Nr. 97 Zweites Blatt
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Mittwoch, 26. LprU [922
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Die Investierung amerikanischen Kapitals im Ausland.
7km Francis H. Siffon, Vizepräsident der öuarontr) Trust Company zu Reuyork.
(F. P. E.) Die Regierung in Washington hat verschiedentlich ihren S.andpuntt verlauttart dahingehend, Ltii) eine finanzielle Unterstützung von Seiten amerikanischer Banken für das Ausland nicht in Frage kommen dürfe für Zwecke, die mit dem amerikanischen Staatswohl nicht in Einklang zu bringen seien. Sie Hal angesichts der seit Kriegsende und auch schon vorher steigenden 3n- anfpruck>nahme des Reuyorter Gklomartteä durch kapitalbedüritige Staaten und Kommunen die Finanzinstiru.e des Landes neuerdings ersucht, vor der Gewährung einer Anleihe an einen auswärtigen Staat sich mit dem Staatsdepartement in Verbindung zu setzen, um zu hören, ob diese oder jene projeklierte Anleihe nach Auffassung der Regierung mit den Gesamtinteressen des Landes vereinbar erscheint. Der Standpunkt, den hierbei die Administration Harding vertritt, ist allgemein der, daß diese Anleihen mehr für 3toecfe des Wiederaufbaues und der industriellen Entwicklung gewährt werden sollen als für politische und militärische Zwecke oder zur Regelung von Budgets — eine Unterscheidung, die von cucDpäifdjen Regierungen tn der Vorderes tungS- zeit des Weltkrieges durchaus nicht geübt wurde.
GS ist dagegen für diele Politik irrelevant, wo nun im einzelnen die Ergebnisse solcher Anleihen verausgabt werden. Sie brauchen nicht unbedingt und ausschließlich zu Ankäufen usw. in den Bereinigten Staaten selbst verwmdet zu werden. Raturgemäh ist dies trotzdem bisher meist der Fall gewesen und es wird auch in Zukunft angestrebt bleiben, dah die Interessen der ameri- fanifchen Industrie dadurch begünstigt werden, daß bte Bedingungen bei Gewährung einer Anleihe einen Vertrag Dorfeben über Lieferung amerikanischen Materials für staatliche oder kommunale Aeubauten, Erweiterungen oder Derbesse- iingen. Die Vereinigten Staaten als Ganzes aber werden auch ohnedies aus der wirtschaftlichen Wiedergesundung der ehemals kriegführenden Staaten und aus der Schaffung moderner Mittel der wirtschaftlichen Entwicklung in den neuen“ Staaten der Welt ihre großen Vorteile ziehen; denn es bat sich noch stets als gutes Geschäft erwiesen, einer aufstrebenden Wirtschaftseinheit Darlehen zu gewähren. Ss wäre daher eine offensichtlich unkluge und kurzsichtige Politik, den eine Anleihe ausnehmenden Staat zu zwingen, non dem Ertrag dieser Anleihe gerade auf dem amerikanischen Markte zu kaufen, wenn ihm die Möglichkeiten geboten sind, auf billigeren Märkten einzukaufen. Können amerikanische Erzeuger hinsichtllch des Preises und der sonstigen Bedingungen mit anderen Produzenten konkurrieren, io wird ihnen ein angemessener Teil des Geschäftes ganz natürlich zufallen; sind sie dazu nicht tn der Lage, so wurde eine dem Anleihe- uehmer auferlegte Verpflichtung, den Ertrag der Anleihe wiederum in den Vereinigten Staaten zu verausgaben, nichts anderes bedeuten, als den Ruhen der Anleihe herabzusetzen.
Es find zudem die amerikanischen Goldreserven so groß, daß eine Fortdauer des Gold- ..ustroms möglicherweise zu einer Inslations- periode führen könnte. Anstatt diese Gefahr zu nctoärtigen, sollten, oder besser noch: müssen die Vereinigten Staaten in die Ausfuhr eines Teils ihrer Goldbestände willigen, um wenigstens einige der entwerteten europäischen Währungen aus einer Goldbasis wieder gefunden zu lassen. Die Gewährung solcher Goldanleihen seitens der Vereinigten Staaten wird, selbst wenn ihre Erträgnisse zu anderen Zwecken benutzt werden als nur dazu, amerikanische Erzeugnisse zu kaufen, dem amerikanischen Produzenten letzten Endes zugute tommen, weil vor allem durch solche Goldanleiyen die auswärtigen Valuten gestärkt und gesundet werden, deren Entwertung zusammen mit den starken Preisunterschieden zwischen den Vereinigten Staaten und außerhalb mit am stärksten dazu beigetragen hat, die Käufe amerikanischer Produkte seitens ausländischer Verbraucher ein- zuschränken.
Es ist so gut wie sicher, dah die Ausfuhr eines Anleihen gewährenden Landes schließlich und endlich nicht dadurch eine Steigerung erfahren wird, dah der Ertrag dieser oder jener Anleihe ausschließlich im Kreditorenlande verausgabt werden muh, sofern die Debitorenstaaten die Möglichkeiten haben, auf anderen Märkten billiger zu kaufen. Unter solchen Bindungen übt die Anleihe kaum einen Einfluh aus auf die Annäherung der Währung des Debitorenlandes an den Dollarwert, wohingegen, wenn die auf dem Anleiheweg für den bedürftigen Staat beschafften Kapitalien exportiert werden, und zwar als Gold
Die Sa kramentsh ex. Roman von Marie Kerschen st einer.
4. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)
Doch der Schlag fiel nicht. Denn sie fühlte es plötzlich langsam und warm über ihre Hand rieseln. Blut! Richtiges Blut! Das hob sie auS des Angeln des Gemcks. Mit einem schmetternden Lamento machte sie sich davon.
Schrecken und Wut aber arbeiteten in ihr fort, bildeten an der Erinnerung herum, setzten da ein Zipfelchen an, bogen dort ein Eckchen um, und bis die Schlupfline hinter ihrem Koffee- topf Frieden gefunden hatte, spiegelte sich das Erlebte in ihrem Kopf, wie ein Bild in einem Hohlspiegel Rach Jahren noch, als das Aller die Schlupfllne bereits erinnerungsschwach gemacht hatte, wu'hte sie jedem, der ihr das Ohr lieh, immer noch dies zu erzählen, wie das Pfarrmädel damals sich plötzlich verwandelt und gar nicht mehr nach „etwas Rech.e.n" ausgesehen habe. Wie es mit greulichen Lauten auf fte losgefahren sei, um ihr ein Leids zu tun. Alle, selbst die, die ihnen Spott an der Alten hatten, glaubten ihr, well sie das Gruseln liebten. Und es gab bald auf dem ganzen Umkreis der Heide kaum einen Menschen, der der Schlupfline Gesicht nicht kannte.
Rur Christine kannte sie nicht. Die lieh Stunde und ‘Sag, Sommer und Witter rn) wieder Sommer und Win.er harmlos dahin- gehen, ganz von der -Friedlichkeit der Gegenwart erfüllt und dachte an keine Zukunft, noch daran, was späterhin mit Lene werden sollte Das Mädel tiye inzwischen groß genug geworden,
ober vermittelst angekaufter Wechsel auf andere Länder, der Dollarkurs dahin neigen wird, in der Währung ausgedruckt, tn der nun diese Wechsel gekauft wurden, zu sinken. Dadurch wird wiederum die Kaufkrast derjenigen (Staaten gestärkt, die als Käufer für amerikanische Erzeugnisse in Frage kommen. Diese Unterstützung auswärtiger Käufer bedeutet für den amerikanischen Außenhandel ein weit grösseres Stimulans, als wenn der Ertrag jeder einzelnen Anleihe unbedingt innerhalb der Vereinigten Staaten selbst verausgabt werden muh
Die Absatzmöglichkeiten für die Vereinigten Staaten, die gegenwärtigen wie die zukünftigen, erstrecken sich über die ganze Welt und wir dürfen ihrer keine nur für sich betrachten, ohne gleichzeitig ihre Beziehung zu allen anderen zu bebenfen. Der eventuelle Rutzen, den bte Vereinigten Staaten auS der Verwendung amerikanischen Kapitals Im Auslande erwarten dürfen, bangt nicht ab von der Beschränkung auf Märkte, die begünstigt werden sollen. Die Neuordnung der Finanzsysteme in Ländern, auf die die Vereinigten Staaten als Absatzgebiet angewiesen waren und bleiben werden, muß allgemein dazu führen, die industrielle Wiedergesundung in diesen Ländern zu beschleunigen mit der natürlichen Folge wesentlich stärkerer Käufe von amerllanischen Warm.
ES kann auch nicht die Befürchtung verhehlt werden, dah wahrscheinlich heute in London das Gold zu günstigeren Bedingungen als in Reuhorl erhältlich ist. Der Hauptanreiz für ausländische Anleihenehmer, sich nach Reuyork zu wenden, besteht natürlich in dem hohen Dollarstand; würde dieser Vorteil ausgeglichen werden durch lästige Bedingungen, so dürste sehr bald das Geschäft In starkem Mähe nach London abstiehen und die mit der Gewährung von Anleihen verbundenen Vorteile dürften auf diese Weise uns wieder verloren gehen.
Die heutige Finanzwirtschaft ist wesenllich international und die Vorstellung, sich von den wirtschaftlichen Problemen bar Welt isolieren zu tonnen, ist schlechthin lächerlich. Die amerikanischen Investoren und die mit ihnen verbundene amerikanische Industrie sollen sich dabei freilich be= wuht fein, dah die Vortelle fortgesetzten Investierens von amerikanischem Kapital im Ausland erst in der Zukunft und mehr durch mittelbar günstige Folgen für die Wirtschaft des Landes und für sie selber wirksam werden.
Aus Besuch bei der „Nothilse".
Von Eduard Schreiber-Stoltz e- Frankfurt a. M.
Dettingen, im April
Dah hier in Dettingen, im Bezirck der Grube „Gustav" und des mit ihr vereinten Kraftwerks, das anderthalb hundert Ortschaften m.t elektrischer Energie versorgt, zur Zeil Hugewohn- liches vor sich geht, das lehrte mich auf den ersten Bllä zweierlei: Das Ausgebot landespolizei- lichen Schutzes und der — Armstreifen der ge- fchäftig dahiaeilenden Menschen, dl? nu i feit fünf vollen Wochen die von den Wecksarbci ern verlassene Kraftanlage bevölkern. „Techni che Rothilfe", so steht auf mehr denn 300 bayerischen, hessischen und preußischen Rothelfer-Armen „schwarz auf weih" gesch.i den.
„Wenn sie wenigstens die „Rotstandsarbeiten" verrichtet, so viel Strom erzeugt hätten, daß Menschenleben u bedroht geb ieben wären, wenigstens den Kranken, den Aermsten der Armen, den für sie notwendigen Strom zugeb.liigt hätten, so ständen wir, weih Gott, nicht hier, Männer aus allen Berufen und vielen Lmdstrichen, um unter polizeilicher 'Beschirmung Dienst der Menschlichkeit zu ki.tcn, des en Wohltcll g robe die Kreise derer trifft, die uns gegenwärtig am ärgsten feind sind ... der ftreilenfcen Arbeiter von Zeche und Krackwert De^iigen. — Und wir dürfen — mag Hnverstan) uns noch so hart und ungerecht beschimpfen — nicht eher verschwinden, wir Rothelfer in d ittschen Landen, bis die Erkenntnis siegt: dah Leben und Gesundheit der Volksgemeinschaft heiliges, unantastbares Gut sind, das fei icr ungestraft verletzen dar f!" Mit diesen Worten geleitete mich der Führer der Rothilfe, ein schlanker, behender, auch in Gebärde und Sprache äuherst lebendiger bayerischer Rgi.ru g/bäumälter, in den Bereich seiner vorübergehenden Wictsamtell.
Hnd gleich auf dem Wege zur Grube, die der UeberTonbanlage die nötige Kohlenspeise za- führt, bemerke ich, Dah ich nicht der einzige Besucher auf »Zeche Gustav" bin. Reben Vertretern der großen Presse ha! sich heute der Regie ungsprcs.dcnt, der seinerzeit den Einsatz der 'Rothilfe veranlahte, eingefunden, und was er zu den ihm lautlos zuhorchenden Rothelfern, die schwarz wie die Raben waren, sagte, waren Worte
um bei dem Küster in die Schreibschule zu gehen. Aber Christtne brachte es nicht über sich, es unter die Dörfler zu geben. Sie schob den Zeitpuntt immer wieder hinaus. Erst eine neue seltsame Erfahrung stärkte ihren Entschluß:
Cs war wieder ein Sonntag zum Märchenerzählen. Lene sah dicht vor ihr, ass Christine begann: .Es war einmal eine Königsfrau, so wunderschön, dah sich die Blumen vor ihr verneigten. Ihr Gatte aber, ein böser Mann, entbrannte vor Reid und er mochte es vor allem nicht leiden, wenn die Königin noch einem andern Wesen zugetan war, als ihm. Aber die Königin war nicht nut schön, sondern auch von Zärtlichkett erfüllt für alles, was in Liebe und Leid lebte. Sie litt daher unter der Eifersucht des Königs sehr. Doch als sie eines Tages eines Knäbleins genas, da war sie des Glückes so voll, dah sie vergaß, ihre Mutterliebe vor dem düsteren Gemahl zu verbergen. Der strafte sie deshalb mit fürchterlichem Zorn, so dah sie jetzt täglich in den tiefen Wald lief, um ihm zu entfliehen Tort sah sie auf einem Stein und weinte so bitterlich, dah selbst der harte Geselle sich erbarmte und ihr Trost zusprach. Gestärtt ging sie jedesmal nach Hause. Da aber des Königs Hart» nicht vermochte, sie abzubringen von ihrer Liebe zu dem Kind, beschloh der König, es zu töten. Er rief seine Knechte zu sich und versprach dem ein Schloß, der ihm den Kopf des Knäbleins -u Fühen legen würde. Als die Königsfrau dies erfuhr, floh sie, das Kind im Arm, in den Wald zu dem getreuen Stein und klagt? ihm ihr Herzeleid. Aber kaum hatte sie das letzte Wort gesprochen, da hörte man schon aus der Ferne taä Hüfthvrn der Landsk ehte, die der König zu ihrer Verfolgung ausgesandt Da riet | die schöne 5reu den Stein um Hilfe an. Und
u- eingeschränkten Lobes und herz icher Ta kdar-. leit Es wu.de i-m zum Abfaried mit einem vielstimmigen „Gluck aus!" quLtieri, das dröhnend bis hinunter in da^ weite Grudengelände cr- llang, und hier durch etwa sechyig Rothelfer- kehlen weitere Verstärkung erhielt. Mich fesselte besonders der Grubenbetrieb der freiwilligen Helfer — es handelt sich um Tagebau — und zwar deshalb, weil ich mir nie recht vorstellen konnte, wie ungelernte Kräfte hier Ersprießliches teilten konnten. Das Wort „ungelernte Kräfte" werde ich nie mehr gebrauchen: denn ich mußte in derber thüringischer Mundart er- fah.en, dah ich mit meiner Meinung von den „ungelernten“ ©rubenarbeitem sehr auf dem Holzwege war. Vor mir stehl eine Hühnengestatt und setzt mir, lauter als es meine Ohren ver tragen können, auseinander, daß sie hier an die Hu.idert fachlich geschulte Bergleute haben und deu:et dabei stolz und selb tsicher auf ihre Gewand ung, die sie als richtiggehenden Mann der Grube ouswies. „Dazwischen haben wir kräftige ungelernte Kerle, deren wirs schon zeigen, wie man das schwarze Zeug aus der Erde haut." Hnd dann lenkt der Führer der Rothilfe mein Auge auf das immerfort surrende, schreiende, lärmende Gct iebe der Seilbahn, die Lore um Lore, randgefüllt mit Kohle, hinüber zum ström- erzeagendAi Kraftwerk befördert. „Sehen Sie, wir schasfen'sl" Unb wahrlich, sie schaffen'S!--
Der Arbeitseifer der blaublufigen „Helfer m der Rot" ist ohne Grenzen! Sie fteben teils bis zu den Knöcheln im fchmu igrn Gewässer, der Himmel läfjt he.u.tterregne i, was er nur irgend vermag — gleichgültig, es gibt in der Schicht keine zeitraubenden A b itspausen. Das kchlenhungrige Kraftwerk fordert sei.e Speise — oder es streikt! Und st e.Lm darf es nicht, sonst müs en Menschen leiden, wenn nicht gar sterben. Dieses an- be.i.tgtc Veranlwo.tu g g fühlst das hi r alles Tun mächtig durchdringt, bcjügelt die Arbeitslust, und lä-t a.le Hemmungen und Schwierig- teilen federleicht ertragen. „Es mutz eben gehen!", das hört man immer wieder. Wlll es nicht, so wird es eben gehend gemacht!"--
Demselben Arbeitseifer, der uns Deutschen leider heute gemeiniglich nicht mehr so liegt, begegne ich in dem wenige hundert Meter entfernten Kraftwerk. Dies ist der Machtbereich der Ortsgruppe Darmstadt der Technischen Rothilfe. Ich erfahre, mit welchen Mühsalen hier brave Rothelfer wieder die Voraussetzungen zur Stromerzeugung schufen. Lind doch ging das alles im Verlauf weniger Stunden! Muhte gehen! Bald rast die erste Dynamo, durchströmte wieder die Adern des weitverzweigten Rehes Rettung unb Heilung bedeutende elektrische Energie, Und tausend Lippen mögen in diesem Augenblick den unbekannten, flüten Männern der Arbeit heihen Dank gesagt hoben, und manchem sogen, „Un- belehrbarcn" mag das böse, einfältige Wort von den „Streikbrechern" im QHunbe erstorben sein, well er vielleicht irgendwo von irgendwem erfuhr, dah da oder dort ein Menschenleben vernichtet worden wäre, wenn nicht in elfter Stunde „Rothelferstrom" Befreiung aus höchster Lebensnot gebracht hätte. ... An der Schalttafel lese ich: 3000 Kilowatt! „Ein Viertel der normalen Erzeugung," belehrt mich der Rothilfe-Leiter des Kraftwerks, dem trotz noch junger Jahre infolge der fünfwöchigen „Verbannung" ein respektabler Bart gewachsen ist. „Mehr dürfen und wollen wir nicht liefern; denn über Rotstromversorgung geht unsere Aufgabe nicht hinaus." Und dann führt er mich ein Stockwerk tiefer ins Kesselhaus, in eine für empfindliche Atmungsorgane wenig erfreuliche Atmosphäre. Ich bearühe raß- geschwärzte, in Feuerschein und Qualm vor weiten Ofenmäulern geschäftig hantierende Menschen, die z. T. noch vor wenigen Tagen im säuberlichen Studierzimmer technische Probleme erwogen haben mögen. Verantwortungsgefühl unb Erkenntnis der Rot hat sie hierher gerufen und sie find zum Ausharren bereit, bis die Lebensinteressen der von dieser Tätigkeit Abhängigen wieder von den dazu pflichtgemäß Berufenen vollkommen ficher- gestellt werben. Freilich, fünf Wochen sind eine gar lange Zeit, werfen auch in der Studierarbeit zurück — aber das wäre kein richtiger „Rothelfer", der aus eigensüchtigen Beweggründen das begonnene Hilfswerk für die Allgemeinheit nicht vollends zu Ende führen wollte! Und so wird eben weitergefchafft, bis zu dem Tage, da wieder Besonnenheit und Vernunft in die Köpfe der Irregeleiteten zurückgekehrt find. . . .
Ich werfe zum Schluß noch einen Blick in die Verpflegunasstätte der Technischen Rothilfe und finde hier auch weibliche Rothilfe betätigt. Zwei Damen sind gerade dabei, den Leuten aus der Grube die Kochgeschirre mit warmer Abendspeise zu füllen. Es ist auch hier alles bestens organisiert: Der Rothelfer gibt seine Eßkarte hin und erhält dafür seinen „Zug"
siehe! Es wuchs aus dem Leibe des Steines hurtig ein dorniger Busch, der die struppigen Arme um die Bedrohte schlang. Ader wehe, des Königs edler Hund hatte die Fährte der Herrin aufgeschnappt. Mit Freudengebell umsprang er den Busch und verriet so das Versteck der Königin. Schon stürzten die Landsknechte beutegierig herber. Vom Klirren der Wa fen erdröhnte der Wald. Da schlug der Königin das Herz so lauß daß die Waldblumen erwachten, die schon schlafen gegangen waren. „Was ist dir, Schöne?" fragten sie. „Seht ihr nicht, daß fte nahen, mci.i Knäblein zu töten?! Helft, helft!: Ich will es euch danken, allezeit!" Und als sie so gesprochen, drang aus der Tiefe ein silberhelles Klingen. Verwundert sentte sie den Blick. Aus dem Waldboden, sah sie, stieg ein See, wie von lauter Tranenperlen zusammengetragen. Tas waren die Herzeleidtränen, die die Königin alle am den finsteren Gemahl geweint. Dre W-aldLläm ein hatten sie g etru cken und tn der Stille cusbewahrt. Jetzt spendeten sie sie zur Regung der Wanderlied i chen Frau. Höher and höher stieg der See und legte seine Decke über den Fels, den Dornbusch und die bangende Königsf . u. Umsonst durchsuchten die Knechte den Waldeswinkel. Sie sahen nihts als einen stillen See, von tieftrou-icem Anblick, daß ihn rn bang im Gemüte ward. Sie besonnen sich nicht und suchten das Write. Die Königin aber lebt seitdem mit dem Knäblein auf dem Grund d^ Herzelcidsees in Fr-uden und Seli k.it. Und wo eine Mutter in der Rot um ihr Kind zu ihr Zuflucht nimmt, da spendet sie Hilfe auf wundersame Art."
5er Eindruck dieses Märchens auf Lenr war so heftig, daß Christine erschrak. Zum erstenmal hatte das Kind begriffen, was Unrecht ift
Abendessen, wie man in anderen Zeiten unter anderen Verhältnissen zu sagen pflegte, Und bi ich fein Unmensch bin. und die Damen der Rot- hilse liebenswürdigerweife ..ein Auge zudrücken", vertilge ich — selbstverständlich nur des „Studiums halber" - ohne Eßkarte gleichfalls' einen regelrechten Rotheiser-.,Zug“. Ich freue mich für die braven Helfer in der Rot, konstatieren zu können, daß „beste Küche" vorhanden ist. . . .
---Den „Unbelehrbaren", von denen schon die Rede war, empfehle ich dringend einen solchen Besuch bei der Technischen Rot Hilfe. Sie werden von manchem Vorurteil gründlich geheilt werden und gleich mir den erhebenden Eindruck mit nach Haufe nehmen, daß hier ein Teil des GeisteS waltet, der zur Führerschaft auf dem Wege zu einer besseren deutschen Zukunft berufen ift.
Aus Stabt unb Land.
Gießen, den 26. April 1922.
* Volkshochschule. Heute beginnen die Anmeldungen zum neuen Semester. Es empfiehlt sich, die Einschreibungen möglichst frühzeitig vorzunehmen. Die Ausweis- karte berechtigt ihren Inhaber, eine Woche lang diejenigen Kurse zu besuchen, unter denen er seine Auswahl zu treffen gedenkt. Rach dieser Prvbewoche müssen dann die gewählten Kurse bezahlt werden. Die Gebühr beträgt 20 und 15 Ml. Heber Art und Zeit der Anmeldungen sowie über die Stellen, wo das Programm des neuen Semesters kostenlos zu haben ist, siehe A n z e i g e.
•* Strenger Winter — kühler Som* me r. Auf eine Anfrage der „Deutschen Wein- zeitung" teilt die öffentliche Wetterdienststelle Frankfurt a. M. mit: Der vergangene Winter wird in der Witterungschronll unter die befon ders kalten gerechnet werden müssen. Sowohl in West- wie auch in Ostdeutschland lag die Mittel tempecatur der Monate Rovember biS Februar unter dem Rocmalwert. Wenn auch Wochen mll- de en Wrst e s zwischendurch au getreten find, fo hatten diese fcyt) immer nur kurze Dauer und führten rasch wieder zu einem Källerückfall. Wenn man aus den Witterungsverhällnissen der vergangenen Monate Schlüsse für diese Zukunft machen wollte, so muß man davon ausgehen, daß in der Hauptsache Winter und Sommer diejenigen Jahreszeiten sind, die sich durch einen bestimmten. . ienll ch gleich bl . ibendeu Witterungscharakter auS- zcichnen. /Frühling und Herbst dagegen stehen vermittelnd zwischen beiten und weisen größere Veränderlichkeit auf. Aus lanrj h izen Beobacht Lungen ergibt sich für die Temperctturverhältnifse eine große Hebereinfllmmung für die Monate De zcmber, Januar, ftebvuar, März, Aprll einerseits und Juli, August, September andererseits. Eine Aenderun'g des Ten'.peraturcharakters tritt dagegen ein im Oktober und Rovember oder im Mai und Juni. In diesem Zusammetchang erscheint der diesjährige kalte Frühling durchaus nicht anormal. Die Temperaturverhältnikse des voraufgegangenen Winters blechen ja, wie wir gesehen haben, konstant biS Aprll. Wir haben erst durchgreifende Veränderungen im Mai und Juni zu erwarten, die zu dem SommerthpuS überleiten. Wie wird nun der Sommer? Mit großer Wahrscheinlichkeit läßt sich aus dem vorauf gegangenen strengen Winter ein zu erwartender kühler Sommer folgern. Diefer kühle Sommertypus wird sich aber erst mit dem eigenllicheo Hauptsommer, im Juli und August ausbilden, der Juni dagegen dürste noch wärmere Witterung aufweisen.
' Die Zweigstelle des Reichsent- schädigungsamts für Kriegsschäden in Darmstadt hat nach Beendigung der Vorarbeiten und nach Bildung von drei Spruchkammern am 1. April ihre Tätigkeit ausgenommen. Aufgabe der Spruchkammern ist die Feststellung der Schaden und die Festsetzung der Entschädigungen und Vergütungen aus Grund des Kriegsschadens- gefehes vom 3. Juli 1916, des Enteignungsgesetze- vom 31. August 1919 mit den entsprechende» Richtlinien, des Aus land sfchäden- und des Der- drängungsfchädengesehes vorn 28. Juli 1921. Die erste der drei Spruchkammern wird die Schadensfälle bearbeiten, die in den auf Grund des Friedensvertrages abgetretenen Gebieten ©Ifafj-Cp- thringen, Eupen und Malmedy entstanden sind, die zweite Spruchkammer die in den abgetretenen Tellen von Ost- und Westpreußen, Pofen, Schlesien unb Schl.Swig-Holstein erwachsenen Schaden. Der dritten Kammer sind die im Auslande verursachten Schäden, die sowohl den im Aus lande wohnhaft gewesenen, als auch den im Deutschen Reiche ansässigen Deutschen im Auslande entstanden find, Vorbehalten. In den Kolonien erwachsene Schaden werden von dieser Kammer nicht
Hnd fern Herz lehnte sich unbändig dagegen auf. Sie hob den heiklen Kopf zu Christine auf und drang m sie: „Sag ihm, daß er sie nicht töten soll: Er darf nU! Sag's ihm doch schnell!" Hnd fte will nichts davon wissen, daß es nur eine Geschichte sei. Geschichten sind Wirllich- leit, sie trennt die beiden nie! Sie war böse auf Christine, die das Schreckliche geschehen ließ. Hnd ihre Gedanken horten nicht auf. den schlechten Gatten zu verfolgen, und böse Wünsche wurden in ihrem Herzen [aut In der Rächt schlief fte unruhig und schrie mehrmals in Angst h llaaf. Am nächsten Morgen Derlarrg .e sie den Herzeleidsee zu sehen. Sie wollte sich überzeugen, ob die liebe Königsfrau wirklich auf feinem Grund in Freuden ihr Wesen trieb. Es half Christine nichts, sie nrußte nach langer Weigerung endlich nachgeben, denn das Kind war za tief ergriffen, aß nicht, schlief nicht and zeigte ein verstört^ Wesen. Drum nahm sie es eines Tages bei 'der Hand und führte es in den Sakramentswald hinein, trug es stundenlang mühevoll auf dem Rücken, bis sie den See erreicht hotten, am den die Sage sich wob. Hnd Lene war beglückt, daß die Geschichte alles richtig erzählt txrtte. Der See sah wirklich tiestraarig drein und in feiner Mitte ragte ein Fels, derselbe, der der Königin Freand gewesen war. Hnd Lene faß am Hfer über den Wasferspi -gel gebeugt und horchte in die Tiefe, ob der Königin Stimme zu ihr dränge. Plötzlich jubelte sie auf. Sie hatte die liebliche Stimme gehört. Jetzt war sie Zufrieden, denn sie wußte nun, daß die Körrgsfrau froh and glücklich war. Beruhigt gingen sie heim.
(Fortsetzung folgt)


