Ausgabe 
18.5.1923
 
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Rr. U5 Zweites Blatt

Hessischer Landtag.

St. Darmstadt, 16. QEat

Präsident Adelung eröffnet bie Sitzung tritt 9,20 tthr. Man tritt sofort in die Tagesord- TOinfl ein und seht- die

Schu ldebatle

fori

Abg. Kaul (6ooJ: Der Herr Abg Schian hat gestern dem Herrn Direktor Schnell ge­wissermaßen eine Leichenrede gehalten. Wir ton­nen seiner Verteidigung in keiner Weise -ustim- men. Wenn Herr Schnell auch vielleicht für die einzelnen Vorkommnisse nicht verantwortlich zu machen ist, so ist er doch aus jeden Fall für den Geist verantwortlich, der an der Anstalt herrschte. (Zuruf: Der Aufsatz eines Schülers! Lachen.) Äehnlich wie hier, liegt es im Fall Hensing. Wir erwarten Auskunft darüber, wie weil die Revision der Lesebücher und Geschichtsbücher, die Ausmrr- zung ungeeigneter Bücher und der Schundliteratir gediehen ist. Ra chunseren Begriffen sind die hö­heren Schulen noch immer Standes schulen. Skutn wünschen wir die Staffelung des Schulgeldes.

2lbg.H )ff mann-Alzeh (Ztr.) bespricht zu­nächst auf der Tribüne völlig unverständlich die allgemeine Auffassung seiner Partei über Schulprrnzipien. Der Feststellung des Abg. Kaul, bay alle höheren Schulen Standesschulen sind, müssen wir doch widersprechen. Heute werden die höheren Schulen sehr vielfach von den Kindern niederer Stände besucht, was eine Statistik von Offenbach klar beweist.

Abg. Frau Roth (K. P. D.) bespricht noch­mals die Fälle Schnell und Hensing. 3m Offen­bacher Schulgebäude des Herrn Hensing hängen noch die Bilder von Hindenburg und Ludendorff und vor einigen Tagen wurde dort noch Schwarz- Weiß-Rot geflaggt.

Abg. D i n g e l d e h (D. Vp.): Durch die Ver­handlungen des Reichsschulcrusschusses soll Gesetz werden, was wir seinerzeit als Grundsatz für die Simultonschule aufgestellt haben, nämlich eine si­multane. auf dem christlichen Grundcharakter ba­sierende Schule. (Zuruf links: Hört! hort!) Wir bitten um älntersuchung und Feststellung, ob bei Versetzungen von Lehrit ästen politische Gesichts­punkte maßgebend waren. Wir sind der Ansicht, daß, das Grundschulgesetz der Ergänzung bedarf. Wir meinen, daß es begabten Schülern schon nach 3 Jahren möglich sein must, auf eine höhere Schule )u kommen, weil für begabte Schüler das 4. Schul- lahr der Grundschule unproduktiv ist. Eine Ein- schränkung des humanistischen Gymnasiums ist ohne schwere Schädigung unserer kulturellen Güter 'Nicht möglich. An der Forderung der Beherrschung zweier lebenden Sprechen zum Studium an der Llnrversität must fest gehalten werden, well das für das Studium unerläßlich ist. Wir fordern, daß künftighin an die Stelle des Französischen das Englische an den Schulen in den Vordergrund tritt. Dem Lob der Zentrale für Volksbildung kann ich mich im wesentlichen anschließen. Das Verbot der JugendvereinigunALN widerspricht dem Geiste der Freiheit. Es ist Sache der Eltern, zu entscheiden, welchen Vereinigungen ihre Kinder angehören sol­len. Wenn Herr Kaul von einem Geist der Rache sprach, den er nicht gepflegt wissen will, so must ich dc>ch sagen, es dürften keine Menschen von Fleisch und Blut sein, wenn ihnen in heutiger Zeit angesichts der herrschenden Verhältnisse nicht manchmal dieser Geist überkommen sollte. (Sehr wahr!)

Abg. Lauffer (Dbd.): Es kann unmöglich bestritten werden, dast die ländlichen Fortbildungs­schulen im Sommer den Landwirten starke Rach­telle bringen.

Abg. Glaser (Dbd.): Wir berufen uns bei unserem Antrag wegen Abschaffung der Fort­bildungsschule im Sommer aus den Artikel 17 des Drlksschulgesches, der festlegt, dast besondere Ver­hältnisse die Abschaffung der Fortbildungsschule ermöglichen. Es ist nicht zu leugnen, dast die Fori- bildungsschulen die Produktion beeinträchtigen.

Abg. Rust (Ztr.) bespricht die Besetzung von Dollsschulstellen in der Stadt Worms, bei denen gutachtliche Ae.lßrrungen des.Schulvorstandes und Gemeindevorstandes ohne jebe Berücksichtigung Llieben, was dem Dolksschulgeseh widersvricht.

Rächste Sitzung nachmittags 3 älhr.

* * *

Rachmittagssitzung.

3n Fortsetzung der Schuldebatte wendet such Abg. Kindt (Dtschntl.) zunächst gegen den Äbg. Kaul, der heute vormittag sehr viel gesagt hcche, was mit dem Schulministerium nicht das geringste zu tun habe. Dast das Landesamt für D'ldruigswescn sich den Herrn Kcmtorvwitz aus Freiburg zum Staatsbürgerurrterricht holte, .zeugt von dem Geist, den dieses Amt beherrscht. Es ist srirenfalls sehr merkwürdig, dast man, wo wir auf der eigenen ^lniversitüt hervorragende Staats- «chtslehrer haben, man einen Wann wie Kantors- Witz holte. Derselbe Herr Kantorowitz hat die Po-

Das MssMaus.

Roman von Luise Schulze-Brück.

81. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

HanS Dietrich war augenscheinlich sehr ein­verstanden. Jetzt war es hast fünf. 3n einer halben Stunde würde man abfahven. Hans Diet­rich ging nach dem Rebstock, um warme Hüllen für die nächtliche Heimfahri zu besorgen: Tante Rös­chen verschwand, um für Tante Perret noch einen Korb Moselkirschen zu verpacke?'.

Arnolds und Eva fasten sich sck Leigend gegen­über. Aus einem der oberen offenen Fenster klang Uschis 6ttmme, heftig, aufgeregt.

Sie ist ein seltsames Geschöpf," sagte Ar­nolds nachdenklichManchem Fernstehenden mag sie oberflächlich erscheinen, das vergnügungssüch­tige, ewig lustige gedankenlose Weibchen. Lind das ist sie auch im gewöhnlichen Leben. Dazu eine ganz egoistische kleine Frau die zuerst in allen Stücken an sich denkt, an ihr Amüsement, an ihr Behagen. Aber wenn einer von , denen ins Spiel kommt, die sie liebt, dann ist's, als würde plötzlich eine ganz andere aus ihr. Dann vergißt sie sich selber gan& dann konnte sie alles opfern alles tun. So war's bei ihrem Manne, so ist's jetzt bei ihrer Mutter. 3hr Mann war jahrelang krank, schwer krank an einem Herz­leiden. Solange er gesund war, beherrschte ste ihn völlig, tyrannisierte ihn mit ihrer Liebe, mit ihrer Vergötterung. Er durfte nicht anders atmen, alL sie wollte Aber als er dann krank wurde,

Freiwerden von einer Fessel, die nicht stark drückte, aber doch fühlbar war, oder wie das Klarwerden nach einer ganz leichten Betäubung oder Ein­schläferung, darin sie lange gelebt. 3hr hätte auch vielleicht ein solch starker Wille über sich notgetan, ein Wille, mit dem sie wohl manchmal gerungen, aber dem sie sich auch wieder gern gebeugt hätte. (

Und er? Wenn Elisabeth heiratete, dann gab es doch auch eine große Leere um ihn. Vater und Tochter standen sich sehr nahe, das merkte man erst so recht, wenn man öfter mit ihnen zusammen war. Es war freilich nicht das mehr freundschaft­liche Verhältnis, das man in unseren Tagen an Stelle des rein patriarchalischen gesetzt hat: dazu war Elisabeth wohl auch noch zu jung. Aber dast diese Tochter dem Vater alles war, uird dast sie ihm unbedingt vertraute, das spürte man durch seine zurückhallende Art und ihre fast noch kindisch folgsame Anhänglichkeit hindurch. Wie sie ihn bediente unb für seine kleinen Bequemllch ketten sorgte, das hatte Frau Eva in der ersten Zett manchmal sogar sonderbar berührt, wenn sie an die Töchter ihrer Bekannten dachte, die vom Vater schon die Aufmerksamkeiten eines Kavaliers for­derten. Hier war der Vater noch der Herrscher und Herr. Frau Eva fand das hier und jetzt richtig

-germeister Arnolds sah rauchend uni schweigerck). Auch Eva hing ihren Gedanken nach Das hatten sie ausgemacht vor einiger Zett dast sie gegenseitig die Freiheit des Schweigens respektieren wollten.

(Fortsetzung folgt.)

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gbechejseir)

lirik'DiSmarcks die eines Raubritters genann!, und die Englands die eines fairen Kaufmannes . 3n jedem anderen Lande wäre K. als Hvchschulpro- fesior unmöglich gewesen. K. sei nur nach Hessen geholt worden, weil er Mitglied des Republikani­schen Lehrerbundes sei

Mmifterivldirektvr 11 r ft a i> t: Ich must mich der der Fülle des Vorgebrachten auch auf das Dringlichste beschränken. Herr Schian hat dem Landesamt vorgeworfrn, dast es rm Fall Schnell zu rasch gewissen Wünschen recht gegeben habe. DaS must ich zurückweisen. Man muh sich doch er­innern, in welche Zett hinein die Dinge fallen. Die Wogen der Erregung gingen damals sehr hoch und es war doch soweit gekommen, dast sich selbst Schüler an den Mordtaten beteiligtem. Wir erhielten Kenntnis von unendlich vielenFällen" und haben nur ganz wenige verfolgt, wo es sich nicht umgehen ließ. Die Gedächtnisrede Dr. Schnells aus Rothenau habe man nicht beanstan­det, obwohl sie sehr arm war. Mit dem belaniw ten Badebild des Reichspräsidenten war es schon anders. Es ist doch nicht so. dast Herr Direttor Schnell das Bild nicht gesehen hat. Es hat es doch sogar vervielfältigen lasten. (Hört! hört!) Auch von dem Verbot des Abzeichentragens hat Herr Schnell angeblich nichts gewußt. Zn unserer Ver­fügung war aber auskwücklich auf die schnelle Durchführung der Verfügung h'rngeLc-ieseur worden. Ausschlaggebend war für mrs die Stellungnahme gegen Herrn Studienrat Michel, den Herr Schnell von Anfang an in ganz falschem Verdacht hatte. Wir weisen es zurück, dast der Angelegenheit ein polttisches Mäntelchen umgehängt wurde. 3m Fall L«rz liegt die Sache ähnlich. Zum Fall Schnell- b ä ch e r liegen eine Menge Aussagen vor, dast dieser Herr eine Politik treibe, die in Links- und Zentrums kreisen Anstoß erregte. Dast Herr Di­rektor Hensing politisch rechts gesinnt ist, wis­sen wir. Wir haben aber nur die Handlungen zu beurteilen. Seine Gesinnung geht uns nichts an. Der Fall Kantorowitz liegt insofern anders, als es sich hier nur darum handelt, Volksbildner heranzuziehen, die ihrerseits das Gehörte wieder­um fruchtbringend anzulegen haben. Dazu haben wir auch schon hessische Kräfte herangeholt. Man kann aber nicht immer nur die gleichen Kräfte hören. Herr Kantorowitz ist ein anerkannt hervor­ragender Staatsrechtslehrer. Was gegen ihn vor­gebracht wurde, ist im badischen Landtag einge­hend besprochen worden und hat K. eine glän­zende Rechtfertigung gebracht. (Höri!) Die Zu­taten sind vielfach aus dem Zusaimnenhang ge­rissen. Entscheidend ist, wie der Kursus hier ob- gehalten wurde. Wenn Herr Kindt das gehört hätte, wäre er sicher, wie auch andere Rechts­stehende, sehr zufrieden gewesen. Ich kann darum Herrn Kürdt nicht versprechen, dast wir Herrn Kantorowitz nicht wieder nach Hessen holen.

2ll»g. Reiber (Dem.): Für einen Abbau der Grundschule sind wir nicht zu haben. Wir alle bekämpften hier schon das Ortsllassenshstem. Aber die ganze Gröhe der Härte für den Land­lehrer in diesem Ortsklassenshstem ist doch kaum bekannt. Ich bitte die Regierung, der Aufbau- schule die Berechtigung zum Hochschulstudium zu schassen. Die Reform der Lesebücher fordern auch wir. Die Fortbildungsschule muh ausgebaut wer­den im Sinne des Gesetzes. Herr Kantorowitz, der auf Antrag des Zentrums nach Freiburg kam, ist durchaus wissenschaftlich qualifiziert. Er wurde nicht aus politischen Erwägungen hierher geholt.

Rächste Sitzung Donnerstag 9 Uhr. Schluß 6V4 Uhr. *

Parlamentarischer Abend.

Darmstadt, 17. Mai. Der LaudtagS-- präsident, Herr Adelung, hatte auf Dienstag nachmittag die Mitglieder des Landtags, Ber- tteter der Regierung, der Behörden, der Hoch­schule und der Presse zu einem Bvrttag über denSegelflug," eingeladen. Herr Tho­mas, Vorsitzender der Äademischen Flieger­gruppe Darmstadt, sprach in frischer Weise über die geschichtliche Entwicklung und den jetzigen Stand des Segelflugwesens unter be­sondrer Berücksichtigung der Wettbewerbe an der Ruhr. Der Vortrag wurde in wirksamer Weise durch eine Reihe von Lichtbildern und zwei Filme ergänzt. Rach dem Vvrttag waren die Eingeladenen bei einem Glase Bier in den Räumen des Landtags Gäste des Landtags­präsidenten.

rm. Darmstadl, 16. Mai. Der Abg.Dr. Osann und die Abg. Adelung, Kaul, Reiber, Hoffmann und Brauer haben zu Kap. 68 des Haupworanschlags Technische Hochschule beanttagt: Der Landtag wolle be­schließen, der Technischen Hochschule den De- trag von 20 Millionen Mark zu überweisen, damit die akademische Flieger­gruppe an der Techn. Hochschule den Dau eines Flugzeuges vollenden kann.

wie hat sie ihn gepflegt! Sie hat nur für ihn gelebt, bei jhm ausgehalten, durch Tage nicht nur, durch Wochen, Monate. Er war ein Athlet, ein Riese, er wehrte sich tote ein Löwe gegen die Krankheit, gegen den Tod. Wochenlang dauerte fern Todeskampf zuletzt. Hni> die kleine Frau hat mitgekämpst bis zum letzten Atemzuge. Mit heilerem Gesichte, wenn er Heiterkeit oer- lanate, sich gan$ klein gemacht und im Winkel verkrochen, wenn er RuA brauchte, während der schrecklichen Anfälle ihn nicht verlassend, während oft seine Mutter, feine Schwestern es nicht er­tragen tonnten. Dann war's auch mit ihr beinahe SEnde. Sie brach auch zusammen, sie hatte ihre

jten Kräfte verbraucht."

Dast man sich wieder so aufrichten kann, so elastisch fein, sagte Frau Eva leise

3a, das ist's eben. Das ist eben ihre andere Ratur. Ihr zweites Ich, das Erbteil Ihres Vaters, der ein solcher Augenblicksmensch war, solch ein ewig heiterer, genustfroher, llnd dast sie sich jetzt um ihre Mutter so sehr sorgt, mag Wohl auch von der heimlichen Angst Eommen,_ dast der en Leiden sich verschlimmere, so enden könne, wie ihres Mannes Krankheit. Unter uns gesagt, die gute Tante Perret ist eine Beute ihrer Ein­bildungen, ihrer Langeweile, ihres Mangels an Arbeit und Pflichten. Aber das darf man nicht einmal andeuten, wenn man Tante Perret nicht zur erbitterten Feindin haben und Llschi nicht tief kränken will. Mich rührt doch immer wieder diese blinde Liebe der Tochter zur Mutter, der Ausfluß ihres starken, wirklich echten Liebesbedürfnisses.

Die Vorgänge an der Gietzener Oberrealschule vor Gericht.

(Fortsetzung statt Schluß.)

Heber die Vernehmung des Studienrats Prof. Michel wird in dem genannten Darmstädter' Blatt berichtet: Zeuge Studienrat Michel ist seit 1914 an der Schule und will schon vor der Revolution aus Anlaß sachlicher Meinungsver- schiedenheiten eine Animofitäc deö Direktors gegen seine Person bemerkt haben. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob er vor dem 26. Juli irgend­welche Schritte gegen Direktor Schnell unternom­men habe, gibt der Zeuge keine birrite Ant­wort. sondern erzählt, wie ihn die Richtbettnggung der Oberrealschule und die Rede des Direktors aus Anlaß der Ermordung Rathenaus am 27. Juli empört haben. Vorsitzender: Die Rede war doch eine interne Schulangelegenheit? Zeuge M.: Jawohl. Mit einem pathetischen Delenntnis zur republikanischen Staatsform, die er als die würdigste bezeichnet, begründet der Zeuge seine Entrüstung. Auch Studienrat Zilch habe die Rede unerhört gefunden. Bereits am Rachmittag sei auch in der sozialdemolvatifchen Demonitrattons- versammlung darüber gesprochen worden. Vorsitzender: Wie haben Sie das erfahren? Zeuge: Ich war selbst in der Versammlung. Auch am 2Q)enb in der Versammlung des Repu­blikanischen Lehrerbundes sollen die Vorgänge berührt worden fein. Vorsitzender: Wissen Sie das nicht genau? Zeu ge: Ich selbst bin nicht in der Versammlung gewesen. Vor­sitzender: Aber Sie sind doch im erweiterten Vorstand. Hat OTjncn denn niemand davon er­zählt? Zeuge: Ich kann mich nicht ent­sinnen. Am darauffolgenden Samstag habe ich mit Herrn Weihgerber Herrn Urftabt auf gesucht, der Samstags immer nach Gießen kommt, und wir haben ihn gefragt, was die Regierung zu tun gedenke. Ministerialdirektor llrstadt hat uns erwidert, daß eine Untersuchung bereits einge­leitet fei. Das war am 1. Juli. Arn 2. Juli baten mich die Herren Loos und Hüter (vom Vorstand des Republikanischen Lehrerbundes) noch einmal mit zu llrstadt zu kommen. Es wurde allgemein von diesen Dingen gesprochen. 3n einer späteren Sitzung des Vorstandes des Republikanischen Lehrerbundes wurde ich aufgefordert, über den Geist der Oberrealschule Bericht zu erstatten. Vorsitzender: Haben Sie das auf Grund irgendwelchen Materials getan? Zeuge: Rein, nur aus dem Gedächtnis, soviel ich weiß. Vorsitzender: Haben Sie irgendwelche Schritte getan, um auf die bevorstehende Unter- suchnng einzuwirken? Zeuge: Ich erinnere mich nicht. Der Vorsitzende bringt dann die Sprache auf die Dcschwerdefchrift von vierzehn Punkten, bie der Zeuge Michel dem Regierungsrat Henrich zu Proto toll übergeben hat. Zeuge Michel: Ich war von Regierungsrat Henrich zur schriftlichen Formulierung aufgefordert wor- den. Vorsitzender: Darum haben Sie am 27. Juli außerdem dem Regierungsrat Henrich eine sehr ausführliche Beschwerde über denFall Haug" überreicht? Zeuge Michel: Ich wollte die Beschwerde erst nach Darmstadt schicken, habe sie dann der Cinfachkeit halber mitgegeben. Vorsitzender: Hatten Sie das doch sehr -aus­führliche und detaillierte Material alles im Ge­dächtnis oder hatten Sie sich Rotizen gemacht? Zeuge Michel: Ich hatte mir kein Material gesammelt, sondern mir aus dem Gedächtnis niedergeschrieben, soviel ich mich erinnere. Auf eine weitere Frage des Vorsitzenden erklärt Zeuge mit Rachdruck, er habe sich nie Rotizen gemacht, keinTagebuch" geführt. Alle diese Gerüchte seien unwahr. Es kommt bann eigehend der bekannte Ausspruch des Zeugen zur Erörterung:Ich werde jeden anzeigen, der mir gegen­über etwas gegen die Republik sagt." Für die dem Dcisihenden unlogisch erscheinende Gin­schi änkung der nach dem Zeugensittsichen Pflicht" zur Anzeige durch dasmir gegenüber", weiß der Zeuge einen Grund nicht anzugeben. Zu dem Fall Haug bestätigt der Zeuge, daß et sich eine Abschrift der fraglichen Aufsahstelle, die ihm Sp-D. Zilch tatsuchend zeigte, gemacht hat und die Herausgabe dieser Abschrift trotz der bringenben Bitte des Zilch verweigert hat. Vots.: Aus welchem Motiv heraus haben Sie das getan? Zeuge: Ich wollte mir die Stelle für bie Behanblung in ber Lehrerkonferenz merken. Bors.: Das verstehe ich nicht recht. Sk-R. Zilch hatte doch ben Aufsatz und er stand jederzeit zur Verfügung. Zeuge: Ja, ich fürchtete, man werde thn verschwinden lassen. V o r f.: Aber Herr Zmige, Herr Zilch war Ihnen doch als Kollege bekannt, auf einen derartigen Gedanken kommt man doch nicht. Zeuge: Ja, aber bie Stelle hatte eine so hervorragend politische Be­deutung, und ich als überzeugter Republikaner war von den darin ausgesprochenen Beleidi­gungen der republikanischen Regierung tief em­pört. Unb ich habe es für meine Pflicht gehalten.

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Er blies bläuliche Rauchringri in die Luft und sah ihnen nachdenklich zu. Ob er wohl daran dachte, daß er nur zu wollen brauche, um sich dies Liebesbedürfnis selber dienstbar zu machen, und ob das andere Ich der Beinen Luxemburgerin das Ich ihres täglichen Gebens, ihm genügte? Seine Gedanken waren Wohl ähnliche Wege ge­gangen. Denn er sagte wie als Schlußfolgerung: Solch ein flotter Husar, zugleich stramm, gut­herzig und leichtlebig, das wäre der richtige Mann für die llschi. Aber so kapriziös wie sie ist, schlägt sie die besten Partien aus." Rein, er dachte wohl nie daran, ttschi Thvuvenin zti heiraten.

Wie Frau Eva ihn ansah. während er dasaß. sehr ruhig, sehr gelösten, und mit dem starken Zuge selbstherrlicher Bestimmtheit, war er wohl auch kaumder Rechte" für sie Für wen überhaupt? Ein bequemer Ehegatte wäre dieser Mann sicherlich nicht. Keiner, der ferner Frau ihren eigenen Willen ließ und ihre eigenen Wege, sondern einer, der sie unter seinen stärkeren Willen beugte, wenn das ihm das Richtige schien.

Frau Eva Ohler dachte an ihre Ehe. Da war jeder den eigenen Weg gegangen, der manchmal nebeneinanber lief, oft weit ach wie wett auseincmder. Unb sie waren jeber für sich leid­lich friedlich, leidlich zufrieden diesen eigenen Weg gewandert. Wie halb im Schlafe war Frau Eva ihn wohl vorwärts getrottet Sie hatte später so oft dieses settsame Gefühl eines Erwachens ge­habt, eines Erwachens, das doch fein ganzes, klares war, keines zu viel besseren Dingen: aber immerhin tote ein Dehnen und Strecken nach dem

Sreiiag, (8. Mai (925

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-- Dors.: Es war aber doch cm rein persön­licher Vertrauensakt. daß Zilch Ihnen die Stelle zeigte. Wäre es nicht anständig gewesen, als et Sie um Rückgabe bat, das auch zu tun? Zeuge: Ich hielt es, wie gesagt, für meine Pllicht. Dors.. Hatten Sie hie Absicht, bie Stelle als Material anzusehen? Zeuge: Ja. aber nur für bie Lehrerkonferenz. Ich habe barm auch gegen ben Beschluß der Lehrerkonferenz, der eine Strafe von 2 Stunden Arrest vorsah, Be­schwerde eingelegt." Der Vorsitzende findet dieses Vorgehen befremdlich, da ja das ganze Lehrerkollegrum mit Majorität entschieden habe und ein entschiedener Riwublikaner. wie Herr St.-R. Krauß, sogar völlige Straffreiheit kenn tragt habe. Zeuae hat geglaubt, seine Pflicht damit zu erfüllen. Am 30. ist er mit einer Beschwerde gegen Direktor Schnell nach Darmstadt gefahren und hat mit Ministerialdirektor Urstadt dieganze Sache noch einmal ausführlich be­sprochen". Es werden darauf die verschiedenen Schriftstücke Michels, besonders die zu Pro­tokoll gegebene Deschwerdcschrist verlesen. Es (oimnt noch zur Sprache, daß der Zeuge zur Vernehmung bei Reg.-Rat Henrich gleich zwei Schüler als Zeugen für seine Zeugenaussagen mitgebracht und damit den Eindruck einer Ari Anklagevertretung erweckt hat. Zeuge selbst hat diesen Eindruck nicht gehabt. Von einer Ver­eidigung des Zeugen Michel sieht das Gericht zunächst ab.

R.-A Mei sei: Zeuge Michel hat auS- gesagt, daß er am 1. Juli mit Weißgerber bei Ilrftabt war. Das widerspricht der Aussage de- Min.-Dir. Ilrftabt Zeuge Min.-Dir. U r stadt: Es kamen so viele Leute in Gießen mit allgemeinen Klagen zu mir. Ich entsinne mich dessen nicht Fälle sind mir jedenfalls nicht mitgeteill worden. R.-A. Meisel (zum Zeugen Michel): Haben' Sie nicht auf die Eltern eines Schülers einza- wirken versucht um zu verhindern, daß die Ettern eine Eingabe zugunsten des Direktors machten? Zeuge M i chel: Es handelte sich um den Sohn des Amtsdieners Reuschling, den ich in diesem Sinne zur Rede gestellt habe. Auf die präzise Frage des R.-A Weisel erinnert sich der Zeuge nicht mehr genau. R.-A Meise 1: Haben Sie am 27. Juli zu 5tenz gesagt:Auch Ihnen! wird der Mund noch einmal gestopft werden." Zeuge Michel gibt es zu. R.-A Meises: Haben Sie das Bild von Ebert im Badekostüm im Jahre 1919 gesehen und haben Sie es dem Direktor angezeigt? Zeuge Michel: Ich habe das Bild gesehen, habe es aber nur dem Klassen­lehrer Prof. Trapp gesagt R.-A. Mei sei: Sie haben dem Direktor zum Vorwurf gemacht, daß er nicht gegen das Tragen verbotener Ab­zeichen eingeschritten sei. Haben Sie ihm jemals einen konkreten Fall gemeldet? Zeuge Michel: Rein. Aber im Fall des Schülers Falum hat der Direttvr dem Schüler nur das Tragen innerhalb ber Schule verboten, obwohl die Deutsche Jugendgemeinschaft überhaupt ver­boten war. R.-A Meisel: Unb sonstige Fälle? ZeugeMichel: Ich habe sie immer nur den Klassenlehrern gemeldet

Der Zeuge Regierungsrat Henrich bestä­tigt im wesentlichen bie bisherigen Aussagen. Insbesondere, daß St-R. Michel bie beidenj Schüler zur ttntersuchung nicht nur als Zeugen für seine Aussage benannt, sondern gleich mit- gebracht, d. h. draußen im Gang bereitgeftellt hatte. R.-A. Meises: Wo hatten Sie die Ramen der Zeugen her? Zeuge Henrich: Zunächst aus den Eingaben unb Zeitungsnotizen. Dann Har Min.-Dir. Hrftai>t kurz vorher in Gießen gewesen unb gab mir einen Zettel (Rück­seite eines Kuverts), auf dem Ramen und Tat­sachen aufnotiert waren. R.-A. Mei sei: Haben Sie nach ber ersten Untersuchung zu Är. Schnell gesagt, es sei ja kaum etwas von ben Anklagen übrig geblieben unb im übrigen hätten Sie ,von Michel einen wenig günstigen Eindruck?" Zeuge kann sich nach kurzer Ueberlegung nicht daran erinnern, bejaht aber bie Frage des Vorsitzenden, ob er tatsäch­lich einen ungünstigen Eindruck gehabt habe, er­klärt es jedoch mit dem eigenartigen Vorgehen Michels bei dem Protest gegen die Prvtokolll- führung des Konrektors Krausmüller. R.-A Meises: Warum wurde eine zweite Unter­suchung ungeordnet? Zeuge: Ich weiß nicht.

(Schluß folgt.)

Gießener Strafkammer.

Gießen, 15. Mat.

Der Elektromonteur Hermann Guntrnm hatte zusammen mit Johann Momberger am 20. Januar 1923 durch Einbruch im Hotel Einhorn in Gießen 50 Flaschen Weinbrand (Kognak) gestohlen. Das Schöffengericht hatte sie zu längeren Freiheitssttafen aerurteilt. Eine Reihe von Personen, die von dem Kognak gekauft hatten.