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8rettag, 15. Mi 1925
Erster Blatt
173. Jahrgang
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhesfen
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Die englisch-französische Auseinandersetzung.
Paris. 14. Sunt (WTD.) Hadas berichtet: Das britische Memorandum. taS getern dem französischen Botschafter in London übermittelt wurde, ist heute vormittag im Ministerium für auswärtige Angelegenheiten angekommen. Die Qtote verlangt Aufklärung namentlich über die Bedingungen. unter denen die französisch: Regierung von D.utschlrnd die Einstellung des passiven Widerstandes im Ruhrgebiet verlangen will, sowie über die von dec französischen Regierung für die Regelung des Reparn- tionsproblems ins Auge gefaxten Modalitäten. (JKmcavö hat. wie der „Temps" berichtet, im I Ministerrat von dem Inhalt des ena- \fcri Memorandums, das nicht veröffentlicht
Kenntnis gegeben.
Ein Bcschlnh der englischen Llrbciterpartci.
London. 14. Juni. (WTD.) Die parlamen- tartsche Fraktion der Arbeiterpartei hat eine Resolution angenommen, die besagt, daft das letzte deutsche Angebot eine solide Grundlage für Berhandlungen darstelle. Die Resolution dringt darauf, das) die Regierung gegen Forderungen a u f de r H u t sein möge, die darauf hinausliefen, daft einer der Beteiligten bedingungslos kapitulieren solle.
Eine Erklärung Baldwins im Unterhanse.
London. 14. Juni. (WTD.) Das Unter» Hausmitglied Charles Buxton fragte den Premiermii *.er, ob er wisse, daft ein grohee Teil der öffentlichen Meinung in England gegen jede Erklärung der englischen Regierung fern würde, die eine Billigung der französisch-belgischen Besetzung des Ruhrgebiets bedeuten würde, ob irgendeine derartige Erklärung beabsichtigt sei, und wenn ja, ob das Unterhaus Gelegenheit erhalten würde, die Frage zu erörtern, bevor ein2 solche Erklärung erfolg:. 'Baldwin erwiderte, dah die Ansicht der Regierung bezüglich der französisch-belgischm Besetzung des Ruhrgebietes unverändert bleibe. Es sei nicht beabsichtigt, irgendein: Erklärung in dem in der Frage angedeuteten Sinne zu geben.
Rücktritt des belgischen Kabinetts.
P a r i S, 14. Juni. (WTD.) Der belgische Senat hat heute den Vermittlungsantrag de Drocqueville in der Frage der U m g e st a l - tung der Universität Gent Sn eine vlämische zurück^etviesen.
DasKabinettTheunishathier- auf seine Demission ein gereich».
Brüssel, 15. Juni. (WTB.) Der König hat die D e m i s s io n d e s Kabinetts angenommen.
England und Amerika.
Reu York, 14. Juni. (WTD.) Dem „Reu- hork Hevald" zufolge hat Großbritannien für 70 Millionen Dollar Liber th- Bonds gekauft, um die morgen fälligeRateseiner Schuld an Amerika zu zahlen.
Das Gewallregiment der Franzosen.
Mainz, 14. £uni. (Wolff.) Ein Chauffeur aus Rüsselsheim wurde vom hieftgen K r i e g s g e r i ch t zu 300 003 Mk. Geldstrafe verurteilt. weil ei' ohne ZulassungSbescheinigung mit einem Lastauto nach dec Rhernpfalz fuhr.
Wegen Ueberschrei'.uug des Rachtverkehrs- verbots wurden in den Kreisen Kreuznach und Meisenheim acht Chauffeure zu 10 000 bis 100 000 Mk. Geldstrafe verurteilt.
Hochheima. M.. 14. Ium. (Wolff.) Aas - gewiesen wurden erneut: Rotar Dr. Hermann Dosseler, Borsiand der hiesigen Ortsgruppe der Deutschen Bolkspartei und der Gastwirt Adam Treber, Müglied der Sozialdemokratischen Partei.
Wiesbaden. 14. Juni. (Wolff.) Die cm der Eisenbahn st reck: Riedernhausen-Idstem- Wörsdorf gelege ea Siswibahnerivohnungen xnuh'en, wie die „Treue Wiesbadener Zeitung" meldet. auf Befehl der Besatzungsorgane geräumt werden.
Darmstadt, 14. Juni. (Wolsf.)Regierungs- Reinbart vom Kreisamt A^ey wurde vom franzos.s-hen Krieg; ge ächt zu 3 M o n a t e n Gefängnis und 5 Millionen Mari Geldstrafe verurteilt.
Landau, 14. Juni. (Wolff.) Bom französischen Militärpolizeigericht in Landau wurde gestern der Oberrealschuler Ernst Heinz aus .Frankenthal zu 10 Monaten Gefängnis und 2 Millionen Mark Geldstrafe verurteilt. Er hatte in Frankenthal nach Mitternacht Plakate mit der Ueberschrift: „Deutsche Frauen, steht fest, in waffenlosem Kampf, um dem deutschen Bolle zu helfen!" angeschlagen.
Höchst a. M.. 15. Juni. (WTB.) Gestern erhielten im Kreise Höchst 52 Eisenbahner den Ausweisungsbefehl.
Dortmund, 14. Juni. (Wolff.) Während der Rächt beschlagnahmten die Franzosen in der Reichßbank 50 Milliarden Mark.
An der Bahnüberführung Herne-Banken ist gestern gegen 11 Uhr abends ein französischer Posten erschossen worden. Als angeblicher Täter ist der Bergmann Stellmann non den Franzosen verhaftet worden. Rähere Einzelheiten sind noch nicht bekannt.
Essen, 14. Juni. (Wolff.) Auf französischer Seite besteht die Absicht, ab 15. Juni Im Einbruchsgebiet sämtliche Zecheneingänge a u besehen, um den Abtransport von Kohle oyne Passierschein zu verhindern.
Die Bluttaten in Dortmund.
Wie die Blätter aus Dortmund melden, ergab d e Untersuchung von deutscher Snte über d'.e Erschießung ver beide.i franko» sischen Feldwebel am Sams.ag abeid folgendes Bild: Am Samstag ab:nd trafen die beiden Franzosen m.t dem frühe.wl Ob:rWachtmeister der Schutzpolizei Dolduan. zusammen. Die'er war schon vorher versch.edentlich mit Franzosen in Konflikt geraten. Der Grün) hierfür soll seine Frau sein, eins übel beleum.lnd-tt: Person, mit der er in Schndung liegt. Sie so'.l zu einem der beiden Fra. zosen in Bewehr gestanden haben. An dem betrefzende'a Abend soll Dolduan von den Franzosen angeremfett und vom Bürge.'steig gefloßen worden sein. Rach heftigem Wortwech el schob, D o l d au n, nachdem die Franzosen die Schußwaffen auf ihn gerichtet hatten, a u f b e i d e. Am Montag wurde er von den Franzosen, die ihn auf der Flucht verfolgte n, e r s ch o s s e n. D efer Ta b. stand stützt, sich auf die Aussagen der F.au Bolduans und eines Gastwirtes, welchem Doiduan die gleichen Angaben über die Vorgänge am Samstag abend gemacht hat. Es steht also fest, daß es sich um die Austragung einer rein persönlichen Angelegenheit und nicht etwa um. einen nationalistischen Anschiag handelt.
Ueber die Vorgänge in der Rächt zum Montag werden immer krassere! Einzelheiten bekannt. Aus allen Zeugenaussagen über die Schiebereien der Franzosen geht hervor, dah die französischen Patrouillen sämtliche Leute, die noch nach 9 Uhr aus Unkenntnis ber Verkehrssperre sich auf der Strafte aufhielten, festnahmen und wieder in die Menge hineinschossen. Ferner wurden, wie viele Zeugen übereinstimmend aussagen, die festgenommenen Zivilpersonen mit Reitpeitschen, Fußtritten und Kvlbenschlägen übel zugerichtet, sogar die Leichen wurden von den Franzosen mit Fu ft tritten traktiert. Au chin den französischen Arrestlokalsn sollen die Verhafteten weiter schwer mifthandelt tourten sein.
Dortmund, 14. Juni. (WTD) Die Un- tersuchung der Vorfälle in der Rach! L*om Sonntag zum Montag ist noch immer nicht vollständig abgeschlossen. Es erscheint jedoch ziemlich sicher fest- gestellt, daft der am Montag abend um 9 Uhr von Franzosen auf der Flucht durch ein Feld erschossene frühere Oberwachtmeister der Schupo D o l d u a n mit den beiden französischen Feldwebeln, die Samstag nacht erschossen wurden, in Feindschaft gelebt hat. Rach einem Berichte aus französischer Quelle soll er seiner Frau erzählt haben, daft. er im Laufe des Taoes auf dem Wege zum Bahnhof von zwei Unteroffizieren an« gerempelt wurde. Darum habe er sie am Abend erwartet und getötet. Der französische Bericht behauptet, daft ber Mord mit Maaser- ojer Parabellumpistolen, Kaliber 9 Millimeter, geschehen sei. Dir Franzosen nehmen an, daft aufter Dolduan awch ein zweiter Täter beteiligt war.
Eine deutsche Protestnote an Frankreich.
D e r l i n. 15. Juni. Wie das ,.D. T." meldet, wird die deutsche R eg i e r u n g wegen der Vcrgänge in Dortmund eine Protestnote an Frankre ch richten. Die Ro e werde vo.ausfich'lich bereits heute der französischen Regierung über- m ttelt werden. Ferner hat die deutsche Regierung alle ihr möglichen Schritte eingeleitet, um die Vollstreckung des Urteils gegen den Landwirtschaftslehrer der Badischen Anilin- und Sodafabrik, G o e r g e s, zu verhinder.l.
Der passive Widerstand.
Berlin, 14. Juni. Die Blätter melden: Gestern hat an der Grenze des Ruhrgebietes eine Sitzung stattgefunden, an dsr Vertreter aller Parte'en und aller Schichten der Bevölkerung teilnahmen. Hierbei kam eininü ig die Auffassung zum Ausdruck, daft jede Erörterung über de et'üxfge Au fgabe des passiven Widerst an des abgelehnt werter müsse. Unter keinen Umstünd n werde man sich im Ruhrgebiet den passiven Widerstand aus der Hand schlagen lassen.
Eine Schienensprenqntta nnf der Streetr* Llppenweier—Cffenbiirq.
Offenburg, 14. Juni. (WTB.) Heute nacht 5/c3 Uhr ward: ein S ch i e n e n st r a n g der E'.scnbahnanlage am Bahnhof Windschläg von Unbekannten gesprengt. Die Detonation war bis Offenburg zu hören. Der Bürgermeister von Windschläg wurde von den Franzosen verhaftet und nach Kehl abtransportiert, soll aber später wieder auf freien Fuft gesetzt worden sein. 3m Ort Windschläg herrscht grobe Aufregung. Einzelheiten fehlen.
Die französische Desatzungsbehorde gibt fvl- .gendcn Befehl bekannt: Ein Sabotageak: ist in der Rächt vom 13. zum 14. Juni auf der Eisenbahnstrecke Appenweier—Offenburg in der Gemarkung Windschläg verübt worden. Die erste Untersuchung hat ergeben, daft die Attentäter dieses verbrecherischen Anschlags durch die Gemeinde Ebersweier gezogen si.rd, um ihre Tat zu vollenden. Der Generalkommandant des Drückenkopses Kehl hat deshalb folgende Sanktionen ungeordnet: 1. die Bürgermeister der Gemeinden Windschläg und Ebersweier werden verhaftet; 2. die Ausbesserung des entstandenen Schadens hat auf Kosten der Gemeinde
Windschläg und durch die Bewohner dieses Ortes selbst als Frondienst zu erfolgen; 3. eine Geldstrafe von 10 Millionen Mark wird der Gemeinde Windschstäg und eine solche von 5 Millionen Mark der Gemeinde Ebersweier auf erlegt; 4. bis zu einem weiteren Befehl, mindestens aber biö zur Regelung der Geldstrafe und Wiedergut- maeftung des Schadens, darf a) kein Bewohner dec Gemeinden Windschläg und Ebersweier von 7 Uhr abends bis 6Uhr morgens seine Wohnung verlassen, b) der Verkehr sämtlicher Beförderungsmittel, Fahrräder, Motorräder usw. auf der Landstraftr Appenweier—Offenburg ist während desselben Zeitraums verboten.
Die Hiusälligkcit der Anklagen gegen Eachin unb (Ycnosscy.
Paris, 14. Quni. (Wolff.) Die Tatsache, fcafti 6er Unlersuchungsrichter gestern die Anklage des Komplotts gegen den kommunistisch rn 2T6'c- ordneten Cachin und Genossm, das bekanntlich die Ruhrbesetzung veranlagt hasten soll, fallen lieft, nirb von Andre Tardieu, der von einem Phantom spricht, scharf verurteilt. ©r sch eibt: Entweder es handelt sich um ein Ver- l echen gegen die Sicherheit des Staates oder die Akten enthielten nichts. Wenn das Vecbrechm nach Ansicht der Regierung dermalen erwiesen lixir, daft sie ihre Demission anbot, weil der Staatsgerichtshof sich weigerte, die Anklage durchzuführen. was bedeutet dann di: Richterhebung der Anklage? Wenn im Gegenteil die Richterhebung der Anklage gerechtfertigt ist, warum all diese Verfolgungen? Warum hat man die Kammer veranlagt, dir Immunität des Abgeordneten Cachin aufzuheben, um schlieftlich zu dem Einge- stämdnis zu gelangen, daft man keine Beweise in derr Händen hat? 3n beiden Fülle'N ist die Haltung der Regierung unentschulobar und fa.in nur der Justiz Schaden zufügen. Wenn das alles unter einem anderen Kabinett sich ereignet hatte, welch: rachedurstigen Artikel hätten wir nicht in der Revue des Deux-Morrdes unter der Unterschrift Poincaräs aekese.r.
Paris. 14- Juni. (WTD.) Rack dam heutigen Ministerrat hat der Minister des Innern, den Ausweisungsbefehl gegen den kommunistischen Reichstagsabg Sv rd- neten Höllein erlaßen, der ftait: abeiti> an die deutsch-französische Grenze gebracht wird.
Stambttlinski gefangen genommen.
Sofia, 14. Juni. (WTD.) Laut einer Rachricht der bulgarischen Telegraphenagentur ist S t a m b u l i n s k i heute gefangen genommen worden.
Der Staatsstreich in China.
Peking, 14. Juni. (WTD.) Der Präsident der chinesischen Republik, Li TZuaa Hung, ist wieder freigelasfen worden, nachdem er die Amtssiegel ausgeliefrrt hat. In Pelinz herrscht, trotzdem ‘ein Präsident vorhanden ist, Ruhe. Einige vormalige Minister führen die Staatsgeschäfte weiter.
Die Vorgänge in Magdeburg.
Berlin, 14. Juni. (WTB.) Ueber die Aufdeckung e'n:S Reichswehrblocks in Magdeburg sind in einem Teil der Presse Veröfscnt- lichungen erfolgt, die aufterordentliche Ueber- treibungen darstell n Die bisherigen Untersuchungen hatten folgendes Ergebnis: Roftbach ist lstrz vor seiner Ver.-astunz in Magdeburg ge- tr^'cn und hat dort versucht, mit Reichswehr- angehörigen in Verbindung zu treten. Er ist dabei insbesondere mit dnn Kraftfahrer Riehl, einem jungen, unreifen Menschen, in Beziehungen getreten und hat mit ihm zusammen die Statuten, des sogenannten Reichswehrblocks Roftbach aufgestellt. Riehl hat dann ver'ucht, für diescnRcichs- wehrblock weiter zu werben. Die Ergebnisse seiner Bemühungen sche uen äufterft g:ring zu sein Das ergibt sich schon daraus, daft die oberste Leitung dieses Reichswehrblocks in den Händen des jungen, un-.rra&rmen Riehl blieb. Auch Haven sich bisher keinerlei Anhaltspunkte dafür ergeben, das; die Organisation über Magdeburg hinaus irgendwelche An'-änger gesunden hätte. Die am 8. Juni in einer geheimen politischen Versammlung verhaft:tcn fünf Kraftfahrer tru:den aus der Haft entlassen. In Haft befindet ffch nur noch der Od:rfähnrich Seiler vom Pionier- lataillon Rr. 4. Die stlnlersuchung gegen alle Teilnehmer schwebt vor dem Staatsgerichtshof. Auftordern ist gegen sie von militärischer Seite Anzeige wegen älngehorsams erstattet worden.
9ius dem Neicke.
Aus dem Eteuerausschuß des Reichstags.
Berlin, 14. Juni. (WTB.) Der ©teuer» ausschuft des Reichstags verabschiedete heute das L a n des ste u e r g e s e tz.Reichssinanz- Minister Hermes erklärte, höhere Bezuschrf- sungen an die Länder und Gemeinden seien nur bei Erreichung höherer Einnahmen zu vertreten. Er legte Wert auf eine Erhöhung der Warenumsatzsteuer von 2 auf 21/2 Prozent. Die Parteien beließen es indessen bei 2 Prozent. Aus den weiteren Beschlüssen ist folgendes hervorzuheben: Die Beteiligung der Gemeinden an ver Warenumsatz st euer wurde von 5 auf 15 Prozent erhöht Die Länder erhalten 10 Prozent. Rach dem Zeiarumsantrage dürfen neue Steuern auf landwirtschaftliche Betriebsmittel nicht gelegt werden. Die neuen Zuschüsse für die Beamt en g e h ä l t e r in den Ländern und Gemeinden treten mit Rückwirkung vorn 1. Oktober 1922 in Kraft. Bei der Fahrzertgsteuer sind Fahr
räder von der Steuer freizulassen. — Ferner be* fchäftigte sich der Ausschuft mit einer P-iition des Vereins deutscher Zeitungsverleger wegen Er- mäftigung der Inseratensteuer und tc* schlaft. Abänderungen des Umsatzsttuergefehes, wonach die Steuer für die Tlel evnahme von Anzeigen sich bei Zeitungen und ZLitsch.r,t_n von den ersten 10 Millionen Mark des innerhalb eines Kalender- Vierteljahres verchnnahmten Entgelts auf 1Pro- 5ent und höherem Entgett in entsprochiender Stas- feiung ermaftigen soll. Die Errnäftigung tritt mi< Rückwirkung vom 1. Januar 1923 in Kraft.
Die Drotvsrsor^ung.
Berlin, 14. Juni. (WTB.) Der BvlkZ- wirtsch-uftliche Ausschuft des Reichstags setzte heute die Beratung des Gesetzentwurfs über die Sicherung der Brotversorgung fort. Der vom Zentrum eingebrachte und von den Sozialdemokraten unterstützte Antrag auf Erhebung einer einmaligen Abgabe des sechsfachen Betrags der Zwangsanleihe zum 1. August 1923 ist angenommen worden. Dieser Betrag soll vorwiegend zur Brotverbilligung für Minderbemittelte bereitgestellt werden.
Landwirtschaft und Garantiefrage.
Berlin, 14. Juni. (WTB.) Laut einer Blättermeldung überreichten die deutschen Bauernvereine dem Reichskanzler eine Denkschrift über die G a r a n t i e f r a g e, in der ausgedrückt wird, daft die Landwirtschaft bereit ist, von den der Entente angebvtenen 500 Millionen Goldmark als Jahresleistung der deutschen Wirtschaft entweder mittelbar im Rahmen einer allgemeinen Steuer oder neben allen leistungsfähigen Wirtschaftszweigen unmittelbar ihren Anteil zu tragen. Ferner ist die Landwirtschaft bereit, ihren Anteil an der Garantie sicherzustellen durch Tlebernahme von erststelligen, ablösbaren Hypotheken.
Ein neuer Antrag zur Lohnsteuer.
Die sozialdemokr-atische Reichstagsfraktion hat dem „Vorwärts" zufolge beantragt, daß die Ermäftigungssätze für die Lohnsteuer ab 1. Juli um das Fünffache erhöht werden. Danach würden für den Steuerpflichtigen und seine Ehefr-au je 6000 Mark im Monat, für jedes Kind je 40 000 Mk., und Abgeltung für die Werbungskosten 50 000 Mark von der Steuer abzuziehen sein.
DaS Mißtrauensvotum gegen Severing abgelehnt.
Berlin, 14. Juni. (WTB.) Der preufti- fche Landtag hat das Mißtrauensvotum der Deutschnationalen gegen den Minister Severing in namentlicher Abstimmung mit 226 gegen 64 Stimmen bei 9 Cnchaltungen abgelehnt.
Die Wahlen in Oldenburg.
Lieber den Wahlauss-all inOldenburg sind, so lesen wir in der Aatl. Korresp., in der Presse falsche Zahlen verbreitet, aus denen selbstverständlich auch ganz falsche Schlüsse gezogen werden. So hat z. D. der Demokratische Zeitungsdienst berichtet, daß die Deutsche Volkspartei fast 25 Prozent ihrer Stimmen verloren habe. In Wirklichkeit verzeichnet die D. V. P. einen Gewinn von über 3300 Stimmen. Im einzelnen orientiert über die bei den jetzigen und bei den vorigen Wahlen auf die einzelnen Parteien entfallenen Stimmen nachfolgende Liste, wobei jedesm.al die Zahl der Mandate in Klammern beigefügt ist. Für die Mandatszahlen der D. V. P. muft dabei vorausgeschickt werden, daß nach den Landtagswahlen 1920 die im Fürstentum Lübeck auf Grund einer gemeinsamen Liste der Deutsch- nationalen und der Deutschen Volkspartei gewählten beiden Abgeordneten sich ebenso wir der Vertteter des Landbundes der Fraktion der Deutschen Volke'parlei angeschlossen hatten.
1923
1820
Gewinn bzw. Vers.
Deutschnationale 13584 (3)
8602
1
+ 6982
Landbund . . —
Deutsche Volksp. 43810 (12)
6497
40431
j (15)
— 6497
+ 3379
Gr.d.Rechtenzus. 57394 (15)
55530
(15)
+ 1864
Demokraten . . 36065 (9)
30108
(7)
4- 5957
Zentrum . . . 40310 (10)
39513
(10)
+ 797
Sozialdem. . . 45285 (12) Unabhängige . 2195 (0)
40332
20234
(11)1
(5) i
— 13086
Kommunisten . 11815 (2)
2625
l0)
4 9190
Sozialisten zus. 59295 (14)
63191
(16)
— 3886
Die vorstehende Zusammenstellung zeigt, daft die Gruppe der Rechten ihre Mandatszahlen vollkommen behaupiet und ihre Stimmenzahl um ann-ähernd 2000 Stimmen vermehrt hat. Was die sozialistische Gruppe anlangt, so erleidet dort die V. S. P. D. gegenüber den letzten Wahlen einen Stimmenverlust von über 13 000 Stimmen und einen MandatSverlust von 4 Mandaten. 9000 Stimmen und 2 Mandate davon sind den Kommunisten zugutegekommen, die restlichen 4000 Stimmen und die restlichen 2 Mandate den Demokraten.


