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(75. Jahrgang
Donnerstag, 5. April 1923
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
VrvS und Verlag: vrühl'sche Univerfilätr-Vuch- und Steindruckerei R. Lange in Gießen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schulstrahe 7.
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Die Verschlechterung des deutschen Außenhandels.
Für das Jahr 1922 veröffentlicht „Wirtschaft und Statistik nunmehr die deutschen AuhenhandelSziffern: Einfuhr 6,2 Milliarden Goldmark, Ausfuhr 4,0 Milliarden Goldmark.
Zieht man aum Vergleich die entsprechenden Zahlen für oaS Zahr 1913 heran (Einfuhr 11,2 Milliarden Goldmark, Ausfuhr 10,2 Milliarden Gvldmark), so ergibt sich, daß die Einfuhr um 45 v. H., die Ausfuhr dagegen um 60 v. S>. gegen früher zurückgeblieben ist. Diese Zahlen geben ein Bild davon, wie stark die deutsche Volkswirtschaft durch die Folgen des „Friedens" beeinträchtigt worden ist.
Die Einfuhr verteilt sich auf die einzelnen Warengruppen (in 1000 dz) wie folgt:
1913 1922
Lebende Tiere 1 800 303
Lebensmittel usw. 117 005 50 736
Rohstoffe und halbferttge
Waren 597 010 388 767
Fertigwaren 12 493 18 946
Den stärksten Rückgang gegenüber 1913 weist die Lebensmitteleinfuhr auf. Cs ist dies um so bemerkenswerter, als auch gleichzeittg die Produktion im Lande hauptsächlich infolge der
Abtrennung wichtiger Produktionsüberschuft- gebiete eine ganz erhebliche Verminderung aufweist. Die Rohstoffeinfuhr verzeichnet ebenfalls einen starken Rückgang:
1913 1922
Oelfrüchte und Saaten 17 474 8 501
Oelkuchen usw. 8 285 951
Vau- und Nutzholz 62 396 24 659
Eisenerze 140 243 110 137
Chemische Rohstoffe und
Halberzeugnisse 15 413 4 638
Besonders auffällig ist der autzervrdent- liche Rückgang der Einfuhr von Oelluchen
usw., der als Diehfutter fast unentbehrlich ist, und von Bau- und Nutzholz, ttotzdem die Reparationsleistungen ganz erhebliche Mengen Holz in Anspruch nehmen. Wie sehr die Eisen- und eisenverarbeitende Industrie durch Versailles beeinflußt worden ist, geht vor allem daraus hervor, daß die Einfuhr von Eisenerzen zurückging und daß die verminderte eigene Produktion zu einer Steigerung der Einfuhr von Eisen und Eisenhalbzeug führte: 1913 1922
Roheisen, Schrott usw. 4 608 9 514
Eisenhalbzeug 110 3 252
Die Ausfuhr verteilte sich auf die einzelnen Warengruppen (in 1000 dz) wie folgt:
1913 1922
Lebende Tiere 17 53
Lebensmittel und Gettänke 53 682 14 429
Rohstoffe und halbferttge
Waren 590 255 142 719
Fertigwaren 93181 58 362
Die Ausfuhr von Lebensmitteln ist im Zahre 1922 naturgemäß außerordentlich zu- rückgegangen. Dabei ist noch zu berücksichtigen, daß nicht unerhebliche Mengen von Nahrungsmitteln in die abgetrennten deutschen Gebiete — Saargebiet, Danzig — gesandt werden müssen. Besonders auffällig ist der Rückgang der Ausfuhr von Zucker (in 1000 dz) 1913: 11262, 1922: 150, zurückzuführen vor allem auf den Produkttonsausfall infolge der Abtrennung Posens. Anter den Rohstoffen und 5}aEbfabrie taten, die gegenüber 1913 mengenmäßig um 74 Prozent zurückgegangen sind, fallen vor allem die Rückgänge in Brennmaterialien auf. Steinkohlen gingen fast um 300 MUl. dz, und Koks und Preßkohlen über 80 Mill, dz zurück. Ferner sind — um nur einige erheblichere Rückgänge anzuführen — noch besonders zu erwähnen: Eisenerze (— 24 Mill, dz), Roheisen L (- 8 Mill, dz), Kalisalze (— 7 Mill. dz). Bei der Ausfuhr von Fertigwaren beträgt der mengenmäßige Gesamtrückgang etwa 40 Prozent. Stärker sind vor allem die hvchwerttgen Textilwaren zurückgegangen.
Die Außenhandelszahlen zeigen mit erschreckender Deutlichkeit die Nollage der deutschen Volkswirtschaft und ihre Ursachen.
Die deutsche Anklage-Note wegen des Vorfalles in Essen.
Berlin, 4. April. (WTB.) Der deutsche Geschäftsträgerin Puris wurde beauftragt, der französischen Negierung wegen des Vorfalls .in Essen folgende Note zu überreichen:
Die Besonnenheit und Geduld, mit der die Bevölkerung des Ruhrgebiets lange Wochen hindurch alle Arten von Gewalttaten der Einbruchstruppen ertragen hat, haben es sticht verhindert, daß ftanzösische Soldaten an dieser Bevölkerung jetzt ein Verbrechen verübt haben, das alle bisherigen Untaten in den Schatten steift. .Am 31. März ha. n in die Kruppschen Werke in Essen eingedrungTies französisches Kommando, ohne angegriffen oder auch nur bedroht zu sein, in eine Menge friedlich demonstrierender 2Irbeiter hineingeschossen und ein entsetzliches
Blutbad angerichtet. Dreizehn Arbeiter! wurden getötet, mehr als dreißig verwundet. Die Verwundungen sind zum Teil so | schwer, daß weitere Todesfälle zu befürchten sind.
3m einzelnen wurde über den Verlauf der Ereignisse von den deutschen Behörden folgendes festgestellt: Am 31. März morgens gegen 7 Uhr besetzten ftanzösische Militärabteilungen ohne vorherige Ankündigung in den Kruppschen Werfen die beiden Hallen der Last» und Personenkrafb- wagen. Während die Besetzung der Halle der Lastkraftwagen alsbald aufgehoben wurde, verblieb in der mitten in der Fabrik gelegenen Halle der Personenkraftwagen ein Kommando von einem Offizier und elf Mann, das die Halle beseht halten wollte, bis eine Kommission französischer Offiziere die brauchbaren Fahrzeuge ausgesucht und beschlagnahmt haben würde. Auf den Krupp-Werken bestand, ähnlich wie auf and r m Werken zwischen der W rk eitung und d m Tetrieb.au schuß der Arbeite. - u. Beamtenschaft die Verabredung, daß im Falle einer militärischen Besetzung ein Signal für die Arbeitseinstellung auf den besetzten Werkteilen gegeben werden sollte. Nachdem etwa um 8 älhr zwei Mitglieder des Betriebsrates vergeblich mit dem Führer des Kommandos verhandelt hatten, wurden auf Grund jener Derab- redung, und zwar im Einvernehmen zwischen dem Direktorium und dem Betriebsrat, gegen 9 injr als Signal für die Arbeitseinstellung in dem benachbarten Fabrikbezirk die Dampf- 1 irenen gezogen. Die Arbeiter dieses Bezirks verließen darauf die Arbeitsstätte und versammelten sich in großer Menge in der Umgebung der besetzten Halle, um gegen den militärischen Eingriff zu demonstrieren. Die Führer der Arbeiterschaft wiederholten ihren Versuch, das Kommando unter Gewährleistung seiner persönlichen Sicherheit zum Fortgehen zu bewegen. Obwohl der französische Offizier das Anerbieten ablehnte, blieb die Menge in voller Ruhe. Sie hat während der ganzen Zeit den Raum vor der besetzten Halle frei gelassen; auch wurden um IOV2 llhr die Sirenensignale eingestellt. Kurz nach 11 Uhr ließ jedoch der französisch: Offizier ohne jede Herausforderung durch die Arbeiter und ohne jede Warnung plötzlich das Feuer eröffnen. Rach dem ersten Schuh lief die Menge auseinander, wurde aber aus der Flucht noch weiter beschossen. Die französischen Soldaten haben dann die Kruppschen Werke verlassen, ohne daß auch nur einem von ihnen ein Haar gekrümmt worden wäre.
Vergeblich wird von französischer Seite versucht, diesen Tatbestand zu fälschen und so über das schwere Verschulden der Desahungstruppen einen Schleier za werfen. Sofort nach dem Vorfall hack>die Havas-Agen- t u r Meldungen za verbreiten gewußt, wonach die Arbeiter das französische Kommando mit Revolvern bedroht, mit Steinen beworfen und mit heißen Dä mpf en angegriffen hätten. Die Agentur fügt hinzu, das ganze Unglück sei von entlassenen Beamten der Schutzpolizei provoziert worden, die man zu diesem Zwecke in die Betriebe eingestellt habe. Die vernommenen Augenzeugen bekunden übereinstimmend, daß keiner der Arbeiter einen Revolver hatte und daß sich die Menge trotz ihrer begreiflichen Erregung zu keiner Tätlichkeit oder Drohung hat hinreißen lassen. Die Havas-Agentur selbst muh zugeben, baf} die Soldaten nicht die geringste Verletzung erlitten haben. 3hrer Mitteilung über einen angeblichen Angriff mit heißen Dämpfen liegt nichts anderes zugrunde, als die Tatsache, daß hinter der besetzten Halle eine Schmalspur-Lokomotive stand, deren Abdämpfe in die Fenster der Halle eindrangen. Die Unterstellung, der Vorfall sei auf Veranlassung der Werkleitung von früheren Beamten der Schutzpolizei provoziert worden, ist zu plump, als daß sie der Widerlegung bedürfte. An dem Versuch, die Schuld an dem Vorfall» dem Direktorium der Werke zuzuschieben, will sich anscheinend auch der ftanzösische Befehlshaber in Essen beteiligen. Er hat am Tage nach dem Vorfall drei Mitglieder des Direktoriums und einen Abteilungsleiter verhaftet und ins Zuchthaus von Werden abführen lassen. Dieses neue Unrecht, das schuldlose Männer der Freiheit und zugleich das größte Unternehmen des Ruhrgebiets der Führung beraubt, kann den wahren Sachverhalt nicht verdunkeln. 3n Wahrheit ist von deutscher Seite nichts anderes geschehen, als daß die Arbeiterschaft auch in diesem Falle gegenüber dem rechtswidrigen Eingriff in ihre Produktivnsstätten ihren Entschluß bekundet hat, nicht unter ftanzösischen ‘Bajonetten zu arbeiten. Dieser Entschluß ist ebenso wie die ruhige Art, in ber er befunbet wurde, den ftanzösischen Truppen aus ihren früheren Erfahrungen im Ruhrgebiet genau bekannt, daß et ihnen nicht im geringsten Anlaß zu ihrem mörderischen Vorgehen bieten konnte. Die Verant Wartung für bie unheilvolle Tat fällt aber nicht allein auf bie französischen Truppen, fonbern auch auf bie französische Regierung selbst. 3n zahlreichen deutschen Protesten wurde ihr das gewalttätige Vorgehen bet Truppen im Ruhrgebiet immer wieder vor Augen geführt. Die Proteste sind unbeantwortet geblieben, und es ist nichts davon betarmt geworden, daß sie zu einem Einschreiten gegen die Schuldigen Anlaß gegeben hätten. So ist es nur zu erklärlich. daß die Vergewaltigung der Bevölkerung von Woche zu Woche gröbere Formen angenommen hat, und daß die französischen Soldaten es nun auch fertig bringen, durch skrupellose Beschießung der wehrlosen und friedlichen Menge zahlreiche Menschenleben zu vernichten.
' Die deutsche Regierung erhebt feierlichen Protest gegen die frivole Bluttat. Sie fordert
für die Opfer und ihre Angehörigen volle Genugtuung und verlangt, daß die zur Bemäntelung der französischen Schuld verhafteten Personen sofort in Freiheit gesetzt werden.
Die Note ist zugleich auch den übrigen Hauptmächten des Versailler Vertrages zur Kenntnis gebracht worden.
Für die Hinterbliebenen der Ermordeten in Essen.
Berlin. 4. April. (WTB.) Die Leitung des DeutschenDolksoPfers hat der Firma Krupp in Essen zur Linderung der ersten Rot der Opfer des Essener Blutbades 20 Millionen Mark überwiesen.
Die deutsche Gesandtschaft im Haag hat dem Reichspräsidenten 4100 Gulden, gleich etwa 34 Millionen Mark, das Ergebnis der Sammlung der Herren de Bartz unb Rkendelssohn u. Co., übersandt. Der Reichspräsident bestimmte, daß der Betrag zur Linderung der Rot in Deutschland, insbesondere im Ruhrgebiet, Verwendung finden soll.
Ein Ausruf der Kommunistischen Internationale
Die „Rote Fahne" veröffentlicht ?inen Aufruf der Kommunistischen Internationale und der Roten Gewerkschaftsinternationale. Der Aufruf trägt die lleberschrift „Das Blutbad in Essen" und ist an die Arbeiter aller Länder gerichtet. Cs heißt darin: 3n Essen ist in breiten Strömen Arbeiterblut geflossen. 13 Arbeiter, mit dem Kommunisten Zander an der Spitze, fielen tot nieder auf dem Fabrikhof Krupps, und einige Dutzende von Arbeitern wurden verwundet. Rach einer Reihe Schandtaten, nach einer Reihe Grausamkeiten fängt der französische Militarismus an, dem Weltproletariat den Sinn und die Bedeutung der Ruhrokkupation mit Feuer und Maschinengewehren zu beleuchten. Die Arbeiter Frankreichs werden aufgefordert, im ganzen Lande in kraftvollen Demonstrationen gegen die Herrschaft der französischen Bajonette über deutsche Arbeiter Protest zu erheben. Die Arbeiter Deutschlands, die Arbeiter des Ruhrbeckens sollen durch Verbrüderung mit den französischen Arbeitern eine einheitliche revolutionäre Kampffront gegen den internationalen Kapitalismus schaffen.
Wie die Franzosen im Trüben fischen wollen.
Bochum, 4. April. (WTB.) Der Kommandierende General in Essen, Zacquemot, richtete heute an die Gewerkschaften folgendes Schreiben: Der Kommandierende General widersetzt sich nicht der öffentlichen Bestattung der am 31. März gefallenen Arbeiter unter der Bedingung daß die Ordnung nicht gestört wird, weil er der Ansicht ist, bafr die Ereignisse lischt durch die Arbeiter selbst, sondern durch die Vertreter des Kapitalismus verursacht worden fmb, die die Arbeiter gegen die Franzosen aufgehetzt ‘haben.
Neue Uebergriffe.
Gladbeck, 4. April. (WTB) Der stellvertretende Bürgermeister von Gladbeck, Stadtbaurat Dr. Kern, ist wegen der Verweigerung von Betten an die Besahungsbehorden vor ein Kriegsgericht gestellt worden. Am gestrigen Tage wurde in Gladbeck die Post von der Desahungsbehörde auf verbotene Zeitungen aus dem unbesetzten Gebiete untersucht. A ich die Postboten wurden aus dem gleichen Anlaß auf den Straßen an gehalten und durchsucht.
Köln, 4. April. (Wolfs.) Legattonsrat Dr. Zechlin vom Auswärtigen Amt, der sich in Düsseldorf aushielt, um eine Verbindungmit ausländischen Journalisten zu erhalten und sie über die Lage im Ruhrgebiet zu unterrichten, ist am Sonntag mittag von den Franzosen verhaftet worden. Gründe liegen nicht vor. Es handelt sich lediglich darum, daß die Franzosen die objektive Berichterstattung ver- 'binbern wollen. Die ausländischen Berichterstatter sollen lediglich auf das französischr Znsormations- bureau angewiesen sein, das von amerikanischen Zvurnalisten bereits verächtlich als staatliche Garküche bezeichnet werden ist.
W ies baden, 4. April. (WTB) Mildern 74jährigen Stadtverördnetenvorsteher Dr. Alberti wurden gleichzeitig noch weitere neun Personen ausgewiesen, darunter Generalleutnant a. D. de ©raaff, der Generalmajor a. D. Kofsack, Oberleutnant a. D. Werner und Major a. D. Göring. In allen diesen Fällen wurde mit besonderer Härte verfahren. Der jetzt 66 Zahre alte Generalleutnant de Graafs hatte sich seit drei Zähren von jeglicher polittscher Tättgkeit zurückgezogen. Besetzung des Bahnhofes von Herne.
Berlin, 5. April. Die Blätter melden aus Essen, daß gestern nachmittag der Bahnhof Herne von den Franzosen besetzt worden fei. Sie richten eine Kontrollstelle für alle durchfahrenden Züge ein. Als sie die Absicht äußerten, sämtliche Wagen mit Kohle, Koks und Rebenproduften zu beschlagnahmen, um sie aif der militarisierten Strecke nach Recklinghausen abzurollen, wurde von den Eisenbahnern darauf hingewiesen, daß in diesem Falle ein Verbleiben der deutschen Beamten im Dienste nicht mehr möglich sei. Der Personenverkehr soll vorläufig nicht behindert werden. Die Wariesäle des Dahn- bofd tourben mit Truppen belegt.
Ein Eisenbahngeleis bei Essen beschädigt.
Bochum. 4. April. (WTB.) 3n der Rächt vom 29. zum 30. März wurde in der Rahe von
Essen ein Eisenbahngleis gesprengt und ein unweit davon liegendes Haus beschädigt. Der Landwirt Grote, der Polizeikonnnissar Montel- ruck und der Bergmann Rover wurden verhaftei.
Eine interalliierte Konferenz in Bonn.
Paris, 5. April. (WTB.) Heute findet, wie die Morgenpresse mitteilt, in Bonn eine interalliierte Konferenz statt, um die Regie der Eisenbahnen zu regeln, sowie gewisse andere Fragen, die die Ruhrbesehung betreffen. Es werden der Beratung beiwohnen der französische und der belgische Oberkommissar, General De^ goutte und ein Vertreter der Ingenieurlommis- sion. Tirard werde sich, nach dem „Petit Pa° rifien“, am Freitag nach Düsseldorf begeben, um dort den Minister Le Trocquer zu empfangen.
Die Liebestätigkeit der Quäker.
Berlin, 5. Aprjl. Wie der „Lokalanz." hort, ist eine Abordnung amerikanischer Quäker in Berlin eingetroffen und gestern vom Reichskanzler empfangen worden. Die Mission kam aus dem Ru'hrgebiet, wo sie sich über die Lebenshaltung der Kinder unterrichtet 'batte. Die Abordnung hat festgestellt, daß die Kindei-speisung dort regelmäßig vor sich ge'ht, soweit nicht Schwierigkeiten durch den Eisenbahnverkehr entstehen. Sie überzeugte sich von dem ungeheuren Esend'der deutschen Zügen d und stellte fest, daß die Schwindsucht unter den Kindern bedeutend angenommen hat. Das Mitglied der Mission, Scattergood, kehrt nach Amerika zurück, um die dortigen Quäker zur Bereitstellung größerer Mittel für die Kinder- speisung in Deutschland zu veranlassen.
Deutscher Flugzeugerfolg in England.
Das deutsche Auslandsinstitut schreibt:
Wir sind in der Lage, über einen durch- schlagenden Erfolg der deutschen Flugzeugindustrie zu berichten. Kürzlich landete im englischen Flughafen Crotzdon das deutsche Verkehrsflugzeug „Komet". Diese Maschine, welche von den Dornier-Metallbauten in Friedrichshafen hergestellt wurde, erregte die allgemeine Bewunderung der englischen Fach" und Tagespresse. Die Engländer erkennen ganz offen den beträchtlichen Vorsprung, den die deutsche Flugzeugindustrie gegenüber den verbündeten Mächten besitzt, an. Wenn man bedenkt, wie scharf die Vertragsbestimmungen des Versailler Friedensschlusses auf dem Gebiet der Luftfahrt sind, wie Frankreich von vornherein alles getan hat, um jede Entwicklung des deutschen Flugzeugbaues zu unterbinden, so ist die Tatsache, daß trotz allem, ein sicheres und schnelles Ver- kehrs-Flugzeug geschaffen Werden konnte, doppelt bemerkenswert, zumal diese Maschine genau den Begriffsbestimmungen der Entente entspricht. — Die Engländer, die sonst sehr nüchtern und berechnend sind, fern von jebem Ueberschwang, sind diesmal jedoch ehrlich begeistert und vor allem sportlich interessiert. Wie die nachfolgenden Prefse- ftimmen zeigen, haben die Engländer einmütig nur Worte der Anerkennung für die deuftche Leistung.
Sheffield Daily Telegraph schreibt: Roch nicht tot. — Deutschlands epochemachender Fortschritt im Flugwesen. Der erste Ganzmetall- Aeroplan, der den Kanal überflogen hat, tarn gestern auf dem Flugplatz in Croydon an. Diese Ankunft kennzeichnet eine neue Aera auf 'dem Gebiet des Zivil-Flugwesens. Es waren einige Passagiere m dem Flugzeug und die Reise war trotz schlechtem Wetter zurückgelegt worden.
The Aberdeen Zournal: Das Flugzeug kann mit einem nur 185 ?. 8.°Motor sechs Passagiere befördern, und ist den zeitgenössischen englischen Maschinen wett überlegm. Zufolge der interalliierten Kontrolle des deut.chen Flu wetans waren die Deutschen gezwungen, mit geringfräfti- gen Motoren zu experimentieren, was den Erfolg hatte, daß sie mit 185 P. S. die gleiche Anzahl Passagiere mit der gleichen Schnelligkeit transportieren können wie englische Maschinen mit 400 P. S.
The Rottigham Guardian: Großes Znterefse ist auf dem Flugplatz in Croydon durch den Gegenbesuch Les deutschen Zivil-Flugzeuges hervorgerufen worden, der in Erwiderung des kürzlichen Besuches des D. E. 34 der Daimler- Gesellschaft in Berlin erfolgte. Rach verschiedenen Verzögerungen, durch das schlechte Wetter bedingt, ist dre Maschine endlich angekommen. Es ist dies das erste deutsche Flugzeug, welches London in guter Absicht besuchte. Die Maschine, die nun angekommen ist, tfl ein Dornier C 3 Ganzmetall-Handels-Eindecker. Obgleich er tatsächlich nach den Einschränkungen des Versailler Vertrages mit einem Motor von 185 P. S. gebaut ist. ist er für 6 Passagiere eingerichtet, ebensoviel wie einige englische, die mit dem Rapier Lion 450 P. S. Motor ausgerüstet sind.
Vorkshire Oberserver schreibt u. a.: Die Deutschen brauchen die britische Unterstühang für die Entwicklung von Luftwegen über Rvrd- europa. Wenn dieser Plan ausgeführt wird, fo wird er für dieses Land mckhr Geld bedeuten, und wenn man in Betracht zieht, daß die Deuftchen bereits den Beweis erbracht haben, daß sie derartige Schranken, wie die Begrenzung der Pferdekraft ihrer Maschinen, umgehen können, würden wir jedenfalls ittchts dabei verlieren, wenn wir die vorläufige Bedingung für das Abkommen bewilligen, nämlich die Beseitigung einiger der dtzx bestehenden Verbote.
Aus alledem ersieht man, daß im Gegensatz zu der unversöhnlichen Haltung Franfteichs, bie Engländer gern bereit sind, mit uns zusammen zu arbeiten. Daß sie dabei verlangen, daß der


