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Erscheint täglich, anher Sonn- und Feiertag», m it berSamstagsbellage: GiehenerFamiltenblätter Monatliche Bejugspreife: 3400 Mark und200Mark Trügerlohn,durch diePost 3600Mark,auchbeiNtcht» erscheinen einzelner Num. ment infolge höherer Gewalt. - Fernsprech. Anschlüsse: für dieSchrist- leitung 112; für Verlag und Geschäftsstelle 61. Anschrift für Drahtnach. richten: Anzeiger Siehen.

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Donnerstag, 5. ülat 1925

175. Jahrgang

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Gberhessen

Druck und Verlag: vnihl'sche UniverfitStr-vuch- und 8teindruckerel B. Lange in Sietzen. Schrlftleitung und Seschaftrstelle: Zchulftratze 7.

Lunaqme uon Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohnejede Verbindlichkeit. Dreis für 1 mm höhe für Anzeigen v. 27 mm Breite örtlich 80 Mk., auswärts 100MK.;fürReklame- Anzeigen von 70 mm Breite 400 MK.Bei Platz. Vorschrift 20°/. Aufschlag. Hauptschriftleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz, für den übrigen Teil: Ernst Dlumschein; für den Anzeigenteil: Hans Beck, sümtsich in Gießen.

Das deutsche Angebot.

Am gestrigen Mittwoch ist die schicksals­schwere deutsche Reparationsnote zu gleicher Vormittagsstunde den Regierungen in Paris, London, Brüssel und Rom übergeben worden. Auch in Washington wird sie amtlich zur Kenntnis gebracht. Es ist ein bedeutsamer Augenblick, ähnlich dem des Waffenstillstan- des vom 11. November 1918 oder der Frie­densunterzeichnung vom 27. Juni 1919. Auf deutscher Veite ist diesmal getan worden, was menschenmöglich war. Die WMschaftSführer und Finanzsachverständigen muhten wieder ihr Gutachten über Deutschlands Zahlungsfähig­keit abgeben, die Parteien wurden befragt, die Regierungen der Länder gehört. Die deutsche Presse hat sich mit voller Absicht zurückgehal­ten. Es hatte keinen Zweck, einer Regierung, die sich aller verfügbaren Informationsquel­len bedient, mit guten Ratschlägen, gefärbt je nach der politischen Anschauung oder nach der wirtschaftlichen Bettachtungsweise zu kommen. Man wußte, das Kabinett Eunv, dem das ganze Bvlk während des Ruhrkampfes in seltener Einmütigkeit zur Seite steht, wird das Angebot nach bestem Wissen aufstellen und jede Sonderauffassung oder Nörgelei würden nur der Sache schaden. So wartete man denn mit viel größerer Geduld als in den Ländern, an die der deutsche Anttag sich wendet. Mit fieberhafter Spannung bespricht man bei den Alliierten seit zwei Wochen die Ziffer der Ent- schädigungszahlung, die Deutschland nennen müsse, obwohl von deutscher Seite immer wie­der darauf aufmerksam gemacht wurde, dah es auf diese Zahl im Grunde gerade nicht an» komme. Denn, welche Summe auch genannt werde, Frankreich wird Hohn und Spott dafür haben, und die anderenSieger" werden sich den Kopf darüber zerbrechen müssen, mit wel­chen internationalen Anleihen der Schuldner in den Stand zu setzen sei, die von ihm bezeich­nete Schuld zu begleichen. Am wirrsten und unklarsten war jedenfalls die Haltung der französischen Politik. Bis zum letzten Augen­blick betonte die Pariser Regierungspresse, Pvincarö werde auf kein deutsches Angebot eingehen, wenn Deutschland nicht den fran­zösischen Enlschluh, das Ruhrgebiet nur nach Maßgabe der deutschen Zahlungen zu räumen, anerkennt, und den passiven Widerstand voll­ständig einstellt. Wie zur Bekräftigung dieses unversöhnlichen Standpunktes wurde zu guter Letzt noch ein dröhnender Schreckschuh loSgelas- fen: Die Rheinlandkommission werde die ganze deutsche Post vom besetzten nach dem unbesetzten Gebiet aufhalten als Rache dafür, daß dem französischen Briefverkehr von den deutschen Beamten Schwierigkeiten berei­tet werden. Aber dieses Gerücht hat sich bis jetzt nicht bestätigt. Vielmehr war plötzlich ein Umschwung in der Haltung des französi­schen Auhenamts zu bemerken, die neue Drvh- note Poincarss, die in allen Tonarten ange­kündigt war, ist ausgeblieben. Bei keiner der verbündeten Regierungen ist eine solche Note eingelaufen. Frankreich hat also, wie es scheint, darauf verzichtet, zu verkünden, daß es die Aufgabe des passiven Widerstandes durch Deutschland als Borbedingung für Verhand­lungen ansieht. Auf Anfrage am Quai d'Orsay erhielten die ausländischen Berichterstatter den verlegenen Bescheid, daß der Schrittbisher nicht unternommen wurde und dah esnicht sichersei, ob er überhauptunternommenwerde.

Dieses erste Anzeichen eines vielleicht be­vorstehenden Einlenkens verdankt man dem englisch-belgischenGedankenaus- tausch, der am Sonntag anläßlich der Zu­sammenkunft des Prinzen von Wales mit dem König der Belgier in Brüssel gepflogen wurde. In Brüssel wurden so auffallend warme und herzliche Reden gehalten, daß es in Paris rasch klar war: Belgien ist nicht mehr lange im Zaume des unerbittlichen Ruhrkrie­ges zu halten. Die englische Auffassung, daß man das deutsche Angebot ernst nehmen und einer wohlwollenden Prüfung unterziehen müsse, hat gesiegt. Die englische Presse, auch die, in der man Frankreich immer noch um den Bart streicht, sagt es den Franzosen auf den Kops zu, daß ihnen das deutsche Angebot nur deswegen so ungelegen komme, weil es wahr­scheinlich geeignet sei, in der ganzen Welt eine Bewegung zugunsten Deutschlands hervorzu­rufen. Eine mutwillige Ablehnung durch Frankreich werde keineswegs die Sympathien für dieses Land erhöhen. Die^ganze Welt sei des deutsch-französischen Duells überdrüssig. Das sei der Grund, weshalb die Franzosen versucht hätten, bevor noch das Angebot er­folgte, den Eindruck zu erwecken, der deutsche Vorschlag sei so schlecht, daß er einer Erwä­gung gar nicht wert sei. Vom deutschen Stand­punkt aus kann man sich über soviel Offenheit zwischen den Alliierten nur freuen, wenn auch niemand daran glaubt, dah Poincare nun über Nacht aus einem Saulus zu einem Paulus wird.

Eine Reichskanzlerrede.

Berlin, 2. Mai. (WTB.) In der Sit­zung der Ministerpräsidenten und Staatspräsidenten gab Reichskanz­ler Dr. &u n o die deutsche Note bekannt und führte dabei u. a. aus:

Heute wird den Mächten die Note übergeben, die den Standpunft der Reichsregierung zur Re- parationsfrage und zur Frage der Befriedigung Europas präzisiert. Das ist ein ungewöhnlicher Schritt, weil er mitten in dem kraftvollen ein­mütigen Abwehrkampfe getan wird, ohne daß die Haltung des Gegners dazu Anlaß gibt, ein Schritt von ungewöhnlicher Bedeutung, weil von seinem Gelingen das friedliche Zusammenarbeiten zwi­schen Deutschland und Frankreich und darüber hinaus in Europa in den weltwirtschaftlichen Be­ziehungen, sowie die Abwehr von dem System des Hasses, der Feindschaft und der Weltvernich- tung abhängt, ein Schritt, der dem Wiederaufbau dienen soll, während sein Mißlingen dir fort­dauernde Verschärfung des Abwehrkampses, die Vernichtung der letzten für die Reparation bereit» zustellenden Mittel und Reserven bedeuten und für beide Teile innere Belastungen und Erschütte­rungen auslösen könnte, die für Europa und die Welt voller Gefahren sein würden. Darin liegt zugleich die Begründung des Schrittes. Wir woll­ten den Frieden und wir wollen ihn noch, aber der Preis dafür mußzahlbar fein. Das war der Grundsatz, mit dem dieses Kabinett sein Amt angetreten hat und mit dem es steht und fällt. Höher als jede andere Rücksicht steht uns das Interesse des Volkes und des Landes, dessen Schicksal uns anvertraut ist. Unsere Vor­schläge gingen, wie Sie wissen, bis pum H ö ch st » maß des MöLlichen, ließen aber Gegen­vorschlägen und Abänderungen ihrer Modali­täten in offener Aussprache freien Raum. Sie wurden von Frankreich abgelehnt und ohne jeden Rechtsgrund mit dem Ruhreinbruch und dem Eingriff in den vertragsmäßigen Zustand der Rhernlande und dem Einbruch in andere deutsche Länder beantwortet, dessen Auswirkungen in im­mer rücksichtsloseren Formen wir täglich erleben. In der einmütigen Erkenntnis, daß von der Reichsregierung alles geschehen ist, um denRechts- bruch zu verhüten, hat das deutsche Volk ohne Unterschied der Parteien und Stände zu der Waffe des passiven Wider st an des ge» griffen. Es hält diese Waffe auch heute noch in ftarIer treuer Hand. Gerade diesem Volke, das mit der Einsetzung aller Werte, die das Leben bietet, die deutsche Sache an der Front verteidigt, sind wir es schuldig, alles zu tun was nötig ist, um die Leiden abzutürzen und keine Möglichkeit außer Acht zu lassen, die eine Lösung bringen kann. Die Reichs­regierung ist deshalb nicht müde ge­worden, alle Wege zu gehen, die irgend eine Aussicht boten, diesem Zrele näher zu kommen. Aber nichts kann sie veranlassen, den Weg des Diktates, des Ultimatums oder gar der freiwilligen Wrnahme unerfüllbarer ^Bedingungen zu beschreiten. Rur, wenn ausrichtrg dem Volke ge­sagt werden kann, daß Erfüllbares zu leisten ist, ist die Regierung in der Lage, auch die letzten Kräfte und Reserven aus allen Schichten des Lan­des herauszuholen. Der Versuch, Unerfüllbares zu leisten, greift die Substanz an und schmälert die Zahlungskraft, und so oft unter Zwang erkennbar Unerfüllbares zugesagt war, vergaß die Welt nur allzubald, unter welchem Drucke die Zusage er­folgt war und sand sich, wenn sie nu nnach kurzer Zeit nicht gehalten weiden konnte, zu der Anklage zusammen, daß Deutschland nicht zahlen wolle. Dieser Vorwurf darf nicht wieder­kehren, um keinen Preis! Daraus folgt zugleich, daß die Reichsregierung kein Angebot der Unterwerfung oder der Aufgabe des passiven Widerstandes machen kann. 2Ibcr im Rahmen ihrer Grundsätze ging die Regierung einen folgerichtigen Schritt weiter, indem sie über die Erklärung der Zahlungsbereitschaft hinaus schon in der Reichs­tagsrede des Reichsministers des Auswärtigen vom 16. 4. die Konturen deutlich abzeichnete, die für uns bei der Lösung der Reparationsfrage in Betracht kommen. Wenige Tage später trat ein außenpolitisches Ergebnis ein, daß uns in Erwä­gungen eintreten lieh, ob es nicht richtig fei, einen Schritt weiter zu gehen, indem an uns von außen her die Aufforderung erging, unsere Stellung zur Reparationsfrage klar zur Kenntnis der Welt zu bringen. Es war nicht leicht, sich zu diesem Entschlüsse durchzuringen, denn Hemmungen verschiedener Art standen dem entgegen, psychologische, praktische und tech­nische. Trotzdem wagten wir diesen Schritt, um abschließend zu sagen, was wir als ehrliche Män­ner können und wollen. Was wir in der Rot vor­geschlagen haben, hält sich grundsätzlich im Rahmen der bisherigen Regierungserklärungen.

Sie finden in der Rote drei Fragen dem LösungsveZuch entgegengeführt: die Frage der Reparationen, die Frage des wirtschastlichen Aus­gleichs der Kräfte, insbesondere zwischen Frank­reich und Deutschland, und die Frage der politi­schen Sicherheiten für beide Länder. Was die Reparationsfumme anlangt, so haben wir erneut versucht, zahlenmäßig eine Abgrenzung für unsere Verpflichtungen zu finden. Dieser Versuch war schwerer, als jemals zuvor, aus Gründen, die vor allen Dingen in der fortgesetzten, nicht be­rechenbaren Wertminderung im besetzten und im Einbrmchsgebiete und damit für die gesamte Wirt­schaft bestehen, ferner in der beträchtlichen Summe, die zum Ausgleich all des Un­rechtes, das dort Menschen und Sachen zugefügtwurde, erforderlich sein wild Trotz­dem hielten wir uns im Rahmen derjenigen. Ziffern, die in Paris vorgeschlagen waren. Wir

wählten erneut als Ausgangspunkt der Verhand­lungen die 30 Milliarden Goldmark, die durch Anleihen ausgebracht werden sollen. Die Berücksichtigung der genannten Minderungen muh sich automatisch im Verhalten des internatio­nalen Kapitalmarktes und dem in unserem An­gebot eingefügten elastischen Faktor auswirken. Die Notwendigkeit einer Erholungsfrist, eines Moratoriums von vier Zähren ist organisch dadurch eingebaut, daß die Zinszahlungen der ersten vier Zähre dem erzielten Anleihebetrage entnommen werden sollen. Die Schuld von 30 Mil­liarden wird schwer auf uns lasten. Sie bedeutet! eine jährliche Leistung, die schon bei einem Mindestsatz von 5 Prozent und 1 Prozent Amorti­sation allein für 20 Milliarden 1,2 Milliarden, für zwei weitere Tranchen von je 5 Milliarden mindestens je 0,3 Milliarden, im ganzen also 1,8 Milliarden kosten kann, wobei ich Anlaß habe, zu besorgen, daß wir mit einem Zinssatz von 5 Prozent bei der Begebung von Anleihen nicht werden auskommen können. Die Sachliefe­rungen, soweit sie durch den Einbruch unterbrochen waren, sollen wieder ausgenommen und ihr Gegen­wert auf unsere Schuld angerechnet werden.

Der Reichskanzler erwähnte dann den Cven- tual-Dorschlag, das gesamte Reparationsproblem einer von jeder politischen Einwirkung u n a b - gängigen internationalen Kommis­sion zu unterbreiten und fuhr fort: Wir wollen unter allen Umständen, dah das, was wir zu­sagen, auch erfüllt wird. Wir sind bereit, für die Beträge, die wir im Anleihewege er­halten, jedwede wirtschaftliche Sicherheit zu stellen.

Sie wissen, dah alles, was dem Reich und den Ländern gehört, Eisenbahn, Zölle, Einnahme­quellen aus Steuern traft des Vertrages von Versailles der Gegenseite verpfändet ifL Wir gehen aber darüber hinaus. Wir wollen und wir werden es durchführen, dah darüber hinaus auch die deutsche Wirtschaft, Industrie, Landwirtschaft, Handel und Finanz mit ihren gesamten Kräften sich bereitstellen, und zwar in konkreter, nötigen­falls im Wege der Gesetzgebung formulierter Form, für die Sicherung der Anleihen, die wir auf dem Weltmärkte erhalten. Die Rote konnte nicht konkreter fein, denn solange das An­leihekonsortium nicht befiehl, können wir nicht sagen: Diese oder jene Werte werden wir bereit® stellen, insbesondere wenn es sich da um Werte handelt, die noch im Vertrag von Versailles ver­strickt sind. Rur im Wege der Verhand­lungen von Mann zu Mann kann ge­funden werden, was dem andern eine genügende Sicherheit zu fein scheint. Aber wir werden in der Erfassung der gesamten deutschen Wirt- fchaft mit der durch das Gesamtinteresfe gebotenen Rücksichtslosigkeit Vorgehen. Der Betrag von 30 Milliarden wird vielleicht der Welt zu gering erscheinen, weil sie vergißt, was für eine un­geheure Leistung bereits Deutschland aufgebracht hat in einer Zeit schwerer wirtschaftlicher Röte, in einer Zeit der Umstellung des politischen Systems, in einer Zeit nach einem verlorenen Kriege, in der wir die Ernährung und das Leben des Volkes nur mit größter Mühe haben sicher- siellen können. Die bisherigen Leistungen bestan­den, abgesehen von den Barzahlungen, in der Ab­tretung von Reichs- und Staatseigentum in vor­mals deutschem Gebiet, Abtretung der Saar- gruben, Abgabe von Sisenbrhnbetriebsmaterial. Der gesamten Ueberseehandelsflotle. von Binnen­schiffen, von deutschem, ausländischem Eigentum, in der Lieferung von Kohlen und Koks und! vielem anderen an unsere Vertragsgegner, Lei­stungen, die ohne die Wertverluste unserer Ab­rüstung, ohne die verlorenen Werte von Elsah- Lothringen und unsere Kolonien nach den ge­ringsten deutschen Berechnungen 43 Milliar­den Goldmark betragen und deren genaue Feststellung wir jederzeit dem Urteil internatio­naler Sachverständiger zu unterstellen bereit sind. Wer wagt demgegenüber noch zu be­haupten daß Deutschland nichts ge­leistet hätte oder dah Deutschland nichts leisten wolle? Selbst während der Zeit der Ruhrbesetzung und der Besetzung weiterer deutschen Landesteile hat Deutschland in der Einlösung der be lgi - schen Schahwechsel das getan, was es zugesagt hatte. Deutschland wird aber zur Abtragung der schweren Lasten nur fähig sein bei Wieder­herstellung seines Kredits und feiner inneren finanziellen Ordnung. Dazu zu tun, was an uns liegt, sind wir alle entschlossen. Die Wiederherftellung dieser Ordnung liegt zugleich im Interesse Frankreichs und Deutschlands, denn ohne sie werden wir keine Anleihe in der Welt erhalten. Rur im Wege der Anleihe können wir die Mittel zur Zahlung der Reparations- fummen beschaffen, und daher hat Frankreich das Interesse, uns von außen her in Ruhe zu lassen, damit wir auch im Innern zur Ordnung kommen. Die Voraussetzung für jede Anleihe ist nach allaemeinem Urteil die Forderung der wirtschaftlichen Gleichberechtigung und die Sicherheit gegen politische Pfänder. Wir wissen, daß in Frantteich kein starker Wunsch und ein starkes Bedürfnis besteht zum Ausgleich der Wirtschaftsinteressen zwischen Frantteich und Deutschland. Eine solche Ver­ständigung wäre zustande gekommen, wenn nicht Frankreich jede Annäherung und Besprechung darüber abgelehnt hätte, und vielleicht wäre da­durch zugleich die Brücke geschlagen worden zur Lösung der Reparationsfrage. Auch heute noch wird die deutsche Wirtschaft sich einer franzö­sischen Zusammenarbeit nicht entziehen, well wir wissen, daß Frantteich immer noch vor der Sorge deutscher Angriftsabsichten steht. Wir wollten auch die Frage der politischen Sicher­

heiten für Frankreich und Deutschland nicht an- erörtert lassen! für Frankreich und Deutschland, denn wtt sind es unserem Volke nach den Ereignissen der letzten Monate schul­dig, ihm die Sicherheit fried­licher Arbeit In gleicher Weise zu garantieren tote den andern. Sie willen, daß wir diesen Gedanken bereits vor dem Einfall ins Ruhrgebiet aufgenommen hatten. Wir hatten diese Vorschläge diesmal in einer allgemeineren Form wieder aufgenommen, in der Form, daß wir bereit sind zu jeder friedlichen Vereinbarung mit Frankreich die auf Gegenseitigkeit ber tht, und daß wir bereit sind, alle Streitfragen dem Schiedsgerichts- oder Vergleichsverfahren zu unterstellen. Das ist alles, was wir in dieser Frage tun können, und um den 'Beweis zu liefern, daß wtt nicht den Krieg, sondern den Frieden wollen. An der alsbaldigen Herstellung des Status quo ante hat auch Frankreich das allerdringeirdste eigene Interesse. Es muß den R u h r e i n f a 11 finanzieren in einer Zeit, wo die ganze Welt unter den Rachwehen des Krieges leidet, wo die wirtschaftlichen und finanziellen Beziehungen zwftchen den Staaten gelitten haben In einer solchen Zeit sollte jeder der einzelnen Staaten zum Wiederaufbau der Welt beitragen. Ich erinnere an die ungeheure Tatsache, dah sich die Besehungskosten in den vier Zähren rrach dem Kriege auf 4,5 M i lliarden Gold- mark belaufen haben, also mehr als früher Deutschland für seine gesamte Heeresmacht und seine Marine in bemfelben Zeitraum auf- gewendet hat. So vernichtet jeder Tag Werte um Werte, die zugleich der Repa­ration entzogen werden, lind wenn der jetzt von uns beschrittene Weg nicht zum Ziele führt, wird die Wertverminderung fortschreiten. Wir sind bereit, der Zerstörung Ein - halt zu tun, aber wirsind auch bereit, bis zum letzten Rest unserer eigenen Kraft auszuhalten, was den Tod jeder Reparation bedeuten würde. Wir sind da^u bereit, weil wir wissen, daß, wenn unsere Vorschläge nicht als Verhandlungsbasis angenommen werden, der Wille des andern nicht auf Reparation, sondern auf Annektion ober Zertrümmerung abzielt und dah es sich für uns alle um Sein oder Nichtsein handelt. Wir hoffen auf die Erkenntnis bei? Welt, baß ber Konflikt an ber Ruhr ein Wahnsinn ist, nicht nur für ble Beteiligten, svnbern zugleich für bic ganze Well, lind so senden wir die Rote ab mit dem Wunsche, bah sie zu offenen, freien Verhanblungen führe, benn wir haben unsere Lage bargelegt unb wollen uns zu einer Leistung bef ernten, bie bis an bie Grenze unseres Könnens geht. Aber so lange ber Ein­bruch uns dazu nötigt, soll auch unser Widerstand nicht erlahmen,'damit wir das Vaterland unseren Kindern erhalten.

Der Reichskanzler gedachte sodann derer, bie in Opfermut unb deutschem Sinn an ber Front ausharren, warnte vor Tlnbesonnenheiten, die die innere Ordnung stören würden und ermähnte das ganze Volk, an bie Gesamtheit zu denken unb schloß: Die Welt hat bisher dem Zwist wie einem Schauspiel zugesehen, ohne sich sonberlich dafür zu interessieren. Wir haben sie nochmals aus­drücklich und in aller Form vor die Frage gesteift: Will sie den Frieden ober will sie die Fort­dauer eines Konflikts, der zu un­übersehbaren Ereignissen führen kann. Die Welt hat bas Wort !

Der Eindruck der deutschen Note.

Die Ausnahme in Frankreich.

Paris, 3. Mai. (WTB.) Die d e u t s.ch e Reparationsnote wird von der Pariser Presse scharf kritisiert, in ihrem Inhalt von den meisten Blättern abgelehnt. Jedoch wird die Frage, ob die Note eine Diskussions­grundlage abgeben könne, im allgemeinen nickt verneint.

L o n d o n, 3. Mai. (WTB.) Eine Reuter­meldung aus Paris besagt, da der Inhalt der deutschen Note die bereits darüber ver­öffentlichten Gerüchte bestätige, könne als sicher angenommen werden, baß die französi­sche Regierung die deutschen Vorschläge als vollkommen unannehmbar als BerhandlungS- grundlage ansehe. Bon amtlicher Seite in London wird erklärt, es könne vor eingehen­der Prüfung der deutschen Note nicht dazu Stellung genommen werden.

Stimmen ans England.

London, 3. Mai. (WTB.) Reuter mel­det: Zuständige britische Kreise sind nicht geneigt, sich über das neueste deutsche Angebot zu äußern. ES liegt kein Anzeichen dafür vor, ob Großbritannien dos Angebot als eine vernünfttge Grundlage für eine Erörte­rung ansieht oder nicht. Die brittsche Regie­rung wird sich nach sorgfälttger Erwägung der Note mit der französischen, belgischen und ita­lienischen Regierung in Verbindung setzen, um deren Auffassungen festzustellen, selbstver­ständlich unter der Voraussetzung, dah Frank­reich nicht sofort eine Crllärung abgibt.

Amerikas Haltung.

London, 3. Mai. (WTB.) Reuter mel­det aus Washington: Cs besteht kein An­zeichen dafür, dah das Staatsdeparte­ment beabsichttgt, eine Erklärung über die deutsche Note abzugeben, die sehr sorgfälttg geprüft werden wird. Die Beamten des