m. KO Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhesien) Samstag, 22. M (922
Hessischer Landtag«
10. ö i ö U n g.
St. Darmstadt, 21. 3ult
Am Regierungstisch: Staatspräsident 111 = ttch, Minister des 3nnern v. Brentano, Fi- vanzmir.ister Henrich, Minister Raab und Re- Airrungs k omm isscrr e.
* Präsident Adelung eröffnet die Sitzung ton 9.45 Uhr. Das Haas erledigt zunächst kleine Anfragen.
Abg. Werner (Dlschntl.) fragt an, ob es richtig sei, daß man beabsichtige.
auf dem Schiffenbera, dem bekannten Ausflugsort bei Gießen ein Tierseucheninstitut zu errichten. Regierungsseitig wird erwidert, daß nicht die Er- richtung eines solchen Instituts beabsichtigt ist, datz aber der bisherige Wirtschaftsbetrieb unter allen Umständen aufrecht erhalten werden soll.
Abg. Brauer (Dbd.) f.agt, ob der Regierung die falsche Berichterstattung über die Otijimg vom 11. Juli in der „Darmstädter Zeitung" bekannt ist, ob sie gewillt ist, den Damen des Verfassers zu nennen, und drittens ob sie bereit ist, dem Hause zu sagen, was sie im ganzen von dem Bericht hält.
Staatspräsident Ulrich erwidert, der Bericht sei der Regierung bekannt, den Damen des -Verfassers forme er nur mit Genehmigung der Redaktion nennen, die sich aber dagegen verwahrt. 3m übrigen ist dieser Bericht ein Stimmungsbild. Darüber lätzt sich ebenso wenig streiten, wie über den Geschmack.
Danach wird die Aussprache über den Etat fortgesetzt.
Fmanzmrnifter Henrich:
Die Schwierigkeiten der Ausstellung eines 'Etaatsvoranschlags sind gerade in der heutigen Zeit nicht zu unterschätzen. Es wird viel von Spar- ifamfeit gesprochen, der einzige, der aber wirklich spart und ständig sparen will, ist der Finanzmi- «ister. Der Landtag mutz sich davon entfernen, die Regierung sozusagen als seinen Feind zu betrachten, sie ist im Grunds doch nur ein Anschuß des Landtages. Die Stellung des Finanzmini- Pers mutz notwendigerweise mit größeren Des tg- nlfsen ausgestattet werden, was in anderen Ländern zum Teil schon geschchen ist. Ob bie Gründend Gewerbest euer ganz den Gemeinden zugewiesen toerben kann, ist- jetzt noch nichts zu entscheiden. Die Regierung -hat aber grundsätzlich nichts dagegen einzuwenden. Mit der Aufhebung des Brirckengeldes kann sich hingegen die Regierung nicht ohne weiteres einverstanden er Eiären. Auf Heden Fall müßte der Ausfall dieser Einnahmen vorher anderweitig sichergestellt werden. Was das .Veichällnis zum Reich betrifft, so habe ich zu sagen, datz ich notgedrungen ein Anhänger der rileberweisungspolitik bin. Eine Dotationspolitik, «Zuschüsse zu bestimmten Zwecken zu geben, Chatte ich für verhängnisvoll, datz sie den Ländern und Gemeinden jedes Verantwortungsgefühl nimmt. Die hohen Zahlen im Etat dürfen uns nicht fdjreden, die Mark ist ja keine 2 Pfennig mehr wert. Es kommt nur darauf an, die Abgaben In ein Verhältnis zu den Einnahmen zu bringen.
Zu den Darmstädter Vorgängen habe ich zu erklären, datz die Regierung solidarisch ist, datz es nicht angeht, einem Mitglied die Schuld in die Schuhe zu schieben. Es sind hier Verbrechen begangen worden, die kein Mensch billigen oder entschuldigen wird. Ich muh aber der Ansicht widersprechen, als hätte die Polizei diese Verbrechen verhindern Birnen.
Derartige Verbrechen verhindern tarnt man niemals.
"Wenn Verbrecher ein Haus ausrauben wollen, 'Ho werden sie der Polizei dies nicht mitteilen. Die Polizei kann in diesem Falle eben nur die Verbrecher ermitteln und bekämpfen. Dazu aber reichte die vorhandene Bereitschaft qu§. Es waren 270 Mann zur Verfügung. Zn Offenbach z. D. waren aus gleichem Anlaß nur 60 Mann in Bereitschaft. Es -fragt sich also nur, ob die hier vorhandene De- -reitfchaft richtig eingesetzt wurde. Darüber schwebt Untersuchung. Wenn das Haus es wünscht, wird darüber Bericht erstattet werden. Zu der allgemeinen politischen Debatte möchte ich mich nicht äußern. Es fehlt uns im deutschen Dolde an der Erkenntnis der tatsächlichen Gröhe bcr Gefahr. rEs scheint, datz fein Mensch erkennt, wie nahe Itotr uns am Abgrund bewegen. (SÄhr richtig!) Das sollte uns veranlassen, alles Trennende bei- Jette zu schieben und uns in gemeinsamer Arbeit zu Zeinen. Zch mutz zugeben, datz meine Hoffnung, -daß die Vernunft In der Welt wieder auf dem "Marsche ist, getäuscht wurde. Es wird noch keine -Vernunft-, sondern nur Gefechtspolitik getrieben. Daher unsere Misere. Wir haben nicht genügend
Bebend mittel und keine Rohstoffe, wir müssen kaufen. Dazu aber gehört Geld, und es gab schon jetzt Lander, «die die Mark nicht mehr annehmen. Zch frage, gibt es denn gar keinen großen, einigenden Gedanken, der uns zusammenbringen lann. gar kein höheres Ziel, als kleinliches Parteigezänk? Wentt man die letzte Rede von gestern gehört hat (Ebner), muh man daran zweifeln. Es ist unfaßbar, wie einem Deutschen ein russischer Rotgardist mehr am Herzen liegen kann, als seine Milbrüder. (Sehr richtig!) Zch hoffe, baß es nur krankhafte Einzelerscheinungen sind und daß wir doch alle bald das eine große Ziel erkennen, das nur fein kann das deutsche Vaterland, unsere Zukunft, unsere Zugend. (Bravo!)
Abg. Delp: Zch will dem Wunsche des Herrn Finanzministers entsprechen und die Debatte auf den Etat zurückzuführen. Redner führt dann eine ganze Reihe von Zahlen aus den» Voranschlag an und kommt zu dem Schluß, daß der Vorschlag für 1922 so ungünstig ist, wie der für 1921 günstig war. Das Defizit von rund 680 Millionen Mark ist zurückzuführen auf die Währungsmisere und den allgemeinen wirtschasllichen Rückgang. Zeder Einsichtige muß eben anerkennen, baß bcr Voranschlag vorsichtig aufgestellt wurde und baß die Regierung es verstanden hat, die Geschäfte sachgemäß und vorsichtig zu leiten und die Interessen des hessischen Volkes zu vertreten. Redner geht bann bie einzelnen Ausgabeposten durch und erkennt besonders an, baß die Regierung für Volks- und höhere Schulen und für soziale Zwecke erhebliche Mittel einstellte. Hervvr- gehoben sei der Betrag von 5 Millionen Mark zur Linderung der Dot der Kleinrentner, doch möchte Redner heute schon die Ditte aussprechen, baß diese Summe erhöht itetrb, wenn bie Gemeinden neue Mittel anforbern. Leider haben sich aus falschem Schamgefühl nicht alle notleidenden Rentner gemeldet, um die Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das ist falsch denn es handele sich hier nicht um eine Armenunterstützung, sondern um bie Erfüllung einer Pflicht des Staates. Für bie Arbeitsinvaliden müssen größere Reichs-, Staatsund Gemeindemittel zur Verfügung gestellt werden. Für Förderung der Kunst konnten keine größeren Mittel bereitgestellt werden. Hier appelliere ich an die Kreise der Besihenden, das Fehlende von sich aus zu tun. Die Mittel für soziale Zwecke sind die beste Kapitalsanlage für ein Vdll. Die Fehlbeträge bedürfen aber einer Deckung. Diese Deckung kann man nicht aus Anleihemitteln nehmen. Es heißt also, neue Einnahmequellen zu erschließen. Fachleute haben mir versichert, daß durch Erhöhung der Pacht- fumme für Aecker und Wiesen jährlich 20 Millionen Mark mehr erzielt werden können. Ratürlich dürfen dadurch die Lebensmittel nicht teurer werden. Ferner müssen die Pflegesätze in den Krankenhäusern und Anstalten so bemessen werden, baß sie bie Selbstkosten decken. Eventuelle Differenzen sind von der Gemeinde zu decken. Wir wünschen weiter, baß die Ausgaben für Polizeizwecke vermindert werden, besonders für die Schupo. Vor allem soll hier die Zahl der höheren Deancken in Einklang gebracht werden zu der der unteren Beamten. Auch durch Vereinfachung der Provinzial- und Kreisverwaltung können noch Ersparnisse erziell werden.
Wenn man die finanziellen Verhältnisse des Staates zu denen der Gemeinden betrachtet, so steht allerdings der Staat noch sehr günfttg da. Die Gemeinden haben schwer unter ihren finanziellen Roten zu leiden. Wenn jetzt das Reichs- mietengesetz in Kraft tritt, müssen die Gemeinden nicht nur neue Beamte etüftelten, sondern auch ein verwaltungstechnisches Bureau errichten. Was das heißt, weiß nur der, der mit beiden Deinen in ber praktischen Arbeit steht. Zch bekämpfe persönlich bie Hebung, Gesetze zu machen, die nach außen schön Hingen, die aber den Gemeinden Lasten und Unannehmlichkeiten auferlegen, die unerträglich werben. Zch mochte dabei den Beamten des ganzen Landes, die im Wohnungswesen tätig sind, Dank und Anerkennung aussprechen. Redner tritt dann für Beibehaltung des Ausgleichsstockes ein, um die Gemeinden entsprechend zu finanzieren. Wenn die Gemeinden zugrunde gehen, stürzen die Fundamente des Staates.
Die Teuerung ist unerträglich geworden. Der Konsument ist dem Produzenten auf Gnade und Ungnade ausgeliefert. Wir fordern, Herr Zustiz- minifter, strengste Bestrafung ber Wucherer, Preisverteuerer, Schieber. Von den Volksvertretern erwarten wir, baß sie auf die Kreise bet Erzeuger in ihren Reihen einwirken, damit sie ben Bogen nicht Überspannen und . sich eines Tages die Fenster selbst einschlagen. (Sehr gut! — Es kommt im werteren wiederholt zu Zwischenrufen von rechts. Redner meint, er trete selbstredend auch dafür ein, daß bte Erzeuger so viel berbtenen, daß sie anständig leben können,
es sei aber nicht zu verantworten, wenn Dauern! ganze Erntekörbe voll Papierfetzen aufstapeln.)
Die Vorgänge in Darmstadt sind nur durch bie Psyche des Arbeiters zu verstehen. Das ar= beit en be Voll war jahrzehntelang entrechtet und geknechtet und hat troßbem den Krieg 4 Zahre lang mitgemacht, genau so wie bie Leute von rechts. Unb nach dem älmfturz ging bie Bekämpfung ber Arbeiterschaft weiter. Wie ist hämisch gegen alles geschrieben und gesprochen worden, was bie Arbeiterschaft gesetzlich erstrebt, Dettiebsrätegeseh, Achtstundentag usw. Zch muß aber Verwahrung dagegen einlegen, daß bie Vorgänge in Darmstadt eine wohlorganisierte Sache waren. Zch habe bie Demonstration mit= gemacht. Der Zug war durchaus georbnet. Der kommunistische Redner hat nichts anderes gesagt, als der Reichskanzler gesagt hatte. Aehnlich waren die anderen Reden. Diese Reden haben keine Veranlassung gegeben zu den Vorgängen, bie auch wir schärfstens verurteilen. Eine aridere Aeußerung habe ich auch im Finanzausschuß nicht getan. Der Zug ist auch vom Marktplatz geordnet abmarschiert. Der Schwanz bes Zuges hat sich abgezweigt und zog vor bie Wohnung des Eichbergkommandanten von Helmvlbt. Die Erregung gegen diesen war durchaus berechtigt und von ihm selbst hervorgerufen. Zch frage, warum hat man diesen Mann überhaupt aus ber Haft entlassen. Wenn es ein Arbeiter gewesen wäre, ber grundlos einen Menschen nieber- knallte, wäre sicher keine Haftentlassung erfolgt. Zch hätte auch gewünscht, daß ber Herr Zustizminister gestern nicht feinen temperamentvollen Zwischenruf gemacht hat. Der Mann, der sich im Gefängnis erhängt hat, well er an den Taten gegen die Herren Dingel- deh und Osann beteiligt gewesen sein soll, ist ber Schwager des von Helmoldt niedergeschofsenen Eisenbahners. Hier haben Sie also schon die psychologischen Zusammenhänge. Don Helmoldt zog bie erregte Menge dann auch gegen die nahegelegene Wohnung des Herrn Dingeldey usw. Zch wiederhole, baß ich die Untaten nicht billige, ich will sie nur erklären. Es ist auch nicht richtig, baß ber Zettel mit ber Schilderung bes angeblichen Attentates auf d e sozialdemokratische Druckerei in ben Fabriken verteilt werden sollten. Zch bitte, mir Zhren Gewährsmann zu nennen, Herr Kindt. (Abg. Kindt: Der Herr Referent im Ministerium des Znnern! — Hort, hort!) Redner bespricht dann weiter die Vorgänge in Höchst u. a. m. und wendet sich gegen bie Ausführungen des Abg. Ruß gegen bie Streiks usw. Das Recht auf Demonstrationen werden wir uns nicht nehmen lassen. Die Maßnahmen ber Polizei am 27. Juni waren durchaus ausreichend. (Widerspruch.) Man sollte aber auch die aufreizenden Reden von rechts, namentlich von ber Bauernschaft, unterlassen, wenn man die Wiederholung der unliebsamen Vorkommnisse vermeiden will. Der Einigung ber Arbeiterschaft hat bie gestrige Rede des Abg. Ebner nicht gedient. Er hat bewiesen, daß er von Klassenbewußtsein und von Sozialismus keine Ahnung hat. Rur toeim wir uns In gemeinsamer Arbeit zum Wohle des Volles zusammenfinden, können wir unser Voll und uns selbst retten. (Bravo! links.)
Präsident S o h e r r teilt mit, baß der Aelte- stenrat beschlossen hat, von der nächsten Woche ab die Sitzungen um Zch-» älhr beginnen zu lassen.
Rächste Sitzung Dienstag S1/^ älhr.
Aus Stabt und Land.
Gießen, den 22. Zull 1922.
Beruf flnd Erkrankung.
9. Vorlesung. Der Vortragende führte seine Hörer im Lichtbild in eine Glashütte, erläuterte bie chemische Zusammensetzung ber verschiedenen Glassvrten, ben Schmelzprvzeß in „Häfen", das Blasen ber „Kölbel", bie Herstellung von Röhren unb Scheiben und bie Vorgänge im Streck- und Kühlvfen. Daran schlossen sich Mitteilungen über Glas-Edelstein- unb Halbebelsteinschleiferei sowie über Anfertigung von Spiegeln nach dem verlassenen Quecksilber- und neueren Silber-Firnißverfahren. Don den Derusserkrankungen ber Glasarbeiter wurden besonders Hervvrgehoben die durch Schrumpfung ber Gelenkbänder unb durch Sehnenscheidenentzündungen Hervorgerufe- neu Fingerverkrümmungen, bie durch Eindringen feinster Glassplitter in die Haut verursachten Wucherungen und Schwielen derselben, die durch das Glasblasen erzeugte Atrophie der Backenmuskulatur, Erwellerung des Ausführungsganges ber Parotis unb das Emphysem, bie durch Einatmung von Glasstaub entsteheirden Lungenblutungen, die Folgen ber Wärmestrahlung auf bie nervösen Zentralorgane, ber Lichtstar, bie Erkältungen und Neuralgien infolge schroffen Temperaturwechsels, die beim älmschmelzen bleihaltiger Glasflüsse und
Bearbeiten bleihaltigen Kitts entstehende chro-« nische Vergiftung und bie Argyrie bei Herstellung ton .^ilberspiegeln. — Darauf wurde die Anfertigung von Tonwaren, von Steinzeug, wie Majolika unb Fayence, sowie des Porzellans beschrieben und das Verfahren des Knetens, bei Formung, der Verkittung mit .Schlicker",' des Glasierens unb des Brennens tm Schwach- unb Scharsscuer an Lichtbildern erläutert. Unter den CBcrulScrfranfungen der Arbeiter in der Keramik kommen namentlich bie Staubinhalativnen und die chronische Vergiftung durch bleihaltige Glasuren in Betracht. — Rach Erläuterung der chemischen Bestandteile des Tabaks kennzeichnete der Vortragende bie durch Batterien heroorgerusenen Gärungsprozesse besselben. Dann wurde der Verarbeitung der Tabaksblätter zu Zigarren. Zigaretten, Pfeisen-, Schnupf- und Kautabak mit Hand- und Maschinenbetrieb, der verschiedenen Saucierungsmetyoden und des schädigenden Ein- flufscs des Rauchens auf Gesicht unb Gehör, auf Gefäß- unb Rervensystem gärncht. Arbeiter unb Arbeiterinnen in Tabakfabriken erkranken nicht > selten unter ber Wirkung des Tabakstaubes, ber,| eingeatmet, namentlich vermöge feiner Quellbarkeit auf ben Schleimhäuten zu allerlei ReizzuMnden im Dachen, im Kehlkopf, in den Bronchien und Lungen, unb, verschluckt, burch seinen Gehalt an Rikottn zu Giftwirkungen auf das Rervensystem ünd, wie neuerbings festgestellt wurde, auf bic glatte Muskulatur bes Magens, Darmes und llteruä Veranlassung gibt. — Des weiteren verfolgte ber Vortragende unter Vorführung zahlreicher Lichtbilder die Verarbeitung der Gespinst- fafern. Bei Besprechung der Seidenindustrie wurde die Züchtung der Seidenraupen, das Abhaspeln ber verschiedenen Kokonsorten, bie Entfernung harziger Stoffe aus denselben, das Filieren und Zwirnen ber ungefärbten unb gefärbten Seide unb ihrer Arten, das Putzen mittels Glasaugen und Schlitzblechen, bie Verarbeitung ber Florett- feibe mit Hand^- unb Maschinenbetrieb beschrieben. Dann wurde die Verarbeitung ber Wolle und Baumwolle, deren Reinigung von fremden Bestandteilen, ihre Behandlung im Reiß- und Krem- pelwolf, die Toppung in der Kämmer- unb Streckung in ber Streckmaschine, bie Plättung und Endspulung geschildert. Bei der Verarbeitung von Flachs, Hanf, Ressel unb Zute erläuterte der Vortragende benRottprozeß, bei dem berBacillus amylobacter unter Buttersäuregärung die Bastfasern lockert. Es folgte bie Vorführung ber Starnpfung unter „Bleuel" und Pochwerk, der Brechung mit Hand- unb Walzenbetrieb, des Dibbens unb Schwingens, ber Hechelung zur völligen Entfernung der „Schaben", zur Trennung und Anordnung der Bastfasern, der Verspinnung und Spülung durch Maschinen mit Streck- unb Druckrollen. .Unter den Erkrankungen ber Textilarbeiter wurden besonders hervorgehoben bie durch Gifte ber Seidenspinnerpuppe erzeugten Erytheme und Eiterungen ber Fmgerhaut beim Ab haspeln der Kokons, die flechtenartigen Ausschläge, die Schädigung des Flimmerepithels der Luftwege durch Flachsstaub und spiralige Fasenr der Wolle und Baumwolle, das durch Hanfstaub in Verbindung mit artfremdem Eiweiß von Batterien entstehende Hechelfieber und die Zutekrankheit des Periosts und Knochenmarkes. — Schlußvorlesung: Dienstag, den 25. Zuli; Erkrankungen bei der Papierfabrik Eation, bei ber Verarbeitung tierischer Häute unb Haare sowie tn der Gärungsindustrie; Berufs- eignung und Derussbevattrng.
•• Militärpersvnalien. Gemäß Verfügung des Reichswehrministers vom 6. Zuni 1922 haben erhallen: Den Charakter als Oberleutnant: Die Leutnants b. L. a. D. Karl Eisenhauer, Karl Fuchs, Postsekretär in Groß-Die- berau, Christoph Gunkel, Gerichtsvollzieher in Darmstadt (dieser mit ber Erlaubnis zum Tragen ber Uniform des Z.-R. 115), August Günter, Polizeihauptmann in Darmstadt (dieser mit ber Erlaubnis zum Tragen ber Uniform des Z.-D. 118), 2luguft Manneschmibt, Städtischer Ma- terialienverwaller in Darmstadt, Georg Pfänder. Staatsforster in Eberstadt, Ludwig Schick, Staatsforster in Gorxheim (Post Weinheim in Baden): ben Charakter als Leutnant: Der Zeugselbwebel a. D. Gaston Brandstetter, Pol^eioberleutnant in Darmstadt, der Wachtmeister a. D. Philipp Bless ing, Postsettetär in Darmstadt (dieser mit ber Erlaubnis zum Tragen ber Uniform des Feldart.-Regts. Rr. 25).
Landkreis Gictzen.
• ©rüntngen, 21. Juli. Wegen Vornahme von Walzarbetten wird die Kreisstraßenortsdurchfahrt Grüningen vom Montag, 24. d. Mts., bis auf weiteres für ben Fuhrwerks- und Automobllverkehr gesperrt. Der Verkehr wird über Dorf-Güll geleitet.1
M SSttMO M MOS.
Roman von Ernst Scheitel.
18. Fortsetzung. (Rachbruck verboten.)
Perzelius tot müde und unwirsch und fragte beiläufig, wohin denn die Fahrt gehen solle md irad dabei zu verdienen fei.
Der 3übe blinzelte, rückte näher heran unb begann zu erzählen, nur andeutungsweise, aber mit so viel Worten als berichte er mehr, als bie janbern wissen wollten.
Perzelius entnahm aus diesem langatmigem -Kauderwelsch, daß Zechiel ben Zehud der Besitzer «ines großen Rillahnes sei, mit dem er auf eigene Faust Waren handel betreibe. Zrgend -etwas schien dem Dottor nicht g^nz Tauber bei der Sache zu sein, denn ber Jude rtbete immer von Diel Geld, ohne baß zu ersehen war, wofür er Das Geld bekam. Denn daß ber bloße Transport von Tierhäuten und Knochen — wie er angab — solche Summen einbringen sollte, schien nicht recht glaubhaft. Auch bie Weigerung jener einheimischen Bootsknechte, wie er sie mit angesehen hatte, Machte Perzelius argwöhnisch.
Sie Fahrt sollte morgen in aller Frühe nil- -aufwärts gehen bis Assuan. Das interessierte den Doktor.
Der Zude sagte, er sei allein auf dem Schiff imb brauche nur zwei Dovtsknechte. Er wolle jffxr nicht so viele Leute.
Der Dottor überlegte. Vielleicht konnte bte Gesellschaft des Juden zu irgend etwas nützlich -sein. Er fragte Eduard, was er dazu meine und «iefer war sofort bereit, mitzugehen, falls das Unternehmen nur irgend eine Aussicht auf Erfolg bot
Schließlich wurde man handelseinig, ber Zude I schlug ein unb man tränt noch eine Runde Schnaps zur Bekräftigung des Vertrages.
Zechiel ben Zehud wurde sehr aufgeräumt, nun er in letzter Stunde noch ans Ziel gelangt war. Er hätte sonst seine Fahrt einfach verschieben müssen, aber bas wäre ihm sichtlich unangenehm gewesen.
Der Doktor betrachtete feinen neuen Dienst- Herrn eingehend. Sehr vertrauenerweckend sah dieser nicht aus. Er hatte die Gesichtsbildung eines Tieres, bas sich von Aas nährt. Mut schien er nicht viel zu besitzen, dagegen Geschäftsgeist genug, um das Gold auch aus ben unappetitlichsten Winkeln zu -holen. Seine Statur war Nein, aber sehnig, und bie Gliedmaßen etwas unproportioniert und wie ausgerenkt. Das dichte, verfilzte Haar hing in langen schwarzen Locken zu beiden Setten des Gesichtes herab. Zm übrigen starrte alles von Schmutz.
Zechiel ben Zehud schien Stammgast bei Samuel Chas im zu fein. Er sprach mehrmals vertraulich mit diesem, jedoch in einem so unverfälschten Mauscheldialett, daß es selbst der Doktor bei all seiner Sprachkenntnis nicht verstehen konnte.
Auch jetzt machte Zechiel ben Zehud den Vermittler. als die Frage des älebernachtens aufgeworfen wurde. Mttternacht war längst vorüber und noch vor Tagesgrauen sollte der Aufbruch vonstatten gehen. Es waren knapp zwei Stunden, bie zur Rachtruhe blieben, und so schlug der Dottor Eduard vor, hier zu bleiben und nicht mehr vorher ins Hotel zurückzukehren. Den Baron würden sie morgen in aller Frühe noch benachrichtigen können.
Das armselige Wirtshaus war zwar wenig cuüabaib unb qn ein richtiges Schlafzimmer war
nicht zu denken. Trotzdem stimmte Eduard dem Vorschlag des Doktors zu, und da Zechiel ben Zehud ebenfalls bleiben wollte, ja sogar sein Standquartier hier zu haben schien, übernahm dieser die älnterhand-lung mit dem Wirt. Dieser zeigte sich sehr einverstanden, ging sogar im Preise herunter, well es zwei seien, wie er sagte, und forderte Eduard und den Dottor auf, ihm zu folgen.
lieber eine kurze, steile Treppe führte er die beiden in das Dachgeschoß, während Zechiel ben Zehud mit grotesken Bewegungen hinter ihnen herkletterte.
„Seid mauchell) woll'n Se kommen hier herein," sagte Samuel Chajim, als sie oben angelangt waren, und öffnete einen Verschlag, aus dessen undurchdringlicher Finsternis der Dunst eines seit Monaten nicht gelüfteten Schlafraumes quoll.
Bald brannte eine Kienfackel in einem Ringe an der Wand: die beiden Zuden verabschiedeten sich, und Eduard und Perzelius befanden sich allein in dem Raum.
Es war ein niedriges Gelaß mit schräger Decke die unmittelbar durch die Dachziegel gebildet wurde. Am Boden lagen einige schadhafte Strohsäcke, die scheinbar feit unvordenklichen Zeiten als Betten dienten. Die Wände bestanden aus nackten Holzplanken, morsch, grau -und wurmstichig. Von irgendwelchen Möbeln war keine Spur vorhanden.
Die beiden waren noch wenig aufgelegt zum Schlafen und beim Anblick dieses Raumes verging ihnen der letzte Rest von Lust dazu.
Eduard schaute sorgenvoll d urch die Dachluke nach dem besternten Himmel. Wo mochte Silly jetzt fein? Sah sie diese Sterne gleich ibn
Wenn es gefällig ift
ober sollte sie nie wieder zu ihrem Lichte empor- blicken dürfen? Eine trostlose Traurigkett übermannte ihn und heiße Tränen preßten sich aus feinen Augen.
Der Dottor stand lang und hager an der Ture und sah unbeweglich auf den Boden nieder. Vermutungen durchkreuzten fein Hirn, die er bald annahm, bald wieder verwarf, um aus dein Kausen Gemenge von Tatsachen, Wahrscheinlichketten unb Möglichkeiten einen Plan zu flechten, der Stich hielt im Angesichte der Wirklichkeit.
Rebman hörte man die beiden Zuden rumoren. Zechiel ben Zehud schien noch Vorberei- tungen für bie Reise zu treffen. Er öffnete bie Truhen unb kramte in allen möglichen Kisten, dabei mauschelte et in unterdrücktem Tone mit dem Wirt der jedoch mehr und mehr verstummte und schließlich ein tiefes Schnarchen hören ließ.
Auch Eduard übermannte bie Müdigkeit, Die Aufregungen der letzten Tage hatten feiner Widerstandsttaft einen furchtbaren Stoß verseht. Er wollte sich auf einem der Strohsäcke nieder- lassen. als er einen harten Gegenstand unter diesem fühlte. Er hob den Sack weg, wobei ihm der Doktor behttflich war, unb da bemerkten sie ein dunkles, zusammengerolltes Etwas am Boden, das sich bei näherer Untersuchung als ein menschlicher Körper darstellte. Derselbe schien vollkommen verkrampft und wie in Todesstarre. Der Dottor nahm ihn und legte ihn auf eine bcr Matratzen, worauf er mit ben Härder über ihm hin strich. Mit der Zeit loste fich der Krampf und es war möglich, die Deine, welche über dem Racken verschränkt waren, in ihre natürliche Lage zurückzubringen, ohne sie abzubrechen.
(Fortsetzung folgt.)


