Irr. 5 Zweiter Blatt
Ciehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhessen)
Samstag, 6. Januar (923
Handelskammern über die Not der Presse.
Die ftänbig zunehmende Hot der Presse hat Wieder zahlieich.m Hairdelslammern Veranlas ung zu Kundgebungen an die Oesfentlichleit gegeben, die recht beherzigenswert sind.
So hat die Kölner Handelskammer einstimmia eine Entschließung angenommen, in der es u. a. Heidt: .Die Hotlage der deutschen Piesse. hervorgerufen neben den sonstigen Folgen der Geldentwertung in erster Linie durch eine die innere Markentwertung axit übersteigende Steigerung bei Papierpreise, erfordert die ernste Aufmerksamkeit aller am politischen, geistigen und wirtfchrfrlrcheu Leben beteiligten Kreise. Selbst tuenn man annehmen wollte, daß wir ein Zuviel an Tages- und Fachzeitungen gehabt hätten, so ist doch die Zahl der bereits durch die Hot der Zeit AUin Erliegen gctommenen Blätter ei schleckend grob . Die Kölner Handelskammer richtet an die Reichsregierung und die Landesregierungen die diingende Bitte, weitere Maßnahmen zum Schuhe der bedrohten Presse mit grösster Beschleunigung durchzusühren. unb erwartet anderseits von den von ihr vertretenen Kreisen von Handel und Industrie, baß sie Im Bezug wie in der An.zeigenerteilu.ng sich auch ihrerseits der Pflichten bewußt zeigen, die ihnen ihr Interesse an einer starken uird unabhängigen Presse aus- erlegt "
Die Handelskammer zu Dortmund hat folgende Entschließung gefaßt: .Die immer großer werdende Hot der benschen Tages- unb Fachzeilungen gebietet, baß Staats- unb Gern ein bebe Hörden, sowie Handel unb Industrie der Presse in erhöhtem Maße ihre Aufmerksamkeit zuwenben. Für bie Gesamtheit bes beutschen Bol- kes ist bie Presse als bie Vertreterin der öffentlichen Meinung und als Bindeglied der wirtschaftlichen Beziehungen zum Auslande von unschätzbarem Werte. Eine Verkümmerung des deutschen Pressewesens muß deshalb mit großer Sorge erfüllen. Hur unter erheblichen Opfern haben die beutschen Zeitungen ihre bisherige Bedeutung unb Unabhängigkeit zu behaupten versucht. Soll ihnen das auch weiter möglich sein, so bedarf es der Unterstützung aller Kreise. Die Handelskammer zu Dortmund halt es deshalb für ihre Pflicht, die öffentliche Aufmerksamkeit auf bie Notlage ber Presse hinzuw.'isen und alle Kreise des Wirtschaftslebens sowie bie Behörden aufzu- fvrdern, der Tages- und Fachpresse durch Zuwendung von Anzeigenaufträgen unb Aufrechterhaltung des Bezuges Unterstützung zuteil werden zu lassen."
Auch ber Geschäftsführende Ausschuß ber Hanbelskammer Brauns chweig befaßte fich eingehend mit der Hot ber Presse. Man erkannte an, daß bie Debeutung ber Presse für das öffentliche Geben und bie Wirtschaft im besonderen -erfordert, baß neben der Regierung auch die Wirtschaftskreise ihr jede mögliche Unterstübung und Hilfe in ihrem Kampfe ums Dasein leisten müssen. Diese Hilfe könne seitens Industrie und Handel vor allem darin bestehen, daß der Bezug der Zeitungen und deren Benutzung für Anzeigen nicht eingeschränkt, sondern nach Möglichkeit gesteigert werde.
Die VeceinigungHiebersächsischer Handelskammern hat, gemeinsam mit dem Wirtschafts-Ausschuß Hiebersachlen unb dem Ver- kehrsveiband Rtederfachfen, eine Kundgebung zur Hol der Presse erlaßen, bie folgendermaßen schließt: „Alle schaffenden Stände haben ein starkes Interesse an einer unabhängigen unb gut unterrichteten beutschen Presse, und an ihnen ist es, den schwerbedrängten Tageszeitungen und Zeitschriften nach Kräften bie helfende Hand zu reichen. Industrie und Handel, Handwerk und Landwirtschaft, Verkehr unb freie Berufe müssen durch regelmäßigen Bezug, durch Zuwendung von Anzeigen und Propaganda-Aufträgen die Tages- und Fachpresse stützen unb an ihrer Erhaltung Mitwirken. Aber auch von ber Reichs- unb Staatsregierung muß geforbert werben, daß fte wirksame Maßnahmen zur Abwehr ber Hot ergreifen; mit den bisherigen unzulänglichen Mittcln ist es nicht getan. Ohne deutsche Presse keine deutsche Zukunft!"
Die Handelskammer für den Kreis Mannheim hat sich, wie sie mitteilt, bemüht, soweit es in ihren Grenzen war, im Interesse ber Rot ber Presse zu wirken. Sie hielt.es jetzt aber für notwendig, erneut ihrem Verständnis und ber Hilfsbereitschaft für bie Presse in einer Entschließung Ausdruck zu geben, bie lautet: .Die deutsche Pinsle muß uns erhalten bleiben, nicht um ihrer selbst willen, sondeim als Trägerin kultureller unb nationaler Aufgaben, als unentbehrliches Hilfs- und Derständigungsmittel für Handel
Unter dem Zreiheittbaum.
Hornau von Clara Biebig.
9. Fortsetzung. (Hachdruck verboten.)
.Hast dich gefloßen?" fragte er zärtlich. Er fühlte ein Zucken in ihrer Hand
Es tat ihr wohl, baß er |o fragte, lange hatte sich niemand um sie gekümmert. Zärtlichkeck war sie nicht gewohnt, unbewußt drückte sie seine Hand fester. Und bann wies sie vorwärts mit einem frohen und lauten Lachen — bisher hatten sie nur zu flüstern gewagt: .Guckt da!" Zwischen Schutt und Geröll dämmerte eine kleine matte Helle. Wie ein bleicher Stern schimmerte es ihnen in der Finsternis. „Ewell müssen wir bald er aus sein!"
Heu belebt tappten sie weiter, zuletzt mußten fte noch auf allen Vieren kriechen, bann aber war cß mit einemmal weit und hoch. Sie standen draußen, aber nicht unter freiem Himmel, über Ihnen wölbte sich hoch eine Kuppel. Sie standen im Dom. Hinterm Altar einer (SeitenCapelle baten sie hervor. Es ging gegen den Morgen. Durch das bunte Glas eines uralten Fensters fiel mattes Dämmern.
Sie sahen sich an; sie waren blaß und verstaubt Aber das Mädchen lachte glücklich- Diesmal seid Ihr bernon gekommen Mtr verstecken uns da im Beichtstuhl. Und wenn die Franzosen ausschkießen, sie Hosen alle Morgen Hutter für ihre Peerd im Dom, dann witscht Ihr eraus.
Er mußte auch lachen; es klang übermütig in der hallenden Kirche, einen gelungeneren üpaß hatte selbst er kaum erlebt. Aber bann fiel 'hm ein: wo waren die anberea, waren sie auch glücklich davongekommen? Und Julie Bläsius ?
„Ihr seid gerettet!" Sie stand ihm gegenüber, die Arme über dem Mieder gekreuzt, jung, starr,
unb Industrie. Die Handelskammer fordert daher dringend auf, durch Auf rechter Haltung des Bezuges und durch Zuweisung von Anzeigen das Fortbestehen einer unabhängigen Presse zu ermöglichen."
Jur Gießener SLraßendahnsrage.
Das alte Stadtparlament hatte sich, veranlaßt durch die pflichtgemäße Initiative der Stadtverwaltung, noch kurz vor seiner Schließung mit der durch den allgemeinen deutschen Wirtschafts- Niedergang vevan.aßten starken Unrentier- lichkeit unseres Straßenbahnbetriebs zu befassen. Trotz der verschiedenen, zum Teil sogar hundertprozentigen Fahrpreis- erhohuagen war bei annähernd gleich ge liebemr Frequenz der Straßenbahn das De.izit der Betriebsrechnung bis Ende Rovember auf etwa 50 Millionen Mark angeschwollen, und mit einer (Steigern ig des Fehlbetrages auf 75 Millionen Mark dürfte, nach den QRitieilungen des Beigeordneten Dr. Seid in der letzten Stadtverordneien- Sitzung, in nicht allzu ferner Zeit zu rechnen sein. Daß diese Entwicklung außerordentliche Entschlüße zur Herbeiführung einer Besserung notwendig machte, liegt auf der Hand. In zwei Sitzungen, einer nichtöffentlichen und einer öffentlichen, beschäftigte sich das Stadtparlament mit einer An- regu ig der Verwaltung, die auf eine wenigstens teilweise Sanierung der Straßenbahnrechnung abzielte. Man erklärte sich im Prinzip mit der Verminderung des Defizits durch zcve-e itsprechenden Tet ie -dabbau ci trT txrr e , b baue. Ii.herweise aber versagte die sonst so klar ausgeprägte Entschlußkraft dieses selben Parlaments, als es sich darum handelte, in Konsequenz des ersten Beschlusses nun auch über die von der Verwaltung, der Detriebsdeputation und dem Finanzausschuß geforderte Betriebsstillegung Las entscheidende Wort zu sprechen. An diesem seltsamen Widerspruch ber Handlungen, den wir in unse em Blatte vom 22. Dezember schon kurz gete mzeicynet haben, scheiterte einstweilen die ganze, mit _ so großen Hoffnungen angelegte Gesundungsaktion der Straßenbahnwirtschaftsführung.
Die Elektrische fährt nun zunächst auf allen Linien weiter. W.r haben ke eite am 22. Dezember gesagt, daß es bei jenem Beschluß der Stadtverordneten nicht sein Bewenden haben kann. Daß diese «Situation schleunigst beseitigt, werden muß, ist im Hinblick auf bie Finanzlage eine Selbstverständlichkeit, der sich wohl niemand verschließen wird; sicherlich wohl auch diejenigen Stadtverordneten nicht, die bei jenen Abstimmungen der Ratlosigkeit in der letzten Dezember- Sitzung zugegen waren.
Für die einstweilen teilweise (Sanierung ber Straßenbahnrechnung liegen drei Vorschläge vor: 1. ber Antrag ber Verwaltung, die Linie vom Bahnhof durch die Bahnhofstraße bis zum Marktplatz stillzulegen und bie Strecke vom Bahnhof burch den Seltersweg bis zum Marktplatz weiter im Betrieb zu lassen, vom Marktplatz aus bis zum Schützenhaus Pendelverkehr einzurichten, bie Seltersweg-Linie aber bis zum Friedhof durchzuführen; für diesen Vorschlag haben sich auch bie Detriebsbeputation und der Finanzals- schuß ausgesprochen; 2 die Ansicht aus dem Hause, die Bahnhosstraße-Linte weiter zu betreiben und den Verkehr burch den Seltersweg einzustellen; 3 die weitere Anregung aus der Mitte des Parlaments, einen 15-Minuten-Ver- kehr einzurichten und die Seltersweg-Linie sowohl wie die Strecke durch die Bahnhofstraße weiter im Betrieb zu lassen.
Prüft man diese drei Vorschläge unter dem Gesichtswinkel der besten Huhwirkung für den schwer notleidenden Straßenbahnetat einerseits und für den Verkehr aus der anderen Seite, so wird man den Vorschlag der Einrichtung eines 15-Minutenverkehrs als unprak-tisch aus scheiden müssen. Wie ber Stadtv. Pros. Dr. K r a u s m ü l l e r in der jüngsten Stabtver- oldneten-Sitzung mit Recht hervorhob, hat unsere Straßenbahn schon lange aufgehört, ein Beförderungsmittel für kurze Strecken zu fein, und darunter habe auch die Frequenz schon gelitten. Roch weniger benutzt, ja direkt überflüssig würde die Elektrische u. E. aber werden, wenn man die Wagen nur in Biertelstundenfolge fahren ließe. Dann würde die sch elle Beförderung sehr oft von einem gutem Wagenzufall abhängig sein, auf den sich wohl niemand verlassen möchte. Man denke beisvillsweise nur an bie Möglichkeit, daß man zur Bahn ober zu einer Beerdigung gelangen will und dabei auf einen Glücksfall oder
gesund; ein schönes Landmädchm. Ein Begehren kam ihm. Sie waren allein, zwischen den ftreben- bea Pfeilern von Stein, so allein wie zwischen den Bäumen im Wald — er streckte die §anb Ttarß ihr. Er war sich seiner Siege bei den Weibern bewußt; nun packte er sie. Da gab sie ihm einen so starken Stoß, baß er rückwärts taumelte. Ganz verdutzt sah er drein: die wollte ihn nicht.
Ihre dunkeln, feucht blickenden Augen blitzten jetzt zornig. ^Jch bin von der Eifel, ich bin Feilte Bänkelspielerin und auch keine Amte. Rührt muß nit so an. Sonst pack ich bat Kreuz da" es lehnte ein altes Holzkreru dicht dabei an der Wand — „unb wehr mich damit Ich bin bie Maria aus Krinkhof, dem Hans Bast seine Tochter!" Sie hatte eine drohende Haftung angenommen.
Er lachte verlegen, so etwas war ihm noch nicht widerfahren. Er hätte sie zwingen können, fast gelüftete es ihn, doch da sah er: frier hatten die Franzosen wofrl geräumt, Teppiche und Alta^ gefäße beiseite geschafft, aber für ihn war doch noch etwas übrig geblieben. Ein Miisale. kostbar gebunden, lag am Boden, das konnte er nicht gebrauchen, aber die Decke des Altars hatte noch ifrie Spitzen, und das Kleid der Heiligen aus schwerem Damast war auch noch da. Er riß es herunter. Seine Augen flogen, scharf sah er sich um: da war etwas und hier noch etwas!
Maria sah ihn suchen, sich bücken, bi alle Winkel spähen und zusamme.nrasfen. Den Damast band er sich unter den Mock, bie Spitzen stopfte er sich in die Hosen.
Sie war an den Beichtstuhl zurückgewichen und lehnte sich gegen das geschnitzte Holz werk mit der reichen Vergoldung. Würde er das auch noch losbrechen wollen? Stumm sah sie zu, wie er an sich raffte, was irgend zu raffen war. Ihre Blicke waren groß uitb verwundert: das hätte
einen weitmaschigen Fahrplan für die Zurück- legung der Wegstrecke angewiesen sein soll. Heber- mann würde es bann doch vorziehrn, nachdem er bisher schon bei kurzen Strecken ohne bie Straßenbahn zurechtkommt, nun auch noch die längeren Strecken zu Fuß zurückzu'egen. Sehr ernst wird man sich dagegen mit den beiden anbei en Vorschlägen befassen müssen. In ber Tat ist es ein älnbtng, in diesen überaus schweren Zeitverhäftnissen auch noch Paraftelstrecken zu fachren, die schon in früheren, be seren Hahren wirklich ein äleberfluß waren, den man ebenso gut auch als Verkehrs l u x u s bezeichnen könnte. Angesichts der schweren Finanzlage fordern wir im Interesse der S euer$a'frler, das; eine dieser Parallel st reckenausdemBetriebge- strichen wird. Hier muß ber Sparhebel angeseht werden. Wägen wir ab zwischen der Linie durch den Selterswsg unb ter Strecke durch die Bahnhofstraße, so erscheint es uns richtig, die Elektrische durch den Selters weg weiter im Betrieb zu haften. Diese Schlußfolgerung grüntet sich auf folgende Erwägungen: Das Cteschäf ts, entrum der Stadt und damit der Hauptperione.n-e.kehr ist fraglos im Seltersweg zu sinden. Don ter Dckh.ifrvfstraste farm diese Eigenschaft nicht in gleichem Masts behauptet werden. Diese Lage der grundlegenden Behältnisse muß bei der Straßenbahn-Derkefrrspvlitik in erster Linie berücksichtigt werden. Es kommt weiter in Betracht, baß bie Basis der SelterSioez-Linie auch breiter ist, als die der Dahnfrofstraste-Linie, denn das Hinterland für die Möglichkeit des Be.ckehrs- zuflusses zur Seltersweg-Linie umfastt das ganze Kernstück des südlichen Stadtviertels, toä'frrenb zum Hinterland ber Bahnhofstraße-Linie nur bie kurze Westanlage mit den wenigen, in die Bach ilw straße mürdenden Derbindungsstra^ en, bie Heustadt und die paar Straßen jenseits der Lahn, allenfalls schließlich noch die wenigen Häuser am Oswaldsgarten gefrören. Für die Eeftersweg-Linie spricht ferner ber älmstand, daß sie die wichtige, von der Stadt aus den Kliniken am nächsten gelegene Haltestelle aufweist, und daß sie den Bewvhrern ter Straßen an der obe^hessischen Bahn die einzige Möglichkeit zum Antritt direkter Fahrten in ber Richtung nach dem Friedhöfe bie et. Daß der starke Fafrrgäste- veckÄhr tun ber Lich.w Straste her bis jetzt überwiegend durch die Bahnhofstraße fährt, wem ber Bahnhof das Ziel ber Fahrt ist, soft gerne eingeräumt werden. Aker es ist nicht anzunehmen, baß diese F equenz verloren geht, wenn man in Zukunft bei ber Fahrt von ber Licher Svaße nach dem Bahnhof durch den Seltersweg fahren müßte. Diese Passagiere würden dann einfach am Marktplatz mit einem älmsteigefahr- sch-in in die passend gelegten Anschlußwagen umsteigen und mit diesen fenau so früh und bequem an das Ziel ihrer Fahrt gelangen.
Da st man bie Sorge für die Unterbringung der überflüssig werdenden Angestellten natürlich nicht außer Betracht lassen wird, ist selbstverständlich Aber nach dieser Richtung hin wird bie Verwaltung, deren Standpunkt in dieser Grsparnis- notwenbigkeit wirklich gut begründet ist, sicherlich alle Vorkehrungen zu treffen in der Lage sein.
Rachdem das alte Stadtparlament in einem Augenblick wirrer Situationen die ganze Angelegenheit sicherlich wider Willen hat zu Fall kommen lassen, wird es jetzt die unaufschiebbare Aufgabe ber Verwaltung unb ber neuen Stabt- verordneten-Versammlung sein, mit aller Tatkraft erneut an biese Ausgabe heranzugehen. Schnell handelnde Entschlußkrast ist jetzt notwendig. um diese überreif gewordene Sache nun endlich in einer Weise zu losen, bie den städtischen Finanzen Erleichterung verschafft. Das neue Jahr wird kornmunalpolitisch den besten Auftakt erfahren, wenn es mit einem energischen und großzügigen Sparbeschluß eingeleitet wird.
Gießen im Jahre 1922.
VI
Das Schulwesen.
An der Volksschule wirken 3 Rektoren, 39 Lehrer, 11 Lehrerinnen, 20 Schulverwalter, 9 Schulverwalterinnen und 7 Handarbeitslehrerinnen. In 81 Klassen wurden 2902 Schüler bzw. Schülerinnen unterrichtet; davon sind 1448 Knaben und 1454 Mädchen.
An der Fortbildungsschule sind hauptamtlich 8, nebenamtlich 51 Lehrkräfte tätig. In 12 Klassen werden 207 Knaben, in 8 Klassen 232 Mädchen allgemein unterrichtet. Die kaufmännische Abteilung weist in 14 Klassen 238 Kna
sie doch nicht von ihm gedacht. Sie hing den Kopf auf die Brust, sie war auf einmal ganz traurig.
4.
Durch den Hebet des Herbsttages wanderte Maria Hikolai. Eilig schritt sie dahin, ost sah sie zurück und ging bann hastig weiter, als fürchte sie, verfolgt zu werben Sie ging, wie sie gestern in der Eulenpüh am Herde gestanden, im Mieter und in Hemdärmeln; bie Schürze hatte sie zum Schutz vor schwer fallenden Hebeftropsen sich über das Haar gebunden Alles, was sie besaß, hatte sie bei der Buzliese im Stich gelassen, sie traute sich nicht mehr dahin zurück. Vielleicht war die Buzliese gar nicht mehr im Haus, faß schon gefangen unb die anderen auch — aber würde man sie nicht als mitschuldig auch in Haft nehmen? Es war bitter, ihr bißchm Habe: das Sonntagskleid, ein paar Hemden und Strümpfe. Schuh unb die wenigen Schürzen, so aufzugeben, aber was sollte sie tun? Fort mußte, fort wollte sie, sie konnte sich nicht lange bedenken.
Der Bückler hatte ihr versproch.m, sie sollte bald alles ersetzt bekommen und alles viel schöner, aber nein, sie würde nie etwas von ihm an- nehmen. Warum denn nicht? Er konnte das gar nicht begreifen. Sie hatte ihn angesehen mit einem Blick aus dem er nicht recht klug wurde. Was ging ihn im Grund das Mädel unb seine Launen an. er dachte nur daran, wie unb wo er sich mit seiner Julie wieder zusarnrnenfinden konnte.
Sobald am Morgen ber Dom aufgeschlossen wurde und einige Soldaten damit beschäftigt waren, vom Heu. das am Hauptaftar aufgeschichtet war, Bündel abzupacken, hatten er unb das Mädchen sich am Weihwasserbecken vorbei, von den dicken Pfeilern gedeckt, burch ein Seiten» türchen hinausgestohlen. Hiemanb gewahrte sie, der Domfreihos war noch ganz öbe. Cs war em kurzer, flüchtiger Abschied gewesen. Sie fratte Elle, fortzukommen nur weg, weg von ber Eulenputz!
ben und 30 Mädchen aus, die gewerbliche Abteilung zählt in 31 Klassen 640 Knaben.
Arn Gymnasium sind 15 Lehrkräfte hauptamtlich tätig, bie in 9 Klassen 240 Schüler unterrichten.
Das Realgymnasium hat 21 hauptamtlich tätige Lehrkräfte und in 14 Klassen 350 Schüler.
Die Oberrealfdjule hat 37 hauptamtlich tätige Lehrkräfte und in 25 Klassen 783 Schüler, An der Höheren und Erweiterten; Mädchenschule wirken 33 Lehrkräfte. Die Zahl der Klassen wird mit 18 höhere, 7 erweiterte, die Zahl ber Schülerinnen mit 605 höhere unb 209 erweiterte ausgewiesen.
Der Geldmarkt.
Das Jahr 1922 stand im Zeichen eines fortschreitenden Verfalls unserer deutschen Währang. der im Frühjahr langsam einsetzte, seit Juli aber in immer schnellerem Tenrpo erfolgte und zu fast völliger Wertlosigkeit unserer Mark führte. Die Apache dieser Erschnnung liegt in der Unerfüllbarkeit der uns auf erlegten Reparationsleistungen und in dem mang.'lndeii Dertra ren auf bie Mög ichkeit einer wirtschaftlichen Wieder- gesund ang, das namentlich auch un Ausland Platz gegriffen hat.
Heben ber ständig abnehmenden Kaufkraft der Mark im Inland ging wechselwirkend eine steigende Bewertung ter ausländischen Zahlung s- mittels einher, die ihrerseits bie notwendigen Aus- landbezüge an Rohstoffen unb Hahr ingsmitleln verteuerte Die dadurch erzeugten Preis- und Lohnerhöhungen riefen einen ungewöhnlich starken Bedarf an Zahlungsmitteln hervor und führten schließlich im September zu einer sehr emp- findlichun Zaylungsmittelknappheit. die nie.' d irch eine gewaltig gesteigerte Tätigkeit der Holen- presse bis gegen Mitte Oktober wieder behoben werden konnte. Sie hätte vermieden ©erben können, wenn nicht weite Kreise unserer Bevölkerung aus selbstsüch igen Interessen zum Schaden der Allgemeinheit unb des Vaterlandes Milliar- benbeträge in Papiergeld in Schränken unb Schubladen fefffralten würden.
Die starke Entwertung der Mark und bie dadurch hervorgerusene Steigerung der Lebensrnittel- und Bedarfsarlikelpreise sowie aller Produktionskosten hatten naturgemäß eiren wachenden Kreditbegehr sämtlicher geschäftlichen Un er- nehmungen zur Folge, der sich sehr bald zu einer Kreditnot auswuchZ. Die Degehrung des Bankkredits nahm in tur^r Zeit einen solchen Umfang an. daß die Danken sich gezwungen faßen, diesen an erschwerte Bedingungen zu knüpfen oder ganz zu versagen. Es wäre zu schweren Krisen gekommen, wenn nicht dir Reichsbank in klarer Beurteilung der Lage der Geschäftswelt in weit- gefrendstem Maße Kredit gegen Hereinnahme von Eteschäftswechseln gewährt hätte. In welchem Umfang dies geschehen ist, zeigt sehr deutlich der Ausweis der Reichsbank vom 23. Dezember (derjenige vvm 30. Dezember liegt noch nicht vor), wonach der Betrag der von ihr angekauften Wechsel und Schecks 393'/- Milliarden Mark betrug gegen nur eine Milliarde bei Beginn des abgelaufenen Jahres, natürlich brachte diese riefenfrafte Inanspruchnahme der Reichs bank eine gewaltige Ber- mehrung des Hotenumlaufs mit fich. der am 23. De^mber auf 1137 Milliarden Mark enge- axubfen war. trotz mehrfacher Diskonterhöhungen. bie feit Gnbe Juli zur Abwehr allzu großes Wechselkreditanfprüche wiederholt Dorgenonunep worden waren.
Die Kreditairforderungen speziell der ober* hessischen IIeschäftsweft waren recht be>eu:enb und sind, soweit sie aus dem gesunden Waren- handel basierten, befriedigt worden. Die Zeit ber Zahlungsmittettnappheit ist in Oberhessen Dank der von der Reichsbank gemachten Anstrengungen verhältnismäßig gut überwunden wo den, im Gegensatz zu anderwärts, wo sich der Mangel an Zahlungsmitteln sehr viel schärfer fühlbar gemacht hat. Die Ausgabe von Rotgeld seitens der Provinz hat auch ihr Teil zur Linderung dec Zah- lungsmiftelnot bei getragen.
Das Elektrizitätswerk.
Das Leitungsnetz ist 982,5 Kilometer lang: davon entfallen auf das Stadtgebiet 223,3 Kilometer auf ba3 Üleberlandgebiet 759 Kilometer. 63 Arbeiter sind in dem Werke tätig. Die Zahl der elektrischen Zähler beläuft sich auf 12 003. An- geschlossen sind 113500 Glühlampen. 1190 Motoren und 210 Heizapparate. Die nutzbare S:rvrnabgabe beläuft sich auf 5 170 000 Kilowattstunden. Davon entfallen auf die Straßenbeleuchtung im Stadtgebiet 70 086, im Ueberlanbgebiet 52 900, -:uf den Lichtstrom im Stadtgebiet 1 0c5 154, im Ue ei- tanbgebiet 363 403, auf den Kraftstrorn im Stadt- Und ihn wiederum trieb es in die Eulenpütz. Er hoffte unbedingt, da ein? Spur von Julie za finden. Ohne ihm ein Zeichen zu lasfen, das ihm kundtat, welchen Weg fie genommen hatte, ging die sicher nicht fort. —
Maria Hikolai sah tief ausatmend nach der *».abt zurück, die kaum noch erkenntlich im Hebel lag Pallien, bas winzige Döilchcn, das sich mit feinen wenigen Hütten in die roten Felsen über der Mosel klebt, war ihr bald zur Linken geblieben. Hun hatte sie auch ein größeres Dorf bereits hinter sich und jetzt war alles ganz unbewohnt weit umher.
Den Weg, den sie eiirzuschlagen hatte, wußte sie nicht genau, es fehlten auch alle Wegzeichen, sie kannte ungefähr nur die Richtung. Als der Vater sie im Sommer heruntergebrach hatte zur Buzliese, waren fie quer durch die Eifel gewandert, nich coeit von Trier erst aus dem Gewirr ber Schluchten und Wälder heruntergekommen. So zu gehen traute sie heule sich nicht — was konnte ihr geschehen im Gebirge so ganz allein ? Da war es nirgendwo recht geheuer. Wenn ihr Kleid auch arm und wen los war. den Allerärmsten konnte ihre Armut noch Rerchtum dünken. War doch kürzlich ein Weib, das Beeren suchte, ausgeraabt worden bis aufs Hemd; einem Mädchen hatte man auch das noch genommen. Splinterfasernackt hatte das sich nicht heimgetraut, war hinter einen Busch gekrochen und weinte, bis es. halb erfroren, gesunden wurde Es war b=»ffer, sie blieb aus der breiten Straße, da sah sie wenigstens den Himmel über sich Hier traute sich auch kein Gesindel her, das hielt srch mehr abseits. Wenn sie wacker zuschritt, auch in der Rächt nur wenig rastete, konnte sie wohl hoffen, morgen spät abend in Krinkhof zu sein.
^Fortsetzung folgt)


