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Vr. IO| Zweites Blatt

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Sitzung der Stadtverordneten.

Gießen, 3. Mai 1923.

2lm Schlüsse der heutigen öffentlichen Sitzung 6er Stadtverordnetenversammlung konnte man ein «utes Maß gediegener Beratungsarbeit feststellen, der bei zwei besonders bedeutsamen Angelegen­heiten Volkshochschule, Volksküche wertvollr Aussprachen vorausgegangen waren

Der starken Anspannung der städtischen Fi­nanzen Rechnung tragend, bewilligte das Haus zunächst zwei S t e u e r v v r l a g e n, die für die an der Zahlung beteiligten Kreise zwar nicht sehr angenehm sein werden, die aber doch für die städtische Finanzwirtschaft von grober Bedeutung sind. Die bittere Pille der einen Vorlage wurde übrigens von einem sachkundigen Redner des Hauses mit etwas Zucker umgeben, wodurch sie ivahl schmackhafter geworden fein dürfte.

Sodann erklärte das Haus in erfreulicher Einmütigkeit den Beitritt der Stadt Die­ben zur Gemeinwirtschaft Ober­hessen. Wir begrüben diesen Bcschluh, der einem groben sozialen Hilfswerk, von dem ja auch weite Kreise der (Siebener Bürgerschaft Vorteile haben werden, tatkräftige Unterstützung bringt und sicherlich auch für andere Gemeinden noch richtunggebend fein wird.

Einen groben Teil der Sitzung widmete das Haus der gründlichen Aussprache über die Frage der Finanzierung der Giehener Volks­hochschule. Bis jetzt hat die Stadt den Haupt- teil der Zuschublast getragen, während der Staat in etwas eigenartig anmutender Weise sich um die volle Erfüllung seiner selbstverständlichen Pflicht offensichtlich nicht sehr bemüht hat. Die Mehrheit des Hauses fordert nun in Gemeinschaft mit der Stadtverwaltung, dab das in 3ufunft anders werde, und da man in Darmstadt in dieser Sache etwas sehr schwerhörig und wenig zugänglich zu sein scheint, setzt man von hier aus mal etwas mehr Druck hinter seine Wünsche. Diesem Ver­fahren, das keinerlei Feindschaft gegen die Volks­hochschule und ebenso wenig eine Verkennüng der hohen kulturellen Bedeutung dieses Instituts be­deutet. möchten auch wir zustimmen. Cs mub dem Staate eben mal nach^rruLich zum Dewuhtsein gebracht werden, dab a u ch e r in gröberem Mahr als bisher für die finanzielle Grundlage der hie­sigen Volkshochschule zu sorgen hat. Dab bei diesem Streit um die Erfüllung der Unter» stützungspflicht die Volkshochschule natürlich nicht notleiden darf, mub allen Kreisen eine Selbst- verständlichleit sein. Don dieser Ueberzeugung ist. wie wir zu wissen glauben, übrigens auch die Mehrheit durchdrungen, die dem zweiten Telle des Finanzausschubantrages zustimmte: nur darf daraus in Darmstadt nicht gefolgert werden, dab ja dann alles gut und schön sei und man keinen Grund habe, sich zu etwas Grobzügigerem auf- zuschwingen. Eine stärkere Förderung als bisher sollte der Volkshochschule auch aus den Kreisen unserer Bürgerschaft zuteil werden. Dazu bieten sich die verschiedensten Wege: z.B. die Belegung und der Besuch der Vorlesungen durch breitere Schichten des Volkes, sowie die finanzielle Förde­rung durch unsere gutsituierten Mitbürger und durch industrielle und gewerbliche' Unternehmun­gen, wie man das auch in anderen Städten mit schönsten Erfolgen für die Volksbildung tut. Der­artige Stiftungen sollen natürlich nicht dazu dienen, dem Staate eine Pflicht abzunehmen, sondern sie sollen dein Ausbau dieser Volks­bildungsarbeit zugute kommen. Die Rotwendig- feit, diesem Institut weiteste Förderung ange­deihen zu lassen, besteht also, da die Stadt schon nach besten Kräften hilft, nur noch für den Staat und die Bürgerschaft selbst. Es wäre sehr erfreu­lich, wenn auch von diesen beiden Seiten her der Volkshochschule ein guter Antrieb zuteil werden würde. ,

Als weitere wichtige Angelegenheit war eine Aussprache über die Errichtung einer Volks­küche anzusehen, eine Sache, mit der man sich übrigens aus Antrag des Stadtv. Dr. Kraus- müller schon im Oktober v. Is. be­schäftigt hat. Cs mub sehr anerkannt wer­den, dab das Haus zu dieser Frage einen Stand­punkt eingenommen hat, der die Verwirklichung einer Volkskücheneinrichtung erwarten läbt. Wir hallen diese für eine dringende Rotwendigkeit. Dab auch die Stadtverwaltung und ebenso der Finanzausschub davon überzeugr sind, dab für darbende Mitbürger noch stärker als bisher gesorgt werden mub, ging aus dem Bericht des Beigeordneten Dr. S e i b klar und deutlich hervor: nur halten diese beiden Instanzen eine Volks­küche nicht für die rechte Einrichtung, sie neigerd dazu, die Lebensmittel jeder einzelnen Familie direkt auszuhändigen, damit sich jeder fein Essen selbst bereiten kann. Es wird sich bei den neuen Beratungen des Finanzausschusses also nur noch um die mehr technische Frage handeln, welche Form

Das MsftchMS.

Roman von Luise Schulze-Brück.

20. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

Eva hörte zerstreut zu. Ihr Blick ging über ferne Hände, die auffallend gepflegt waren, mit enormen Rägeln an den sehr langen Fingern. Ein eigentümlicher Ring steckte an einem Finger die Nachbildung eines Ringes aus einem $ ba­ratmengrab. Wie magisch bewegt von Frau Evas Blick hob und spreizte sich diese Hand Christian Reid^irdt Abmussen kokettierte mit ihr nach allen Regeln der Kunst.

Frau Eva spähte abermals nach Bürger­meister Arnolds. Sie fab das Lächeln wieder, wie vorher. Er hatte augenscheinlich bieftib; Beobach­tung gemacht. Sie verstunnnte, peinlich berührt.

Ofbcr nun trat Mercedes Wells heim in die Dresche. Während der Kahn ruhig flußab glitt, und die jungen Menschen scherzten und lachten, hörte Eva abgerissene Phrasen, die sie gut genug, zum Aeberdrusse gut kannte. Und als erst zwei-, dreimal das WortKunstpöbel" gefallen war. da konnte sie sich, toerm sie die Augen schloß ein­bilden, sie sitze in einem Berliner Salon und Christian Reidhardt Aßmussen lehne sttlvoll cm einem Sessel, dessen ilebergug einen wirkungs­vollen Kontrast zu seiner Weste bildete, und sein Gesicht.oon einem Ton wie altes Elfenbein", wie einer von denenum ihn" begeistert sagte hob sich von irgendeiner seltsam farbigen Draperie sowundervoll" ab, dab sich mindestens zwei Dutzend Augen in mabloser Bewunderung auf ihn richteten und aber ein, sie wollte die Augen picht schließen. Sie wollte das nicht sehen, sie

GiehenerAnzeiget (General-Anzeiger für Oberhessen)

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der Hilfe man wählen will, denn über das Prinzip der Hilfeleistung selbst besteht ja keine Meinungs­verschiedenheit. Wir meinen, das) die Volks­küche das bessere Mittel ist: einmal im Hin­blick aus die Brennstoffnot weiter Bevölkerungs­kreise unb sodann auch aus der Erwägung heraus, dah mancher Junggeselle oder Witwer dort speisen kann, der nicht zu kochen versteht, und dab bei der Zubereitung einer gröberen Menge Speise bei ent­sprechend reich bemessenen Fettzu lagen ein kräfti­geres Essen zustande kommt, als wenn in einem kleinen Familien töpfchen gelocht wird. Es würde uns mit Genugtuung erfüllen, wenn die Bera­tungen möglichst beschleunigt würden und aus dieser Arbeit im Sitzungszimmer bald eine Tat entstände, deren Dringlichkeit immer stärker in Erscheinung tritt. Die (Selbfrage dürfte ja wohl auch zu betnälttgen sein, wenn man zum Vorteil dieser wirklich gemeinnützigen Einrichtung an un­produktiven Ausgaben, z. D. an der Strahen- bahn, noch stärker als bisher bremsen würde .

Aus der übrigen Deratungsarbeit möchten wir noch eine Mahnung des Stadtv. Fischer an die Bürgerschaft zum Besten der vom Feinde vertriebenen Volksgenossen besonders herausheben und dringend zur Beherzi­gung empfehlen.

Sitzungsbericht

Anwesend Oberbürgermeister Keller, Bür­germeister K r e n z i e n, die Beigeordneten Dr. Seid. Komm.-Rat Klingspor, Dr. Rosen­berg und 37 Stadtverordnete.

Eine Rachtragsumlage zur Hand­werks fantmer

für 1922 in Höhe von 34 624 Mk. wrrd einstim­mig auf dre Stadtkasse übernommen und von einer Umlegung dieses Beitrags abgesehen, da die Kosten des Amlageversahrens m keinem Verhältnis zur Höhe der Umlage ständen.

Erhöhung der Vergnügungssteuer.

Die in den §§ 15, 16, 17 und 18 der Dergnü- gungssteuerordnung firierten Sätze werden den An­trägen des Finanzausschusses entsprechend erhöht. Die Heraufsetzung betrifft sämtliche Qli ten der Ver­gnügungsbesteuerung.

Festsetzung des Ausschlags für die Grund- und Gewerbe st euer für 192 2.

Der Finanzausschub beantragt folge iden Ent- schluh: Die Ausschläge für das Rechnungsjahr 1922 werden wie folgt festgesetzt:

1. für Gebäude unb Bauplätze auf 8 Mk.

2. für land- und forstwirtschaftlich

genutzte Grundstücke auf 12 Mk.

3. für das gewerbliche Anlage- und Betriebskapital auf 8 Mk

für je 100 Mk. Vermögenswerte.

Die Beträge werden fällig, unter Anrechnung der vorläufig gezahlten Beiträge, mit je einem Ziel im Monat Juni und Juli.

Bis zur Festsetzung der Ausschläge für das Rj. 1923 sind die für das Rj. 1922 beschlossenen Beiträge als vorläufige Steuerschuld zu entrichten.

Oberbürgermeister Keller begründet die Forderung mit der aufrerorbentlid» erhöhten Inan­spruchnahme der städtischen Finanzen, die zu einem starken Anschwellen des Fehlbecrages geführt habe. Siadtv. Prof. Dr. Krausmüller hebt hervor, dab die neuen Sähe nicht so weittragende Folgen zeitigen werden, wie man auch m manchen Bürger­kreisen befürchtet habe, da bei der Berechnung der Ausschläge die Veranlagung von 1921 zugrunde gelegt werde. Die Absttmmung ergab die einstim­mige Annahme der Vorlage.

Höhere Bekanntmachungsgebühren.

Die Gebühren der Ausscheller in den umlie­genden Gemeinden bei Bekanntmachungen von Ver­steigerungen der Stadt Dieben werden in An­passung an das Vorgehen des hessischen Staates mit Wirkung vom 1. Januar 1923 ab auf das Ibfache der bisherigen Sätze erhöht.

Der Baugenossenschaft 1894

wird ein weiterer verzinslicher Daukostenvorschub von 10 Millionen Mark gewährt und die Stadt­verwaltung ermächtigt, den Betrag alsbald durch Aufnahme eines Darlehns bei der Dezirksspar- lasse zu vermitteln.

Ferner wird der Genossenschaft zur Bezahlung der von der Stadt erhaltenen Baumaterialien, wie Steine, Holz usw. ein 'Darlehen in Höhe von 3 358 730 Mk. bewilligt.

Beitritt der Stadt Gieben zur Gemeinwirtschaft Oberhessen.

Dem Antrag des Finanzausschusses ent­sprechend beschliebt das Haus einstimmig: Der Gemeinwirtschaft Oberhessen wird beig'treten und die sich aus den Satzungen für die Gemeinwirt­schaft Oberhessen ergebenden Verpflichtungen über­nommen.

Oberbürgermeister Keller bemet: vo dec Beschlußfassung, es handle sich hier um ein Unter­nehmen, das sehr zweckmäßig und günstig für die Stadt fei. Die städtische Kapitaleinbringung werde sich zunächst auf 5560 Millionen Mark beziffern Eine Vorlage bett, die Volkshoch^ schule Giehen

führt zu einer längeren, interessanten Aussprache. Der Finanzausschub beantragt: Außer ie.n be­willigten Zuschuß von 20 000 Mk., sowie tem Vor­schub von 10000 Mk. wird auch der Fehlbetrag der Volkshochschule Giehen für das Rj 1922 mit 285 000 Mk. (250 000 Mk. für Heizung und Be­leuchtung und 35 000 Mk. für Dienervergütungen) auf die Stadtkasse übernommen, dabei aber aus­drücklich erklärt, daß durch diese Aevernahme die von der Stadt der Dollshochschule zu gewährenden Zuschüsse für die nächsten Jahre vorweggeriommen find, somit die Stadt Giehen einer Zufchuh- leiftung an die Volkshochschule in den nächsten Jahren überhvben ist.

Oberbürgermeister Keller bemerk' zur Be­gründung des Antrages, ihm gegenüber (ei betont worden, die finanziell? ilnterftühung dcr (Siebe­ner Volkshochschule durch den hessischen S'aat sei viel zu geringfügig. Von der Zentralstelle für das Bildungswesen werde für die Darmstädter Volks­hochschule weil mehr getan, als für die Gießener. Dabei könne aber von einem Mangel an Geld­mitteln der Zentralstelle für diesen Zweck nicht ge­sprochen werden. Z. B. beabsichtige die Zentral­stelle, demnächst in Gießen ein Konzert von etwa 50 Darmstädter Dilettanten vor Schülern aller Schulen zu veranstalten. Wenn man bedenke, was diese Veranstaltung beispielsweise für zwei Tage kosten werde, und sich dabei vergegenwärtige, daß wir doch auch in Gießen Feinen Mangel an musi­kalischen Veranstaltungen haben, so müsse man sa­gen, es sei zweckmähiger, die hierfür bereitgestellten Geldmittel lieber der Volkshochschule zur Verfü­gung zu stellen. Stattdessen begnüge sich der Staat mit einem wesentlich geringeren Beitrag zurDolks» Hochschule, als die Stadt. Im Hinblick auf die außerordentlich schwierige städtische Finanzlage gehe das aber nicht mehr so weiter.

Ein Sprecher der sozialdemokratischen Fraktion betont, seine Fraktion werde nur dem ersten Teil des Antrages (Deckung des Fehlbetra­ges) zustimmen, den zweiten Teil des Antrages (Verrechnung der Bewilligung auf spätere Zu­schüsse) beantrage sie zu streichen, da er der Volks­hochschule die Grundlage entziehe. Wenn man auch mancherlei Verbesserungen der Volkshochschule wünschen könne, so müsse diese aber doch unterstützt werden, auch wenn die Gemeinden finanziell schwer zu kämpfen hätten.

Oberbürgermeister Keller bittet dringend um unveränderte Annahme des Antrages des Finanzausschusses. Er sei von jeher dafür ein- getreten, daß die Volkshochschule kräftig unter­stützt werde. Wenn die von dem sozial p.motrarr- schen Redner vertretenen Kreise das Institut bis­her besser unterstützt hätten, würde dessen finan­zielle Lage heute besser sein. Die Gewerkschaften hätten sich der Volkshochschule gegenüber sehr zurückhaltend gezeigt, durch diese Haltung sei die Beteiligung der Arbeiterschaft sehr schwach ge­wesen und infolgedessen der finanzielle Ausfall so grob geworden. Das wäre nicht nötig gewesen. Mehr denn je müsse jetzt darauf gesehen werden, daß in den Ausgaben Beschränkung eintrete. Der Fehlbettag des nächsten Voranschlags werde sich, das könne er jetzt schon Mitteilen, auf mehrere hundert Millionen Mark belaufen. Allen Ver­einen gegenüber, die bisher städtische Beihllfen gehabt hätten und um deren Erhöhung eingenom­men wären, fei erklärt worden, dah die Stadt angesichts ihrer Finanzlage nicht daran denken könne, dem Ersuchen zu entsprechen. Man müsse evtl, an die Stillegung der Sttahe ibahn und an noch weitere scharf einschneidende Maßnahmen denken, um die städtischen Finanzen in Ordnung zu halten. Bei dieser Lage der Dinge könne man leider nicht mehr tun für eine Sache, die ja auch vom Staate so wenig begünstigt werde.

Ein kommunistischer Redner tritt für die Beibehaltung der städtischen ^Unterstützung der Volkshochschule ein und schließt sich dem Antrag der Sozialdemokraten an. Im übrigen bestreitet er, dah die Gewerkschaften kein Interesse an der Volkshochschule gezeigt hätten.

Ein Vertreter der demokratischen Frak­tion erklärt, diese werde für den ersten Teil des Anttages des Finanzausschusses stimmen, den zweiten Teil beantrage sie an den Finanzausschub zurückzuverweisen, damit hierüber nochmals be­raten werden könne. Wenn die Stadt sich von der finanziellen Unterftütjung der Volkshochschule zu­rückziehe, so bedeute das deren Tod. Es wäre zu prüfen, wie sich die Möglichkeit für ein Weiter­bestehen der Volkshochschule gestalte, wenn sich die Stadt auf Jahre hinaus von den Kosten zurückziehe, und wie die finanzielle Tragweite

wollte die Wirklichkeit sehen, Luft, Sonne, Wald und Wasser, sie wollte laute Stimmen gesunder Menschen Horen.

Gerade hatte Frau Wellsheim Aßmussen auf die Gegend aufmerksam gemacht. Aber er wehrte ab:Ich bitte Sie, gnädige Fraul Das ist ja alles nur brutale KulisienLekorativn, gut genug für das grobe Sensationsbedürfnis der Masse. Rein, mir gibt diese Ratur nichts, die hier die Masse mit rohen Effekten übertölpeln will. Ich suche anderes. Weite Oeben, endlose Einsamkeiten, gebrochene Farbentöne, eine Stille, die schwer ist und lastend . . .

Im Kahne war es einen Augenblick still ge­worden, so daß man jedes Wort deutlich verstand.

Dann steckten die jungen Mädchen kichernd die Köpfe zusammen und eine platzte heraus:Aber warum sind Sie denn hierher gekommen?"

Christian Reidhardt Abmassen sah sie mit schwachem Erstaunen an. Das war so feine Art, wenneine Stimme aus der Masse" an fein Ohr drang. And während er antwortete, daß er weilergehe", wendete er sich schon wieder Mer­cedes W^llsheim zu.

Frau Eva saß stumm daneben. Sie sah, wie ein schwaches Rot in Arnolds Schläfen ftieg, wie eine Ader anschwoll. Aber er sagte nichts, mir ein scharfer Blick ging wieder von Abmassen zu Hans Dietrich und zu Elisabeth, die sich eifrig mit ihm unterhielt.

Tante Röschen war auch sttll. Aber in ihren guten Augen stand ein angemessenes Erstaunen, so ungemessen, daß Frau Eva zu anderer Zett hätte lachen müssen. Heute aber konnte sie ein peinlich beklommenes Gefühl nicht überwinden.

Eine Stunde später fliegen sie durch ein enges, felsiges Waldtal hinauf nach Burg Clh. Die

junge Welt war voraus. Tante Röschen kam mit einer anderen älteren Dame langsam nach.

Schweigsam ging Bürgermeister Arnolds an Frau Evas Seite, so schweigsam, daß Eva es lähmend empfand. 2lber plötzlich stieß er hervor: Ich kann mir das kaum vorstellen . . . kaum vorstellen ..." sie sah ihn erstaunt an daß das Ihre Freunde find ... ein Teil des Kreises, in dem Sie leben, Ihr Genüge finden."

Cva lächelte ein wenig verlegen:Sie dürfen Aßmussen nicht so ganz nach dem Acußerlichen be­urteilen, nach seinem Gebaren. Er ist noch so jung und so sehr verwöhnt. Von allen Seiten beweihräuchert man ihn. baS hat ihm ein wenig den Kops verdreht. Unb unsereJungen" glau­ben dann auch, sich durch ihr Aenßeres von der großen Menge abheben zu müssen."

Ach, diese Anißerlichkeiten!" sagte Arnolds ungeduldig.Daran stößt man sich am wenigsten. Das ist Jugend, ist Alberei! Aber das andere! Dieser Ahrnussen ist nicht der erste, den ich kennen lerne. Hierher kommt so mancher! In Trarbach hält Frau Hllsen Hof. Es ist ihr Stolz, daß unter ihren Berliner Freunden eine ganze An­zahl dieser jungen Künstler sind, ilnb auch Frauen! Unb welche Frauen!"

Frau Eva wehrte energisch ab:Ilm Himmels willen!

Sehen Sie wohl," sagte er ernst,und sie find alle weibliche Aßmussen. Daß sie so sind, wie sie sind, daß sie sich gegenseitig anhimmeln und beweihräuchern, und daß sie sich himmelhoch über der Masse, dem Pöbel, dünken, das kann man ihnen ja gönnen, ja lassen. Jedem Tierchen fein Pläsierchen. Aber eben hörte ich von diesem jungen Menschen das Wortwir Kulturschaffer''. Uno wenn ich dann denke, was uns vpn diesen

Zrettag, 4-Mai 1923 bocyaa sei, wenn die Stadt der Volkshochschule Räume, Heizung und Deleu^uung unbercchnet zur Ver­fügung stelle, al>er von einer Barunterstützung absehe Hinsichtlich des mangelnben Interesses bei (Scann :aften. d,.> er weder zu verteidigen nock) anzullagen f>abc möchte er nur feststellen, daß die eben gehörte Mitteilung von sehr autori­tativer und verantwortungsbewußter Stelle ihn außerordentlich gewundert und geschmerzt habe.

Oberbürgermeister Keller zollt der Leitung der Volkshochschule und insbesondere dem Ge­schäftsführer sehr wanne Worte der Anerkennung und betont, mit dem Anträge des Finanzaus­schusses fei keinerlei Kritik an der Leitung ober de. Geschäftsführung der Volkshochschule ver­bunden, un Gegenteil sei da nur größtes Lob angebracht. Das Defizit fei hauptsächlich durch die hauptamtliche Geschäftsführung ent­standen, die früher notwendig gewesen sei, jetzt aber wohl durch eine ehrenamtliche Geschäfts­führung ersetzt werden könne. Er habe sich schon bemüht, für den Geschäftsführer der Volkshoch­schule eine andere entsprechende hauptamtliche Anstellung zu erwirken, die dem Herrn gestatte, nebenbei ehrenamtlich die Geschäfte der Volks­hochschule fortAuführen. Bis jetzt sei das jedoch noch nicht gelungen. Seitens der Stadt werde alles geschehen, um den Geschäftsführer der Volks­hochschule dem Institut zu erhalten, die finan­zielle Lage sei aber jetzt so, dah die Stadt ihren notwendigen Aufgaben kaum noch nachkommen könne. In dem Bestreben, die städtischen Finanzen unter allen Umftänbcn in Ordnung zu halten, seien der Finanzausschuß und die Stadtverwal­tung einig.

Ein weiterer kommuni st ischer Redner nimmt gleichfalls die Gewerkschaften in Schuh unb betont, die Arbeiter hätten nicht die Zett und Ge- legenhett, den Kursen beizuwohnen, da sie ihr 'Feld oder Gartenland bearbeiten müssen, um mit dessen Ertrag sich durchzuhelfen.

2kach den Ausführungen eines demokra­tischen Redners, der die genügende Leistungs- Willigkeit der Stadt in Zweifel stellt, bemerkt Oberbürgermeifter Keller, der hessische Staat habe im Jahre 1922 ganze 70 000 Mark für die Volkshochschule unserer Stadt gegeben, die Stadt Gießen dagegen 315 000 Mark. Ministerialdirek- tor 11 r ft a b t habe erklärt, mehr könne vom Staat nicht gegeben werden, und eine Mehr- forderung sei auch abgelehnt worden. Die Stadt habe also ihre Pflicht voll und ganz getan.

Ein Redner der Rechtsparteien betont, wenn diese dem Anträge des Finanzausschusses zustimmten, müsse schon jefct die Auslegung dieser Zustimmung als Gegnerschaft gegen die Volks­hochschule ganz entsch eben zurückgewiesen werden. Dcr Antrag des F^an^russchusseZ solle bedeuten, daß man dem Staate nahelegen wolle, feiner Verpflichtung gegenüber der Gießener Volkshoch­schule mehr als bisher zu entsprechen. Die 70 000 Mais, die er im Jahre 1922 beigesteuert habe, seien viel zu wenig. Wenn der Staat entsprechend zur Unterhaltung der Volkshochschule beitrage, fei man auch jederzeit bereit, genau so viel für diese Sache beizusteuern. 'Aber bafr die finanziell schwer ringende Stadt soviel geben unb der Staat sich nur mit einem bescheidenen Anteil begnügen solle, sei nicht einzus^ren. Für die Zwecke der Volks­hochschule seien von privater Seite freiwillige Gelbzuwendungen gemacht worden. Man sei also nicht Feind der Volkshochschule, deren Leitung man vielmehr höchstes Lob spende, man verlange nur, daß neben der Stadt auch der Staat seine Pflicht und Schuldigkeit in dieser Dache voll und ganz erfülle.

Dieser Ansicht schließt sich ein Redner der deutschnationalen Fraktton bi vollem Um­fange an.

Rachdem noch einige Redner gesprochen, ohn» das Bild der Anschauungen zu ändern, schreitet das Haus zur Abstimmung. Der erste Teil des Antrages (Deckung des Fehlbetrages durch Hebemahme auf die Stadtkasse) wird einstim­mig angenommen, die Zurückverwei- f u n g des zweiten Teiles des Anttages (die Verrechnung der jetzigen Bewilligung auf spätere Zuschüsse) an den Fman^iusschuß zur nochmaligen Beratung wttd mit 20 gegen 17 Stimmen abge­lehnt und mit demselben Stimmenverhältnis auch der zweite Teil des Antrages zum Be­schluß erhoben.

Verzichtauf Fremdenabgabe.

Die Stadtterwaltung wttd einstimmig ermäch­tigt, die in hiesigen Gasthöfen vorübergehend un­ter gebrachten Ruhrflüchtlinge, soweit sie ord­nungsmäßige Ausweispaviere besitzen, von der Enttichtung der Fremdenabgabe zu befreien.

Stadtv. Fischer bringt bei dieser Gelegen­heit zur Sprache, dah Klagen laut geworden sind nach der Richtung hin, daß manche vom Feinds Vertriebenen hier nicht die Rücksicht und das Entgegenkommen bei der Dereit-

Kulturschaffem kommt, welche Erzeugnisse ihrer müden Seelen, und daß diese Erzeugnisse, diese Bücher und Bilder, und was es sonst ist, derselben Masse den 'Begriff geben sollen von der Kultur, die diese Jungen schaffen wollen, dann möchte ich sie alle ausrotten mit Stumpf und Stiel, damtt ihre Sünde nicht unsühnbar werde."

Eva sah ihn erstaunt an. Er merkte es.Sie denken, ich habe nicht das Recht, das auszu- sprechen, oder Sie fragen sich, wie ich dazu komme. Sie, gnädige Frau, leben in unserem sogenannten Kulturmtttelpunkte: Sie sitzen an der Quelle, am Ursprung. Aber Sie haben wohl auch den Blick und Maßstab verloren für das, was unser Doll! wirklich ist, und was ihm nottut

Frau Eva sah ihn unsicher an.Sie leugnen also die Berechtigung und Bedeutung unserer neuen Kunst? Aßmusien ist einer der Bahn­brecher, einer uer Ersten."

Arnolds sah sie scharf an und schüttelte den Kopf:Sehen Sie wohl, gnädige Frau, Sie find der Suggestion bereits völlig erlegen. Ein Bahn­brecher und einer der Ersten. Das sind grobe Worte. And was hat er denn getan? Ich fennt nichts von ihm, aber das will ja nid>tS sagen. Aber Sie? Was kennen Sie von ihm? Was hak er geschaffen, was geleistet? Wenn's hoch kommt, zwei, drei dünnleivige Bändchen, wenige Zeilen auf dickem Papier! Verse, die sicherlich schön Hingen, vielleicht in den sogenannten modernen Menschen Saiten schwingen machen, die bis dahm stumm blieben. Aber ist das eine Tat? Ist er darum ein Bahnbrecher und Erster? Ist er daH was unsere Zeit braucht, was wtt Kinder unser« Zeit brauchen?"

(Fortsetzung folgt.)