Nr. U3
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Erster Blatt
173. Fahrgang
Mittwoch, 16. Mai 1923
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Vrvck und Verlag: vrühl'sche Univerfität§-Vuch- und Zteindruckerei H. Lange in Gießen. Zchriftleitung und Geschäftsstelle: Schulstrahe 7.
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Das Unterhaus über die englisch-russischen Beziehungen.
London, 15. Mai. (WTD.) Heute nachmittag begann im Llnterhause die mit großer Spannung erwartete Debatte über die englisch-russischen Beziehungen. Das Haus und die Gallerten waren dicht beseht. Ms der erst gestern aus Moskau eingetragene Kraffln auf der Distinguished Strangers Galery erschien, zog er zahlreiche Blicke, insbesondere seitens der Konservativen, auf sich. Die Debatte wurde eingeleitet von dem Führer der Opposition Ramsay Mac Donald. Dieser ftrderte, daß die Beziehungen mit Rußland nicht nur fortgesetzt, sondern noch wirksamer als bisher gestaltet würden. Die russische Regierung müsse als Tatsache hingenommen und genau in derselben Weise behandelt werden, wie seinerzeit die zaristische Regierung. Mac Donald befaßte sich sehr eingehend mit den verschiedenen im britischen Memorandum erwähnten Punkten und forderte die Regierung auf, die Dokumente, aus die sich ihre Beschwerden gründeten, vorzulegen und wörtlich zu veröffentlichen. Nachdem dies geschehen sei, würde es der britischen Regierung frei stehen, der Moskauer Regierung zu erklären: Dies sind Tatsachen, dies sind Beweise; das muh. aufhören und wir.werden unseren Einfluß geltend machen, um es aufhören zu lassen. Der Redner sagte, es fei zwecklos, sich einzubilden, daß der Austausch von hitzigen Dokumenten, die verfaßt seien auf der einen Seite von einem Mann mit sehr sicherem Geiste und auf der anderen Seite von einem Manne mit sehr hochtrabendem Geiste, befriedigende Ergebnisse haben würde. Mac Donald drückte die Hoffnung aus, daß die britische Regierung bereit sei, irgendwelche zwischen den beiden Ländern schwebende Fragen einem Schiedsgericht zu überweisen ober darüber zu verhandeln. Er hoffe, daß in der De- anttoertung der russischen Rote die englische Regierung nicht die verhängnisvolle Politik der Zerreißung des Handelsabkommens mit Rußland wählen werde, das nicht nur von wirtschaftlichem, sondern auch von politischem Werte fei. Auf diese Weise körlnte man zu einem Vertrag kommen, der nicht nur zum Vorteil Englands, fonbern auch zum Ruhen Europas fern würde.
Rach Mac Donald sprach Mac Reill. Er betonte den unbefriedigenden Charakter der russischen Antwort und sagte, wenn Krassin eine Besprechung mit Curzon wünsche und wenn er nach dieser Besprechung Moskau um Instruktionen zu ersuchen beabsichtige, bann werde die Zeitgrenze der britischen Rote in angemessener Weise verlängert werden; aber man dürfe dies nicht so auffassen, als ob Großbritannien sich mit weniger begnüge als der Befriedigung seiner Forderungen.
London, 15. Mai. (WTD.) 3m Unter« hause fand über die Frage der englisch-russischen Beziehungen keine Abstimmung statt. Die Arbeiterpartei gab ihrer Zufriedenheit über die Mitteilung Mac Reills Ausdruck, daß Curzon gewillt sei, Krassin zu empfangen und daß die Zeitgrenze ausgedehnt werden würde.
Anfragen über Deutschland.
London, 15. Mai. (WTD.) älnteraus. Das Parlamentsmitglied Wiser fragte den Schah- Kanzler, ob er den Gvldbetrag mitteilen könne, der von der Reichsbank in den letzten zwölf Äonaten ausgeführt worden sei, und ob er Schritte getan habe, um sicher ustellen, daß alles der Republik gehörige in Deutschland oder im "Ausland deponierte Gold der Reparationskommission verpfändet werde. Stanley Baldwin erwiderte, er verfüge über keine anderen Informationen als die in der Presse gegebenen bezüglich der Transaktionen berRmchs- bank. Diese sei eine unabhängige Einrichtung, deren Guthaben nicht das Eigentum der deutschen Regierung fei. Er sei nicht in der Lage, Schritte zu tun, wie sie in dem letzten Seil der Anfrage angegeben würden.
Food stellte an den Staatssekretär für den Krieg eine Anfrage bezüglich der augenblicklichen Zahl der Offiziere und der übrigen Chargen im britischen Besät- zungsheer in Deutschland und bezüglich der Gesamtkosten des britischen Besatzungs- Heeres feit dem Waffenstillstand. Guineß erwiderte, die Zahl der Offiziere betrage 545, die der übrigen Rangstufen 8230. Die Kosten feit dem Wastenstillstand bis zum 30. April betrügen ungefähr56,5MillionenPfundSter- l i n g, ausschließlich der Unterbringung und verschiedener durch die Deutschen geleisteten Dienste.
Rückkehr Donar Laws.
London. 15. Mar (Wolff.) Den Blättern zufolge wird Dv na i Cato heute in England von feiner Erholungsreise zurückerwartet.
Die Antwortnote Japans.
Berlin, 15. Mai. (WB.) Die japanische Botschaft hat heute nachmittag dem Auswärtigen Amt folgende Antwortnote ihrer Regierung auf die Rote der Reichsregierung vom 2. Mai übemitteU:
Die japanische Regierung unterzog das neue QIngebot, das die deutsche Regierung in ihrem Memorandum vom 2. Mai Japan, den Vereinigten Staaten. Großbritannien. Frankreich, 3 a'i.n und Delgien vor legte, und bie gesamte Reparations- ftage umfaßt, einer sorgfältigen Prüfung Die japanische Regierung ist nicht tn der Lage, sowohl in Rücksicht auf dm Gesamtbetrag der Repara ionssnmme wie ans die Modalitäten der Zahlungen, den Garantien im Reparations
plan, der den Hauptteil des obenerwähnten Angebots ausmacht, seine Zustimmung zu geben. Angesichts der Tatsache, daß Hapans gegenwärtiges 3nteresse an der vorliege.rden Frage nicht so groß und nicht so vital ist, nimmt die japanische Regierung Abstand, sich über die Einzelheiten des neuen deutschen Vorschlags zu äußern. Sie möchte indessen den lebhaften Wunsch ausdrücken, die deutsche Regierung möge weitere geeignete Schritte in der Richtung unternehmen, die eine baldige, freundschaftliche Regelung der ganzen Reparationsfrage auf einer billigen Grundlage erleichtert.
Die Besetzung von Limburg.
L i m bu r g a. d. L., 15. Mai. (WTD.) Zur Besetzung von Limburg durch die Franzosen wird uns noch ergänzend berichtet: Sofort nach ihrem Einrücken besehten die Franzosen das Stadthaus, das Landratsamt, die Post und den Bahnhof. Die Hotels, die voll von Ausgewiesenen waren, und das Geschäftsgebäude des „Rassauer Boten" wurden umstellt. Büigermeister Dr. Kruh- mann und Polizeikommistar Kleiter wurden aus dem Bett heraus verhaftet. Später wurden weiterhin verhaftet der Stellvertreter des LandratS, Regieiungsassessor Sauerborn, und Stadtdirektor B i o n d i n o. sowie die Beamten der Fahndungsslelle Kluge, Gräfe und Da u he n berg. Kurz nach dem Eintreffen wurde das Gerichtsgefängnis einer scharfen Revision unterzogen. Offenbar suchte man von den Deutschen festgesetzte französische Spione. Die älntersuchung verlief ergebnislos. Ebenso wurden die Hotels genau durchsucht nach bestimmten Personen und Alten. 3m Gebäude des „Rassauer Boten" wurde eine genaue Hausdurchsuchung vorgenommen, ebenso In den Prrvat- wohnungen des Verlagsdirektors Decker und des Chefredakteurs Dr. Sieber, auch in den verschiedenen Gewerkschaftsbureaus sowie beim Ortsvorsihenden der Deutschnationalen Partei wurden Haussuchungen abgehalten. Etwa siebzig Personen, die ihre außerhalb liegenden Arbeitsstätten aufsuchen wollten, wurden in der Frühe fefi genommen und mußten unter starker militärischer Bewachung bis zum Abend auf dem Platze vor dein Landgericht stehen. Sämtlicher Zugverkehr ruhte. Um 1/2Q Ahr abends zogen sich die Franzosen wieder nach Diez zurück und führten die verhafteten Herren mit sich, außer Kluge, der ausgewiesen wurde. Sie hinterließen Plakate, in denen sie Limburg und die bis an den Ernsbach liegenden Ortschaften Eschen- hofen, Mühlen, Ennerich und Lin- denholzhausen für beseht erklärten. Die Mannschaften erklärten beim Ab rücken, daß sie in einigen Tagen wiederkommen würden. Der Zugverkehr und der Postdienst wurden abends wieder ausgenommen.
Der Betrieb Limburg-Gießen, Limburg-Cam- berg und Limburg-Westerwald ist wieder ausgenommen worden.
Die französischen Gewaltstreiche.
Kettwig, 15. Mai. (WTD.) Gestern srnd starke französische Trupper.abt:ilungen hier eingerückt und haben das Rathaus umstellt, lieber zehn Millionen Mark sind beschlagnahmt worden. Außerdem wurde ein Geldschrank. in dem sich ungefähr 12 Millionen befinden, versiegelt. Die französische Aktion bezweckt, die der Stadt auferlegte Geldbuße einzutreiben.
Essen. 15. Mai. (WTD.) Die Franzosen: scheinen zu beabsichtigen, in allen größeren Städten des 3ndustriegebiets jeden Fernsprech- und Telegra m m verkehr zu unterbinden. 3hre Maßnahmen in Essen, Mülheim, Duisburg, Düsseldorf und Dochum zielen schon seit Anfang Februar folgerichtig darauf ab. Seit geraumer Zeit bringen sie systematisch in die Kabelschachte und zerstörten zahlreiche Verbindungen innerhalb des besetzten Gebiet rs wie auch nach dem unbesetzten Gebiet Handel und Industrie, die damit fast ausschließlich auf den brieflichen Verkehr angewiesen lind, erwachsen durch dieses Vcr-e'jen große Rach d'e.
Düsseldorf, 15. Mai. (Wrlff.) Dei der Zahlstelle Derendorf der Düsseldorfer Er« werbslosenfür sorge b.'schlag'.a mei gestern Die Franzosen die Kasse mit 25 Millionen. Der ‘Betrieb mußte deshalb eingestellt werden.
Paris. 15. Mai. (WB) Haras meldet aus Düsseldorf: Die infolge der Sabotage von Lünen gestern beschlossenen Sanktionen, d ie in einer viertägigen Einstellung des Verkehrs zwischen Lünen. Bochum und dem nich; beseh en Gebiet bestehen sollten, sind auf 12 Tage verlängert worden.
Die Massepattstreibung der Eisenbahner.
T r ier. 16. Mai. (WTD.) 3m Bezirk Trier war auf den 9. Mai in Ccnz-Karrhaus von Smeets eine Versammlung der Eisenbahner angeseht worden, zu der jedoch niemand erschien. Dnraufbin wurden etwa 100 Leute nach einer von den Franzosen aufgestellten Liste aufgefordert. sich om Donnerstag, 10. Mai, vormittags 7 älhr. in der Bürgermeisterei von Karthaus einzufinden. Aach hier stellte sich niemand ein. Daraufhin wurden 40 Familien ausge- wiesen. Für den 10. M <i war eine neue Versammlung anberaumt worden, die anfangs von einem zu den Franzosen überqetretenen Eilen- b.ihnsekretär geleitet wurde. 3n der Versammlung waren ein Vertreter des Krn ^delegierten und des französischen Kommissars anwesend. Jeglicher Erfolg der Versammlung wurde jsboch durch das
schneidige Eingreifen eines (Sifenbabnaffiftenten vereitelt, der zum Vorsitzenden gewählt worden war und der die Versammlung mit den Worten schloß: Die Eisenbahner tn K.ar t Haus fürchten nichts wie Gott auf der Welt u n b b I e i 6 e n be r deutschen Sache tre u.“ Der Vertreter des Kreisdelegierten kündigte wegen des Mißerfolges weitere Auswerfungen an.
Köln. 15. Mai. (Wolfs.) Das unmenschliche Vorgehen der Franzosen bei der Ausweisung der Eisenbahner erfuhr heute morgen eine neue Bestätigung. 3n Altenkirchen wurden heute morgen 8.45 Uhr wiederum 25 Familien, insgesamt 100 Personen, ohne vorherige Ankündigung aus dem besetzten Gebiet ins unbesetzte Deutschland abgeschoben. Es wurde ihnen keine Zeit gelassen, das Allemotwendigste mlt- zunehmen; sogar die Wäsche und dergleichen mußte zurückgelassen werden.
Düsseldorf, 15. Mai. (WTB) Auf Befehl der französischen Defahungsorgane mußten 45 Eisenbahner mit ihren Familien ihre Dienstwohnungen räumen.
Der Bürgermeister von Hamborn zu drei Monaten (tzefängnis verurteilt.
Aachen, 16. Mai. (WTB) Das Kriegsgericht verurteilte gestern den Bürgermeister von Hamborn, Dr. Rosendahl, zu drei Monaten Gefängnis und 1 Million Mark Geldstrafe ober weiteren 2 Monaten Gefängnis. Entgegen dem Antrag des Staatsanwalts wurde der Angeklagte auf freiem Fuß gelassen. Rosendahl hatte den Requisitionsvesehlen der Defahungsorgane keine Folge geleistet.
Deutsche Kinder in der Schweiz.
Bern, 15. Mai. (WTD.) Der schweizerische Gewerkschastsbund ließ an die Mitglieder und Freunde der schweizerischen Gewerkschaften die Aufforderung ergehen, ihm Freiplähe zur Ausnahme deutscher Kinder aus dem besetzten Gebiet zu melden. Dieser Aufruf hatte einen sehr erfreulichen Erfolg: Reben beträchtlichen Geldspenben zur Deckung der Reise- und fDuftigen Unfoflen wurden sechshundert Freiplähe für Kinder von Gewerkschaftsmitgliedern aus dem Ruhrgebiet in schweizerischen Familien zur Verfügung gestellt. Die eingeladenen Kinder treffen heute, 15. Mai, im Sonderzug in der Schweiz ein, wofieachtWochen bleiben.
Internationaler Kongreß für Frauenstimmrecht.
Rvrn, 14. Mai. (WTD.) Hier wurde der 3ntern. Kongreß für Frauenstimmrecht in Anwesenheit von zweitausend Delegierten. die 40 Rationen vertreten, eröffnet. Mussolini erklärte hierbei, daß die faszi- stische Regierung, wenn nicht unovrhergesehene Ereignisse eintreten, sich verpflichte, gewissen Kategorien von Frauen das Stimmrecht zunächst bei den Wahlen zu den Verwaltungskörpern zu gewähren. Er werde auch die Lösung anderer giaacnfragen unterstützen. Er erinnerte ferner daran, daß die Regierung das Abkommen von Washington betreffend die Rachtarbeit und das Gesell gegen den Mädchen- und Kinderhandel gebilligt habe und entbot schließlich allen Frauen, die an den Leiden des Krieges teilgenommen, und der menschlichen Gesellschaft ihre wertvolle Mitarbeit geschenkt hätten, feinen Gruß Darauf wurden von einer Vertreterin die Fortschritte in der Frauenbewegung dargelegt.
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Aus dem Reiche-
Besprechungen des Reichskanzlers.
Berlin, 16. Mai. (Privattelegramme.) Der Reichskanzler empfing gestern die Abgeordneten aus dem besetzten Gebiet und besprach mit ihnen Fragen, die Ruhr und Rhein betreffen. Besonders wurde die durch die Franzosen hervorgerufene Ve r -- kehrSerschwerung erörtert. An der Unterhaltung nahmen auch die Minister v. Rosenberg und Brauns teil.
Die Zentrumsfraktionen von Reichstag und Landtag brachten in einer gemeinsamen Sitzung die Ansicht zum Ausdruck, daß der Faden der Berhandlungenmit der Entente nicht abreißen dürfe und deshalb ein neues, präzises Angebot, besonders in der Frage der Garantien, gemacht werden müsse. Auch in der Auffassung, daß keine andere als die gegenwärttge Regirrung zu dieser Aufgabe berufen sei, herrschte große Einmütigkeit.
Berlin, 15. Mai. (WTB.) Wre aus parlamentarischen Kreisen verlautet, wirb bet Reichs» kanzler morgen vormittag 9 Uhr bie Vertreter der Sozralbemokratischen Partei, gegen 10 älhr die Vertreter der bürgerlichen Parteien zu einer Aussprache über bie politische Lage empfangen. — Der Aeltestenrat des Reichstags wirb unmittelbar vor der Plenir- sihung, bie um 1/211 ilfcr beginnt, zusammentreten. Es wirb sich bann entscheiben, ob es noch vor dem Pfingstfest zu einer großen politischen Aussprache kommen wirb.
Die neue Drowersorgmtg.
Berlin, 15.Mai. (WTD.) DerReichS- r a t hat den Gesetzentwurf zur Sicherung I der Brotversorgung im Wirtschaftsjahr 1923/24 angenommen. Der Gesetzentwurf bedeutet voraussichtlich einen letzten
Schritt von der Getreidezwangswirtschaft zur freien Wirtschaft. Es soll nunmehr vom 15. August ab von der Erhebung der Umlage abgesehen werden, jedoch in der öffentlichen Hand eine Brotgetreidereserve in Höhe bis zu 3V? Millionen Tonnen gehalten weroen. Diese Reserve soll teils aus Dem Inland, teils aus dem Ausland beschafft werden. Mindestens P/4 Millionen Tonnen Inlandsgetreide sollen durch Lieferungsverträge und IV« Millionen Tonnen durch freien Ankauf auf dem inländischen Markt beschafft werden. Für den Fall, daß die Lieferung von IV« Millionen Tonnen Inlandsgetreide nicht bis zum 15. Juni vertragsmäßig gesichert ist, soll die Reichsregierung ermächtigt sein, bis l1/« Millionen Tonnen Brotgetreide im Wege des Amlageverfahrens zu beschaffen. Für eine gewisse Aebergangszeit soll die öffentliche Brotversorgung noch fortgesetzt werden. Ge^en die Vorlage stimmten Braunschweig, Württemberg, Thüringen und Hamburg.
Tariferhöhungen bei der Eisenbahn.
D e r l i n, 15. Mai. (WTB.) In der heu- tigen Sitzung des ständigen Ausschusses des ReichSeisenbahnratS wurde nach eingehender Beratung mit 12 gegen zwei Stimmen beschlossen, daß eine Tarifermähigung für Braunkohle nach wie vor aus allgemein wirtschaftlichen Erwägungen nicht Durchgeführt werden könne. Der Ausschuß beschäftigte sich dann mit der allgemeinen Finanzlage der Reichsbahn und deren Einwirkung auf die Tarifpolitik. Der Ausschuß war einhellig der Ansicht, daß rechtzeitig für Deckung der notwendigen Ausgaben durch Tariferhöhungen gesorgt werden müsse. Während für die Personentarife eine Erhöhung von 100 Prozent zum nächstmöglichen Zeitpunkt in Anbetracht der ganzen Sachlage für erforderlich gehalten wurde, war der Ausschuß der Ansicht, daß die Gütertarife in solchem Ausmaße erhöht werden müßten, daß auch durch die bevorstehenden Gehalts-, Lohn- und Kohlenpreiserhöhungen verursachten Mehrausgaben alsbald Deckung finden. Der Umfang der Gütertariferhöhung läßt sich heute noch nicht übersehen, müßte jedoch auf Grund der heutigen Preisverhältnisse schon über 40 Prozent betragen. Eine neue Guter- klassifikation mit langwierigen Vorarbeiten komme nicht tn Frage; Härten sollen jedoch pnil den vorhandenen Mitteln vermieden werden.
Die Beamtenbezüge.
Berlin, 16. Mai. Die gestrigen Verhandlungen der Beamtenorgan isatio- nen mit dem Reichsfinanzministerium über die Erhöhung b.r Beamtengehälter brachten als Ergebnis eine Erhitzung des bisherigen Teie- rungszaschlages von 942 auf 1219 Proz. für bie erste Maihälfte; für bie zweite Maihälfte soll der Zuschlag auf 1672 Proz. erhöht werden. DaS ausgezahlte vierte Monatsgehalt wird nicht eingerechnet.
Die Dergarbeiterlöhne.
Berlin, 16. Mai. (WTB.) Zur Regelung der Löhne für den Steinkohlen- undBraunkohlenbergbau trat, da die Parteien zu einer Einigung nicht gelangen konnten, heute im Reichsarbeitsministerium unter dem Vorsitz des Oberbürgermeisters Dr. Jarres aus Duisburg ein Schlichtungsausschuß zusammen, der einen Schiedsspruch fällte, wonach die Löhne im Ruhrbergbau einschließlich der dort bestehenden besonderen Zulagen mit Wirkung vom 16. Mai ab um durchschnittlich 3500 Mark je Schicht erhöht werden sollen. Für die übrigen Dergbaubezirke sind Lohnerhöhungen in den bisherigen prozentualen Abstufungen vorgesehen. Die durch den Schiedsspruch vom l.Mai für die erste Monatshälfte vorgesehene Lohnerhöhung hat der Schlichtungsausschuß bestätigt.
Verbot der proletarischen Hundertschaften in Preußen.
Berlin, 15. Mai. (Wolff.) Der preußische Minister des Innern hat durch einen Erlaß vom 12. Mai auf Grund des Gesetzes zum Schutze der Republik vom 21. Juli 1922 die sogenannten proletarischen Hundertschaften für das preußische Staatsgebiet aufgelöst und verboten. In der Begründung wird u. a. ausgeführt, <daß die proletarischen Hundertschaften durch die Ausübung polizeilicher Befugnisse, wie Stra- ßenpattouillen, Postendienst, verbunden mit Leibesvisitationen usw., sich staatliche Hoheitsrechte anmahten, wobei es unter teilweise gewaltsamen Ausschaltungen der berufenen Sicherheitsorgane wiederholt zu blutigen Aeberfällen und Zusammenstößen gekommen ist. Die proletarischen Hundertschaften stellten sich hiernach im Sinne des Reichsstrafgesetzbuches als Verbindungen dar, zu deren Zwecken und Betätigungen es gehöre, die Maßregeln der Verwaltung durch Ungesetz- l i ch e M i t t e l zu verhindern und zu entkräften. Rach öffentlichen Werbungen zu einer militärischen Organisation und Bewaffnung


