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Hessischer Landtag.

60. Sitzung.

St. Darmstadt. 13 3unt.

Pröfident Adelung eröffnet die Setzung 9i/i Mr. Es folgt die Weiterberatung des

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Abg. Sturmfels (S.) protestiert zunächst gegen das Urteil im Fechenbach-Prozeft und ver­langt, die hessische Regierung solle den bayeri- schen Volksgeiichten die Rechtshilfe verweigern. An Richterpcrsonal auf dem flachen Lande kann nach unserer Ansicht gespart werden. Richter an kleinen Amtsgerichten haben in dec Woche ost eine Arbeitsleistung, die nur^na

sprach nimmt. Der Redner macht oarfchiledene Dorschläge zu Zusammenlegungen bzw. Aende- rangen auf diesem Gebiete. Er bespricht dann die Vorbildung des jungen Richternachwuchses and kritisiert die Tatsache, daft verhaltnismähig junge Amtsanwälte in Stellen kommen, aus denen sie nur auf dem Disziplinarwege entfernt werden können. Das sogenannte Ferkels techer" wesen mässe unbedingt bekämpft werden. Die auster- berufliche Tätigkeit untergeordneter Organe würde nicht genügend bewacht. 3m Falle des Höchster Landfriedensbruchsprozesses hat der Staatsan­walt die Geschworenen offenbar n<5ch politischen Gesichtspunkten abgelehnt. Es wurden alle po­litisch linksstehenden Geschworenen abgelehnt. Das ist ein Mistbrauch der V-efugnis des Staatsan­walts. 3n den Kreisen des Republikanischen Rich­terbundes hat man das Gefühl, dah die Zuge­hörigkeit zu diesem Bunde der Beförderung nach- teilig sei. Wir sind auch sonst der Ansicht, dah der moderne Geist in dem Ministerium der Justiz noch nicht Platz gegriffen habe. Das zeige sich be­sonders auch bei Begnadigungen.

Aach der Pause spricht Abg. Kaul (S.) über den Antrag der Sozialdemokraten, einen Gesetzentwurf einzubringen, der bezwecken soll dah

die AbfmdirngSgelder des Großherzogs

nicht zu hochverräterischen Zwecken verwendet werden. Vom Prozest Machhaus und Fuchs usw. führen Fäden nach Darm­stadt. Der Redner wolle nicht behaupten, dah der Grostherzvg Ernst Ludwig selbst Restitutions- absichten hege, aber er behaupte, dah in der näch­sten Umgebung des Grvstherzogs derartige Ab­sichten und Pläne in Richtung einer Rhein­bund Politik bestehen. Er bchaupte und wolle beweisen, für die Absindungsaktion waren in der nächsten Umgebung des Grostherzozs ganz andere 2lbsichten vorliegcmd, als die Aot der Beamten zu lindern. Er meine in erster Linie die Person des Grafen Hardenberg, der ein Tagebuch geführt hat, in dem interessante Aotizen enthalten sind. Der Redner verlieft dann Stellen aus diesem Tagebuch, die ihm Beweis seren, dast die Ab- findungssummen, die für den Grostherzog vom Staat eingeklagt werden sollen, zu Restitutionen dienen sollen. Von einem großen Ziel ist in den Aotizen die Rede, zu dessen Erreichung der Schreiber sich nicht durch kleinliche Dinge, wie Derleumdungs- oder Beleidigungsklagen, zer­mürben lassen wolle, und das zum Wiederaufbau der Hausmacht des Grvstherzogs führen _ soll. Ferner wird in diesen Tagebuchiotizen bestätigt, dast die Bemühungen bei einem Redakteur Kn. (Knoblauch?) vomVolksfreund", einen anderen Ton in die Angriffsartikel zu bringen und per­sönliche Verunglimpfungen des Grostherzogs zu vermeiden, von Erfolg gewesen seien. Aach an­deren Tagebuchstellen halte er es für notwendig, dast das Staatsministerium darüber Auskunft gebe, welcher Art die Verhandlungen mit den Franzosen 1920 gewesen sind. Von dem Iustiz- minister verlange er Auskunft darüber, ob der in dem Tagebuch erwähnte Herr v. Eiff der gleich­namige Beamte des Justizministeriums sei, und welche Rolle er bei den Abfindungsbesprechungen in dem Palais gespielt habe. Auch die Erklärung des Landgerichtsdirektors Rüster erscheine durch eine Tagebuchnotiz in ganz besonderer Beleuch­tung Wenn auch nirgends von gewaltsamem älmsturz die Rede sei, so sei doch jedes Bestreben einer Verfassungsänderung ein Hochverrat. (Lachen rechts. Hört, hört! links.) Der Redner fragt: Was sind denn Restitutionen? Wozu braucht der Grostherzog das Geld und die Macht? Aur wenn das Geld vorhanden, das hier der Staat bergeben soll, kann die Macht des Grost­herzogs gefestigt werden und zum Ziele führen. Der Redner gebe ohne weiteres zu, dast der Um­sturz von 1918 ebenfalls im Sinne der früheren Regierung Hochverrat gewesen sei. (Hört, hört! Unruhe!) Qfber, wenn dieser Umsturz nicht zum Ziel geführt hätte, wären wir sicher auch wegen Hochverrat unter Anklage gestellt worden. (Sehr wahr! Hört, hört!)

Abg. Dr. Werner (SntL): Wir lehnen diesen Antrag ab, nicht wegen seiner rechtlichen Unhaltbarkeit, sondern auch wegen der mast- losen Beschimpfung, die er enthält. Wenn hier von einem Milliardensegen gesprochen wird, so ist darauf binzuweisen. wie gering die Summen in Wirklichkeit sind. Es ist eine einfache Pflicht der Gerechtigkeit für den Staat, einen gestürmten Monarchen so zu stellen, dast er vor Aot geschützt wird. Wenn Herr Kaul auf einem Weg. den ich nicht kenne, und den ich nicht billigen kann, in den Besitz des Tagebuchs gelangt ist, so halte ich die Lllisnutznng dieses Weges doch für sehr bedenklich. Auch wir besitzen solche Aufzeichnungen politischer Führer der Linken. Wir machen davon nur im äustersten Aotfall Gebrauch. Ein Tage­buch Aft eben ein Tagebuch, in das man manches schreibt, das nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt ist. Graf Hardenberg ist Privatmann und hat selbst zu verteidigen, was et in fein Tagebuch aufzeichnete. Interessant ist, dah die Sozial­demokratie sich jetzt offen dazu bekennt, dah sie die Revolution, den Umsturz, gemacht hat. Bisher hieh es immer, sie sei von der Revolution über­rascht worden und sei nur die Auhniestclrin. (Zwischenrufe.) Zum Iustizetat selbst wünschen wir vor allem die restlose Durchführung eines deutschen Rechtes und deutsche christliche Richter. Dir wünschen die Beibehaltung des Verufs- richtertums auch auf dem flachen Lande, wo der Richter nicht nur ein Rechtsprecher, sondern auch Berater sein soll. Der Schiedsspruch des Ober- kandesgerichts Darmstadt in der Frage der Goldhhpotheken scheint uns nicht glück- lich zu scin. Wir wünschen eine Beschleunigung der Rechtsverfahren. Der stärkere Schuh der persönlichen Ehre muh durchgeführt werden, wenn

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Gießener Anzeiger (Genera!-Anzeiger für Oderhessen)

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Mlag, (5. Juni (925

die Duelle eingeschränkt werden sollen. Recht- suchende müssen auch gegen Rechtsanwälte ganz bestimmter Art geschützt werden. Anwesende sind natürlich in vollem Umfange ausgeschlossen. Die Rechtsprechung muh dem Empfinden des Volkes entsprechen. Der Richter muh Recht sprechen ohne Ansehen der Person und ohne Rücksicht auf politische Zugehörigkeit. Die Er­klärung des Landgerichtsdirektors Dr. Rüster ist ein Akt der Aotwehr. Bedenklich ist, dah der Staat sich auherstande erklärte, die Richter in der gewünschten Weise zu schützen. Wenn die unglaublichsten Anwürfe gegen Urteile und Rich­ter geschleudert toerben können, ohne dah der Staat schützend eingreift, dann hat dieser Staat versagt. Wenn einmal die Urteile so ausfallen, wie die Linke es wünscht, dann sind wir vom Bolschewismus nicht mehr weit entfernt. Wir ver­langen gleiches Recht für alle. Manche Urteile gelegentlich der Haus- und Landfriedensbrüche in der Zeit des RathenaumordeS schlagen dem Rechtsempfinden des Volkes inS Gesicht. Der Staatsgerichtshof ist ein Sondergeickchl gegen parteipolitische Führer der Rechten, dessen Be­seitigung wir fordern. Den Blättern und Führern der Linken wird alles nachgelassen. Mr die besteht der § 8 des Gesetzes^ zum Schuhe der Republik nicht. Ober ist es wahr, dah dieses Gesetz nur gegen rechts angetoenbei wird? Der Redner führt im weiteren eine Reihe Spezial­fälle an, wie die Fälle Dellers, Schmehl usw. Ehrverletzungen sollten in ganz anderer Weise bestraft werden, dann wird auch der Ton in der Presse anders werden. (Vielfach Zwischenrufs und Unruhe.)

Abg. Wünzer (Dtsch. Vpt.): Die Iustiz- bebatte der letzten Tage zeigt ein verschiedenes Angesicht. Der heutige Tag brachte einen An­sturm gegen das Derussrlchtertum, dem man Weltfremdheit und dergleichen vvrwirft. Gerade die Klagen der Linken und Rechten über zu schwere und zu leichte Strafen beweisen, dah, wollten wir dem nachgeben, wir erst zu einer Klassenjustiz kommen toürb-n. In derFrkf. Z t g." erschien ein Bericht über den Prozeh Pusch, der eine krasse Entstellung der Tatsachen brachte. (Hört, hört!) Es wäre derFrkf. Ztg." ein leichtes gewesen, sich über die wahren Tatsachen zu unterrichten. Das ist zum mindesten leicht­fertig. Was sich derVolksfreund" in dieser Beziehung leistet, gebt oft über alles Mah hinaus. Er greift einzeln: Richter und das ganze Land­gericht in unerhörter Weise an und erhebt un­gestraft den Vorwurf der Rechtsbeugung. (Sehr wahr!) Das Justizministerium hat die Straf­verfolgung abgelehnt und die Richter auf den Weg der Selbsthilfe verwiesen. Das ist durch die Err.ärung des Landgerichtsdirektors Rüster in durchaus würdiger und rechter Form und Weise geschehen. Der Redner geht dann ebenfalls auf Spezialgebiete ein. Ec.bespricht die juristischen Staatsprüfungen. Ein Völkerrecht gebe es ja heute nicht mehr, nur ein Völkerunrecht. Wo ist die oberste Instanz des Völkerrechts, der Völker­bund? Unsere Beschwerden über völkerrechts­widrige Vergewaltigungen verhallen ungehörig Wie und warum soll man heute die langest Juristen im Völkerrecht prüfen? (Sehr richtig!) Zuzugeben ist die Aotwendigkeit der Engünzung der Bibliotheken. In der Str^vollstreckung ist Hessen vielfach vorbildlich. Die Gebühren und Tagegelder bebürfen noch vielfach der Aach- prüfung. An Stelle des Hilfssenats am Ober» landesgericht Darmstadt empfiehlt der Redner einen ordentlichen Senat. Die neuerrichtete dritte Strafkammer sollte nicht wieder abgeschafft wer­den, sie ist durchaus notwendig. Don einer Ueber- fättigung des Landes mit Richten: kann keine Rede fein. Im Krieg wurde allerdings schneller gearbeitet, aber nicht im Interesse der Sache. Es konnte da keine Qualitätsarbeit geleistet werden. Er warnt ernst davor, gegen kleine Amts­gerichte mit zwei Richtern zu wüten. Sie seien notwendig, wenn nicht das erreicht werden soll, was gerade vermieden werden muh, die Welt­fremdhell der Richter. Dah die Ao elle zur De- soldungsvrdnnng ni cht vorgelegt wurde, ist höchst beklagenswert. Im Gegensatz zu früher muh heute der Richter um Gleichstellung mit anderen Beam­ten kämpfen. In den Landfriedensbruchsvrozessen Höchst usw. war scharfer "Eingriff der Staatsan­waltschaft unbedingt geboten. Es wird niemand länger in Haft behalten, als unbedingt notwendig. Die Ablehnung der Geschworenen ist durchaus nicht einseitig erfolgt. Der Herr Staatsanwalt Mickel chat durchaus geschickt und berechtigt die Geschworenen abgelehnt, nachdem die Derteidr- gung alle politisch rechtsstehenden abgelehnt hatte. (Sehr richtig! rechts.) Der Fall Schla­ge ter bedeutet für mich einen so unglaublich traurigen Vorfall, dah es nur tief bedauert erer­ben kann, diesen Fall in der Weise, wie heute Herr Sturmfels es getan, in die Debatte zu zie­hen. (Sehr richstg! rechts.) Wer Leute wie Schla- geter nch Ruhestörern auf eine Stufe stellt, zeigt, dah zwischen seiner und unserer Weltansch-iuung eine unüberbrückbare Kluft gähnt. (Sehr richtig!) Der Antrag Kaul bedeutet auch nach der heutigen Begründung eine rechtliche älnaeheuerlichkeit. (Sehr richtig, kechts.) Wenn Herr Kaul auf sicher unredlichem Wege (nicht er, sondern der. der sie ihm gab) die Aotizen des Tagebuchs erhallen hat. so werde es richtiger gewesen, dieses der Justiz­behörde zu übergeben, die zu prüfen hätte, ob hier hochverräterische Pläne vvrliegen. Wir leh­nen den Anttag ab. (Bravo!)

Aächste Sitzung Donnerstag 9 ülhr. Schluh 1 Uhr.

Aus Hessen.

Die ErwerbLlosLNunierstutzun^.

rm. Darmstadt, 14. Juni. Der Finanz- a u s s ch u h setzte heule feine Beratungen über den Antrag der Abg. Kaul und Gen. betr. dis Erwerbslosenunter st ühung fort and nahm nach kurzer Aussprache den ersten Teil des Antrages an, wonach die Regierung erlucht werden soll, bei dem Reiche vorstellig zu werden, dem Volksstaate Hessen zur Förderung der vro- d u k t i v e n Ecwerbslose.-un.ersiühlin z sofort dreihig Milliarden Mark ^ur Verfügung zu stellen. Weyen des zweiten Teils des Antrages, der die Festsetzung einer einmaligen Wirt s ch a f t s b e i h i l f e an die Erwerbslosen betrifft, soll eine Deputation aus drei Mitgliedern sobald wie möglich mit dem Reichswirtschaftsminister in Berlin unterhandeln.

Ein Besuch

bei ausgewiesenen Eisenbahnerfamilien.

Glänzende deutsche .FilfstatigkeiL. Das Wüten der französischen Bestien.

Giehen, den 14. Juni 1923.

Wahrend die verbrecherische Soldateska Frankreichs tn immer größerem Ausmaft neues Elend über friedliche, vom edelsten Aalionaigesühl beseelte deutsche Bürger bringt, regen sich im freien deutschen Vaterlande tagtäglich zehn- tausende von Händen, um die Aot zu lindern und bie_ seelischen Wunden za schließen, die unsere Brüder und Schwestern im feindlichen Bereich für das Vaterland erlitten haben. Vielgeftalttg ist die Hilfstätigkeit, die entgegen allen Aus­streuungen des französischen Prvpagandadicmstes überall im unbesetzten deutschen Dnterlande ausgeübt wird. Geldsammlungen sind überall im Gange und bringen fortgesetzt sehr erhebliche Summen zusammen, die -.um Besten der bedräng­ten Volksgenossen Verwendung finden; Aahrangs- mitlelsommlunge'n sind dazu bestimmt, das Ge­spenst des Hungers in den schwerbetroffenen Tei­len unseres Vaterlandes zu bannen, und banf der großzügigen Denk- und Händlangsw eise der deutschen Landwirtschaft sieht dieses Gebiet der Fürsorge Leistungen allerbester Art: das Hilfs- werk für die Ruhrkinder, überall mit größter Herzlichkeit getan, wird für alle Zeiten ein leuch­tendes Ruhmesblatt in der deutschen Geschichte dieser Artzeit fein; mit viel Sorgfall und Liebe nehmen sich dir in Frage kommenden Behörden ihrer ausgewiesenen Beamten and Arbeiter an und sorgen aufs bestmöglichste für de e \ leibliche und seelische Erholung von dem ungeheuerlichen, unmenschlichen Druck, den die feindlichen Macht­haber in ihrer bekannten Verbrechermanier auf diese braven deutschen Männer und Frauen aus­üben.

Allen Helfern voran steht bei dieser Fürsorge die Reichsbahnverwaltung, und von ihr sind es namenllich die beiden bis jetzt am schwer­sten. In der Abwehrfront stehenden R ichsbahn- direktionen Trier und Frankfurt a. M., denen man ihrer ausgezeichneten Flüchlsingsfür- forge wegen ganz heroorragende Verdienste in dem Kampfe für unser gutes deutsches Recht zu- sprechen rauft. Jede Eisenbahnerfamilie, die von den Franzosen in brutalster Weise ohne Hab and Gut aus der Heimat vertrieben tixtrb? und körper­lich und seelisch geschwächt und bedrückt an einer der Aufnahmestatio.'.ea ankam, hat sich dort nicht nur körperlich gekräftigt, sondern an all der Liebe und Fürsorge sich auch innerlich wieder aufge­richtet; man sah hier schon, daft die Deutschen diesseits der Besatzungsgrenze ihre leidenden Volksgenossen dyrt brüb>n nicht im Stiche lassen, daft vielmehr alles Mögliche aufgeboten wird, um ihnen die herzliche Bekundung des Gefühls der Aotgemelnschaft empfindbar zu machen.

Im Laufe der Zell ist die Fürforgeorgani- f al ton der Reichsbahnver Wallung im Zuständig- kettsber eiche der Direktionen Trier, z. Z. in Gieften, und Frankfurt a. M. immer weiter ausgebattt worden. Diese Einrichtungen tommen allen vertriebenen Eisenbahnern in sorgfältigster und liebevollster Weife zugute. Eine besonders bedeutsame und sehr gute Tat in dieser Organi­sation ist neuerdings mll der Schaffung des

Etsenbahner-DurchMngLlagers in Weil- münster

vollbracht worden, das am Mittwoch durch zahl­reiche CBertretet der Presse, zu denen auch etn Mitglied der Redaktion des®ieten?r Anzeigers" gehörte, sehr eingehend besichtigt wurde. Vorweg sei schon fest gestellt: was man dort geschaffen hat, ist im besten Sinne des Wortes mustergültig und läßt auch nicht im ent­ferntesten einen Anklang an die Zetten der Kriegs- Durchgangslager zu, sondern ist beherrsch! von peinlichster Sauberkeit, vollkommener Wahrung mensch nwürd"ger Unterbringung und Schaffung weitgehender Behaglichkeit; natürlichtoi; daheim bei Muttern" kann es da nicht sein und ist es auch nicht, well ebenbei Muttern" die persönliche Eigenart in drr ganzen Lebensweise sich frei ent­fallen kann, aber dennoch wird jeder Landsmann den das Schicksal vorübergehend mit seiner Fa­milie dahin geführt hat. zweifellos mit dem Gefühl der restlosen Zufriedenheit aus diesemLager" scheiden.

Einige allgemeine Angaben über die Anter- kunftLstätte Weilmünster

dürsten, bevor wir über die -Unterbringung der vertriebenen Eisenbahnerfamilien selbst berichten, am Platze sein. Es handelt sich hier um d-os nassauische D o l k s-S a n a t o r tu m Weil­münster, eine gemeinnützige Kuranstalt für Er­holungsbedürftige, Genesende und Leichtkranke. Schwerkranke, ebenso Personen mit ansteckenden Krankheiten finden in dem Sanatorium t ir Auf­nahme. Als ärztlicher Direllor steht Dr. Unger, früher leitender 2llzt des Städtischen Kraicken- kauses Acrd in Frankfurt a. M., der Anstalt vor, die wirtschaf-liche Leitung hat Direktor Sievert, der früher Direllor des Kurhauses Dnd Aassau in Aassau (Lahn) war. Eigentümer des Sana- toriums ist der nassauische Dezirksverband', eine öffentliche Körperschaft, an deren Spitze der Landeshauptmann Wöll steht Das Bo kl-Sana-" iciium liegt landschaftlich auft'.rordentlich reizvoll, 203 Meter über den Meere, am Aordwr stab Hang des Taunus an den von dem Tale des Weilbach es sanft ansieigenden DerghängLn. Die.-.ser, allein 10 schöne Pavillons für die Gäste, sind überaus geräumig, das Anwesen ist graft (es stellt ein kleines Gut von etwa 250 Morgen Gröhe bar) ünb sehr reich gegliedert in Park, Garten. Wald und Wiesen, es liegt etwa 1 Kilometer außerhalb des OrteS Weilmünster in freier Landschaft, ist reicher Sonnenstrahlung freigegeben und gegen Aordrn und Aordosten durch Berg und Wald geschützt. Die Lust ist rein und würzig, das Klima kräftig und anregend. Etwa drei Minuten vom Sanatorium entfernt ist eine eigene Bahnstation. Der Zerstreuung dient ein stattliches Gesell­schaftshaus. das einen hübschen Feftsaal mit Tlüthnerflügel und Bühne, Kegelbahn. Terrasse, sowie Schreib- und Lesezimmer enthält. Eine eigene Landwirtschaft, die in der Aachbarschaft des Sanatoriums liegt, aber so. daft sic die Sanatoriumszwecke nicht beeinträchtigt, deckt einen erheblichen Teil des AabrungSbrdarfs des Sana­toriums. -Ueberall find die neuzeitlichen Errungen­schaften guter Wohnungskultur (Helle und luftige

Räume, elektrisches Licht, SpüMofetts usw.) tn bester Weise angewandt.

Die Anterbringrmg der Eisenbahnerfamilien hat auf die Teilnehmer der Besichtigung den besten Eindruck gemacht. Die Fürsorge wird nach folgenden Richllinien gclcüct: Die über Limburg kommenden ausgewiesenen Eisenbahner wer­den zunächst in Weilburg von Beaufttagten der Eisenbahnverwaltung und von ehrenanttlich tätigen Damen und Herren empfangen, mit Er­frischungen gelabt, mit ausreichenden Geldmitteln versehen, da ihnen ja der Feind meist keine Zett läßt, das Erforderliche mitzunehmen, und dann mit der Bahn bid zur Station des Sanatoriums, des Durchgangslagers, gefahren. Der Aufenthalt an dieser Stätte ist natürlich für die Familien völlig ? o st e n f r e i, die ausgehändigten

Geldmittel sollen die Farnllicn nur in den Stand setzen, sich wieder mit dem Ästigsten an Kleidern und Wäsche zu versehen. Während die Familien zunächst in Weilmünster bleiben, begeben sich die Männer nach einigen Tagen Ruhepause zur Flüchllingsberatungs- und älnterbringungsstelle in Fulda, wo sie weitere Mtttcilungen über den Verbleib mit ihren Familien und über evtl, dienstliche Verwendung erhallen. Don dort kehren die Männer nach Weilmünster zurück und fahren dann nach einigen Tagen der Ruhe mit ihren Angehörigen nach dem angegebenen Aufenthalts­ort. Bei allen Reisen erführen die Flüchtlinge aus sämtlichen Stationen die weitestgehendeälnter- stützung. Die Wohngelegenhett in den für die Eisenbahnerfamilien b:reitgestellten Häusern des Sanatoriums ist durchaus zufriedenstellend, die Verpflegung ausgezeichnet, und zwar in der Güte sowohl, wie in der Menge; auch für die kleinen und die kleinsten Kinder ist vortrefflich gesorgt. Diese liebevolle Fürsorge ist in allen Fällen brin­gend notwendig gewesen, denn der Feind hat mit seiner unerhörten Grausamkeit den armen Familien das Leben in der Heimat am Rhein, an der Mosel, an der Rahe usw. zu einer wahren ^ölfenqual gemacht.

Einige 'Betspiele, von den Betroffenen den Pressevertretern glaubhaft geschildert bzw. von den Besuchern selbst bemerft, mögen hier dartun. wie entmenscht die

französischen Deftien

im besetzten Gebiet gegen die ehr- und Vaterlands» liebendm, ihrem Eide treuen Eisenbahner toben. Ein Eisenbahnbeamter wurde mit seiner Frau aus dem Hause vertrieben, obwohl die Frau unmittelbar vor ihrer Entbin­dung stand. Die Frau konnte gerade noch bis nach Wollmünfter gelangen, wo sie kurz nach ihrem Eintreffen einem Knäblein das Leben schentte. Der am Besichtigung s tage vier Tage alle Flüchtling, der noch nicht geboren schon die Sicher­heit derberühmten" Räuber- und Afrikaner- Armee der Verbrecherfirma PoincarS-Millerand bedroht hatte, wird hoffenllich die trüben und aufterordentlich leidvollen Erlebnisse feinerOltutter in ihrer schwersten Stunde später einmal er­fahren, daS Gehörte dann sehr beherzigen und fein Denken und Handeln gegenüber der Ration, die feine Mutter so grausam behandelte, ent­sprechend einrichten.

Ein anderer Fall; Ein braver Eisenbahner, Oberhaupt einer Familie mit 4 ober 5 Kindern, aus einem Orte bei Dacharach, den wir hier aus begreiflichen Gründen nicht nennen wollen, Vertrieben, erhielt den Ausweisungsbefehl am Dienstag früh um 511 ft r, als er, seine Frau und die Kinder noch im tiefsten Schlafe lagen. Unverzüglich muftten sich die Eltern fertig machen, die Kleinen muftten aus ihren Betten gerissen und in Hast angelegen werden und fort muftte die Familie ohne Mvrgenimbift und unter Zurücklassung s ämtlicher Habe. Die einzige Antwort, die der Mann auf feine Frage nach dem Grunde der Maftnnhme erhielt, bestand aus den drei Worten:Sie sind ausgewiesen." Die wenig holde Gesinnung, die der Mann, allem Anscheine nach eine treuherzige und gutmütige Aatur, für Frankreich in der Brust trägt und der er in kernigen Worten Aus­druck gab, kann man nach dieser brutalen Be­handlung nicht nur. begreifen, sondern muft sie auch voll und gwiz bllligen.

Ein neues Bild: Vor dem Hauptbahnhof in Trier wurde ein junger Eisenbahner von den Kreaturen Dvincaräs aufgcgriffen und unverzüg­lich zum Avschub gebracht. Seine Ditte, doch we­nigstens feine 70 Jahre alte Mutter her­beirufen zu lassen, damit er sich von ihr ver­abschieden könne, wurde von drei französi­schen Gendarmen rundweg abgeschlagen. Der junge Mensch wurde sodann von Qltarof» lauern mit dem Bajonett in das Abtell getrieben. Am gleichen Morgen wurden mit demselben Zuge wieder etwa 20 Eisenbahnerfamilien aus Trier vertrieben.

Bon einem anderen aus Trier Vertriebenen wurde uns erzählt, daft er mit seinen Angehörigen innerhalb 10 Minuten aus der Wohnung muftte, von seinen Möbeln durfte er kein Stück mitneh­men, ebenso wenig von seinem übrigen Eigentum. Die Ditte, ihm nur eine halbe Stunde Zeit zur Ordnung des Aotwendigsten zu geben, wurde von französischen Gendarm glatt abgeschlagen.

Ein junger Eisenbahner, der uns gleichfalls seine Erfahrungen mit den Vertretern der fran- zösischenKulturträger" schilderte, unterstrich mit Recht die bodenlose Gemeinheit des Feindes, die ihn zu hindern suchte, von der am Bahnhof weilenden alten Mutter Abschied zu nehmen. Das Mütterchen stand am Zaun des Bahnsteigs, der junge Mann war in den Zug getrieben wor­den und durfte noch nicht mal zum Fenster her­aussehen, sich auch keine Zigarette anstecken. Drauft.en hielten Frankreichs edle Söhne aus Afrika und Madagaskar", dsar in den Augen der übrigen Kulturwelt nur Wilde sind, mit aufge­pflanztem Bajonett und schuftbereitem Gewehr die Wache. In einem günstigen Augenblick ge­lang es dem jungen Manne, an den Zaun zu springen und seiner Mutter doch noch die Hand zu brikEen. Aber da lam der Afrikaner, der ebenfo wie Poincars einwürdiger" Reprä­sentant dergrande Ration" ist, eiligst heran- gefegt und scAeunigst muftte sich der junge Deut-