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Nr. 85

Erscheint täglich, außer Sonn, und Feiertags, mit derSamstagsbeilage: GießenerFamilienblätter Monotlichevezuorpreise: 9400Mark und 200Mark Trügerlohn,durch diePost 3k00Mark,auch beiNicht. erscheinen einzelner Num- mern infolge höherer Gewalt.- Fernsprech. Anschlüsse: fürdieSchrift» leitung 112; für Verlag und Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnach. richten: Anzeiger Gießen.

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Erstes Blatt

175. Jahrgang

Donnerstag, 12. April 1923

GiehenerAnzeiger

General-Anzeiger für Gberheflen

vr»S imd Verlag: Vrühl'fche Universitälr-Vnch- und Steindruckerei H. Lanie in Gießen. Zchriftleitnng und Geschäftsstelle: Zchulstraße 7.

Annahme oon Anzeigen für die Tagesnummer bis ' zum Nachmittag vorher ohnejede Verbindlichkeit. Preis für 1 mm höhe für Anzeigen v 27 mm Breite örtlich 80 Mk., auswärts 100MK.;für Rekl amc Anzeigen von 70 nur Breite 400MK.Bei'plah> Vorschrift 20 u/0 Aufschlag. Hauptschristleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich fürPolitik: Aug. Goetz: für den übrigen Teil: ErnstBlumschein;fürden Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in Giehen.

Der Skandal von Memel.

Der Generalstreik im Menelgebret wurde ?estern nach Verhandlungeri mit der itauischen Regierungskommission beendet.

Obwohl den Memeldeutschen einige Zu­geständnisse gemacht wurden, kann weiter mit Lin le rdmckung smahna hmen gerechnet werden. Lieber die Voraussetzungen, die zum Generalstreik führten, gibt nach­stehender Aufsatz des ausgewiesenen Chef­redakteurs desMemeler Dampfbootes" Aufschluß:

Bald nach der Abtrennung des Memel landes von Deutschland hat ein englisches Blatt, der Manchester Guardian", ein wahres Wort ge­funden bei der Schilderung der dort geschaffenen politischen Lage. Das Blatt sprach von dem Skandal von Meine l". Nun hat in Memel litauisches Militär mit Knute und Maschinen­gewehr eine Schreckensherrschaft aufgerichtet. Denkmäler sind auf dem uns Deutschen so teuren Boden aufs schmählichste geschändet, die wie das Aationaldenkmal der Borussia mit den Hermen von Stein und Hardenberg und vielen anderen gerade uns Heutigen so vieles zu sagen haben!. LInter unerhörter Vergewaltigung seufzt die friedliche Bevölkerung des schönen Landes seit den Tagen des Putsches, da fremde Eindringlinge mit Waffen dort die Herr­schaft an sich rissen. Die Vorgänge können keinen, der die Entwicklung der dortigen Dinge verfolgt hat, überraschen. Aach dem litauischen Putsch hatten sich Leute mit bedenklichster Ver­gangenheit, die ihre moralischen Mängel durch fanatischen Nationalismus zu ersehen ver­suchten, unter Einwilligung der litauischen Regie­rung ans Ruder gesetzt. Der Kurs, der nun eingeschlagen wurde, rechtfertigte nicht nur. son­dern übertraf dieschlimmstenDefürch- t u n g en, die jeder Kenner des Memellandes und Litauens schon damals hegen muhte, als nach dem Vertrag von Versailles die Möglich­keit sich auftat, daß daS Memelland litauisch werden könne. Seit den Putschtagen des Januar wird dort nun eine verbohrte national-litauische Politik getrieben, die sichtlich darin gipfelt, das Deutschtum überall zurückzudrängen und auszuschalten und die Menrmellanddeutschen gegen Deutschland und Ostpreußen, ihren Stammes- und Kulturboden, a h z u s ch l i e h e n. LIeberdies wurde sogleich auf dem Gebiet dw Wirt­schaft eine Gesetzgebung eingeleitet, welche die restlose Eingliederung in Litauen sofort anbahnte und schließlich geradezu unerträgliche Zustände schuf. Der politische Generalstreik aller Erwerbs­stände war dir Antwort, welche das unendlich geduldige und ruhige Volk des Memellandes nun gegeben hat.

Die derzeitigen Machthaber im Memelgebiet, das Landesdiieftorium des angeblich zurückgeire- tenen, aber in Wirklichkeit fest im Amte sitzenden Herrn S i m o n a i t i s, welche die je^igc Situa­tion herbeiführten, haben, wie gesagt, sowohl bei dem Putsch, wie auch bei ihrem weiteren extrem deutschfeindlichen Verhalten die ous-riebigste mo­ralisch^, ftnanzielle und militärische LI n t e r st ü t - tzung Kownvs erhalten, so daß dir amtliche litauische Regierung für die Ereignisse voll ver­antwortlich zu machen ist. Simvnaitis und Kon­sorten stützten sich wohlweislich auf das litauische Militär unter Führung eines Abenteurers wie D u d r h s. eines frü^ren russischen Offiziers, der seit den letzten Tagen an Stelle des litauischen Oberkommissars Smetvna Kowno-Litauen in Me­ines vertritt. Dabei ist nicht zu vergessen, daß gerade die litauische Armee ein ganz besonderer Herd des litauischen Aativnalismus ist. Ihre Werkzeuge sind Terror. Ausweisungen, Maschi­nengewehre. Der Kreis um Simvnaitis hat bet jeder Gelegenheit gezeigt, daß es ihm nicht um das Wohl des Landes, sondern lediglich um parteitaktische und persönliche Vorteile zu tun ist. Die staatlichen Gehälter und Entschädigungen, welche sich diese Herr­schaften aus der gewiß nicht an Llnterernährung leidenden memelländischen Staatskasse schleunigst bewilligt haben, bewiesen das; so lassen sich ehrenamtliche" Landesdirektoren wie Bor­chert und Dirszkus, wohhabende litauische Landwirte, für ihr gelegentlichesRegieren" regelmäßig Tagesgelder von 25 000 Mark be­zahlen, und das feste Gehalt des früheren Pfarrers Gaigalat, des früheren Gerichts­sekretärs Simvnaitis und des angebllchen Ver­treters der Gewerkschaften Pannars beträgt 900 000 Mark pro Monat. Während man gänz­lich ungeeignete Leute, geradezu Karikaturen von leitenden Beamten einsetzte, wie den neuen Lan- despostdrrektvr, einen früheren russischen Unter- beamten, aus Kibarth, M a r k e w i t s ch (heute heißt der Brave bereits gut litauisch Marke- wiczius) wurden systematisch in wenigen Wochen alle noch so tüchtigen deutschen Kräfte heraus- aedrängt, so daß jetzt an der Entschuldigung desArmeeführers" und stellvertretenden Ober­kommissars Dudrhs sogar etwas Wahres ist, Eingaben in deutscher Sprache könnten nicht deuy'ch beantwortet werden, weil die erforder­lichen deutschsprechenden Beamten nicht vor­handen seien. Alles wurde sogleich nach dem Putsch bn Memelland in erster Linie vom natio­nallitauischen Standpunkt aus beharidelt, über ben russisch-litauischen Leisten geschlagen, und ist auch danach. Ob die Quittung darüber, die von den Memelländern gegeben wurde, die Kownoer verantwortlichen (Stellen verstehen werden? Wir glauben, sie brauchen noch deutlichere Beweise.

Die Souveränität über das Memel! and ist nach dervollendeten Tatsache" des litauischen Putsches von der Botschafterkonferenz Litauen zugesprvchen worden, aber mehr rst noch nicht ge»

*

regelt. Gegenwärtig finden in Paris Verhand­lungen über das Maß der Autonomie statt, die dem Memelland gewährt toerben soll. Die letzten Vorgänge in Memel zeigen, daß praktisch von Autonomie und Selbst Verwaltung feine Rede ist, und daß dort lediglich die Diktatur des litauischen Säbels herrscht. Litauen hat seinen Befähigungsnachweis nicht erbracht.

Memel, 11. April. (Wolfs.) Die Läden waren heute morgen größtenteils geöffnet. Auch die Arbeiter haben teilweise die Arbeit wieder ausgenommen. Lieber die allgemeine Wieder­aufnahme der Arbeit wird im Lause des Vor­mittags abgestimmt.

Ein Einspruch gegen Eingriffe in die deutsche Gerichtshoheit.

Berlin, 11. April. (WTB.) DerReichs- kommissar für die besetzten Gebiete in Koblenz hat an den Präsiden.en der Inter­alliierten Rhein la ndtommissivn fol­gende Rote gerichtet:

Die Interalliierte Rheii landkommillion hat mich mit ihrem Schreiben vom 25. Januar 1923 ersucht, dafür Sorge zu tragen, daß die deutschen Behörden den Delegierten der Rheinlandkommis- fion von jeder beabsichtigten Verhaftung eines Staatsangehörigen der an der Besatzung der Rhe.nlande t.il ehmenden Mächte vorher Kennt­nis geben, und daß im Falle der Ergreifung auf freiter Tat der Beschuldigte sofort im Bareaa des Delegierten zur Pcü^ung der Angelegenheit vorgeführt w.rd. Die Reichsregierung hat mich beauftragt, darauf folgendes za erwidern:

D e Znteralliirrte Rhei la dkommission stützt ihre Anordnung auf ihre Anweisung Ar. 2. Diese Anweisung bestimmt aber lediglich, daß dem De­legierten von solchen gerichtlichen Verfolgungen oder Verhaftungen Kenntnis zu geben ist, die eine Störung der öf sentlichen Ordnung aird damit eine Gefährdung der Sicherheit der Besahungsarmeen zur Folge haben könnten. Die jetzige Anordnung der Interalliierten Rheinlandkommi'sion geht so­mit in zwei Punkten weit über die Bestimmungen der Anweisung 2 hinaus, indem sie 1. unter­stellt, daß jede Verhaftung eines Staatsangehöri­gen der bei der Besetzung beteiligten Mächte ge­eignet sei, eine Störung der öffentlichen Ordnung und damit eine Gefährdung der Sicherheit der Desahungsarmeen zur Folge zu haben, 2. vor­schreibt, daß dem Delegierten vorher von der beabsichtigten Verhaftung Kenntnis zu geben, und daß bei Ergreifung auf frischer Tat der Beschul­digte dem Delegierten zwecks Prüfung der An­gelegenheit vorzusühren fei. Es bedarf keiner weiteren Ausführung, daß es sich bei der Unter» stellung, jede Verhaftung eines Sraatsangehöri- gen der an der Besetzung teilnehmenden Mächte bedeute eine Gefährdung Der Sicherheit der Armee, um eine reine Fiktion handelt, dir mit der Wirklichkeit in fei..er Weise im Einklang steht. In der Praxis kommt die Anordnung der Inter­alliierten Rheinlandkommission auf einen schwe­ren Eingriff in die deutsche Gerichts­hoheit hinaus, die durch die Bestimmungen des Rheinlandabtommens nicht gerechtfertigt werden kann. Das Ergebnis der Anordnung dürfte darin bestehen, daß die sich im besetzten Gebiet auf­haltenden Ausländer soweit sie zu den an der Besetzung teilnehmenden Mächten gehören, aus dem Gebiete der Strafgerichtsbarkeit in einem Umfange unter der besonderen Protektion der Interalliierten Rheinlandkommi.sion flauten, wie es sonst nur in minder kultivierten Staaten unter der Herrschaft der sogenannten Kapitulationen" der Fall ist. Die Reichsregie­rung erhebt gegen diesen rechtswidrigen Eingriff m die deutsche Gerichtshvheit nachdrücklichen Protest.

Eine Kundgebung des Deutschen Richterbundes.

Berlin, 11. April. (WTB) DerDeutsche Richterbund erläßt folgende Kundgebung:

Die französischen Behörden, die sich Gerichte nennen, fällen fortgesetzt über friedliche Deutsche in Deutschland Gewaltsprüche, deren barbarische Strafen oft mehr an asiatischen, denn europäi­schen Maßstab gemahnen. Die Verfehlungen der Verurteilten bestehen einzig in dem Aichterfüllen von Zumutungen, die von ihnen als deutschen Staatsbürgern nur unter krallen Völkerrechtsver- tehungen verlangt werden konnten. Die Richter müften stets Richer bleiben und nur nach Recht und Gerechtigkeit urteilen. Wir rufen die rechtlich Denkenden aller Völker auf, besonders die Richter aller Staaten: Gebt mit uns der Empörung über b i e Schändung, die mit dem Rainen Recht, Richter und Gerechtigkeit getrieben wird, lauten Ausdruck!

Die Essener Bluttat.

Berlin, 12. April. Aach Blättermeldangen aus Essen ist die LI n t e r s u ch u n g gegen die wegen der Vorfälle am Karsamstag verhafteten Direktoren der Kruppwerke in vollem Gange Es sind jetzt die von den Beschuldigten genannten Zeugen vorgeladen worden. Es handelt sich namentlich um die Arbeiter, die bei den blutigen Vorgängen zugegen waren und die Mit­glieder des Großen Betriebsrates Die Arbeiter stehen auf dem Standpunkt, daß das Ziehen der Sirenen in vollem Einverständnis zwischen Direktion und Arbeiterschaft geschehen ist und daß sich daher die Arbeiter zum mindesten ebenso .. ü ratbar" gemacht haben wie Np verhafteten Direkteren.

D-e Belgier nud die Essener Bluttaten.

Essen, 11. April. (WTB.) Aus der Zink­hütte, einem rein belgischen -Unterneh­men, wurden 150 Arbeiter wegen Teil­nahme an der Beerdigung der am Charsamstag Getöteten entlassen.

Zur Verhaftung des Staatssekretärs Hamm.

Berlin, 11. April. (WTB.) Zu der Ver- Haftung des Staatssekretärs Hamm wird noch mitgeteilt: Hamm wurde nach seiner Verhaftung in einem ausrang.nten Eisenbahnpostwagen durch einen französischen Advokaten vernommen. Es wurde ihm mitgeteilt, daß ein Einreiseverbot für Minister und Regierungsmitglieder bestände und auf ihn angewendet werden mühte. Sein Einwand, daß er weder Minister noch Mitglied der Regierung sei, wurde nicht beachtet, auch sein Verlangen, daß er sich an den General direkt wenden wolle, wurde verweigert. Es wurde ihm bedeutet, daß für den Tag der Stauerfeier besonders strenge Befehle für die Einreise erlassen worden seien. Insbesondere sei dem Reichskanzler und dem Staatssekretär Hamm die Einreise ver­boten worden. Abends 8 Llhr traf eine De­pesche des Generals Degoutte ein, Hamm solle von einem Offizier an die Grenz« des besetzten Gebiets gebracht unb ihm unter Androhung schwerer Strafen das Wiederbetreten des besetzten Gebiets ver­boten werden. Staatssekretär Hamm protestierte schriftlich scharf an Degoutte. Er wurde dann in einem Automobil nach Scharnhorst geschasst und in einen Zug gebracht. Die Regierung wirb gegen seine Inhaftnahme protestieren. Die Reise hatte keinen politischen Zweck, er sollte den An­gehörigen der Erschossenen die Teilnahme der Reichsregierung ausdrücken. Die Franzosen be­haupten, daß seine Anwesenheit in Essen die Sicherheit der französischen Truppen gefährdete.

Der päpstliche Abgesandte im Nuhraebiet.

Essen, 11. April. (WTB.) Der päpstliche Delegat Testa stattete gestern dem in Reckling­hausen in Haft befindlichen Bürgermeister S ch ä - f e r aus Essen einen Besuch ad. Heute vormittag empfing er eine Abordnung aus Werden.

Geiseln.

Essen, 11. April. (WTB.) Ms Geiseln wurden im hiesigen Zuchthaufe eingeliefert: Fa- brtfant Gustav Averhoff und Polizeiagent H e ck m ü l l e r, beide aus Mettmann, und zwar angeblich, well in Mettmann auf einen französi­schen Hauptmann ein Schuß abgegeben worden fein soll.

Die französischen Gewalttaten.

Köln, 11. April. (Wolff.) In Kob­lenz waren bis heute vormittag 70 Dienst­wohnungen mit etwa 250 Personen geräumt. Heute müssen weitere 30 Dienstwohnungen ge­räumt werden. Oberbahnhofsvorsteher Still aus Schleiden wurde vom Kriegsgericht in Aachen zu zwei Monaten Gefängnis und 300 000 Mark Geldstrafe verurteilt, Ober- bahnhofsvorsteher Wagner und die Eisen- bahnassistenten Kuepper, Hefenstrick und Puchenheim erhielten von den Franzosen den Befehl, ihre im Empfangsgebäude liegenden Dienstwohnungen bis zum 11. April vormit­tags 10 Llhr zu räumen. In Wickrath müs­sen vier Beamte ihre Wohnungen räumen.

M a i n z, 11. April. Ausgewiesen wur­den heute Eisenbahnoberingenieur Emil Krug, Schweißer Josef Satting, Schlosser Merkel, Wagenaufseher Hesse, ferner die Familien der in Haft befindlichen Lokomotivführer Hörr und Kassenbote Pabst. ,

Hochheim a. M., 11. April. Der hiesige Bahnhofsvorsteher Parian wurde heute.mit seiner Famllie ausgewiesen.

= Worms a. Ah., 11. April. Auf dem hiesigen Bahnhof sind gegenwärtig nur noch drei Lokomotiven im Betrieb.

fpd. Flörsheim, 11. April. Heute vor­mittag wurden von den Franzosen 1 6 E i s e n- bahnbedienstete mit ihren Fami­lien ausgewiesen. Anter den Ausge­wiesenen befand sich auch eine Frau, die un­mittelbar vor der Entbindung stand.

Münster, 11. 2lpris. (Wolff.) Heute früh besetzten die Franzosen den Bahnhof Recklinghausen-Süd, in Recklinghau­sen außerdem die Stadt- und Kreissparkasse.

Reviges.il. April. (WTB.) Der stell- verttetende Bürgermeister ist von den Franzosen aus bisher unbekannten Gründen verhaftet worden.

Essen, 11. April. (WTB.) Dis zum 11. April sind von den Franzosen folgende Schachtanlagen neu besetzt worden: Concordia 4 und 5, Matthias Sttnnes 3 und 4, die staatlichen Gruben Westerholt und Bergmannglück, Erin, Graf Schwerin, Mont- Cenis und Johann DeinelSberg.

Elberfeld, 11. April. (WTB.) Die Sttecke HattingenBredenscheid ist von den Franzosen durch Herausreihen der Schienen völlig unfahrbar gemacht worden

In Herdecke sind drei Sttaßenbahner, die versucht hatten, Stahl aus dem besetzten ins unbesetzte Gebiet zu bringen, verhaftet worden.

In M o n s ch a u ist der g e i st l i ch e L e i- ter des katholischen AllumnatS ohne Angabe von Gründen von den Franzosen verhaftet und auSgewiesen worden.

R e u st a d t, 12. April. (WTB.) Lieber Neustadt ist gestern eine dreitägige Nacht- Verkehrs sperre verhängt worden, weil von deutscher Seite franzosenfeind­liche Plakate angeschlagen wurden.

DerErfolg" der Franzosen.

Berlin, 11. Aprll. (Wolff.) DieB. Z. am Mittag" stellt heute anläßlich der nunmehr bret Monate währenden Ruhrbesetzung als Ergeb- nisderRuhraktion fest, LahB Igten, F ank- reich und Luxemburg vom Beginn des Ruhrem- bruchs bis Ende März insgesamt 38 000Tonn- nenKohleundKoksmit Mitteln der Gewalt, sich habe verschaffen können, während in m der gleichen Zeit nach dem bisherigen Verlauf der Re­parationslieferung 4 2 Millionen Tonnen erhalten haben würden. Das Blatt schließt die Ausführungen mit den Worten:Ihr Ziel haben die Franzosen und Belgier in drei Monalen nicht erreicht. Sie werden es zu irgendeinem anderen Zeitpunkt ebensowenig erreichen.

Aus Offenburg.

Offenburg, 11. April. (Wolff.)Heute mittag wurden drei Aufseher des Ge- fängnissesverhaftet, weil sie am Vor­mittag die Aufnahme eines von den Franzosen eingekieferten Deutschen verweigert hatten. Am Nachmittag wurde daraufhin auch Staaks- antoalt Mohr verhaftet, aber bald wieder auf freien Fuß gesetzt, nachdem sich heraus- gestellt hatte, daß nicht er, sondern Ge­richtsassessor Dr. Mohr verantwortlicher Leiter der Gefäugnisverwaltung ist. Bon den Aufsehern wurden zwei ebenfalls wieder auf freien Fuß gesetzt. Die der Staatsanwaltschaft angegllederte Kriminalabteilung ist letzte Woche durch die Staatsanwaltschaft aufgelöst und die Beamten zur anderweittgen Verwen­dung ins unbesetzte Gebiet enllassen worden, da zwei Beamte dieser Abteilung von den Franzosen verhaftet, später aber wieder frei- gelassen worden waren. Die Franzosen waren Der Ansicht, daß es sich bei dieser Abteilung um eine örtliche Polizei handle. Die Auflö­sung der Abteilung ist der französischen Desat- zungsbehvrde mitgeteilt worden.

Crttie neue Geldbuße für die Stadt Buer.

D e r l i n, 11. April. Gestern nacht wurde, tote die Blätter melden, an der Bahnunter­führung am Egerplay in Bu e r, die einen Teil der militarisierten Strecke nach Recklinghausen bil­det, eine Sprengung vorgenornrnen, wodurch ein Gleis zerstört wurde. Die Franzosen sind mit der Ausbesserung der Strecke beschäftigt. Lieber die Stadt Buer ist wegen der Sprengung eine Buhe von 50 Millionen Mark verhängt worden, ferner wurde Straßensperre von 8iI&- abends bis 6 Llhr früh eingeführt.

Eine erregte Sitzung des englischen Unterhauses.

London. 11. April. (WTB) 3m Unter» ha u s e fragte Macdonald, welche Schritte die Regierung angesichts der gestrigen Niederlage tun werde. Der Schatzkanzler erwiderte, die Re­gierung beabsichtige, morgen die gestrigen Ar­beiten fvrtzuführen. Das Haus ftimmte darauf über den Geschäftsordnungsantrag ab, wobei die Regierung eine Mehr hei t von 87 Stim­men erhielt.

London, II. April. (WTB.) Das Lln» t e r h a u s war heute sehr gut besucht. Die Mit- glieber der Regierungsparteien waren rrach der Erfahrung von gestern in ansehnlicher Stärke erschienen. Schahkanzler Baldwin brachte an Stelle Donar Laws, der erfchtenen, aber nicht imstande war zu sprechen, eine Resolution ein. durch die der Antrag, bei dem die Regierung gestern unterlegen war, erneut in Erwägung ge­zogen wird. Der Sprecher crflärte dieses Ver­fahren für korrekt. Baldwin sagte, der gestrige Vorfall sei auf eine Lleberrumpelangzu- rückzuführen. Die Regierung habe sich eines Mangels an Aufmerksamkeit schuldig gemacht: die Äbsttmmung beweise nidyt, daß sie das Ver­trauen des Hauses verloren habe. (Beifall bei den Regierungsanhängern). Ramsay Macdo­nald bestritt, daß die Abstimmung unerwartet gekommen sei und erklärte, die Regierung habe feine Niederlage erlitten, weil eine Anzahl Regierungsanhänger es abgelehnt habe, sie zu unterstützen. Er wünsche, daß die Regierung ihre Niederlage zugebe, anerferme und eine Aenderang ihrer Politik betreffend die Verwendung der vor­maligen Soldaten bn Dienste der Zivilverwal­tung ankündige.

Die hierauf folgenden Reden der Arbeiter­vertreter zeigten deutlich, daß viele Arbeiter- mitglieber entschlossen waren, vor Annahme der Resolution Baldwin eine derartige Erklärung der Regierung zu veranlassen. Don der Regierungs­bank erfolgte £ine weitere Erklärung, und die Verhandlungen gerieten in ein erregtes, Fahrwasser. Zwischen den Arbeitermitglle-