m. 69 Swetter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Donnerstag, 22. März 1925
Zahlen, die für sich sprechen.
Deutschlands Wirtschaftsbilanz:
DaS Vermögen der deutschen Volkswirtschaft vor dem Kriege: 376 Milliarden Goldmark
Der Verlust des deutschen Dolksvermögens in Kriegs, und Rach- kriegSzeit: 170 Milliarden Goldmark
Also Bestand des deutschen Volksvermögens 1920 : 206 Milliarden Goldmark
Belastung durch das Londoner Ultimatum: 132 Milliarden Goldmark
Mso freies deutsches BolkSvermögen Ende 1920: 74 Milliarden Goldmark.
Deutschlands Leistungen:
Gesamtleistung. Deutschlands an den Feindbund: 46 Milliarden Goldmark
Innere Ausgaben und
Verluste: 10,5 Milliarden Goldmark
Zusammen: 56,5 Milliarden Golbmark,
oder in Papiermark um- — gerechnet bei einem Dollarstand von Mk.
20000 282,5 Billionen Mark,
die gahl, die kein Deutscher je vergessen darf.
Ergebnis:
Deutschland hat demnach bereits an Leistungen für den Feindbund über 76 Prozent seines ihm Ende 1 920 verbliebenen Dolksvermögens auf - gebracht. Heute dürften Wohl die Lei st ungen das Volksvermögen bereits überschreiten.
Deutschlands Derbrauch:
Deutschland verwandte 1921 f. öffentliche Zwecke des Reichs, der Länder und Gemeinden
Die Besahungskosten in den besetzten Gebieten betrugen bis zum 30.
April 1922
4 Milliarden Goldmark.
3,4 Milliarden Goldmark.
Die Besahungskosten verschlangen also fast ebensoviel als die Aufwendungen Deutschlands für seine öffentlichen Zwecke.
Für Erhaltung und Vermehrung des Kapitals der Volkswirtschaft verwandte Deutschland im Jahre 1921
4 Milliarden Goldmark.
Die Kosten für Kohlen- und Wiederaufbaulei. stungen an den Feindbund betrugen
2,8 Milliarden Goldmark,
also rund Dreiviertel dessen, was Deutschland im Iahre 19 21 für die Erhaltung und Vermehrung seines Kapitals der Volkswirtschaft verbraucht hat.
Für Zwecke des Verbrauchs der Bevölkerung verwandte Deutsch!, im Iahre 1921
DieGesamtleistungen an die Entente betragen
19 Milliarden Goldmark.
56,5 Milliarden Goldmark.
Das ist das Dreifache dessen, was Deutschland für denDerbrauch seiner Bevölkerung 192 1 verausgabt ha t.
Deutscher Reichstag.
323. Sitzung, mittags 2 tlh-r.
Der lin, 21. März 1923.
Der Gesetzentwurf über die Verlängerung des Desoldungssperrgesehes und der Rot haushalt für 192 3 wurden dem Haus- Hallsausschuß überwiesen. Der Gesetzentwurf über die Verlängerung der Geltungsdauer des Woh- nungsmangelgesehes, eingebracht von den bürgerlichen Parteien unb den Sozialdemokraten, wird in allen drei Lesungen angenommen.
Hierauf wird die zweite Beratung des P v st - etats fortgesetzt. Aba Delius (Dem.) dankt den Postbeamten an Ruhr und Rhein für ihr vaterländisches Verhalten. Er wünscht Ermähi- gung des Telephontarifs für besondere Klassen, z. D. für Aerzte, Wohlfahrseinrichmngen usw. Auf dem Gebiete der Sachausgaben könne gespart werden. Besonders sei in den letzten Jahren zuviel gebaut worden. Die Pvstteklame müsse ber° pachtet werden. Bedauerlich sei die Zurücknahme schon erfolgter Kündigungen. Sie sei höchstens zu entschuldigen bei Beamten im Einbruchs gebiet.
Abg. Bartz (Kom ) erklärt, der Abbau in der Postverwaltung dürfe nicht unter eine gewisse Grenze heruntergehen. Von einem sozialen Empfinden sei bei der Postverwaltung nichts zu spüren.
Rcichspostminister St in gl: Es ist unser Bestreben, den Aufsichtsdienst auf das Äotwen- digste einzuschränken. In der Frage der unehelichen Mütter wollen wir uns ganz von sozialen Rücksichten leiten lassen. Jeder Fall soll einzeln untersucht werden. In den Dienst gehört keine Politik, weder der Sowjetstern noch das Hackenkreuz. Ebenso ist es mit dein Dilderschmuck in den Diensträumen. Am besten hängt man keine Porträts, sondern Landschaften auf. (Heiterkeit.) Die Postagenten haben in den letzten Jahren eine bedeutende Aufbesserung ihrer Bezüge erhalten. Die Einführung der Frankierungsmaschine lassen wir uns weiter angelegen sein.
Abg. Dr. Strathmann (Dtschntl.) befürwortet eine Entschließung, für den Leihverkehr der Dibliothekec eine Ermäßigung der Portosätze em- treten zu lassen.
Damit schließt die allgemeine Aussprache. Der Gehalt des Ministers wird bewilligt, die Ent- schliehung Strathmann angenommen, ebeitso eme Entschliessung des Zentrums, die Verwaltung möge die infolge der Eisenbahnsperre im besetzten Gebiet eingerichteten Postkraflwagenkarten vermehren und die Portokosten im Interesse weiterer Dolks- kreise erheblich herabsehen.
Dann wird die Etatsberatung unterbrochen urrd die inzwischen vom Acrsschuß erledigten Vorlagen (Verlängerung des Besoldungssperr- gesehes bis zum 1. Juli 1923 und Rotetat für 1923) werden in allen drei Lesungen ohne Debatte angenommen.
In der Ernzelberatung des P o st e t a t s ersucht Abg. Seppel (Soz.) die Verwaltung, bei der Versetzung von Beamten zur Finanzverwaltung einen Ortswechsel möglichst zu vermeiden. Der Redner begrüßt es, daß unter den heutigen Verhältnissen ein befähigter unterer Beamter Postrat werden form.
Abg. Koch (Ztr.) erklärt, die Aufstiegmöglichkeiten der Beamten der unteren Besoldungsgruppen sollten verbessert werden. Die unteren Beamten hätten sich bei der Verrichtung der früher von mittleren Beamten wahrgenommenen Dienste im allgemeinen bewährt.
Minister S t i n g l bestätigt, daß zwar einige Versager vorgekommen seien, in ganzen habe aber die Verwaltung mit den unteren Beamten in solchen Fällen gute Erfahrungen gemacht.
Der Rest des Postetats wird nach den Ausschußbeschlüssen erledigt. Der Etat der Reichs - druckerec wird ohne Debatte angenommen.
Um y26 Uhr vertagt sich das Haus auf Donnerstag nachmittag 2 Uhr. Interpellation wegen des sächsischen Feierlagserlasses, Reine Vorlagen.
Streiflichter auf die städtische Finanzpolitik.
1.
Die Finanzlage unserer Stadt hat in den letzten Monaten eine tief einschneidende Veränderung erfahren. Die Ausgaben sind in ganz ra- pider Weise angewachsen, damit hat aber die Steigerung der Einnahmen in ihrem Tempo sowohl, wie in ihrem Ausmaß nicht im entferntesten Schritt gehalten. Wakrend der Hauptvoranschlag für 1922 23 mit 34 616 387,72 Mk. ausgeglichen werden konnte, weist ein Rachtragsvoranschlag ocn 1. Dezember v. Is. die Einnahmen mit 177 163 352,72 Mk., die Ausgaben aber mit 251 212 075,72 Mk., mithin also einen Fehlbetrag von 74 048 723 Mk. aus. Durch die Zeitverhält- nisse sind mittlerwelle auch diese Ziffern schcn wieder überholt, d. h. es ist alles noch viel ausgabenreicher geworden.
Diese ungeheue-. liche Verschärfung der städtischen Finanzwirtschaft, übrigens eine Erscheinung,
Unter dem Aeiheittbaum.
Roman von Clara Biebi^.
70. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)
Der arme Schlucker! Er hatte wohl viel erdulden müssen bei seinem Hauptmann. Selbst in dieser einfältigen Seele war Haß aufgekeimt. Iean-Claude gab es ruhig zu, darüber hatte er sich keinen Kummer gemacht, daß die Räuber den d'Aubry so auszahlten. Daß der das Leben sogar hatte lassen müssen, das bedauerte er weiter auch nicht. Er hatte die Bande von der Ermordung sich heimlich erzählen hören, und er hatte wohl aufgemerkt. „Der Krinkhofer! Der mit dem schwarzen Bart! Der hat es getan," so sprachen sie. Er selber hatte den Krinkhofer nie mehr zu Gesichck bekommen; der kam wohl manchmal bei Nacht und verschwand heimlich; der Krinkhofer tcnnte sich unsichtbar machen; grab so wie der mit dem Pferdefuß, so sagte Backenbart-Toni.
O dieser doppelzüngige Schurke, der sein wahres Gesicht hinter dem geheimnisvollen Schleier verbarg, den er sich, phantastisch ge.mg, überwarf. So schlau, so schlau, ein Märchenerzähler, ein Fabelerfinder u-ib doch Gott fei Dank, nicht schlau genug! Adami atmete auf. All diese Schlauheit war jetzt über den Haufen geworfen durch die leibhaftige Einfall.
Iean-Claude, der einfältige Irnge, den noch dazu ein Fieber schüttelte, hatte gestammelt, fran- »ösifch und deutsch herausgeschluchzt: „Es ist wayr, ganz gewiß alles wahr, mein Herr, was ich Ihnen erzähle. Meine Mutter hat zu mir gesprochen heute nacht: „Schankelödchen, nicht lügen!" Und Mrnsieur Dückler hat den Wagen von eine Demo stelle auf die Landstrah angehalten, er wollte gewinnen ein Lösegeld, er hat sie gebracht herauf tn das Haus, wo war ich und Backenbart-Toni «nd Placken-Klas. Wir haben gebraten viel sehr gute Sachen. Ich mußte spreken mit ihr immer sixmzösisch. Und sie waren sehr lustik, und Madame hat getanzt auf der Tisch, und ich abe ge
mußt servieren. Zuletzt waren alle betrunken, auch der Monsieur, der kam, pour faire la visite. Da bin ich gelaufen. Oh, grand malheur! Mein Herr, aben Sie Mitleid mit mir!“ Er rang die Hande. „Mein Herr, geben Sie mir nicht an die Franzosen, da werd' ich erschossen als deser- teur. Ich bin kein d^serteur, pas du tout, ich will nur gehen zu meiner Mutter!“
Der Bursche hatte geweint und gezittert, er war kaum zu ber uhigen. Run, das würden die Rönnen schon fertig bekommen und ihn auch gesund Pflegen. Iean-Elaude konnte getrost sein, ihm würde kein Leid geschehen. Adami hatte die feste Absicht, seinetwegen bei Oberst Dupuis vorstellig zu werden, und auch die feste Ueberzeugung, daß sie ihn würden laufen lassen. Man kann einen Untergebenen nicht strafen, der nur seinem Vorgesetzten gehorcht hat. Und er hatte unbezahlbare Dienste geleistet, ihm gebührte Dank. Sie waren nun beide durch ihn entdeckt, Johannes Dückler und Hans Bast Rikolai, alle beide die Schrecken des Landes.
„Ich war dabei und war doch nit dabei, der Herr weiß es jetzt," hatte der Krinkhofer gesprochen, als er im Amtszimmer zu Lutzerath stand, und, um einer vielleicht möglichen Anklage vorzubeugen, das Märchen von seinem Führer- dienst und ferner Flucht beim Ueberfall auf dem Reiler Hals dem Richter aufband. Daß er das hatte glauben können! Adami wunderte sich jetzt selber, er staunte über seine Leichtgläubigkeit. Es hatte ihn dazu noch förmlich gepackt, als der große Mann damals, schon im Fortgehen, sich noch einmal umwandte und mit feltfamem Raunen sprach: „Ich sehe drei.“ Das Rätsel von den dreien —, der eine reitet aus Trier, ist Kapllän unb nennt -sich Marquis — der zweite sitzt zu Kochern, kein Marquis und doch als Marquis — der dritte liegt tot am Reiler Hals, ist nicht Marquis und auch nicht Kapitän, — das war für Adami jetzt kein Rätsel mehr. Ein Betrüger, der Kapitän d'Aubry war aus Trier geritten unterm Ramen des Marquis de la Serviere — ein zweiter Betrüger, im geraubten Kostüm des
die man auch in allen anderen Städten feststellen kann, zwingt au sehr ernsten Ueberlegungen. Wir hatten von Der Stadtvervrdnelen-Versammlung erwartet, daß sie sich in ihrer jüngsten Sitzung, als ihr der Rachtragsvoranschlag zur Genehmt- gung vorlag, einmal eingehend mit Der städtischen Finanzlage beschäftigen würde. Das Haus erfüllte diese Erwartung nicht, es ließ diesen wichtigen Puntt der Tagesordnung ohne jedes Wort der Erörterung dahingehen. Hätte man dieser überragenden Angelegenheit eine gründliche Aus- spiache gewidmet, anstatt seine Beredsamkeit an manche weniger wichtige Dinge zu verschwenden, fc würden wir in unserer kritischen De.rachtung der vorigen Stadtverordnetensitzung nicht Front gemacht haben gegen die Vielrederei; wir hätten das Parlament vielmehr beglückwünscht zu dieser Erörterung, die sicherlich manchen guten Gedanken zutage gefördert hätte. Gin Blick in die Rach- tragsrcchnung zeigt, daß man allen Grund hat, verschiedenen Titeln die größte Aufmerksamkeit zuzu wenden.
Im Vordergründe steht natürlich das größte finanzielle Schmerzenskind unserer Stadt, die Straßenbahn. Am 1. Dezember v. Zs. berechnete man Deien Defizit auf rund 19 400 000 Mark. Bis zum Schlüsse des Rechnungsjahres am 31. März wird sich der städtische Zuschuß, vorsichtig veranschlagt, wohl auf mindestens 22 Millionen Mark steigern. An eine fühlbare Besserung in dieser Detriebsrechnung kann in absehbarer Zeit nicht gedacht werden. Dem aufmerksamen Beobachter des Straßenbahnr erkehrs entgeht die Tatsache nicht, daß die meisten Wagen ganz ungenügend beseht sind, viele sogar leer laufen, die Frequenz also durchaus ungenügend ist. Dabei beziffert sich der Fahrpreis heute erst noch auf 70 Mark für die einfache Strecke, die wohl in der Hauptsache in Anspruch genommen wird. Der Fahrpreis ist im Verhältnis zu anderen Städten niedrig. In Anbettacht der geringen Ausdehnung unserer Smdt mahle man sich aber zu diesem Preis entschließen, um überhaupt noch eine Frequenz zu erhalten. Jedoch auch dieser Betrag ist den meisten Bürgern schon zu hoch, bzw. unerschwinglich, sie ziehen es daher vor, ihren Weg ju Fuß zu machen. Die andern, die noch fckhren, werden nicht nur sehr bequem und billig befördert, sie dürfen sogar, wenn man es mal kraß ausdrücken will, noch die Genugtuung empfinden, durch ihre Fahrten dem Stadtsöckel einen hübschen Aderlaß zu bereiten, denn für jeden Fahrgast unserer Elektrischen muß die Allgemeinheit noch schön zuzahlen. Eine weitere Heraufsetzung des Fahrpreises. Die etwa auf Grund der wesentlich erhöhten Stromkosten notwendig werden sollte, wird die Inanspruchnahme dieses Verkehrsmittels sicherlich noch mehr verringern. Ob unter diesen Umständen auch nur ehre Stabilisierung de? städ- tischm Zuschusses auf 22 Millionen Mark für das Icchr erreichbar fein wird, erscheint sehr zweifelhaft. Viel wahrscheinlicher ist, daß dis Unterbllanz dieses Betriebes im Laufe der Zeit noch größer werden wird. Die Straßenbahn ist gewiß eine große AnneHmlichkeit — in wirtschaftlich guten Zeiten, jetzt aber ist sie mit ihrem hohen und aller Wahrscheinlichkeit nach noch weiter wachsenden Defizit ein schweres Bleigewicht unserer städtischen Finanzwirtschaft. Daran dentt mancher Bürger nur nicht, 'wenn er tn Dem schönen Straßenbahnwagen durch die Straßen flitzt, und vielleicht denkt er daran auch dann noch nicht, wenn ihm in Gestalt von kommunalen Abgaben-Erhöhungen ein Teil des Straßenbahndefizits mit aufgeladen wird. Daß diese Entwicklung der Straßenbahn- Detriebsrechnung den verantwortlichen Stellen unferer Stadt die Pflicht auferlegt, nach irgend einer Richtung hin außer der kürzlichen Entschließung noch weitere Maßnahmen zur Erleichterung der städtischen Finanzen ins Auge zu fassen, liegt aus der Hand. Natürlich kann diese schwierige Wirtschastssrage nicht von heute auf morgen entschieden trerben, weil dabei auch sehr weittragende Entschlüsse hinsichtlich des Personals zu treten sind. Aber zu etwas mehr Beschleunigung des Handelns als beim vorigen Mal, möchten toir diesmal doch raten.
Ständig anwachsen de Zuschüsse har die Stadt auch zum Betriebe unseres Stadttheaters zu leisten. Daß die tatkräftige Unterstützung dieses Instttuts durchaus zu billigen ist, versteht sich natürlich von selbst. Gerade in der heutigen Zeit des weitverbreiteten Materialismus ist es für uns doppelt notwendig, Die Stätte zu schirmen und zu fördern, die unserer Bürgerschaft so manche
Stunde der gdftigen Erhebung und Erholung bereitet, die gewissermaßen eine Oase ist In der freudlosen wirtschaftlichen Wüste des Alltags, von der o>ir ja auch in Gießen fo mancherlei au spüren haben. Aber auch das Publikum hat alle 'Veranlassung, sich nach besten Kräften um die Erhaltung seines Theaters zu bemühen. So rege es auch im allgemeinen die Vorstellungen besucht und damit seinen Tell beiträgt zur Verstärkung des wirtschaftlichen Fundaments unserer Bühne, so tst doch die Tatsache nicht zu bestreiten, daß bisher gar manche Vorstellung noch bester hätte besucht sein können. Das trifft sowohl auf manche Abend-, als a id> auf gewisse Nachmittagsvorstellungen zu Es soll nicht oerfannt werden, daß die Verschärfung des Existenzkampfes manchen Theaterfreund wider seinen Willen gezwungen hat, die Theaterbesuche einzuschränken oder gar aufzugeben. Aber andererseits kann man doch feststellen, daß von manchen Mitbürgern, namentlich von jungen Leuten, das Geld oft für Zwecke ausgegeben wird, die ihnen weit weniger förderlich sind als ein Theaterbesuch. Diesen Devölkerungskreisen möchten wtt dringend raten, ihre Aufmerksamkeit in Zu tunst mehr dem Theater zu widmen. Auch der Stadtverwaltung möchten wir in diesem Zusammenhänge eine Anregung geben, die bei erfolgreicher Durchführung vielleicht eine Besserung im Theaterbesuch herbeiführen könnte. Uns erscheint es ratsam, doch einmal bei der Eisenbahnverwaltung Schritte zu unternehmen, die auf eine Späterlegung des letzten Zuges nach Wetzlar abzielen. Manche Theaterfreunde unserer 2lachbarldadk, die gerne öfter mal das hiesige Theater besuchen möchten, werden davon nur abgehalten durch die Widerwärtigkeiten am Schlösse des Theaterbesuchs. Rahezu regelmäßig müssen die Wetzlarer Besucher jetzt die Aufführungen vor dem Abschluß verlassen, um nur ja noch rechtzeitig zum letzten Zuge zu kommen. Durch diesen Umstand werden sie um einen erheblichen Tell ihres Reisezweckes gebracht. Wenn der Zug nur um eine Mertel stunde cder zwanzig Minuten später gelegt würde, könnten diese Besucher jeder Auf- siihrung bis zum Ende beiwohnen und dann doch noch mit Sicherheit auf die Erreichung ihrer Fahrtmöglichkeit rechnen. Das ärgerliche Gefühl, für sein Geld eine gute Sache nur unvollkommen genossen zu haben, verschwäirde dann 6gl diesen Besuchern. Wenn der hier skizzierte Gedanke sich zur Tat ausreifen würde, könnte vielleicht für die nächste Spielzeit auch noch mancher Abonnent aus Wetzlar gewonnen und dadurch die wirtschaftliche Basis des Theaters verstärkt werden. Reben diesen lokalen Möglichkeiten zur Minderung des städtischen Dheaterdesizits Darf man aber nicht außer Acht lassen, daß hier auch der hessische Staat Verpflichtungen hat, denen er tn zeitgemäßer Weise gerecht werden muh. Unser Bühnenverband ist bekanntlich zugleich auch für Bad-Rcruh^im da. Daß dieses bedeutende staatlich- Bad ein künstlerisch vollwertiges Bühnenpersonal sein eigen nennen muß, ist unbedingt notwendig. Die DurchHaltung dieses Ensembles samt allem, was zu einem modernen Theater gehört, ist aber doch nur dann sichergestellt, wenn man es Gießen ermöglicht, dabei finanziell Den Atem zu behalten. Hierzu ist erforderlich daß ein recht erheblicher Leu des Gießener Theater- zuschusses auf die Staatsrechnung übernommen wird. Mit 200 000 Mark, Dte der Stadt für Die Zeit vom 1. Oktober 1921 bis 30. September 1922 zu rückvergütet wurden, ist angesichts der heutigen Geldentwertung natürlich nichts mehr getan. Hetzt muh man sich schon zu einem Vielfachen des vorjährigen Zuschusses verstehen. Uebrigens ist es ja auch fein unbilliges Verlangen, wenn man fordert, daß für die Pflege der Bühnenkunst in Der oberhessischen Prvvinzialhauptstadt, in Der durch die Universität, zahlreiche Schulen, Die Volkshochschule usw. verDrperten Blldungs- hochburg unserer Provinz, eine der hohen Bedeutung der Sache angemessene Staatsunterstützung gewährt wird. Die StaDtgemeiiide Der durch Die Steuergesetzgebung Der Rachkriegszeit Das finanzielle Rückgrat, Die Direkte kommunale Besteuerung, genommen wurde, kann man zweifellos nur mit dem minderen Teil dieses Zuschusses belasten. Wenn unsere Stadtverwaltung im Sinne der hier dargelegten Auffassung bei Den staatlichen Stellen wirkt, darf sie sich der vollsten Zusttmmung Der Bürgerschaft versichert halten.
ersten Bettügers, Der Räuber Dückler, sah za Kochern und spielte den Marqais — der dritte, ein Galeerensträfling, der nicht Kapitän und nicht Marquis war, lag tot am Reiler Hals. Und jetzt sah Adami iwch einen vierten, und es zog wie Grauen dabei über sein Gesicht: dieser vierte spielte den ehrsamen Mann und war ein Mörder.
Ein Mörder dieser Mann im sauberen Dauemkittel, Haar unD Bart glänzend gekämmt, so reinlich wie selten einer! Ein doppelter Mörder dieser Mairn mit der hohen Gestalt, der stolzen Haltung und dem Anstand, am den ihn manch Vornehmer beneiden formte I Ein dreifacher Mörder vielleicht dieser Mann mit Dem schönen Gesicht und den Dunflen Qiagen, der eine Tochter hatte, die so ehrlich war, daß sie, so gern sie es verbergen wollte, ihre Verzweiflung über den Vater und das Fliehenwollen vor ihm so deutlich offenbarte. Einn Mörder dieser Hans Bast?! Der Gedanke packte Adami in fest schmerzhaftem Brüten zog er die Stirn zusammen. Trotz des leisen Mißtrauens, das er gleich zu Anfang gehabt, das Dann geschwmchen war, um stärker wieder aufzuerstehen. Das sich Dann za einem ganz bestimmten Argwohn verdichtet hatte, fühlle er sich erschüttert. Mord an d'Aubry, Mord am Häirdler Mungel, Mord an dem Ueßmüller — alle diese drei Morde und, wer weih, welch andere noch fielen dem Krinkhofer zur Last. Und man hatte nur den Johannes Dückler gesucht!
Der Friedensrichter hatte, nadjbem er den Gefangenen Iean-Claude zu Ende vernommen, einen Augenblick geschwankt: sollte er nicht lieber zuerst verftichen, sich des Krinkhofers zu bemächtigen? Aber Der saß ja, sich sicher glaubend, wie Der Fuchs in feinem Bau; der blieb ihm gewiß Der wie ein Hirsch wechselnde, immer und immer seinen Stand verändernde Dückler.war vorerst der Wichtigere.
Adami gab seinem Pferd die Sporen, die Landjäger taten es ihm nach; es ging dahin wie Die wilde Jagd, aber lautlos. Sie suchten weichen Ackerb cden oder den Wiesengrund, der eben anfing, seine gelbe Wintersarbe zu verlieren und
sich in Frühlingsahnen grüner zu zeigen. Sie wollten selbst ein Klappern Der Hufe vermeiden, ilnb doch hatten sie es noch weit.
Wo Die Dläsius eigentlich wohnte, das wußten sie nicht genau, sie kannten weder das Dorf mit Ramen, noch das Bauernweib, in dessen Hütte die untergebracht war. Rur „am Kvndel“ hatte Iean-Claude mit Bestimmtheit angeben können. Allzuviel Ortschaften kamen da nicht in Dettacht; je weiter von der Mosel ab, desto dünner gesät die Dörfer, älnd hier und da verstreut ein paar einsame Häuschen; das war alles.
Run hatten sie Dengel passiert. Einige Reu- gierige traten vor die Tür und gafften den drei Reitern nach Ein paar zerlumpte Kinder liefen hinter den Pferden Drein und sammelten die Roßäpfel auf, die sie fallen ließen; die brachten sie der Mutter zum Verbrennen im Herd.
Adami fand, daß sie schon zu viel Auflehen erregten; es war kluger, sich zu verteilen. Wer stand ihm denn dafür, daß dem Dückler nicht soft rt gemeldet wurde: drei Reiter nahen. Er hieß die Landjäger langsamer folgen und stob allein vorneweg. Der Hund setzte in großen Sprüngen neben ihm her. In einer anderen Mission zu reiten, wäre heut ein Vergnügen gewesen. Was fein Lutzerath oben noch gar nicht zu hoffen wagte, das ging hier unten schon mit sichtbarem Schritt. ileberaH an den Weißdornhecken die ersten grünenden Spitzchen, am wilden Stachelbeerbusch auch schon die Triebe, and da an der Schlehe, die sich tief über den Rain neigte, die früh sich öffnenden weißen Knöspchen. Roch keine Blüte, die gleich einer weißen Wolke an jedem Straßen hang ruht, aber nur eine kleine Welle noch und auch sie war da. Im tiefen Grund hinter Dengel spazierte hochbeinig und langsam der erste Sttrch durch die Wiese, ab und zu bückte er sich und tauchte den langen Schnabel tief ein. Als der Retter vorbeigaloppierte, erhob er ein warnendes Geklapper.
(Fortsetzung folgt)


