Kr. m äNettes Slatt Gießener Anzeiger (Eeneral-Mzerger für Oberhesfen) Nontag, 24. Juli 1922
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Die AntWorL derNeichsregierung an das Garantiekomitee.
*3 e r I i n , 22. Juli, «Wolfs.) Die heute den: Präsidenten der Delegation des Garantie- rv m i t e e s in Berlin übergebene Antwortnote des Reichskanzlers vom 21. Juli hat folgenden Wortlaute
„Herr Präsident! 3n Erwiderung des Schreibens des Garantiekomitees vom 18. Juli, durch welches mir das Ergebnis der Beratungen des Garantiekomitees mit den deutschen Vertretern über die von der Reparationskornmission gewünschte Nachprüfung der Einnahmen und Ausgaben und der schwebenden Schuld sowie über Maßnahmen gegen die Kapitalflucht und wegen der statistischen Erhebungen mitgeteilt worden ist, beehre ich mich, folgendes mitzuteilen:
Trotz der schweren Belastung, welche die vorgesehenen Maßnahmen für Deutschland bedeuten, will die deutsche Regierung es auf sich sich nehmen, sie fürdie Dauerdes Moratoriums durchz u führen. Wenn sie sich hierzu nach eingehender Aeberlegung entschlossen Hat, so war für sie die Erwägung bestimmend, daß durch die im Memorandum vorgesehenen Maßnahmen die in dem Notenwechsel vom 21. März bis 14. Juli behandelten Kragen ihre abschließende Regelung finden und daß damit gleichzeitig für die Reparationskommission die Grundlage einer Entschließung geschaffen wird, welche der gefährlichen wirtschaftlichen und finan- ziellen Lage Deutschlands, wie sie in der Note vom 12. Juli dargelegt ist, Rechnung trägt. Die deutsche Regierung gclyt davon aus, daß die in dem Memorandum erwähnten Maßnahmen über die Nachprüfungen in Aebereinstimmung mit den Grundsätzen zur Ausführung gelangen werden, welche bei der Abfassung der Bestimmungen leitend waren, nämlich Währung der Sou- ve r ä n i 1 ä t des Reiches, Aufrechterhaltung des ungestörten Ganges der Verwaltung und Schuh des Steuer- und Geschäftsgeheimnisses. Was die Bekämpfung der Kapitalflucht anlangt, so sieht die deutsche Regierung sich gezwungen, die Notwendigkeit zu betonen, daß die Entschließung des Obersten Rates der alliierten Mächte vom 18. August 1921 setzt duochgeführt wird. Sie bittet das Garantiekomitee in geeigneter Weise darauf hinzuwirken.
Genehmigen Sie, Herr Präsident, die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung.
(gez.) >Dr. Wirt H."
Die deutschen Kohlentteferrrngen.
Berlin, 22. Juli. (Wolff.) Die Reparationskommission hat entschieden, daß Deutschland vom 1. August d. 3. ab monatlich 1725 000 Tonnen Kohle gegenüber einem bisherigen Soll von 1 916 000 Tonnen Kohle an die Entente abzuliefern hat. Hierin sind enthalten 620 000 Tonnen Koks, 100 000 Tonnen Koks- Steinkohle und 125 000 Tonnen oberschlesische Kohle, die Deutschland von Polen kaufen soll. Sortenmäßig sind daher die dringend verlangten Erleichterungen gegenüber dem bisherigen Programm nicht eingetreten: meng m mäßig srnd die Ermäßigungen durchaus unzureichend, indem die deutsche Forderung auf Herabsetzung des *Soll um rund 600 000 Tonnen nur zu einem Drittel berücksichtigt ist. Diese Forderung war wohl ^begründet durch den Verlust Oberschlesiens und -.den Rückgang der Ruhrförderung, die z rsammen einen monatlichen Kohlenverlust von 3 325 000 Tonnen ergeben. Dieses neue Programm, das angesichts der verschmälerten Kohlenbasis dre deutsche Wirtschaft rwch stärker- belastet als das bisherige, dessen Andurchführbarkeit sich prat- tifch ergeben hat läßt die im Friedensvertrag vorgeschriebene Berücksichtigung der deutschen Wirtschaft völlig vermissen. Nach dem Urteil aller Sachverständigen ist die Erfüllung des neuen Programms unmöglich.
Die bisherigen Sachleistungen aus dem Friedensvertrag.
N. f.H. Ommer noch stellt die Ententepresse, und insbesondere die französische, die Behauptung auf, daß Deutschland so gut wie nichts getan habe zur Erfüllung der Friedensvertragsverpflichtungen. Daß diese Behauptungen in vollkommener, wohl zum Teil absichtlicher Ankenntnis erhoben werden, be- wefft die nachstehende Aebersicht über die Sachleistungen, die bis Ende März d. Is. auf Grund des Telles VIII (Wiedergutmachungen) des Versailler Vertrages seit Beginn des Waffenstillstandes von Deutschland an die Ententemächte getätigt wurden.
Es wurden geliefert Farben für Medizinische Präparate für Kohlen für Kohlennebenprodukte für Viehlieferungen für Loewener Bibliothek für Bilder für Belgien für Lieferung des Reichskommtssars für Wiederaufbau einschl. Straflieferung 66 688jj
zusammen 1 321 641 IC
Außer diesen Leistungen wurden in dei gleichen Zeitraum u. a. noch 150 00 Wagen und 5000 Lokomotiven h Werte von 1,10 Milliarden Goldmark geliefert.
An sogenannten Rücklieferunge wurden ausgeführt:
1. Vieh für 23 501 722 Goldmark,
2. an Maschinen und Industriematerial für 265 861000 Gvldmark,
3. an Beutewagen 97 307 000 Goldmark, 4. an Rückgabe von Werten
a) an Frankreich 8 233 661 973 Fr.,
h) an Belgien 1 717 168 479 Pap.-Mk., 8 456 373 Fr.
Insgesamt sind daher vorläufig Sachleistungen im Werte folgender Beträge bewirkt worden:
1. 2 808 210 824 Goldmark,
2. 1 753 931 288 Papiermark,
3. 8 234 691973 frz. Fr., 4. 8 456 373 belg. Fr.
Die Behauptung, das deutsche Voll sabotiere systematisch den Versailler Vertrag, kann hiernach nicht mehr länger aufrecht erhalten werden, zumal die hier angeführten Summen die Barzahlungen, die Zahlungen aus dem Ausgleichsverfahren, den Wert des deutschen liquidierten Eigentums im Auslande, den Wert des Reichseigentums in den abgetretenen Gebieten, die Handelsflotte usw. — Werte im Gesamtbeträge von schätzungsweise rund 45 Milliarden Goldmark — gar nicht berücksichtigen.
Demgegenüber mutet es höchst seltsam an, wenn in Beantwortung einer Frage des kommunistischen Abg. Cachin der französische Finanzminister am 4. Juli 1922 mitteilt, daß Deutschland vom Waffenstlllstand bis Ende März 1921 Sachleistungen im Werte von 2958 Millionen Goldmark bewirkt habe. Da immerhin doch angenommen werden müßte, daß dem französischen Finanzminister auch die Leistungen bekannt sein dürften, welche Deutschland bis zum 31. März 1922 getätigt hat.
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 24. Juli 1922.
Bon der deutschen Münzwirtfchaft.
”* Amtliche Veröffentlichungen teilten in den letzten Tagen einige sehr interessante Angaben über die deutscheGeldprägung mit, die in aller Deutlichkeit auch dem nur oberflächlich Arteilenden vor Augen führen können, wie tief unsere einstmals so blühenden Zahlungsmittelverhältnisse gesunken sind.
Gold-, N i ck e l- und Kupfermünzen sind im Juni und wohl auch schon lange vorher nicht mehr geprägt worden, von den Silber- inünzen schweigt die amtliche Aufstellung überhaupt. An Gold münzen besaß das Reich Ende Juni 5 155 840 110 Mk., wovon 4 450 945 600 Mk. auf Zwanzigmarkstücke und 704 894 510 Mk. auf Zehnmarkstücke entfallen. Der Bestand an Nickel münzen belief sich zu derselben Zeit auf 100 309 907,40 Mk. davon waren 64 499 202 Mk. Zehnpfennigstücke, 35 810 705,40 Mk. Fünfpfennigstücke. Die Kupfer münzen wurden auf den gleichen Tag mit 25 102 501,89 Mk. ausgewiesen, davon Mark Einpfennigstücke.
Ruhte die Geldprägung aus Edelmetall vollständig, so blühte dafür im Juni die Ausprägung aus Ersahmetall um so üppiger, übrigens ja eine Tatsache, die nicht mehr ganz neuen Datums ist. Für 1 224604,15 Mk. neue eiserne Fünfer kamen im Juni ins Dasein, eiserne Zehner wurden in demselben Zeitraum nicht hergestellt. Am Schlüsse des Vormonats hatte das Reich einen Besitz von 94 719 701,35 Mk. an Eisenmünzen, hiervon 22 050 384,30 Mk. Zehner, 72 669 317,05 Mk. Fünfer. Zink-Zehnpfennig st ücke wurden im Betrage von 3 461 568,40 Mk. neu hergestellt,
so daß sich Ende Juni der Bestand an dieser Geld- soric auf 120 255 343,40 Mk belief Am stärksten zur Ausprägung herangezogen wurde auch im verflossenen Monat das Aluminium: neu für 18 046 046,50 Mk Fünfzigpfennig st ücke. Das Verlangen nach einer annehmbaren und nicht zu kostspieligen Scheidemünze als Ersah für das nun glücklicherweise verschwindende Notgeld der Städte mag wohl zu dieser starken Ausprägung den Anstoß gegeben haben. Insgesamt besah das Reich Ende Juni für 383 033 322,22 Mk. Aluminiummünzen, wovon der Löwenanteil von 382 526 074 Mk. auf die Fünfziger und der bescheidene Betrag von 507 248,22 Mk. auf Einpfennigstücke kam.
Dem Geld aus Ersatzmetall, als Elendszeichen unserer deutschen Münzverhältnisse, reiht sich natürlich die Papiergeldflut ebenbürtig an die Seite. Am 30. Juni waren allein Darlehenskassenscheine im Besitz von 25 Milliarden und 82Vl> Millionen Mark ausgegeben. Hiervon befanden sich für 10 Milliarden und rund 309 Millionen Mark im freien Verkehr.
Erhöhung der Entschädigungsansprüche im Güterverkehr.
Der Betrag, bis zu dem die größeren Güterund Eilgutabfertigungen Anträge auf Entschädigung aus dem Frachtvertrag über die Beförderung von Gütern und lebenden Tieren wegen Verlustes, Minderung, Beschädigung oder Lieferfristüberschreitung zu erledigen befugt sind, ist von 300 auf 5 0 0 0 Mr erhöht worden. Die Zuständigkert der Aemter, Inspektionen usw. ist auf 50 000 Mk. für Entschädigungsansprüche und auf 25 000 Mk. für Erstattungsanträge in jedem Falle festgesetzt worden.
Friseurgewerbe und Teuerung.
Von der Hessischen Handwerkskammer wird uns geschrieben:
In Verbraucherkreisen herrscht vielfach immer noch Ank'larheit darüber, daß die andauernden Preiserhöhungen für Waren und Leistungen nichts weiter sind, als der Ausdruck der stetig fortschreitenden Geldentwertung. Will der Gewerbetreibende nicht unrettbar der Verarmung verfallen, so muß er bei der Bildung seiner Preise darauf Rücksicht nehmen, daß er für den Erlös die gleichen Mengen Waren Herstellen oder einkaufen, daneben seine Ankosten decken und einen zum Lebensunterhalt angemessenen Gewinn erzielen kann. Oftmals sind aber die Geschäftsleute in der Forderung berechtigter und auskömmlicher Preise gehindert durch Rücksichten auf die Absahmöglich- reit. Dies ist namentlich dort der Fall, wo die Verbraucher sich noch Einschränkungen auferlegen können und wollen.
Zu den hiervon hauptsächlich betroffenen Handwerkszweigen gehören ein Teil der Nahrungsmittelgewerbe, die sog. Luxusgewerbe und die Gewerbe, deren Tätigkeit in der Verrichtung persönlicher Dienste besteht. Besonders bei der letztgenannten Kategorie, dem Friseurhandwerk, gestatten sich die Verhältnisse immer trostloser.
Stets nach den unvermeidlichen Preisauf- chlägen — veranlaßt durch die stetige Steigerung >er Ankosten und Aufwendungen für die Lebens- uhrung sowie durch die Lohnforderungen der nicht zeitgemäß bezahlten Gehilfen — wandert ein Teil der Kundschaft ab und greift zur Selbsthilfe, nicht nur beim Rasieren, sondern auch beim Haarschneiden. Am die Abwanderung möglichst zu verhüten, hat sich das Gewerbe bei der Preisbildung seither schon die .größte Beschränkung auferlegt. Es beweist dies ein Vergleich der Steigerung der Dedienungspreise im Kiseurhandwerk und der Preissteigerung auf allen übrigen Gebieten im Verhältnis zu den Vorkriegspreisen. Trotz dieser verzweifelten Bemühungen greift die Abwanderung durch die Verschärfung der Verhältnisse weiter um sich, der Friseur muß heute im Regelfälle mit einer Tageseinnahme wirt- chaften und hieraus noch Steuern zahlen, die in einem Verhältnis zu der teueren Lebenshaltung teht. Während des größten Teils des Tages wartet der Meister mit Gehilfen auf die Kundschaft. Die Ausfüllung beschäftigungsloser Zeit mit Haararbeiten, wie das früher üblich, ist jetzt nicht mehr möglich, da auch die Nachfrage in dieser Hinsicht stark zurückgegangen ist. Dagegen ist die Gehilfenhaltung unentbehrlich, weil sich in wenigen Tagesstunden der Rest der Kundschaft zusammendrängt, nicht warten will, und somit sonst weiterer Verlust an Kunden zu befürchten ist. Die Krise im Friseurgewerbe ist außerordentlich ernst: viele Geschäfte muhten bereits schließen.
Von der Einsicht der Verbraucher darf erwartet werden, daß sie der durch die Verhältnisse bedingten Preisgestaltung Verständnis entgegenbringen und die von pem wirtschaftlichen Zusammenbruch bedrohten Handwerkszweige durch Inanspruchnahme und Schaffung von Arbeitsgelegenheit nach Möglichkeit unterstützen.
** Die Ernährung der geistigen Arbeiter. Der Physiologie ist es gelungen, den Stoffwechsel bei der verschiedenen Form der Muskelarbeit genau zu messen, so daß man angeben kann, wieviel der Mensch bei rungsbedarf eines Schlossers, eines Maurers Muskelruhe essen muß und wie groß der Nahoder einer im Hause tätigen Frau ist. Für die geistige Arbeit fehlte bisher ein solcher Maßstab. Nun haben Antersuchungen, die Professor Dr. Kestner und Dr. Knipping an dem.Physiologischen Institut der Hamburger Universität ausführten und über die sie jetzt in der „Klinischen Wochenschrift" berichten, ergeben, daß bei geistiger Arbeit — es wurde den Versuchspersonen (Studenten und Studentinnen) aus einem schweren Buche vvrgelesen, und die Versuchsperson muhte das Gehörte wiederholen — der Stoffwechselverbrauch und die aus ihm berechnete Kalorienzahl ausnahmslos gesteigert ist. Der Aufwand für geistige Arbeit ist also. meßbar, aber er ist außerordentlich gering, geringer als bei irgend einer gewerblichen Arbeit, die bisher gemessen ist. Dagegen stellt sich bei der geistigen Arbeit eine regelmäßige Zunahme des PhoS- phvrsäuregehaltes des Blutes heraus. Am dieser Säuerung des Blutes entgegenzuwirken, ist es notwendig, die Absonderung des Magensaftes, der Salzsäure enthält, an- zuregen. Von den gebräuchlichsten Nahrungsmitteln ruft aber das Fleisch die reichlichste und am längsten dauernde Magensaftabsonderung hervor. Der geistige Arbeiter muß daher reichlich Fleisch essen und auch so entlohnt werden, daß er es sich auch kaufen kann.
** Po ft kartenverkehr mit dem Aus- l a n d. Es wird vielfach nicht beachtet, daß die vor einiger Zeit zwecks Ausbrauchs alter Karten- bestünde herausgegebenen P o st k a r t e n mit den aus Linienwerk hergestellten Ergänzungszahlen st empeln zu 35 und 85 Pfg. nicht ins Ausland verwandt werden dürfen. Solche Postkarten find von fremdländischen Post- anstalten in letzter Zeit wiederholt beanstandet oder mit Nachgebühr belegt worden. Wenn auch anzunehmen ist. daß nur noch geringe Bestände von Postkarten der bezeichneten Art in den Händen des Publikums sich befinden — neu hergestellt werden sie nicht mehr —, so wird doch im Interesse der Versender erneut darauf hingewiesen, daß die Karten nur im Inlandsverkehr gültig sind
** Erleichterung des Durchreiseverkehrs durch den polnischen Korridor nach Ostpreußen. Der Durchgangsder- -kehr nach Ostpreußen in n-ichtgeschlossenen Zügen durch den sogenannten polnischen Korridor unterliegt an sich den allgemeinen Paßbestimmungen, d. h. neben einem Pah ist ein deutscher Sichtvermerk und ein polnisches Visum erforkter- lich. Nach Art. 99 des am 21. April 1921 In Paris unterzeichneten, inzwischen in Kraft getretenen Abkommens zwischen Deutschland, Polen und der Freien Stadt Danzig über den freien Durchgangsverkehr zwischen Ostpreußen und dem übrigen Deutschland genügt jedoch als Ausweis gegenüber den polnischen Behörden an Stelle des Passes ein Persvnenausweis, wie er in Hessen zum Verkehr zwischen dem unbesetzten und besetzten Gebiet von den Kreisämtern und den Polizeibehörden bzw. Bürgermeistereien ausgestellt wird. Am deutscherseits den Verkehr nach Ostpreußen möglichst zu fördern, erllärt sich der Reichsminister des Innern damit einverstanden, daß dieser Ausweis innerhalb des fraglichen Verkehrs als genügende Grundlage sowohl für den regelmäßigen Sichtvermerk wie für den An- b^enklichkeitsvermerk der zuständigen Finanz» behörde angesehen wird. Für Ausländer bleibt es bei den allgemeinen Bestimmungen.
** Die „Arbeitsgemeinschaft Deub scher Erfinderschutz-Verbände" hat, entsprechend dem Plan der „Gesellschaft zur Errichtung eines deutschen Erfindungs-Institutes", beschlossen, einen Kongreß für Erfindungswesen am 12. und 13. Oktober 1922 in Gießen zu veranstalten. Als Referätthemata sind in Aussicht genommen: 1. Internationale Vergleichung der Patent-Gesetzgebung (Referent: Herr Patentanwalt Dr. Weerth-Giehen), 2. Psychologie der Erfindungen und der Erfinder (Referent: Geheimrat Professor Dr. Sommer-Gießen), 3. Die Fortschritte der Maschinenbautechnik (Referent: noch unbestimmt). — Außerdem liegen schon Vortragsanmeldungen vor. Am Anmeldung weiterer erfindunaswissenschaftlicher Vorträge an den Vorsitzenden, Prof. Dr. Sommer in Gießen, wird bis Ende Juli 1922 gebeten.
Goldmark
49 353 86'
11 558 64
987 619 01 <
21552 47!
171 816 75t
1 052 20(
12 000 00(
M MMM M SMü.
Roman von Ernst Scherte!.
17. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
»Das ist ja unser kleiner Gaukler von v)r- hrn," sagte der Doktor, als nun auch der Kopf des Knaben sichtbar wurde. Trotzdem wurde es schwer, ihn wieder zu erkennen. Die Züge waren verzerrt, die Augen nach oben gekehrt und Schaum stand auf den Lippen.
Aber kaum waren auch diese letzten Zeichen der Katalepsie verschwunden, als Eduard, der angestrengt in den Zügen des jungen Nubiers geforscht hatte, plötzlich in den halberstaunten, halberschreckten Ruf ausbrach: .Das ist Ismais, der Knabe von Ombos."
Auch Ismais schien Eduard nin wieder zu erkennen. Er sprach jedoch nichts und gab immer noch dann und warm Zeichen von Geistesabwesen- hett.
Man bettete ihn hierauf, so gut es ging, auf einem der Säcke, um das Weitere dem kommenden Sag zu überlassen.
Bald überfiel ein bleierner und doch un° ruhiger Schlaf die drer Genossen dieser merk- würdigen Nacht.
Aber als der Morgen graute und Perzelius sich von seinem Lager erhob, war Ismais nicht mehr zu finden
S e ch st e s Kapitel.
Es war ein lauer Morgen, als Perzelius Vnd Eduard in Gesellschaft des a jhen ihre Her- Berge verließen. Die Sonne war noch nicht über das weiße Mokkatamgebirge hcraufgest^en.
feucht und öde lag der Landungsplatz da, auf den die noch dunkeln Gassen mündeten.
Perzelius hatte einen Zettel für den Baron geschrieben, worin er diesem mitteilte, daß er mit Eduard im Begriffe stehe, eine größere Reise zum Zwecke weiterer Nachforschungen angutreten, und daß er den. Baron benachrichtigen werde, weirn sich wesentliche Resultate ergeben würden' Einstweilen aber möge der Baron keine weiteren Schritte unternehmen, um sich nicht den Gegnern zu verraten. Diesen Zettel drückte er mit dem entsprechenden Bakschisch einem der Kulis m die Hand, welche sich schlaftrunken an die Arbeit machten, die darin bestand, so lange regungslos auf einem Stein oder Balten zu sitzen, bis jemand kam, der ihrer Dienste bedurfte.
Iechiel ben Iehud führte seine neuen Schiffsknechte zu seinem Fahrzeug, das ohne jede Ladung auf den Wellen schaukelte. Perzelius dachte, der Jude erwarte vielleicht erst noch die Ankunft der Ware, die er verfrachten sollte, aber auch davon war nichts zu bemerken.
So betrat man das Schiff. Perzelius gab sich den Anschein, als habe er nie etwas anders getan, als Taue eingezogen und Segel gehißt, und es war für Eduard git, seine geringeren Kenntnisse in diesen Dingen hinter der Geschäftigkeit des Doktors verbergen zu können.
Der Jude saß am Steuer und alsbald blähte sich die Leinwand, welche an einer riesigen, seltsam gekrümmten Segelstange hing, und das Schiff fuhr langsam unter einer kräftigen Morgenbrise gegen die Strömung.
Eduard fühlte seine müde Zerschlagenheit bald verschwinden, und die körperliche Arbeit gab ihm auch wieder seine -Satti aft ,nd damit Selbstvertrauen und HoffirrngsfreudigkeU.
Iechiel ben Iehud trachtete die linke Nilseite zu gewinnen, an wacher er nun tn geringer Entfernung vom Afer entlang segelte.
Arbeit gab es nicht viel. Der Wind behielt dauernd dieselbe Richtung bei, und so lagen die beiden Pseudo knechte scheinbar faul am Boden und sahen empor in den Himmel, dessen Blau mit steigender Sonne sich verfärbte und schließlich in eine Art Rostbraun überging. Aber trotz des Anscheins von Interesselosigkeit, den sich die beiden gaben, beobachteten sie doch genau die Handlungen des Juden und hingen ihren sich drängenden Gedanken nach.
Gegen Mittag legte Iechiel ben Iehud am Afer an, ohne daß eine eigentliche Landungsstelle sichtbar gewesen wäre. Nur das niedergetretene Schilf und tiefe Spuren in dem schlammigen Boden deuteten an, daß dieser Platz häufig zu einem ähnlichen Zweck benutzt wurde.
Durch das Fr ichtland zog sich ein schmaler Pfad, der sich in der Ferne im Wüstensande verlief. Auf einer erhöhten Bodenwelle thronte in gewaltigem Am riß die Pyramide von Sat- kara.
Bald konnte man auch einen Zug von Menschen erkennen, welch: den Wüstenrand herabkamen und große Warenballen tr igcn. Es waren fünf bis sechs Männer, die Perzelius als Fellachen z i erkennen glaubte.
Als sie sich bis auf Hörweite genähert hatten, rief ihnen der Jude ein „Salem" zu, das von ihnen erwiderte wurde. Nun fuhr eine große Lebendigkeit in Iechiel ben Iehud. Er schob die Taue auf die Seite, welche am Boden des Schiffes herumlagen und forderte den Doktor und Eduard auf, ihm dabei behilflich zu sein. Dann watete der Jude ans Land und lief den Ankömmlingen
entgegen, während er die Arme in der Luft schlenkerte und schon von Ferne ein lebhaftes Gespräch mit den Eingeborenen begann. Er geleitete sie dann zu seinem Schiff, während er erregt auf sie einsprach, jedoch in entern solchen Gemisch von Arabisch und Jüdisch, daß es kaum zu verstehen war. Nachdem der Zug angenommen, mußten Perzelius und Eduard kräftig zugreifen, um die Warenballen zu verstauen. Es Warrn drei große Säcke jeder gegen zwei Meter lang und über einen yalben Meter dick. Sie schienen Tierfelle zu enthalten und waren sorgfältig verschnürt.
Anterdessen redete der Jude unter heftiger Gestikulation mit dem Führer des Trupps. Es schien fast zu einem Streit zwischen den beiden zu kommen, aber so sehr sich auch Perzelius bemühte, Hinzuhören, so konnte er doch immer nur „Chutzpo, Chutzpv"ft verstehen, sowie „Nekciwo"-) und „Mijuches"3), woraus er schloß, daß der Jude erzürnt sei wegen einer Anverschämtheit, die man ihm angetan habe in bezug auf eine adelige Frau.
Das machte den Dottor stutzig. Sollte ber Jude in einer Beziehung stehen zu dem Raub der Baronesse? Zumas der Tatort des Verbrechens nur etwa eine Kilbe Tagereise entfernt lag? Aber was veranlaßte ihn dabei zu dieser Heftigkeit? Denn daß er ungehalten war über bic Gesetzwidrigkeit einer solchen Handlung, schien nicht recht annehmbar-. Aber was reute ihn dann so auf? .
') Anverschämtheit Frau.
3) Adelig
(Fortsetzung folgt)


