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Er. U6 3wetter Blatt

Der Krach im (Eomitd des Forges.

Don Wilhelm Siebert.

Innerhalb der französischen Schwerindustrie ist eS in den letzten Tagen zu scharfen Ausein­andersetzungen gekommen, die dazu geführt haben, dah bedeutende Mitglieder der Spihenorgani- sation der französischen Ei cn- und Stahlmagnaten, des Comitä des ForgeZ, sich von dieser 3. tzieitei- vereinigung zurückgezogen haben oder aus ihr ganz ausgcschieden sind. Cs ist also mit anderen Worten zu einem regelrechten Krach innerhalb deS Cornitäs gekommen, der seine tieferen Ursachen in der Ruhraktion und ähren Folgen für das französische Wirtschaftsleben hat. Den Auftakt zu diesen ernsten Auseinandersetzungen unter den französischen Industriellen gab die kürzlich in der Metzer Handelskammer abgel^altene Versammlung der bedeutendsten ostfranzösischen Industriekapi­täne, die sich einmal gründlich über ihre gegenwär- tbge Lage aussprachen u. dabei kein Blatt vor den Mund nahmen. Soviel auS dieser Sitzung bekannt geworden ist, haben die Industriellen ein un­geschminkte- Bild ihrer Lage gegeben und sich nicht gescheut, daS Kind beim rechten Ramen zu nennen. In dieser oder in einer etwas späteren Sitzung scheint es dann zu einer lebhaften Debatte über die Zweckmässigkeit der Ruhraktion gekommen zu sein. Dah hierbei ble Meinungen recht heftig aufeinandergeplaht sein mögen, läht sich wohl denken, denn das Cornltä des Forges war es nicht zuletzt, das Poincarä mit aller Macht zu dem Einmarsch in das Ruhrgebiet gedrängt hatte. Es hat sicherlich scharfe Angriffe auf die Führer des Comitäs gegeben, die an der Ruhraktion und somit guch an der jetzigen Situation der fran­zösischen Schwerindustrie Schuld sind. Dah diele Lage keineswegs rosig ist, geht aus den Ausfüh­rungen der Schwerindustriellen selbst hervor, die offen zugaben, dah nur ein Fünftel der Hochöfen in Betrieb sei und dah die Industrie ungeheure Derluste dadurch erlitten habe. Die Folge dieser ernsten Auseinandersetzung ist denn auch eine Scheidung der Geister gewesen, die zwar nicht in einer Sprengung des Cornites ihren Ausdruck fand, wohl aber in dem Rückzug verschiedener wichtiger Mitglieder.

Dieser Vorgang, dessen Bedeutung man jedoch keineswegs überschätzen darf, hängt unzweifelhaft mit xwei wichtigen Momenten strammen: einmal mit dem verschärften deutschen Widerstand an der Ruhr, der bald dahin führen wird, dah die Fran­zosen auch mit einem noch so grohen Arbeiterheer und noch so zahlreichen Transportmitteln kein Stückchen Koks mehr herausbekommen können, dann aber auch mit der deutschen Rote. Man hat innerhalb der französischen Schwerindustrie zwei­fellos eingesehen, in welch ungünstiger Lage fick Frankreich zur Zeit befindet: ohne Kohlen und Koks und dazu ein deutsches Angebot, das nicht so ohne weiteres verworfen werden kann. Diese kritische Lage hat schliehlich zur endgültigen Schwenkung eines grohen Teiles der französischen Industrie, jedenfalls jenes Teils, der sich um Loucheur gruppiert, geführt. Wahrend die Pariser Blätter sich fast ausnahmslos durch Chauvinis­mus und Schimpfereien auf Deutschland aus­zeichnen uni) das deutsche Angebot ablehnen, nimmt daS Organ Loucheurs, dasPetit Journal", eine ganz andere Stellung ein. In einer längeren Aus­führung, die von Loucheur selbst stammen kann, verficht das Blatt die Ansicht, dah Frankreich den Weg zum Frieden ebnen müsse, wenn man glaube, Deutschland mache nicht die richtigen Vor­schläge. Obwohl 30 Milliarden für die Repara­tionszahlungen unzureichend seien, könnten diese doch eine Grundlage für Verhandlungen bilden. Bei ollen Verhandlungen werde gehandelt, und man solle keine Entrüstung'rschrcle ausstoben, trenn Deutschland zu Beginn der Verhandlungen eine Summe anbot. die es selbst nicht als genüoend betrachten würde. Obwohl die Ausführungen dieses Blattes an der deutschen Rote vieles auszusehen haben und manches rundweg ablehnen, so zieht sich doch durch sie tyie ein roter Faden die Bereit­willigkeit der Industrie, mit Deutschland über­haupt einmal an den Verhandlungstisch zu kom­men. Raturlich sitzt der Verfasser dieses Artikels, auf hohem Rosse und spielt die Rolle des Mäch­tigen, der es in der Hand hat, die deutschen Vor­schläge zu begutachten, abzulehnen oder in bei­fälligem Sinn zu beantworten. Diese Pose kann aber die deutliche Schwenkung der französischen Industrie keineswegs vertuschen, die bis zum 11. Januar kategorisch das Ruhrgebiet für sich in Anspruch nahm und jetzt unter dem Druck der 11m- stande sogar zu Verhandlungen bereit ist.

So wenig diese Sinnesänderung einer mäch­tigen französischen Gruppe, die vielleicht als die mächtigste angesprochen werden kann, überschätzt und aus ihr untrügliche Zeichen der Riederlage Frankreichs herausgelesen werden dürfen, so deut­lich ergibt sich doch die Wirkung unseres Wider-

Das Moselhaus.

Roman von Luise Schulze-Brück.

32. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

In Evas Kopf gingen die Gedanken kraus und bunt durcheinander. Der Mann vor ihr floh mit dem Helden eines neuen Romans zusammen, den sie in diesen Tagen gelesen hatte. Sie kannte die Verfasserin und sie konnte auch sagen,ich fernte die Weise, ich kenne den Text". Sie hatte einen Teil der Begebnisse miterlebt, die in diesem Buche Gestalt angenommen hatten, freilich Gestalt, wie sie die Freiheit dieser Feder formte. Sie kannte auch den Mann, den eigentlichen Helden dieses Buches, dem die Frau entlaufen war, weil er Zügel und Zaum, die ihr noch einen schwachen Halt gaben, mit festen Händen hielt. Sie war ilym entlaufen in leidenschaftlicher Toll­heit, zu dem anderen, zu dem sie alle ihre törichten Lüste hinrlsfen. Und damals entstand das Buch, in dem der erste der tyrannische Herrscher wurde, und nicht allein ihr Tyrann, sondern das Symbol seines ganzen Geschlechts: und ihre .geknechtete hohe Seele" wurde zum Sinnbilde für ihr ganzes Geschlecht, der andere aber zu ihrem hohen Be­freier. Alle ihre Tollheiten waren da ein berech­tigtes Ringen nach dem Loswerden aus klirrenden Ketten mit einem brausenden Schwalle von Wor­ten forderte sie das Recht des Auslebens ihrer Individualität.Frei vom Gatten", das war Titel, war Losung und Feldgeschrei dieses Buches, das einen Riesenerfolg hatte und in berechneter Voraussicht gleich in vielen Auflagen gedruckt worden war.

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

standes an der Ruhr. Gerade die letzten deutschen Maßnahmen, die jebe Förderung und Kolsherstel- lung im besetzten Gebiet so gut wie ganz einstellen, werden in wenigen Tagen eine noch viel unheil­vollere Wirkung auf das französische Leben aus» üben, als der passive Widerstand bisher auszu- üben verrövchte. Die französische Schwerindustrie ist auf Ruhrkoks angewiesen. und hatte infolge- dessen bisher nur das eine Bestreben, unter allen Umständen Koks von der Ruhr nach Frankreich hereinzubekommen. Während die ersten drei Mo­nate ein völlig negatives Ergebnis hatten, begann man sich in den letzten 14 Tagen nach Aufzehrung der edlen Bestände etwas mehr als bisher anzu­strengen und konnte co. 100 000 Tonnen abtrans­portieren, was jedoch keineswegs bedeutet, dah diese Menge in ihrem vollen Umfange an den Hochöfen eingetrofsen ist. Diese französischen An­strengungen mutzten natürlich einen deutschen Ge­gendruck auslösen, so dah die Franzosen bald vor leeren Kokshalden stehen werden. Die Auseinan­dersetzungen in der französischen Industrie, die er­sten Anzeichen, mit Deutschland auch auf anderem Wege als dem der Gewalt zu einer Regelung der schwebenden Streitfragen zu kommen, sowie die immer katastrophalere Lage der französischen In­dustrie, die noch in dem Sturz des Franken eine recht unangenehme Begleiterscheinung hat, sind für uns nichts anderes als eine Aufforderung, auszuharren bis zur Erfüllung unserer berechtig­ten Forderungen.

Die Vorgänge an der (Siebener Oberrealschule vor Gericht.

(Fortsetzung statt Schluß.)

Die Vernehmung des Zeugen Oberstudien­direktor Schnell gibt das Darmstädter Blatt wie folgt wieder: Er schildert zunächst Michel als einen unverträglichen Menschen, der schon vor der Revolution bei allen möglichen kleinen Anlässen Reibereien gesucht habe. Doch habe er dem wenig Bedeutung beigemessen, da Michel immer allein gestanden habe. Rach der Revo­lution sei das anders geworden. Die Trennung sei keine politische gewesen. Sondern Michel habe persönlich Verstimmte um sich gesammelt. Heber- all, wo er gewesen sei, betam er Krach mit den Leuten. Erst kürzlich habe ihm der Oberbürger­meister von Dietzen gejagt, er habe bisher nur mit einem einzigen Menschen nicht auskommen können, und das sei Michel. Ein anderer habe ihn einenStänker" genannt. Riemals habe Michel mit ihm persönlich sich über Gegensätze ausgesprochen. Schon 1919 habe ihn Prof. Wecker­ling vor Michel gewarnt, der sammleMate­rial" gegen ihn und dieBombe" werde eines Tages platzen. Jetzt sei sie ja geplatzt. Alle möglichen Dinge, wie das Anheften einer Fried­berger Tageszeitung in das Schwarze Brett deS Lehrerzimmers, wogegen seinerzeit (1919) Michel protestiert Hobe, seien mit einem Male vor­gebracht worden. Die Rede deS St-R. Adolph sei plötzlich angegriffen worden, obwohl ihm seinerzeit niemand auch nur daS geringste da­gegen gesagt habe. Warum habe Michel sich nicht gleich damals beklagt, wie später im Fall Haug? Dors.: Ist es richtig, dah in den frag­lichen Konferenzen am 24. und 28. Juli so eine Art Kesseltreiben gegen Michel veranstaltet wurde? Zeuge: Ich habe bereits dem Lan- deSbildungsamt erklärt, dah daran kein wahres Wort ist. Die Debatte hat sich ganz spontan aus dem Kollegium heraus entwickelt. Vors.: War nicht das Misstrauensvotum der 24 Herren gegen Michel mit Ihnen verabredet? Zeuge: Rein. Ich hielt mich mit Absicht allen diesen Dingen fern. Von einer Verabredung kann gar keine Rede sein. Ich erkläre das hier ausdrücklich noch ein­mal, da Herr Min.-Dir. Urstadt trotz meiner Aussage einfach dabei geblieben ist, es sei doch Verabredung gewesen, wie es Michel behauptet hatte. Zur Untersuchung vom 26. übergehend, sagt der Zeuge aus, dah Michel noch am Vor­mittag durch einen Zettel an Reg.-Rat Henrich diesem weitere Herren zur Vernehmung namhaft gemacht hatte. Zeuge Henrich, gefragt,, er­innert sich nicht genau. Zeuge Dir. Schnell: Als ich mich am zweiten Tage zur Vernehmung meldete, erklärte mir Reg.-Rat Henrich, es sei ja eigentlich gar nicht nötig, denn es bliebe ja nichts übrig.Und von Michel habe ich im übrigen einen sehr ungünstigen Eindruck." Er fügte noch hinzu:Er hat keinen Sinn für Humor", und ich wunderte mich noch über diese zutreffende Charakteristik. Vorher hatte niemand von Michel gesprochen. Dors.: Sie wollen also darauf hinaus, wie auffällig es ist, dah im An- schluh an die sachliche Bemerkung Reg.-Rat Hen­rich von Michel sprach und dah dadurch eigent­lich der Eindruck entsteht, als ob Reg.-Rat Hen­rich Michel für die eigentliche Triebfeder gehalten

habe Zeuge: Jawohl. In feiner Schll» berung fortfahrend, sagt der Zeuge aus, dah sich Michel öfter Rotizen gemacht habe, wenn er, der Direktor, irgend etwas sagte. Bors.; St.-Rat Michel bestreitet das. Haben Sie tat­sächliche Wahrnehmungen gemacht? Zeuge: Natürlich. Ramentlich in den letzten beiden Kon­ferenzen habe ich selbst gesehen, wie Michel immer fein Rotizbuch herausnahm und schrieb. Zeuee Michel mutz das zugeben, behauptet aber, das seien nut Rotizen für sofortige Er­widerung und für Konferenzzwecke gewesen. Auch könne es fein, dah er sich in seiner Eigenschaft als Stadtverordneter früher öfters derartige Ro­tizen gemacht habe. Es kommt darauf die Flaggenfrage zur Sprache. Zeuge Direktor Schnell schildert eingehend den Grund der Richtbeflaggung (ein beim Aufziehen der Flagge gerissenes Drahtseil) und die Unmöglichkeit sofor­tiger Reparatur. Des weiteren die Tatsache, dah Michel mit einer Beschwerde gegen den Direktor wegen der Vorgänge in der Konferenz vom 28. Juli (Schnell hatte in dieser Konferenz u. a. gesagt:W enn einer im Kollegium mir vor­wirft, ich sei nicht gegen verbotene Abzeichen eingeschritten, ohne dah er mir vorher jemals eine diesbezügliche Mitteilung gemacht hat, so ist das heimtückisch und gemein." St.-R Michel hat sich dadurch getroffen und beleidigt gefühlt) am 30. Juli in Darmstadt vorstellig wurde und daraufhin, ohne den Direktor Schnell zu hören, sofort eine einstweilige Verfügung zum Schutze des Herrn Michel an die Oberrealschule erlassen wurde. Auf Zwischenfragen des Vorsitzen­den wird fesr^estellt, dah die Behandlung auch von Dingen, Die nicht auf der Tagesordnung stehen, in Lehrerkonfersnzen durchaus üblich ist. Zu dem Vorwurf, bah er dem Schüler Fatum nur das Tragen des Abzeichens derDeutschen Iugendgemeinschaft" innerhalb der Schule ver­boten habe, erklärt der Zeuge, dah ihm, wie ja auch aus .dem Protokoll des Herrn Henrich hervorgehe, die Verfügung über das Verbot der Deutschen Iugendgemeinschaft nicht gegenwärtig war. Vors.: Sind Sie heute noch der Ueber- jeugung, dah Michel denunziatorisch oorgegangeq ist? Zeuge: Jawohl, ich glaube es. R.-A Sinzheime r (Rechtsbeistand des Studien cats Prof. Michel. Schriftltg. desG. A"): Sind Sie es gewesen, der dem Angeklagten das Material geliefert hat? Zeuge: Ich habe nach meiner Pensionierung eine Denkschrift über die ganzen Vorgänge angefertigt und sie den beiden poli­tischen Rechtsparteien zur freien Verwendung zur Verfügung gestellt. WaS damit geschehen ist, weih ich nicht.

Der Angeklagte erklärt: Die Artikel sind in der vorliegenden Form von mir geschrieben, wie ich bereits erklärte. Insbesondere ist der AusdruckDenunziant" von mir auf Grund des Eindrucks, den ich aus dem mir von anderer Seite zur Verfügung stehenden Material hatte, gewählt worden. Da in dem Material auch noch ganz andere Dinge, die mit Direktor Schnell in keiner Beziehung standen, behandelt wa^en, glaube ich nicht, dah es sich dabei um die Denk­schrift des Direktors Schnell handelte. Von ihm habe ich jedenfalls das Material nicht bekommen.

Zeuge St.-R. Kraust. der nun vernommen wird, war verblüfft, als er hörte, bah der Repu­blikanische Lehrerbund, dem er selbst angehörte, eme Eingabe wegen Direktor Schnell und Dr. Lenz gemacht habe. Denn nach dem Verlauf der Mitgliederversammlung am 27. Juli hatte er die Ueberzeugung. dah nichts derartiges geschehen werde, da dort fast sämtliche Mitglieder sich da­gegen ausgesprcchen hatten. Vors.: Hatten Sie den Eindruck, als ob Michel dem Direktor etwas am Zeug flicken wollte. Zeuge: Ja. durchaus. Vors: Haben S:e Anstotz an der Eingabe des Republikanischen Lehrerbundes genommen. Zeuge: Ja. Denn der Vorstand hatte gegen den Willen der Mitglieder gehandelt und, trotzdem Herr Loos mir sagte, datz Michel nicht baram schuld sei, habe ich den bestimmten Eindruck, datz Michel doch die treibende Kraft war. Ich bin dann nach reiflicher Ueberlegung aus dem Bund ab­getreten. Auch die Behandlung des FallesHaug" habe ich nicht gebilligt. Ich trat aus pädagogi­schen Gründen für Richtbestrafimg. sondern Beleh­rung ein. Vors.: Haben Sie gehört, datz Michel Material sammle. Zeuge: Ja, es wurde davon gesprochen. Und die Angriffe gegen den Direktor waren oft so scharf, datz ich den Ein- dimck unsachlicher Motive hatte. Ein politischer Gegner von Michel bin ich nicht, sondern gehöre selbst der Demokratischen Partei an und bin über­zeugter Republikaner. Auch der Direttor hat nie­mals in seinem Amt irgendwie antirepublikanische Tendenzen erkennen lassen.

(Schlutz folgt)

Frau Eva hatte einen bitteren Geschmack Im Munde, wenn sie daran dachte, datz die Ereignisse das gedruckte Wort überholt und Lügen gestraft hatten. Run war er erst ihr Meister geworden, weil er noch genutzhungriger, noch gieriger nach jedem neuen Raffinement, noch grausam egoistischer war als sie selber. Und bann wiederholte sich das uralte Geschehnis. Ihr ward getan, wie sie selber getan hatte. Eines Tages war er fort, von ihr gegangen, er hatte dieselbe Freiheit wiedergewonnen, die sie sich gewaltsam erzwungen, und nun stoben alle ihre schönen Theorien, die sich so einschmeichelnd lasen für junge heitze Men­schen, denen jede Pflicht und jeder Zwang ein Verbrechen an ihrem freien Menschentume scheint, vor der grausamen Wirklichkeit in alle Winde auseinander, wie Blätter vom Herbstbaume wir­beln. Sie mutzte nun die Konsequenzen tragen, vor der Welt und vor sich selber.

Wenn ihr vielleicht das erste leicht fiel, das andere tyrr schwer und gallenbitter für sie. Sie mutzte erkennen, dah die Phrase vom Augenblicke des Glücks, den man nicht zu teuer mit einem langen Leben des Elends erkauft, eben nur eine Phrase ist, wenn das Glück so endet, wie ihres endete. Sie hatte nicht ungestraft die Schranke niedergerissen, die den Weg versperrt, der jenseits von Gut und Bose führt, und den nur die ganz Starken, die ganz Festen gehen können. Sie hatte sich vermessen, eine von ihnen zu sein, und sie war doch nur eine der Vielzuvielen, eine, die nicht Freiheit suchte, sondern Zügellosigkeit, und die darum am Wege strauchelte und in den Ab­grund stürzte, well sie keinen Meister und Führer wollte, sondern nur einen allzeit gefügigen Genossen.

Frau Eva hatte sie gesehen kurz vor ihrer Abreise. Sie war in allem so schlimm verändert, datz Eva fast grauste. Und sie muhte denken, dah Freiheit gut fei für die, die ihrer wert sind, aber ein gefährlich Ding in der Hand eines Unwerten.

All das ging ihr jetzt durch den Sinn. Sie hatte niemals die Freiheit begehrt, weil fie den Druck und Zwang niemals empfunden hatte. Sie muhte plötzlich denken, wie sicher geborgen und warm man sich an der Seite eines solchen Mannes fühlen müsse, wie Arnolds einer war. Sie er­schrak vor ihren eigenen Gedanken. Und doch liehen sie sich nicht bannen und gingen Immer wieder zu demselben Punkt zurück.

Uschi kam hastig auf die Terrasse.Wie spät ist es. Eberhard?"

Wir haben noch eine halbe Stunde Zeit, Uschi," sagte er beruhigend. Sie raffte ihre Hand­arbeit auf dem Tisch zusammen und sah dabei Frau Eva unruhig an. Sie war blatz und ver­weint. und das Hastige, Rastlose ihres Wesens tarn stärker als je zum Misdrucke. Selbst Arnolds sah es verwundert.Irgend etwas ist Ihr," meinte er.So erregt war sie sonst nicht. Sie hat ja nachgerade die Sache zu oft durchgemacht."

Es schien Eva, als ob Uschi ihr einen flehen­den Blick zugeworfen habe. Aber es mutzte doch wohl eine Täuschung fein, denn ohne weiter noch einmal nach ihr hinzusehen, verschwand sie.

Hans Dietrich kam mit Mänteln und Tüchern beladen, das Break fuhr vor und Uschis Hab­seligkeiten wurden verstaut. Eine ziemliche Arbeit, berat au her dem Riesenkoffer mutzten noch Hut- kofferTaschen, Schachteln aufgepackt werden. Frau Eva sah staunend die Gepäckmasse an. Sie hatte sich für viele Monate einfacher eingerichtet, als

Samstag, 19. mal 1925

Zur Dolksküchen-Frage in Gietzen.

Die Etadtverordneten-Dersammlung hat sich in ihrer Sitzung vom 3. Mai mit der Frage der Einrichtung einer Volksküche beschäf­tigt. Richt zum erstenmal hat man an dem Tags seine Zeit dieser Angelegenoeit gewidmet. Schon im Oktober v. I. hat der Stadtv. Prof. Dr. K r a u s m ü l l e r in einer öffentlichen Stadt» parlamentssihung angeregt, die Shafjung einer st l h.n H IfSiML* füi u ser. chor ed ä u.t n M t- burger in Erwägung zu zle.-en. Datz es damals nur bei der Anregung blieb, mag damit zu erklären sein, datz dem noch verhältnismähig eng begrenz­ten Kreis dec in Betracht kommenden Personen auf andere Welse wirksam geholfen werden konnte. Das ist mittlerivellc anders geworden und wird In den nächsten Monaten, insbeiondere aber im kom­menden Winter, noch wesentlich stärker als heute sich verändert haben: aller Voraussicht nach leider nur zum Schlechteren. Dieser Gedankengang ist es zweifellos auch gewesen, der das (StabtParlament am 3. Mai bestimmte, in Einmütigkeit den Finanz» ausschuh aufzufordem, die Angelegenhett mit dem Ziel der Verwirklichung zu beraten.

Wir haben diesem Deschluh unseren Beifall gespendet und sogleich imGiehener Anzeiger" vom 4. Mai daraus hingewiesen, dah wir die Volkskücheneinrichtung als notwendig ansehen. Die seitdem eingehetene Wirtschaftsentwicklung hat unsere Ansicht in dieser Sache nur nqch bestärkt. Wenn man sich die Entwicklung der Lebensmittel- preise in den letzten Wochen vergegenwärtigt, wenn man daran denkt, datz bereits eine gewisse Kohlenpreiserhohung in naher Aussicht ist und eine sehr wesentliche Heraufsetzung der Eisenbahn­frachten greifbar vor der Tür steht, beides Anlässe zu noch weiterer Erschwerung der Lebens­haltung der breitesten Debölkerungsschichten, so wird man uns beipflichten in der Ueberzeu- gung. dah die neue Teuerungswelle noch weiter anschwellen und immer tiefer einschneidende Rück­wirkungen aas den Lebensunterhalt des grösster? Teiles unseres Volkes zeitigen wird. Ohne allzu pessimistisch zu sein, kann man jedenfalls heute schon sagen, datz die schwersten Bedrängnisse erst im kommenden Herbst und Winter bevorstehen. Auf diese Entwicklung sich jetzt schon einzustellen und Borbeugungs- und Linderungsmahnahmen von langer Hand zu organisieren, erscheint uns als unabweisbare Pflicht der berufenen städti­schen Stellen und der gesamten Bevölkerung. Als ein Teil dieser Mahnahmen ist eine Einrichtung zur unentgeltlichen ober verbilligten Speisung unserer bedürftigen Wttbürger anzusehen.

Wenn wir hier kurzweg von einer Volks­küche sprechen, so soll damit natürlich nicht ge­lugt sein, dah unsere Stadt ganz schematisch das nachahmen soll, was man in anderen Städten als Volksküche eingerichtet hat und das dort oft nicht den erwünschten Anklang fand. Wir sind vielmehr für eine Lösung, die sich so weit wie möglich unseren örtlichen Besonderheiten anpaht und dabei schon am der Kosten willen I in ausgiebigem Matze von den bereits vorhandenen Einrichtungen Gebrauch macht. Vielleicht könnten die Küchen in der Aliceschule und in der Fortbil­dungsschule zur Speisung der Hilfsbedürftigen mit herangezogen werden. Mpn würde damit diesen Lehrküchen eine sehr dankbare Ausgabe stellen, der sie sich sicherlich nicht entziehen würden. Es wäre auch zu erwägen, mit geeigneten und hilfsbereiten Gastwirtschaften ein Abkommen zu treffen, damit ein Teil der zur städtischen Speise­versorgung zugelassenen Personen dort versorgt wird. Ratürlich kann und soll von den Inhabern dieser Lokale nicht erwartet werden, dah sie ihre Arbeitskraft, Zeit und Einrichtungen kostenlos in den Dienst der Fürsorge stellen Man muh von vornherein eine entsprechende Derdienstspanne der Gastwirte in Rechnung sehen, wenn man auf eine zufriedenstellende Erledigung der Obliegenheiten rechnen will: aber es darf wohl erwartet werden, dah die betreffenden Gastwirte auch nicht gerade die höchsten Entschädigungssätze verlangen bei einem Unternehmen, das nur unter Ausbringung grober Opfer von der Allgemeinheit zum Besten der Rotleidenden ins Werk gesetzt und unter­halten werden solle. Oder es wäre schliehlich zu prüfen, ob die Stadt nicht aus dem Heeresbestand eine oder zwei Feldküchen leihweise erhalten, diese in einem geeigneten städtischen Gebäude sicher vor Witterungseinflüssen und anderen Deelnträch- tigungen aufstellen und dort Essen ausgeben könnte. Diese Losung wäre besonders im Hinblick auf die Brennstoffbeschaffung dringend zu emp­fehlen: die Feldküchen können mit Holz geheizt werden, das die Stadt ja im eigenen Besitz hat, und das wäre doch wesentlich billiger, als wenn man zu den ohnehin kostspieligen Rahrungsmitteln auch noch die teueren und dabei auherordentlvch knappen Kohlen beschaffen mühte. Wir sind über­zeugt, dah die Stadtverwaltung, die Mitglieder

die kleine Luxemburgerin für den kurzen Besuch auf dem Lande. Run kam Uschi in Hut und Schleier. Der letztere war recht nützlich für ihre verweinten Augen. Sie kühte Tante Röschen, die aurüdblfeb, mit stürmischer Inbrunst, und sogar Der große Jagdhund bdam noch eine besondere Liebkosung. Als bann der Wagen abfuhr, brach sie nochmals in Tränen aus.

Aber Uschi." sagte Arnolds,du tust ja, als ob es ein Abschied fürs Leben sei."

Weih man denn, ob man noch einmal wieder - kommt, oder was dann sein wird?"

Eva sah still habet Der Schmerzensausbruch Uschis erschien ihr sehr unmotiviert. In solchen Augenblicken war sie ihr unsympathisch.

Der Wagen rollte die Mosel entlang, durch das stille Dorf und am Gestade weiter. Es war noch sehr warm, aber ein leiser Luftzug machte die Hitze erträglich. In dem blauen Himmel schwammen weihe, flaumige Wolken, die sich hell im Flusse spiegelten. Die wenigen Kornfelder, die sich am unteren Saum der Berge entlang zogen, schimmerten schon gelblich, während die Aeste der groben Kirschbäume sich beinahe unter der Last der Früchte senkten. Das Gras stand hoch und dicht am Strahenrain.

Sie fuhren an einem Zigeunerlager vorüber. Das fahrende Volk lag faul im Gras, ein paar Mädchen liefen betteüib dem Wagen nach.

Uschi war plötzlich wie elektrisiert.Wollen wir uns wahrsagen taffen-?" rief sie eifrig. Wie kindisch war doch die kleine Frau, wie schnell wechselten ihre Launen. Eben noch scheinbar in tiefstem Schmerze versunken und nun . . .

(Fortsetzung folgt)