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Nr. 81
Erscheint täglich, außer Sonn- und Feiertags, mit derSamstagsbeilage: GießenerFamilienb lütter Monatliche vezuaspreife: 3400 Mark und200Mark Trögerlohn,durch dieDost 3600Mark,auchbeiNicht- erscheinen einzelner Nummern infolge höherer Gewalt.- Fernsprech- Anschlüsse: für dieSchrift. leitung 112; für Verlag und Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnach. richten: Anzeiger Liehen.
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Erstes Blatt
175. Fahrgang
Samstag, 7. April 1923
GieheimAnzeigek
General-Anzeiger für Oberhessen
Druck und Verlag: Vrühl'sche Univerfitätr-Ynch- und Slelndruckerel H. Lange in Gießen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Zchulstrahe 7.
Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohnejede Verbindlichkeit Preis-für 1 mm Höhe |üi Anzeigen v. 27 mm Breit«, örtlich 80 Mk., auswärts 100MK.;fürReklams Anzeigen von 70 mn Breite 400 MK.Bei Platz. Vorschrift20" „Ausschlag. Hauptschristleiter: Ang. Goetz. Verantwortlich für Politik: Ang. Goetz für den übrigen Teil: Ernst Blum'chein; für den Anzeigenteil: Hans Beck» sämtlich in Gießen
Wochenrückblick.
Die französischen Mordgreuel ln Essen werden so bald nicht vergessen werden. Wir haben feststellen müssen, daß die Pariser Blätter in ihren lügnerischen Verdrehungen sehr eilfertig waren, aber der Ernst der Wahrheit folgt ihnen auf dem Fuße und fordert von den offiziellen Stellen Antwort und Bekenntnis. Es ist bereits bekannt geworden, daß der französische Kommandant von Essen, General Iacquemot, auf die von uns veröffentlichte Anklagenote der Essener Stadtverwaltung geradezu höhnisch geantwortet hat. Die Schuldigen seien ja nach dem Wunsche der Stadtbehörde verhaftet und die geforderte strenge Untersuchung sei im Gange! ES handelt sich um die fcstgenommenen Direktoren der Krupp- Werke; der französische General behauptet, die Kapitalisten hätten die Kruppschen Arbeiter aufgehetzt und trügen die alleinige Verantwortung für das vergossene Blut! Der Stellvertteter des Essener Oberbürgermeisters hat darauf gebührend geantwortet und in scharfem Tone den Hohn zurückgewiesen, der in der Essener Bürgerschaft größte Entrüstung Hervorrufen müsse. In dieser Entgegnung wurde der französische General auch Lavor gewarnt, die angekündigte Gerichtsverhandlung gegen die Kruppschen Direktoren v o r der Bestattung der elf Erschossenen stattfinden zu lassen. Es müßten sonst berechtigte Aufwallungen der empörten Bevölkerung erwartet werden, die nicht aufzuhalten wären. Gleichzeitig hat auch der stellvertretende Regie- rungSpHifident in Düsseldorf in einem Schreiben an den General Denvigne das höhnische Gebaren des Essener Kommandanten gegeißelt und die Erwartung ausgesprochen, daß solche Herausforderungen vermieden würden.
Mit größter Spannung wartete man aber auf die Antwort, die der Höchstkommandierende, General Degoutte, dem wackeren Düsseldorfer Regierungspräsidenten Dr. Grütz- ner erteilen würde. Dieser hatte, wie unsere Leser wissen, die offene Schande der französischen Armee, die zunehmende Unkultur des französischen Volkes, verkündigt und sich erboten, für seine schweren Anklagen vor französischem Gericht den Wahrheitsbeweis anzutreten, wofern der General die volle Beweiserhebung zuzulassen sich bereit erkläre. „Menn Sie nichts zu vertuschen haben," schloß der Tapfere, „so wählen Sie diesen Weg!"
Heute wird es bekannt, daß Degoutte die Annahme des Schreibens verweigerte, weil Grützner nicht mehr bei ihm beglaubigt sei. Bei dem deutschen Beamtcnkörper im Düsseldorfer Bezirk ist er es um so mehr! CS sind seit denl furchtbaren Massenmord 8 Lage verstrichen, und von dem Oberkommando ist noch nichts verlautet als diese Derlegenheitsaus- kunft! Es wird dem General Degoutte schwer fallen, das Ergebnis seiner „Untersuchung" zu einer Rechtfertigung zu frisieren. Denn hier sprechen die Tatsachen doch allzu deutlich! Die von den deutschen Behörden veröffentlichten Darstellungen fußen auf dem Zeugnis des Arbeiterbetriebsrates der Firma Krupp. Der plumpe Versuch, die Kapitalisten und die Arbeiter gegeneinander auszuspielen, wird diesmal nicht verfangen. Ein energischer Aufruf der deutschen Gewerkschaftsverbände und anderer Arbeitnehmerorganistionen wird die französischen Fälscher und Verführer belehren, daß es in Deutschland allmählich tagt, daß man sich das „befreite" Deutschland heute anders denkt als unter dem Eindruck der berüchtigten Wilson-Programme.
Die Essener Mordtaten lieferten einen hochragenden Markstein der politischen Moral unserer Zeit. Riemand wird bedenkenlos daran vorbeikommen, auch die Franzosen nicht. M n t) noch vertrauen wir auf die Macht sittlicher Erwägungen auch in der Politik. Beruht nicht der ganze Versailler Vertrag auf einem Schuldspruch moralischen Inhalts?! In dem bekannten Paragraphen 231 wurde uns das falsche Bekenntnis der deutschen Tlrheberschafr am Kriege abgenötigt. Die Früchte dieses Friedensvertta- ges Feigen es heute allzu deutlich, wo in Wahrheit die Militärtyrannei und polittscye Barbarei zu Hause ist. Das deutsche Schwert ist zerbrochen, eine machtvolle Gegenwehr gegen anmaßende Fremdherrschaft ist kaum noch möglich. Aber die schändliche Lage Deutschlands und darüber hinaus die drohende Verelendung Europas sind nur das Werk von Lüge, Heuchelei und Verrat; nicht gerade Siegertat hat es vollbracht. Wallenstem- sche Erkenntnis drückt uns heute nieder: „Richt was lebendig kraftvoll sich verkündigt, war das gefährlich Furchtbare." Resignation soll 'ndessen nicht die letzte Weisheit unseres nationalen Lebens sein. Es gilt, das getäuschte, so sehr moralische Zeitalter mit unmittelbarer Erfahrung in seinem Gewissen wachzurütteln.
Da die siegreiche Welt der Gegner die erträumten Reichtümer nicht geerntet hat, wird sie der Selbsterkenntnis zugänglicher sein. Wir müssen die Kriegsschuldfrage in den Vordergrund aller politischen Bemühungen stellen, damit für notwendige Friedensverhandlungen die rechten Vorbedingungen vorhanden sind. Betrug und Rechtsbruch haben uns um die Friedensbedingungen gebracht, die uns im Rotenwechsel mit der amerikanischen Regierung auf Grund der 14 Punkte Wilsons zu- gesagt worden waren. Riemals wird dies bei der unvermeidbaren Revision des Versailler Verttages unbeachtet bleiben dürfen.
Die Revisionsvorschläge, die der „Daily Telegraph" ans Tageslicht gebracht hat, sind danach angetan, einer moralischen Offensive Deutschlands den entschiedensten Antrieb zu geben. Denn sie sind eine unverfälschte französische Mache, ob sie nun ganz oder teilweise dem Geiste Loucheurs entsprungen sind. Wenn, wie es heißt, Lloyd George in den nächsten Tagen im Tlnterhaus das Wort ergreifen wird, so werden wir wohl erfahren, ob die liberalen Kreise Englands zu so faulen Komvromissen wirklich sich bekennen wollen. Die Herabsetzung der Entschädigungssumme auf 50 Milliarden Goldmark trifft das durch die Bedrückungspolitik so schwer zerrüttete Deutschland noch viel zu hart, zumal Frankreich ja wahrscheinlich sich Vorbehalten will, auf die bekannten Bonds der Serie C aus dem Londoner Zahlungsprogramm nicht zu verzichten. Das Londoner Ultimatum vom 5. Mai 1921 verurteilte Deutschland bekanntlich zur Bezahlung von 132 Milliarden Goldmark innerhalb von 42 Jahren. Diese Summe sollte bis zu diesem Zeitpunkt durch die Verzinsung auf 226 Milliarden anwachsen. Keynes, der bekannte englische Sachverständige, hat den eigentlichen Wiederherstellungsschaden, den wir nach dem amerikanischen Programm (also ohne Pensionen und Renten) erstatten müßten, auf 40 bis 60 Milliarden berechnet. Abgesehen von der Dehnbarkeit der französi- schen finanziellen Forderungen fällt bei dem Londoner Fühler Loucheurs auch die ausbedungene Finanzkontrolle ins Gewicht, die der deutschen Souveränität den Rest geben würde.
And wie steht es endlich mit der Räumung des Ruhrgebietes, die nach des Reichskanzlers Worten die Vorbedingung für Verhandlungen mit Frankreich ist? Der „Daily Telegraph" kündigt schrittweise Räumung an und knüpft sie an die Voraussetzung regelmäßiger Zahlungen Deutschlands. Wir müßten also, wenn wir auf diesen „Plan" eingehen wollten, die Berechtigung der Ruhrbesetzung ohne weiteres einräumen, dem passiven Widerstand entsagen, diese als wirksam erwiesene Waffe aus der Hand geben, ohne eine Gewähr zu haben für die ehrlichen Absichten des Gegners. Rein, durch Erfahrung wird man klug. Obendrein kommt in diesen Vorschlägen noch eine neue Verschönerung des Versailler Verttages mit der Ausgestaltung des westlichen Rheinlandes hinzu als selbständiger, von Preußen abgetrennter deutscher Bundesstaat. Mit der Selbständigkeit wäre es sicher nicht weit her, da diese westdeutsche Republik unter der Aufsicht des Völkerbundes „entmilitarisiert" werden soll. Mit solchen „Punkten" irgendeines skrupellosen Ententehäuptlings wird sich in Deutschland höchstens ein kleines Grüppchen Unverbesserlicher abfinden. Für unsere nationale Sicherheit müssen ebenso starke Garantien geschaffen werden als Frankreich sie bereits besitzt.
Loucheur in London.
Paris, 6. April. (WTB.) Der Londoner Vertreter der Havasagentur hat von Loucheur unmittelbar vor dessen Abreise heute vormittag folgende Erklärung erhalten: Er lehne es ab, irgend etwas mitzuteilen, wie er es auch während seines Aufenthalts in London stets getan habe. Er wolle seine Zeit nicht damit verlieren, all das Falsche richtig zu stellen, das überall in dec Presse verbreitet worden sei, und er sei überrascht davon, daß gewisse Auffassungen, die er nicht im entferntesten teile, besprochen würden, als wären es die feinigen. Rach dem Havasvertreter hat Loucheur heute vormittag eine ülnterredung mit dem englischen Kriegsminister Lord Derby gehabt.
London, 6. April. (WTB.) Dem Besuch Loucheurs in England wird im Zusammenhang mit dem von ihm unternommenen Versuch zur Herbeiführung einer Reparationsregelung weiter große Beachtung geschenkt. Es wird heute bestätigt, daß Loucheur nicht nur Llnterredungen mit LlohdGeorge und Bonar Law gehabt hat, sondern auch mit führenden Bankiers und Industriellen. Der frühere französische Minister ist auch mit dem britischen Schahkanzle r und dem Präsidenten des Handelsamtes zusammengekommen. Die Berliner Berichterstatter der wichtigsten Londoner Blätter wie der „Times" und des „Daily Telegraph" heben jedoch in ihren Telegrammen hervor, daß
der in der gestrigen Berliner Abendpresse veröffentlichte Loucheur zugeschriebene Plan i n Deutschland ungünstig auf genommen und in den meisten Fällen rundweg verworfen werde; zum Beweise dafür werden ablehnende Stimmen rechtsstehender wie auch liberaler Berliner Blätter angeführt.
Wie der diplomatische Berichterstatter des „Daily Telegraph" heute hervorhebt, findet der Gedanke der Uebcrtragung der Alliier- ten-Schulden an die Vereinigten Staaten von den Schultern Frankreichs und anderer Länder auf die Schultern Deutschlands in amerikanischen Kreisen nicht den geringsten Anklang.
Die Nachklänge
zu den Essener Bluttaten.
Berlin, 6. April. (Wolff.) Der Reichspräsident hat gestern nachmittag Herrn Krupp von Dohlen und Halbach und heute vormittag den BetriebsratderKrupp- werke zu Besprechungen über die Essener Vorgänge und die dadurch geschaffene Lage empfangen.
Hilfe für die Franzos,'n ans den Neitzcn der deutschenKommunisten.
Amsterdam, 6. April. (Wolfs.) Das Organ der sozialistischen Partei „Het Volk", wendet sich in einem Leitartikel mit großer Schärfe gegen die deutschen Kommunist e n, die sich bei der ersten größeren Schlächterei im Ruhrgebiet offiziell zu Verteidigern der französischen Mörder aufgeworfen hätten. Das Blatt führt aus: „In dem System der Tlnterdrücker ist ein neues Element festzustellen, nämlich das, daß sie von der Mitarbeit einiger der älnterdrückt-m selber Gebrauch machen konnten, die ihnen anscheinend Dienste erweisen und den französischen Machthabern die Entschuldigung liefern, die sie so dringend nötig haben. Eine schon auf den ersten Dlicr unsinnige Erzählung, nach der nationalistische Agenten die Arbeitermassen zu Gewalttätigkeiten gegen die kleine französische Truppenabteilung aufgeheht hätten, macht in der französischen Presse die Runde. Diese Erzählung ist den kommunistischen Organen des Ruhrgebiets und Berlins entnommen. Das mörderische Schießen auf die Volksmenge, die le,ine Gewalttat im Sinne hatte, war der französischen Regierung doch unangenehm gekommen; so empfängt sie Hilfe und Rettung aus den Reihen deutscher Kommunisten. Die einzige Tlnterstühung, die ihr geboten wird, kommt von Kameraden niedergeschossener Proletarier!"
Die Antwort Dcgonttes.
Münster, 6. April. (WTB.) Der französi- General D e n v i g n e s hat an den Regierungspräsidenten Grützner ein Schreiben des Inhalts gerichtet, daß Degoutte eS ablehnt, das Protestschreiben Grühners über die Essener Vorgänge entgegenzunehmen, da Grützner ausgewiescn worden sei.
Der päpstliche Delegierte in Cssen.
Essen, 7. April. (WTB.) Am Mittwoch nachmittag empfing der päpstliche Delegat Monsignore T e st a die Vertreter des Verbandes katholischer kaufmännischer Vereinigungen Deutschlands zu einer langen Aussprache. Der Vorsitzende des Verbandes, Fabrikant Kraus, beleuchtete eingehend die wirtschaftlichen und moralischen Schäden, unter denen die Kaufmannschaft des Industtiegebietes infolge der Besetzung dauernd zu leiden hat. Testa brachte den Ausführungen großes Verständnis entgegen und sprach die Hoffnung aus, daß die Qualen, die die Bevölkerung erleidet, bald beendet sein mögen. Der Heilige Vater werde alles tun, was in seiner Macht stehe, um die Leidenszeit abzukürzen.
Die Fortsetzung
der Gewaltmethoden.
Münster, 6. April. (WB.) Heute mittag wurden tn Brakel der Arntskassenrenbant Hagerow und der Stadtverordnete Radek von den Franzosen aus unbekannten Gründen verhaftet und nach Casttop abtransportiert.
In Barmen tourten heute nachmittag em französischer Offizier und vier Soldat e n, die sich auf einem Straßenbahnwagen ungebührlich benahmen, verhaftet und ins besetzte Gebiet abgeschoben.
Buer, 6. April. (WB.) Reuerdings erbrachen die Franzosen abermals die Lebensmittelmagazine der staatlichen Schachtanlage Dergmannsglück und besetzten jetzt auch die K l e l n k i n d e r s ch u l e in der Gustav- sttahe. Dadurch ist eine ganze Reihe sozialer Einrichtungen unwirksam gewordenn. Der Belegschaft Dergmannsglück stellten die Franzosen das Tl l- trmatum, die Torposten sofort zurückzuziehen, widrigenfalls auch die Rotstandsarbeiten eingestellt würden. Es besteht also die Gefahr, daß die größte preußische Schachtanlage ersäuft. Das Gaswerk der Zeche Dergmannsglück, das auch die benachbarten fiskalischen Schachtanlagen mit Gas versorgt, liegt bereits seit Montag still. Die Franzosen haben alle Bureau« räume der Zeche erbrochen und alle Schriftstücke durchstöbert unb durcheinander geworfen.
Münster, 6. April. (Wolff.) Gestern nachmittag 5 Tlhr haben die Franzosen den Dahn- Hof von Sterkrade besetzt. Auf den Kon
trollstellen werden von den Franzosen sämtliche Postsachen von den Behörden angehalten und kontrolliert.
Deck in, 7. Avril. Wie den Dlältern aus Gelsenkirchen gemeldet wird, verlangte gestern nachmittag rm Dureau des Kanalhafens Ovunin- berg der Gelsenkirchener Dergwerksge^e'.lschaft cm französischer Offizier den Ramen und die Wob» nung des Hafenmeisters. Die Auskunft wurde.Um verweigert. Rach kurzer Zeit kehrte der Of ff zier mit einer Kompagnie Infanterie zurück und verhaftete den Erpedienten Rosmann. Als Protest Dagegen wurden sofort die Sirenen in Betrieb gesetzt und die Arbeiter verließen die Arbeit. Die Franzosen besetzten darauf den Hafen. Trach Verhandlungen des Betriebsrats mit den Franzosen gaben diese den Hafen wieder frei.
In Dochu m erbeuteten die Franzosen bei der gestrigen Besetzung der Großbanken insgesamt 508 Millionen Mark. Drei D.inf- beamte sowie der Direktor der Commerzbank wurden verhaftet.
Darmstadt, 6. April. (Wolff.) Die Zuckerfabrik Groß-Gerau wurde vor einigen Tagen von den Franzosen beseht. Der Zweck der Besetzung soll die Beschlagnahme von Zuckerrübensamen sein. Bei der Zuckerfabrik in Offstein soll dieselbe Maßnahme getroffen worden sein.
Darmstadt, 6. April. (WD.) In Mavnz haben die Franzosen veischiedene H a u s s u ch u n- g e n in den Privatwohnungen von Beamten vorgenommen.
Ludwigshafen, 6. April. (WD) Von den bereits gestern ang-kündigten Ausweisungen pfälzischer Eisenbahner aus dem Dneffionsbeffrl Ludwigshafen entfallen auf Kaiserslautern 14, Landau 17, Zweibrücken 14, Reustadt 6, Landstuhl 3, Schifferstadt 1, Windheim 2, zusammen 57 Leute, meist Angehörige des mittleren Eisenlahndienstes. Dei den Ausweisungen wurde vielfach mit der bekannten unnötigen und empörenden Rücksichtslosigkeit verfahren. So wurde cm Deamter vom Sterbebett seiner Frau weggeholt. Die Zweibrückener 'Beamten muh ten eine Rächt in einem engen Raum, der keine Sitzgelegenheit bot, zubringen. Bei der Absetzung der Leute am rechten Rheinufer wurden alle nochmals einer Leibesvisitation unterzogen, wobei einzelnen die letzten Reste an Tabak und Zigarren abgenommen wurden. Der Transport vollzog sich unter besonders starker Bedeckung.
Karlsruhe, 6. April. (WD.) In Offenburg haben die Franzosen drei Kriminalbeamte aus unbekannten Gründen verhaftet.
französischer Möbeldiebstahl.
Einer Diät ter meldung aus Köln zufolge haben die Franzosen aus dem städtischen Möbellager in Duisburg 30 Wohnungseinrichtungen im Werte von mindestens einer Milliarde Mark entwendet. An eine Anzahl Duisburger Baufirmen wurde die Aufforderung gerichtet, von den Franzosen beschlagnahmte Wohnungen in Stand zu setzen.
Das Wormser Tclcgraphenamt besetzt.
fpd. Worms a. Rh., 6. April. Die Franzosen besetzten heute nachmittag das hiesige Telegraphen- und Fernsprechamt. Die ‘Beamten verließen darauf geschloffen die Aernter. Der 'Betrieb ruht.
Griiie Kundgebung im Bochumer Theater.
Bochum, 7. April. (WTB.) Während der gestrigen Aufführung des Lustspiels „Weh dem, der lügt" ereignete sich in der Pause ein Zwischenfall. Die französische Besatzung hatte zum erstenmal von den beschlagnahmten Logen Gebrauch gemacht. Zwei Offiziere erschienen im Theater. Infolgedessen bemächtigte sich des Publikums eine große Erregung, die sich schließlich dadurch kundgab, daß ein großer Teil des Publikums das Theater verlieh, um damit gegen die Anwesenheit der Franzosen zu protestieren. Der Intendant des Theaters verhandelte längere Zeit mit den Franzosen. Schließlich wurde die Vorstellung vor stark gelichteten Reihen zu Ende geführt.
Hessische Geistliche vor dem srauzösischcu Militärgericht.
Dor dem französischen Militärgerichtshos tn Wiesbaden hatten sich am Mittwoch sechs Geistliche des besetzten hessischen Gebiets zu verantworten. Den Pfarrern Allwohn-Rauheim, Dr. Müller-Rüsselsheim. Knab-Gustavsburg. Eckhardt-Walldorf, Irle-Mörfelden und Pfarrverwalter Heinzerling-Königstädten war zur Last gelegt worden, sie hätten durch die Erhebung der von der hessischen Kirchenbehörde ausgeschriebenen Kollekte für die Ruhrhilfe das Ansehen der französischen Behörden und die Sicherheit der Desahungsttuppen gefährdet. Obwohl die genannten Geistlichen ausdrücklich erklärt hatten, daß die eingegangenen Gaben zu keinerlei politischen Zwecken, sondern nur im charitativen Sinne Verwendung fänden, obwohl sie darauf hinwiefen, daß die Rheinlandkommission ausdrücklich erklärt hatte, sich in keinerlei Weise in die Angelegenheiten der Kirche einmischen zu wollen, sah sich der französische Gerichtshof dennoch veranlaßt, auf eine Geldstrafe von je 25 000 Mark zu I erkennen, mit Ausnahme von Pfarrer Knab, bei dem man sich mit 10 000 Mark zufrieden gab, weil er die Kollekte nicht angekündigt hatte.


