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Zweites Blatt
Wo stehen wir im Abwehrkamps ?
Don Johannes Dreddemann, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Deztrksverband Essen.
Seit mehr als vier Monaten stehl. das Ruhrgebiet unter französisch-belgischer MUitär- gewalt Das Unternehmen der Sinbruchsmächte ist nach der wirtschaftlichen Seite hin bisher ein einziger großer Mißerfolg. Zunächst, soweit es sich um die Erzielung und gar um die Steigerung der vor dem Einbruch geleisteten Reparationslieferungen an Kohlen und Koks handelt. Gewiß ist es der ®tfenfeile allmahftch gelungen, rn beschränktem Maße an die Dorräte heranzukommen, die sich infolge der Unterbindung der normalen Absakmöglichkriten allmählich an- gesammelt haben. Aber man lasse sich nicht täuschen durch französische Tendenzmeldungen, selbst wenn sie von dem unentwegten Herrn Pvincars in höchsteigener Person in die Welt gesetzt werden.
Es steht ganz einwandfrei fest, daß die deut- schm Reparationslieferungen an Frankreich einschließlich Luxemburg in der Zeit vom 10. Januar 6(8 30 April 1922 aus dem Ruhrgebiet und dem Aachener-Kölner linksrheinischen Gebiet rns- gesamt 3 582 692 Tonnen betragen haben, wahrend die Einbruchsmächte in der gleichen -Zeit des Jahres 1923 nur 261 504 Tonnen mit ihrer Gewaltpolitik aus dem Ruhrgebiet geschifft haben. Der gesamte Wert der oben angegebenen vorjährigen Lieferungen hat nach dem Kursstand der zweiten Maiwoche 1923 160 Millionen in Goldmark betragen, der Wert der in diesem Zähre mit Gewalt erbeuteten Mengen beträgt nur rund 14 Millionen Goldmark. Das sind die rauften wirtschaftlichen Tatsachen l
Unb mit welchem Aufwand ist dieses magere Ergebnis erzielt worden? Diele Tausende französisch-belgische Eisenbahner muhten zunächst aufgeboten werden, um auf den militarisierten Strecken einen notdürftigen Verkehr einzurichen. Ein weiteres Aufgebot von einigen tausend Arbeitskräften wurde mühsam für die Verladearbei- ten zusammengebracht. Ern buntes Gemisch aus aller Herren Länder, zum erheblichen Teil zu- fannnengefegt aus herübergeschafften französischen Gefangenen und aus Arbeitslosen aus den französischen unb luxemburgischen Industriegebieten, die zumeist erst auf starken Druck hin sich ins Ruhrgebiet abschieben ließen. Die geringe Ausbeute wu de mit diesem Apparat teuer bezahlt.
Aber alt dieses trifft nicht den Kem der wirtschaftlichen Seite des Ruhrabenteuers. Die ff einen und die großen, auf eine Hnterorbnung der Ruhrkohle» unter das französische Machtgebot und die französisch: Minette gerichteten wirtschaftlichen Ziele lassen sich dauernd nur erreichen, wenn die arbeitende Millionenbevölkerung des Ruhrgebiets sich dem französischen Willen unter- ordnet. Davon kann aber in feiner Weise die Rede fein. Im Gegenteil: Der unbeugsame Wille, in Frieden und Freiheit zu leben und zu schaffen, und sich unter keinen Umständen die Arbeitskraft vom Bajonett abzwingen zu lassen, t ft heu te noch stärker und lebendiger als am ersten Tage der Besetzung un - sererHeimat. Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß wenige hundert verkommene Subjekte mit deutschen Rainen, der Grohstvdthefe und dem Lumpenproletariat entstammend, sich zu Arbeitsdiensten für die Frarrzosen bereit gefunden haben. Diese „Eroberung" ist die einzige, die wir den fremden Eindringlingen von ganzem Herzen und für dauernd gönnen.
Die Kernfrage: Die innerliche Umstellung des Wirtschaftsorganismus für die fremden Ziele, ist noch vollständig ungelöst. Weiter denn je sind die.fremden Machthaber von ihrer Lösung freute entfernt. Der Wille zum passiven Wi^rstand wird immer stärker. Die unerhörten Gewalttätigkeiten, zu denen sich die fremden Machthaber frinreißen lassen, sind in erster Linie zu erkläven aus der Enttäuschung über den bisherigen Mißerfolg ihres Anternefr- mens. Deshalb wüten die Kriegsgerichte mitten tm sogenannten Frieden und ohne einwandfreie rechtliche Grundlage. Die älrteile von Werden und Mainz allein haben unschuldige deutsche Volksgenossen mit 230 Jahren Gefängnis und 850 Millionen Mark Geldstrafen helegt. Dazu kommen täglich zahlreiche Einzelurteile bei den verschiedensten Kriegs- und sonstigen Militärgerichten. Eine ausgesuchte Grausamkeit ist die Ausweisung taufenber Beamten mit ihren Familien. Die Gesamtzahl der von der fretmat- lichen Scholle Vertriebenen mit ihren Familienangehörigen geht heute schon in die Zehntausende. In vielen Fällen müssen sie die Habseligkeiten zurücffassen. QKan muß die armen ausgewiesenen Menschen in den überfüllten Zügen gesehen haben.
Das MsfMsms.
Roman von Luise Schulze-Brü ck.
51. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)
Unruhig ging sie im Zimmer auf und ab. Das Herz lag ihr schwer in der Brust und soviel sie auch nachsann, da war nichts, an was sie sich onflonrmern konnte, nichts, das ihr etn Herzensbedürfnis gewesen märe, zu tun.
In diesem Augenblicke empfand sie dvppell, daß sie doch eigentlich sehr einsam war, und wenn Hans Dietrich einmal feinen eigenen Weg gehr, ganz allein fein würde. Während sie nachsann, ob sie denn nicht jemanden fr-abe, der ihrem Herzen ganz nahe stand, und fand, daß niemand da sei, senkte sich dies Gefühl der Leere so schwer und drückend auf sie, daß ihre Augen feucht wurden.
Ein tiefes Heimweh ergriff sie nach allem, was sie verlassen hatte, und mitten in d'eser tiefen -Bewegung ihres Gemütes mußte sie fast lächeln, als sie sogar etwas wie eine Sehnsucht nach dem struppige.' Spitz verspürte, der ihr im Rebstock auf Schritt und Tritt gefolgt war. Sie meinte seine feuchte Schnauze zu fühlen, wie er nach ihrer Hand stieß, wenn sie ihn eine Zeitlang nicht beachtete, und das ungeduldige brummende Knurren zu frören, womit er diese sanfte QUafr» nung stets zu begleiten Pflegte. Wenn sie doch nur bei Muller Hausmann eine halbe Stunde auf der Bank fttzrn könnte, auf die Mosel sehen und den Weg hinauf nach dem Moselhause, ob vielleicht die Staketen ür aufginge und jemanb den Pfad am Gestade hinabiämel We m sie die Augen schloß, dann stand das Rkoselhaus greifbar deutlich vor ihr. Der runde Erkerturm hob sich grau vom
Mittwoch, (5. Juni 1925
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Verhärmte Frauen mit Kindern, oft im zartesten Alter, niedergedrückt von dem Schmerz um das Verlorene und ton der Sorge um die ungewisse Zukunft. Die fremden Gewalthaber säen frier eine furchtbare Saat des Hasses unb der Erbitterung!
In den Augen des irregeführten sranzösijch.n Volkes mögen die unerhörten Verurteilungen deutscher Männer zwar die gerechte Strafe für oe- wiesene »Böswilligkeit" fein, in 'unseren Augen find und bleiben d<e e Männer Märtyrer für die große und heilige Sache desVater- landes. Sie find uns mit den von Heimat und Herd vertriebenen, um Hab und Gut gebrachten Vollsgenossen leuchtende Vorbilder der Hingabe und Pflichttreue, unend'ich höherstehend wie die, die ihnen Gewalt antun!
Der Widerstand der Ruhrbevölkerung sei von Berlin befohlen, so wird immer wieder von der anbetxn Seite behauptet. Die Aufgabe dieses angeblich befohlenen Widerstandes ist sogar von anderen Seite als die condicio sine qua non für die wvmöglichen Verhandlungen aufgeste'ft worden. Frankreich befindet sich mit feiner Annahme in einem großen Irrtum. Der passive Widerstand ist keinem Befehl von außen entsprungen und kann deshalb auch nicht auf Grund eines anderen Gegenbefehls wieder eingestellt werden. Dieser Widerstand gegen die französischen Absichten ist ganz ausschließlich der innerlich gefühlte und gewollte Ausdruck des Lebens - und Freifreitswillens eines ganzen Volkes. Er wird nicht eher ern- gestellt, bis die älrsachen, die ihn hervorgeru'e r frohen, unwirksam geworden find, brs unsere Lin- abfrängigfeit und unser Lebensrecht- als Vock und Staat, wieder respektiert werden. Frankreich könnte wirklich auf Grund feiner bisherigen Erfahrungen zu der Einsicht gekommen fein, daß die Ruhr- bevölkerung keinem Regerstamm gleichzuiehen ist, der von seinem Häuptling nach Belieben rerfran- beit und verkauft werden kann. Die Millionen an Ruhr und Rhein, an erster Stelle die Arbeiter •uni) Beamten, die in den letzten Monaten für ihr Land und ihr Volk zum Teil schwer gelt'ten haben, würden es sich mit aller Entschiedenheit verbitten, wenn etwa Berlin nach französischem Wunsche über ihre Haltung in ihren eigenen Lebensfragen willkürlich bestimmen wollte. Mit dem ganzen Volk haben es die fremden Machthaber zu tun. Dieses Volk hat in der Vergangenheit be-v-iesen, daß es Opfer zu bringen gewillt ist für den Wiederaufbau dessen, was der Krieg zerstört hat. Aber dieses Volk kennt auch genau die ©rengen zwischen freier selbstgewollter Erfüllung und dem drohenden ^klavenletoa im Dienste fremder Machthaber. Man mag Mühsal und Rot, Gefängnis und Ausweisungen verhängen über Hunderte undTau- sende aus diesem Volke, alles wird nur beitragen zur toe i te r en Stärkung des berechtigten Widerstandes. Denn die Methoden der fremden Machthaber zeigen und ja besser wie alles andere, weisen wir uns bei einem Rachlassen unserer Widerstandskraft zu versehen haben und was letzten Endes auf dem Spiel steht.
Schwere, nvtvolle Zeiten hat die Vorsehung über uns verhängt. Die zerstörenden Kräfte wirken sich weiter aus, noch zeigt sich kein Ausblick in eine bessere Zukunft. Trotzdem wollen wir nicht verzagen! Das gewaltige stille Ringen an Ruhr und Rhein hat für unser Volk und für unsere Zukunft trotz aller Rot auch feine Aktivseite. W ir haben moralisch diel gewonnen, im Innern sowohl wie auch nach außen. Der in stillem Heldentum für unantastbare Güter betätigte Opfersinn unseres Volkes bat feinen Eindruck nicht verfehlt, ilnfere De or ä ngev aber haben durch das Ruhrabenteuer und feine Degleiterscheinungen ihren wahren Charakter vor aller Welt enthüllt. Diese Tatsache muß in irgendeiner Form zur Auswirkung kommen, früher oder später!
Der Abwehrkampf an Ruhr und Rhein ist bis jetzt nicht vergeblich geführt worden. Er wird zum guten Ende kommen, wenn alle Kreise unseres Volkes, wenn vor allem die Besitzenden in unserer schwersten Schicksals stunde den gleichen Opfermut aufbringen, den Sie Welt in den letzten Monaten im Abwehrgebiet tausendfach zu bewundern Gelegenheit hatte.
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Hessischer Landtag.
©t Darmstadt, 11. Juni.
Präsident Adelung eröffnet die Sitzung um 2'/t älhr. Das Haus berät zunächst die Regierungsvorlage, den Entwurf eines Gesetzes zur Verbesserung der
Wasser - und Bodenverhältnisse des Rieds
im Kreise Groß-Gerau betr.
Dehlinger (Dbd.) gibt eine
sehr ausführliche und anschauliche Darstellung der Verhältnisse im Ried und seiner jahrelangen Erfahrungen als Riedbauer. Die Gemeinden Ast- Heim, Berkach, Dornheim, Erfelden, Geinsheim Leeheim. Trebur und Wallerstädtwi tozrien zum Astheim-Erselder Entwäsieruogsrerband vereinigt. Der Redner stellt fest, daß mit dieser Vorlage eines der größten und bedeillsamsten Kulturprojekte geschaffen wurde, das dem ganzen Lande zugute kommen werde.
Arbells- und Wirtschaftsminifter Raab^ 'Der Herr Vorredner hat der Regierung die Aufgabe abgmommrn, die Vorlage hier ein ,c!;eiiu und überzeugend zu vertreten. Er bitte, möglichst ohne Debatte und möglichst einstimmig der Vorlage zuzustimmen. Die Vorlage wird in der Ausschuß- sassung angenommen. Das gleiche erfolgt in zweiter Lesung.
Es folgt die Fortsetzung der Beratung des Hauptvoranschlags.
Zum Kap. 100, M i n i st er i u m der Z u st iz, führt Abg. Schreiber (Dem.) aus: Zu begrüßen fei die Zulassung der Frau zum Rich'er- amt. Daß in Helfen die Aussühru ngsbestimmun- gen zu diesem Gesetz noch nicht erlassen wurden, sei tednuerlich. Zur Zeit herrsche im Volke eine große Ankenntnis des gellenden Rechts. Diese Kenntnis sollte schon in der Schule vermittelt werden. Ebenso sollte das Völkerrecht, das in Zukunft berufen fein wird, eine große Rolle zu spiel:.i, weitgehendere Rücksicht in der Ausbildung der Zu- risten finden. Der Redner bittet die Regierung um Aufklärung darüber, wie sie sich zu der Frage der Ablösung der Goldhypotheten stelle. Auch die Gebührenordnungen bedürfen der Modernisierung: sie entsprechen in keiner Weise der Geldentwertung. Das gleiche ist mit den Dil liothecen ber Fall. Der Redner fordert, daß die Regierung sich für eine baldige Verabschiedung der Strafrechtsreform einfeht und alle Sonderbestimmungen daraus entfernt werden, so vor allem die Bestim- nnmgen über Duelle. Das Gesetz über die Zwangs- Pensionierung begrüßen wir. Daß man in Hessen das Alter der Pensionierung auf 68 statt 65 Jahre seftfehte, ist zu beanstanden. Die hessische Gebührenordnung für Rechtsanwälte bedürfe dringend der Reform auf Grund der Goldwährung. Der Antrag der Sozialdemokraten zur Abfindung des Großherzogs bedeute eine Rschtlosmachung der entthronten Fürsten darum fei er gegen den Antrag. Für die Rotariats- und Anwaltsgehilfen, die durch die Mindebeschäfti- gung der Anwälte brollos werden, hat Preußen die Bestimmung erlassen, daß sie von den Gerichten als Schreibkräfte übernommen werden. Das sollte auch in Hessen eingeführt werden. Hilfskräfte sind dafür zu entlassen.
Abg. Ruß (Ztr.): Eine große Sorge macht uns der juri-rische Rachwuchs. Eine noch so gute tfrc-ci etische Ausbildung genügt nicht. Der junge Richter muß das Leben kennenlernen, er muß praktisch und sozial wirken lernen. Es ist richtig, daß manche Richter sich im Ton vergreifen bei Zcug nvrrn frmungen Es muß an Strebt werben daß auch jüngere Richter in leitende Stellen auf- rüden. Taß das Pensionsgefeh für Rvtare kommen soll, ist sehr .zu begrüßen. Hoffentlich legt man das Gefeh weitherzig genug aus. Die Anwalts Notare sollte man nicht ausschließen. Zur Rot der Rechtsanwälte habe ich zwei Anträge eingebracht, die diese Rot lindern sollen. Ich trete darin für Ausdehnung der Zulassung der Anwälte ein besonders bei Kaufmannsgerichten, Schiedsgerichten und anderen Sondergerichten. Die Gebüfrrenerfröfrung muß den Verhältnissen angepaßt, darf aber nicht überspannt werden. Der Redner polemisiert dann gegen einen Artikel des Oberlandesgerichtsrats Dr. Best in ber Tages- und Fachpresse über die Strafprozeßreform, in dem dem Stand der Rechtsanwälte imberechtigte Vorwürfe gemacht wurden, gegen die scharf protestiert werden müsse lleberhaupt trage das Oberlandesgericht Darmstadt und sein Präsident in letzter Zeit starke Reigung zur Polemik zur Schau. In der Frage der Gvldablösung der Hypotheken habe das Kammergericht Berlin genau das Gegenteil entschieden. Zur Frage der Mfindung des Großherzogs und zu der einstweiligen Verfügung ist festzustellen, daß! 'hier ein formaler Verstoß nicht vorlag. Die Erklärung des Oberlandesgerichtsrats Rüster wäre besser in dieser Form unterblieben, zumal der darin enthalten gewesene Angriff gegen seine vorgesetzte Behörde Andererseits bin ich der Ansicht, daß es den so schwer angegriffenen Richtern nicht verwehrt werden dürfe, in einer angemessenen und klug formulierten Erklärung dagegen Stellung zu nehmen. Den Antrag ^aul lehnen wir ab. weil er eine juristische älnmöglichkeit will.
Abg. Dr. Osann (D. Vpt.): Was die Spezialwünsche der Iuristen tn Hessen angefrt, so verweise ich auf unsere feit längerem vorliegenden Anträge. Diese Anträge betreffen die Registraturen an den einzelnen Zivilkammern, die Dor
blauen Himmel ab, sie sah die blühenden Geranien aus der Terrasse, den Springbrunnen im Rasenplatz und die grauen runden Steinkugeln auf dem Trrpfeiler. Unb jetzt muhte die Tür aufgefren und Arnolds mußte herauskommen, rasch und stramm den Weg hinunter, und schon von weitem spähend, ob sie bei Mutter Hausmann sitze, oder ob sie noch im Garten des Rebstock fei. ilnb Elisabeth mußte an der Tür stehen im weißen Kleide, mit dem Leuchten tn den braunen Augen, das sie stets begrüßte, wenn sie kam.
Es klopfte leise an der Tür. Frau Eva fuhr zusammen. Da war Auguste, die nach den Befehlen der gnädigen Frau zu fragen hatte und wissen wollte, was es zu Mittag geben solle. Da fei doch fo manches zu besorgen. Gnädige Frau müßten einkaufen dies und jenes. Frau Major Rathenaa habe schon gestern anfragen lassen, ob gnädige Frau zurück fei, und Herr Assessor Ensingen sei auch gestern dagewese.r.
Das rief Frau Eva in die Wirklichkeit zurück und sie fragte sich mit halbem Erschrecken, ob sie nun so Weller leben müsse und so weiter leben würde mit einem Herzen, das nicht frier war, und mit diesem fremben Gefühl, das sich wie eine Scheidewand aufbaute zwischen ihr und den Forderungen des Tages. So ging sie denn mit Auguste durch alle Stuben, hörte halb, was sie ihr vvr-- schlug, ordnete dies und jenes an, und horchte zwischendurch, gleichsam in ihr Inneres hinein, was sich drinnen wohl begebe.
Hans Dietrich kam nicht zu Tisch. So saß sie einsam bei ihrem Mittagbrote unb lag nachher mit einem dumpfen Schmerzgesühl in ihrem Kopfe auf dem Ruhebett, ohne zu schlafen, mb immer
nur wie in einem Abwarten auf etwas, das geschehen müsse.
Mit Mühe riß sie sich endlich aus ihrer Versunkenheit. kleidete sich an und ging in den Tiergarten. Aber das Menschengewühl bedrückte sie. selbst die einsamen Rebenwege waren ihr noch zu belebt. Und dann vermißte sie so vieles. Za, selbst daß sie Hut und Handschuhe trag, gab ihr ein bedrückendes Gefühl des Zwanges. GS war ihr, als ob von allen Seiten Schranken und Mauern um sie aufwüchsen. Als sie wieder nach Hause kam, freute sie sich der Stille in ihrem Zimmer, der sie doch vorher aus dem Wege gegangen war. Sie hatte noch nicht einmal ihren Koffer ausgepackt. Es war ihr, als müsse sie gleich trieber abreisen, als könne sie hier nicht bleiben. Auguste merkte auch, daß ihre Herrin nicht froh war. Sie schüttelle den Kopf, aber sie tröstete sich damit, daß gnädige Frau sich erst wieder eingewöhnen müßte. Das dachte Eva auch selber.
2lber es war seltsam, sie gewöhnte sich eben nicht ein. Das fremde Gefühl blieb unb verstärkt» sich sogar. War sie früher mit Behagen in dem Menschenstrome mitgetrieben, wann sie in die Stadt mußte, um Besorgungen za machen, so erregte diese Menschenflut jetzt in ihr immer starker jenes Gefühl der Enrfamtell und Leere, bas sie früher nur auf Augenblicke empf rnden hatte. Die wenigen Bekannten, die schon in Berlin waren und die sie besuchte, schienen ihr so fremd und f) gleichgültig, daß es ihr kaum ber Mühe lohnte, über die alltäglichen Dinge zu sprechen.
Hans Dietrich arbeitete eifrig für das Examen. Eie sah ihn sehr wenig. Sie hat c bald nach ihrer Rückkehr an Arnolds und Elisabeth ge»
labung der Zeugen durch einfache Postkarte, die Errichtung eines Hil. ^.als am Oocrlandesge- rieg-t, das unbedingt überlastet ift. Es ist unbedingt notwendig, sich mit den .bck.nfresfischen Gerichten unb Anwälten in Verbindung setzen, um nicht rheinfressische Prozesse jafrie.ang unerledigt zu lassen. Zur Zeit ist afferbtngö durch die immer schärfere Abschnürung eine Verbindung mit Rheinhessen sehr erschwert. Was die Rechtspflege im allgemeinen betrifft, fo halten wir die Zeit für grundlegende Reformen noch nicht für gekommen. Es haben berarrige Reformn crie noch nicht dem Reichstag Vorgelegen. La^- die Ausdehnung des Laienrichtertums betrifft, fo i i diese Frage sehr schwer zu beurteilen. Gegen die allgemeine Zulassung der Frau als Richter ist doch manches zu sagen. Als Vormund, Schosst und dergleichen ist bi: Frau unbedenklich zuznlassen Das Strafrecht bat sich im allgemeinen bewährt, fo daß auch hier eine grundlegende Reform nicht gegeben erscheint. Hingegen bedarf die Frage der mündelsicheren Papiere dringend der Reform von Reichs wegen. Die Entscheidung des Ober- lanbesgerichts Darmstadt in der Frage der Gold- ablöfung hat in gewissem Sinne bahnbrechend gewirkt. Das neue Gesetz der Zwangspension i c ru n g begegnet mancherlei Bedenken. Starke Kräfte werden dadurch vielleicht unserer lcusiiz vorzeitig entzogen. Andererseits ist bas Aufrücken junger Kräfte zu begrüßen. Die Heraufsetzung ber Gebühren für Rech sanwälte wird deren Rote nicht befrrixm. Die Folge wird sein, daß die Prozesse, weil zu teuer, sehr Nachlassen werden. Daß die hessische Regierung in der Reuaufstellung der Gebühreilordnung den Wünschen dec Rechtsanwälte no.chgekommen ist, dafür gebührt dem (Zustizminister und seinen Räten herzlichster Dank, ebenso für das Eintreten für die Rotare. Was den Prozeß des Großherzogs betrifft, so ist das. was die Zivilkammer getan hat, juristisch durchaus za rechtfertigen. Am Darmstädter Landgericht ist nie anders verfahren! worden. Der Gegcnseite war genügend Frist zu einer Erklärung bzw. Stellungnahme gegeben, ehe die einstweilige Verfügung einsehte. Zur mündlichen Verhandlung lvar das Gericht durchaus nicht verpflichtet. Äebrigens hat der Staat freute noch nicht Berufung gegen die einstweilige Verfügung eingelegt. Es sei übrigens festgestellt, daß die gleich: Zivilkammer vor einiger Zeit in einer ähnlichen Angelegenheit (Aushändigung einer Erbschaft) gegen den Grobherzog eine einstweilige Verfügung erlassen hat, und zwar in gleicher Form. Die schweren Angriffe des sozialdemokratischen Organs sind in keiner Weise gerechtfertigt. Mit Recht wurde darum Strafantrag gegen den „Volksfreund" Ivegen der außer- ordeiitlich schweren Beleidigungen gestelll. Das Iustizminifterium hat den Clrafantrag ab gelehnt im allgemeinen Staatsinter:fse. Die schweren Beleidigungen werden allerdings als vorliegend anerfannt Es bleibt zweifelhaft, ob das Iustizministerium berechtigt war. die Richter auf einen anderen Weg zu verweisen. Die Richter haben den Weg der Erklärung (Rüster) gewählt. Ein anderer blieb ihnen nicht übrig, die scharfe Verwahrung war durchaus notwendig. Es ist an- zunehmen, daß die Richter ihre Erklärung vorher dem Iustizministerium vorgelegt haben. Sie ist inhaltlich und tm Wortlaut durchaus nicht zu beanstanden.
Rächste Sitzung Mittwoch, 9 Ufrr. — Schluß 6 ilfrr.
Verschmelzung der Ruhrhilfe mit dem Volksopfer.
Mit dem 1. Zuni trat eine Vereinheit* lichung des Sammelwerks zur plnter- stützung der im alt- und neubesehten Gebiet not- Iciltenbcn Volksgen offen ein. Die „R u fr r h i l f e", die ein Hilfswerk oer gefamten Wirtschaft der Arbeitgeber wie der Arbeitnehmer, barstellt, ist mit dem l.Zuni in das Deu tf che Volksopfer (Ruhr und Rhein) übergegangen. Dadurch ist sowohl die Einhelllichkeit des Sammelwerkes selbst, wie auch der so dringend notwendigen älnterstützungsaktion erreicht. Alle Spenden werben künftig dem Deutschen Dolksvpfer zu- fließen. Die Ruhrhilfe hat bisher in weitestem Maße zur Finanzierung der Kinderfürsorge beigetragen, besonders zur .Unterbringung leidender Kinder aus dem besetzten Gebiet in Heimen und auf dem Lande. Daneben geschah vieles zur Erleichterung des Loses der Inhaftierten. Größere Summen wurden zur Llnterstühung notleidender Kriegsbeschädigten, zur direkten Unterstützung von Wcfrlsafrrtshe.men usw. verwandt. Außerdem wurden bedeutende Beträge zur Versorgung der Arbeitslosen. Kurzarbei!er u ib linderceichm Familien mit Kartoffeln verausgabt. Heim älebergang der Ruhrhilfe in das Deutsche Volksopfer verbleibt ein be deuten der Fonds zur Disposition deS bisherigen paritätischen Vorstandes der
schrieben und schon nach einigen Tagen kam die Antwort. Elcsabeth schrieb ihr herzlich und lleb, wie sehr sie sie vennisse, und wie still es sei. Auch ihr Papa habe Sehnsucht nach ihr. Immer und immer wieder komme das Gespräch auf sie, und auf die schöne Zeit, da sie im Rebstock gewesen.
Von Arnolds l-ogen nur kurze Zeilen bet Er fei augenblicklich sehr in Anspruch genommen, schrieb er, und müsse sich einen längeren Dries an sie auf bessere Tage verspüren. Frau Eva hatte kaum etwas anderes erwartet Sie wußte, Arnolds war nicht der Mann dazu, in langen Auseinandersetzungen sich zu ergehen. Sein Driefrivar wie er selber. Die kurzen bestimmten Sätze straff aneinander gereiht, die Schrift sehr klar und schmucklcs. Manchmal ein derber Strich, der Frau Eva lächeln machte, well er genau war wie eine feiner bestimmten Meinungsäußerungen. Sie hatte ihn an fein Versprechen erinnert im Winter oder gegen das Frühjahr mit Elisabeth nach Berlin zu kommen. Er schrieb darüber nichts. Rur Elisabeth deutete an, daß öfter s von diesem Plane gesprochen werde.
Frau Eva saß still mit diesen beiden Briefen vor chrem Schreibtisch. Alles wurde wieder lebendig in ihr, lebendiger dLin je. Sie fühlte deutlich, baß dieser Aufenthalt an der Mosel in ihrem Leben etwas bedeutete, was sich nicht mehr aus- löfchen lasfen würde, daß sie nicht mehr die Alte war und nicht mehr fein würde. Daß sie mit ihren Wurzeln wie cms ihrem bisherigen Boden gelockert war, und dich noch in einem neuen Boden nicht genug Wurzel gefaßt Halle. Ein paar Tränen rann«, ihr selber halb unbewußt, über ihre Wangen.
(Fortsetzung folgt)


