Nr. 126 Zweites Blatt Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhchen)Mittwoch, 51. Mai 1922
Fortsetzung der Aussprache im Reichstage
Abschied von Obrrschlesien.
Berlin. 30. Mai 1922.
Aut der Tagesordnung steht das deutsch- polnische Abkommen über Oberschle- 11 e n. Die Sitzung kennzeichnet sich schon äutzer- lich als Kundgebung der Trauer über die Los- r.ühung eines grof)en Teiles von Oberschlesiev. Die Flaggen des Reichstages wehen aus Halbmast. im Saale, gegenüber dem Präsidentcnplahc, i;üngt das weitz-gelbe Danner Schlesiens mit t-cm schwarzen schlesischen Adler, der mit Trauerflor umsäumt ist.
Die erste Beratung wird ohne Aussprache erledigt. In der zweiten Lesung berichtet Abg. Koetsch (Dntl.) über die Aus'chubberatung. Die von der Entente diktierte Lösung der ober- schlesischen Frage ist von allen Parteien als ein Bruch des Friedensvrrtrages bezeichnet worden, gegen den feierlicher Protest eingelegt worden ist. Der Ausschuh beantragt die von Dr. Schisser in (Jens und die vom Reichs rat ausgesprochene Rcchtsverwährung gegen die LoSreihung Ober» fchtesienS zu wi^ercholen. lBeisall.)
Reichskommissar Dr. Schisser führt aus: Der Vertrag sei natürlich kein vollkommenes Instrument, wie es überhaupt unmöglich sei, die dem deutschen Dvlkskörper durch Gewalt zugefügte Wunde durch juristische Instrumente zu heilen. Mit der Unterzeichnung könne die Vergangenhell nicht ausgelöscht werden. Diese Unterzeichnung bedeute keinen Abstrich von unserer Rechtsverwahrung. (Beifall.) Dr. Schiffer schildert noch einmal das Zustandekommen der Teilung O6er- IchlesienS und betont, dah nicht über alle diese Dinge Gros wachsen dürfe. Der Gedanke der Völkerversöhnung und des Friedens dürfe nicht baxu benutzt werden, aus Unrecht Recht zu machen und als Deckmantel für krasse Gewalt zu dienen. Wir rufen den losgerissenen Volksgenossen zu: rfüllt Eure Staatsbürgerpflicht unter der polnischen Regierung, aber ungeachtet dieser Pflicht lönnt Ihr Euer deutsches Leben weiterführen nicht nur in wirtschaftlicher, sondern auch in kultureller und ideeller Hinstcht. Arbeitet weiter, aber bleibt auch im fremden Lande gute Deutsche. (Lebhafter Beifall.)
Adg. S c z e p o n i k - Oberschlesien (Ztr.) spricht im Rennen der losgerissenen deutschen Bevölkerung Wocte des Abschieds. Wir buben au8 Da crlanbf ltcbe und Recht f.rrn für Deutschland < estimmt. Der Vollerdu d.rat hat ti: Summe der deutschen Meh.heit mstachtet und den lebendigen einheitliche . Organismus Obeisch e iens zerrissen. Heber 400 000 deutsche Bewohner sind durch eine willkürlich gezogene Grenze zu pol- ^fchen Staatsbürgern gemacht worden. Wir werten unsere S aetsbürgerpflicht erfüllen, aber unser deutsches Volkstum werden wir nicht aifgebrn. Die Zugehörigkeit zum deutschen Volkstum tann uns kein Mahtspruch aus dem Herzen reitzrn Stürmischer B.ifall.)
Abg. Okonsky lS^z.) etnärt die Zustlln- » ung der sozialdemok-.a.ischen Fraktion zum Ab- ommen, er schließ sich dem Protest gigen d:e Losrei' mng Oberschlei iens an und versichert unter lebt,'Ottern Beifall, dach auch iie zu polnischen Staatsbürgern gewordenen Oberschieier sich tote vorher mit dem deutschen Volt verbunden fühlen würden.
Abg. Hlihka (Ztr.): Das Zentrum wird tut das A kommen stimmen und wiederholt bei üeser Gelegenheit den entschiedenen Protest ge° ten die Tellung Oberschlesiens. Sie ist juristisch ein Rechtsbruch, politisch eine Torheit und wirt° schafUich ein Verbrechen.
Reichskanzler Dr. Wirth spricht in kurzen Ausführungen den Dank 7>?r Reichsregierung für die Arbeit der deutschen ülnt<rl>ändler in Genf aus. Der Dank gebühre insbeso>idere den Herren Schiffer. Lewald und Dr. Simons. Sie alle ixittcn sich von dem Gedanken leiten lassen, datz in Mitteleuropa genug Ruinen geschaffen worden sind und baj es jetzt gelte, dieses Mitteleuropa vor der Zerstörung und dem Zusammenbruch zu retten. Gegenüber der brutalen Gewalt, die während der polnische!' Aufstände verübt wurde, hätten sich die oberschles sichen Mämicr mit zäher Ausdauer mb mit gitem Recht, die heimatliche Erde zu verteibigen. zur Wehr gesetzt, Riemand könne ihnen da> verwehren. Dec»Kanzler ehrte das Andenken der Gefallenen. In Zukunft toll der Friede in Obecschlesien und der Gedanke der Verständigung in ganz Mitteleuropa herrschen
Er bittet, das Gesetz anzunetmen und damit auch dem oberschlesischen Volke, da! keine Katastrophe wolle, nicht neue Rumen, sondern den Frieden zu geben, (ßebtafter Beifall.)
Abg. Frau Senner (ÜISP.) protestiert gegen die Teilung Oberschlesiens, weil über die Menschen, wie über Ware verfügt worden ist. Sie lehnt jeden Imperialismus ab und macht die deutsche Regierung für die Schaffung des Königreichs Polen verantwortlich. Die Rednerin stimmt dem Wkommen zu, lehnt aber die Rechtsverwahrung ab.
Abg. Hergl (D.-R.) lehnt den Vertrag aus grundsätzlichen Bedenken ab, stimmt der Rechtsverwahrung zu und schlieht unter lebhaftem Beifall der Rechten mit der Versicherung, das deutsche Voll werde nicht ruhen, bis der geraubte Teil des auf ewig ungeteilt und deutsch bleibenden Landes Oberschlesien toieber mit der deutschen Heimat vereinigt sei.
Abg. Rheinbaben (D. Dp.) lehnt den aus t-cm Diktat der Dotschafterkonferenz entstandenen Genfer Vertrag ab und schliefst mit der Aufforderung an die losgerissenen Oberschlesier, fest zu bleiben in dem Glauben an den Tag der Wiedervereinigung mit dem deutschen Doll.
Abg. Pohlmann (Dem) wiederholt die feierliche Rechtsverwahrung seiner Partei gegen die Sr^scheidung der Botschafterkonferenz und dankt der losgerissenen Devöllerung für die Deutschland bewiesene Treue, welche übet die staatsbürgerliche Trennung btnauibauern würde.
Abg. Emminger (Dayr. Vp.) gibt eine ähnliche Erklärung ab.
Abg. Höllein (Komm.) erklärt, den deutsch- nationalen Rummel nicht mitzumachen, worauf die meisten Abgeordneten der Rechten den Saal verlassen. Der Redner lehnt den Genfer Gewaltvertrag ebenso ab, wie seinerzeit den Versailler RaubverttV.
Das Abkommen wird in zweiter und dritter Beratung mit Zweidrittelmehrheit gegen die Stimmen der Rechten und Kommunisten angenommen.
Präsident Loebe widmet nach Feststellung der Annahme Worte der Trauer über den Verlust Oberschlesiens, die von den Abgeordneten und den Regierungsvertretern stehend angehört werden: nur die Kommunisten und Unabhängigen bleiben sitzen. Der Präsident schlieht mit den Worten: In Rot getrennt, in Treue vereint, unvergänglich soll diese Treue hüben und drüben fern; unvergänglich auch die Rechtsverwahrung, welche die deutsche Regierung gegen die Teilung Oberschlesiens eingelegt hat. (Lebhafter Beifall.)
Rach debatteloser Annahme der mit dem Vertrag zusammenhängenden Rechtsabkommen wird nach 1 Uhr die DorrnittagSsitzung geschlossen.
223. Sitzung, nachmittags 2 ülhr.
Aus der Tagesordnung stehen zunächst Anfragen.
Abg. von Schoch (D. Dp.) fragt, ob ein int ^Vorwärts" erschienener Bericht über Er- lchiehung eines deut chen Arbeiters Wagner in Bcbenheim a. Rh. durch einen französischen De- Mtzungssoldaten richtig sei.
Ein Dertreter der Regierung bestätigt die Richtigkeit der Meldung. Der Täter sei zu fünf Jahren Gefängnis verurteill worden. Wiederholt habe der deutsche Botschafter die Rechtsansprüche der Hinterbliebenen betont. Sine Antwort der deutschen Regierung stehe noch aus. Ms zur Erledigung der Rechtsansprüche werde für die Hinte bliebenen nach deutschem Rechte gesorgt.
Auf eine Frage des Abg. Most (D. Dp.) über Tötung eines dreizehnjährigen Mädchens durch einen belgische^ Gendarmen in Duisburg teilt ein Regierungsvertreter mit, dah der Täter zu sieben Jahren Zuchthaus, Degradation und einer Geldstrafe verurteilt worden sei.
Sodann wird die
Aussprache über Genua
fortgesetzt.
Abg. Ho et sch iDnll.): Die deutsche Reichs- regierung vehandell leihet das Reparationsproblem in anderer Weise wie die Genueser Konferenz, weil sie uns über ihre Absichten bei den •Parifcr 'Verhandlungen im Unflaren lässt. Das ficht so aus, als wenn sie nicht den Wut hätte, ihre Absichten vor dem Reichstag zu vertreten. Wir stellen deshalb folgenden Antrag: „Der Reichstag mihbilligt. dar. die .Reichsregierung I bei den Verhandlungen über die Reparations
frage in einer Welle verfährt, die nicht mit den Rechten und der Verantwortlichkeit des Reichstags vereinbar ist. Unter diesen Umständen versagt der Reichstag der Regierung das nach der Dersa^ui'g ctforbrr.iche D?rt auen." (Veil, rechts ) Es hat bei den Verhandlungen sowohl an der Fühlung mit dem Reichstag, sowie auch an der Fü! lang zw.schen den d feinen Regierungsstellen gefehlt. Es ist nicht wahr, dah die Inflation durch die Mitzwirtschafl verursacht ist: sie kann nur durch ein Herabseyen der inerträglichen RrpnrationSlasten ei g schränkt werden. Die Regierung hat erklärt, dah die Steuerleistung nicht noch weiter angespannt werden tonne. Wie steht es mit den Abmachungen in Paris? W»r haben auch noch nichts gehört über den eigentlichen Zusammenhang zwischen Anleihen und Reparationen. Aber dir Verpflichtungen von Eannes sollen bestehen bleiben und damit der für uns so verhängnisvolle Zusammenhang zwischen Goldzah'ung und Teuertng. Wir protestieren gegen die Revorationsabmachdingen in der Richtung, wie sie dort in Parts ein- geschlagen worden worden si -d Goldzahlungen sind für uns unmöglich. Die Regierung aoer ist bereit, auch jetzt wieder unerfüllbare Verpflichtungen zu übernehmen. Das lehnen wir ab undsprechen derRegierung indieser Frage unser schärfstes Mihtrauen aus. Den Abschluh des Rapallovertrages halte ich persönlich für richtig und zweckmätzig, tedoch darf die Ostgrenze für die Oft;aben nicht noch weiter geöffnet werden. Wir verlangen von der Regierung Aktivität in der Frage der Klärung der Kriegsschuld, vor allem aber in der Frage der Reparationen.
Die Abstimmung über das Mihtrauensvot im wird auf Mittwoch zwischen 12 und 1 Uhr zi- rückgestellt.
Abg C r i s p i e n (USP.) macht den deutschen Kapitalisten unter lebhaftem Protest der Dolkspartei den Dvrwurf, sie wünschten selbst eine Besetzung des Ruhrgebiet-es. Gegen den Rapallovertrag hat der Redner nichts einzu- wenden, mihbilligt aber die Methode bei seinem Abschluh.
Abg. Dr. Decker (Bahr. Dp.): Wenn das Mihtrauensvotum der Deutschnationalen die Regierung verhindern sollte, überhaupt in Paris zu verhandeln, so wäre ein solcher Eingriff in die schwebenden Verhandlungen ein ungewöhnliches Verfahren des Reichstages. Seine Partei behalte sich ihre Abstimmung vor, bis sie Rarer sehen forme. Seine Partei stehe dem Rapallo- oertrag nicht ohne Bedenken gegenüber, die sie bei geeigneter Gelegenheit vorbringep werde. Von Ruhland aber müsse man verlangen, dah es nunmehr normale Rechtszustände schaffe und die bolschewistische Propaganda in Deutschland cin- schränke. Auch gegen die Methode der Pariser Verhandlungen seien manche Bedenken vorzubringen. Die Zwangsanleihe decke doch nur in diesem Jahr einen Teil der Leistungen und eine weitere Zwangsanleihe oder eine innere Anleihe sei doch wirtschaftlich unmöglich. Auch die steuerliche 'Belastung des beutfdjen Volkes sei das Höchstmaß dessen, was der deutschen Wirtschaft zugemutet werden könne. Die von der Regierung gegebenen neuen Zusagen formten zudem bai Vertrauen zu der Regierungserklärung nicht stärken. (Zurufe bei den Unabhängigen: Sie wollen alle die Ruhrbesetzung!) Wer- die Leiden der Besetzung kennt, betet immer: Gott erlöse uns von dem UebeL Trotzdem wäre vielleicht diese Lösung noch dem jetzigen System vorzuziehen, wo eine Erpreffung der anderen folgt Jetzt sei der günstigste Moment um das Reparationsproblem aufzurollen und die Aufhebung der unberechtigten Besetzung von Düsseldorf. Duisburg und Ruhrort zu verlangen. Amerika werde hoffentlich seine wichtige Stimme dafür erheben.
Abg. Dr. Dernburg (Dem), lieber die Pariser Verhandlungen sind die Parteien von der Regierung eingehend unterrichtet worden. Wer hier aus lieber Gewohnheit ein Mihtrauensvotum mit angeblichen Verstößen gegen das parlamentarische System begründen will, der kennt das parlamentarische System nicht Redner begrübt den Rapallovertrag, der dem Geist von Genua entspräche, von dem aber bei den übrigen Mächten r«ht wenig zu spüren war. Da die Be^ dingungen für bje Anleihe nicht vom Schuldner, sondern vom Gläubiger gemacht werden, müssen wir uns auf schwere 'Hchtngungen gefaßt machen. Jedenfalls muh für eine langfristige Anleihe, da uns eine kurzfristige nichts nützt, erst die Grund
lage durch eine Reu Ordnung des Reparationsproblems geschaffen werden. (Beifall )
Abg. Böhm -Dayr. Dpt) begrübt den Abschluß des Rapallovertrages und stimmt dem Reichskanzler darin zu, dah die Politik dec Termine endlich auf gegeben werden müsse.
Abg. Fröhlich (Komm.) Die von Minister Dr Hermes in '^aris gemachten Vorschläge veranlassen unS, der Regierung das ichärsste Mitz- trauen auszusprechen. Diese Politik liefert die deutsche Arbeiterschaft vollständig dem deutschen Kapitalismus aus.
Abg. Iäcker (Svz.) gibt im Ramen der Abgeordneten für die Kreise Düsseldorf-Ost und -W-est als Vertreter des infolge der Sanktionen von Frankreich besetzten Gebiets eine Erklärung ab, welche gegen die Fortdauer der Besetzung Protest erhebt, nachdem die wirtschaftlichen Sanktionen nach der älnterzeichirung des Londoner Ultimatum^ im wesentlichen aufgehoben seien. Rach 14 Monaten bestehe in diesem sehr bedeutenden Industriegebiete der von einer fremden Macht ausgeübte militärische Belagerungszustand. Die Rech'.sgarantien feien aufgehoben: das Rheinlandsabkvmmen habe für dieses Gebiet keine Gültigkeit. Alle Macht ruhe in den Händen des jeweiligen Truppendes, hlshabers. Aus die Dauer seien diese Zustände für die Devöllerung unerträglich, umsomehr als es sich nicht um ein abgeschlossenes Gebiet handle, sondern um einen Teil des icheinisch-w st ä i chen Industriegebietes Formell müsse festgestelll werden, dah diese Sanktionen auf kein Recht und keinem Vertrag sich stützen und sie der Ausdruck nackter Willkür und militärischer Gecvalt seien. An die Völler der Ententeländer richtete er den Appell, dafür zu fergen, dah die mit den in Genua verkündeten Prinzipien in schroffstem Widerspruch stehenden Sanktionen umgehend aufgehoben werden.
Damit schlieht die Abendsitzung. Mittwoch 11 Hfrr Abstimmung über das Mihtrauensvotum und Kleine Anfragen. Schluh 8 älhr.
Aus dem Amtsverkuudigungsblatt.
" Das Arntsverkündigr^ngsblatt Rr. 67 vom 30. Mai enthalt: Bezeichnung der Kreisvermessungsämter. — Abänderung der Fleischbeschauordnung. — Erwerbslosenfürsorge. — ilnfallDerbütung, hier: Aufbewahrung und Vertrieb von Knallkörpern. — Aufstellung der Gemeinde-, Mark- und Stistungsvoranichläge für 1922. — Vergütungen für die stundenweise beschäftigten Handarbeitslehrerinnen. — Handelserlaubnis für Wein. — Walzarbeiten. — Tanzbelustigungen und sonstige Lustbarkeiten an den Pfingst- feiertagen. — Dienstnachrichten. — Feldbereinigungen Aliendors a. d. Lahn.
Wegen Vornahme von Walzarbeiten wird dieOrtsdurchfahrtGöbelnrod vom 31.Mai ab für den Durchgangsverkehr gesperrt. Die Straßensperre , Londorf-Kesselbach" ist wieder aufgehoben worden.
In der Gemeinde Rockenberg (Kreis Friedberg) ist die Maul-und Klauenseuche amtlich festgestellt worden. Die Gemeinden Griedel, Oppershofen und Münzenberg wurden zum Deobachtungsgebiet erklärt. In der Gemeinde Hain-Gründau (Kreis Büdingen) ist die Maul- uni) Klauenseuche ausgebrochen. Die erforderlichen Sperrmnhnahmen sind angeordnet.
Karl Albach aus Hattenrod wurde zum Kommandanten und Heinrich Stumpf III. au« Hattenrod zum Stellvertreter des Kommandanten der Pflichtfeuerwehr zu Hattenrod ernannt und verpflichtet.
Karl G ä r t h aus Allendorf ad. Lahn wurde zum Mitglied des Wiesenvorstandes der Gemeinde Allendorf a. d. Lohn ernannt und verpflichtet.
Dermiscktes.
' Die Deutsche Gesellschaft für Kaufmanns-Erholungsheime Ferienheime für Handel und Industrie (Sitz Wiesbaden, hat, tote aus ihrem Geschäftsbericht für 1921 hervorgeht, im letzten Jahre eine besonders 'chnelle Weiterentwicklung aufzuweisen gehabt. Richt weniger als 8 grobe Häuser gingen in den Besitz der Gesellschaft über, so dah Im Berichtsjahre insgesamt 21 Heime in Betrieb waren, in denen 21511 Personen mit 316938 Verpflegungstagen Aufnahme sanden. Durch die neuen Häuser hat die Verteilung der Heime über ganz Deutschland eine so glückliche E^gän- auiig erfahren, dah jetzt von allen wichtigen In- dustrieplätzen und von allen deutschen Grohstädten
DieSakramenLshex.
Roman von Marte Kcrschen st einer.
(Rachdruck verboten.)
(Schluh.)
„Sr lügt!“ rief sie frohlockend und hielt den Dauern ihre ausgespreizten Hände hin. „Stc Hand' haben's getan! Mit Lust und mit Fielst!'
Sie sagte es selbst, wer mochte da noch zweifeln, Im Ru fühlte sich Lene ergriffen. Sie rissen ihr das Mieder mit einem Rua vom Leib. Da holte sie mit der Faust mächtig zum Schlag aus.
.Wer die Hex anrührt, den zeichnet die Hex!“ schrie' sie in wilder Entschlossenheit
Die Mch.zahl der Dauern entzog sich der geschwungenen Faust und Len funkelnden Blicken der rasenden Frau. Selbst die Mutigeren wagten nicht mehr, sie zu berühren, aus Angst vor ihrer .bösen Macht". Sie begnügten sich damit, der Vordringenden ihre vierschrötigen Leiber ent» gegenzustemmen. Brust an Biust mit den Widersetzlichen gewann sie die Kirchentür.
Erst jetzt besann sie sich. Mit Schrecken gewahrte sie, dah die Mauer ihres Herzens in Trümmern log! Wo war Heiner! Dort stand et, von ihr toeggebrängt, unfähig, den Lauf der Geschehnisse weiter zu hemmen.' Der schmerzlichste Vorwurf stand auf seinem Gesicht. In Trümmer geschlagen sah er Hoffnung und Glück. Sein ganzes Leben vernichtet. Wortbrüchig und pflichtvergessen erschien er durch fui So sah er es in diesem Augenblick, der ihn ungerecht machte, indem er nur ihre Schuld sah und darüber die feintge und die der 'Bauern aber vergast Sie hatte das Opfer, das einzige, nicht gebracht! Sein gekränkter Mannesstolz verbot es ihm, li: Hand zu ergreifen, die Lene ihm jetzt hinhielt: .Komm, Heiner, vor die von neuem der Hafer sticht!"
Mil einem flammen Kopffchülieln wies er sie ab Ilnb Lene erfasste es mit einem Blia, Latz Las Zauberband zwischen Heiner und ihr zerriffen war. Einen Herzschlag lang erfatzte sie schwindelnd den Türpfosten Dann aber rafft: sie sich zusammen. Die hatte es gewutzt, bah das Wunder sterben mutzte im Dors, wo der Hatz zu Hause war ! Hub ihr Gefühl wandte sich gegen den Man", der sie gezwungen hatte, das Dors wieder zu betreten. Jetzt wartete sie, bah alles Gute in Böses sich verkehren würde ilnb sie hatte nur mehr den einzigen Gedanke:', ihr Büv» lein zu retten vor einer grofjan Gefahr.
Das schneidende Leid pretzte ihr ein gellendes Derzweillungslachen aus dem Hale, dann nahm sie die Rocke zusammen und jagte den Hügel hinab in den Wald hinein, ohne eines Gedankens Spur, nur dem wllden Angstgefühl folgend das sie führte Ruch langer Flucht versagte ihr die Kratt. Za Tod erschöpft, lanr^te zu Boden. Sie lehnte den müden Kops an einen Zichtenstamm. Rur mit halbem Bewußtsein fühlte sie die Berührung einer ti,rigen Rinde, das Kühlende scines moosigen ^Icberzugs. Dann vergingen ihr die Sinne.
Das laute Deinen des Kindes rief sie wieder zum Dewu' tsein zurück. Erschrocketr sprang sie auf. Ihr Kick» hatte sie bergen wollen! Wohin? Gab es ein Obdach, bas sicher genug toarV Das Hüttle?! Es war Lin Schutz mehr, sie hatte es verraten. Ser Wald? Der bot Lin Dach, ilnb — horch — das Rascheln dort im Basch, das Knacken hier and dort . . .! War das die Rotte, die schon hinter ihr her kam? Es war nur ein Eichhorn, das vertraulich herbeihüpfte. Ilnb doch war's ihr, als ob im nächsten Augenblick rote Baue nHande sich aus dem Dickicht strecken mühten, ihr das Kind, bas Einzige, za entreißen! r ,. „
ilnb jetzt fragte sie nicht mehr: wohin? Ern innerer Drang zwang sie fort, einem Ziel entgegen. das ihr. verschleiert noch, vor bem Be
wußtsein stand. Als sich der Weg von neuem > umbcg, lag einer Offenbarung gleich, der Herze- j leidfee vor ihrem Blick. Jetzt tourte sie, nicht umsonst war sie diesen Seg gegangen: Sie Königin, die der bedrängten Mutter Helferin war. die hatte sie geführt! Eine grotze Ruhe kam über Lene, als sie am Ufer entlang ging.
Sämmetgraa schimmerte der Wasserspiegel. Aar da, wo die WaLdbäume über ihn weg sich die Avne reichten, lag blankes Schwarz. 2Bäb= renb das Wasser lei e za Lenes Fähen anlhielte, strebte sie dem jenseitiZen Ufer zu, das den See als zertlüfletes Felsgetein begrenzte. Sic betrat es and ging vis an die Stelle, wo es. eine schmale Landzunge bildend, tief in den See ejn- schnill In der Deinen Bucht, um die diese den Arm legte, noch weiter vorgeschoben gegen tu Seemitte, tagte ein abgesprengtes Fels stuck aas der Flat hervor. Es erhob sich schmalbasig über den Wasserspiegel and trug ein breiteres Platea i, caf dem ein dürftiger Strauch sein einsames T-asein führte. Es war bet Stein, am den dir La,-e ihren geheimnisvollen Mantel geschlagen hatte.
Lene matz den Abstand, der den Block vom Mutterfelsen trennte und übersprang mit einem Satz den Wasserarm. Sie setzte sich an den Rand des Gesteins, dahin, wo es zu stellst in die Dacht hrnabstieg. Ihre blotzen Fütze streiften fast das Gewässer, das tot and dunkel hier gefangen lag. Die lustigen Weilchen, die weiter d.autzen, vom Abeirdwind bewegt, über den See haschten, duckten sich scheuer, je näher sie dem düsteren Winkel entgegeng. drängt warben. Sch'-udernb zerrannen sie ichliesllich im Schasten der Bucht.
Mit zllternden Händen wickelte Lene das Kind aas den Tüchern. Mechanisch öffnete sie ihr Hemd and reichte dem Knaben die Brust. 3ieng fotzte er danach and trank in vollen Zügen. Seine feinen Gliederchen reckten sich wohlig, bie Beinchen strampelten in der Luft. Lene sand nicht den Mut. in die Augen z i sehen, die vertrauend
auf ihr ruhten. In hastigen Zügen trank der kleine Bursche, bis ihm die Kraft verging. Sann lieij er auf ahnend die Brust los. 'Die weitze Luv» stand noch auf seinen Lippen, toäiyreab ihm Ichlummerselig die Augen zufielen.
Mechanisch wickelte Lene ihr Kind wieder tw die Lappen. Wie im Traum kützte sie den kleinen Mand, der noch im Schlaf erinnerungsselig gespitzt war. Sie kützte das rosige Ohr, das würzige Rüschen, die runde Stirn. ÜTrendlicher Zärtlichkeit voll strich sie über das flaumige Haar.
Bilder der Vergangenheit fliegen schemen- gleich in ihr aas. Weit hinter ihr, in grauen Nebelschleiern, sah sie das frosterstarrte Heide- finb mit dem liebes mutigen Herzen. Weit hinter ihr lag auch bas Grab, in dem ihre Frauenliebe den Todesschlaf schlief Rur was in Lust mt Leib des Heidelindes treuester Freund a'Weser war, die fromme Märcherg äubigk.it, s lang euch jetzt erbarmend den Mantel um das, wuo wirklich war.
In leuchtenden Purpur verwanbelle sie den todbringenden Schlund und malle mit liebender' Hand tief auf dem Grund Bas BGd der Vers tn- lenen Königin. Traumimst schön sah sie zu Cene* empor: weit, tr ostreich breitete sie ihr bie Arme entgegen.
Silbern tönte es in Lenes Ohr . . . Warm's die Herzele-idtrünen der Königin? Rannen sie in den See, datz er leise, teile höher stieg? . . .
Oder war sie's, die lautlos nieberglitt . . .?
Kühle umloste ihren Leib . . . bettete das Änäblein in seinen Arm . . . deckte Lene zu und alles was leidooll war . . .
Die Wellchen des Herzeleidfees zerrannen. Heber dem glatten Spiegel wölbte sich die Rächt. Ihre Sterne bohrten sich in den Grand der tiefen Wasser, die zum zweitenmal ein Mutterherz au« 2eib und Rot erlöst hatten.


