Nr. 4Z Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Hrsitag, 24. Februar (922
Deutscher Reichstag.
176. Sitzung, mittags 2 Uhr.
'Berlin, 23. Febr. 1922.
Vor Eintritt in die Tagesordnung beantragt Abg. Dar h (Komm.), als ersten Punkt die Auslieferung der beiden Spanier durch die preußische Beglerung auf die Tagesordnung zu sichen.
Zu dem Derichit der „Ardeitsgemein- 'chast der D ez irls v e r bä n de hessi- icher Ortsgelverdevereine" in Br. 43 des Gießener Anzeigers vom 20. d. Mts. teilt uns die „Ortsgruppe Dietzen des ReichSdundes deutscher Technik" mit, datz sie bereits vor einem Jahr mit Eingaben gegen die Absicht, den Hn- !erricht an gewerblichen Fortbildungsschulen ausschließlich durch Volksschullehrer ausüden zu lassen, gewirkt hat. Sie ist nadr wie vor mit uem „Technischen Verein Dietzen", der auch in dem erwähnten Bericht vertretenen Ansicht, datz der Unterricht an den gewerblichen Fortbildungsschulen zweckmäßig, im Interesse der Lehr- finge, des Handwerks und der Industrie — und somit auch im Interesse der Allgemeinheit — nur von technisch vorgebildeten Personen zu erteilen ist. Cs genügt für die Lehrpersonen nicht, in Ausbildungskursen Oberflächliches von Hand- wert und Technik zu erfahren, sondern eine gründliche Kenntnis des Handwerks und der Technik ist erforderlich. Diese besitzen aber nur Techniker, die selbst ein Handwerk erlernt oder darin beschäftigt gewesen sind, und die ihr technisches Wissen auf einer technischen Lehranstalt erworben haben.
Errichtung einer Baugewerkschule für die
Provinz Oberhessen?
Zum Aufsatz in Ar. 43 des „Gießener Anz." vom 20. Februar 1922 legen uns die Ortsgruppe Dietzen deS Reichsbundes deutscher Technik und der Technische Verein Dietzen folgend Zuschrift vor.
Hag Ziel der Daugewerkschulen ist zwar nicht vornehmlich die Ausbildung von Technikern für den mittleren Staatsbaudienst, sondern es werden auf diesen Schulen Techniker für das Baugewerbe die Daustofsindustrie und für andere Industriezweige in mindestens der gleichen Anzahl herangebildet. Trotzdem mutz betont werden, Satz drei Daugewerkschulen in Helsen für lange Zeit ausreichen, so datz tatsächlich die Schaffung einer vierten Daugewerkschule nur falsche Hoss- ,-rungen in den Eltern kreisen Hervorrufen, in Wirklichkeit aber nur die Arbeitslosigkeit unter den Technikern vermehren wurde.
Um jedoch auch den berechtigten Interessen der beteiligten Kreise Oberhessens Rechnung ,u tragen, wäre zu empfehlen, die in Dingen bestehende Daugewerkschule nach Dietzen zu -»erlegen. Der schwache Besuch dieser Schule, welcher zweifellos auch in den im besetzten Gebiet wesentlich erschwerten wirtschaftlichen Bedingungen 'einen Grund bat, dürfte schon aus Sparsamkeitsgründen diese Verlegung rechtfertigen.
Die Derwendungsgebiete der Dautechniker haben sich verschoben. Die in Oberhessen und den angrenzenden preußischen Gebieten sich immer iwchr ausdehnende Industrie braucht in zunehmendem Matze auch technisch ausgebildete Arbeitskräfte des Baufaches. Diese müssen jetzt zu ihrer Ausbildung Daugewerkschulen auherhalb 05er- Hessen- besuchen und bcuu unverhältnismäßig oohe Mittel auf wenden, die sich bei einer Verlegung der Dingener Schule nach Dietzen erheblich verringern würden.
Sine Daugewerkschule in Dietzen also nur, wenn es ratsam ist, die Bingener Daugewerkschule aufzuheben.
Bedingungslose Berechtigung jedoch hat der Ausbau der schon jetzt mit vier Semestern betriebenen maschinentechnischen Abteilung der Gewerbeschule in Dietzen zu einer anerkannten Maschinenbauschule. Zur Erfüllung ober zum Der- »uch der Erfüllung des Versailler Vertrages wird die Ausfuhr deutscher Maschinen usw. eine wesentliche Rolle spielen und somit wird auch für die Zukunft ein gewisser Bedarf an Maschinentech-- iffexn sein 3ur Heranbildung des Aachwuchses dürfte die Maschincnbauschule in Offenbach, die einzige Hessens, nicht genügen. Für eine zweite anerkannte Maschinenbauschule ist Dietzen aus den für die Daugewerkschule angeführten Gründen Ausdehnung der Industrie in der Umgebung von Dietzen, in Butzbach, Wetzlar, dem Dilltal usw. — heroorrageno geeignet. Der Ausbau der mafchinentechnischen Abteilung der Gewerbeschule wäre mit verhältniSmätzig geringen Kosten möglich.
Leichsjustizminister Dr. Radbruch erklärt,! beim Iusttzetat auf diese Frage eingehen | zu wollen. f
Aach Erledigung einer Reihe kleinerer Vorlagen schreitet daS 5>aud zur zweiten
Beratung deS Zustizetats.
Abg. Hoffmann- Kaiserslautern (Soz. । hält den Dorwurf der Klassenjustiz aufrecht. Hätte nicht der Junker von Kähne den Arbeiter, sondern 1 der Arbeiter den Junker erschossen, so sähe der Arbeiter längst sest. Die Mörder von Erzberger und Gareis werden nicht gefunden. Auch Herr von Iagow wird nicht gefunden werden, wenn er demnächst aus dem Gefängnis entweicht. Das alles entfremdet das Doll der Justiz. Die anac- tünbigte grobe Iustizresorm bars nicht verschoben werben, toenn es auch richtig ist, batz einzelne ganz wichtige Derbesserungen vorgenommen werden. Wir erlernten an, datz der Minister mit einer weitherzigen Auffassung an seine schwierige und undankbare Aufgabe herangegangen ist. Aber das reicht nicht aus. Solange die Kappisten nicht bestraft sind, erfordert es die Menschlichkeit und Gerechtigkeit, die wegen Derb rechen bestraften Kommunisten aus den Gefängnissen und Zuchthäusern zu entlassen. In Dahern mutz die Justiz baldigst einsetzen. Ebenso wie wir die Gleichberechtigung der Klassen bei der Wahl zum Richter verlangen, verlangen wir auch die Gleichberechtigung der Geschlechter. (‘Beifall bei den Sozialdemokraten.)
Abg. W a r m u t h (D.-D.) nimmt den Richterstand gegenüber den Angriffen der Linken in Schutz. Die Absetzbarkeit der Richter würde sie bei der Fällung der Urteile unfrei machen, denn sie mühten befürchten, abgeseht zu werden, wenn sie den Geschmack der Massen nicht träfen. DaS Volk soll nicht so oft den Richter für das Urteil persönlich verantwortlich machen statt das Gesetz. Tie Frauen müßten auch in der Rechtspflege voll zu ihrem Rechte kommen. Ausnahmen könnten nur aus der natürlichen Deranlagung der Frauen her- geleitet werden. Der Redner wendet sich zum Schluß gegen die Schaffung weiterer Sonder» gerußte, insbesondere gegen die von den Sozialdemokraten geforderten Arbeitergerichte.
Abg. Dr. Kahl (D. D.) weist den generellen Dorwurf der Klassenjustiz ebenfalls zurück. Die Einseitigkeit der Weltanschauung der Linken be- einträchtige das unbefangene Urteil. Im Großen und Ganzen fei unser Richtertum auch heute noch unbefangen. Das Iustizstudium bürfe nicht zum Drotstubium werden. Der Redner protestiert gegen ein allgemeines Amnestiegesetz, das nicht zur Ber- söhnung führen könnte, fonbern nur zur vermehrten Dolkszerrüttung bienen würde.
Abg. Dr. Rosenfeld (U.) bringt seine bekannten Klagen über die Klassenjustiz vor, die er im einzelnen durch Beispiele erläutert, die furchtbare Aachricht, baß spanische Syndikalisten an die spanische Regierung ausgeliesert worden seien, sei eine Schande für die deutsche Republik. Deutschland werde damit Hoflieferant der spanischen Monarchie. Die rechtssozialistische Presse erhebe Widerspruch dagegen, der rechtssozialistische Minister liefert aus. Dazu soll noch ein in ‘Berlin gefangener Ungar namens Goldschmidt an bas- fetbe Ungarn ausgeliefert werden, bas uns die Auslieferung der Mörder Erzbergers verweigert. Der Redner schließt mit der Reform des Strafvollzugs nun endlich Emst zu machen.
AeichSjustizmioister Dr. Radbruch:
Die Reichsregierung war der Ansicht, datz das Ashlrecht einer demokratischen Republik besonders heilig sein müsse. Deutschland mutz sich aber nicht minder verpflichtet fühlen zur feierlichsten Beobachtung seiner vertraglichen Verpflichtungen, be- sonders toenn wir selbst im gleichen Falle find bezüglich der Auslieferung der Mörder Erzber- gers. Die Angelegenheit ist keine Dache des menschlichen Empfindens, sondern rechtlicher Verträge. Die Auslieferung ist erfolgt auf Grund unseres Auslieferungsvertrages mit Spanien. Wo ist das wirkliche oder geplante politische Verbrechen, mit welchem die angebliche Tat im Zusammenhang steht? In diesem Falle könnten wir die Auslieferung verweigern Die angebliche Tat ist ein politischer Racheakt, aber sie ist nicht geschehen, zu einem politischen Zwecke. Hätten es die beiden Syndikalisten schlimmer getrieben, wäre es ihnen besser ergangen. Ein neues Auslieserungsgeseh ist in Berbereftung. Gegenüber dem spanischen Botschafter haben wir feierlich den Wunsch ausgesprochen, datz ein etwaiges Todesurteil in diesem Falle nicht vollstreckt werden möge.
Aächste Sitzung Freitag mittag 12 Uhr. Anfragen, fünfter Aachtragsetat und Wellerberatung des Iustizetats.
Schluth 6V2 Uhr.
Die Blüchermchten.
Roman von HannS vonZobeltitz.
36. Fortsetzung. (Buchdruck verboten.)
3a, ja: der Herr Doktor Hünswanger tarn gern in die ‘Mansarden. Er war ein ernster Mann, fast über seine Jahre hinaus. Aber er konnte auch recht von Herzen heiter fein. Dann strich er wohl mit seiner schlanken feingliedrigen Hand fiter die Stirn und den dunkelbraunen dichten Schopf, als ob er damit alle Sorgen seines Berufs sortsireichen könnte, und scherzte und lachte mit den Fröhlichen.
Der Kornett, der so viel Zeit hatte jetzt in Innern Lehnstuhl, war sich bald im Haren: der Hünswanger fühlte ein besonderes Tendre für die Charlotte. ‘Man mutz freilich arg aufpassen, wenn man es merken sollte, denn der Herr Doktor war sehr zurückhaltend. Aber so man die Augen gut aufmachte und die Ohren fein spitzte, könnt' es einem doch nicht entgehen: der Hünswanger wußte tote zufällig seinen Sessel oft neben dem Lottes zu placieren, unb toenn er sich an sie toanbte, bekam seine Stimme einen ganz neuen Klang.
Tas war ja schön und gut, patzte ganz wunderbar: sie war ja nod} frei. Also beschloß das Männlein im tiefen Lehnstuhl, sich für de Angelegenheit zu interessieren. Blan mußte mr wissen, wie Lotte selber dazu stand. Man mußte vorsichtig sondieren, diplomatisch zu Werke gehen.
Ohne Zweifel: man war ein diplomatisches Genie, man hätte am Wiener Kongreß ferne Rolle spielen können. Der Kornett. fing nämlich sein Sondieren folgendermaßen an:
Als die Lotte am nächsten Morgen zum zweiten Frühstück seine Schinkenstulle brachte und sein Glas Portwein, fragte er sie, so ganz nebenbei: „ßottilen, tote gefällt dir eigentlich mein Herr Toktor?"
Tas Tablett hat wohl ein weniges in ihrer Hond gezittert, aber sie hat. auch wie ganz nebenbei, gesagt: „Ba . . . es geht."
„Ist doch ein honetter feiner Herr, der Toktor. Klug ist er, hübsch ist er, hat zudem eine glänzende Karriere vor sich, ‘Wenn ich ein Mckbel wär', ich versiebte mich rettungslos in ihn."
„Gut, daß bu kein ‘Mädel bist . . ."
„Ba, ich mein' ja bloß so. Aber zum Beispiel du, Lottiken . . .“
Ta hat sie das Tablett hingestellt, baß es einen Ruck gab, und hat sehr scharf gemeint: „Bist doch immer noch ein furchtbar bummer Junge!" Unb hat kurz kehrt gemacht, ist hina is- en.
er Kornett ist sich darauf wirklich ziemlich
bumm vorgekommen, nahm sich auch vor, bei weiteren biplomatischen Aktionen vorsichtiger vorzugehen. Gesehen hat er freilich nicht, baß Fräulein Charlotte bei' ihrer Antwort verräterisch rot geworden ist, und gehört hat er auch nicht, baß sie gleich darauf in ber Küche ein wild:s Rumoren mit Töpfen und Tiegeln angefangen bat. Am Bachmittag aber, als ber Hünswanger [am, nach dem Patienten zu sehen, ist sie zuerst gar nicht zum Vorschein gekommen.
Tabei hat ber Herr Doktor grab heut eine merkwürdige Bachricht mitgebracht, und den Kreis, der ihm so lieb geworben, tn eine Aufregung verseht, die er sich zuerst selber nicht recht erklären noch beulen türmte. Er hatte nämlich erzählt, batz er unter fernen Blessierten im
Aus Stabt unb Canb.
Gießen, ben 24. Febr. 1922
Wirkungen des Kaffees.
Ein Psychologe hat einmal bie geistigen Arbeiter in Alkoholiker unb Kasseeirinker ungeteilt, je nach ben anregenben Wirkungen, bie Alkohol ober Kaffee auf fie aus üben. Wie eS manche Künstler gibt, bie unter bem Einfluß bes Weines ihre höchste schöpferische Leistung erreichten, so gibt es auch wieder andere, denen der Kaffee das „Lebenselerier" ist, das ihnen Phantasie und Verstand beflügelt Andererseits gibt es auch Leute, die durch den Genuß von Kafsee müde werden. Iebensalls sind die Wirkungen! des „braunen Zauberttankes" verschiedenarlig unb mannigfaltig. Es läßt sich im allgemeinen beweisen, baß das Koffein anregend und kräste- fleigemb wirkt Während alkoholische Getränke^ die Körpertemperatur Herabseyen, wird sie durch Kaffee erhöht Koffein in mäßigen Mengen verstärkt die Energie in der Mehrzahl der Fälle, toenn auch nicht in allen. Wie manche Äonftitutionen dem Allohol Widerstand leisten, so tun dies andere dem Koffein gegenüber. Bei ben meisten Personen läßt sich jedoch der Einfluß des Kaffees ztoeifels- frei feststellen. Der Puls wird leicht beschleunigt, und die Tätigkeit der Bieren und der Haut wird angeregt. Bei starken Kaffeedosen kann eine übermäßige Tätigkeit des Herzens eintreten und eine Behinderung der Verdauung. Als tägliches Getränk schließt der Kaffee toeniger Gefahren für das Nervensystem und die Derdauungsorgane in sich als der Tee. Im Kaffee ist nämlich toeniger Tannin als im Tee, und deswegen wirkt er nicht so ungünstig auf den DerdauungSprvzeß. Die Einwirkung oeS Kasiees auf das Gehirn und die Berben äußert sich tn unruhigem Schlaf unb in manchen Fällmr in zeitweiser' Schlaflosigkeit. Die Gewöhnung macht aber dabei sehr viel aus. Manche Völler, wie die Spanier oder Brasilianer, die starken schwarzen Kaffee als ihr Bationalgetränf haben, müßten überhaupt nicht mehr schlafen können, wenn die Wirkung bet fortgesetztem Genuß nicht sehr abgeschwächt würde. Das gelegentliche Trinken von starkem Kafsee am Abend beunruhigt den Schlummer ober vertreibt ben Schlaf. Heber» mäßiges Kaffeetrinken ist zweifellos der Verdauung und den Berben schädlich. 3m allgemeinen aber sind Vergiftungserscheinungen nach Kaffee sehr selten, und fein Ruf als ein anregendes „Lebenselexier" ist durchaus gerechtfertigt.
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” Gießener Hochschulgefellschaft. In einem Leitaufsatz des „Gießener Anzeigers" war kürzlich auf die Beziehungen zwischen Deutschland und Holland eingegangen und darauf hingewiesen worden, baß zwei hervorragende, im öffentlichen Leben stehende Holländer in ber Hochschulgefellschaft sprechen würden. Der erste dieser Vortragsabende sand am Dienstag im großen Hörsaale statt. Er ftanb unter dem Zeichen der Pflege unserer wirtschaftlichen Beziehungen zu unseren holländischen Nachbarn. Das Holland- Institut in Frankfurt a. M. hatte einen Vortrag des Herrn Dom ban Rombeek, des Direktors des Auskunstsbureaus für den indischen Dienst beim Kolonialministerium im Haag, über „Die Wirts chaftlichenVerhältnisseinBie- derländisch-Indien und das Bedürfnis an borgebildeten europäischen Kräften" bemittelt Der Rektor der Hniversi- tät, Professor Dr. R 0 l 0 ff, leitete den Abend ein, indem er darauf hinwies, daß, wenn wir auch nicht mehr in der Reihe der Kolonialbölker eine Rolle spielten, unsere Bedeutung als Kulturfaktor in der Welt nicht aufgehört habe. Er begrüßte den Redner als Vertreter her stammberwairdten, freundlichgesinnten Nation. — Der Vortragende, der bor einem vollbesetzten Auditorium sprach, gab zunächst einen Heberblick über die wirtschaftlichen Verhältnisse Biederländisch-Indiens. Es handelt sich um ein Land, das sowohl eine blühende Landwirtschaft als auch eine Industrie ersten Ranges in sich schließe. Daher sei eS feit langer Zeit ein Anziehungspunkt für viele Kolonisten und solche, die dort ihr Glück versuchen wollten, gewesen. Beim Ackerbau unterscheide man den Heinen und den großen. Der erstere erstreckt sich auf die ausgedehnten eingeborenen Kulturen Reis, Mais und Kas- faba, der letztere auf Zuckerrohr, Oelpflanzen, Tee, Kaffee, Kakao, Kautschuk, Tabak, Pfeffer und andere Kulturen, die bon europäischen Gesellschaften betrieben werden. Der Industrieentfaltung bietet sich reiche Gelegenheit durch die Gewinnungsprv- zesse der erwähnten pflanzlichen Rohstofflieferer und weiter durch die Ausbeutung des in ungewöhnlich bedeutenden Mengen borkommenden Petroleums, sowie von Kohle und Mineralien. An einer Reihe guter Lichtbilder erläuterte Herr Dom bau Rombeek, der selbst über 25 Jahre als Beamter der Regierung auf Iaba geweift hatte, das Leben der Bevölkerung und die hauptsächlichsten
Kulturen und Gewinnungsprvzesse. — Zur Frage der Unterbringung Deutscher, die nach Hollän- disch-Indien gehen wollen, äußerte er sich dahin, daß der derzeitige Moment sehr ungünstig sei. Der Weltkrieg hat kein Land verschont. Durch die willkürliche Ausschaltung wichtiger und toichtiaster Käuser- und Verkäufernationen sei auch Holland und feine Kolonien stark in Milleidenschaft gezogen und auch fein ökonomischer Zustand stehe im Zeichen einer Krise. Es könne sich also nur um Spezialisten handeln, die Deutschland an die niederländischen Kolonien abgebe, aber nur um solche, die nicht aufs Geratewohl dorthin gehen, sondern mit einem festen Kontrakt, sei cs mit der holländischen Kolonialregierung oder mit bestimmt en Unternehmungen. Die Vermittelung hierfür übernehme gern das Holland-Institut und auch die Amtsstelle, die der Vortragende leitet Dcc überaus lehrreiche Vortrag des gründlichen Kenner- von Biederländisch-Indien wurde mit großem ‘Beifall ausgenommen. — Es sei bemerkt, baß schon seit einer Reihe von Semestern gerade die Hni- berfität Gießen das Studium des niederländischen Kulturkreises besonders pflegt Heber niederländische Sprache und Literatur hat bi- zu diesem Semester Professor Dr. ban der Meer au« Frankfurt gelesen', nunmehr hat Gießen eine eigene Lehrkraft in der Lektorin Fräulein M Ramondt. Auch dem Studium der niederländischen Wirtschaft ss rag en widmet die Hniversität Gießen besondere Aufmerksamkeit: der Syndikus der Bie- derländisch-Deutschen Handelskammer in Frankfurt a. M, Dr. Weh, lieft hier feit einigen Semestern mit Erfolg über niederländische unb koloniale Wirtschaft
•’ Rechtzeitige Aufgabe der Ausstellungsgüter für die Leip» zigerFrühjahrSmefse. Die Eisenbahn- derwaltung macht darauf aufmerksam, datz bei der vergangenen Leipziger Herbstmesse ein großer Teil der für die Technische Messe bestimmten Stückgüter und Ladungen erst in den letzten Tagen vor Beginn der Messe auf dem Bahnhof Leipzig-Stötteritz eintraf. Hierdurch wurde die Abnahme und Entladung wesentlich verzögert. 3n Anbettacht der durch den Eisen- bahnerstteik geschaffenen schwierigen Lage für die Anfuhr der Ausstellungsgüter der Leipziger Technischen Messe wiro daher den Ausstellern dringend geraten, ihre Ausstellungsgüter sofort nach Beendigung des Streiks und möglichst so zellig aufzugeben, daß sie eine Woche vor Messebeginn in Leipzig-Stötteritz eintteffen.
Kreis Lauterbach.
△ Lauterbach, 23. Februar. Der Pferdeversicherungsverein für den Vogelsberg hielt hier seine Hauptver- sammlung ab. ‘Der Verein zählt über 500 Mitglieder und verfügt über eine Versicherungssumme von über 6 Millionen Mark, bei einem Vermögen von rund 100 000 Mk.
Hessen-Nassau.
spd. Frankfurt a. M., 23. Febr. Aus einem Abteil des Schnellzuges Frankfurt a. M,— Karlsruhe wurde bor einigen Tagen em Paket gestohlen, das neben zwei Kilogramm Kornsilber noch zahlreiche filberne Schalen Dosen, Tintenfässer, Mester und Gabeln barg. Sämtliche gestohlene Dosen tragen das Bildnis deS Löwen von Venedig. — Bei einer Schlägerei tn der Fahrgasse wurde der Arbeiter Hilger durch Messerstiche so schwer verletzt, datz er in hoffnungslosem Zustande dem Krankenhause zugeführt werden mußte. — Die Kriminalpolizei verhaftete auf frischer Tat zwei tnternatlo* naleTaschendiebe, die sehr erhebliche Geld' betröge bei sich führten.
][ Marburg. 22. Febr. Vertreter deS Kreishandwerkerbundes, des Gewerbevereins, deS Grund- und Hausbefitzervereins und des Kaufmännischen Vereins waren bei der Regierung in Kassel vorstellig geworden und hatten eine Eingabe überreicht, in der gesagt wurde, datz die Stadtverwaltung in unverantwortlicher Weise die Stadt immer mehr dem Ruin entgegentreibe. Die Bürger seien nicht mehr in der Lage, die Lasten, die durch die beispiellose Wirtschaft entstanden, zu tragen und die Stadt- verordneten seien auch nicht als die Vertreter der Mehrheit der Einwohner zu betrachten. Wie in der gestrigen Stadtvervrdnetensitzung mitgeteill wurde, hat der Regierungspräsident die Beschwerdeführer ab- gewiesen.
][ ©albe in, 22. Febr. Der 26 Jahre alte Rottenarbeiter Ioh. Heck wurde tn Creuzthal von einer Lokomotive angerannt und auf der Stelle getötet
land begonnen und aux-einanbergeriffen lange, lange Zeit Nachricht erhallen.
dann der Krieg gegen Buß* die vertrauensvoll Liebenden hätte, und baß sie nin sogar keine, aber auch leine Ten ©lauten an den Fran-
tafcen Hünswanger erzählt, wie heimlich glückllch Julie gewesen, wie
Überhaupt zweifelhaft, ob bie Herren Kollegen gut getan, ihm solchen Transport zuzrmtten; hoch solle er selbst immer wieder und immer stärker nach Berlin gedrängt haben. Bun hätte der Franzose anscheinend zu ihm ein besonderes Vertrauen gewonnen, sei freilich manchmal etwas wunderlich in seinen Beben, wollte hier nicht mit der Sprache heraus, halle dann wieder seltsame Fragen unb Bitten, zumal bei ben Abenbvistten, wo wohl manchmal auch noch Reste von Fieber gufträten. So hätte er gestern gefragt, ob er, der Hünswanger. bie Breitestraße ferme. „Wie ich also ja sag', schaut er mich an, mit gangroßen Augen, hat ein kurioses Lächeln unb fragt weiter, ob ich ihm einen Gefallen tun wolle. Gewiß . . . gern, sag' ich Unb er darauf, er hall' hier bei einem Sckaister Lacroix ein Paar Lackstiefeletten unbezahlt stehen. Ob ich vielleicht Herangehen wollte, so es mir nicht unbequem, unb ben Mann bezahlen? Hat auch schon ein paar Napoleonbors in ber Hand, bie er mir gibt. Item, ich war vorhin nebenan, unb bie Sache stimmt. Monsieur Cacroi?, ber Emigrant, hat sein Gelb unb wirb bie Stiefeletten nach bem Hospital an ben Vicomte Montauban fenben —“ Die stille Julie hat bis bahin gesessen, wie sie gern faß, mit ben geschlossenen beiden Händen im Schoß, die Augen etwas starr, etwas träumerisch grabausgerichtet. Als fie aber ben Namen hört, ben Barnen, von bem ihr Herz voll gewesen als bie letzten Jahre, Tag and Nacht, ba schreit sie jach auf and bricht zusammen.
Also daß ber Doktor Hünswanger ratn ben
wieder zu sich gekommen, und hat angesichts der Frau Muller, ber Schwestern unb des Kornetts, offen, kurz unb bündig erklärt: „Tatz Sie es wissen, Herr Doktor Hünswanger, ber Vicomte unb ich — wir finb versprochen l"
Sie Frau Muller schreit halblaut aif. Du Schwestern drängen sich um Julie, Luise ist bie erste, die ihre beiben Hände zärtlich faßt „Hnset Feind . . . Franzos . . .“, will ber Kurt verächtlich sagen, schütteft auch wie ernstlich verwci end den Kopf, doch ba fährt ihm ber Doktor in bie Parade. „Vor allem, gnädigste Frau, muß Fräulein Julie ein paar Stunden rißen, ganz stille liegen: Darauf bestehe ich als Arzt."
Taraus hat es bie Mama mit ber Angst bekommen und Julie wirklich, so sehr fie sich sträubte, ins Bett gesteckt. Die Schwestern aber
zosen hätte sie nimmer verloren, wohl aber oft stift vor sich hingeweint: er wär' sicherlich tot läge in Eis unb Schnee im Moskowiterlande Waren ja sonst so viele aus Napoleons Großer Armee, trotz allem, zurückgekommen, auch drrch Berlin, Gesunde unb Blessierte. Kranke mb Krüppel, Offiziere unb Mannschaften: Lebte a, würd' er ihr gewiß eine Kunde davon haben zukommen lassen.
(Fortsetzung folgt.)
Hospital seit einigen Tagen einen vornehmen dritten Patienten in ben Gieseschen Mansarde» Franzosen hätte, ber eines schweren Brustschusses | gehabt fxll. Indessen nicht für lange Zeit, beim ' " ’ ' ' ' '"" ‘ In ber Julie steckte viel ausgetoeich-rrte Lebens
halber nur langsam, mit vielen Stationen hätte .
heriransportiert werben können, und es sei ihm, traft, mehr als man ihr ansah. Sie ist schnell


