TJ Laubach, 2 3imt Vorgestern fand hier tm „©olmfer Hof" eine Versammlung früherer Lau dacher Gymnasiasten statt. Man be- schlvh, die allgemein« Zusammenkunft alter Laubacher Rennäler am 25. und 26. August abzuhalten. Außerdem trmrbe festgesetzt, daß daS Än- denken der im Weltkrieg gefallenen Laubacher Gymnasiasten durch eine eiserne Gedenktafel geehrt werden soll. Diese Tafel toitb aus der Friedrichshütte bei Laubach hergestellt und soll in der Aula deS Gymnasiums Fridericianum angebracht werden.
Wetterfeld, 3. Zunr. In erschreckender Werse mehren sich die D r e b st ä h l e nunmehr fauch auf dem Land, wo man dergleichen frühen «nicht kannte. Unlängst wurden dem hiesigen Dür- yermeister 20 wertvolle Dielen gestoh - len, welche er aus einem mächtigen Lärchenbaum tfxtfte schneiden lassen. Als Frevler ist jetzt em sehr wohlhabender Landwirt festgestellt worden, der in unverfrorener Weise bereits einen Teil der entwendeten Bretter verwandt hatte.
Schwurgericht.
G ießen,. 4. Zuni 1923.
Heute fand unter dem Vorsitz des Land- gerichtsrats Hirsch als erste Sache der zweiten Periode des Schwurgerichts 1923 die Verhandlung gegen den Arbeiter Otto Fourier aus Dietzen wegen Dotzuchtversuchs statt. Die Anklage legt ihm zur Last, im Februar l. Z. den Versuch gemacht zu haben, ein kaum 14 Zähre altes Mädchen zu mißbrauchen, Verbrechen gegen die Paragraphen 177, 43 StGV.
Die Anklage wurde von Staatsanwalt Zu- fiizrnt Weidemann vertreten; die Verteidigung führte Rechtsanwalt Homberg« r.
Wegen Gefährdung der Sittlichkeit fand die Verhandlung untef Ausschluß der Oeffentlichkeit statt.
Aus dem öffentlich verkündeten Urteil war zu entnehmen, daß an die Geschworenen eine Aeihe von Fragen gerichtet wurde, und daß sie den Angeklagten des vollendeten Verbrechens gegen Paragraph 176 Ziffer 1 StGV. schuldig gesprochen hatten. Das Urteil lautete auf eine Gefängnisstrafe von einem Zahr und drei Monaten. Außerdem ordnete das Gericht auf Antrag des Staatsanwalts die sofortige Verhaftung des Verurteilten an.
Einqesandt.
sFür Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.) Der Lesebuch-Erlaß des Landesamts für das
DildrmgswLsen.
Der neue herrliche Erlaß unseres so überaus rührigen Dildungsministeriums geht den Lesern, zumal den Eltern unter ihnen, natürlich im Kopfe herum. Es ist fürwahr ein schlechtes Zeichen für die Lebensfähigkeit unserer jung-m Republik, wenn ihre Führer glcniden, sie mit solchen Mitdrln halten und stärken zu müssen. Und diese Führer sitzen und schreiben in demselben Darmstadt, das tagtäglich das Elend der Ausgewiesenen sieht — die Kinder dieser AuSgewiesenen aber werden auch ohne „aufreizende" Lieder den Haß gegen den Feind, der ihnen die Heimat nahm, im Herzen tragen. Zu tadeln sind die Männer, dir dem deutschen Volke im Augenblick seiner tiefsten Erniedrigung das Letzte nehmen wollen: dir Erinnerung an große Zeiten und an große G e st alten.
Wir Eltern habe.' es in diesem Zeitalter der Freiheit weiß Gott nicht nötig zu derlei Anordnungen von oben Zg und Amen zu sagen, und toerm ich auch sonst von meinen Söhnen absolute Anerkennung der Autorität ihrer Lehrer verlange, der Zerstörung ihrer Bücher werden sie sich in keinem Falle fügen. Sch.
w
Anmerkung der Schriftleitung: Der Lesebuch-Ukas des LandeSamtes für das Dil- dungöwesen berührt zweifellos sehr gewichtige Interessen der Glternkreise, denn er wird, wenn er zur Ausführung kommt, sicherlich erhebliche Deschädigungcn der Dücher, die doch nur unter Aufwendung großer Geldmittel beschafft worden sind, zur Folge haben. Wir meinen, eine solche Maßnahme dürfte auf keinen Fall ohne vorheriges Befragen der Elternschaft durchgeführt werden. Wäre es nicht sehr zweckmäßig, wenn die (Eltern beträte sich rühren und am besten Elternversammlungen zur Besprechung dieser immerhin be= langreichen Frage eiriberufen würden?
* » *
„Hessisch? Heimatkunst und Hessisches Schrifttum."
Gestatten Sic mir, auf den Artikel „Hessische Heimatkunst und Hesiiiches Schrifttum" in Rr. 127 des „Gieß. Anz." zurüj-usommen.
Der Verfasser D. führt Lichtenberg unter den bekannten hessischen Dichtern auf. Abgesehen
davon, daß Lichtenberg in Ober-Ramstadt bei Darmstadt geboren ist, hat er mit Hessen gar nichts zu tun. Er war kein Lichter, sondern Professor der Physik in Göttingen. Verfasser trefflicher philosophisch-satirischer 'Abhandlungen und der berühmte Erklärer der Hogarthschm Kupferstiche.
Unter den angeführten hessischen Dichtern vermißt mdn den Waldpfarrer Karl E r n st K n c d t, vor allem den größten jetzt lebenden Lyriker Stefan George, geboren in Büdesheim bei Bingen, den gegenu>irtig bedeutendsten d-ssischen Erzähler Alfred Bock. die Romanschriftstellerinnen Helene Christa Her und Anna von Krane, endlich den feinsinnigen Preten Albert H. Rausch
Hoffentlich waren wenigstens auf der Ausstellung die Werke dieser Dichter von Rang und Rus vertreten, ohne die ein erschöpfendes Bild -der hessischen Literatur gar nicht gedacht werden kann. l.
Handel.
Frankfurt o. M„ 4. Zuni. Dörsen- stimmungsbild. Da die Devisen eine schvä» cheoe Tendenz bekunden, trat im Zusammenhang hiermit an den Effektenmärkten größere Zurückhaltung ein. Das Hauptinteresse konzentrierte sich auf Industrieaktien. Am Montanaktienmarkt lagen bei eiste r Rotiz Phönix, Caro, Oberbedarf im Angebot. Deutsch-Luxemburger büßten 30000 Prozent ein. Elektrizitätsaktien wiesen größtenteils größere Kurseinbußen auf, Schlickert gaben 25 000 Prozent nach Mischinenfabrikaktien nicht ganz einheitlich. Bevorzugt Daimler und Dingler- Maschinen. Hirsch Kupfer begehrter. Wesentlich fester lagen ferner Zuckeraktien. Zellstoff Wald- Hof begehrt. Kurssteigerungen wiesen Rorddeul- scher Lloyd und Hapag auf. Oefterreichische Kredit abgcschwächt, vernachlässigt: auch lagen heimische Banken vorwiegend vernachlässigt. Der Markt der chemischen Werte ließ ebenfalls Abschwächungen ber Kurse erkennen. Anilinwerte feilten durchschnittlich 4000 Proz. niedriger ein. Schrideanstalt bei erster Rotiz angeboren. Eisen- äxrf Maier matt. Sehr gesucht find Albert- Werle, Spiegel und Spiegelglas. Im Freiverkehr Benz 90 000, Mez Söhne 35 000, Deutsche Petroleum 175 000, Api 90 000, Becker Stahl 86 000, Ufa 43 000, Bauxitwerke ca. 3500. Drowag 2300 Karstadt 9500. Am Rentenmartt hatten Zolltürken, Bagdad II Anatolier, Gvldrumänen schwächere Tendenz. Schuhgebietsanleihe 17 000. Dollarschatzanwrisungen 74 500. Dollarnoten mit 77 500 bis 78 000 bis 77 000 genannt.
Berlin, 4. Zuni. D ö r s e n st i m mu n g s- bild. Auf Gerüchte von einer schärferen Durchführung der Devisenordnung schwächten sich schon am Vormittag die Devisen ab, und an den Mittagsbörse setzte sich die Abivärtsbewegung in lseinem Umfange fort Daraufhin wurde das Vertrauen in eine weitere Aufwartsbcwegung am Effektenmartt erschüttert. Die S?elu'aticm zeigte eher Reiguna zu Gewinnrealisierungen, zumal auch englische Pressestimmen dahin gedeutet wurden, daß England tatkräftiger für eine erträgliche Lösung der ReparationSfrage sich einfetzea werde. Am empfindlichsten kamen diese Ei-iftüsse am Monlannmrkt zur Auswirkung, indem dort Kursrückgänge bis etwa 50 000 eintraten Auch Kali- und Maschinenfabrikaktien, wie überhaupt sämtliche in der festen Woche hauptsächlich von der Spekulation in die Höhe getriebenen Werte gingen namhaft zurück: da.jegen konnten von chemischen Papieren einzeln? sich sogar im Kurie bessern, so Anglo-Guano, Badische Anilin, Chemische Heyden. Z. D. Riedel und Elberfelder Farben, während andere, wie Scheidemantel bis zu 35 000 einbüßttn. Scbiffahcts- und Bankaktien zeigten gleichfalls rückläufige Tendenz. Valutapaviere stellten sich Im Einklang mit der Devisenabschwächung mäßig niedriger. Bemerkenswert war die Feftigleit der deutschen Anleihen. 3proz. Reichsanlcihe stieg von 8002 auf 9750. Die Haltung am Effektenmärkte war später allgemein unregelmäßig, doch trat Widerstandsfähigkeit hervor. i?a vielfach eine pessimistische Anschauung bezüglich der politischen Entwicklung die Oberhand gewann.
Märkte.
Berliner Prodnktenmarkt.
Berlin. 4. Zuni. Produkten markt. Die leichte Abschwächung der Devisenpreise ver- uriachte am PrvLultenmarkt eene Zurückhaltung. Die Preissorderungen zeigten etwas mehr Entgegenkommen und die mäßigen äimsätze wurden insvkgedessen zil etlixi3 niedrigeren Preisen getätigt. Gerste wvr in gutem Material gesucht, aber wenig zu haben. Hafer konnte zu den Pveis- frLeerungen nicht muer gebracht irerden, da die Fourogehäudler sich voraus versorgt haben. Rlais fch.rachte sich bei stillem Geschäft etwas ab. Mehl hatte ruhigeren Verkehr. Es notierten: Weizen, märtischeu. 133000 bis 135 020 Mk. (matt), Roggen, märkischen 112 000 Mk. (matt). Sommergerste 92 000 bis 96 000 (schwächer) Hafer, märkischen 90 000 bis 92 000 Mk. (schwächer), Hafer,
pommerfchen. 90 000 bis 91 000 ML (schwächer!. Mais. Ca Plata. loco Berlin, 102 000 bis 103 000 Mark, lvcv Hamburg. 102 000 bis 103 000 Mk. (matt), Weizenmehl (1ÖD Klg.) 370 000 bis 410 000 Mark (matter), Roggen mehl (100 Klg ) 300 000 bis 335 000 Mk. (matter), Weizenkleie, ab Abladestation, 57 000 bis 56 000 Mk. (matter), Roggen- kleie, ab Abladestaiion. 57 000 bis 58 000 Mk. (matter), Raps 240 000 Mk. (matter), Leinsaat 245 000 Mk. (behauptet), Viktoriaerbsen 135 000 bis 145 000 Mk._ Kleine Erbsen 100 020 biB 105 000 Mark, Futtererbsen 90000 Ml., Peluschie.r 105 020 bis 110000 Mk.. Ackerbohnen 85 002 bis 95 000 Mark, Wicken 110 000 bis 125 000 Mk., Lupinen, blau, 120 000 bis 125 000 Mk.. Lupine.r, gelb, 140 000 bis 150 000 MI., Seradella. alt, 230 000 bis 240 000 Mk., Rapskuchen 89 002 bis 90 000 Mark, Leutkuchen 140 020 bis 145 002 Mk., Trok- kenschnihel 350 000 Mk. Rauhsutter: Weizen- und Roggenstroh, drahtgeb, 26 002 bis 28 000 Mk., Hasexstroh. drahtgepreßt, 23 002 27 020 Mk.,
Stroh. sttohseilgevünLelt, 24 002 dis 26 000 Mk.» Wiesenheu, gut. gesund and trocken, Dormahd 25 500 bis 26 500 Mk., Rachmahd 21 000 bis 23 500 Mk. (Srweit fein anderes Gewicht genannt, verstehen sich di« Preise pro 50 Klg.)
Frankfurter Getreidebörse.
♦ Frankfurt a. M., 4. Zuni Infolge der Devisenbewrgung wickelt sich das Geschäft ruhiger ab. Für alle Getreidearten, besonders für Weizen und Roggen, mußten höhere Preise bewilligt werden. Dl« Mühlen treten stärker als Käufer auf, da die Rachfrage nach Mehl anhält. Hafer unc Mais ruhig. Gerste findet mehr Beachtung. Hülsenfrüchte fest. Futtermittel zogen im Preise "an. Es notierten je 102 Kg.: Weizen 250 002 bis 262 000 Mk., Roggen 220 000-225 C00 Mk.. Som- mergerste für Brauzwecke 205 003—215 020 Mk., Weizenmehl, südd. Spezial 0 420 020—53 002 Mk. bei Waggondezug ab QKüblenftation. Roggenmehl 300 000—350 000 Mk., Weizen- und Roggenkleie 105 000—115 000 Mk., Erbsen je nach Qual, für Speifczwecke 250 000-280 000 Mk., Heu, südd., gut. gesund, trocken 75—80 000 Mk., Stroh von Weizen und Roggen, drahtgeprrht 65—70 000 Mk. Tendenz stetig.
Börsenkurse.
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Dentsche BereinSbank. 11000,-1>>500 - , DiScoino Coiiimandtt 49 >00 -.,100).- 48500 -50250.- MeiaUbnnk........130000,-110 KW)-
Mitteideni. Ereditbanl2',-00-24»00 - 2477)0,-24000 - Critcrr. Credimnstalt 71000, ■ 71000,-72000,- 73uOO,-
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vi-ubneHimetit...... 73000-—76000,— —.— —
Meauin -,-10tXXX),-9:5000.-90000,-
MetaUgei. .^ranffim . . 130000,-158000,-
^chul'sabrik Herz . . .24000,— LXXX).- —
Sichet 7,5000.— 52000,- -,-
.■'e:*rmff Wnkdirv' . . . .77000 - 67O7X),-79000,-6950a- Zu.':e-.-.^lir.Zra'ckentbal 43000,— 42u0d- —
?, 11 (ter•' >briraa3aufei 46000 — 44800,- —,— —,—
Frankfurter Dedisemaartt.
(Telegraphische AaSzahluag.)
Datum
4413,9.5
41^’JiO
4907.70
13590.95
11471,25
3538.60
5213,- 143'50 80 1254W.75
3784.45
36» »75, 5187
14.MI20
12269.25
3765^>5
13659.0 5
11528,75
3556.40
2. Zuni Nmtl. Boilern Brief
Antw.'BrüsteI Holland. ..
Vonbon . .. Pari» ... Echrvei,. . . Eranien. . Zialien .... pisjaboN'Ooott, Dänemark. . . ‘Ji oriueoen. . Schweben . . <?eh1nfliot3.
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Teinsch-Oesterr. Budapei». . .
Prag
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4. Juni WmtL tstolierg. (MpId Brie' 4164.55 41^.45
4413,95 4436,05 ------
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370925,- 352117,50 SXJK-CWO
1476",-
14387,-
13965-
14035.-
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Das Moselhaus.
Roman von Luise Schulze-Brück.
45. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)
Frau Eva mußt« doch beuten, wie recht Arnolds hatte, als er meinte, c3 würde gut für ihren Bruder sein, wenn er vor einem Muß stehe.
Sie sah ihn an. Wahrhaftig, er sah schon wie- der recht vergnügt aus, u ib i.i seinen Augen war so e^was wie feste Entschlosse.iheit. Der Druck, der diese Tage auf ihr gelegen hatte, wich plötzlich und machte einer fröhlichen Zuversicht Platz. Alles würde gut werden, und alles würde für ihn gut. ,
Zm Mvselhaus war der ®iiuug der Gäste wirklich gefcmmen: Verwandte sechsten bis sechzehnten Grades Das Auseinanderhaspeln dieser Verwaudtschaftsfade:! machte sogar Tante Röschen Mühe. Eine Cousine oder Tante mit zwei Töchtern in Clisabelds Alter, die den ganzen Tag wie Kletten an ihr hingen, wilde Mädchen, die die waghalsigsten Sireich« machten, eigentlich noch halbe Kinder: ein Detter, dec natürlich der hübschen Cousine die Kur schnitt' ein uralter Onkel der den ganzen Tag mit Tanke Röschcn und der anderen Tante Familienverhältnisfe besprach und dazwischen unheimliche Mengen von Speisen und Getränken zu sich nahm.
Die Fremdenzimmer des alten Hauses waren olle besetzt, jeder Lag brachte irgendeine Ab- wschslung. Meist wurde die Gesellschaft noch vergrößert durch Besuch aus der Umgegend.
Auch Amtsrichter Kastenholz kam öfters und
versuchte bei Frar Eva Derständ'.is für seinen Schmerz um Lischt Thouoenin zu finden. Dsn dieser war eine Karte an Eva gekommen, eine richtige Ansichtskarte, auf der ganz in der Ecke gekritzelt war: ^Verzeihen Sie mir." Eoa mußte lächeln. Diese Bitte um Verzeihung auf einer Ans.chtskarte, das sah Llschi Lhouvenin ähnlich. Sie mochte nicht gern an das Begebnis damals auf dem Bahnhof in Traben denken, und wenn sie daran Lachte, so wurde sie jedesmal heiß and verwirrt. Wozu konnte es führen, über solche Dinge zu grübeln, zumal jetzt, wo es soviel anderes gab, das sie in Anspruch nahm.
Das gesellig« Treiben im Mofelhaus ließ Hans Dietrich und Elisabeth viel weniger Zeit zum Alleinsein als früher Aus allen Ausflügen war die Gesellschaft so groß, daß daran kaum au denken war Hans Dietrich wurde von ten jungen Mädchen als eine ..wertvolle Akquisition" betrachtet und viel in Anspruch genommen. Es war mertwürdig, mit wie guter Miene er sich fügte.
Bürgermeister Arnolds hatte mit ein paar Worten und einem träftigen Händedruck Hans Dietrichs Bereitwilligkeit, seinem Wunsche nachzukommen. Quittiert, unb so hatte sich ein ganz leidliches Verhältnis zwischen den beid-.m gemacht. Elisabeth wußte nun auch, daß Hans Dietrich beabsichtige. nach seinem Gramen an die Mosel zu kommen. Manchmal sprach Frau Eoa mit ihr darüber. Elisabeth ging freilich aus ihrer Zurückhaltung nicht viel heraus, aber ihre Augen sagten mehr als ihr Mund.
Frau Eva und der Bürgermeister waren rum auch nicht mehr soviel u.ib ausschließlich zusammen, als in fcen Tagen der Desuchslosigkeit. Aber wenn sie auf einem Ausflug« oder beim Zu
sammensein im Moselhause auch weit voneinander getrennt waren, so genügte es, wenn ein Blick hinüber und herüber Eva sagte, daß Arnolds mitten in der angeregtesten Unterhaltung doch immer wieder einen Augenblick für sie hatte
Ihre Gedanken beschäftigten sich jetzt sehr viel mit ihm. Eigentlich fast immer. Manchmal konnte sie fast erstaunt au 3 diesem Rachdenken auffahren, versuchen, ihr Znteresfe auf anderes zu richten, ümfonft, immer wieder kehrte eS zu d-nn Manne zurück, der doch «t^entlich so wenig von dem an sich hatte, was sie früher als interessant bezeichnet haben würde. Oft genug gerieten sie in Moinungs- versch «denheiren und prallten ziemlich hart aufeinander. Keins wollte dann nachgeben, keins von ferner hartnäckig verteidigten Ansicht lassen. Aber Eva merkte, bau fie im Grunde doch fast immer diejenige war, die sich zum Schlüsse zu der feimgen bekehrte.
Sie waren. nun schon über zwei Monate an der Mosel, für Hans Meirich wurde eS Zeit, nach Berlin zurückzukehren, wenn er die unterbrochenen Examenarbeiten wieder aufnehmen wollte.
Mit einem schweren bangen Gefühl dachte Frau Eva an die Abreise. Sie empfand sie wie eine Trennung von etwas, was ihr unendlich lieb geworden war. eine öde Empfindung der Leere senkte sich aus sie, wie eine Wolke: dasselbe Gefühl, betä fie in der letzten Zeit in Berlin so oft ergriffen hatte, nur um vieles ftarfer und trüber. Dann war es ihr, als müsse fie jeden Tag, jebe Stunde hier stärker auskosten und genießen. Und wenn fie sich dann ernstlich fragte, was sie hier so fefthalte, dann kam sie niemals dazu, sich die Antwort darauf zu geben und hatte vor sich selbst hundert Ausflüchte, hundert Bemäntelungen.
Der September kam heran: in diesem gesegneten Tal und in diesem gesegneten Sommer freilich noch ebenso warm wie der August. Rur leichte Morgennebel, die dem Moseltal noch größeren Reiz verliehen, ließen den kommenden Herbst ahnen. Die Abende waren länger, aber darum desto schöner. Wenn die heitere Gesellschaft von weiten Spaziergängen zurückkam. von Kafmfahrten oder Waldpicknicks, so war es doppelt schön, nach dem früheren Sonnenuntergang noch durch die Abenddämmerung zu gehen, wenn die Mosel sich langsam aus der farbigen Beleuchtung der unter« gehenden Sonne in dämmeriges Grau wandelte, nenn weiße Dünste auf stiegen und wie fpielend hm und her zogen, und ein Stern nach dem anderen aufblihte.
Bei solcher Heimkehr ging Frau Eva ge« n.ähnlich mit Arnolds. Dann hatten sie keine Mei- nungsverschiedenheiten, dann verstanden sie sich in jedem Wort. Wenn Frau Eva müde wurde, und er ihr den Arm bot, ging fie neben ihm. In einem Oefühl sicherer Geborgenheit, das fr köstlich war. wie sie noch keins gelaunt hatte.
Kam fie dann beim, so faß sie noch lange träu» merifch auf, bis sie jäh der Gedanke durchzuckte, daß dies nun alles bald zu Ende fein werde, daß fie es aus ihrem Leben weglöschen mußte und vergessen, f viel als möglich Manchmal sagte sie sich, daß fie wie ein« Schlafwandlerin fei, die von einem einzigen Wort auf wachen könne: sie selber kante das Wort sprechen, aber fie bebte davor zurück. Oft, wenn Hans Dietrich allein nach dem MvselhauS gegangen war, saß sie im Garten des Rebstock unter dem Außbaum, von wo aus sie den freien Blick moselaufwärts hatte.
(Fortsetzung folgt.)


