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Nr. 88

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Montag, 16. April 1923

Erster Blatt

175. Jahrgang

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Gberhesfen

vNttk und Verlag: vrühl'sche Univerfitatr-Vuch- und ZteindrnSerei H. Lange in Siehen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Zchulstrahe 7.

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Reichswirtschaflsminister Dr. Becker über die Wirtschasls- und Enlschädigungsfragen.

Der Berliner - Korrespondent derSvensk ®rotifltibntnfl des offiziellen Organs des schwe­dischen Grossistenverbandes, hatte dieser Tage eine Unterredung mit dem Reichswirt­schaftsminister Dr. Decker über den Stand der deutschen Wirtschaft vor and nach dem fran­zösischem Ruhreinbruch. Der Reichsminister führte darüber aus:

Eins scheint mir nach den vorliegenden Be­richten aus Deutschland und FrankÄch festzu­stehen: der Schaden, den Frankreich durch den Ruhreinbruch in feiner eigenen Wirtschaft ange­richtet hat, ist großer als der Deutschland zu- gefügte Verlust. Ein Trost soll uns die Fest­stellung dieser Tatsache freilich nicht sein. Eine gute Lehre aber könnten heute, nachdem die Fran­zosen und Belgier fast drei Monate im Ruhrbe­zirk sind, die Welt und namentlich unsere west­lichen Rachbarn aus den gemachten Erfahrungen ziehen: Heber Deutschland hing seit Krtegsschlutz als Damoklesschwert die Bedrohung der Fran­zosen mit dem Ruhreinbruch.Wenn Deutschland nicht gutwillig genügend zahlt, dann werden wir kommen und uns bezahlt machen", so hieß es ständig. Das Schwert ist klirrend hrrunterge- fallen und liegt stumpf am Boden. Es ist in diesen drei Monaten der unumstößliche Beweis erbracht, daß man sich die erträumten Goldmilliarden mit ©ettxxlt nicht holen kann, und daß es des besten Willens Deutschlands bedurfte, um das zu leisten, was es tatsächlich geleistet hat.

Am 21. Februar laufenden Jahres wurde in Deutschland und im Ausland in den Zeitungen eine Zusammenstellung über dir Leistungen und Dermögensverluste Deutschlands aus dem Frie­densvertrage im einzelnen bekanntgegeben. Diese Bilanz kam zu nachgewiesenen Leistungen und Dermögensverlusten der deutschen Wirtschaft vom 11. Rovember 1918 bis 30. September 1922 in Höhe von 56V2 Gvldmilliarden; einschließlich des Wertes der deutschen Kolonien und Elsah-Lochrin- gens erhöhte sich diese Summe sogar auf über 100 Milliarden Goldmark. Die deutschen Eisen­bahnen hatten vor dem Kriege eine Länge von etwa 64 000 Mlometern. Diese gewaltigen An­lagen, also der Grund und Boden und der Unter­beut, die dazu gehörigen Detriebswerkstätten und Bahnhofsbauten, die Güterschuppen und das ge­samte rollende Material an Lokomotiven und Eisenbahnwagen hatten tn unserer Bolksvermö- gensbilanz einen Wert von 20 bis 25 Milliarden Goldmark. Deutschland gab also an Sach° und Barleistungen an die Entente bis September 1922 über das Doppelte solcher Riesenwerte her und einschließlich Elsah-Lothrrngens und der Kolonien über das Vierfache. Ein« weitere Zahl, die auch dem ßaten die Bedeutung der deutschen ßeiflungen klar vor Augen führt: Der volle Goldwert (nicht etwa der geringere Rominalwrrt) der ge­samten Aktiengesellschaften des unver- fle inerten Deutschlands der Friedenszeit betrug am 31. D^ember 1913: 31,2 Milliarden Gold­mark. Mehr.als das Dreifache dieses gesamten Vermögens aller deutschen All engesell- schaften der Vorkriegszeit hat Deutschland allein bis Ende September 1922 hergegcben und a6ge­treten, di« reinen Leistungen und Vermögensver- kuste allein machen fast das Doppelte jenes Ver­mögens der Attiengesellschaften aus. Tlnd in dem inzwischen weiter verflossenen Halbjahr allein tn der Zeit vom 1. Oktober bis 31. Dezember 1922 betrugen bie weiteren Leistungen 500 Millionen Goldmark! haben sich diese Leistungen fort­gesetzt!

Doch ein dritter Vergleich: Sämtliche deutschen Aktiengesellschaften konnten in den letzten Zähren vor dem Kriege an Dividenden etwa 1 V» Milliarden Goldmark jährlich ausschütten, das verstümmelte Deutschland zahlte allein im Jahre 1922 unter schwerster Schädigung seiner Währung in bar und an Sachleistungen an die Entente, sowie an Desahungskosten 1,6 Milliarden Goldmark, also mehr als alle deutschen Aktiengesellschaften in glücklicher Friedenszeit als Gewinn an die hei­mischen Aktionäre ausschütten konnten!

Ich möchte auch gleich noch einem anderen tm Ausland viel verbreiteten Irrtum in Zahlen entgegentreten. Es wird gesagt, Deutschland hab« seine Valuta ruiniert, um feine Industrie die Eroberung der Weltmärkte zu erleichtern. Deutsch­lands Ausfuhr hat im Jahre 1913 rund 10 Mil­liarden Goldmark betragen. In der Rachkriegs­zeit betrug der Wert dieser Ausfuhr in den Jahren 19191922: 1,75 bzw. 5,10 bzw. 3,50 bzw. 4,00 Milliarden Goldmark. Die deutsche Warev auSfuhr der Rachkriegszeit ist also sehr klein ge­wesen. Es kann daher nicht wahr sein, daß die deutsche Ausfuhr den anderen Ländern das Ge­schäft verdorben habe, und daß dem deutschen Daluta-Dumving" für die Arbeitslosigkeit in den anderen Ländern die Verantwortung zuzu- schieben sei. Dahingehende Betrachtungen sind oberflächlich. Es müßte schlimm um die Welt­wirtschaft aussehen, wenn die kleine deutsche Warenausfuhr von SV» oder 4 Milliarden Gold­mark im Jahr, die sich über die ganze Welt verteilt, den internationalen Markt erschüttern könnte.' Freilich sieht es schlimm nicht nur um die deutsche sondern um die europäische und die Weltwirtschaft aus. Das ist richtig. Die Haupt­schuld daran hat aber das muß immer mehr Gemeingut aller, wirtschaftlich Denkenden werden hie aller Vernunft ins Gesicht schlagende, völlig verfehlte Konstruktion des Friedensver­trages von Versailles. Tlnd dieser widersinnigen Konstruktion setzte Frankreich nun noch mit dem Ruhreinbruch die Krone auf, der Frankreich heute

nach seinen eigenen Berechnungen schon monatlich mhtbeftenS 40 bis 50 Millionen Franken kostet, seiner Eisenindustrie keine Kohle und feinen Koks bringt, sie vielmehr zum großen Teil zum Still­liegen zwingt, Deutschlands Wirtschaft und seine Leistungsfähigkeit schwer schädigt, und schließlich eine Aussaat von Haß in eine arbeitsame Be­völkerung gestreut hat, von der man für ein friedlich^ Zusammenleben der Bevölkerung in der Zukunft das Allerschlimmste ^fürchten muß.

Die belgisch-französische Konferenz.

Paris, 14. April. (WTB.) In der bel­gischen Botschaft hat heute mittag ein Früh­stück stattgefunden, an dem außer den belgi­schen Ministern T h e u n i S und I a s p a r die französischen Minister Poincare, de La­st eh rie, Maginvt, Deibel und Le- crvcquer sowie der Abg. Loucheur, der Senator Lu b e r s a c und die belgischen Der- tteter in der Deparationskvmmission, Dela­croix und Bemelmann, teilnahmen. Heute nachmittag wurden Theunis und Iaspar vom Präsidenten der Republik empfangen. Am 6 Ahr abends reisten sie nach Brüssel zurück.

Paris, 14. April. (WTB.) Wie Ha- vas mitteilt, hat der belgische Ministerpräsi­dent Theunis nach Schluß der heute vormittag

abgehaltenen Beratung zu den Journalisten gesagt:Wir haben eine Sitzung des Auf­sichtsrats des Ruhrgebiets abgehalten." Aach der gleichen Quelle haben die Minister­präsidenten der beiden Länder beschlossen, demnächst aufs neue in Brüssel miteinander Ku konferieren.

Paris, 14. April. (Wolff.) Die bel- gisch-französischeKonferenzist um 11.45 ilf)r zu Ende gegangen. Heute nachmit­tag findet keine Sitzung mehr statt. Aach der Sitzung der Konferenz wurde heute mittag fol­gende

amtliche Mitteilung ausgegeben:

Die französischen und belgischen Minister sind heute vormittag aufs neue zusainmeng^ treten. Sie haben die gemeinsamenWe i- s u n g e n vorbereitet, die an chre Oberkommis­sare in den Rheinlanden und an General De- goutte ergehen sollen und die die in den neu- besetzten Geb e en ein eführ.e Zentralver­rechnung und deren Kontrolle, die Verwen­dung des Erttags der Beschlagnahmungen usw. betreffen. Es wurde beschlossen, daß die verschiedenen Waren und die Produkte, die in den besetzten Gebteten beschlagnahmt wurden, um die von beiden Regierungen oder ihren Staatsangehörigen gemachten Bestellungen von Sachlieferungen zu decken, diesen direkt zur Verfügung gestellt werden sollen. Der Heber» schuh der beschlagnahmten Waren und Pro­dukte wird von den französischen und belgischen Behörden verkauft werden. Der Erttag dieser Verkäufe wird der Verrechnungskasse der Pfänder überwiesen und nach Begleichung der verschiedenen Besetzungs- und BettiebSkosten wird der überschießende Betrag der Repa­rationskommission überwiesen werden. Die bei­den Regierungen haben ihre Entschließungen von Brüssel dahin bekräftigt, daß sie die R ä u- mung des Ruhrgebiets und der auf der rech­ten Seite des Rheins neubesetzten Gebiete nicht von einfachen Versprechun­gen abhängig machen, sondern daß sie sie nach Maßgabe der Erfüllung der deutschen Repa- rativnsderpflichtungen durchführen werden.

Paris, 15. April. (WTB.) Heber das Er­gebnis der französisch-belgischen Konferenz ver­breitet Havas eine offenbar amtlich beeinflußte Mitteilung, ,m der die Agentur feststellen zu können glaubt, daß die Verhandlungen in einem ausgesprvchentechnischen Rahmen ge­blieben seien.

Die be'gischen und französischen Staatsmänner .hätten ihren gemeinsamen Willen bekundet, die Ruhraktion immer produktiver zu gestalten, damit sie diese so lange fortsehen könnten als es der deutsche Widerstand erforderlich mache. Daraus erklärten sich die Anordnungen zur Beschleu­nigung der Abbeförderung der Koh­len- und Kvkslager, indem man das Per­sonal vermehre, sowie die Maßnahme. Kohlen­steuer- auch für Kohlen einzuziehen, die für den deutschen Gebrauch bestimmt seien. Außerdem solle die Holzgewinnung in ben '(Staats- for sten verstärkt werden. Sch'ießlich beab­sichtige man, die widerspenstigen Eisenbahn- beamten auch fernerhin auszuweisen. Anderers its hätten die franwnschen und bel llchen Minister den Grundsatz ausgestellt, daß die Kosten für die Beschlagnahme des Ruhrgebiets als eines Pfandes und dessen Ausbeutung als P r i o r i t ä t an Frankreich und Belgien, die sie durch­führten, zurückzuzahlen seien, und zwar aus dem Ertrag der Besetzung selbst. Erst der tteberschuh solle an alle Alliierten zur Ver­teilung gelangen. Zu diesem Zweck würden die französischen und belgischen Behörden eine regel­mäßige Buchführung einrichten. Finanzminister de Lasteyrie begebe sich deshalb nach Düsseldorf, um in eine Beratung mit den Technikern diese Organisation duichzusühren D e belgischen und französischen Minister hätten schließlich fest­

gestellt, daß der englische Standpunkt vom französischen und belgischen nochzu weitent­fernt sei, am zur Zeit über die Reparationsfrage neue, aussichtsreiche Verhandlungen mit England wiederaufzunehmen. Dagegen habe man die Rütz- lichkeit anerkannt, von französischen und belgischen Sachverständigen die Grundlagen einer finanziellen Regelung der Reparationen aufstellen zu lassen. Zu diesen! Zweck werde Louis Darthou unter Beistand von Seydour mit dem belgischen Ver­treter in der Reparationskömmission, Delacroix, verhandeln. In diesem Zusammenhang scheine man die Absicht zu haben, sich von dem Rahmen des Zahlungsplans vom 5. Mai 1921 nicht zu ent­fernen, der die Zahlung von Schatzbonds der Serien A und B im Werte von 50 Milliarden und in der Restzahlung von 82 Milliarden durch die Schahbonds C vorsehe. Wan wisse, daß Poin- care auf der letzten Londoner Konferenz vor- geschlagen habe, die für die Liquidierung der er­forderlichen (Dummen auf den Schahbonds der Serie C zu entnehmen, wodurch die deutsche Schuld entsprechend herabgesetzt würde.

In etwa 14 Tagen werde eine neue Kon­ferenz dec französischen und belgischen Mi­nister in Brüssel abgehalten werden, in deren Verlauf die inzwischen von den Sachverständigen geleisteten Arbeiten geprüft würden. Ohne Zweifel werde dann auch die Sicherhtttsfrage geprüft wer­den, die auf der letzten Konferenz nicht berührt worden sei.

Die Rede Poincarss in Dünkirchen.

Paris, 15. April. (WB) Anläßlich der Ent­hüllung eines Kriegerdenkmals in Dünkirchen hielt der Ministerpräsident P o i n c a r 6 eine Rede, in der er einleitend erllärte, daß Frankreich und Belgien zur Pfandnahme des Ruhrg biets ge­schritten seien, weil Deutschland seine Verpflich­tungen nicht erfüllt und weil Frankreich selbst an­nähernd 100 Milliarden für fette Rechnung habe bezahlen müssen. Deutschland noch weitere Auf­schubfristen zu gewähren, hätte uns ihm vollständig ausgeliefert. Frankreich habe sich jetzt davon über­zeugt, daß Deutschland die Kohlen hätte liefern können, die es uns verweigerte, denn es habe sich so eingerichtet, daß es jetzt die Ruhrkohlen ent­behren könne. Wir haben den Beweis erlangt, daß Deutschland in der Lage gewesen wäre, uns mit ausländischen Devisen zu bezahlen. Weiter haben wir gewisse militärische Organi ationen auf­lösen können, die es unter dem harmlosen Ra- menSchut-.prlizei" verborgen habe. Die Pfänder, die Deutschland uns nicht geben wollte und die auch gewisse A liierte für unnötig geha.ten haben, hal­ten wir für unerläßlich.

Poincare erklärte dann, .daß Frankreich die Pfündernicht gegen einfach eV e r s p r e» chungen herausgeben werde und daß es nur nachMahgabeder geleisteten Zah­lungen sich aus dem Ruhrgebiet her­ausziehenwerde. Selbst England und Ame­rika haben sich nicht enthalten können, wenigstens unsere Beweggründe zu. billigen. Der Mc-inungs- umschwung in diesen Ländern sei zum großen Teil darauf zurückzuführen, daß Frankreich es verstan­den habe, seinen Willen durchzusetzen und daß es jetzt die sogenannteSchlagader" Deutschlands in Händen habe.

Poincare fuhr bann fort: Wir gedenken nie­mand zu erdrosseln und haben nur den Wunsch, uns bezahlt zu machen und uns vor dem finan­ziellen Zusammenbruch zu bewahren. Kein Mensch könne ernst'ich glauben, daß F.ankrcich den tollen Gedanken hge fr m'e Bolter un er sein Ich zu bringen und sich Gebiete gegen den Wil­len seiner Bewohner anzueignen. Poincar^ wandte sich dann gegen die Einwürfe gewisser Franzosen gegen die Ruhrbesetzung und erklärte, daß er sich durch jene Gelegenheitspessi­misten nicht von semem Ziele ab bringen lassen werde. Die Gesamtheit des Landes fei entschlossen, das zu Ende zu führen, was begonnen worden sei. Die Aktion werde mit dem voll ommenen Wieder­aufbau unserer verwüsteten Provinzen und mit der Wiedererhebung Frankreichs enden. Vergeblich werde Deutschland auch nur eine einzige Minute be3 Schwankens ertoar en. Frankreich werde durch­halten, wie es biSher ohne Gewalt (!) und ohne Provozierung (!) durchgehalten habe. Es werde jusquau boul voranschreiten und durch einen dauerhaften Frieden und einen F i.den der Wi.dorherstellung das Work feiner Toten vollen­den. Dadurch werde es ihnen die beste Huldigung darbringen, die sie von den Tleberlebenden erwar­ten können.

Neue Tiraden des Krie^sininisters Maginvt.

Paris, 16. Aprll. (WB.) Kriegsminister Maginvt hielt gestern auf dem Kongreß der Kriegsbeschädigten in Dalenciennes eine Rede, in der er sagte, Schwanken in der Aktion im Ruhr­gebiet heiße die Interessen des Landes verraten. Angesichts des deutschen Widerstandes muh sich unser Druck im Gegenteil noch verstärken. Wir haben in der Pariser Konferenz die notwendigen Maßnahmen festgelegt, damit unser Druck immer stärker wird und damit die deutsche Regierung begreift, daß Deutschland alles zu verlieren hat, wenn es den Kampf fortsetzt. Wir wollen auf unsere Zwangspoli.it nur verzichten, wenn Deutsch­land nachgibt, und das Ruhrgebiet nur verlassen, trenn Deutschland uns bezahlt hat.

(Erwachen einer (tzegenftrömung in Frankreich?

Paris, 16. April. lWTB.) Wie dieEre Rouvelle" mitteilt, hat sich in Lyon ein Ko­mitee gebildet, das den führenden Intellek­tuellen, den Freimaurerlogen, den leitenden Mit­

gliedern der Liga für Menschenrechte, den Leitern der Radikalen, Sozialisten und Kommunisten eine Petition hat zu gehen lassen, um die Revision oed Friedensvertrags von 1919 zu verlangen. In der Petition heißt es, daß der Vertrag von Versailles den Deutschen ohne kontradiktorische Verhandlungen unter Verletzung der 14 Punkte Wilsons aufgezwungen worden sei, und daß willkürlich in einseitiger Weise die Verant­wortung für den Krieg ausgesprochen wurde. Das Komitee verlangt: 1. die sofortige Räumung der militärisch besetzten Gebiete und 2. eine kontra­diktorische Debatte und eine allgemeine Debatte über die Verantwortlichkeit aller Kriegführenden, über alle Kriegs Ursachen und über die Kriegführung.

Eine französische Note über die letzte Rede des Reichskanzlers.

Berlin, 14. April. Wie die Blättei melden, ließ die französische Regie­rung der Reichsregierung eine Rote über­reichen, in der einige Stellen der Rede, die der Reichskanzler anläßlich der Trauer­feier für die Essener Opfer gehalten hat, be­anstandet werden. Die Avte beschwert sich be­sonders darüber, daß der Kanzler von feind­lichen Truppen gesprochen habe. Die Frage der Beantwortung der Avte und ihrer Veröffent­lichung wird von der Reichsregterung gegen­wärtig erwogen.

Reue Gewalttaten gegen die Kohlenindustriellen.

Berlin, 15. April. (Wolff.) Die Franzosen haben bekanntlich Ende Februar eine Verordnung über die Zahlung der Kohlen st euer an die französischen Kassen erlassen. Diese Ver­ordnung stellt den Gipfel aller bisherigen Will­kür und eine Verachtung des Rechts dar, sie bestimmt, daß die nach dem 1. Oktober 1922 fällig gewordenen Kvhlensieuem von den einzelnen Kohlenzechen an die französischen Kassen bezahlt werden müssen, obwohl den Franzosen genau bekannt war, daß diese Köhlensteuem rest­los längst bezahlt sind und daß im Ruhr­gebiet nicht die KMenzechen, sondern das Kohlen­syndikat der Steuerschuldner ist. Es wird also bewußt eine doppelte Bezahlung der Kohlensteuer, sogar für eine lange vor dem Ein­marsch der Franzosen liegende Zeit verlangt, und zwar von Zechen, die die Steuern gar nicht schul­den. Richt genug damit. Wenn die Zechen sich weigern, die bereits bezahlten Steuern nochmals zu entrichten, so wird den Aufitchtsräten und den Leitern der Gesellschaften jeder Eingriff in ihr PrivatvermöFen und persönliche Schuldhaft, eine im modernen Recht verpönte und mittelalterlichen Rechts regriffen entnommene Zwangsmaßnahme, angedrvht. Diese willkür­lichen und rechtswidrigen Anordnungen sollten bereits am 1. April in Kraft treten. Der Ter­min ist von den Franzosen dann aber auf den 15. April 'hinausgeschoben worden. Den deutschen Kohlenindustriellen drohen daher jetzt wieder neu« Gewalttaten. Sie 'haben sich dadurch tn ihrer festen Abwehrhaltung nicht beirren lassen und einmütig den Beschluß gefaßt, sich der Ge­walt nicht zu beugen. Wenn die Franzosen ihre Drohungen wahr machen, werden sie nur von neuem den Beweis erleben, daß sie mit Gewalt im Ru'hrgebiet nichts erreichen formen.

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-Buer, 14. April. (WTB.) Als heute vor­mittag Reichsgraf Egon von Westerholt und Gysenberg. der Vater des 1920 auf Haus Sythvn von den Spartakisten ermordeten Grafen Wester- Holt, in der Familiengruft beigesetzt wurde, wurde mitten aus der Trauerversammlung heraus Amt­mann von Klein sorge-Herten von den Franzosen verhaftet und abgeführt. Die Häscher suchten zunächst den Amtmann vergebens in seiner Wohnung. Sie nahmen bann die Frau des Amtmanns als Geisel mit und zwan­gen sie, die Offiziere und Kriminalbeamten nach Westerhvlt zum Schlosse zu begleiten.

Vermehrte Ausweisungen.

Darmstadt, 14. April. (WTB.) Die Fran­zosen gehen gegen die Eisenbahner immer rigoroser vor. Die Ausweisungen er­folgen jetzt schon mittels der Eisenba'hn. Ein Zug mit etwa 60 E isen ha hn o e a m ten und - ar^ eitern aus der Richtung Griesheim hielt heute mittag zwischen Weiterstadt und Darmstadt auf freiem Felde, und die Eisenbahner mußten von dem Schienenweg nach Darmstadt gehen. Ein zweiter Zug mit ausgewiesenen Eisen­bahnern wurde bei Gernsheim angehalten. Die Familien der Ausgewiesenen müssen innerhalb von vier Tagen folgen. Die meisten Ausgewiese- nen stammen aus Goddelau, Wvlfskehlen, Dom- Heim, Groß-Gerau und Klein-Gerau. Die Aus­weisung erfolgte, weil die Eisenbahner auf er­neutes Befragen erklärten, für die Franzosen nicht arbeiten zu wollen.

Eine unerhörte Anmaßung der Rheinlandkommission.

Berlin, 14. April. Die französischen Bes^-ungs behorden sind nunmehr auch an y chiedenen Orten des altbesetzten Ge­biet« ^azu über gegangen, ähnlich wie im Ruhr- geb - anLadenbesiher das unerhörte Ver- lansi M stellen, Plakate der Rheinlandkonv» I miffu oder sonstiger Desahungsbehörden an der | Innenseite der Schaufenster anzuheften. Die Rheinlandkommission sucht dieses ungeheuerliche