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Samstag, 5. Mai 1925

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Nr. 105 Zweites Blatt

Deutscher Reichstag.

346. Sitzung.

Berlin. 4. Mat.

Stuf der Tagesordnung steht die Fortsetzung der zweiten Beratung des Gesetzentwurfes auf verschärften Dersommlungsschutz. GZ handelt sich mit noch um die Abstimmungen, die vor der Sitzungspause durch die Opposition der Sozialdemokraten unmöglich gemacht worden waren, inzwischen ist eine Verständigung zwischen den Sozialdemokraten einerseits und der bürgerlichen Arbeitsgemeinschaft anderseits zu­stande gekommen. Sämtliche Anträge auf namentliche Abstimmung wurden zurückgezogen.

Abg. Brodaus (Dem.) erklärt, die Demo­kraten und das Zentrum würden für den Mil- benmg&mtmg der Sozia ldenrv traten stimmen, um sich den Weg zu ebnen für die An­nahme de« inzwischen vereinbarten Kompro- mihantvaiges in der dritten Lesung. Dar­auf wird der sozialdemokratische Antrag gegen die Rechte angenommen, und der Konrpromiß- antrag der Arbeitsgemeinschaft gegen die Stirn- men der Linken. Der Entwurf selbst gelangt schließlich gegen die Sozialdemokraten und Kom­munisten in folgender Fassung zur Annahme'. »Wer nicht verbotene Versammlungen, Ausflüge oder Kundgebungen mit Gewalt oder durch Be­drohung mit einem Verbrechen verhindert oder sprengt, wird mit Gefängnis, neben dem auf Geldstrafe erkannt werden kann, bestraft."

Sodann wird die zweite Beratung des Etats des Reichsarbeitsmini st eriums fort­gesetzt.

Abg. Andrö (Z.) erklärt, die Sozialpolitik dürfe nicht zur Abtötung des Familiensinnes führen. Der Redner dankt unter dem Beifall des Dauses den Gewerkschaften für ihre Haltung im Ruhrkonflikt. Der passive Widerstand müsse dort mit allen Kräften fortgesetzt werden. Unter lebhaf­tem Protest bet Linken erklärt der Redner Aus­nahmen vom Achtstundentag für notwendig und spricht die Befürchtung aus, bah wir in der Wöchnerinnenfürsorge vielleicht schon zu weit ge­gangen seien. Redner fordert Abbau der Dersor- gungsbehörden und Kürzung des Beittages für ba$ Internationale Arbeitsamt.

Abg. Thiel (D.Dp.) verlangt gröbere Für­sorge für die Kriegsbeschädigten und weitere Maßnahmen für die Kleinrentner. Der Redner be­grübt die zwischen den Aerzten und Krankenkassen erzielte Verständigung, warnt vor der Sozialisie­rung der Aerzteschaft und lehnt die Zentralisie­rung in der Sozialversicherung ab.

Abg. Schürmann (D. Dp.) fordert beim Abbau der Versorgungsämtsr gebührende Rück- sichtnahme auf die Kriegsbeschädigten, empfiehlt einen Antrag auf Einführung von Kleinaktien für Arbeiter und Angestellte und verlangt energisches Vorgehen gegen die Devisenhamster. Da die Löhne weit hinter der Preissteigerung zurückgeblieben seien, dürfte zur Zeit nicht mehr von einer! Lohnstabilisierung gesprochen werden.

Reichsarbeitsminister Dr. Brauns: 3n der Ülnsallversicherung wird die Abfindung der Klein­rentner vorbereitet. Den Anträgen auf Austritt aus dem Internationalen Arbeitsamt müssen wir aus Innen- und aubenpolitischen Gründen ent- gegenttelen. Das Arbeitsgerichtsgeseh wird dem Reichstag demnächst zugeh«r Er wolle die sozial­politische Gesetzgebung möglichst vereinfachen, könne aber unmöglich alle Gesetze zusammenw^fen. Die Löhne können nicht mechanisch einem Index an- gepaht werden. Wir lassen den Schiedsstellen ihre Selbständigkeit, müssen aber das Recht haben, ihnen gewisse Informationen zu geben. Der Mi­nister hält eine Denkschrift über das Kleinaktten- wesen nicht für notwendig und erklärt, bab er an den Grundsätzen unserer Soziapolitik festhalten werde und die Rechtsstellung, die sich die Arbeiter in Staat und Wirtschaft errungen haben, als un­antastbar betrachte

Abg. Mal Hahn (Komm.) nennt das Ver­halten des Ministers gegenüber den Kommunisten eine Provokation. Wenn der Abg. Andr6 seinen Dortraa vor der Ruhrarbeiterschaft gehalten hätte wäre ihm von der oppositionellen Arbeiterschaft eine kräftige Mabnahme zuteil geworden. (Zuruf: Wie Euch im Landtag!)

Damit schlieht die allgemeine Aussprache. Das Gehalt des Ministers toirb gegen die Stimmen der Kommunisten bewilligt.

Gegen 7 iU>r abends wird die Ginzelberatung auf Samstag nachmittag 2 -iUjr vertagt.

Hessischer Landtag.

4 6. Sitzung. (Schluß) St. Darmstadt, 3. Mai. Die Steuerdebatte

wird dann fortgesetzt. Abg. Glaser (Dbd.) nimmt die Landwirte gegen den Dorwurf des Abg. Lux in Schuh, bab sie besonders starke Steuer- Verweigerer seien. Das Finanzministerium mache pflichtgemäh Stichproben nnb prüfe die Steuer­erklärungen genaueste.is nach. Falsche Angaben werden natürlich bestraft. Falsche Angaben wer­den aber nicht nur von Landwirten, sondern von allen Derufsgruppen gemacht. Redner bespricht dann ebenfalls eine Reihe von Einzelfragen steuer­licher Art. Die vom Abg. Lux angeführtenSondec- fälle werden von seiner Parlei nicht in Schuh ge­nommen. Das Finanzamt sei dazu da, sie nach­zuprüfen.

Abg. Hahn (D. Dp.): Die Angaben des Kol­legen Lux farm man nicht sofort auf ihre Richtig­keit nachprüfen. Doch kann es tatsächlich vorge­kommen sein, bab Landwirte mit Großbesitz im Iahce 1920 mit LInterbilanz gearbeitet haben und steuerfrei bleiben mubtcn. Der Redner führt dann eine ganze Reihe solcher Fälle an und nimmt ebenfalls die Landwirte gegen den Vorwurf der Steuerdrückebergerei in Schuh.

Abg. Blank (Ztr.): Wenn es zutrifft, was von links immer behauptet wird, bab die Land­wirte, besonders auch die Weinbauern, so grobe Einnahmen haben, bab sie Geld auf Geld häufen können, so frage ich boch, wie kommt es beim, bab die Weinbaubvmäne so grobe Fehlbeträge hat. So wie ber Domäne geht es auch ben Land­wirten. Herr Lux hat eine Reihe von Fällen an­geführt, zwar ohne Ramen zu nennen, aber boch so, bab jeder in dem bett. Kreis toeib, wer ge­meint ist. Wo bleibt da die Wahrung des Amts­geheimnisse. Die Bauern werden mit Recht ver­langen, bab Herr Lux aus bem Steuerausschub herauskommt. (Sehr richtig! Anruhe unb Wiber- spruch.) Die Mehrzahl ber angeführten Fälle ist durchaus flar. Man kann sehr wohl einen groben Besitz haben unb mit Anterbilanz arbeiten. Steuerhinterziehung kommt sicher bei Canbtoirten nicht mehr vor, wie wo anbers. Mit bem Aus­spielen der kleinen Landwirte gegen die groben werden Sie (zur Anken) kein Glück haben.

Abg. Ebner (K.P. D.): Es kann nicht ge­leugnet werden, bab bie Lohn- unb Gehalts­empfänger schärfer unb sicherer zur Steuer heran­gezogen werden, als die Landwirte. Herr Brauer selbst hat das einmal zugegeben. Ein Arbeiter und Angestellter kann sein Einkommen eben nicht ver­schleiern. Der Redner macht bann eine Anzahl Einkommensberechnungen für Canbtoirte aus. Steuerbrückeberger gibt es nicht nur bei Land­wirten, sondern auch bei Industrie-, Börsen- unb Kohlenbaronen, ganz gleich, ob sie gerade ober krumme Rasen haben. (Heiterkeit.)

Abg. Dr. Müller (Dbb.) weist die Rech- nungen Ebners zurück. Wenn Ebner noch nicht einmal gelernt habe, zwischen Roheinnahmen und Rettoetnnahmen zu unterscheiben, so entspricht bas ganz ferner politischen Reife. (Ebner: Sie abge« leg ter Vizepräsident! Unruhe. Heiterkeit.) Im übrigen sind die Ausführungen der Vorredner, soweit sie die Lohnempfänger mit dem zehnprv- zentigen Steuerabzug in Gegensatz stellen zu ben Lanbwirten, rein hetzerischer Statur. Die von Herrn Lux angeführten Sonderfälle dürfen nicht verallgemeinert werben. An ben unklaren Steuer- gesehen sind die Landwirte nicht schuld.

Finan'minister Henrich: Als g nammtnifter habe ich im Grunde genommen nur Inteoessy daran, bab bas Lanb bei ber Steuerzahlung nicht zu kurz kommt Ich fürchte fast, bab ber Steuer­er trag für 1922 etwas mager ausfallen wirb. Im übrigen möchte ich hier nur auf Tatsachen ein­gehen. Die Verhältnisse des Finanzamtes Seligen­stadt werben nach Kräften gebe'feri werden. Die Folgen ber nicht rechtzeitigen Steuererklärungen sind burch Reichsgeseh bestimmt. Ebenso bie De- freiungsmöglichkeiten. Auch bie Derwe düng des Ausgleichsstockes ist im Grunde an bie Reichs- finanzgesehe gebunben. Wir können unsere Lan- besgesehe nicht änbern, ehe bie Reichsgesetze nicht geändert flnb. Im übrigen ist eine Kommission gebilbet.worben, die über die Vert:ilung des Aus- gleichsfonbs mitberaten soll. Die Brrdung ber Kommission war sehr schwer unb zeitraubend, da keine Stadt zurücktreten wollte. Der Redner ver­breitet sich Dann gleichfalls über steuertechnifche Fragen und gibt Vergleiche mit anderen Län­dern, wie Baden. Bayern, Württemberg. Die Länder sind verpflichtet, ihre Steuerquellen richtig

Das Moselhaus.

Roman von Luise Schulze-Brück.

21. Fortsetzung. (Rachdruct verboten.)

Frau Eva schwieg beklommen. Wahrhaftig, Aßmussens .Reue Märschen" unb »Wir Wissen­den" lagen unter ihrem Reisegepäcks nein, eine Tat waren sie wohl nicht.

.Aber hat es nicht zu allen Zeiten Träumer gegeben, Stimmungsmenschen, feine, zarte Seelen, Die ben leisesten H«:zschlag ihrer Zeit belauschten?"'

Bürgermeister Arnolds lächelte: .... die wtt robuste Kraftmenschen nicht verstehen, nicht wahr? Aber, gnädige Frau, Hand aufs Herz, sieht so ein unbewußter Träumer aus, ein Stim­mungsmensch, eine ferne Seele?"

Richt weit von ihnen auf einem Felsblocke saß Christian Reidhardt Ah müssen, ©ein Kinn grub 1 ich in den überhohen Stehkragen ein, die Hand mit bem Pharaonengrabrrng beutete mit langen Fingern in bie Luft. Mercedes Wells - heim stand vor ihm, hörte mit andächtigem Lau­schen zu. und hatte sich so gewendet, daß Ahmussen chr fernes nervöses Profll bestens studieren konnte. Unb nun strich Aßnuissen baS Haar aus ber Stirn zurück, langsam, mit einer müden Feierlichkeit, als begehe er eine religiöse Zeremonie Wie gut kannte Frau Eva diese Bewegung, wie gar zu gut!

Unb von solchen Ahmussen sollen uns neue Offenbarungen kommen? Sie sollen das Alte, Große, Gute, was sie in bie Rumpelkammer wer­fen möchten, burch ein Reues, Höheres, Größeres ersehen? Ach, verehrte Frau, es wäre traurig um uns bestellt, wenn wir barauf warten müßten. Es ist schon traurig genug, baß so manches ihrer Machwerke in bie blöde Masse gelangt, bah unsere

Frauen unb Töchter und unsere unreifen Sohne diese Offenbarungen vor Augen bekommen. Müß­ten nicht unserer Zeit Dichter unb Sänger stark sein und märmlich, frei unb kühn unb stolz, unb die Kraft haben zum Höchsten unb Tiefsten?"

Unb so leugnen Sie alle Berechtigung, alle Rotwendigkeit dieser neuen Kunst?"

»Wie könnte nnb dürfte ich das? Mag sein, daß wir Reues brauchen, daß Reues kommen muh, daß in einer neuen Zeit für jene, die mitten in ihrem Strudel treiben, eine neue Kunst nötig ift Ich kann bas nicht beurteilen, vermesse mich dessen auch nicht. Rur sollen Sie uns nicht weismachen. baß biefe er zeigte auf Ahmussenihre Desinger unb Jünger sein werden, und daß das, was wtt von ihren Werker sehen, diese neue Kunst sei, großer als alles, was bis jetzt da war."

Sie waren ben schattigen Weg hinan gestiegen, immer an der plätschernden Eltz vorbei, bie in bem engen Tal eben noch Raum fand, um sich burchzuzwängen. Run schoben sich bie Berge aus­einander, traten nach der Seite zurück.

Bürgermeister Arnolds strich sich über bie Stirn, bann lachte er:Verzeihen Sie, gnädige Frau! Wir Landsleute, wir aus berblöden Masse" unterfangen uns, über solche Dinge zu urteilen. Mich hat nur bas Urteil biesesneuen Menschen" über unsere Mosel so rabiat gemacht. Verletzte Heimatliebe, verletzte Eitelkeit. Unb nun kommt gleich wieder solch ein grober Effekt ber Ratur, solch eine brutale Äuliffenbeforation!

Er hielt sachte ihren Arm zurück.Ditte, lassen Eie Herrn Ahmussen vorangehen, es ge­lüftet mich gar nicht, zu hören, was er jetzt zu sagen hat. Lieber seh' ich schon auf Sie unb freue mich, daß Sie boch nicht ganz desselben Geistes Kind ftnb.

Frau Eva schaute auf. Sie war gesenkten

auszuschöpfen, sonst versagt bas Reich die evtl, nötige finanzielle Hilfe.

Abg. Lux (Soz.) ergänzt seine Ausführungen durch Darlegung einer Reihe weiterer, ihm delann- ter Fälle von merkwürdigen Steuererklärungen von Landwirten unb verwahrt sich^agegen, daß er einseitig ixt allgemeiner! habe ©eine Angaben seien burch bie Dorrebner hi teiner Weise wider­legt. Er habe auch keineswegs das Amtsgeheimnis verletzt. Was er getan habe, sei nach ber Reichs- abgabenorbnung zu ä'fig. Die Wcintaudomäne zum Dergleich heranzuziehen, sei nicht angängig. Alle gegenteiligen Behauptungen können nicht bie Tatsache aus ber Wett schaffen, bah bie Land­wirte bei gleichem Einkommen weniger Steuern zahlen als die Lohn- unb Gehaltsempfänger .

Abg. Fenchel (Bbd.) kritisiert scharf bie mißlichen Verhältnisse bei ben einzelnen Finanz­ämtern. Es sei schwer, richtige Steuererklärungen abzugeben bei bem komplizierten System.

Damit schlieht bie Debatte. Die Abstimmung wirb zurückgestelll.

Rächste Sitzung Freitag 9 Uhr Erster Gegen- ftanb LanbestHeater. Schluh 3/42 Uhr.

Aus Hessen.

Zmn Gesetzentwurf über die Forstverwallung in Hessen.

Man schreibt uns:

Die Dertreter von 66 waldbesihenben Gemeinben ber Provinz Ober Hessen haben am 30. April In einer Sitzung in Gießen zu bem neuen Gesetzentwurf über bie Forstver­waltung im Volksstaat Hessen Stellung genommen unb hierbei folgenbe einstimmige Entschließung gefaßt:

Die Gemeinden stehen auf dem Standpunkt, bafj. bie Neuerungen, bie das Gesetz dem Ge­meinde Wald bringt, keine Verbesserungen be­deuten.

Insbesondere muß das den Gemeinden zu- gedachte Derkaufsrecht dem bäuerlichen Privat- tralb gegenüber abgelehnt werden, denn es wird den Gemeinden bei ihrer jetzigen Finanzlage keine Vergrößerung des ®emelitfceaxiIbed biiigen, son­dern zum Auskauf des kleinen Privatwaldes durch den Staat sühren. Wenn bas vorgesehene Ver­lauf srecht des Art. 18 Gesetz werden soll, müssen bie Gemeinden auch bem StaatSwalbe gegenüber ein Derkaussrecht beanspruchen.

Der Beirat zur Verwaltung des Gemeinds- walbes bei ber Regierung ist in ber vorgeschlage- nen Form deshalb unannehmbar, weil er nur dazu sührt, bie Lohnpolitik ber Gemeinden für alle Zeit an bie staatliche Lohnpolitik zu binden. Die Gemeinden sehen hierin eine Einschränkung ihres Selbstverwaltungsrechts, denn die Gemein­den- und Staatsinteressen sind nicht immer gleich­laufend.

Es muh abgelehnt werden, dah die Staats- forstverwaltung die Anordnungen über die Aus­formung des Holzes unb bie Aufarbeitung ber Rebennuhungen trifft. Die Gemeinden müssen hier unbedingt wie seither ausschliehlich bestimmen können.

Die Schaffung des Forstbetti^bsstocks muh gleichfalls ber freien Entschließung ber Gemeinben Vorbehalten bleiben, vielfach wirb er in ber vor­gesehenen Form zu einer Zwangsverwaltung eines Teils bes Gemeinbevermögens führen, bie für bie Gemeinden eine unerträgliche Belastung be­deutet. Die Ziele, die bas Gesetz bezüglich des seitherigen Privatwaldes 2. Klasse verfolgt, wer­den im Interesse ber bäuerlichen Besitzer bieses Waldes abgelehnt.

Aufgabe bes Staates ist es, bie Wirtschaft im Privatwalb 2. Klasse zu heben, nicht aber ihn aufzusaugen unb in Zwangsgenossenschaften zu- sammenzufassen, ohne irgend etwas zu seiner Wirt- schriftlichen Förderung zu tun.

Der unbedingte Wunsch der Gemeinden, bei einer gewissen Flächengröhe des Gemeinde Waldes eigene Gemeindeoberförster anstellen zu können, wirb ber Regierung hiermit zur Kenntnis ge­bracht.

Anzeigen-Annahme.

Die Entgegennahme von Anzeigen findet bis zum Abend vor dem Aufnahmelag statt; An­zeigen für die Samstagsnummer müssen spä­testens bis Freitag mittag aufgegeben sein.

Geschäftszeit

von 812V» Ahr und von 25V2 Ahr.

Aus Stabt unb Land.

Gießen, den 5. Mai 1923.

Mitbürger, schützt den Wald und die Anlage»!

Das wunderbare Wetter ber letzten Tage hat den großen Garten bes Herrn zur herrlichsten Entfaltung gebracht. In tiefer Freude an bem üppigen Grünen unb Sprießen und bem lieb­lichen Duften wandeln Hunderte allabendlich durch unsere schönen Anlagen, ober ziehen Tausende an den Sonntagen hinaus ins Freie, um sich an dem lieblichen Frühlings kleid ber Wälder unb Felder zu ergötzen unb zu stärken für bas mühevolle Werk bes Alltags.

Kaum hat bie Ratur ihr herrlich Gewand angetan, um ben Menschen Freude zu bereiten, muh man schon wieder mit Bebauern feststellen, dah manche Mitbürger unb Mitbürgerinnen in­sofern verständnislos inmitten der Früblingspracht stehen, bah sie an ihr Akte ber Gefühls­roheit begehen. Biele Menschen bringen es nicht fertig, bas frische Grün des Waldes und der Anlagen unberührt zu lassen, die faftigen Wiesen vor bem Draus rumtrampeln zu bewahren. Anstatt mit freubigem Herzen, aufnahmefrohen' Sinnen unb Hellem Blick selbstlos durch bie Ratur zu toanbern, sich an ihrer Schönheit zu er­freuen unb baran zu benken, bah sie auch für anbere ba ist, scheinen manche bie Ausflüge als eine Art Raubzüge gegen ben Wald, Erholungsaufenthalte in den Anlagen als willkom­mene .Gelegenheit zur'Detätigung unbe­schäftigter Kinberfinger an ben An­pf lanzu ngen anzusehen. In ben Waldungen werben nicht etwa nur Blumen gepflückt bie man übrigens auch nicht so sinnlos an sich nehmen sollte, um sie noch unterwegs schon toieber fortzuwerfen, weil man z u viel genommen hat, man reiht auch junge Triebe, ja sogar dünne Aeste ber Bäume ab unb wirft sie bann im Walbe wieder fort. Bei einem Spazier­gang burch bie ber Stabt am nächsten gelegenen} Waldbezirke mußten wir dieser Tage traurige Wahrnehmungen dieser Art machen. In ben städtischen Anlagen wirb teilweise ebenso wüst unb gedankenlos gehandelt. Sahen da, um nur e i n Beispiel aus mehreren Beobachtungen von Mih- bräuchen in den Anlagen zu erwähnen, am Don­nerstag nachmittag zwei Mütter in ben Anlagen in ber Rähe bes Stabttheaters und machten iljit Schwätzchen, während die Kinder sich vergnügten. Aber toomit? Sie machten sich einen Spaß daraus, bie benachbarten che zu attackieren, bie Zweige zu entblättern unb bas Grün herumzuwerfen, schwache Zweige samt ihrer Dlütenpracht abzu- reißen unb in den Sand zu fegen. Die Mütter aber richteten all ihr Sinnen unb Trachten nur auf ihren Schwatz, bis schließlich Passanten einen gerabe des Weges kommenden Polizei- bcamten zur Abstellung des üknfugs beftimmten. Die unverständigen Kinder mögen für ihr un- nühiges Treiben vielleicht Schläge bekommen ha­ben, aber wer bie Strafe eigentlich Ser­bien t bat; ist bem feinempfind«rden Leser sicher­lich nicht zweifelhaft. Aus anderen Beobachtungen kann man sogar ben Schluß ziehen, bah mit ge­räubertem jungen Grün und Dlütenztoeigen aus ben Anlagen von Kinbern gelegentlich auch mal Hanbel getrieben wirb. Menschen, die solche Ver­sündigungen am Walde und an ben Anlagen be­gehen ober dulden, dokumentieren damit, dah sie von echter Kultur herzlich wenig ihr eigen nennen, im Fühlen sowohl wie im Denken, dah ihre Bildung, bie sie äußerlich vielleicht bartui^ nur Firnis ist. Die Stadt gibt jährlich sehr er­hebliche Geldsummen für bie Unterhaltung und Pflege ber Anlagen aus, in ben Wald wird un­geheuer viel Aufwand an Kraft unb Geld gesteckt, wovon die Allgemeinheit boch auch großen Vor­teil hat. Es kann nicht für jebeß Dutzend Büsche oder für jedes halbe Hundert Bäume eine mit polizeilicher Gewalt ausgerüstete amtliche' Auf­sichtsperson bestellt werden. Vornehme Gesin­nung und Handlungsweise ber Bürgerschaft selbst muß vielmehr bem Wald unb ben An­lagen ein Schuh und Schirm fein, der sich mächtig entfalten muh. Jeder Mitbürger mit solcher Gesinnung möge sich den Schuh unseres Waldes und unserer Anlagen dringend angelegen fein lassen unb ünfugtreibenben unb Plünderern energisch auf die Finger unb evtl, noch wo andershin klopfen, baneben aber bie polizeiliche Bestrafung veranlassen, Wandernde mögen Selbst­beherrschung üben unb ben Wald ungeschoren, lassen, Promenierende in ben Anlagen Schi den hintanhalten. Rur diese Selbstzucht unb rücksichts­lose Energie gegen Schädlinge wird dazu führen, dah künftig der Wald und bie Anlagen nicht

Hauptes gegangen die letzten Minuten. Run sah sie fast verwirrt in bas Walbtal hinein, das sich vor ihr anstatt Ein tiefer Kessel mit steilen, fast senkrechten Wänden, dicht mit tiefgrünem Buchen­wald bestanden. Vor ihnen machte ber Weg eine scharfe Biegung.

Emen Augenblick," sagte Bürgermeister Ar­nolds.Bttte bleiben Eie einen Augenblick stehen und geben Sie mir bie Hand. So, nun schließen Sie die Augen fest. Ditte, blinzeln Sie nicht Ich führe Sie schon ganz sicher ein paar Schritte . . . Aas kommt Ihnen kindisch vor, nicht wahr? Aber Sie werden es nicht bereuen.

Evas Hand lag in einer großen, festen Männerhand, bie sie leitete. Ern wenig verwirrt folgte sie. Aber biefe Hand hielt die ihre so ruhig, so selbstverständlich, dah fie willig mit ging.

Zwei Dutzend Schritte vielleicht, bann kom­mandierte Arnolds:Aufgeschaut!"

Mit einem leisen Aufschrei des Erstaunens trat Eva einen Schritt zurück. Denn da erhob sich vor chr auf steilem, jäh aufsteigendem Felskegel, ber aus bem Grün ringsum grau unb trotzig aufwuchs, eine Burg eine Burg wie aus einem Märchen bahingestelll, schier himmelhoch aufge­baut mit Türmen unb Türmchen, mit Erkern unb Zinnen, mit Galerien und Altanen, Stockwerk auf Stockwerk getürmt. Unb ba fehlte fein Stein in den Mauern, kein Schiefer auf bem Dache, bie bleigefugten Scheiben der Fenster blinkten im Sonnenschein. Eine dünne bläuliche Rauchsäule stieg aus ber Esse auf, aber auch fie stand schein­bar unbeweglich in der Haren stillen Luft. So unbeweglich stand alles ringsum. Der grüne Dergwald rührte kein Blättchen, ber blaue Himmel war tote ein Glassturz getoölbt über einem Zauber bild.

Auch Eva stand ganz still, traute sich nicht.

sich zu rühren. Es schien ihr, als müsse das Märchenbild ba vor ihr versinken, wenn sie sich rege. Erst als auf der Zugbrücke bie weißen Kleider ber jungen Mädchen sichtbar wurden, und ihre Stimmen herüberklangen, war ber Zauber gestört.

Bürgermeister Arnolds hatte ihr lächelnd zu- geschautt Er sah auf dem Mauerabschluh der Drücke, die über bie Eltz führte

Run setzte fie sich neben ihn.Ein Märchen," sagte sie, tief aufatmend.Sttoaä so Unwirkliches! Roch immer meine ich wenn ich die Augen schließe und wieder offne, barm ist es fort!

»Ich bin neugierig, nachher au erfahren, was Ihr Kulturschafter hier empfunden hat." meinte Arnolds,vor diesem ÄnaHeffefi, ben Ratur und Menschen werk vereint hierher gezaubert haben. Aber bie Menschenhand vergißt man eigentlich hier ganz, nicht wahr?"

Frau Eva nickteDas ist ja wirklich tote ein Zauberschloß Unb tote seltsam still bas ist! Der Walb steht ba wie verhext."

Sehr natürlich zu erklären. Das enge Wald­tal ist so eingeschlossen, bah ber Winb gar nicht den Weg hierher findet Ebensowenig tote ihn seinerzeit die Franzosen gefunden haben, als sie an Rhein und Mosel sengten und brannten. Der Weg von der Mosel herauf, ben toir gekommen finb, ist erst seit wenigen Jahrzehnten erschlossen. Früher füllte bie Eltz die schmale Talsohle ganz aus. Erreichbar war die Burg bamals nur vom Maifeld her und auch von dort nur durch stunden­weite Wälder. Darum ist sie auch die emsige u. geplünderte im ganzen Rhernlanbe. Die jetzige Eltze hüten sie als kostbarsten Schatz. Die Ein­richtung Ist teiltoeife bie ursprüngliche, teilweise mit echten alten Stücken ergänzt.

(Fortsetzung folgt)