Ruhrwirrwarr bietet, der nicht nur das Wirtschaftsleben Deutschlands, sondern zugleich das Europas lahmzulegen droht.
Reichsminister Dr. Luther in Stuttgart.
Stuttgart, 5. April. (WTB.) Der Reichsernährungsminister Dr. Luther ist heute mittag zum Besuch der württembergischen Staatsregierung aus München hier eingetroffen. 3m Laufe einer Besprechung mit Vertretern dec Presse erklärte der Minister, bah in Deutschland die Frage der Lebensbedürfnisse und der Preise nicht vom Standpunkt der einzelnen Länder, sondern von dem des Reiches aus betrachtet werden müsse, obgleich die Reichsverwaltung auch die Verhältnisse der einzelnen Länder in jeder Beziehung berücksichtige. Die Zulassung von Sonderbestimmungen würde zu unerquicklichen Zuständen führen und schließlich die Ernährung im Reiche gefährden. Später begab sich der Reichsminister nach Hohenheim zur Besichtigung der Landwirtschaftlichen Hochschule. Er wird voraussichtlich noch heute abend nach Karlsruhe Weiterreisen.
Die zweite Orientkonferenz in Lausanne.
Sin Mitarbeiter, der die erste Lausanner Konferenz besucht hatte, schreibt uns:
Es ist doch recht merkwürdig, der Ruhrkonflikt will keinen Schritt von der Stelle rücken, Frankreich weigert jede Verhandlung, England scheut jede Einmischung . . . Aber den Türken hat man eine freundliche Einladung ja einer zweiten Orientkonferenz nach Lausanne zukommen lassen, worin sich die Entente bereit erklärt, alle türkischen Einwände und Gegenvorschläge zum neaen Friedensvertragsentwurf mündlich zu erörtern. Die heiklen Wirtschaftsfragen sollen aus den Friedensbedingungen vorläufig heraasgenvmmen werden. Ebenso wird die Grenzziehung bei QH o ff ul und damit die Petroleumfrage auf ein jahc vertagt. Belgien, Polen, Tschechoslowakei und Portugal, die Mutunterzeichner des Vertrages von Sevres waren, sollen den neuen Friedensvertrag nicht unterschreiben. Dies alles genehmigt die Entente, wie man in alliierten Di- plomatenkreisen hört, „aus Rücksicht auf das nationale Selbstgefühl dec Lücken, denen man die Wiederaufnahme der Verhandlungen erleichtern will".
Welche Gunst, welche Freundschaft! Warum bekommt Deutschland davon keinen wärmenden Strahl ab? Des Rätsels Lösung: Die Türkei steht in der internationalen Politik ganz anders da als baä unglückliche Deutschland. Die Türkei hat ja eine militärische Leistung vollbracht! Sie ist, was die Welt vielleicht schon beinahe vergessen hat, Siegerin über Griechenland geblieben, wenn sie sich auch durch übertriebene Ansprüche bereits manchen Vorteil verscherzt hat. jedenfalls kann sie auf Grund ihres Waffenglückes immer noch Forderungen aufstellen. 3n den Ententekvnfe- reiHen, die in London unter Vorsitz Lord Curzons stattfanden,wurde Denizelos beauftragt, die Athener Politik zu vertreten — England verteilt immer noch die Schachfiguren — nachdem Oberst Plast iras, der in Athen als Diktator gebietet, seine Bereitschaft erklärt hatte, alles zu tun, am endlich den Friedensschluß herbeizuführen. Der Weg zum Frieden im nahen Orient ist also bereitet. Besteht aber wirklich überall der ehrliche Wille? Genau vor zwei Monaten wurde die erste Lausanner Konferenz plötzlich abgebrochen, nachdem sich beinahe drei Monate hindurch eine Komödie abgespielt hatte, die einem politischen Satiriker sicherlich den dankbarsten Stoff abgab. Anzählige Millionen verbitterter und verzagter Menschen erwarteten allerdings keine Satire, sondern Friede unter den Völkern. Die Enttäuschung war un- aeheuer. Es wäre ungerecht, etwa England zu beschuldigen, daß es nicht mit voller Ehrlichkeit an dem Zustandekommen dieses Friedens ge- arbeitet hätte. Schuld an dem Krach und kläglichen Ausgang trug ganz allein die unaufrichtige Schaukelpolitik der französischen Abordnung. Rach der Absägung Darreres war Poincare in Lausanne sozusagen sein eigener Kanzler. Dompard war nur Strohmann, der die Aufträge des Quai d'Orsay zu übermitteln hatte, und er wird a ich jetzt wieder diese unselbständige Rolle spielen. Rkan muß heute daran erinnern, damit es nicht in Vergessenheit gerät. Frankreich wollte bisher in Lausanne keinen Frieden. Es arbeitete mit allen Kräften auf einen Bruch hin und in dieser Hinsicht fand es, so hatte es zumindest den Anschein, an den Türken willige Helfer. Die sinnlose und verbrecherische Politik Poincares, die sich gleichzeitig im Ruhrüberfall kundgab, ging dabin, England anderweitig festzulegen, ihm die größten l^rlegenheiten zu bereiten, um an der Ruhr und auch außerhalb des Ruhrgebietes nach Belieben zu wüten. Lord Curzon war mit den Türken bereits in den meisten Fragen ins Reine gekommen. 3n den wirtschaftlichen Kapitulationen erklärte ec sich bereit, lediglich den französischen Standpunft zu verteidigen. Die Franzosen hätte es nur ein Wort mehr gekostet, und der Friede war da. Aber Dompard wurde plötzlich — auf Pariser Kommandö — unerbitter- licb. And sogar Madame Dompard hielt in der Halle des Lausanne-Palace den journalisten einen förmlichen Vortrag darüber, daß „man niemals einen solchen Frieden unterschreiben dürfe"! Allen Franzosen war plötzlich der Kamm geschwollen. Der Pressekollege eines neutralen Landes, der von Mutter Ratur blondes Haar and blaue Augen mitbekam, also für französisch eingestellte Augen das Arbild des Dochen darstellte, erschien ganz verdutzt im Cercle de la Presse und erzählte, zwei
gut gekleidete Einheimische, offenbar Welsch- Schweizer, hätten sich ihm in den Weg gestellt und ihm zugeknurrt: „On les eravache maintrnant! C 'est tres bien". (Man traktier sie jetzt mit der Hundepeitsche! So ist es recht!) Dabei schwenkten sie die Zeitungsnotiz, wonach ein französischer Offizier im Ruhrgebiet einem deutschen Polizisten, der nicht gegrüßt hatte mit der Reitpeitsche gegen 40 Hiebe versetzte und in blinder Wut auf den am Boden Liegenden loshieb. Solche von Frankreich genährte „Friedensstimmung" herrschte vor acht Wochen. Wird es jvht besser sein?
Lausanne, 6. April. (WTB.) Die Schweizerische Depeschenagentur meldet: Die Eröffnung dec Orient-Friedenskonferenz ist für den 15. April vorgesehen. Die Sitzung wird wahrscheinlich in den Räumen des Schloßhotels stattfinden.
Gegen die rechts- und vertragswidrigen Verordnungen der Rheinlandkommission.
Derlin, 5. April. (WTD.) Die französische und belgische "Besatzung im Rhein lande und im Ruhrgebiet ist dazu übergegangen, die Durchsetzung von Reparationssachleistungen und Restitutionen selb st in die Hand zu nehmen. Zu diesem Zwecke wurden von der Rheinlandkommission und dem milttärischen Oberbefehlshaber besondere Verordnungen erlassen. Darin werden beschlagnahmt: 1. Waren und Erzeugnisse aller Art, die den Gegenstand von Destellungen der alliierten Regierungen oder allier- tec Staatsangehöriger bei der deutschen Regierung oder deutschen Staatsangehörigen auf Grand der Reparationsvorschriften bilden. Es handelt sich dabei sowohl um Destellungen, die von den deutschen Dehörden für Reparationszwecke gemacht werden, als auch um französisch: und belgische Bestellungen von Reparationslieferungen im freien Verkehr. 2. Die der deutschen Regierung gehörigen Vorräte an Maschinen, Vieh und sonstigen Gegenständen, die für Restitutionszwecke bestimmt sind. Dabei ist offenbar an die Regie- rungslägec gedacht, woraus Lieferungen zur Ablösung der Restitutionen bewirft werden. 3. Alle Gegenstände, die den alliierten Regierungen oder Staatsangehörigen gehören, gleichgültig, in wessen Gewahrsam sie sich befinden. Damit wird die Fortführung der Restitution bezweckt. Außerdem ist' vorgesehen, daß Gegenstände aller Art, die der deutschen Regierung oder einem deutschen Lande gehören, für Reparationszwecke beschlagnahmt werden können.
Das Vorgehen der Besatzung ist rechts- und vertragswidrig. Die deutsche Regierung hat dagegen bei der Gegenseite Verwahrung eingelegt und durch eine am 29. März erlassene Verordnung verboten, derartige Lieferungen und Leistungen zu bewirken oder Handla.rgen vorzunehmen, die solche Lieferungen und Leist aa- gen vorzubereiten oder zu fördern geeignet sind. Verboten ist insbesondere auch die Erstattung von Anzeigen an die Dienststellen der Besatzung. Auf diese im „Reichsanzeiger" vom 31. März veröffentlichte Verordnung wird besonders aufmerksam gemacht.
Cine kommunistische Kundgebung in Paris.
Paris, 5. April. (Wolff.) Der qeschaftsfüh- rende Ausschuß der k o rn rn a n i st i s ch e n Partei, die kommunistische Parlamertsfraktion und die kommunistischen Gemeinderatsmitglieder von Paris veröffentlichen in der „Humanite" vom 3. April eine vom geschäftsführenden Ausschuß angenommene Erllärung gegen das Vorgehen der Franzosen in Essen. In dieser wird daran erinnert, daß die komnrunistische Partei derartige Scheußlichkeiten vorausgesagt und im voraas ins rechte Licht gerückt habe. Die Toten von Essen gehörten nicht der deutschen Arbeiterklasse allein, sie gehörten dem internationalen Proletariat an. Die kommunistische Partei mache für dieses Blutbad nicht die von Poincare mobilisierten und vom Oberkommando in Aufregung versetzten and getäuschten jungen französischen Arbeiter und Dauern verantwortlich: Vielmehr erinnere sie diese daran, daß die Arbeiter Deutschlands ihre Brüder seien und daß sie alle den gleichen Feind hätten. Der Aufruf schließt mit folgenden Forderungen: Sofortige Räumung des Ruhrgebiets, Annullierung des Versailler Vertrags, nieder mit dem mörderischen Imperialismus, hoch die internationale Solidarität der Arbeiter.
Neuer (Eingriff in deutsche Hoheitsrechte.
fpd. Kassel, 5. April. Vor kurzem wurde hier der Gerbeoeibesiher Steinbauer aus Cochem a. M. verhaftet und dem Reichsgericht zugeführt. Der Mann hatte den Bürgermeister von Cochem bei der französischen Desahungs- beihörde denunziert und dadurch seine Ausweisung 'herbeigeführt. Gegen Steinbauer ist Verfahren tocaen Landesverrats eröffnet worden, jetzt 'haß nun die Interalliierte Rheinlandkom- m i s s i v n in Koblenz an das Berliner Auswärtige Amt eine Rote gerichtet und darin die schleunige Freilassung des Steinbauer und seine Rücklieferung nach Koblenz gefordert. Das Auswärtige Amt wird das Ersuchen der Rheinlandkommission selbstverständlich ablehnen und betrachtet die Rote der Rheinlandkvmmission als einen Eingriff in deutsche Hoheitsrechte.
Die Ausplünderungen der Banken.
M ü n st e r, 5. April. (WTD.) In Doch um haben die Franzosen heute nachmittag sämtliche Gcobbanrenmilitärrschbeseht und ab- gesperrt.
Berlin, 6. April. Zu dem Vorgehen dec Franzosen gegen die Banken in Bochum meldet der „Lokalanzeiger", daß die Franzosen nach angeblichen S t r e i k g e l d e r n für die Eisenbahner suchten. Bei der Reichsbank wurden 250 Millionen Mark „beschlagnahmt". Es soll sich hierbei um den Rest der Kassengelder des Bahnhofes Bochum-Rord handeln. Bei der Komme z- und Privatbank, wo kein Geld vorgesilnden w irbe, wurden zwei Direktoren und etn Kassierer verhaftet. Sämtliche Danken haben wegen des Vorgehens der Franzosen geschlossen.
Massenauswcisuugeu.
Ludwigshafen, 5. April. (WTB.) Rach» dem die französische Aufforderung an die beut- s chen Eisenbahner, ihren Dienst unt:r französischem Befehl zu versehen, erfolglos geblieben ist, scheint die Desahungsbehörde durch Massenausweisungen einen Druck aus die Beamten ausüben zu wollen. Heute sind aus der Pfalz etwa 60 Beamte ausgewie- fen worden. Die Frauzofen find auch dazu übergegangen, die Ausweisungen ohne weitere Begründungen vorzunehmen. Die Ausgewiesenen erhalten keine schriftliche Begründung mehr, sondern lediglich die Mitteilung, daß sie ausgewicsen werden, weil sie Eisenbahner sind. Die Ausweisungen erstrecken sich auf alle Familienangehörigen.
Alzey, 5. April. Aus dem besetzten Gebiet ausgewiesen wurde jetzt auch der frühere nat-lib. Landtagsabgeordnete Rechtsanwalt ßallmann hier. Allgemein wird jetzt bekannt, daß zahlreiche Ausweisungen infolge der Gegnerschaft der Ausgewiesenen gegen die „Rheinische Republik" erfolgen.
Köln, 5. April. (WTD.) Der Zentcumsabg. Staatsministec a. D. Dr. Wallraf, der in Donn wohnt, wurde nach der „Kölnischen Ztg." ausgewiesen.
Durchsuchung
der Mainzer Handelskammer.
Mainz, 5. April. (Wolff.) Die Bureau- räume der hiesigen Handelskammer wurden Vorgestenr abend eingehend durchsucht. Der Gr'.urd zu dieser Maßnahme soll die Vermut rng des Destehens einer geheimen Postorganisatron fein, die Driefe an Deuffche verteilt. Der Syndikus der Handelskammer, Meesmann, wurde verhaftet.
Der Kampf um die Kohle.
Berlin, 6. April. In der vergangenen Rächt Haben nach einer Meldung der „Voss. " aus Essen die Franzosen im Haien von Duisburg drei für die Kruppsche Fabrik in Rher..'ausen bestimmte Schleppkähne be.chlagnahmt, weil angeblich die Kohlensteuer nicht bezahlt war. Die Franzosen drohten mit der Blockierung des Kruppschen Hafens von Rheinhausen, falls die Kohlensteuer auch weiterhin nicht bezahlt werden sollte.
Die Blätter melden aus Buer, daß die Bergleute der staatlichen Zeche „Bergmann s- glück", die gestern morgen nach Beendigung des zweitägigen Proteststreiks gegen die französische Besetzung wieder zur Schicht anfab er wollten, sämtliche Zechentore von französischen Posten unter Gewehr beseht fanden. Die Bergleute traten daraufhin erneut in den Streik. Der Betriebsrat legte Protest ein bei dem General in Recklinghausen, worauf dieser einen Ingenieur zu Verhandlungen mit der Belegschaft nach Buer enffandte.
Paris 5. April. (WTB) Die „Liberty stellt fest, daß zwar die Versuche, den a u f g e st a - pelten Koks zu verladen, von den Feanzosen in den verschiedenen staatlichen Kokereien im Ruhrgebiet fortgesetzt würden, daß jedoch das angekündigte Vorgehen großen Stils, das in der Abbeförderung^ von Kohle aus den großen Werken wie Krupp, Thyssen, Stinnes usw. bestehen sollte, vertagt worden sei. Man habe höheren Orts gut daran getan, zunächst einmal eine Beruhigung der Gemüter abzuwarten. Das Blatt glaubt jedoch zu wissen, daß die Angelegenheit in nächster Woche wieder ausgenommen werden wird, und bringt damit die für morgen an- gesetzte Reise des Munsters für öffentliche Arbeiten in Zusammenhang. In der Konferenz, die wie bereits gemeldet, Minister Le Trocquer mit General Degoutte und dem französische Oberkommissar Tirard am Samstag in Düsseldorf haben wird, sollen nach der „Liberte" Maßnahmen im Hinblick auf eine etwaige Wiederholung der Vorgänge in Essen beschlossen werden. Die französischen Truppen würdeir künftig gegebenenfalls nur in starken, mit Maschirengeweh- ren verfebenen Abteilungen zum Schutze der französisch-belgischen Ingenieure in die Fabriken geschickt werden.
französischer Diebstahl von deutscher, Ausstellungsgütern.
Frankfurt a. M., 5. April (Wolfs) Rach einer Veröffentlichung in der Pariser Tageszeitung „L'Oeuvre" hat die Versteigerung dec deut- schm Ausstellungsgüter von der Lyoner Städtbau-Ausstellung aus dem jähre 1914, unter denen sich auch einige Gegenstände des hiesigen Gvethemuseums befinden, begonnen. Alle Bemühungen, die maßgebenden Stellen umzustimmen, sind erfolglos geblieben. Die französische Regierung'hat inzwischen auch nach Derlin mitgeteilt, dah sie nicht in der Lage fei, die Versteigerung der Gegenstände länger aufzühalten, daß sie aber die Goethedvkumente und das Modell des Schönen Brunnens in Nürnberg vorläufig zurückgestellt habe. Wie das Blatt bemerkt, scheint im übrigen dec Erlös aus dem CBerfauf 'einiger Kunstgegenstände erheblich hinter hen Erwartungen zurückgeblieben zu
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Nr. 80
Erscheint täglich, außer Sonn- und Feiertags, mit derSamstagsbeilage: GießenerFamilienblätter MonotlichevezucrKvreise: 3400 Mark und200Mark Trägerlohnchurch bie^oft 3600Mark,auch beiNicht» erscheinen einzelner Nummern infolge höherer Gewalt.- Fernsprech- Anschlüsse: für bieSchrist- leitung 112; für Verlag nnb Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnachrichten: Anzeiger Stehen.
Poftscheätonto:
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173. Jahrgang
Srettag, 6. April 1923
GiehenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Krisenerscheinungen.
Die R e i ch S i n d e x z i f f e r für die Lebenshaltungskosten ist nach den Feststellungen des Statistischen Reichsamtes im März auf 2854, also annähernd das Dreitausendfache des Friedensstandes, gestiegen. Die Steigerung betrug gegenüber dem Monat Februar nur 8 Prozent, wahrend sie vom Januar zum Februar um 136 Prozent in die Höhe geschnellt war. Die Dollaraktion der Reichsregierung, die ja zu einer Art Stabilisierung der Mark geführt hat, übte doch einen nennenswerten Einfluß auf die Pre isbewegung aus. Sie setzte freilich zu spät ein, und es war ein Fehler, dah man der wilden Dvllarhausse bis auf 50 000 Mark nicht vorbeugte, sondern erst nachträglich eingriff. Diese Preisrevvlution hat zu einer sehr bedenklichen Verwirrung auf dem ganzen Wirtschaftsmarkt geführt, und ihre Folgen werden so bald nicht zu überwinden sein.
Das zeigt sich deutlich in den Preisschwankungen, die sich noch immer fortsetzen. Wenn auch infolge der Senkung des Dollars ein Stocken in der Aufwärtsbewegung einge- tret.en ist und eine Reihe von Waren, besonders Konfektionsartikel, Wäsche und Schuhwaren, ferner auch einige Lebensmittel, im Preise zurückgegangen sind, so haben sich doch andererseits die Preise für Butter,. Milch und Eier schon wieder erhöht, und ebenso sind die Kosten für Wohnung, Heizung und Beleuchtung gestiegen. Die „Markstabilisierung" hat also das Ziel, das man damit verfolgte, nur zum Teil erreicht, und wenn, wie aus einigen Regierungskundgebungen hervorzugehen schien, mit dem erhofften Preisabbau der Lohnabbau eingeleitet werden sollte, so haben die Spitzenverbände der Gewerkschaften dagegen bereits entschieden Einspruch erhoben, und sie können sich auf die noch immer bestehende und sich allem Anschein nach fvrtsetzende kritt- sche ßage auf dem Wirtschaftsmarkt berufen, die die Preisbewegung nicht zur Ruhe kommen läßt.
Ist aber mit der Markftühungsaktion das Ziel der Senkung der Preise nur in geringem Maße erreicht worden, so hat diese Aktion auf der anderen Seite zu einer schweren Krisis im Warenhandel geführt, die ebenfalls noch nicht überwunden ist. Der Handel hatte bisher seine Preiskalkulationsmethoden auf das Sinken der Mark, auf das Steigen des Dollars eingestellt. Wenn die großen Gewinne, die er dabei machen konnte, auch vielen ein „Durchhalten" ermöglichten, so gerieten doch die schwächeren Existenzen durch den Dollarrückgang und die darauf basierende Zurückhaltung der Käufer, welche auf eine weitere Senkung der Preise rechneten, in eine schwierige Lage, die sich ebenso auf die Industrie und den Großhandel wie auf den Einzelhandel erstreckt. Die Spekulation der Verbraucher erwies sich auch als zutteffend; denn die Geschäfte sahen sich zwecks Beschaffung von Dettiebsmitteln vielfach zu wesentlichen Preisherabsetzungen gezwungen.
Wenn übrigens seitens der Regierung Mahnungen an die Handelskreise ergingen, im Einklang mit der Dollarsenkung den Preisabbau durchzuführen, so konnten diese nicht mit Anrecht erwidern, daß die Regierung mit der Erhöhung der Post- und Eisenbahntarife ein böses Beispiel^gebe und dadurch ja gleichzeittg die Produktionskosten erhöhe. In dieser Erkenntnis ist jetzt ausnahmsweise auch einmal seitens der Regierung ein Preisabbau verfügt worden, nämlich die am 1. April eingetre- tene Ermäßigung der Kohlensteuer um ein Viertel.
Diese Maßnahme ist selbstverständlich zur Stützung der Mark erfolgt, und sie liegt also auf derselben Linie wie die Dollar- a n l e i h e, die allerdings infolge des recht wenig befriedigenden Ergebnisses ihren Zweck nur zum Teil erreichte, wenn sie auch immerhin Der Reichsbank weitere Mittel zur Fortsetzung der Stützungsaktton verschaffte. Diese Aktion wird aber — und das darf nicht übersehen werden — um so schwieriger, je mehr das Defizit der Reichsfinanzverwaltung an- wächst und die Notenflut steigt, je mehr ferner das Defizit unseres Warenaußenhandels wächst, je größer endlich die Schädigung durch die französische Ruhrsabotage wird.
Diese Preisrevolution, dies Versagender Kaufkraft, das durch die wachsenden Produkttonskosten bedingte Nachlassen der Ausfuhrmöglichkeiten und die Milliardenvernichtung im 'Ruhrrevier sind die Arsachen für die krisenhaften Erscheinungen, die sich überall in unserem Wirtschaftsleben bemerkbar machen und deren deutlichstes Kennzeichen das Anschwellen der Arbeitslose nziffer ist. Möglichkeiten für eine Heilung dieser Krisis liegen freilich nicht nur in der Markstützungsaktton der Regierung, die ja eben'durch die Krisis erschwert wird, sondern vor allem darin, ob sich über kurz oder lang ein Ausweg aus dem


