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Nr. H7

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175. Jahrgang Dienstag,

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

vnick und Verlag: vrühl'sche Univerfiläls-Vuch- und Zteindruckerel H. Lange in Sietzen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schulstratze 7.

22. Mai 1925

Annahme von Anzeiger, für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohnejede Verbindlichkeit. Sreis für 1 mm höhe für nzeigenv.27 mmBreitc örtL 100 Mk., auswärts 125MK.;fürReklame Anzeigen von 70 mm Breite 500 MK.Bei Platz. vorschrlft20°/, Aufschlag Hauptschristleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen Teil: Lrnst Blumschein; für den Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in Viehen.

Der Rücktritt Donar Laws.

London, 20. Mai. (Wolff.) Reuter: Donar Law hat auf den dringendsten Rat der Aerzte seine Demission eingereicht und der König hat das Gesuch mit dem Ausdruck tiefsten Bedauerns angenommen. Rach einer Mitteilung aus der Downing Street hat sich Donar Laws Gesundheit auf der Reise nicht gebessert.

Die Aerzte haben folgenden Dericht aus­gegeben:Die Stimme des Premierministers ist noch unbefriedigend. Wir können eine Desferung in absehbarer Zeit n i ch t in Aus­sicht stellen. Das Allgemeinbefinden deS Pre­mierministers ist nicht gut

London. 21. Mai. (WTB.) Wie Reu­ter meldet, wurde heute vormittag bei Do­nar Law eine kleine Kehlkopf-Ope­ration vorgenommen. Sonst ist das De- finden unverändert.

Paris, 21. Mai. (Wolff.) Die Demis­sion Donar Laws wurde in Paris zwar erwartet, man glaubte jedoch nicht an eine so rasche Verwirklichung. Die Blätter sind einig in dem Ausdruck voller Hochschätzung für den zurückgetretenen Ministerpräsidenten und in Würdigung seiner freundschaftlichen Empfin­dungen für Frankreich.

London, 21. Mai. (WTB.) Der Rück­tritt Donar Laws und die Frage seines Rachfolgers stehen im Mittelpunkte des öffent­lichen Interesses. 3n politischen Kreisen herrscht die Ansicht vor, daß Curzon unter allen Kan- didaten auf das Piemierministeramt dre gröstten Aussichten hat. Fast alle Kabinettsmitglieder be­finden sich auhechald Londons. Stanley Baldwin ist jedoch bereits nach London zurückgelehrt, wäh­rend Curzon, der bis Mittwoch von London abtoefenb sein wollte, ebenfalls früher zurück- crwariet wird. Der Parlamentsberichterstatter der Daily Rews" schreibt, es werde eine neue Re­gierung gebildet werden müssen. Curzon sei in der Oeffentlichkeit besser bekannt als Baldwin und Deirfüge über eine gröbere Autorität. Es wäre keine Lleberraschung, wenn Curzon mit der Reubildung beauftragt würde. Dem Parlaments­berichterstatter desSaUt) Expreß" zufolge ist Curzon Favorit für den Posten. DieWest­minster Gazette" schreibt, die Rachfolgerschast ge­bühre wirklich Curzon wegen seiner vergangenen Erfahrung und jetzigen Stellung. Der Parla­mentsberichterstatter derTimes" ist der Ansicht, daß für den Premierministerposten nur Curzon und Baldwin in Betracht kommen. Die Koalition verschiedener Parteien komme nicht in Frage. Seit dem Rücktritt Lord Salisburys 1902 sei kein Pair Premierminister gewesen; dir letzten fünf Premierminister hätten alle im älnterhaus ge­sessen. Die seit langem befürchtete politische Krise sei ernst. Die konservative Partei habe, obwohl sie nicht so uneins sei wie die liberale, ihre, eigenen inneren Schwierigkeiten, weil verschie­dene Mitglieder des Koalitionskabinetts außer­halb der Regierung Bonar Laws ständen. Es sei unmöglich, vorauszusagen, was der Verlust Do­nar Laws für die konservative Partei bedeuten könne.

Poincar^s Dank an Bonar Law.

Paris, 21. Mai. (WTB.) Aus Anlaß des Rücktrittes Bonar Laws hat Poincare an diesen ein Telegramm gerichtet, in dem er erklärt, Frankreich vergesse nicht, daß Donar Law trotz ber Differenzen der von den beiden Regie­rungen bei'der Durchführung des Versailler Ver­trages in den letzten Monaten verfolgten Me­thoden mit allen Kräften dazu beigetragen habe, die für die Ruhe der Welt notwen- digeAllianzunversehrtzuerhal t e n. Frankreich werde Bonar Law dankbar dafür lein, daß er die stetigen friedlichen Absichten der fran­zösischen Regierung so loyal anerkannt habe.

Die französische Kohleu- nnd Koks-Ausbeute.

Berlin. 19. Mai. (Wolff.) Aus einer Tlebersicht über die Kohlen- und Koks- ausf uhr aus dem Ruhrgebiet nach F.ankrrich und Belgien vor und nach dem Ruhreinbru/ch ergibt sich, daß im Monat April die Abfuhr von Kohlen und Koks durch Fcanttttch und Belgien 9495 Wagen aus dem Eisenbahn woge betrug, während Deutschland vor dem Ruhr­einbruch im selben Monat auf dem Eisenbahn- wege und auf den Wasserstraßen an diese beiden Lander 56 499 Wagen (davon allein auf dem Eisenbahnwege 44 900 Wagen Kohlen und Koks) lieferte Was die Franzosen an Kohlen und Koks im April auf dem Wasserwege abgefahren haben, steht noch nicht fest, kann aber nicht erheblich sein.

Ein Putschversuch der Smeets- führer in Trier.

Trier, 19. Mai. (WTB.) Heute vormittag drangen, während die Belegschaft des Städti­schen Elektrizitätswerks eine Detriebs- ver amnrlunz abhie t, gröhereAbteilungen von Smeets leuten, an ihrer Spitze die Smeets-Führer Märzen, Reuter, Gerhards und Lehnert, in das Elektrizitätswerk ein Die teils mit Revolvern ausgerüsteten Putschisten, von denen die obengenannten im Dienst der Franzosen stehen, bemächtigten sich gewaltsam der Telephonzentcäle, vertrieben das Personal und gingen in die Bu­reaus aus denen sie den Direktor Dlechmann mit vorg eha l ten en Revolvern vertrieben.

Die rasch herbeigeeilte Polizei warf die Verräterbande schleunig st aus dem Werk hinaus. Angesichts der sich alsbald in der Umgebung des Elektrizitätswerks aniam- melnden Arbeitermassen aus den benachbarten Betrieben hielten die Dmeetsanhänger es für geraten, sich aus dem Staube zu machen und auf den beabsichtigten Putsch h«ite zu verzichten. Wie inzwischen weiter bekannt wurde, beabsich­tigten die Eindringlinge, radikale Teile der Ar» keiterschaft aus dem Elektrizitätswerk zu sich her­überzuziehen, um mit deren Hilse im Demonstra­tionszuge durch die Stadt zu ziehen, sich der öffentlichen Gebäude zu bemächtigen und die Rheinische Repubttk cu z nusen. Bemerkenswert er­weise war den Aufrührern von den Franzosen die Abhaltung eines Demonstrationszuges ge­stattet worden, ohne daß der Stadt und ihren Polizeiovganen Mitteilung gemacht worden wäre.

Die Störung des Verkehrs durch die Franzosen.

Frankfurt, 19. Mai. (WTB.) Infolge Stillegung der Bahnhöfe Staffel, Flammerfeld und Montabaur durch die Franzosen ist der Verkehr von Limburg nach dem Wester­wald unterbunden. Cs wird deshalb mit sofortiger Gültigkeit der Verkehr nach dem Westerwald über Herborn West erb urg umgeleitet und es werden folgende Zugverbin- düngen eingerichtet: HeibornWesterburgBan- nerscheid-Staudt (bei Montabaurs Herborn ab 7.06 Dm. (MEZ), Dannettcheid-Staudt an 9.50 vormittags (WEZ), Herborn ab 1 nacbm. (MEZ), Bannerscheid-Staudt an 3.20 nm. (WEZ), Herborn ab 4 nm. (MEZ), Bannerscheid-Staudt an 6.14 nm. (WEZ). Richtung Banne rscheid- S'audtWesterburgMon'abaur. Da ne schrid- Standt ab 7.04 Dm. (WEZ), Herborn an 11.11 Dm. (MEZ), Bannerscheid-Staudt ab 10.58 vorm. (WEZ), Herborn an 3.11 nm. (MEZ). Banner» scheid-Staudt ab 2.30 nm. (WEZ), Herborn an 6 56 nm. (MEZ). In Herborn schließen diese Züge an Züge Don und nach Gießen an. Richtung AltenkirchenWester bürgStaff el: Aus dieser Strecke Derkehren die Züge nur noch bis und ab Elz.

Frankfurt, 19. Mai. (WTB.) Der Ver­kehr auf der Westerwaldbahn Don Staffel bei Limburg Montabaur Siershahn Flam­mersfeld, auf den Strecken SiershahnSayn und HöheGrenzhausenHillscheid ist heute morgen von den Franzosen stillgelegt worden. Ob die Militarisierung der Strecke beabsichtigt ist oder ob die Strecken tot liegen bleiben sollen, ist nicht bekannt. Mit der Stillegung der Westerwaldbahn ist die letzte Verbindung mit Koblenz gestört.

Mannheim, 19. Mai. (WTB.) Die Rhein- landkommission teilt mit, daß die Ordonnanz 162 entgegen anders lautenden Zeitungsmeldun­gen ab heute Mitternacht in Kraft tritt. Danach ist aller Verkehr über die Rhein­brücke zwischen Ludwigshafen und Mannheim den Bewohnern des linken Rheinufers, die keinen BrückenDcrmerk auf ihrem Ausweis haben, ver­boten. Die rechtsrheinischen Deutschen bedürfen entweder einer Einreiseer^ubnis oder im kleinen Grenz verkehr (also auch für die Mannheimer) eines besonderen Vermerkes auf der Ausweis- karte.

Eine «eite Note Belgiens ntt Frankreich?

Paris. 19. Mai. (WTB.) DerTemps" veröffentlicht eine Meldung aus Brüssel, wonach die belgische Regierung demnächst dec französi­schen Regierung durch ihren Botschafter in Paris eine Mitteilung werde überreichen lassen, in der die derzeitige Auffassung Belgiens hinsichtlich der Lösung der Reparations­frage auseinandergeseht werde. DerTemps" bemerkt dazu, die Annahme liege nahe, dah dec Leiter dec französischen Regierung und seine Kollegen, um einen Gedankenaustausch zu er­reichen und um die zweckmäßige Gewohnheit der französisch-belgischen Besprechungen beizubehalten, es begrüßen werde, sich diesmal in Paris mit den Ministern Theunrs und Haspar zu besprechen.

Die falschen Anqaben Poincarss.

Paris, 19. Mai. (Wolff.) Der Abgeordnete Leon Blum, der der Sitzung der vereinigten Kc-m- merausschüsse für Finanzen und auswärtige An- gelegenhe'.t beiaeirofont hat, in der Pvincarlf zur Kreditvorlage für die Besetzung des Ruhrgebietes sprach, stellt imPopulaire" fest, daß Minister­präsident Poincare und der Finanzminister im Gegensatz zu dem nach dar Sitzung abgegebenen Ccmmunigue zu dem Eingeständnis genötigt waren, daß d'.e Einnahmen keineswegs die Kosten der Besetzung decken. Zu­nächst habe Poincare sich wohl gehütet, unter den durch die Besetzung verursachter Kosten bcn er» löblichen Fehlbetrag der Eisenbahnre­gie aufzuchhren, der in vollem Umfange zu Lasten Frankreichs falle. Dagegen rechne das Com- muniquS die Einnahmen aus Kohle und Koks völlig falsch an. Dieser Verkaufserlös gehöre nicht Frankreich und könne keineswegs auf das Spezialkonto der RuhrbesetzU'g ge'etzt werden, da er on das Reparationskonto abgeführt und Deutschland gutgeschrieben werde. Er diene nicht zur Deckung der B-csatzungsausgaden im Ruhrge­biet, sondern auf Grund der im Versailler Ver­trag vorgesehenen Priorität zur Deckung der De- sahungskosten auf dem linken Rheinuser.

#yod) wieder tit Paris.

Paris. 19. Mab (WTB.) Marschall Fvch ist heute von seiner Reise nach Polen und dec Tschechoslowakei zurückgekehrt.

Die Fortsetzung der Gewalt­streiche.

Paris, 19. Mai. (Wolfs.) Das «Echo de Paris" meldet aus Mainz: Auf Grund des Be­schlusses der Rheinlandkommission, die staat­lichen Weinberge in den Rhein landen zu beschlagnahmen, sei der Fotttdirektions- ausschuß. mit der Uebernahme des Betriebes be­traut worden.

Der KriegsstcrichtSprozcft gegen den Bürgermeister von Aachen.

Aachen, 19. Mai. (Wolff.) 3n dem Prozeß gegen den Bürgermeister der Stadt Aachen, Farwick, vor dem hiesigen Kriegsgericht wurde statt der für heute vormittag 9 cklhr angesetzten TIrteilsverlündigung nochmals in die Beweis­aufnahme ein getreten. Cs wurden drei Zeugen vernommen, von d'.esen behauptete der Colonel van Grayen, daß in jedem Falle die Stadt­verwaltung für die Lieferung der Möbel verant­wortlich sei und nicht die Reichsvermögensver- w.ütung, und zwar auf Grund eines De.ehls der Desatzungsbehörde Dom 16. Februar 1921, wonach sich die Desuhungsbehörde bei der Lieferung von Möbeln an bic Stadtverwaltung zu halten habe. Oberbaurat Truchseß, der als Vertreter der Der- mögensverwallung in Aachen vernommen wurde, erwiderte auf die Frage des Vorsitzenden, wer wohl für die ßieferung der Möbel verantwortlich sei, die Besatzungsbehörde müsse wissen, an wen sie sich zu halten habe. Der Angeklagte betonte immer wieder, daß er im guten Glauben gehandelt habe, van Grayen stellte ihm auch das Zeugnis aus, daß er nichts gegen Anordnungen und Be­fehle ber Tesatzungsbehörde u itrrnommen habe.

Aachen, 19. Mal. (WB) Der Oberbürger­meister F a r w i ck ist wegen Rich aussührung eines Requisitionsbesehls ber Besatzungsbehörve von dem französischen Kriegsgericht zu einem Mo­na t G e f ä n g n i s und einer Million Mark Geld­strafe verurteilt worden.

Der Krupp-Prozetz vor dem Pariser Kassationshof. Berlin, 19. Mai. Rach den Blättern ist gegen die Verwerfung der Revision im Krupp- Prozeß Rekurs beim Kassationshof in Paris eingelegt worden.

Die französischen Gerichte.

Essen, 19. Mai. (Wolff) Rechtsanwalt Dr. K l i n k h a r d t, der seit Beginn der Ruhrbesctzung sich um die Verteidigung der von den Desatzungs­organen ungefragten Deutschen allgemein aner­kannte Verdienste erworben hat, wurde heute vom Polizeigericht in Werden nach langstündlger Ver­handlung zu einer Gefängnisstrafe von 3 Mo­naten und einer Geldstrafe von einer Mlllion Mark verurteilt. Die Anklage baute sich auf eine im Gespräch gefallene Aeuherung auf, die er ge­genüber dem französischen Gerichtspersonal getan haben soll und die ihm als strafbare Handlung ausgelegt wurde. Cs wurde sofort Berufung ein­gelegt.

Mainz, 19. Mai. (Wolff.) Wegen Verlän­gerung bzw. Begünstigung kej Eisenbahnerstrerks im besetzten Gebiet durch Auszahlung von Geldern, die als Streikunterstützung anzusehen seien, wurden Dcjn französischen Krieas- ge richt verurteilt: der Ei en bahnbedienstete Weitzel aus Biebrich zu 6 Monaten Gefäng­nis und 3 Millionen Mark Geldstrafe, Heinrich Fehl aus Biebrich zu 6 Monaten Gefängnis und 4 Millionen Mark Geldstrafe, und der Friseur Georg E h r h a r d aus Biebrich, der sein Lokal zur Verfügung gestellt hatte, zu 8 Monaten Ge­fängnis unb 5 Millionen Mark Geldstrafe. Der Eisenbahnarbci'e S a s s e n w v t h in Riederolm, bei dun eine Liste mit der Anweisung, an be­stimmte Eisenbahner je 400 000 Mark auszuzahlen, gefunden tioorten war ward: zu einem Monat Ge­fängnis und 2 Millionen Mark Geldstrafe ver­urteilt.

Aus der französischen Gefangenschaft znriickgekehrt.

Warendorf, 19. Mai. (WTB.) Von der ausgewiesenen Essener Schuhpo.'i^i sind in letzter Zeit über 70 Beamte aus der französi­schen Gefangenschaft zurückgekehrt. Die Beamten, die von den Franzosen wegen ihres pflichtgetreuen Verhallens zu längeren Ge- fängniäfttafen verurteilt worden waren, wurden von dem Kommandeur der Essener Schutzpolizei in Gegenwart dec 2llt:ilungskommandeure durch eine Ansprache begrüßt.

Streikunruhen in Dortmund.

Dortmund, 19. Mai. (WTB.) 3m An- schluß an eine Versammlung st reifender Bergarbeiter kam es gestern auf dem Stein» platz zu Angriffen der zuiückkehrenden De­monstranten gegen Polizeibeamte. Dabei wurde ein Zivilist schwer verletzt. Auf den vom Streck betroffenen Zechen sind die Delegschaften heute nur zu einem kleinen Teck angefahren. Weitere Zechen haben, soweit bekannt geworden ist, sich bisher nicht zum Streik bewegen (affen. 3n einer Funllionäroersammlung der Verbände soll darüber beraten werden, ob sich die übrigen Verbände den kommunistischen Forderungen an« schließen ober ob die Arbeit auf den vom Streck betroffenen Zechen am Dienstag wieder ausge­nommen werden soll. Die Morgenschicht des Eisen- und Stahlwerks Union erschien heute nicht zur Arbeit. Sie demonstrierte vor dem Verwal- 1 tungsgebäude, um die Forderung nach einer Wirt­schaftsbeihilfe durchzusehen. Die Verhandlungen mit der Direktion bleiben bis jetzt erfolglos. Zur Zeck wird eine Versammlung der Arbeiter ab­

gehalten. Gin Streikbeschluß ist bisher noch nich gefaßt worden.

Berlin, 22. Mai. Wie ein Morgenblatt meldet, haben sich die A r b e i t e r u n r u h e n tm Dortmunder Dez i r k am Samstag nach­mittag verschärft. Die Belegschaften der Schichte Kaiserstuhl, Minister Stein und Scharn­horst haben die Arbeit noch nicht wieder auf­genommen: auch die Sonderverhandlungen mit den Hochofenleuten des Eisenwerks Union führten zu feiner Einigung. Mehrere Hochöfen des Werkes haben bereits Schaden gelitten. Auch die Hoch- cfenleute des Eisen- und Stahlwerks Hösch haben am Samstag nachmittag die Arbeit niedergelegt Däm Schichtwechsel am Samstag nachmittag kam es auf den Kaiserstuhl-Schächten zu heftigen Zu­sammenstößen zwischen Streikenden Und Arbeitswilligen. Ein Arbeitswilli­ger stürzte sich dabei aus dem zwecken Stockwerl eines Hauses, in das er sich geflüchtet hatte, auf die Straße. Einer anderen Blättermeldung zufolge bat sich die Zahl der Arbeitswilligen auf den Züchen Kaiserstuhl I und II weiter vermehrt. Es sei zu hoffen, daß bis Dienstag oder Mittwoch früh der Betrieb wieder voll aufgenommen wer­den könne. Zu Zwischenfällen sei es während der Feiertage nicht gekommen.

Paris, 19. Mai. (WTB.) 3n einer Havas- Meldung aus Düsseldorf über die Haltung bei Kommunisten wird bemerkt, die B e - sahungsorgane schienen nicht die Absicht zu haben, im Ruhrgebiet eine kommunistische Be­wegung sich entwickeln zu lassen, die großen Wirr­warr verursachen könne.

Internationaler sozialistischer Arbeiterkongreh.

Hamburg, 21. Mai. (WTB.) 3m vollbe­setzten Saale des Gewerkschaftshauses fand beut: vormittag die Eröffnungssitzung des interna­tionalen sozialistischen Qlrbet ter- fongresses statt. Abwesend waren zahlreiche Vertreter aus den verschiedensten Ländern, dar­unter Wels, Hermann Müller und Crispien aus Deutschland, Friedriche Adler und Seih aus Oester­reich, Tom Shaw, Henderson und Buxton ans England, Bracke, Grumbach und Conguet aus Frankreich, Huymans und Vandervelde aus Bel­gien, Greulich und Grimm aus der Schweiz, Dran- ting aus Schweden, Troelstra aus Holland, Stau- nrng aus Dänemark, Abramowitsch aus Rußland und viele andere. Rach musikalischen und dekla­matorischen Darbietungen wurde der Kongreß durch Wels- Deutschland und Bracke- Frank­reich für eröffnet erklärt.

Ramens der sozialistischen Arbeiterorganisa­tionen Hamburgs sprach Le u e t r i h - Hamburg die Degrüßungsworte. Er teilte mit, daß di: Mauer klassen bewußter sozialistischer Arbeiter, d'.e vor dem Gewerkschaftshause stehe, die Aufgabe habe, den Kongreß vor unberufenen Eindringlin­gen zu schützen, da seitens der Kommunisten Störungsversuche geplant seien. (Lebhafte Pfui­rufe.) Redner sprach die Hoffnung aus, daß das Eirnigungswerk gut gelingen möge. Rachdem durch den Versailler Vertrag der Welt d:r ersehnte Friede nicht geworden sei, sei es jetzt sogar da­hin gekommen, daß man in unbestritten deutschem Gebiet die Arbeiter mit den Bajonet­ten zur Arbeit zwing en wolle. Er hoffe aber, daß der Kongreß helfen werde, das unbe­strittene deutsche Recht zu betonen. Die Arbeiter­schaft her ganzen Welt müsse dafür sorgen, daß fein anderer Militarismus sich an Stelle des nie» fcergerungeren preußisch-deutsch.n setze. Wenn es nicht gelinge, die Reaktion zu besiegen, werde die Welt niemals den Frieden sehen.

Romens der hamburgischen Regierung be­grüßte Bürgermeister © t o I ten , Mitglied der sozialdemokratischen Partei, die Konferenz, wobei er unter lebhafter Zustimmung betonte, es müsse auf diesem internationalen Kongreß ausgesprochen werden, daß das deutsche Volk nicht mehr schuld am Kriege habe als die anderen Völker auch. Es sei nicht nur Wobns'mn sondern auch ungerecht, wenn man das deutsche Voll zwingen wolle, neben den eigenen Lasten auch «noch alle Lasten ber anderen zu tragen. Soweit wir zur Wiedergutmachuna imstande seien seien wir bereit dazu, aber zu Leistungen über eigenes Können hinaus seien wir nicht verpflich­tet. Zn Deutschland müsse man zur Zeck den Ein­druck haben, als ob das Weltgewissen vollständig eingeschlafen fei. Während sich die ganze Well über die Greuel am Kongi und in Peru nicht genug habe aufregen können, entrüste sich heute draußen über dir GreuÄl, die jetzt gegen Deutschland verübt toürben, kaum ein Mensch.

Oudegeest- Amsterdam, der den Kongreß im Auftrage des Internationalen Gewerkschafts­bundes begrüßte, erklärte, die Welt würde heute besser aussehrn, wenn die Einrgung der inter­nationalen Arbeiterschaft schon 1918 hätte ver­wirklicht werden können. Es sei ihm aber eine große Genugtuung, daß der erste internationale Sozialistenkongreh nach dem Kriege nunmehr die Einigung verwirklichen ioolte Der Redner entbot unter lebhaftem Beifall der Arbeiterschaft des Ruhr- und Saargebiets, die ein einzig dastehendes Beispiel glänzender Organisation, Disziplin und Zielbewußtsein biete und der Allmacht des Mcki- tarismus so kräftige Schläge versetze, herzliche Grüße.

Wels- Deutschland dankte namens des Or» ganisattonskomiteLs den Vorrednern für die De» grüßungsworte und sagte, Lo.idon, Wien und Amsterdam gehörten zusammen, (wmrmischer Dei- fall.) Die Augen der ganzen Welt seien auf die­sen Saal gerichtet. Die Hoffnungen der arbeiten­den Klassen auf internationale Einigung dürften-'