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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Ur. (39 Zwettes Blatt
Berechtigte Forderungen der Giehener Beamtenschaft.
3n der jüngsten Sitzung der Gießener Stadt- verordneten-Versammlung teschäftlgte man sich tn sehr eingehender Weise mit lebhaften Klagen der Gießener Beamtenschaft. Es handelte sich um die Zurücksetzung, die der Siebener Beamtenschaft bei der durch das Reich erfolgten Regelung der Svnderzuschläge für die Beamten widerfahren ist. Wahrend man zahlreiche Orte mit günstigeren Letenshattungsbrbin- gangen, als Gießen sie besitzt mit den Sonter- zuschlägen bedacht hat, ist die Gießener Beamten- schäft vollständig leer ausgegangen, so daß sie jetzt natürlich erheblich schlechter gestellt ist, als ihre Kollegenschaft in zahlreichen kleineren und billigeren Städten. Daß die Gießener Beamten nach den Teuerungszahlen aber ebenso vollberechtigten Anspruch auf die Sonderzulage haben dürsten, wie ihre Kollegen in den mit den Zuschlägen bedachten Groh- und Mittelstädten, letztere in derselben Bedeutung wie unsere Stadt, lehrt ein Blick auf die nachstehende, auf offiziellen Ziffern fuhende Uebersicht.
TeuerungszahlensürAprilündMai.
Stadt:
April:
Mai:
Aachen
316 232
409 876
- Ludwigshafen a. Rh.
303 838
391 448
■ Kcblenz
301 109
393 599
-Mannheim
290 545
360 558
»Hagen L W.
296 209
390 788
-Zweibrücken
291 251
392 563
-Köln
282 332
354 762
-Krefeld
28? 214
352 105
-Sclingen
282 235
374 349
- Wc rms
281761
352 585
^Frankfurt a. M.
276 430
335 4 64
Gießen
__——275J267__
-332J25.
-Karlsruhe
271 645
359 151
>- Darmstadt
.275 533 .
.329.792,
-Essen
261 669
357 323
Hamburg
251 561
351 285
München
256 676
318 043
Rürnberg
253 924
299 863
-Friedrichshafen
253 125
316814
Wlumenthal i. Hannover
253 587
320 188
Berlin
243 842
310 130
-Ehemnih
246 169
305 025
• Dortmund
249 893
329 830
Königsberg t Pr.
241 325
321 841
- Bremen
248 945
344 019
„ Kiel
243 173
331 004
- An na berg
243 037
290 875
-Lahr
244 382
304 348
-Selb
247 733
320 688
Leipzig
236 588
290 758
Dresden
231 709
303 303
- Breslau
230 298
289 612
- Stettin
231 141
300 625
^Lübeck
238 289
323 172
-Sebnitz
238 127
292 806
- Gleiwitz
228 080
294 877
Grimma
221 855
277 131
Tie Beamten der hier aufgeführten Städte erhalten sämtlich die Sonderzuschlage, nur die Gießener Beamten als einzige Ausnahme sind von dem Genuß dieser Sonderhilfe im Existenzkampf ausgeschlossen, obwohl die hiesigen Teae- vngsziffern, wie oben ersichtlich, gegenüber denen mancher anderer Städte wesentlich höher sind tzzw. sich mit manchen grohen Städten ausgleichen. Es kommt hier eine starke Ungerechtig- l € i t zum Ausdruck, die man in sämtlichen Giehener Deamtcnkreisen mit ständig steigender Erbitterung empfindet. Richt allein die amtlichen Teuerungsziffern, sondern auch die täglichen Erfahrungen am Orte beweisen, dah der Giehener Beamte mindestens ebenso schwer um seinen Lebensunterhalt zu kämpfen hat und um nichts besser gestellt ist als sein Kollege in den Städten mit niedrigerer Teuerungsziffer und Sonderzuschlägen.
Die städtischen und staatlichen Behörden, sowie die Beamtenvertretungen sind um Beseitigung der älngercchligkeit in Berlin vorstellig geworden. Die Stadtverordneten-Bersammlung als gewählleVer- treterin ter Gesamtbürgerschaft bat den mißlichen Zustand gleichfalls mit einer Kundgebung Iri isiert," in der es Heisti: „Die Stadtverordneten-Bersam n» !ung erhebt einstimmig schärfsten Protest dagegen, dah bet der durch das Reich erfolgten Regelung der Ortssvnderzuschläge für die Beamter and Angestellten t:e Provinzialhauptstadt Gießen völlig unberücksichtigt geblieben ist, während kleinste and entlegenste Landgemeinden mit Sonderzuschlägen bedacht worden sind. Die Stadtverordneten-Brr- sammlung erachtet angesichts der in Gießen bestehenden Teuerungsverhäcktnisse diese Regelung für eine durchaus ungerechte und ersucht die Stadt-
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Das Moselhaus.
Roman von Luise S cb u l z e - D r ü ck.
54. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)
Das letzte Jahr oder die letzten Monate hatten viel in ihr verändert, das merkte sie gerade setzt wieder so deutlich. 11 nb wenn c-uch von Anfang an das Herz in ihr ein sehr deutliches und lautes „Rein" sprach, so kam d.och der Verstand mit anderen Erwägungen. Hier war das Heim, das sie suchte, die Wärme, vielleicht das Glück. Der Brief des Bewerbers war sehr einfach und sehr ruhig. Aber sie wußte, daß sich ihr mit diesen ruhigen Worten ein ganzer Mann für das Leben antrug.
Dietrich hatte das Kuvert in die Hand genommen und brebte es zwischen den Fingern. wQ3on Wölling?" sagte er, doch einigermaßen neugierig. „Seit toonn stehst du denn in Korrespondenz mit ihm? Und sogar vier Seiten! Das sieht Wölling doch sonst gar nicht ähnlich."
Da sah er, dah Eva ganz blaß geworden war, und erschrocken nahm er den Dries, den sie ihm gab. Mit einem großen Erstaunen sah er seine Schwester zuweilen an, während er las. Als er ?u Ende war, sagte er kein Wort. So säten sie ich eine Weile gegenüber. Eva sah krampfhaft auf ' die Frühstücksteller und zerkrümelte eine Brotscheibe.
Endlrch fragte Hans Dietrich behutsam: Könntest du wohl jemals im Ernste daran denken, Eva?"
Frau Gva sah ins Leere und schüttelte zweifelnd den Kopf. „Ich weih nicht, Hans Dietrich... Arellich, wenn du dich verheiratest, was wird aus
Verwaltung, mit größtem Rachdruck bei Reichs- unb Staatsregierung dahin zu wirken, dah die Gleichstellung der Stadt Gießen mit der Stadt Darmstadt schnellstens herbeigeiührt wird." Alle diese Vorstellungen sind bis heute ohne Erfolg geblieben, obwohl genug Zeit zur Aenderung des ungerechten Zustandes vorhanden war.
Es wäre wünschenswert, dah die zuständigen Berliner Stellen diese Angelegenheit mcht büa» torisch behandeln, denn der wirtschaftliche llkotstand ist in weilen Dcaintenkreisen grob und infolgedessen auch die Erbitterung, die man im wohlverstandenen öffentlichen Interesse schleunigst beseitigen sollte.
Ein Besuch
bei ausgewiesenen Eisenbahnerfamilien.
Glänzende deutsche Hilfstätigkeit. — Das Wüten der französischen Bestien.
Gießen, 14. Hunt 1923.
(Schluß des Berichts.)
DaS Gefühl der Zusammengehörigkeit aller Deutschen, ganz gleich welchen Standes und welchen Wohnorts, kam in verschiedenen Ansprachen klar und überzeugend zum Ausdruck.
Zu Beginn des Beisammenseins betonte Landeshauptmann Wöll, der von den Franzosen aus Wiesbaden vertrieben wurde, als Leiter des nassauischen Bezirksverbantes, daß dieser sein Sanatorium Weilmünster gerne in den Dienst der Flüchtlingsfürsorge gestellt habe. 3n den Häusern der Anstalt seien auch 5 0 0 Kinder aus dem Ruhrgebiet untergebracht; ebenso wie für diese gut gesorgt werde, solle auch für die vom gemeinsamen Feinde Vertriebenen alles geschehen, was möglich sei. Für den nassauischen Dezirksverband und für die Leitung des Sanatoriums werde der schönste Lohn der fein, daß ebenso opferbereit wie hier auch überall für die Opfer der feindlichen Gewalt gesorgt werde.
Oberbaurat D e t h k e sprach als Vertrete') der Reichsbahndirektion Frankfurt a. M. Mit Stolz betonte er, dah die Franzosen bei den Eisenbahnern des besetzten Gebietes bisher keinen Erfolg erzielt hätten; die ganz wenigen Ausnahmen, die man erfahren habe, verschwänden völlig in der gewaltigen Masse der der nationalen Sache treugebliebenen Eisenbahnbcamten und -arbriter. Diese erfreulich: Feststellung ehre dieimKampfe stehenden Eisenbahn er in schönster Weise. Bezeichnend für den Rechts- und Ehrbegriff der Franzosen undBelgier sei, daß sie deutsche Männer mit Gefängnis bestrafen und mit ihren Familien aus der Heimat treiben, obwohl alle diese Männer nichts anderes getan hätten als das, was die Franzosen und Belgier in den Kriegsjahren ihren im deutschbesetzten westlichen Feindesland weilenden Staatsangehörigen zum höchsten Ruhme angerechnet hätten, nämlich die Ablehnung des Daterlandsverrats und die Verweigerung von Arbeiten für den Feind. Rach den Berichten des Reichskabinetts seien bis jetzt rund 50 000 Männer, Frauen und Kinder aus dem besetzten Gebiet vertrieben worden. Davon kämen etwa 80 Prozent auf die Eisenbahner. Für die Reichsbahnverwaltung, Lnsbesondere aber für den Frankfurter Bezirk, sei durch die Fürsorge-Rotwendigkeit eine schwere Ausgabe erwachsen, aber sie sei bisher gut gelöst worden und werde auch weiterhin alle Sorgfalt finden. Die vom Feinde bedrohten Eisenbahnerfamilien konnten die Gewißheit hegen, daß sie nicht im Stiche gelassen werden, dah man alle Kräfte für die Lindrrunz ihrer Rot einsehen wolle. Hierzu habe die Reichsbahnverwaltung die Wei estgehc.ndeälnt?rstutz-nz a l ^Hilfsquellen, insbesondere der gemeinnützigen wie Weilmünster, an der Hand Zur weiteren Vervollkommnung des Hilsswercks fei es die Pflicht aller Deutschen im unbesetzten Gebiet, mit allen Kräften fortgesetzt beizu steuern zu den Kosten des grohen nationalen und christlichen Werkes der Rächstenliebe.
Eisenbahndirektionspräsident Lohse von der zur Zeit in Gießen weilenden $ ebner Direktion gab zunächst seiner Freude und seinem herzlichen Danke an d e Sanatoriumsleilang Ausdruck, daß sie in so glänzender Weise für seine Eisenbahner sorge und sie so gut unterbringe. Weiter dankte der Redner der Frankfurter Direktion dafür, daß diese die Presse zu dieser Besichtigung geladen habe, damit sie sich selbst davon überzeugen könne, was getan werde, und den Press-Lv-ertret-rrn dankte er für die Bereitwilligkeit, mit der sie sich der Aufgabe angenommen hätten: schließlich dankte er noch der Frankfurter Direktion für die starke Hilfe, die sie den Trierer Eisanbahnern leiste. In Weilmünster seien für bieien Zweck von den maßgebenden Stellen Les Anitaltsbetriebs drei große Häuser mit über 400 Betten
zur Verfügung gestellt, und nicht nur mit Speise und Trank wurden seine Eisenbahner hier versehen, sondern auch zum Wiederfinden des seelischen .Gleichgewichts werde von der Anstaltsleitung alles getan. Sodann dankte der Redner dem zur itesichligung erschienenen rheinischen Oberpräsidenten Fuchs, der hierdurch sein warmes Interesse an dem Schicksal der Vertriebenen bekunde und ihm gleichzeitig eine Spende von 1 Million Mark zur Fürsorge für die vertriebenen Eisenbahner übergeben habe, wovon er 500 000 Mark für Weilmünster zur Venügung stelle, während die anderen 500 000 llNark unter die an kommenden ausgewiesenen Eisenbahner verteilt werden sollten. Der Redner kam dann auf die Verhältnisse im besetzten Gebiet zu sprechen und betonte hierbei mit Rachdruck, daß von einem Streik der dortigen Eisenbahner nicht gesprochen werden könne: vielmehr seien sie von den Franzosen mit Gewalt aus dem Dienst Vertrieben worden, als sie sich weigerten, ihr Vaterland zu verraten. Die Eisenbahner wollten nicht dulden, daß ihr Vaterland von den Franzosen vergewaltigt werde, und sie würden den passiven Widerstand f ort s ehen, evtl, auch gegen die Berliner Regierung, solange, bis Garantien gegeben seien, die dem deutschen Recht Genüge leisten. Der passive Widerstand müsse solange ausrechterhalten werden, bcmi er sei unsere einzige und schärfste Waffe. Die Franzosen würden ihr Ziel nicht erreichen. Die wenigen Lieberläufer aus den Eisenbahnerkreisen mühten aus dem deutschen Eisenbahndienst für Immer entfernt werden, mit diesen Lumpen werde der anständige, nationale deutsch: Äsenbahner abrech.ren, trenn er wieder heimgekehrt fei. (Stürmischer Beifall bei den außerordentlich zahlreich anwesenden Ausgewiesenen.) Ramens der Reichsbahnverwaltung dankte er den Vertriebenen für ihre Treue, auch seinen persönlichen Dank für diese prächtige Haltung schließe et an. Er werde stets bemüht sein, ihnen das schwere Los so weit wie nur irgend möglich zu erleichtern, es solle ihnen alles zum Leben Rotwendige beschafft werden. Jeder müsse nur fest im Widerstand und fest in der Zuversicht auf den Sieg des deutschen Rechts bleiben, die in der Heimat Zurückgebliebenen In ihrer Festigkeit stärken, dann werde auch für die ©ifenbafjner wieder eine freundlichere Zeit kommen und sie würden dann in nicht allzu ferner Zett wieder gemeinsam in ihre Heimat zurückkehren. „Unsere deutsche Sache ist das gute Recht, was die Franzosen tun, ist äilnrecht. Uni> das Recht wird siegen, wenn wir fest und treu zu ihm stehen. (Lebhafter Beifall.)
Der Oberpräsident der Rheinprovinz Fuchs, den die Franzosen gleichfalls aus seinem Amt und Wohnort in Koblenz vertrieben haben, schloß sich den Dankesworten des Trierer Präsidenten nach jeder Richtung hin an und wandte sich bann an die Ausgewiesenen. Er habe es bis zum Beginn des jetzigen Kampfes für unmöglich gehalten, daß eine Kulturnation derartige Grausamkeiten und Henkersarbeit begehen könne, wie wir sie jetzt erleben. Frankreich habe diese gewaltigste Schmach aller Zeiten jetzt auf seinem Schild und niemals werde und dürfe man in Deutschland vergessen, was dieses Land den Zehn- taufenben von älnschulbigen an Leid und Trübsal zugefügt habe. Vier Jahre lang habe sich Deutschland und insbesondere das Rheinland bemüht, die unmöglichen Forderungen unserer Feinde zu erfüllen. Aber Frankreich habe man niemals zufrieden- steilen können, weil es eben andere Ziele als die Reparationen erstrebe: ihm war es gerade recht, daß wir die unmöglichen Rer-arationssorde-- runge.T nicht mehr erfüllen konnten. Wenn wir noch Anspruch aus Selbstachtung und au die Achtung der Welt machen wollten, dann war es unmöglich, daß wir uns weiterhin das gefallen liebten, was unsere Feinde uns
mir? Mich an deinem Glücke freuen und deine Kinder wiegen, das würde schließlich doch auch mein Leben istcht ausfüllen." Sie war errötet.
Hans Dietrich stand auf und ging im Zimmer auf und ab.
»Du bist eine so gute Schwester, Eva," sagte er herzlich. „Was habe ich dir nicht alles zu danken! Glaube mir, ich fühl's täglich mehr, und trenn ich alles bedenke, würde doch eine Heirat für dich das einzig Richtige sein. Ich bin nicht egoistisch genug, um dich als Familientante für mich beanspruchen zu wollen, wenn ich selbst ein Recht dazu hätte. Du bist dazu auch noch viel zu jung... Aber ob Wölling gerade der Rechte ist? Gut und sicher aufgehoben wärest du freilich bei ihm. Aber da sind die Kinder."
Frau Eva lächelte. „Die Kinder würden kein Hindernis sein, im Gegenteil, starke Fürsprecher, älnd Wöllings Verhältnisse wären ja auch die beste Gewähr dafür, daß er mich wirklich aus einer starken Zuneigung heraus xi seiner Frau machen möchte. Denn für ihn sind schließlich meine paar Hunderttausend doch nur eine Rebensache. Das würde auch mitsprechen, aber..."
Hans Dietrich kam an den Tisch heran, nahm ihre Hand und streichelte sie. „Du wirst mich jetzt auslachen, wenn ich meine neue Weisheit aus- krame. Wenn so vieles .mitzuspreche.tt hat, Eva, dann wird es wohl nicht der Rechte sein, und ich wünsche dir so von gangem Herzen, daß es diesmal ti>irLi(h der Rechte sein möchte. Du hast dich lange genug für andere geopfert! Run wünsche ich dir selber auch ein Glück. Ohler war ja entschieden das. was man einen guten Kerl nennt, und ich mochte ihn ga:tz gern, aber wenn ich damals nicht noch ein Junge gewesen wäre, als du
ihn heiratetest, bann hätte ich vielleicht doch gesagt: „@va tue es nicht."
In Frau Evas Lbrgen stieg ein kleiner Schalk auf. „Sollte das nicht auch eine ganz neue Weisheit sein? Wer hat mir noch vor einem halben Jahre feine Ansichten über die moderne Ehe so oft des langen und breiten au seinantergesetzt?"
Er mußte lochen. „Wahrhaftig, wenn ich es überlege, ist es wirklich neue Weisheit. Aber sie ist mir schon so in Fleisch und Blut übergegangen, daß ich sie für alte halte, und mir kaum denken kann, daß ich früher einmal andere Ansichten hotte... Aber wirtlib Wölling ist doch wohl nicht der Rechte für dich."
Frau Eva nahm nochmals den Brief zur Hand und las ihn mit leisem Kopfnicken, älnd so vertieft war sie, daß sie heftig zusammenfuhr, als d'.e Korridorklingel sehr laut klang. So früh kam doch kaum Besuch.
Auguste trabte ins Zimmer und brachte einen Rchrpostbrief. Ziemlich gleichgültig nahm Frau Eva ihn. Wer konnte ihr heute schreiben? Vielleicht meldete sich ein Tischgast an. Aber als sie die Handschrift sah, da fühlte sie, wie ihr alles Blut zum Herzen drang, und w'.e ihre Hände zu zittern onfingen und so ftQf zitterten, daß sie kaum den Brief öffnen konnte. Hans Dietrich sprang erschrocken zu. aber auch er sah ganz verwirrt auf die Adresse.
„Das ist ja von.. “
Run hatte Eva den Brief aufgerissen trab las die Unterschrift: „Arnolds."
Es flirrte vor ihren Augen, und es dauerte eine geraume Wette, bis sie begriff, daß Arnolds da sei, in Berlin, in kurzen Viertelstunden bei ihnen jein würde. Er war tn einer Weinbau
Samstag, sb. Juni $23
antaten. Jetzt haben wir die nationale Einigkeit tti unserem Vaterlande wieder erreicht, die uns bisher so sehr gefehlt hat and deren Fehlen mit daran schuld war, dah wir überhaupt o tief sinken konnten Dieses Wiederfinden der nationalen Einigkeit habe im Auslände ein tarkes Echo der Hochachtung ansgelöst, die wir nicht mehr verlieren dürften. Deshalb müsse unbedingt die nationale Einigkeit auch weiterhin gewahrt bleiben. Vorläufig hätten wir aber noch den M a ch t w i l l e n Frankreichs zu überwinden, das ans das Rheinland entreißen und es an sich bringen wolle. Diesem Machtwillen mußten w'.r unseren Rechtswillen entgegensetzen. Dem streben Frankreichs werde nur bann ein Tamm gesetzt werden, wenn die R h e in - länder laut und klar immer wieder erklären: „W i r wollen deutsch bleiben immerdar". (Lebhafter Beifall.) älm dieses hohen Zieles willen leiden wir heute und um seinetwillen werden wir auch weiter den Mat Aum Durchkämpsen behalten. Das ganze Deatschland muß wissen, worum es jetzt geht. Die nächsten Wochen werden b.stimmend sein für Deutschlands Schicksal, für bas Schicksal der Ausgewiesenen inb auch für die Zrkunst jedes Deutschen. Diesen Kampf dürfen wir nicht verlieren, sonst wird das Elend für das ganze Volk unge= heuerlich. Wir müsfen zur Abwehr dieses Ausgangs geschlossen zusammen stehen und in Einigkeit dafür sorge:,, daß wir einen g e » rechte n Frieden und Ausgleich bekommen, baß wir wieder ein freies Volk am freien Rhein werben. Dann werden wir Ausgewiesenen zusammen wieder zurückkeh- ren in unsere Heimat am Rhein, an ter Rahe und an der Mosel and die Freude haben, baß wir mitgeholfen haben, unser deutsches Vaterland und unsere Heimaterde aus den Klauen seiner Feinde za befreien. (Stürmische' Beifall.)
Prächtige Worte des entschiebensten Abwehr- wttlens und des aufrechten Deutschtums, aber auch des wärmsten Dankes an die Ausgewiesenen sprachen im werteren Verlauf des Zusammenseins mit ben Opfern ber feindlichen Gewalt der Redakteur Dr. Ganter- Frankfurt a. M. als Senior ber anwesenden Journalisten, ber Dorfthenbe bes Be- zirksbetnebsrats ber Eisenbahnbirektion Frankfurt, Glaß- Frankfurt a. M., unb Ober» regierungsrat Stegner von ber Cifenbahnbtrek- tion Trier, z. Z. tn Gießen, der seine trefflichen Worte mit einem von ben Gästen unb Ausgewte- fenen begeistert aufgenommenen Hoch auf bas deutsche Vaterland krönte, dem als starkes nationales Bekenntnis ber Gesang des Deutschlandliedes folgte.
D8s Derettschuft zur Liebestätigkeit für die Dertrrrbenen
offenbarte sich auch bei btefem eintägigen Besuch ün Durchgangslager auf feiten der Gäste in anerkennenswerter Weise. Erhebliches wurde gern und freudig gestiftet zur Sinterung ter Rot. eingedenk batet ter ungleich größeren Opfer, die unsere Ganbdleute aus dem besetzten Gebiet selbstlos unb hingehend auf sich nehmen.
Besonders sei hier noch erwähnt, daß die deutsche Oesfentlichkeit ter Leitung ter Anstalt, dem Rassauischen Bezirksverband unb insbesondere den Direktoren Dr. llnger unb Sievert, die sich in glänzender Weise um die zufriedenstellende Unterbringung ter vielen Hunderte von Flüchtlingen temühM, herzlichsten Dank schuldig ist.
Mit ben allerbesten Eindrücken von ber umfassen den Fürsorge für die braven Eisenbahner- familien schieden die Pressevertreter gegen Abend aus ter Anstalt.
Ein neues Zeichen der französischen Brutalität erfuhr man auf ber Rückreise ater schon wieder in Weilburg, als die dortige Aufnahmestation, die übrigens einen ausgezeichneten Eindruck machte, besichtigt wurde. Während ter Inaugenscheinnahme lief von Limburg die telegraphische Mitteilung ein, dah soeben ein neuer großer Transport von Vertriebenen angekommen sei unb in P/3 Stunden ,in Weilburg eintreffen werte. Es hantelte sich batet um 150 Erwachsene unb 75 Kinter, darunter zehn Säuglinge unter zwei Wochen! Die Bedauernswerten kamen von Trier, vom Rhein und von ter Rahe.
So .lebhaft die sofort einsehenben deutschen Empfangsvorbereitungen anerkannt wurden, so aufrichtig war ter allgemeine Vorsatz, daß man auch diese neue Schandtat dem verhaßten Erbfeind nicht vergessen wird.
angelegen beit ins Ministerium berufen worden und sollte am Tage baraif beim Minister Audienz baten. Run war er gar nicht weit von ihnen im Hotel und sie würde ihn bald sehen.
Auch Hans Dietrich hatte die Rachricht erregt. Freilich Elisabeth war nicht mitgekommen, tees mxlr ein ziemlich starker Dämpfer, aber daß ihr Vater, kaum in Berlin angenommen, an seine Schwester schrieb, war doch wiederum ein günstiges Zeichen. Er durfte jo auch kaum erwarten, t<#b vor bestandenem Examen Arnolds mit seiner Tochter kommen würde.
Frau Eoa las unterdes die kurzen Worte, die seinen Besuch für vier älhr nachmittags anzeigten, wieder unb wieder. Dann sprang sie auf und lief durch alle Zimmer, rief Auguste, jagte Hans Dietrich selber mit einer Antwort zur Post, stöberte umher, stellte hier unb da einen Gegenstand anders, war ganz frohe Erwartung. Das Mittagessen war für beide kaum Vorhäuten. Dann lag Frau Eva mit klopfendem Heiden unb zählte die Minuten, wunderte sich, wie langsam sie zu Viertelstunden wurden, unb wie lange es dauerte, bis es drei älhr war. Als dann doch die vierte Stunde vorrückte, da befiel sie ein förmliches Fieber. Sie studierte sich ein paar Minuten aufmerksam im Spiegel, fand, daß das Kleid $u einfach sei, wollte ein anderes nehmen, erinnerte sich bann plötzlich, daß Arnolds gerate diese Farbe gern habe, band noch schnell eine andere Schleife um und fuhr in all dieser Hast förmlich «ckchrockt zusammen, als nun die Klingel laut wurde.
(Fortsetzung folgt)


