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Nr. U3

Erscheint täglich, außer Sonn» und Feiertags, mit derSamstagsbeilage: GießenerFamilienblätter Monotlichevezuorpreise: 3400 Mark un d 200Mark Trägerlohn,durch dieDost 3600Mark,auchbeiNlcht- erscheinen einzelner Num­mern infolge höherer Gewalt.- Fernsprech. Anschlüsse: fürdieSchrift. leitung 112; für Der lag und Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnach. richten: Anzeiger Sichen.

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Erster Blatt

173. Fahrgang

Mittwoch, 16. Mai 1923

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Vrvck und Verlag: vrühl'sche Univerfität§-Vuch- und Zteindruckerei H. Lange in Gießen. Zchriftleitung und Geschäftsstelle: Schulstrahe 7.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohnejede Verbindlichkeit. Dreis für 1 mm höhe für Anzeigern). 27 mm Breite örtl. 100 Mk., auswärts 125 Mk.,-für Reklame- Anzeigen von 70 mm Breite 500 MK.Dei Platz. Vorschrift 200/? Aufschlag. Hauptschristleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen Teil: Ernst Blumschein; für den Anzeigenteil: Hans Leck, sämtlich in Gießen.

Das Unterhaus über die englisch-russischen Beziehungen.

London, 15. Mai. (WTD.) Heute nach­mittag begann im Llnterhause die mit großer Spannung erwartete Debatte über die eng­lisch-russischen Beziehungen. Das Haus und die Gallerten waren dicht beseht. Ms der erst gestern aus Moskau eingetragene Kraf­fln auf der Distinguished Strangers Galery er­schien, zog er zahlreiche Blicke, insbesondere seitens der Konservativen, auf sich. Die De­batte wurde eingeleitet von dem Führer der Opposition Ramsay Mac Donald. Dieser ftrderte, daß die Beziehungen mit Rußland nicht nur fortgesetzt, sondern noch wirksamer als bisher gestaltet würden. Die russische Regie­rung müsse als Tatsache hingenommen und genau in derselben Weise behandelt werden, wie seiner­zeit die zaristische Regierung. Mac Donald be­faßte sich sehr eingehend mit den verschiedenen im britischen Memorandum erwähnten Punkten und forderte die Regierung auf, die Dokumente, aus die sich ihre Beschwerden gründeten, vorzulegen und wörtlich zu veröffentlichen. Nachdem dies geschehen sei, würde es der britischen Regierung frei stehen, der Moskauer Regierung zu erklären: Dies sind Tatsachen, dies sind Beweise; das muh. aufhören und wir.werden unseren Einfluß geltend machen, um es aufhören zu lassen. Der Redner sagte, es fei zwecklos, sich einzubilden, daß der Aus­tausch von hitzigen Dokumenten, die verfaßt seien auf der einen Seite von einem Mann mit sehr sicherem Geiste und auf der anderen Seite von einem Manne mit sehr hochtrabendem Geiste, befriedigende Ergebnisse haben würde. Mac Donald drückte die Hoffnung aus, daß die britische Regierung bereit sei, irgendwelche zwi­schen den beiden Ländern schwebende Fragen einem Schiedsgericht zu überweisen ober darüber zu verhandeln. Er hoffe, daß in der De- anttoertung der russischen Rote die englische Re­gierung nicht die verhängnisvolle Politik der Zer­reißung des Handelsabkommens mit Rußland wählen werde, das nicht nur von wirtschaftlichem, sondern auch von politischem Werte fei. Auf diese Weise körlnte man zu einem Vertrag kommen, der nicht nur zum Vorteil Englands, fonbern auch zum Ruhen Europas fern würde.

Rach Mac Donald sprach Mac Reill. Er betonte den unbefriedigenden Charakter der russi­schen Antwort und sagte, wenn Krassin eine Be­sprechung mit Curzon wünsche und wenn er nach dieser Besprechung Moskau um Instruktionen zu ersuchen beabsichtige, bann werde die Zeitgrenze der britischen Rote in angemessener Weise ver­längert werden; aber man dürfe dies nicht so auf­fassen, als ob Großbritannien sich mit weniger begnüge als der Befriedigung seiner Forderungen.

London, 15. Mai. (WTD.) 3m Unter« hause fand über die Frage der englisch-russi­schen Beziehungen keine Abstimmung statt. Die Arbeiterpartei gab ihrer Zufriedenheit über die Mitteilung Mac Reills Ausdruck, daß Cur­zon gewillt sei, Krassin zu empfangen und daß die Zeitgrenze ausgedehnt wer­den würde.

Anfragen über Deutschland.

London, 15. Mai. (WTD.) älnteraus. Das Parlamentsmitglied Wiser fragte den Schah- Kanzler, ob er den Gvldbetrag mitteilen könne, der von der Reichsbank in den letzten zwölf Äonaten ausgeführt worden sei, und ob er Schritte getan habe, um sicher ustellen, daß alles der Republik gehörige in Deutschland oder im "Ausland deponierte Gold der Repara­tionskommission verpfändet werde. Stanley Baldwin erwiderte, er verfüge über keine anderen Informationen als die in der Presse gegebenen bezüglich der Transaktionen berRmchs- bank. Diese sei eine unabhängige Einrich­tung, deren Guthaben nicht das Eigentum der deutschen Regierung fei. Er sei nicht in der Lage, Schritte zu tun, wie sie in dem letzten Seil der Anfrage angegeben würden.

Food stellte an den Staatssekretär für den Krieg eine Anfrage bezüglich der augen­blicklichen Zahl der Offiziere und der übrigen Chargen im britischen Besät- zungsheer in Deutschland und bezüg­lich der Gesamtkosten des britischen Besatzungs- Heeres feit dem Waffenstillstand. Guineß erwi­derte, die Zahl der Offiziere betrage 545, die der übrigen Rangstufen 8230. Die Kosten feit dem Wastenstillstand bis zum 30. April betrügen ungefähr56,5MillionenPfundSter- l i n g, ausschließlich der Unterbringung und ver­schiedener durch die Deutschen geleisteten Dienste.

Rückkehr Donar Laws.

London. 15. Mar (Wolff.) Den Blättern zufolge wird Dv na i Cato heute in England von feiner Erholungsreise zurückerwartet.

Die Antwortnote Japans.

Berlin, 15. Mai. (WB.) Die japanische Botschaft hat heute nachmittag dem Auswär­tigen Amt folgende Antwortnote ihrer Re­gierung auf die Rote der Reichsregierung vom 2. Mai übemitteU:

Die japanische Regierung unterzog das neue QIngebot, das die deutsche Regierung in ihrem Me­morandum vom 2. Mai Japan, den Vereinigten Staaten. Großbritannien. Frankreich, 3 a'i.n und Delgien vor legte, und bie gesamte Reparations- ftage umfaßt, einer sorgfältigen Prüfung Die ja­panische Regierung ist nicht tn der Lage, so­wohl in Rücksicht auf dm Gesamtbetrag der Repara ionssnmme wie ans die Modalitäten der Zahlungen, den Garantien im Reparations­

plan, der den Hauptteil des obenerwähnten An­gebots ausmacht, seine Zustimmung zu ge­ben. Angesichts der Tatsache, daß Hapans ge­genwärtiges 3nteresse an der vorliege.rden Frage nicht so groß und nicht so vital ist, nimmt die ja­panische Regierung Abstand, sich über die Einzel­heiten des neuen deutschen Vorschlags zu äußern. Sie möchte indessen den lebhaften Wunsch ausdrücken, die deutsche Regierung möge wei­tere geeignete Schritte in der Richtung unternehmen, die eine baldige, freundschaftliche Re­gelung der ganzen Reparationsfrage auf einer bil­ligen Grundlage erleichtert.

Die Besetzung von Limburg.

L i m bu r g a. d. L., 15. Mai. (WTD.) Zur Besetzung von Limburg durch die Franzosen wird uns noch ergänzend berichtet: Sofort nach ihrem Einrücken besehten die Franzosen das Stadthaus, das Landratsamt, die Post und den Bahnhof. Die Hotels, die voll von Ausgewiesenen waren, und das Geschäftsgebäude desRassauer Boten" wurden umstellt. Büigermeister Dr. Kruh- mann und Polizeikommistar Kleiter wurden aus dem Bett heraus verhaftet. Später wur­den weiterhin verhaftet der Stellvertreter des LandratS, Regieiungsassessor Sauerborn, und Stadtdirektor B i o n d i n o. sowie die Beamten der Fahndungsslelle Kluge, Gräfe und Da u he n berg. Kurz nach dem Eintreffen wurde das Gerichtsgefängnis einer scharfen Revi­sion unterzogen. Offenbar suchte man von den Deutschen festgesetzte französische Spione. Die älntersuchung verlief ergebnislos. Ebenso wurden die Hotels genau durchsucht nach be­stimmten Personen und Alten. 3m Gebäude des Rassauer Boten" wurde eine genaue Hausdurch­suchung vorgenommen, ebenso In den Prrvat- wohnungen des Verlagsdirektors Decker und des Chefredakteurs Dr. Sieber, auch in den verschiedenen Gewerkschaftsbureaus sowie beim Ortsvorsihenden der Deutschnationalen Partei wurden Haussuchungen abgehalten. Etwa siebzig Personen, die ihre außerhalb liegenden Arbeits­stätten aufsuchen wollten, wurden in der Frühe fefi genommen und mußten unter starker militäri­scher Bewachung bis zum Abend auf dem Platze vor dein Landgericht stehen. Sämtlicher Zugver­kehr ruhte. Um 1/2Q Ahr abends zogen sich die Franzosen wieder nach Diez zurück und führten die verhafteten Herren mit sich, außer Kluge, der ausgewiesen wurde. Sie hinterließen Plakate, in denen sie Limburg und die bis an den Ernsbach liegenden Ortschaften Eschen- hofen, Mühlen, Ennerich und Lin- denholzhausen für beseht erklärten. Die Mannschaften erklärten beim Ab rücken, daß sie in einigen Tagen wiederkommen würden. Der Zugverkehr und der Postdienst wurden abends wieder ausgenommen.

Der Betrieb Limburg-Gießen, Limburg-Cam- berg und Limburg-Westerwald ist wieder aus­genommen worden.

Die französischen Gewaltstreiche.

Kettwig, 15. Mai. (WTD.) Gestern srnd starke französische Trupper.abt:ilungen hier ein­gerückt und haben das Rathaus umstellt, lieber zehn Millionen Mark sind be­schlagnahmt worden. Außerdem wurde ein Geldschrank. in dem sich ungefähr 12 Millionen befinden, versiegelt. Die französische Aktion be­zweckt, die der Stadt auferlegte Geldbuße einzu­treiben.

Essen. 15. Mai. (WTD.) Die Franzosen: scheinen zu beabsichtigen, in allen größeren Städten des 3ndustriegebiets jeden Fernsprech- und Telegra m m verkehr zu unterbinden. 3hre Maßnahmen in Essen, Mülheim, Duisburg, Düsseldorf und Dochum zielen schon seit Anfang Februar folgerichtig darauf ab. Seit geraumer Zeit bringen sie systematisch in die Kabelschachte und zerstörten zahlreiche Verbindungen innerhalb des besetzten Gebiet rs wie auch nach dem unbesetzten Gebiet Handel und Industrie, die damit fast ausschließlich auf den brieflichen Verkehr angewiesen lind, erwachsen durch dieses Vcr-e'jen große Rach d'e.

Düsseldorf, 15. Mai. (Wrlff.) Dei der Zahlstelle Derendorf der Düsseldorfer Er« werbslosenfür sorge b.'schlag'.a mei ge­stern Die Franzosen die Kasse mit 25 Millionen. DerBetrieb mußte deshalb eingestellt werden.

Paris. 15. Mai. (WB) Haras meldet aus Düsseldorf: Die infolge der Sabotage von Lünen gestern beschlossenen Sanktionen, d ie in einer viertägigen Einstellung des Verkehrs zwischen Lünen. Bochum und dem nich; beseh en Ge­biet bestehen sollten, sind auf 12 Tage verlängert worden.

Die Massepattstreibung der Eisenbahner.

T r ier. 16. Mai. (WTD.) 3m Bezirk Trier war auf den 9. Mai in Ccnz-Karrhaus von Smeets eine Versammlung der Eisen­bahner angeseht worden, zu der jedoch niemand erschien. Dnraufbin wurden etwa 100 Leute nach einer von den Franzosen aufgestellten Liste auf­gefordert. sich om Donnerstag, 10. Mai, vormit­tags 7 älhr. in der Bürgermeisterei von Karthaus einzufinden. Aach hier stellte sich niemand ein. Daraufhin wurden 40 Familien ausge- wiesen. Für den 10. M <i war eine neue Ver­sammlung anberaumt worden, die anfangs von einem zu den Franzosen überqetretenen Eilen- b.ihnsekretär geleitet wurde. 3n der Versammlung waren ein Vertreter des Krn ^delegierten und des französischen Kommissars anwesend. Jeglicher Er­folg der Versammlung wurde jsboch durch das

schneidige Eingreifen eines (Sifenbabnaffiftenten vereitelt, der zum Vorsitzenden gewählt worden war und der die Versammlung mit den Worten schloß: Die Eisenbahner tn K.ar t Haus fürchten nichts wie Gott auf der Welt u n b b I e i 6 e n be r deutschen Sache tre u. Der Vertreter des Kreisdelegierten kündigte wegen des Mißerfolges weitere Auswerfungen an.

Köln. 15. Mai. (Wolfs.) Das unmensch­liche Vorgehen der Franzosen bei der Aus­weisung der Eisenbahner erfuhr heute morgen eine neue Bestätigung. 3n Altenkir­chen wurden heute morgen 8.45 Uhr wiederum 25 Familien, insgesamt 100 Personen, ohne vor­herige Ankündigung aus dem besetzten Gebiet ins unbesetzte Deutschland abgeschoben. Es wurde ihnen keine Zeit gelassen, das Allemotwendigste mlt- zunehmen; sogar die Wäsche und dergleichen mußte zurückgelassen werden.

Düsseldorf, 15. Mai. (WTB) Auf Be­fehl der französischen Defahungsorgane mußten 45 Eisenbahner mit ihren Familien ihre Dienstwohnungen räumen.

Der Bürgermeister von Hamborn zu drei Monaten (tzefängnis verurteilt.

Aachen, 16. Mai. (WTB) Das Kriegs­gericht verurteilte gestern den Bürgermeister von Hamborn, Dr. Rosendahl, zu drei Mo­naten Gefängnis und 1 Million Mark Geld­strafe ober weiteren 2 Monaten Gefängnis. Ent­gegen dem Antrag des Staatsanwalts wurde der Angeklagte auf freiem Fuß gelassen. Rosendahl hatte den Requisitionsvesehlen der Defahungs­organe keine Folge geleistet.

Deutsche Kinder in der Schweiz.

Bern, 15. Mai. (WTD.) Der schweizerische Gewerkschastsbund ließ an die Mitglieder und Freunde der schweizerischen Gewerkschaften die Aufforderung ergehen, ihm Freiplähe zur Ausnahme deutscher Kinder aus dem be­setzten Gebiet zu melden. Dieser Aufruf hatte einen sehr erfreulichen Erfolg: Reben be­trächtlichen Geldspenben zur Deckung der Reise- und fDuftigen Unfoflen wurden sechshundert Freiplähe für Kinder von Gewerkschaftsmit­gliedern aus dem Ruhrgebiet in schweizerischen Familien zur Verfügung gestellt. Die eingelade­nen Kinder treffen heute, 15. Mai, im Sonderzug in der Schweiz ein, wofieachtWochen bleiben.

Internationaler Kongreß für Frauenstimmrecht.

Rvrn, 14. Mai. (WTD.) Hier wurde der 3ntern. Kongreß für Frauenstimm­recht in Anwesenheit von zweitausend Dele­gierten. die 40 Rationen vertreten, eröffnet. Mussolini erklärte hierbei, daß die faszi- stische Regierung, wenn nicht unovrhergesehene Ereignisse eintreten, sich verpflichte, gewissen Kategorien von Frauen das Stimmrecht zunächst bei den Wahlen zu den Verwaltungskörpern zu gewähren. Er werde auch die Lösung anderer giaacnfragen unterstützen. Er erinnerte ferner daran, daß die Regierung das Abkommen von Washington betreffend die Rachtarbeit und das Gesell gegen den Mädchen- und Kinderhandel gebilligt habe und entbot schließlich allen Frauen, die an den Leiden des Krieges teilgenommen, und der menschlichen Gesellschaft ihre wertvolle Mitarbeit geschenkt hätten, feinen Gruß Darauf wurden von einer Vertreterin die Fortschritte in der Frauenbewegung dargelegt.

- 'rin

Aus dem Reiche-

Besprechungen des Reichskanzlers.

Berlin, 16. Mai. (Privattelegramme.) Der Reichskanzler empfing gestern die Abgeordneten aus dem besetzten Gebiet und besprach mit ihnen Fragen, die Ruhr und Rhein betreffen. Besonders wurde die durch die Franzosen hervorgerufene Ve r -- kehrSerschwerung erörtert. An der Un­terhaltung nahmen auch die Minister v. Ro­senberg und Brauns teil.

Die Zentrumsfraktionen von Reichstag und Landtag brachten in einer ge­meinsamen Sitzung die Ansicht zum Ausdruck, daß der Faden der Berhandlungenmit der Entente nicht abreißen dürfe und deshalb ein neues, präzises Angebot, be­sonders in der Frage der Garantien, gemacht werden müsse. Auch in der Auffassung, daß keine andere als die gegenwärttge Regirrung zu dieser Aufgabe berufen sei, herrschte große Einmütigkeit.

Berlin, 15. Mai. (WTB.) Wre aus parla­mentarischen Kreisen verlautet, wirb bet Reichs» kanzler morgen vormittag 9 Uhr bie Vertreter der Sozralbemokratischen Partei, gegen 10 älhr die Vertreter der bürgerlichen Parteien zu einer Aussprache über bie politische Lage empfangen. Der Aeltestenrat des Reichstags wirb unmittelbar vor der Plenir- sihung, bie um 1/211 ilfcr beginnt, zusammentreten. Es wirb sich bann entscheiben, ob es noch vor dem Pfingstfest zu einer großen politischen Aus­sprache kommen wirb.

Die neue Drowersorgmtg.

Berlin, 15.Mai. (WTD.) DerReichS- r a t hat den Gesetzentwurf zur Sicherung I der Brotversorgung im Wirtschafts­jahr 1923/24 angenommen. Der Gesetzent­wurf bedeutet voraussichtlich einen letzten

Schritt von der Getreidezwangswirtschaft zur freien Wirtschaft. Es soll nunmehr vom 15. August ab von der Erhebung der Umlage abgesehen werden, jedoch in der öffentlichen Hand eine Brotgetreidereserve in Höhe bis zu 3V? Millionen Tonnen gehalten weroen. Diese Reserve soll teils aus Dem Inland, teils aus dem Ausland beschafft werden. Mindestens P/4 Millionen Tonnen Inlandsgetreide sollen durch Lieferungsver­träge und IV« Millionen Tonnen durch freien Ankauf auf dem inländischen Markt beschafft werden. Für den Fall, daß die Lieferung von IV« Millionen Tonnen Inlandsgetreide nicht bis zum 15. Juni vertragsmäßig gesichert ist, soll die Reichsregierung ermächtigt sein, bis l1/« Millionen Tonnen Brotgetreide im Wege des Amlageverfahrens zu beschaffen. Für eine gewisse Aebergangszeit soll die öffentliche Brotversorgung noch fortgesetzt werden. Ge^en die Vorlage stimmten Braunschweig, Würt­temberg, Thüringen und Hamburg.

Tariferhöhungen bei der Eisenbahn.

D e r l i n, 15. Mai. (WTB.) In der heu- tigen Sitzung des ständigen Ausschusses des ReichSeisenbahnratS wurde nach ein­gehender Beratung mit 12 gegen zwei Stim­men beschlossen, daß eine Tarifermähigung für Braunkohle nach wie vor aus allgemein wirt­schaftlichen Erwägungen nicht Durchgeführt werden könne. Der Ausschuß beschäftigte sich dann mit der allgemeinen Finanzlage der Reichsbahn und deren Einwirkung auf die Ta­rifpolitik. Der Ausschuß war einhellig der An­sicht, daß rechtzeitig für Deckung der notwen­digen Ausgaben durch Tariferhöhun­gen gesorgt werden müsse. Während für die Personentarife eine Erhöhung von 100 Pro­zent zum nächstmöglichen Zeitpunkt in Anbe­tracht der ganzen Sachlage für erforderlich ge­halten wurde, war der Ausschuß der Ansicht, daß die Gütertarife in solchem Ausmaße erhöht werden müßten, daß auch durch die bevorstehenden Gehalts-, Lohn- und Kohlenpreiserhöhungen verursachten Mehr­ausgaben alsbald Deckung finden. Der Umfang der Gütertariferhöhung läßt sich heute noch nicht übersehen, müßte jedoch auf Grund der heutigen Preisverhältnisse schon über 40 Prozent betragen. Eine neue Guter- klassifikation mit langwierigen Vorarbeiten komme nicht tn Frage; Härten sollen jedoch pnil den vorhandenen Mitteln vermieden werden.

Die Beamtenbezüge.

Berlin, 16. Mai. Die gestrigen Ver­handlungen der Beamtenorgan isatio- nen mit dem Reichsfinanzministerium über die Erhöhung b.r Beamtengehälter brachten als Ergebnis eine Erhitzung des bisherigen Teie- rungszaschlages von 942 auf 1219 Proz. für bie erste Maihälfte; für bie zweite Maihälfte soll der Zuschlag auf 1672 Proz. erhöht werden. DaS ausgezahlte vierte Monatsgehalt wird nicht ein­gerechnet.

Die Dergarbeiterlöhne.

Berlin, 16. Mai. (WTB.) Zur Rege­lung der Löhne für den Steinkohlen- undBraunkohlenbergbau trat, da die Parteien zu einer Einigung nicht gelangen konnten, heute im Reichsarbeitsministerium unter dem Vorsitz des Oberbürgermeisters Dr. Jarres aus Duisburg ein Schlichtungsaus­schuß zusammen, der einen Schiedsspruch fällte, wonach die Löhne im Ruhrbergbau einschließ­lich der dort bestehenden besonderen Zulagen mit Wirkung vom 16. Mai ab um durchschnitt­lich 3500 Mark je Schicht erhöht werden sollen. Für die übrigen Dergbaubezirke sind Lohn­erhöhungen in den bisherigen prozentualen Abstufungen vorgesehen. Die durch den Schiedsspruch vom l.Mai für die erste Mo­natshälfte vorgesehene Lohnerhöhung hat der Schlichtungsausschuß bestätigt.

Verbot der proletarischen Hundertschaften in Preußen.

Berlin, 15. Mai. (Wolff.) Der preu­ßische Minister des Innern hat durch einen Erlaß vom 12. Mai auf Grund des Ge­setzes zum Schutze der Republik vom 21. Juli 1922 die sogenannten proletarischen Hundertschaften für das preußische Staatsgebiet aufgelöst und verboten. In der Begründung wird u. a. ausgeführt, <daß die proletarischen Hundertschaften durch die Ausübung polizeilicher Befugnisse, wie Stra- ßenpattouillen, Postendienst, verbunden mit Leibesvisitationen usw., sich staatliche Hoheits­rechte anmahten, wobei es unter teilweise ge­waltsamen Ausschaltungen der berufenen Sicherheitsorgane wiederholt zu blutigen Aeberfällen und Zusammenstößen gekom­men ist. Die proletarischen Hundertschaften stellten sich hiernach im Sinne des Reichsstraf­gesetzbuches als Verbindungen dar, zu deren Zwecken und Betätigungen es gehöre, die Maßregeln der Verwaltung durch Ungesetz- l i ch e M i t t e l zu verhindern und zu entkräf­ten. Rach öffentlichen Werbungen zu einer militärischen Organisation und Bewaffnung