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Erscheint iSglich, anher Soim- und feiertags, mit btrSamslagsbeilage: Gießener Familienblätter Monatlichevezoorpreis«: 28bOMarK und ISOMark Trägerlohn,durch diePost 3VOOUiark,auchbeiNicht- erscheinen einzelner Num­mern infolge höherer Gewalt. - Fernsprech. Anschlüsse, fürdieSchrift» leilung 112; für Verlag und Geschäftsstelle 5L Anschrift für Drahtnach­richten: Linther Liehen.

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Sianffurt a. M. 11686.

Erster Blatt

175. Zahrgang

Mittwoch, 7. Mär; 1923

GiehemrAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

VrvS und Verlag: vrühl'sche UniverfitSt§-vuch- und Steindruckerel R. Lange in Gießen. 8chrlstleitung und Geschaftrstelle: 5chulftraße 7.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bi« zum Nachmittag vorher ohnejede Verdindlichkeit. Preis für 1 mm höhe tüt Anzeigeno 27mm Breite örtlich 70 Ulk., auswärt« 80 Ulk.; für Reklame- Anzeigen von 70 mm Breit« 300 Mk.Bei Platz. Vorschrift 20 °/e Aufschlag. Hauptschriftleiter: Aug, Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen Teil Ernst Blumichein; für den Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in Gießen.

Die richtige Rechnung.

Die Franzosen machen, so wieder In der neuen amtlichen Note PoincaröS, vor der Welt eine Rechnung auf über dieungenügen­den Leistungen" Deutschlands. Die Schäden in den zerstörten Gebieten belaufen sich auf 102 Milliarden Franken. Frankreich hat 46 Mil­liarden vorgeschossen, von Deutschland aber bis jetzt an Barzahlungen und Lieferungen nur 4 Milliarden Franken erhalten. Die Rechnung, die w i r aufmachen, lautet ganz, ganz an­ders. Die französischen Rechenkünstler und Minister haben einiges vergessen, einige 5 0 Milliarden Goldmark; rechnet man die Verluste Deutschlands durch den Frie­densvertrag hinzu, rund 100 Milliarden Gvld- mark.

Wir wollen nur einige nackte Zahlen in Erinnerung rufen. 3n der französischen Rech­nung der deutschen Leistungen fehlen bei­spielsweise die Saargruben, die in fran­zösischen Staatsbesitz Übergegangen sind. Wert: über eine Milliarde Gvldmark. Die französischen Berechnungen verschweigen auch die nichtmilitärischen Rücklaßgü- ler in den geräumten Gebieten der Westfront im Werte von 1,9 Milliarden Goldmark. Auch von dem Eisenbahnmaterial einschließ­lich der Fahrzeugersatzteile und Lastkraftwa­gen, die Deutschland gemäß dem Waffenstill- standsabkvmmen liefern muhte, ist nirgends et­was erwähnt. Ohr Wert beläuft sich auf 2,23 Milliarden Gvldmark. 3n der französischen Leistungsberechnung fehlen auch die abge - lieferte deutsche Handelsflotte, die Seeschiffe, die Fifchdampfer, Binnenschiffe, Hafenanlagen und Flußschiffe. 3hr Wert allein, mit über 6 Milliarden, ist höher, als die von Frankreich und England berechneten deutschen Leistungen zusammen. Von den 861 Millionen Goldmark, die Deutschland für innere Besatzungskosten (ausschließlich der,4,5 Milliarden Gvldmark für äußere, d. h. für die von den Besatzungsmächten selbst bestrittenen Ausgaben) zahlen mußte, wird nirgends et­was erwähnt. Und dann die Kosten der Re­pa r a t i o n s k o m m i s s i o n und der übrigen zahlreichen interalliierten Kommissionen. Sie haben bis jetzt über eine Milliarde verschlun­gen. Von den abgelieferten Kriegsschiffen, ohne die bei Scapa Flow versenkten, wollen wir nicht reden, obwohl ihr Wert fast ll/8 Goldmilliarden erreicht.

Aber auf eine besondere Art der deutschen Leistungen sei hier noch hingewiesen: auf die von der Entente befohlene militärische und in­dustrielle Abrüstung, wenn man will: Zer­störung. Sie hat Deutschland den Verlust von Werten von über 9 Milliarden Goldmark verursacht. Außerdem hat der Friedensvertrag in verschiedenen Grenzgebie­ten Abstimmungen erzwungen. Die Kosten dieser Abstimmung, der Grenzregu­lierung, der Ueberleitung, der Flüchtlingsfür­sorge und alles, was damit zusammenhängt, belaufen sich schätzungsweise auf V2 Mil­liarde Goldmark. Dazu kommt noch der Wert des nichtmilitärischen Rücklasses der deutschen Truppen an der Ostfront mit Über eine Milliarde Gvldmark. Alles in allem muh Deutschland auf dieses Konto der Abrüstung und Verluste 1 0,482MilliardenGvld- mark verbuchen.

Den Wert Elsah-Lothringens nimmt Frankreich natürlich in die Berechnung der deutschen Leistungen nicht auf, nicht einmal das deutsche Staatseigentum, obwohl der Wert Elsah-Lothringens nach amerikanischer Berechnung 20 Milliarden Goldmark Über­steigt. Die deutschen Kolonien sind in der Rech­nungen der Alliierten ebensowenig aufgeführt.

Es genügt nicht, dah wir diese Zahlen der deutschen Leistungen und Verluste kennen. Der Welt müssen sie bekannt werden, damit die Lüge oon denungenügenden Leistungen" und dembösen Willen" Deutschlands endlich zer­stört wird, damit die Gewaltpolitik Frankreichs an Rhein und Ruhr als das erkannt wird, was sie ist, als eine gemeine Raub- und Ver­nichtungspolitik. Gegen eine vernünftige Re­gelung der Reparationen wehren wir uns nicht, wohl aber gegen die uns drohende Ver­nichtung.

Neue französische Gewalttaten.

'Buer, 6. März. (WTD.) Als gl rote ft gegen Hie neuerliche Verhaftung des Ober­bürgermeisters Zimmer mann haben die städtischenBeamten am Montag nachmittag von 46 Uhr die Arbeit eingestellt.

Sechs Eisenbahnbeamtenfamilien sind aus ihren Dienstwohnungen vertrie b e n worden. Die Stadt hat sie bereits anderweitig untergebracht.

Bielefeld, 6. März (WTB) Aus Essen wird gemeldet, dah an den General Degr> u11e vvm Eisenbahnerverband ein Schrei­ben abgegangen ist. in dem es u. a. Heidt: Am Samstag, dem 3. Marz, wurde der AushilsS-

ekretär Franz Herold von einem Trupp französischer Soldaten ge­tötet. Rach unseren Informationen muhte He­rold, als an diesem Tage die Da n!ofsanlagen um den Hauptbahnbof Essen militärisch bc etzt wurden, seinen Posten an einem Wärterhause verlassen, ohne dah ihm Zeit zum Umz chen gelassen wurde. Rachmittags ging Herold zurück, um seine Suchen aus der Wärterbude zu holen. Auf dem Wege dahin wurde er von fünf bis sieben Soldaten ver­haftet und abgeführt. Es wurde beobachtet, dah er beim Abtransport seinen Gummimantel ausziehen muhte, den ein Soldat an sich nahm. Einen Augen­blick später fielen sechsbissiebenG eweh r- sch üsse. Wir haben später festgestellt, dah die Leiche in der Baracke der Schupo in der Hammer- Ira hr untergebracht ist. Der ganze Vorgang stellt sich uns als ein ganz unerhörter A k t von überlegtem Mord dar. Wir fragen Sie, ob eber französische Soldat das Recht hat, einen wehrlosen Menschen zum Tode zu verurteilen und dieses Urteil zu vollstrecken. Wir protestieren gegen diesen unerhörten Fall, der unsere innere Menschenwürde verletzt hat und verlangen, daß dieser Vorfall genau untersucht wird, und er- uchen um Mitteilung, was Sie in diesem Falle zu tun gedenken.

Mainz, 7. März. (WTB.) In den letzten Tagen sind von den Franzosen mehrerePost- beamte derHastet und ausgewiesen worden, heute morgen auch der Obertele­graphensekretär Hager, der mit einem Auto ab­transportiert wurde. Die Familie muh am Don­nerstag Mainz verlassen.

Täuschungsversuche mit Eisenbahner-Uniformen.

Köln, 7. März. (WTB.) Aus Mainz geht die Meldung ein, daß aus den auf dem Bahnhof befindlichen Packwagen unter anderem auch Unt- fcrmflücte von den französischen Soldaten deraus- geholt und abtransportiert worden sind. Auch in Düren sind die Spinte in den Aufenthollsrättnen der Eisenbahner erbrochen und die darin befind­lichen Arbeits- und Uniforntttelber durch die Franzosen weggeschafft worden. Diese Rachricht erklärt das Ersch.inen von Eisenbahnern auf den Bahnkörpern. Französische Soldaten sind näm­lich in die Uniformstucke der deutschen Eisenbahner gesteckt worden, um dem Publikum und den deut­schen Eisenbahnbeamten vrrzutäefch-.e. dah deutsch? Eisenbahner sich in den fremden Dienst gestellt hätten. In Trier beschlagnahmten d.e Franzosen das ganze Kleiderlager von vielen Hunderten von Uniformstücken. Sie werden denselben Gebrauch davon machen wollen, wie von den aus den Spinten in Düren und Mainz entwendeten Uni- fvrmstücken.

Neue Kriegsgerichtsurteile.

Bochum, 7.März. (WTB ) Aus Essen liegt folgende Rachricht vor: Vor dem französischen Kriegsgericht fand gestern dte Verhand­lung gegen den in Hast befindlichen Deigeordnet n Bolstorff und seine (Sattin statt, dte sich 2'/z Wochen lang standhaft weigerten, die Fran- zosen an die Telephonstangen auf ihrem Hause zuzulassen. Frau Bvlstorff wurde zu einer halben Million Geldstrafe verur­teilt. Der Beigeordnete und seine Gattin wur­den sofort aus der Haft entlassen. ®er Film- operateur Rauch von der Firma Scherl in Berlin ist am 5. März vormittags im Eisen­bahndirektionsgebäude von sechs französischen Soldaten und zwei Zivilisten verhaftet und m der Richtung Kettwig abtransportiert worden. Eine Angestellte der städtischen Gas- und Wasserwerke wurde in Werden zu s e ch s M v - naten Gefängnis verurteilt, weil sie ein Plakat, das die Franzosen angebracht hatten, abgerissen hat.

Der Hauptschriftleiter der Mainzer Volkszeitung zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt.

Mainz, 6. März. (Wolff.) Das französi- sche Militärpolizeigericht verurteilte heute den Hauptschristleiter der sozialdemokra­tischen MainzerVolkszeitung" Obing im Abwesenheitsverfahren zu sechs Monaten Gefängnis und 30000 Mark Geldstrafe. Die Anklage lautete auf Ver­öffentlichung von Artikeln, die geeignet seien, die Arbeiterschaft aufzuhetzen, so­wie auf Verweigerung der Aufnahme einer Bekanntmachung der Rheinlandkommission. Von dem Angeklagten war heute früh ein Schreiben eingegangen, wonach er eine Stel­lung im unbesetzten Gebiet angetreten habe.

Gin deutscher Arzt

vor einem französischen Militärgericht.

Berlin, 6. März. (Wolff.) Rach einer Meldung derB. Z." wurde der deutsche Arzt Dr. LipS vvm französischen Militär­gericht zu einer Million Mark Geld­strafe verurteilt, weil er einer französischen Militärperson, zu der er gerufen worden war, für die Behandlung eine Liquidation von 80 Franken übersandt hatte, worin das französische Gericht eine Verhöhnung und Beleidigung der Besatzungsmacht er­blickte.

Die Abschnürung der Kölner gone.

Münster, 6. März. (WTB ) Die Trup­penbewegungen bn Raume südlich von El­

berfeld dauern fort Wipperfürth ist batte morgen von französischer Kavallerie besetzt worden, die mit anderen Abteilungen in der Richtung auf Gummersbach wettergerückt find. Es handelt sich bei der Bewegung argen» schünlich um die Abschnürung des von den Eng­ländern besetzten Brückenkopfes Köln nach Osten.

Haussuchungen in Offenburg.

Karlsruhe. 6. März. (WTB.) 3n Of­fen b u r g w irden von den Franzosen bei meh­reren Eisenbahnbeamten Haussuchungen vcrgenommen und dabei vor allen nach Akten, Stellwerkplänen, Üohnrechnungen usw. gesucht.

Die Franzosen habrn heute das deutsche Eisenbahnpersonal, das auf der bisher von deutscher Seite betriebenen Strecke Kehl Regelhurst den Dienst versah, abgelöst, da es sich geweigert hatte, unter französischen Befehlen zu arbeiten.

Die französische Zollkontrolle Griesheim Frankfurt.

Frankfurt a. M 6. März. (Wolff.) Die französi) che Zollkontrolle Gries­heim-Frankfurt a. M. ist außerordentlich verschärft worden. Insbesondere wird auf Ware und Geld ein Zoll erhoben, weshalb die meisten Leute unverrichteter Sache wieder umkehren.

Frankfurt a. M., 6. März. (Wolff.) Die Franzosen haben in Griesheim a. M. und in Goldstein Verschärfungen eintreten lassen. Auf ihre Anordnung wurden die Bahnhöfe der beiden Orte für jeden von der Reichseisenbahn­direktion Frankfurt a M. geführten Verkehr ge­sperrt. Das Personal ist also aus dem Dienst ver­drängt worden. Die Reichsbahndirektion Frank­furt a. M. hat einen Pendelverkehr Frankfurt am MainRiederrad und Frankfurt a. M. bis zu dem Vorsignal des Bahnhofes Griesheim eingerichtet.

Die Verkchrslage iii Essen.

Berlin, 6. März. DieDossischeZtg." meldet aus Essen: Gestern wurde die Fern­sprechzentrale der Reichsbahndirek- tion von den Franzosen besetzt. Der gesamte Dienst an den Klappenschränken wurde von den Franzosen übernommen. Der Leiter des Fernsprechwesens der Reichsbahn Regie­rungsrat 3rmer wird in dem Dienstzimmer fest geb alte n. Die Reichsbahn!) Sektion ist ohne jede telephonische Verbindung mit den einzelnen Statiynen des Direktionsbezirks. Die Oberzugleitung muhte infolgedessen ihre Tä­tigkeit vollständig einstcllen, was einen schwe­ren Schlag für den gesamten Eisenbahnver­kehr des ganzen Bezirks bedeutet.

Gine Gntschlieftung des Gcwerkschaftsbuttdes der Angestellten.

Berlin, 6. März. (Wolff.) Am 4. März fand in Essen eine (Bertreteutagung des Ge - werkschaf tsbundes der Angestellten statt, in der folgende Entschließung angenommen wurde: Die zur Dezirkstagung in E'sen vollzählig erschienenen Vertreter des Gewerkschastsbundes der Angestellten erneuern das Treugelobnis zum Reich und geloben, den Abwe' kämpf gegen den geiraltfamen Einbruch der Franzosen und Belgier in friedliches deutsches Land für Recht und Frei­heit mit aller Kraft fortzusetzen.

Die Rückgabe der beschlagnahmten Druckplatten.

Berlin, 6. März. (WTB.) Das Reichs- banfbirettorium teilt uns mit: Die französische Militärbehörde hat der ReichSbankstele in Düssel­dorf am 5. März die am 24. Februar beschlag­nahmten sechs Koffer mit Druckplatten und Klischees unversehrt ausgeliefert und deren Weiterbeförderung nach Köln er­möglicht.

Der Preisabbau und die Maß­nahmen der Reichsregierung.

"Berlin, 6.März. (WTB.) Gegenüber den mehrfach in der Presse geäußerten Zweifeln, ob es möglich sein würde, den durch die Mark­besserung eingeleiteten Preisabbau trotz äußerer und innerer Hemmungen erfolgreich weiter durchzuführen, muß mit aller Bestimmtheit betont werden, dah die Reichsregierung baj ein­mal beschrittenen Weg entschlossen weiterverfolgt. D i e befürchtete Drotpreiserhöhung wird n ixb t eintreten. Von der zunächst in Aussicht Mnommenen weiteren Erhöhung der Frachttarife auf den Reichsbahnen wird abgesehen. Untersuchungen sind im Gange, welche eine Verbilligung der wichtigsten indu­striellen Grundstoffe zum Ziele habm. Die bisherigen Ergebnisse lassen erkennen, daß eine weitere Erhöhung der Kohlenpreise nicht erfolgt. Die für die landwirtschaftliche Erzeugung notwendigen Düngemittel wie Superphosphat und Natronsalpeter wurden in diesen Tagen um zehn Prozent herabgesetzt. Mit der Verbilligung wei­terer Düngemittel ist zu rechnen. Für den durch öffentliche Mittel geförderten Wohnungsbau ist eine Senkung der Daustoffpreife durchgeführt worden. Unter diesen Umständen ist zu hoffen, daß der mit der Festigung der Mark eingetretene Preisrückgang der Einfuhrwaren nach und nach auch zur A rswirkung auf dem Warenmarkt Im übrigen gelangt Soll dieses Ziel erreicht und festgehallen werden, dann ist es freilich auch dringend nötig, daß die Preiswelle nicht durch Lohnerhöhungen neuerlich in Bewegung gesetzt wird. Erfreulicherweise wächst die Erkenntnis, daß höhere Papiergeldlöhne nicht ohne weiteres eine Verbesserung der Lebenshaltung zur Folge haben.

wohl aber immer die Warenpreise weiter steigern Mögen alle an der Regelung der Lohnverhältnissc Beteiligten daraus die richtigen Lehren ziehen.

Kinder aus dem Ruhrgebiet.

Braunschweig, 6. März (WTB.) Wst wir hören, sollen in diesem Monat noch etwa 15 000 Kinder aus dem Ruh rgebiet nach Braunschweig kommen Die Flücht­lingsfürsorgestelle vom Roten Kreuz wird bie Unterbringung der Kinder auf dem Lande über­nehmen. In den Ortschaften be? Kreises Ganders­heim sind schon feit einiger Zeit Kinder auS dem Ruhrgebiet in Pflege.

Eine Erörterung der Nuhrfrage im englischen Unterhaus.

London, 6. März. (WTB) Heute nach­mittag fand im Unterlaufe eine Erörterung der Ruhrfrage statt. Ramsah Macdonald brachte kurz nach 4 Uhr den Antrag der Arbeiter­partei ein, in dem das ganze Haus ersucht wird, zunächst die Kammern Fran kreichs und Belgiens aufzufordern, einen Au s kchuß aus allen Parteien zu ernennen und ntit einem gleichen Ausschuß des Unterhauses we­gen der Besetzung des Ruhrgebietes im Zusam­menhang mit den Fragen der Sicherheit und der Wiederherstellung Informationen auszutauschen und zu beraten. Ramsay Macdonald erflärie, Deutschland fei heute weniger imstande, Repara­tionen zu leisten, als zu der Zeit, als Frankreich ins Ruhrgebiet ging, um sie zu holen Wenn man beginne, Ta I che n mit den Bajonetten zu durchsuchen, s o stoße man leicht Löcher in bie Taschen. Das Geld fiele her- <rus und tzinge verloren. England könne nur einen Erfolg haben, wenn es seinen Standpunkt darlege und zu khrn stehe. Der allernächste Zug in dem Spiel müsse sein, Deutschland zu veran­lassen, sich zu erklären. England sei in einer besseren Lage, dies tun zu können, als irgendein anderes Land. Rach Ramsah Macdonald sprach Lord Robert Eecil. der sich gegen den An­trag der Arbeiterpartei wandte.

Donar Law erklärte in seiner Erwiderung auf die Ausführungen Ramsah Macdonalds, in der Politik der Regierung sei keine Aenderung eingetreten. Wörtlich fuhr er fort: Wir glauben in diesem A'igenblick nicht,, daß ein Eingreifen nützlich wäre. Es würde von Frankreich als eine feindliche Handlung auf- gefaßt werden. Wir sind nicht bereit, einen solchen Schritt zu unternehmen Sodann wieS Senat Law daraufhin, daß die Frage der Repa­rationen keine Frage sei, an der nur Frankreich und Belgien beteiligt sei. Es sei eine euro­päische Frage, an der England interessiert sei und in der es Einiges zu sagen habe. Die Be­sorgnisse, die der Einmarsch ins Ruhrgebiet im Unterhaus hervorgerufen habe, würden von der Regierung geteilt. Die französischen Staatsmänner seien des Glaubens, daß der Druck auf Deutschland seine Wirkung ouSüben werde. Solange sie an diesem Glauben festhiellen, wäre es nach Auffassung der britischen Regierung nutz­los, eine Vermittelung anzubieten. Daraus wurde die Erörterung auf unbestimmte Zeit verschoben Das französische Militärrcformgesctz.

Paris, 5. März. (WTB.) Der Senat ist heute in die Einzelberat utg des Militär- reformgesehes eingetreten. Er hat den An­trag des Senators Levy, eine zweijährige Dienst, zeit festzusehen, abgelehnt.

Harbins über den internattonalen Gerichtshof

London, 7. März. (WTB.) Reuter meldet aus Washington: In einem Brief an den Unter- gouverneur von Ohio bezeichnete Harding den internationalen Gerichtshof als den größten Schritt auf den Zustand, bei dem anstatt der Macht das Recht die Herrschaft habe. Harding sagt, er begreife nicht, daß das amerikanische Volk, da s doch seit langer Zeit nach Idealen gefragt habe, sich weigere, seine Zustimmung zu einem Institut z u geben, wie es der internationale Gerichtshof dar­stelle.

Fritz Thyssen Ehrendoktor der Rechte.

Freiburg i. Dr.. 6. März. (WTB.) Die rechts- und staatswrssenschastttchr Fakultät der hiesigen Universität hat dem Fabrikbesitzer Fritz Thyssen an der Ruhr wegen srines mann­haften Eintretens für daS durch gallischen Ueber- mut mißachtete deutsche Recht die Würde eines Ehrendoktors der Rechte verliehen.

Ium Tode des Botschafters Dr. Mayer.

Berlin, 6. März. (Wolff.) Der bei Beginn des Ruhreinbruchs, wie erinnerlich, von Paris ab­berufene Botschafter Dr. Mayer ist in Mün­chen. wohin er sich von Paris zur Behanolung eines in akuter. Form auf getretenen, schon feit lan­gem an feiner Gesundheit zehrenden fdjtoeren Lei­dens begeben hatte, in der vergangenen Rächt ge­storben. Durch feinen Tod erleidet das Aus­wärtige Amt einen schweren Verlust. Erst ver­hältnismäßig spät, nach langer erfolgreicher Tätig- fett hn wirtschaftlichen, polnischen und besonders im, parlamentarischen Leben, das ihn zuletzt an die Spitze des Reichsschanministeriums brachte, trat er, 1874 in Enkenbach (Pfalz) geboren, in den Dienst des Auswärtigen Amtes ein, um den