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Nr. 43

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173. Jahrgang

Dienstag, 20. Februar (92$

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

vnick mr-verlag: vrMsl'fche UniversttStr-Vuch- und Steindruckerei K Lange in Stehen. Zchnftleitung und Geschäftsstelle: Schukstrahe 7.

?tnnahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohne jede Verbindlichkeit. Dreis für 1 mm höhe für Anzeigeno. 27 mm Breite örtlich 50 Mk., auswärts 70 fJJth.; für Rekl ame- Anzeigen von 70 mm Breite 240 MK.Bei Platz. Vorschrift 20 °/. Aufschlag. Hauptschriftleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen Teü: Ernst Blumschein; für den Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in Gießen.

Dasautonome" Memel.

Der Defchfih der Botschasterkonferenz über das Schicksal Memels stellt einen blutigen Hohn dar auf die feierliche Versicherung der Alliierten, dah das Selbstbestimmungsrecht gewahrt werden solle, auf das Wort Wilsons, dah Völker nicht wie Figuren auf dem Schachbritt hin- und Hergeschvben werden sollen. Nachdem man das Memelland, das mehr als sieben Jahrhunderte ununterbrochen zu Preußen-Deutschland gehört hat und dessen Bevölkerung zu 99 Prozent deutsch ist, durch den Versailler Gewaltakt von Deutsch­land lvsgerissen hatte, ist jetzt zu diesem einen Gewaltakt ein zweiter gefügt worden. Der Be­schluß der Botschasterkonferenz, über den diese bisher die Oeffenttichkeit nur sehr spärlich unter­richtet hat, kennzeichnet sich offenbar als eine Teilentscheidung, die barauf hinauskommt, daß der Hafen von Memel und ein Zugang zu diesem durch das Memelgebiet Litauen zugesprvchen und ihm zugleich die Souveränität über das Memel­gebiet zuerkannt wird, während diesem eine ge­wisse, anscheinend sehr eng begrenzte Autonomie erngeräumt wird. Es soll also hier ein neuer Korridor" geschaffen werden, durch den Litauen einen Zugang zur Ostsee erhält, ebenso wie der berüchtigte polnische Korridor Polen einen Zugang zum Meere unter schwerer Benach­teiligung des sogenannten Freistaates Danzig ver­schaffte.

Wenn auch Genaueres über die Einzelheiten des Spruches der Dotschastcrkonferenz noch nicht belannt ist, so kann man sich doch aus ihren bisherigen Rechtsfpruchen oder, um das Kind beim richtigen Namen zu nennen, Rechtsbrüchen, ein Bild davon machen, wie die den Memelern zu- erkannte Autonomie beschaffen sein wird. Jedenfalls ist es kennzeichnend, daß die Alliierten sogar den Wilnaern, die zu 90 Prozent Analpha­beten sind, das feierlich proklamierte Recht der Volksabstimmung zuerkannten, wahrend man die Memelländer wie Ware verschachert und das noch dazu an ein Volk, das kulturell tief unter ihnen steht. Nachdem die im Memelgebiet über die Zchulsprache veranstaltete Clternabsttmmung er­geben hatte, daß von insgesamt 220 000 Schülern mir 400 einen litauischen Lese- und Schreibunter- ttcht wünschten, während alle übrigen sich für das Deutsche aussprachen, wußten die Alliierten, daß eine Volksabstimmung, da der Anschluß an Deutschland durch das Versailler Dekret verhindert ist, ein selbständiges Memel ergeben würde, und, um das Ki verhindern, hat man es jetzt ohne Abstimmung an Litauen verschachert.

Die Franzosen haben in diesem Fall zwar auf ihren wettestgehenden Plan verzichten müssen, der darauf abzielte, Memel ihrem polni­schen Schützling auszuliefern, um es so unter rein französischen Einfluß zu bringen. Deshalb hatten sie durchgeseht, daß dasMemel-territvire" zu­nächst unter Frankreichs Verwaltung und Schutz gestellt wurde, welch letzter sich in der Praxis dahin gestaltete, daß die französische Besatzung sich bei dem jüngsten litauischen Putsch ins Mause­loch der Kaserne verkroch, nachdem der Kom­mandeur vorher ruhmredig verkündet hatte, daß er Memel bis zum letzten Blutstropfen ver­teidigen wolle. Da Frankreich bei den anderen Alliierten mit seinem Plan nicht durchgedrungen ist. geht sein Bestreben jetzt dahin, Litauen durch die ihm gemachte Zuwendung und durch die Besorgnis, dah Deutschland das Memelunrecht nicht anerkennen werde, in die Kette der Entente- anhängfelstaaten, die sich um Deutschland grup­pieren, einzugliedern. Letzten Endes aber betreibt Frankreich die Vereinigung von Polen und Litauen, die ja bis 1795 schon zusammengehörten, um auf diese Weise die Einkreisung Deutsch­lands zu verstärken. Wozu freilich zu bemerken ist, daß die Litauer von einer solchen Einver­leibung in Polen nichts wissen wollen.

Die Bevölkerung von Memel ist gegenüber dem Beschluß der Botschafterkonferenz, der ihr ein schreiendes Anrecht zufügt, wehrlos, und sie wird sich nach Lage der Sache mit Protesten be­gnügen und versuchen müssen, wenigstens im Rahmen der Autonomie zu retten, was zu retten ist. Was aber Deutschland betrifft, so ist es selbstverständlich, daß es das Memel und damit ihm selbst zugefügte schwere Anrecht nicht als Recht anerkennen kann, auch wenn es durch den Art. 99 des Versailler Traktats verpflichtet wurde, die Bestimmungen anzu­erkennen, welche die Ententemächte in bezug auf Memel treffen. Anrecht kann niemals dadurch zu Recht werden, daß man den Benachteiligten durch Zwang am Einspruch zu hindern versucht.

Memel, 19. Febr. (WTD.) Die fran­zösischen Desahungstruppen haben heute morgen Memel in aller Stille geräumt. Die Kaserne ist von den Lttauern bezogen worden. Die Franzosen haben sich auf ihre im Hafen liegenden Schiffe begeben.

PoincarSs Aufklärungen in der französischen Kammer.

Paris, 19. Febr. (WTB.) 3n der heutigen Sitzung des Karnmerausschusses für ais- wärtige Angelegenheiten gab P v i n c a r e nach dem offiziellen Kommunique ein entgehendes Expose über die Verhandlungen in der M e m e l» angelegenheit und sprach über die Ent- schell>ung der Botschafterkonserenz über das Statut dieses Gebiets und seine Zusprechung an Litauen mit der Autonomie der Stadt und einer Garantie für den Transit. Er gab auch ein­gehende Auskunft über die revoluttonäre Bewe­gung in Memel und über die Art, wie die Orb-

nung wieder hergestellt und im Einverständnis mit den Alliierten Frankreichs eine neue Regie­rung eingesetzt wurde. Poincare verbreitete sich auch über die Zwischenfälle, die sich in der neu­tralen Zone von Orant) zwischen Polen und Litauen ereignet haben.

Er ging alsdann auf die Amstände und die Verfehlungen Deutschlands ein, die in Ausfüh­rung des Friedensvertrags von Versailles die Be­setzung des Ruhrgebiets veranlaßt hätten. Nach dreieinhalbstündiger Auseinandersetzung unterbrach Poincare sein Expose über das Ruhr­gebiet und schlug dem Ausschuß vor, es m der nächsten Woche in einer Sitzung fortsehen zu dür­fen. Dieser Vorschlag wurde einmütig angenom­men. Der Vorsitzende des Ausschusses, Abg. Leygues, dankte bem Ministerpräsidenten für die umfassenden Erläuterungen, die er an der Hand von Texten und Dokumenten gegeben habe, die es nunmehr dem Ausschuß gestatteten, sich Rechen­schaft abzulegen von der auswärtigen Politik der Regierung und von den llugen und festen Metho­den. die sie angewandt habe, um die französischen Interessen zu schützen.

Paris, 20. Febr. (WTD.) Aeber den Ver­lauf der gestrigen Sitzung des Kamme raus- s ch u s s e s für auswärtige Angelegenheiten mach­ten die Mitglieder des Ausschusses über die Aus­führungen P oincares nach SyroaS noch fol­gende Mitteilungen. Poincare teilte der Kom­mission ausführliches statistisches Material mit über die deutsch« Kohlenproduktion. Die Fran­zosen und Belgier kontrollierten 9, ]9 der deutschen Produktion. Poincare sprach Degoutte hohes Lob aus und erklärte, es sei keine Rede davon gewesen, ihn durch eine andere Persönlichkeit zu ersehen. Es komme nicht in Betwcht, dah die Besetzungs- Mächte selbst das Ruhrgebiet ausbeuteten. Ihre Aufgabe bestehe ausschließlich in der Kontrolle. Diese Aufgabe sei 60 Ingenieuren, in der Haupt­sache Franzosen, antertraut worden. Einige frei­willige englische Ingenieure würden erwartet. Als Antwort auf die Sabotage­akte habe man 283 höhere Beamte des Ruhrgebiets und 5 5 des Rhein­landes ausaewiesen. Diese wurden durch Beamte ntebeien Ranges erseht, weil sie nicht durch die französischen Beamten ersetzt wer­den dürften. Vorder Bese hung d es R u hir- Fedietes hatten dort täglich 585 Per- on en - und 620 Güterzüge verkehrt. Heute feien es infolge des durch die Berliner Anweisungen verursachten Wirrwarrs nur im ganzen 70 täglich. Es wurden seit Beginn der Besetzung bereits Fortschritte gemacht. Man dürfe annehmen, daß sie in nächster Zeit sich b^chleunigen würden. Es habe im Ruhrgebiet 40 000 und im Rheinland 120 000 Eisenbahner ge­geben. Frankreich habe nur 9640 hingeschickt. Es gebe in dem besetzten Gebiet überhaupt kein französisches Material. Dis jetzt wurden von den Besatzungsmächten 102 6 Wag gvns Kohlen nach Frankreich und Belgien ge­schafft Im Anschluß Hieran sprach Poincars Über die schwebenden Verhandlungen mit der englischen Regierung über den Transit durch die englische Desahungszone. Poincare wird fern Ex­pose über die Rührbesehung am kommenden Mon­tag vollenden und alsdann über die Friedens­konferenz von Lausanne sowie über die französische Orientpolitik sprechen. Sollte er in dieser Sitzung mit seinen Ausführungen nicht zu Ende kommen, so wird der Ausschuß am darauf folgenden Mitt­woch zusammentreten.

Verhaftung des Oberbürger­meisters von Düsseldorf.

Düsseldorf, 19. Febr. (WTD.) Heute nachmittag gegen 4 Ahr wurde der Oberbür­germeister Köttgen, während er mit den Beigeordneten und mehreren Stadtverordneten eine Besprechung abhielt, von einem französischen Gendarmerieoffizier verhaftet und in einem Kraftwagen fortgeführt. Der Oberbürgermeister piotestterte zunächst selbst gegen diese Maßregel, dann erflärte Stadtverordneter Adams namens der Führer der Stadwerordnetenfiaktivnen, der Oberbürgermeister genieße das Vertrauen der ge­samten Bevölkerung: er müsse gegen seine Ver­haftung und Fortführung schärfsten Einspruch erheben. Der Offizier ließ, darauf durch einen Dolmetscher erklären, er könne die Proteste nicht entgegennehmen. Darauf erwiderte Adams, der Protest werde beim General vorgebrachl werden. Die Beamten und Angestellten der Stadt stellten zum Protest gegen die Verhaftungauf 24 Stunden die Arbeit ein, die Organi­sationen des Handels und der Wirte beabsichtigen, ihre Betriebe wahrend der Dauer des Protest- stteiks ebenfalls zu schließe-n.

Wie nunsnehr verlautet, soll die Verhaftung und Ausweisung des Oberbürgermeisters Köttgen deshalb erfolgt sein, well er es ablehnte, eine Betann tmachung der französischen Behörden zu veröffentlichen, die dazu bestimmt war, die deutsche Bevölkerung durch Strafandrohung in ihrer gerechten und mit fried­lichen Mitteln durchgeführten Abwehr gegen die Gewaltpolitik der Besatzung schwankend zu machen.

Die Franzosenherrschaft in Gelsenkirchen.

Gelsenkirchen, 19. Febr. (WB.) Die Franzosen hallen die Innenstadt und den Bahnhof auch heute beseht. Reisende, die m Gel­senkirchen ankommen, dürfen aussteigen: von Gel­senkirchen abzufahren ist jedoch unmöglich, da das I Betreten des Bahnhofs von der Stadt aus durch die Franzosen verhindert wird. Die FranzosM I besetzten auch die Post, deren Betrieb sttlliegt,

ferner das Amtsgericht, daS Oberlyzeum, das Gymnasium, das Realgymnasium, die Vollsfchule und eine Reihe von Privathäusern. Don 7 Ahr abends bis 7 Ahr morgens ist der Verkehr inner­halb des abgesperrten inneren Teiles der Stadt verboten. Passanten, nach nach 7 Ahr abends durch die Innenstadt gingen, wurden von den Fran­zosen mit. der Aufforderung ..Hände hoch!" ange- halten und auf das rücksichtsloseste durchsucht. Je­der mit einer Handtasche ober Aktenmappe ver­sehene Fußgänger wurde gestern am Tage eben­falls angehalten und auf Geld untersucht. Größere Geldbeträge wurden toeggenommen.

Gelsenkirchen, 19. Febr. (Wolff.) 3n An­betracht der von den Franzosen aufgelegten For­derung, 100 Millionen Mark zu Sohlen, war vom Stadtbaurat Arendt, der die Geschäfte der Stadt führt, für gestern nachmittag eine Stadt- ver ordnetensihung ein berufen worden, die zu der Lage in einer einmütig angenommenen Ent­schließung wie folgt Stellung nahm: »Da wir uns mit Frankreich und Belgien im Friedenszustand befinden, erhebt die Stadtverordnetenversammlung auf das Entschiedenste Einspruch gegen die an die Stadt Gelsenkirchen gerichtete Forderung der fianzösischen Besatzung auf Zahlung einer Geld­buße von 100 Millionen Mark. Sie weist diese Forderung wiederholt, auch angesichts der äugen» blicklichen Besetzung Gelsenkirchens, als ungesetzlich und habet als unzulässig zurück. Gleichzeitig ver­wahrt sie sich mit allem Nachdruck gegen die Art und Weise des Vorgehens der fianzösischen Trup­pen in der Stadt und erhebt feierlichst Protest ge­gen diezahlreichenDerhaftungen Gel- senkirchenerDürger, die beabsichtigte Ver­haftung des jetzigen Leiters der Stadtverwaltung und die gewaltsamen Eingriffe in das Eigentum der öffentlichen Körperschaften, namentlich aber in das Privateigentum der Bürgerschaft.

Die Fortsetzung der Debatte im englischen Unterhaus.

London, 19. Febr. (WTB.) Heute nach­mittag um 4 Ahr begann im vollbesetzten Unter- hause die Debatte über den gemeinsamen libe­ralen Abändeiungsantr a g, in dem gefor­dert wird, dah bezüglich der Operationen der fianzösischen und belgischen Regierung im R u hr» gebiet bei Völkerbunds rat ersucht wer­den solle, unverzüglich eine Kommission von Sach­verständigen zu ernennen, um Bericht zu erstatten über die Fähigkeit Deutschlands, Reparationen zu zahlen, sowie über die beste Methode, solche Zah­lungen zu verwirllichen. Ferner fordert der Ab- änderungsantrag, daß der britische Vertreter im Völlerbundsrat beauftragt werden solle, darauf zu bringen, dah eine Einladung an die amerikanische Regierung ergehe, Sach­verständige für diese Kommission zu ernennen. Der frühere Anterrichtsminister Fisher brachte den Antrag ein. Der unabhängige Liberale Pringle trat ebenfalls nachdrücklich für den Abänderungs­antrag ein. Hierauf sprach Sir Robert Cecil, der sich gegen den Antrag wandte. Fisher gab in seiner Räde der Aeberzeugung Ausdruck, die weit­aus überwiegende Mehrheit des Hauses unb der Nation sei der Ansicht, dah die Regierung den Franzosen bei der Besetzung des Ruhrgebietes nicht assoziiert war. Er hoffe, daß die Franzosen durch die wenigen Organe der öffentlichen Mei­nung in England, die das Ruhrunternehmen un­terstützten, nicht zu dem Glauben verleitet würden, dah die französische Politik die Antersttihung Eng­lands besitze. Die Ansichten des Hauses unb des Landes seien in den letzten Wochen von Asquith und Bonar Law richtig zum Ausdruck gebracht worben.

Dor der Debatte wurde der Premierminister um die 2lbgabe einer Erklärung ersucht über die kürzlichen Verhandlungen zwischen England und Frankreich. Donar Law lehnte eine Mitteilung ob. Er sagte nur: Wir haben der französi­schen Regierung gewisse Dorschläge gemacht, haben aber ihre Antwort noch nicht erhalten und ziehen es vor, solange die Antwort nicht ein getroffen ist, die Angelegen­heit nicht zu erörtern.

London, 20. Febr. (WTB.) Anterhaus Donar Law erklärte, die Ansicht _ der Regierung gehe dahin, dah die französi­sche Ruhraktion nichts anderes als schlimme Folgen zeitigen könne. Doch glaube die Regierung, wenn sie auch anderer Ansicht sei als Frankreich, nicht, dah er den britischen Inter­essen oder den Interessen der Welt zum Nutz«! gereichen werde, wenn sie gegen Frankreich eine antagonistische Haltung eimiehme. Er glaube nicht, daß die Haltung Deutschlands anders gewesen wäre, wenn England sich Frankreich angeschlossen hätte. Der deutsche Widerstand beruhe auf der Aeberzeugung, daß die Sanltionen um unerfüll­barer Forderungen willen auferlegt wurden. D i e Verzweiflung veranlasse die Deut­schen zu dieser Haltung. Die Frage sei, ob irgend eine Intervention zweckmäßig sei oder nicht. Angesichts der Feindseligkeit, Frankreichs und der wahrscheinlichen Feindseligkeit Belgiens und Italiens gegenüber einem Vorschlag auf In­tervention des Völkerbundes würde ein solcher Vorschlag der Ruin des Völkerbundes fein. Kein Vertreter der amerikanischen Regierung habe irgend etwas verlauten lassen, was darauf bin beutete, daß Amerika geneigt sei, bei den euro­päischen Streitigkeiten zu intervenieren. Bonar Law schloß, er wisse nicht, wann der Augenblick für eine Intervention kommen könne. Bisher sei er jedenfalls nicht gekommen. Er wolle noch ein­mal wiederholen, dah die Regierung zu der

Schluhfilgerung gelangte, dah es im Interesse feer Entente liegen würde, die britischen Truppen so­lange wie möglich in Deutschland zu belassen. Ihre Zurückziehung würde ein ern­ster Schritt fein, der die 'Beibehaltung der Entente schwieriger gestalten würbe als bisher.

Schatzkanzler Baldwin erwiderte auf eine Anfrage bes Parlamentsmitgliedes Lambert, ob die deutsche Regierung die brttischen Vor­schläge für eine Verminderung der Reparativns- zahlungen und der alliierten Schulden angenommen habe, dah diese Vorschläge nicht an die deutsche Regierung gerichtet gewesen seien unb dah sie sich nicht darauf bezogen, was Deutschland zu zahlen bereit sei, sondern auf die Höchstsumme, deren Zahlung durch Deuffchland nach sachver­ständiger Prüfung für möglich befinden wurde.

Der Arbeiterführer Snowden fragte, ob dem Premierminister bekannt sei, dah die Han­delskammer von Manchester den Kauf­leuten in Manchester mit geteilt habe, dah Güter, die nach Deutschland gesandt werden, von den Franzosen beschlagnahmt würden, und ob eine Information über diese Frage vorliege Wenn ja, welche Aktton die Regierung m der Angelegen­heit unternehme. Donar Law verneinte den ersten Teil der Anfrage und sagte, er habe keinerlei Information, dah Waren beschlagnahmt würden. Er würde indessen Nachforschungen unter­nehmen.

Ein Vorschlag Lloyd Georges.

London, 19. Februar. (Reuter.) Anter haus. Lloyd George erklärte bei der (Beratung des Abänderungsantrages, die Demokratie Frank­reichs und Großbritanniens sollte zusammen- gehen und zusammen handeln, soweit es ihr mög­lich fei. Mer die Freundschaft Frankreichs be­deute nicht, daß England jede Handfing eines jeden fianzösischen Ministeriums billigen müsse, die dazu angetan fei, den Frieden der Welt aufs Spiel zu setzen. In der jüngsten Aktton Frank­reichs habe etwas gelegen, was über die Repara­tionen hinausginge, und dies fei beunruhigend. In der Reparationsangelegenheit habe nichts Vor­gelegen, was eine derartige gewaltsame Lösung gefordert habe. Lloyd George gab sodann einen geschichtlichen Rückblick auf die Reparationsfrage und wies nadjbrücfTidj auf die verschiedenen Vor­schläge hin, die von Poincare zurückgewiesen wor­den seien. Angesichts der Tatsache, dah nur ein Defizit von 10 Prozent in den Kohlenlieferungen bestanden haben, sei es schwer zu glauben, dah nur die Erlangung von Reparationen der Zweck der Ruhrbesehung sei. Er sei überzeugt von der De- rechtigung der Reparationen und er bedauere des­halb diese Aktion, die die Zufinft der Repara­tionsleistungen gefährde. Lloyd George fragte zum Schluh: Wer kann sagen, was sich ereignen wird, wenn man Deutschland zer­bricht? Wer wird habet gewinnen? Ich bin durchaus dafür, dah Frankreich Sicherheiten er­hält, aber welche Sicherheiten wird es an dgr Ruhr erlangen? Wenn wir wirtliche Freunde Frank­reichs sind, werden wir unser Destes tun, um uns aus der Verstrickung zu befreien, bevor es zu spät ist. Lloyd George forderte die Regierung auf, daß sie fich an die Vereinigten Staaten wende und dah beide Länder an Frankreich heran treten.

Die Abstimmung.

London, 20. Febr. (WTD) Das Anter- Haus hat den liberalen Abänderungs­antrag zur Antwort auf die Thronrede m i t 305 gegen 196 Stimmen abgelehnt.

Die bedrohte Schutzpolizei in Essen.

Essen, 19. 3rebr. (Wolff.) Gestern nach­mittag fand eine Besprechung zwischen dem fian- zöfisc^n General Fournier und dem stellver­tretenden Oberbürgermeister von Essen statt, in der die Frage der Schutzpolizei eingehend erörtert wurde. Der General schlug vor, daß die jetzige Schutzpolizei den Dienst weiter verrichten solle und zwar in Zivil, kenntlich gemacht durch besonderes Merkmal, etwa eine Armbinde: in jedem Falle würde für die Beamten eine Gruß­pflicht gegenüber den französischen Offizieren nicht bestehen, die für uniformierte Beamte jedoch in Kraft bleiben müsse. Sollte man auf diesen Vor­schlag nicht eingehen, so schlug der General vor, einen Ersatz-Sicherheitsdienst einzurichten, der sich aus allen Beamten der blauen Polizei und einigen Familienvätern der jetzigen Schutzpolizei^ zusam­menfetzen soll und zwar in der Gesamtstärke der Hälfte der jetzigen Polizei. Falls diese beiden Vorschläge abgelehnt werden sollten, lehnte der General jede Verantwortung für den Wegfall des Sicherheitsdienstes und der Schutzpolizei ab. In keinem Falle würden die französischen Truppen einen derartigen Dienst übernehmen. Die Geneh­migung zur Bewaffnung von anderen Personen werde auf keinen Fall erteilt werden. Sämtliche Vorschläge wurden von den Deutschen abgelehnl. Hmite Morgen wurde dann dirch 10 Tanks und zwei Kompagnien Infanterie das Quartier des Schutzpolizei umstellt, die Mann­schaften entwaffnet und das Gebäude beseht.

Essen, 19. Febr. (Wolff.) Heute vormittag durchzvo ein kleiner Trupp Besatz ings trappen im Stadtteil Holsterhausen die Straßen. Da die Geschäfte infolge des Protestes heute schlossen, öffneten die Soldaten gewaltsam die