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Nr. 87

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Poftschecllonlo:

Zronfturl a. M. 11686.

Erster Blatt

175. Jahrgang

Samrtag, 14. April 1925

GietzenerAiWger

General-Anzeiger für Oberhefsen

druck und Verlag: vrüßllsche UnlversttSlr-Vuch- und Ztemdrnckerei R. Lange in Gießen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Zchulstratze 7.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohnejede Verbindlichkeit. Sreir für 1 mm höhe für nzeigen o. 27 mm Breite örtlich 80 Mk., auswärts 100MK.; für Reklame- Anzeigen von 70 mm Breite 400 MK.Bei Platz. Vorschrift 20°/, Aufschlag. Hauptschriftleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen Teil: Ernst Blumschein; siir den Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in Giehen.

Wochenrückblick.

Man spricht bereits von einemmißglück­ten Besuch Loucheurs". Prompt wendet die Pariser Politik ihr haßerfülltes Gesicht dem deutschen Volke zu, das so unvorsichtig war, die Londoner Reise des französischen Staats­mannes als ein Zeichen französischer Ernüch­terung zu deuten. Was zwischen den Haupt­städten unserer Gegner gegenwärtig wirklich schwebt, ob die französisch-englische Einheits­front besser als bisher vermauert werden kann, oder ob sie noch wackelt, darüber weiß man nichts Bestimmtes. Der kranke Gentleman über dem Kanal läßt uns auch nur in ein bitter ver­zogenes, mißbilligendes Gesicht schauen, dessen eine Hälfte dem französischen Werber ver­söhnlich ermunternd zulächelt. Es sind nur Grimassen, die wir in London erblicken, wenn uns die englischen Zungen nahelegen, die deutsche Regierung möge wieder einmalAn­gebote" machen.

Run, das Kabinett Euno wird ja wohl einige etwas weiter reichende Informatio­nen besitzen, und der Reichskanzler hat seinem Bedürfnis, die Parteiführer aufzuklären, da­mit von den Winken aus London und Paris nicht wieder die Stimmung verdorben wird, be­reits Folge gegeben. Der Außenminister von Rosenberg soll nächsten Montag eine deut­sche Prvgrammrede halten, deren Inhalt die Fraktionen derArbeitsgemeinschaft" im Reichstag, also die sogenannten bürgerlichen Parteien, zugestimmt zu haben scheinen. Aus sozialdemokratischen Kreisen, so besonders aus demVorwärts", entnimmt man die Mah­nung, das Kabinett möge nicht zögern,eine aktive" Politik zu machen, wobei es aller­dings unklar und verschwommen gelassen wird, was denn die attive Tätigkeit für einen In­halt haben soll. Der frühere Minister D e r n- b u r g rät imBerliner Tageblatt" gleich­falls den maßgebenden deutschen Kreisen, rechtzeitig sich an der Unterhaltung zu betei­ligen, aber er fügt wenigstens auch hinzu, daß er meine, keinerlei ultimative Lö­sung dürfe von Deutschland jemals wieder angenommen werden. Es ist bemerkenswert, daß Dernburg in Sachen des zukünftigen Re­gimes der Rheinlande und des Ruhrgebietes von derKulisse des Völkerbundes", hinter der sich schon so viel Bitternisse für Deutschland ausgelebt haben, heftig abrückt. Er verlangt die verttagsmäßige Prüfung der Leistungsfähigkeit Deutschlands und in der Tat, das scheint auch uns der unvermeidbare Weg zum Frieden zu sein, der Weg, den wohl auch das Kabinett Cuno ins Auge gefaßt hat. Das wäre die Rückkehr zu dem bekannten Plane des amerikanischen Staatssekretärs Hughes, der die Sach­verständigen entscheiden lassen und das Kernproblem der Sphäre politischer Diktatur entrücken will.

Behalten wir also ruhiges Blut gegenüber Pvincarös neuen Kraftgebärden! Er läßt an­kündigen, daß er am morgigen Sonntag in Dünkirchen an einem einzuweihenden Krieger­denkmal seine Forderungen noch einmal scharf formulieren werde. Es ist die Cinschüchte- rungsmethode, die insbesondere unsere Regie­rung veranlassen soll, ihre Vorbedingun­gen zu Verhandlungen über die ReparattvnS- frage fallen zu lassen. Poincarg will seine Vvrherrschaftspolitik am Rhein und an der Ruhr fortsetzen. Richt mit wirtschaft­lichen Möglichkeiten des Wiederaufbaues, mit Zahlungen in den Grenzen des deutschen Könnens, will er sich begnügen, er will viel­mehr Deutschland an der K e t t e halten, damit Frankreich Ruhm und Triumph desSiegers" nach dem Weltkrieg aufgesicherte" Jahr­zehnte festhalte. Wer bringt ihn aus diesem Wahn heraus? Niemand anders als das deutsche Volk vermag es. Denn der Mann an der Themse ist, figürlich und symbolisch ge­sprochen, erkrankt; er ist auch, der Hüter des moralischen Scheins, etwas verlegen und würde ein Stück freiwilliges Slla- ventum von Deutschland gar nicht so ungern sehen.

Es wäre sehr verkehrt, vorzeittg Versöh­nungsschalmeien anzusetzen, solange im Westen die Bestie haust. Mag man amerikanische Bankiers in Berlin empfangen und die wirt­schaftlichen Probleme studieren und diskutteren die Erkenntnis ist sicherlich auf dem Marsche, daß die Entente die finanziellen Forderungen an Deutschland stark zurück­schrauben muß. Aber Poincarä treibt die Cin- schüchterungspolittk nicht nur mit Reden und Zeitungsarttkeln, sondern auch mit den Mar­terwerkzeugen schamlos grausamer und dreister Willlür. Nie ist Militärgewalt so feige und unmenschlich mißbraucht worden, wie die ftan- zösische im Ruhrgebiet nach diesem Versailler Frieden"! Wohin haben sich die angel­sächsischen Moralttompeter und Menschlich- kettsapostel verkrochen, seit sie täglich ihre lügnerischen und heuchlerischen Anschuldigun­

gen gegen den deutschen Militarismus vor­brachten? Was im deutschen Westen jetzt ge­schieht, ist furchtbarer als Kriegsgreuel, ab­scheulicher als blutige Schlachtenbilder, denn hier ttiumphieren Armseligkeit, Rachgier, eine in völlige Barbarei ausartende milleidlose Schergengesinnung. Wo könnten die bewaff­neten Handlanger heute das schöne Wort nachsprechen, daß man das Soldatenhandwerk edel und nobel tteiben müsse, damit es über niederes Tun hinauskomme? ES ist nicht Schicksalsttagik, wenn Hunderte von Familien mitten im Frieden binnen einiger Stunden von Haus und Hof verttieben werden, sondern es ist abschreckendste Menschentücke, die solches gebietet. Aber es meldet sich ja vereinKelt allmählich auch der Abscheu anderer Völler über diese ^llntaten, an denen England und Amerika vorübergehen, als ob sie nicht davon berührt würden k^Kann verziehen werden, be­vor die Schandtaten überhaupt eingestellt sind, kann man in London von uns verlangen, daß ausgerechnet die deutsche Regierung ent­gegenkommende Schritte tue, während teuf­lische Fremdherrschaft sich in unserem Lande breit macht? Die deutsche Politik hat in der Gegenwart eine Hauptaufgabe: Die Völker aufzuklären und aufzurütteln, damit die Lügen der Vergangenheit von ihnen abfallen und die Schande der Gegenwart für sie offenbar wird. Dann kann man am Verhandlungstisch die Wittschastsfaktvren abmessen. In diesem Empfinden haben die Arbeitgeber und Arbeit­nehmer aller Wittschaftszweige und pvlillschen Richtungen der gesamten drangsalierten Ge­biete ihre Entschließung gefaßt, daß der Aus­gangspunkt jeder Verhandlung die Sicherung der völligen Räumung des Einbruchsgebietes, die Schadloshaltung der Geschädigten, die Freilassung der Gefangenen und die Rückkehr der Vertriebenen sein müsse.

Tiefer als früher vermag man gegen­wärtig in die Seelenverfassung des e n g li­sch e n Volkes hineinzublicken. Seine.Macht und sein Ansehen haben eine Trübung erfahren. Die tradittonell einheitlich gerichtete Außen- polillk Großbritanniens erscheint verfahren und umstritten. Das politisch moralische Ge­wand hängt dem Briten zerschlissen um die Glieder und schafft ihm Anbehagen. Es fehlt nicht nur das gerade Ziel, sondern es mangelt seit drei Jahren auch jeglicher Erfolg. Dem leitenden Staatsmann ist die Stimme aus­gegangen, wahrscheinlich nicht nur infolge seiner Erkrankung. Als am Mittwoch die Re­gierung im Anterhause bei Besoldungsfragen ehemaliger Soldaten im Zivildienst über- sttmmt wurde, war zwar eine Anaufmerksam­keit der leitenden Männer mit im Spiele, aber die eigentliche Arsache der Niederlage war wohl der Mißmut weiter Parlamentskreise bis in die Bänke der Konservativen hinein. Man darf nicht vergessen, daß Lloyd George vormals auch Teile der Konservativen für sich gewonnen hatte. Die Art, wie die Regierung sodann zur Rede gestellt wurde, wie ihr die Opposition mit nie gesehenen Lärmszenen auf- wartete, indem revolutionäre Lieder gesungen und Prügeleien nur mit Mühe vermieden wurden, spiegelt einen pvlillschen Niedergang wieder. Die sttitllge Frage wurde einem Antersuchungsausschuß überwiesen, und das Kabinett litt noch nicht Schiffbruch. Aber der Respekt ist dahin, und angesehene Blätter wie Westminster Gazette" undDaily Ehronicle" betonen die Notwendigkeit einer teilweisen Neubesetzung der Regierung. Soviel steht für uns fest: welche Wechsel sich auch vollziehen mögen eine franzosenfreundlichere Politik als diejenige Bonar Laws wird an­gesichts der englischen Volkssllmmung nicht geführt werden können. Wenn die gestrige Meldung, England wolle die Ausfuhr von Koks für Frankreich einschränken, zutrifft, so ist dies ein Anzeichen mehr dafür, daß die Mauer der Einheitsfront in der Entente nicht unter allen Amständen weiteren Belastungen standhalten wird.

Die belgisch-französische Konferenz.

Paris, 13. April. (WTB.) Die belgi­schen Mini st er Theunis und I a s p a r sind kurz nad> 1 Ahr mittags eingctrvffen und haben in der ftanzösischen Botschaft gefrühstückt. Dir Konferenz am Quai dOrsay begann um 3.25 Ahr. Belgischerseits wohnten ihr außer den beiden Ministern der Botschafter in Paris, Naron Gaiffier d'Hestroh, bei französifchrrsetts außer Poincarg der Finanz- und der Kriegs­minister sowie die Minister für die befreiten Ge­biete und für öffentliche Arbeiten. Ferner nahmen der Letter der französisch-belgischen Ingenieur- kommission im Ruhrgebiet, Guilleaume, und der Direktor der französisch-belgischen Eisenbahnregie im besetzten Gebiet, Dröaud, an der Konferenz teil. Am 7 Ahr abends war die Sitzung beendet. Es wurde folgendes Kommunique der Presse übermittelt;

Die belgische und die französische Regierung, in gleicher Weise entschlossen, ihre Aktion im Ruhrgebiet fortzusehen, bis Deutsch­land sich entschließt, unmittelbare Vorschläge für die Bezahlung der Reparationen zu machen, haben eine ganze Reihe neuer Maßnahmen ins Auge gefaßt, um ihren Druck zu ver- stärken und ihn solange fortzusehen, als es nötig sein wird. Sie haben außerdem eine An­zahl von Beschlüssen getroffen, um die Abfuhr von Kohle und Koks zu beschleunigen, um den Eingang der Kohlen steuer sicherzustellen und um den Betrieb der Eisenbahnregie immer mehr zu verbessern. Sie werden morgen vormittag wieder zusammentreten, um namentlich die Fragen be­treffend die Buchführung der interalliierten Dienst­stellen, die Verwendung des Ertrages der Pfänder, der Geldstrafen und der Kapidalbeschlagnahme sowie der Sachlieferungen usw. zu prüfen.

Die Stillegung des Kohlen­verkehrs im Ruhrgebiet.

Berlin, 14, April. Dlättermeldungen zu­folge ist gestern den Behörden in Essen eine Or­donnanz des Generals Degoutte zu­gegangen, die vom 31. März dadiert ist. Artikel 1 der Verordnung lautet: Da die im besetzten Ruhr­gebiet gelegenen Bergwerke die am 15. März fällige Kohlensteuer nicht bezahlt haben, findet künftig in diesem Gebiet folgende Regelung des Transportes von Kohlen und Koks Anwendung: .Artikel 2. Kein Fahrzeug, das Kohle be­fördert, darf ohne einen Passierschein verkehren, der von der interalliierten Kon­trollkommission der Hüttenbergwerke oder aus­nahmsweise, wenn es sich um Steputatkohle handelt, von dem Divisionsgeneral des Gebiets in dem sich das betreffende Gebiet befindet, aus­gestellt ist. In den weiteren Artikeln wird be­stimmt, daß jede ohne Passierschein verkehrende Kohlenladung ohne das Gefährt beschlagnahmt wird, und daß Zuwiderhandlungen mit einer Geldstrafe bis zu 100 Millionen Mark und einer Gefängnisstrafe bis zu 5 Jahren geahndet werden sollen. Die Blätter bemerken zu der Verord­nung, daß sie wenigstens auf dem Papier hie Stillegung des gesamten Kvhlenverkehrs im Ruhr­gebiet bedeutet, denn kein Bergwerk wird das französische Recht tm Ruhrgebiet anerkennen und einen Kohlenpassierschein verlangen.

Eine französische Lügenmeldung.

Berlin, 13. April. (Wolff.) Der durch seine Sensationsmeldungen bekannte Berliner Be­richterstatter des PariserJournal" be­hauptet, der Leichsstnanzminister Hermes habe gemeinsam mit dem Staatssekretär Bergmann einen neuenZahlungsplan ausgearbeitet, der be­reits in der letzten Woche die Zustimmung des Reichspräsidenten erhalten habe und außerordent­lich genaue Vorschläge zur Regelung sowohl für die Barzahlungen als auch für die Sachlieferungen und den Wiederaufbau enthalte. Wir sind zu der ausdrücklichen Feststellung ermächtigt, daß die Mel­dung LesJournal" in allen Punkten frei erfunden ist.

Die Ausweisungen.

Paris, 13. April (WTD.) Nach einer Havasmeldung aus Koblenz hat die interalliierte Rheinlandkommissivn 4 33 neue Beamten- ausweisungen verfügt, die hauptsächlich Zoll- und Eisenbahnbeamte treffen.

Köln, 13. April. (Wolff.) Die Eschweiler Besatzungsbehörde geht jetzt hier dazu über, die Eisenbahner auch aus den Privat­wohnungen zu vertreiben. Heute müssen mehrere Becunte ihre Wohnungen räumen, dar­unter einige, die Eigentümer des Hauses sind.

Frankfurt a. M., 13. April. (Wolff.) IW Höchst a. M. haben heute früh 95 Eisen­bahn bedien stete den Ausweisungs­befehl erhalten. Die Familien müssen innerhalb vier Tagen folgen. In Hochheim (Main) haben sämtliche Eisenbahnbedienstete den Ausweisungs­befehl erhalten, desgleichen 60 Cisenbahnbedien- stete, vornehmlich Lokomotivpersonal, in Wies­baden. Die Familien müssen bis Dienstag folgen.

St" ''berg (Rhld.), 13. April. (Wolff.) Ge­stern mußten wieder 13 Farnilien ihre Dienst­wohnungen auf dem Bahnhof Stolberg-Hammer und Stolberg-Hauptbahnhof räumen.

Die Behandlung der Gefangenen.

Bochum, 14. April. (WTD.) Auf Ver­anlassung des Generals Degoutte haben sämt­liche Divisionskommandeure dem Delegierten des Roten Kreuzes in Essen Zutritt zu den Gefangenen gewährt und ihm gestattet, die Gefangenen durch das Rote Kreuz verpflegen zu lasten. Viele hundert Gefangene konnten durch das Rote Kreuz besucht werden, außerdem gelang es dem Delegierten an fast allen Orten, wo sich Gefangene befanden, örtliche Gefangenaus­schüsse unter dem Schuhe beä Roten Kreuzes ins Leben zu rufen, die neben der Verpflegung die Gefangenen mit Wasche usw. versorgen und schon manche Erleichterung für die Gefangenen erwirkt haben.

Der päpstliche Abgesandte.

Essen, 14. April. (WTD.) Der päpstliche Delegierte, Monsignore Testa, hat sich zum Be­such des Kardinal-Erzbischofs Dr. Schalte nach Köln begeben.

Französische Minister im Ruhrgebiet.

Paris, 14. April. (WTB.) Der Minister für öffentliche Arbeiten Le Troquer begibt sich zu einer Inspektionsreise in das Ruhrgebiet.

Er verläßt Paris am Sonntag abend. Rach einer Havasmeldung wird wahrscheinlich aach der Kriegsminister M a g i n o t sich im Laufe der nächsten Woche nach dem Ruhrgebiet begeben.

Berkehrshemmungeu und Uebergreifcn auf unbesetztes Gebiet.

Essen, 14. April. (WTD.) DieRhein- Wests. Ztg." meldet aus Dortmund: Die Straßen­bahnen AwllmarsteinVorhalle und Vollmarstein Wetter sind für den Verkehr ständig und die Straße Duer Erle Gelsenkirchen von 8 Ahr obenSd ab gesperrt. Eine Kavallerie- Pa t rvu ille zeigte sich gestern tm unbesetz­ten Ge biet in der Nähe des Schlostes Kappen­berg. Die Passanten wurden angehalten und um Aeberlastung von Geländekarten angegangen. Als eine solche Karte nicht herausgegeben wurde, schritten die Franzosen zur Leib^visitation. Sie fanden bei dem Bürgermeister von Lünen, der sich unter den Passanten befand, die gesuchte Karte. Hieraus kehrten die Franzosen in das be­setzte Gebiet zurück. Der Beigeordnete Fischer aus Vollmarstein ist als Geisel verhaftet wor­den, bis sich die Täter melden die nach Ansicht der Franzosen die Schienen bei Wengern gesprengt haben. In der Arbeiterkolonie von So din­gen versuchen d:e Franzosen Arbeiter anzuwer- ben. Sie versprechen ihnen 50 000 Mark Tages­lohn ohne, oder 40 000 Mark Tageslohn mit Ver­pflegung. In Sodingen herrscht Verkehrs­sperre von 8 Ahr abends bis 6 Ahr früh. Die Paßkontrolle in Herdecke bei Hagen bringt stellenweise insofern Anzuträglichkeiten mit sich, als die Ausweise ohne Grund zerrissen und ver­nichtet werden. An der Ruhrbrücke zwischen Ober-Wengern und Vollmarstein entstand ein Schienenbruch. Männliche Zivilpersonen, die die Stelle passierten, wurden zur Hilfeleistung requi­riert Aus die Ergreifung be£ Geschäftsführers der Essener Handelsnrmmer, Dr. R e ch l i n g, ha­ben die Fva-nzosen eine hohe Belohnung ausgesetzt.

Eine deutsche Note über die Festhaltung (BUsberts,

Stegerrvalds und Hamms.

Berlin, 13. April. (Wolff.) Der deut fche Geschäftsträger in Paris wurde ange triefen, Ser französischen Regierung folgende Note $u übergeben:

Der frühere ReichSpvstminister G i e s b e r i s, der frühere preußische Ministerpräsident 6teger- wald und der Staatsseftetär in der Reichs­kanzlei Hamm, sämtlich Mitglieder des Reichs­tags, die sich zur Teilnahme an der Beisetzung der am Ostersamstag getöteten Arbeiter nach Essen begeben wollten, sind am 9. April, abends gegen 10 Ahr, in Scharnhorst von den Kon- ttollorganen der ftanzösischen Besatzungsarmee aus dem Zug geholt und fest genommen worden. Die Festnahme wurde gegenüber den Herren Gies- berts und Stegerwald mit dem Verdacht, daß sie tm Auftrage der Regierung reisten, gegenüber dem Staatsseftetär Hamm mit der Behauptung begründet, Saß er als Mitglied der Reichsregie­rung auf der Liste der bei einer Einreise in das Einbruchsgebiet zu verhaftenden Personen stehe. Obwohl die Herren Giesberts und Stegerwald auf Sen rein privaten Charakter ihrer Reise hin- wiefen, unt> obwohl der Staatssekretär Hamm darlegte, daß er nicht Mitglied der Reichsregie­rung sei und von dieser lediglich den Auftrag zur Teilnahme an den Deisehungsfeierlichkeiten erhalten habe, wurden alle drei in Haft behalten und nachts nach 1 Ahr im Kraftwagen nach Castrop gebracht, wo sie den Rest der Nacht ohne jede Schlafgelegenheit in einem S ch u l s a a I zubringen mußten. Am folgenden Morgen gegen 9 Ahr wurden sie von dem fran­zösischen Divisionskommandanten empfangen, der die Herrn Giesberts und Stegerwald an die Grenze des Einbruchsgebiets zurückbringen sieh, den Staatssekretär Hamm dagegen weiter fest­hielt, um die Enllcheidung des Kommandierenden Generals einzuholen, der seine Rückbeförderung an den Ort seines Eintritts in das Einbruchs­gebiet anordnete und ihm zugleich eine neue Ein­reise unter schwerer Strafe verbot.

Der Vorfall ist ein typisches Beispiel für die rücks ichtslose Willkür, mit der die ftan» zosischen Truppen im Ruhrgebiet gegen Deutsche glauben vorgehen zu dürfen. Es lag hier zutage, daß die Herren Giesberts, Stegerwald und Hamm nichts anderes beabsichtigten, als durch die Teil- nähme an den Deisetmnqsfeierlichkeiten in Essen einen Akt der Pietät zu erfüllen. Sie sind gewaltsam hieran gehindert, überdies völlig zwecklos geraume Zeit ihrer Freiheit be­raubt worden. Daß die Anordn ingen der franzö­sischen Befehlshaber, die den Aufenthalt von Mitgliedern der Reichsregierung und der Län­derregierungen im Ruhrgebiet verhindern wollen, keinerlei Rechtsverbindlichkett haben, ist von der deutschen Regierung schon früher feslgestellt wor­den. Aber nicht einmal vom Standpunkt jener Anordnungen kann die jetzt getroffene Maßnahme gerechtfertigt werden, Sa den ftanzösischen Kon­trollorganen sofort bargetegt worden ist, daß die Herren Giesberts und Stegerwald überhaupt nicht mehr im Staatsdienst stehen und daß der Staats­sekretär Hamm nicht Mttglied der Reichsregie­rung ist.

Die deutsche Regierung protestiert gegen die Behandlung der drei Herren und behält sich vor, für die ihnen angetane Anbill Genug­tuung zu Der langen.