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Montag, 26. Juni 1922

Erstes Blatt

172. Jahrgang

General-Anzeiger für Gberhessen

vruck und Verlag: vrtthl'sche Umv.-Vuch- und Ztetndnickerei H. Lange. Lchrlftleitung, Geschäftsstelle und Druckerei: Zchulstratze 7.

Annahme von Anzeiae» für die Tagesnummer oi» zum Nachmittag vorher ohnejede Verbindlichkeit. Preis für 1 mm höhe für Anzeigenv 34 mm'Breite örtlich 150 Pf..auswärt, 180 Pf.; für Rekl ame« Anzeigen von 70 mm Breite 500 Pf. Bei Platz. Vorschrift20* .Aufschlag. Hauptschristleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen TeÜ: Karl Walther; für den Anzeigenteil: Hans Bech, sämtlich in Giehen.

Ermordung des Reichsministers Rathenau

sich

unter der

12.20 Hhr tarn es im Sihungs-

die

sich

er­

höht wird.

Rathenau. Um faale zu einem

Hier drangen ein, entrissen

Handgemenge, deutsch vvlksparteiliche

icf)tD{crifl»

Republik!

Reichskanzler Dr. Wirth:

Wochen sind vergangen, da versammelt« in Genua die Vertreter aller Rationen, da

gemeinen Mord begangen haben, und inan wird bei aller Trauer, allem berechtigten Zorn über das entsetzliche Geschehen doch Zurück- haftung und Mäßigkeit sich auferlegen müssen, bis die Motive der Tater und diese selbst be­kannt lein werden. Solche LeibenschastSszenen. wie sie am Samstag und Sonntag im Reichs­tag und Landtag vorgekommen sind, wie sie eines tief empfundenen ..Kummers Kleid und Zier- verzerren, verschlimmern ,anz unnütz die politische Lage für a 11 c Parteilager. Wollte Gott, die schuldigen Mörder würden bald er­griffen werden! Die Tatumstände sind derart, daß man wohl hoffen darf, es werde gelin­gen, Licht in diese dunkle Sacke zu bringen.

Heber den Wert und btc Wirkungen der vom Reickspräsidenten erlassenen neuen Aus­nahmebestimmungen zum Schulz der Republi und ihrer Führer wollen wir unser Hrteil noch zurückhalten. Daß etwas geschehen durste und sollte, ist anzuertennen. denn die Leiden­schaften sind aufgewühlt, und ein Ausnahme­zustand besteht eben schon in unserem poli­tischen Leben nach einer so ungeheuren Frevel­tat. Wir sirck auch davon überzeugt, dah die Deutschnationale Bollspartei jetzt die Stunde gekommen erachten wird, vor verblendeten Auswüchsen des Parteifanatismus zu warnen, fofern dadurch die Gewissen abgestumpft, die

Sine tiefe Trauer über die furchtbare, ruchlose Tat legt sich über ganz Deutschland. Denn der ermordete Minister Rathenau war,

einem 1 8 jährigen jungen nach den Wandelgängen gebracht, sofort mehrere Personen auf ihn

bei dem der

reinen und erlaubten Waffen des politischen Kampfes beschmutzt und besudell werden. Die Wahrheit wird sich Bahn brechen, ohne Gewalttat und unlautere Mittel; ihr bestes 'Rüstzeug ist strenge Sachlichkeit und Selbst­überwindung im Drange der lodernden Zeil. 'Der Geist wird siegen über Gewalt, den Tau­mel und die Mache. Mnb der Reichskcurzler Dr. Wirth hat in der gestrigen ReichStagS- siyung sein Bestes gegeben, als er einenAppell an die Entente einleitete mit dem Satze, daß eS für ein Sechzigmillivnenvoll auf die Dauer unmöglich sei, unter der Herrschaft der Kom­missionen ein demokratisches Deutschland über­haupt leistungsfähig zu halten. Eins ist not­wendig, erstens, oah wir nicht eine Politik mit Ultimaten und Terminen erleben und zweitens, dah Deutschland von politischer Dik­tatur frei wird. Freilich, dah der Kanzler dann etwas unoermittelt aufbrausend damit schloß, der Feind stehe Rechts, beeinträchtigte wieder die Wirkung auf das Ausland und wird ihm auch im Innern nicht gerade neue Sympathien erwerben.

Der Hergang bei dem Mord.

B e r {i n, 24. Juni. (Wolff.) 3 Uhr nach­mittags. Rach neueren Feststellungen wurde Rathenau sterbend nach seiner Wohnung gebracht, wo er alsbald ver- tarb. Das Auto, aus dem der Mordanschlag )crübt wurde, ist angeblich nach der Stadt ge- ahren. Eine Rümmer konnte nicht festgestellt werden. Des weiteren wird bekannt, dah auf den Minister vier Schüsse aus einer Para- bellurnpistole abgefeuert wurden; außerdem wurde eine Handgranate ohne Zeitzünder ge­worfen. Das Auto fuhr etwa tausend Meter hinter dem Wagen des Ministers her. Zwei Personen sahen rm Fonds des Wagens, der Chauffeur vom. Die Schüsse sollen von dem größeren der beiden Männer, der links saß, abgegeben worden sein. 'Beide Personen sind b ar t l o S. Die Täter sind drei jüngere Leute von etwa 25 bis 30 Jahren. Sie tru­gen Lederanzüge, Lederkappen und Autvbril- len. Der Wagen ist ein dunkelgefärbter, vier­sitziger Privatwagen.

Berlin, 24. Juni. (Wolff.) Heber das Attentat erfahren wir noch von anderer Seite: Rathenau fuhr in Begleitung einer Dame in einem Privatauto, das von seinem Chauffeur gelenkt wurde, die Königsallee ent­lang in der Richtung auf Halensee. Aus einem vorbeikommenden Auto, das angeblich von drei jungen Leuten besetzt war, sollen meh­rere Schüsse abgegeben worden sein. Ra - thenauwarsoforttot. Die Leiche wurde nach der Wohnung tranSporttert. Rach einer weiteren Meldung soll nach Abgabe der Schüsse noch eine Handgranate geworfen wor­den sein.

Zeugenvernehmungen.

Berlin, 24. Juni. (Wolff.) Zu dem Attentat auf Rathenau wurden bereits einige Zeugen vernommen. Rach den Aussagen wurde der Minister um 10.50 Uhr ermordet. Die Täter, es sollen insgesamt vier Personen in Frage kommen, saßen in einem bläu­lichen Auto, das nach dem Attentat in der Richtung Schmargendorf davonfuhr. Sämtliche Insassen hatten Autokappen über die Gesichter gezogen, um sich so unkenntlich zu machen. Das Auto ist zuletzt 'm der Warm- brunncr Straße gesehen worden.

Eine MMon für Ergreifung der Täter ausgesetzt.

Berlin, 25. Juni. (WTB.Z Aut die Er­greifung der Rkördcr Rathenaus sind vorläufig 300 000 Mark ausgesetzt worden.

Berlin, 24. Juni. (WTD.) Der Poli­zeipräsident veröffentlicht über die Ermor-

Berlin. 24. Jmn. (Wolff.) Der Reichs, Minister des Aeußern Dr. Rathenau wurde heute vormittag in 11. Stunde, während sein Auto die KönigSallee in dem Villenviertel in Grünewald passierte, auf der Kreuzung der Grdener» und der Wallotstraße erschossen. Die Täter haben in einem Kraftwagen die Flucht ergriffen. Tine von der Kriminalpolizei gebildete Mordkommission hat sofort die Verfolgung der Täter übernom­men, nachdem bereite eine Streife der Schutz­polizei unmittelbar nach dem Attentat das AutomobilderTäterverfolgt hatte. Drei Männer sotten sich in dem Kraft­wagen befunden haben. Diese haben bei dem Heberholen des Autos des Reichsminifier« etwa 10 Schüsse abgegeben und außer­dem eine Stielhandgranate ge- schleudert. Gin Schuß, der Dr. Rathenau durch den Mund ging, war tödlich. Der Ort der Tat war um die Stunde des Attentats sehr wenig belebt.

abgegeben worden!" Darauf erhebt sich lauter Widerspruch Bon allen Seiten wird gerufen Pfui, die Mörderbandei" Der Strauß wurde von Menschen

Der Beginn der heutigen Sitzung verzögerte Rachwirtung des Attentats auf

Präsident Loebe

fuhrt aus: WaS diese Szene berrorgerufen hak, ist eine Tat von solch ungeheuerlicher Grausam­keit und Roheit, daß sie uns das Blut in den Adern aus wallen macht. Wer roaren die Meu­chelmörder? (Stürmische Zurufe von der gesam­ten LinkenDort sitzen fiel"! Ich brauche der Trauer und dem Entsetzen, das dieser Mord hcrvorgerusen hat, nicht Ausdruck zu gebert aber es steht mehr auf dem Spiele auf dem Spiels steht das deutsche Land das deutsche Boll und die deutsche Ehre. Die Täter- Haden einflußreiche Helfer. (Bon den Kommunisten wird bei diesen Worten lärmend auf die Rechte hingewiesen.) Sie haben eine Organisation von Mör­dern hinter sich, die sie schützen und die sie für ihre Taten bezahlen. Anders wäre dis Tat nicht möglich gewesen und das Blut des Er­mordeten falle auf die, die zu dem Morde auf­reizten. Es falle auf die, die frühere Anschläge, wenn sie nicht gelungen sind, verspotteten und auf die, die die Opfer zu besudeln bestrebt warst». Seit zwei Zähren habe ick versucht, mein Prä­sidentenamt in aller Hnparteilichkcit zu erfüllen, aber aus dieser Unparteilichkeit heraus

darf ich lagen, dieser Stuhl Rathenau-

stände heute nicht leer, ohne die schamlose Hetze gegen die Manner, die an der Spitze der Regie­rung stehen. Hier hat eine Presse bewußt gehetzt, bis. zu dem Attentat auf Scheidemann, das nicht gelungen ist und weiter gehetzt bis heute, wo das Attentat gelungen ist, und es scheint keinen -Schatz dagegen zu geben. Die Täter haben Helfer, die ste verschwinden (affen und immer wieder von neuem, schützen. Einer nach dem anderen wird taltblütlg ermordet. Dieses Wal hat der Mordstahl den Mann getroffen, der auf dem besten Wege toar,. die Fäden wieder alszulnüpfen, die der Ärlcg zer­rissen hatte, und der dabei den ersten Erfolg auf« wies. Sie haben dem Manne ihren Dank aus­gesprochen. der sich persönlich eingesetzt hat, um dem Lande und dem Bolle zu dienen. Sie haben Ihr Delleid bezeugt der betagten Mutter, der . deutsche Patrioten" den Sohn vor die Füße fegten. Möge das deutsch-- Bolk and) diesen furcht­baren Stoß überwinden.

Die Abgeordneten der Linken brachen nach Beendigung dieser Rede in den Ruf auS: Es lebe

Dung Rathenaus eine Bekanntmachung, in der die Belohnung für die Ergreifung der Täter auf 1 Million Mark

rauschten die Reden der Staatsmänner, der cche- mals feindlichen Staaten an unseren Ohren vorbei. Da erhob sich unser Freund Dr. Rathenau und aus seinem Munde kamen edle Worte, ge­tragen von höchster humanitärer Gesinnung. Seine Worte der Verständigung haben auch die Herzen derer erobert, die uns bis dahin viel­leicht in starker Abneigung gegenüberstanden. Man hat seinen Worten in diesem Palazzo Reale mit großen, Interesse gelauscht, unb ein nie gehörter rauschen der Beifall dankte dem Manne, der über die Grenzpfähle seiner Ration hinaus der Welt den .Weg der wirt­schaftlichen Derständigung und damit zum Frieden gezeigt hat. Run liegt er tot vor uns. Er fiel nicht nur für sein Volk, er fiel um die Menschen­versöhnung Wehe aber denen, die dieses große Wmck der Versöhnung durch diesen Word/ störten. Daä.Werk darf nicht unterbrochen wer­den, denn es ist das Werk der Rettung unseres Volkes, aber auch der Rettung von ganz Europa. Gewiß hat Dr. Rathenau viele Gegner gehabt. Ich weiß nicht, auf wessen Gegnerschaft er gestoßen ist. Aber von dem Augenblick an. too er öffent­lich in den Dienst deS deutschen BolleS und ter deutschen Republik trat, hatte er nicht nur Feinde, da hatte er Todfeinde. (Zuruf links: Helfferich!). Dieses Werk, daS er sich vorgesetzt bat, die Rettung des deutschen Volkes unter der Staatsform der Republik darf durch diesen Mord nicht unterbrochen werden. (Dcisall.) Jin Gegenteil, alle republllanischen Deutschen, die eS gut meinen mit dem Vaterlands und ihrem Bolle, werden aus diesem Word die größte Kraft schöpfen, mit denen abzurechnen, die unterem Volke den Tod bringen wollen. (Stür­mischer Deisall und Händeklatschen vom Zentrum bis zu den Kommunisten.) Die Arbeiterschaft hat in den bitteren Tagen, wo das Chaos über uns hinwegging, keinem, der der alten Staatsform treu geblieben war, auch nur ein Haar gefrümniL Gegen die Männer, die in diesem neuen Staats- wesen dienen, wird ein Gift mit Millionen Geld in daS Volk hineingegossen. Von Königsberg bis Konstanz bedroht eine Mordhetze unser Vater­land. Der tote Freund, den wir kannten, hat gegen die, die ihm als Mrderer der Republik und Bahnbrecher einer Verständigung der Völler angegriffen haben, nie ein böses Wort gesprochen. Er hat nicht nur mit den Lippen verziehen, ep hat auch mit den Herzen allen denen verziehen, die ihn geschmäht batten. Er war eine kindliche Seele. Roch gestern hat er den ihm angebotenen Schutz neuerbin gd abgelehnt. Wenn wir einen Staatsmann« und Freund verloren haben, wenn das Doll einen großen Sohn verloren hat, wollen wir aus dieser entsetzlichen Tat noch das ®me lernen: Verehrte Herren von rechts, so. wie es bisher ge gangen ist. geht es nicht mehr! <Stürmischer Beifall und Hckldellatfchen im Saal and auf den Tri­bünen.» Wir werden unsere Republik, fobalb rt_ir der erste Druck vom Auslände von ans genom*.

was auch seine schrvffsten. polittschen Gegner jetzt zugeftehen. persönlich kein unsym­pathischer Mensch. Wir haben viele seiner her- horragenben Leistungen gern und freudig ge­würdigt, soweit sie offen, der vollen Nachprü­fung zugänglich, vor uns lagen. Leine Organi­sation der Rohstofsabteilung nach dem Aus­bruch des Krieges hat der gewandte, hoch­gebildete Schriftsteller selbst öffentlich darge- Itellt. und seine klaren Gedankengänge hatten unS damals Freude und Anerkennung äbge- rungen. Rathenau war zweifellos ein Mann von außerordentlichen und vielseitigen Bega- " bar ge-

ihm den Strauß und schlugen ihn das Treppen­haus hinunter und übergaben ihn der im Hause anwesenden Kriminalpolizei, die ihn verhaftete. Die Schleife trug die Inschrift: Herrn Helfterich, dem Verteidiger deutscher Ehre! Der Strauß soll von den Mitgliedern Les deutsch-südamerikanischen Soldatenbundes wegen der gestrigen Rede dem Hm 1 Hhr 15 Min. entfernten die Diener von den *216geordneten Helfferich überbracht worden fein. Tribünen alle diejenigen Personen, die sich nicht über ihre Person ausweisen können.

Der Runtius P a r z e l l i erschien als Doyen des diplomatischen Korps heute vormittag im Reichstage, um dem Reichskanzler im21 amen des diplomatischen Korps das Delleid anläßlich der Ermordung des Reichsministers Rathenau aus­zusprechen.

Zweite Sitzung vorn 24. Juni, nachrn. 3 Hhr.

Rathenaus Stuhl am Mmistertffck ist schwarz umflort, auf seinem Platz liegt ein kleiner weißer Strauß von Rosen mit einem Trauerflor. Sämt­liche Mitglieder des Kabinetts haben am Re- gicrungstifch Platz genommen. Als um 1 » nach 3 Hhr der Abgeordnete Helfferich in Be­gleitung feiner Freunde den Sitzungssaal bettitt, wirv er von den Kommunisten and inabbängfgen Abgeordneten mit stürmischen Rufen empfangen: Hinaus mit dem Mörder!" Helfferich nimmt auf feinem Stuhle Platz. Die Kommunisten und Unabhängigen ftürnten daraus mit wüten­den Rufen auf Helfferich los, der durch einen dichten Ring der um feinen Platz stehenden deutschnationalen Abgeordneten geschützt wird. Präsident Löbe kann sich mit Mühe bei dem fortwährenden Lärmen und Rufen verständlich machen und erklärt, nach der Verfassung stehe jedem Abgeordneten das Recht zu, feinen Platz einzunehmen. (Zurufe: Aber Mörder nicht., Der Präsident ist verpflichtet, jedem Abgeordneten dieses verfassungsmäßige Recht zu sichern.

Don neuem ertönen daraus stürmische Rufe von allen Seiten auf Hclfferik' los Der Reichskanzler Wirth verläßt darauf sei­nen Platz unb redet beruhigend auf die Helfferich umstehenden Kommunisten unb Unabhängigen ein. Ihm wird zugerufen:Sie find das nächste Opfer, Herr Wirihri Präsident Lobe bittet daraus, die Ehrung des Toten doch nicht unmöglich zu machen. Ihm wird.zugerufen: »Wir können die Ehrung des Toten doch nicht in Gegenwart seiner Mörder vornehmen!Wir wollen erst wissen, was Helfferich bei Erzberger unb jetzt wieder getan hat."Man soll den Provokateur hinaus- teerfen. Dann tritt etwas Ruhe ein und der Präsident kann daraus das Wort ergreifen.

düngen, die unserem Vaterlandc nutzl macht werden konnten. Wenn in den sc sten Fragen der Rackkriegszeit sein Tun unb Lassen oft nicht verstanden, scharf kritisiert oder bekämpft wurde, so lag dies zum Teil da­ran, daß Rathenau sich den offenen politt­schen Auseinandersetzungen ziemlich fern hielt, daß er offenbar gar nicht darauf auSging, seine Gegner zu überzeugen, aber dafür eine desto energischere Arbeit für daS von ihm als rich­tig Erkannte aufnahm. Kein Wunder, daß ihm Mißtrauen, Zorn, unerbittliche Gegnerschaft in der allgemeinen CrfüllungSpvlitll erwuchs, die er mit seinem Geiste trug, denn wir leben nun einmal leider in einer Zeit, in der die Ge­gensätze politischer unb allgemeiner Anschau- üngsart notwendig aufeinanderpratten müssen, nachdem wir Umwälzungen des Staates unb unserer gesamten Kuttur erlebt haben. Ratür- lick kann man Rathenau keinen Borwurf dar­aus machen, daß er seine Kraft nicht in Pole­mik und Aufklärungsarbeit verzetteln wollte, zumal ja die Karten des Staatsmannes dem Afttslandc oft verborgen gehalten werden müs­sen. Man darf sich nicht darüber beschweren, daß ein heftiger Meinungskampf sich ihm auf die Sohlen heftete---aber man muß es in

tiefer Verzweiflung beklagen, daß der M o r d- ge danke sich in die Abrechnungen einzu­schleichen vermochte, daß latsäcklich die Mög­lichkeit nicht nur, nein, Wahrscheinlichkeit, einer VerschwörungSorganisation unreifer Gei­ster besteht, die den notwendigen Meinungs­kampf mit ihrer Propaganda und ihren Taten vergiften und unmvglick machen. Rock wissen mir freilich nicht, wer die Verbrecher sind, die ein wertvolles Menschenleben vernichtet, einen

Abgeordnete Schoch angegriffen unb aus dem Saale vertrieben wurde. Ms der Abgeordnete Schoch in den noch ziemlich leeren Saal trat, folgten ihm mehrere Abgeordnete der sozialistischen Parteien. Abgeordneter Stampfer (S.) ruft erregt:Er findet das komisch!" Aus eine auf den Tribünen nicht verständliche Ant­wort des Abg. Schoch rufen die Abgeordneten laut:Sie haben nichts komisch zu finden!"Wer ist überhaupt der Lümmel, der Mörderfreund?" Aha, der Herr General!" Andere riefen:Raus mit dem Lump, die Mörderbande wagt es noch, hier freche Reden zu halten!" Daraufhin stürzen sich mehrere Abgeordnete auf den Ge­neral Schoch, der sich zunächst zur Wehr fetzt, nach kurzem Ringen aber den Ausgang benutzt, der von den Plätzen der Stenographen nach unten führt. \

Um 12.30 Uhr erscheint Präsident Lobe und bemerti:dd> kann die Sitzung noch nicht eröffnen, da der Aettestenrat noch beisammen ist. Ich muß Sie aber dringend bitten, daß Tällich- feiten in diesem Saale unterbleiben. (Große Un­ruhe links und fortgesetzte Zwischenrufe: Raus mit den Mördern!) Ich möchte alle Parteien bitten, den Sitzungssaal zu verlassen, bis die Sitzung anberaumt ist." Eine ganze Anzahl Ab­geordneter folgt der Mahnung des Präsidenten, es bleiben aber immer noch erregte G. uppen im Saale zurück.

Um 12.40 Uhr ist die Sitzung imn^er noch nicht eröffnet. Zu diesem Zeitpunkte kommt durch eine ßeitentür der Abgeordnete Mntcrleitner (U) mit einem

Strauß von Rosen

und Eichenblällern mil einer langen seidenen Schleife in schwarz-wreih-roten Farben. Gr ruft dabei laut in den Saal:Dieser Strauß ist

für den Abgeordneten Helfferich

umringt, die ihm mit drohenden Fäusten immer wieder den Ruf:Mörder!" inS Gesicht fchleu- schleuderten. Der 2lbg. He rg t (Dntl) versuchte die erregten Abgeordneten der Linken von Helf- serich abzuwehren, auch einige andere Deutsch- nationale stürzten hinzu Helfferich verlieh dar­auf den Saal und die Sitzung wurde abgebrochen.

Die Vollsitzung.

Bewegte Tagung des Reichstags.

Derlin, 24. Juni 1922.

Eine erregte Szene im Steucransschuß

Der Steuerausschuß des Reichs­tages beriet den Gesetzentwurf über dis Zwangsanleihe weiter. Plotzlichwurde die Rachricht bekannt, daß Rathe­nau ermordet worden sei. Die Abgeord- neten Hartleb (S.) und Bernstein (S.) springen darauf auf und rufen dem gleichfalls sich erhebenden Abeordneten Helfferich (Dntl.) zu:Sie sind der Mörder, das ist die Wirkung ihrer gestrigen Rede!" Helfferich versuchte nun den Sitzungssaal zu verlassen, er wurde aber von den Abgeordneten der Linken