meiften Fällen sich als zu bezahlende Anzeige eignen. So wenig es erwünscht ist, daß Behörden Sparsamkeit am fal- schenPlahe betreiben, indem sie ihre Bekanntmachungen nicht in den Zeitungen angeigen, sondern am Schwarzen Brett oder gar an Bäumen anschlagen, wo sie kaum beachtet werden, so notwendig erscheint es. alle Behörden darauf hinzuweisen, daß die engste Zufammenarbeit zwischen Behörde und Presse hn vaterläichischen Zitter esse liegt.“
Eva empfand das alles heute doppelt. Allmählich lösten sich die widerstreitenden Empfindungen in ihrer Brust zu einer träumerischen RuA, und sie hätte fast gewünscht, dieser Abend möge "nie zu Ende gehen. Aber es wurde Zeit zum Aufbruch.
Als sie dann alle im Wagen sahen, der nur langsam durch die engen Straßen Trabens vorwärts kam, weil noch allenthalben reges Leben herrschte, fast wie in den italienischen Städtchen, in deren Gaffen sich an den Spätabenden das ganze Leben des Südländers abspielt, da war Coa ganz unter dem Bann einer ihr völlig unerklärlichen Weichheit. Reben ihr redete der gemütliche Weingutsbesitzer sehr lebhaft, sie antwortete manchmal ganz mechanisch. Ihr Blick ging über die sanft geschwungene Linie der Berge, die sich vom Rachthimmel scharf abhoben. Die Lichter eines Dorfes glänzten. Sie fuhren unter dem tiefen Schatten der Ruftbäume und kamen dann wieder auf die hellere Strafte, passierten das schlafende Cröv, besten Kirche weiß im Licht des ausgehenden Mondes lag. und sahen dann von der Höhe in das von lichtem Rebel wundervoll fUbria erleuchtete Mofeltol hinab. Ein frischerer Wind wehte hier. Eva fröstelte etwas. Sie fühlte, wie ein Tuch um ihre Schultern geschlungen wurde. Llun war ihr wieder warm und behaglich. Aber immer wieder hatte sie dieses traumhafte Gefühl, das sie auch nicht verlieh, als der Wagen vor dem Rebstock hielt und sie Abschied nahmen. Dom Fenster ihres Zimmers hörte ste das Rollen des weiterfahrenden Wagens, hörte, wie er nach kurzer Welle stillhielt. Liun war Arnolds mit seiner Tochter auch daheim.
Kie setzte sich auf den Stuhl am Fenster und | sah hinaus in den stillen Garten, auf den füllen
gur Kündigung alter Goldschulden zwecks Tilgung durch
entwertetes Papier
hat der Erste Zivilsenat des Oberlandes- aerichtsDarmstadt, laut .DarmstädterTag- blatt“ untenn 18. Mai 1923 in der Sache U 219/23 folgendes Urteil verkündet:
Auf die Berufung der Klägerin wird das Urteil des Landgerichts Darmstadt, Zivilkammer I, vom 13. März 1923, aufgehoben und auf die Klage festgestellt:
1. Die Kündigung der beiden unter Rr. 2 genannten hypothekarischen Darlehen der Klägerin, die der Beklagte untenn 30. Rvvember 1922 für den 1. März 1923 erklärt hat, ist nichtig.
2. Die beiden im Juli und Rovember 1907 von der Klägerin gegebenen und von dem Beklagten bei dem Kaufe des verpfändeten Hauses übernommenen Darlehen von 34 800 Mk. und 19 200 Mk. kann der Beklagte nicht durch Zahlung von 54 000 Papiermart, sondern im Rahmen des llägerischen Anspruchs nur durch Zahlung eines Betrags tilgen, der die Rachtelle der Geldentwertung an- gemessen zwischen den Parteien a u s g l e i ch t.
Der Beklagte trägt die Prozeßkosten beider Instanzen. Dieses Urteil ist vorläufig vollstreckbar.
Tatbestand:
Dem Eigentümer der Hofrelle Tstratze Rr. Z. in R. gab die Klägerin am 30. Huli und 15. Rovember 1907 Darlehen von 34 800 Mk. und 19 200 Mark, zusammen 54 000 entart, und beide wurde l durch Hhpvthekeneintrag auf das bezeichnete Grundstück gesichert. Die beiden Darlehen waren drei Monate nach der jedem Teil freistehenden Kündigung nach Maßgabe der gesetzlichen Bestimmungen in Reichswährung zurückzuzahlrn. Am 20. März 1919 bat der Beklagte das verpfändete Haus gekauft. Von dem Kaufpreis von 90 000 Mk. traten 20 000 Mk. bar bei der liebet’ gäbe. 54 000 Mk. durch Uebernahmc der klägc- rischen Hypotheken und weitere 12 000 Mk. buten Uebernahmc einer ihnen nachstehenden Hypothek zu entrichten. Der Restbetrag von 4000 Mk. sollte bei pünktlicher Zinszahlung 10 Jahre lang durch den Verkäufer unkündbar sein. Der Beklagte hat die beiden Hypotheken am 30. Rovember 1922 zur Rückzahlung am j. März 1923 gekündigt und lehnte es ab, einen Anspruch auf späteren Ersatz des durch die Geldentwertung verursachte.! Schadens anzuerkennen, den sich die Klägerin d."tch Schreiben vom 22. Dezember 1922 vorbehielt. Da hiernach der Beklagte die Tllgung der beiden Hypotheken durch Zahlung von 54 000 Mk. in Papiergeld beabsichtigte, erhob Klägerin Klage mit dem Anträge, festzustellen,
daß Beklagtet nicht berechtigt sei, die auf den 1. März 1923 gekündigten Hypothelcnlchul- den in Papiergeld im Betrage von 54 000 Mk. zurückzuzahlen und daß die von ihm ausgesprochene Kündigung nichtig sei.
Wegen der tatsächlichen und rechtlichen Begründung des Anttags wird ebenso wie hinsichtlich der Ausführungen des Dellagten auf das angefochtene Erkenntnis verwiesen. Dem Anträge des Beklagten entsprechend hat das Landgericht die Klage abgetoiefen. Es nahm auf Grund eingehender Darlegungen an, daß die Kündigung einen Verstoß gegen die guten Sitten nicht enthalte und daß gegenüber dem Währungscharakt er der Papiermark eine Aufwertung nad) § 242 BGB. nicht verlangt werden tonne. Das Gesetz, das solche entschädigungslose Entrechtung des Gläubigers herbekfühte, sei unsittlich, aber der Richter müsse sich daran halten.
Gegen dieses Urteil vom 13. 2Närz 1923 hat die Klägerin Berufung verfolgt. Sie beantragte, es aufzuheben und nach Klagantrag zu erkennen. Der Beklagte läßt Abweisung bei Berufung beantragen. Das angefochtene Urteil wurde vorgetragen und die einschlägigen Kaufakten tagen dem Gerichte vor. Die Parteivertreter haben das Streitverhältnis sachlich und rechtlich wiederholt erörtert. Die Ausführungen des klägcrischen Vertreters deckten sich sachlich mit denen seines Schriftsatzes in Dl. 11 der Akten. Er hob hervor, daß die Rückzachlung der Darlehen zur Zeit nicht verlangt und in höherem als dem siebenfachen Papiermarkbetrage überhaupt nicht beansprucht werde. Der Vertreter des Dellagten wies demgegenüber darauf hin, daß die Deschränknng des Anspruchs auf einen' Betrag unter der Revisionssumme von 500 000 Mk. wohl i im Hinblick darauf erfolge, daß die demnächstige EteÜungnahme des Reichsgerichts ungewiß, die Auffassung des Berufungsgerichts dagegen aus dem Beschuß W. 72/23 vom 29. März d. I. er* sichtlich fei. Der Vertreter des Beklagtmt führte weiter aus, daß nach einem übergebenen Presse-
Fluß Der Mond ging eben unter, ein ganz leiser Lufthauch trieb die Dünnen Rebelliwlkch n auseinander. Die Turmuhr im Dorf schlug, es hallte lange nach in den Bergwänden. Ein Hnird bellte ein paarmal auf, ein Vogel regte sich mit verschlafenem kurzen Gezwitscher in feinem Rest im Birnbaum
Aus Hans Dietrichs Fenster fiel der Lichtschein in den Garten, Stau Eva sah, wie sein Schatten hin und her glitt Dann wurde es dunkel. Er würde wohl glückliche träume haben in dieser Rocht
Sie entkleidete sich langsam. 11 nb dabei dachte sie an Uschi Thouvenin, die mm wohl in Diekirch ankam, mtt ihrem heißen, unruhigen Herzen, das ihr allerlei Schreckbilder vorgaukellr. sie in jeder Fron eine Rebenbuhierin sehen lieft 3n jeder. Darum auch ihre Eifersucht auf sie, die doch ganz grundlos war, ganz sinnlos. Wie kam Uschi nur Darauf ? Wie wunderlich war's auch wieder, daß solche Sinnlosigkeit sie selber so verwirrt machen konnte. Was mußte Arnolds glicht haben, der allzeit Gelaffene, Ruhige? Wahrhaftig, Die Aufgeregtheit der kleinen Frau wirkte ansteckend. Eva schüttelte über sich selbst Den Kopf. Das machte die Moselluft — vielleicht gar der Moselwein? Aber sie hatte ja nur genippt davon. Gewiß, llschi Thouvenin konnte ganz ruhig sein um ihretwillen. Arme Uschi l Ob sie denn gar nicht sah, wie der geliebte Mann sich kühl von ihr abwendete? Wie er mitleidig auf ihr kindisches Gebaren blickte? Wie keine wärmere Regung seines Herzens sich an fte knüpfte? Ach. man konnte Aschi Thouvenin schon darum nichts nehmen, well fte nichts besaß Die Sünde würde das Gewissen keiner Frau beschweren, der sich Arnrllds' ßtebe zuwendete.
tlnd nun wollte Frau Eva nichts mehr denken.
bericht der Reichswirtschafts rat die gesetzliche Regelung der Angelegenheit abgelehnt habe, und wies darauf hin, daß eine Aufwertung Der Hypo- thekforderungen sich als llnbilligkeit gegenüber anderen Goldgläubigern Darstelle Die Frage, ob Der Beklagte auch die tocitcie Hypothek von 12 000 Mark und Den Rcisttausschilling von 4000 Marl gekündigt und getilgt habe, wurde mit Richtwissen beantwortet.
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 24. Mai 1923.
Die Teuerunslszahlen in Hessen.
Die Teuerungszahlen geben den Betrag in Mark an. Der für einen nach Menge und Art bestimmten Kreis wichtiger Lebensbedürfnisse — zunächst nur für Ernährung, Wohnung, Heizung und Beleuchtung, Dann auch einschließlich Deklei Dung — in einer Woche von einer fünfköpfigen Familie aufzuwenden war. Sie sind berechnet auf Grund Der Preise vom 2 5. April 1923, für Den Vormonat (in Klammern beigefügt) vom 21. Mörz 1923: Starkenburg 274 576 (247 881), einschl. Bekleidung 350 659 (323 048): Oberhessen (ohne Bad-Rauheim) 268 269 (234 610), cinschl. Bekleidung 339 269 (304 277): Rheinhessen 298 443 (255 090), einschl. Delleidung 378 793 (321 907); Hessen (mit Bad-Rauyeim) 278 533 (245 595), einschließlich Bekleidung 354 344 (316 145). Die Steigerung gegenüber dem Vormonat beträgt uusschl. Bekleidung 13,4 Prozent, einschl. Bekleidung 12,1 Prozent.
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Vermeidung von Staubentwicklung bei Bauten Das Polizeiamt Gießen erbmert im neuesten Amtsverründigungsblatt Daran, daß diejenigen Bestrafung zu gewärtigen haben, welche es unterlassen, bei Bauten, namentlich beim Abbruch von Gebäuden und bei Der Erneuerung des Verputzes, alle Vorkehrungen zu treffen, welche geeignet sind. Gefahren für Vor übergehende und eine belästigende Staubentwick (ung zu verhindern. Insbesondere ist dafür Sorg.' zu tragen, daß 1. der Verputz und das Mauerwer vor Dem Abschlagen und während dieser Arbeite, ausreichend benäht wird, 2. Bauschutt nicht auf die Erde abgetocrjeii, sondern abgetragen oder in Gefäßen abgelassen und hierbei ebenso wie beim Aufladen auf Wagen und Abfahren - ausreichend benäfjt wird, 3. Derartige Dauarbeiten, bei welchen eine Staubentwicklung nicht ganz zu Der- meiden ist, nur in den frühen Morgenstunden vor- genommen werden Dürfen. Die Polizeibeamten sind mit der Aeberwachung beauftragt.
** Geselligleitsverein Gleiberg. Am Samstag. 12. d. M., hielt Der Gefelligkeits- Dcrein Gleiberg im großen Saale der Burg seine diesjährige Hauptversammlung ab. Der Bor-- iihentc, Provinzialdirettor Matthias, begrüßte die 'Versammlung, besonders Den Vertreter der preußischen Aufsichtsbehörde, Geh. Reg.-Rat Dr. Sartorius, sowie die Vertreter von Gießen. Krofdorf und Gleiberg, und gab seiner Freude Darüber Ausdruck, daß die Gleibergsfreunde ttoh Der ungünstigen Witterung sich so zahlreich ein= gefunDen und so ihr Interesse am Gleiberg aufs neue bewiesen hätten. Auch Der frühere langjährige Vorsitzende, Geheimerat Dr. U f i n g e r, hatte von Mainz aus feinen Gruß entboten und bedauert, nicht persönlich anwesend fein zu können. Wie sehr der Gleiberg wieder in Der Gunst Der einheimischen Bevölkerung gestiegen ist, beweist .der UmftanD, daß sich bei Abschluß des Jahresberichtes die Zahl feiner Mitglieder um 250 auf 378 erhöht hatte, eine Zahl, die am Tage der Versammlung sogar schon auf 407 und noch höher angewachsen war. Besonderen Dank verdienest vor allem auch Diejenigen, Die im abgelaufenen Jahre dem Verein wieDer eine große Anzahl freiwilliger Zuwendungen zukvmmen ließen und so gleichzeitig auch ein nachahmenswertes Beispiel für die Zukunft gegeben haben. Rach Dem Berichte des Vorsitzenden ist die Erhaltung der Burg z. Z. ein Gegenstand großer Sorge für den Vorstand. Die Ausgaben für Reparaturen und die Unterhaltung Der Dächer, des WirtschaftSmoblliars u Dal. belaufen sich nach dem Voranschlag auf eine Million Mark Zu ihrer Deckung will der Verein daher 400 Anteilscheine zu 2500 Mk. das Stück ausgeben, die mit 5 Proz. verzinst werden sotten. Infolge Der inzwischen eingetretenen Geldentwertung wurden ferner die Jahresbeiträge auf mindestens 100 Mk. festgesetzt, ohne die Grenze nach obenhin festzulegen, um so einmal es jedem zu ermöglichen, dem Verein beizutreten, dann aber auch auf die Erhaltung Der Burg bedacht zu sein. Rach Wiederwahl des seitherigen Vorstandes, Die einstimmig erfolgte, schloß Der Vorsitzende den geschäftlichen Teil der Tagesordnung und erteilte dem Privot- dvzenten Dr. H u n; m c t das Wort, der in höchst anregenDer und anschaulicher Weise Die
Run wendete sie sich von sich selber ab, mit aller Kraft, von allem, was immer wieder gegen sie an- stürmte -- loses Geda.ttengesindel. das alle Ein- zännungen Der Wiicklichkett durchbrech und sich in allerhand Phantasien erging. Sie löschte das Licht und schloß Die Augen, unD da Der Tag sie müde gemacht hatte, glitt sic ■ schnell hinüber in ein Traumreich, in Dem sich die Begebnisse des heutigen Tages wunderlich ineinander mischten.
Bürgermeister Arnolds klappte ärgerlich Das Buch zu, in dem er gelesen hatte, unD legte eS ziemlich unsanft auf Den Tisch.
Frau Eva lachte: „Es scheint Ihren Beifall nicht ganz zu habsi/ sagte sie ein wenig spöttisch „Sie sehen, die Ansichten der modernen Frau über das Verhältnis zum Manne gipfeln mcht ganz io Ihrer Meinung?"
Er sah sie ernst unD voll an. „UnD Sie?"
Sic zuckte Die Achseln. „Um meine Meinung handelt es sich jetzt- nicht," sagte sie schalkhaft.
Er machte eine unwillige Bewegung. „Es ist immer dasselbe. Derselbe heftige, ungezügelte Trieb nach schrankenloser Freiheit. ilnD wenn man dies gelesen hat. so kann man doch nur empfinden, daß diese Freiheit für die Frau. Die es schrieb, wie für Die Personen des Buches dasselbe ist, axte ein scharfes Messer in den Händen eines Kindes sein wird. Mich rvenigstens bat Dies Gefühl keinen Augenbllck verlassen, und ich stelle mir vor, wie wohl diese Frau ihre eigene persönliche Freiheit gebrauchen würde. . oder mißbrauchen. Beim vesten Wlllen kann ich mir nur das letzte denken."
Eva wurde ernst. „Sie hat sich .Frei vom Gatten' gelöst."
(Fortsetzung folgt.)


