m. 45 Zweites vlatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gverheffen)Mittwoch, 22. Februar (Y22
Deutscher Reichstag.
Berlin. 21. Febr. 1922
Der Reichstag erledigte in seiner heutigen Sitzung zunächst eine Reihe kleiner Anfragen. Besonders bemerkenswert oxir dabei die Ertlä- vung eines Regierungsmitgliedes, daß alle Länder übereingekommen seien, den Beginn des Schuljahres vom 1. April 1922 ab einheitlich zu Ostern eintreten zu lassen.
Auf eine größere Anzahl von Anfragen tvegen neuer. im besetzten Gebiet vorgekommener Raubüberfälle und Angriffe auf Frauen wird regierungsseitig erklärt, daß die Beschuldigten lich in Lln.cr'uchungshast befänden, weiteres aber noch nicht bekannt sei. 3n anderen Fällen sei Untersuchung etngeleitet.
Auf eine Anfrage wegen Entschädigung der von den Russen im Oahre 1914 verschleppten Deutschen d?s Memellandes wird erwidert, eine Entschädigung könne nur den im Reichsgebiet ansässigen Deutschen gewährt werden, was für das Memelland nicht mehr zutreffe.
Auf eine Anfrage des Abg. Deermann ^Hospitant der Boyr. Dolksp.) wegen Maßnahmen zur Befreiung der noch immer in Frankreich -urückgehaltenen achtjährigen Tochter des Arbeiters Heymann in Köln wird erwidert, die nötigen Schritte seien auf diplomatischem Wege eingeleitet.
Es folgt die erste Lesung deS fünften Rach- tragSetats.
Abg. Frau R h n e ck (Dvz.) fordert sozialere Gestaltung der Beamtenbesoldung und größere Berücksichtigung dec un eren Beamtengruppen. 60 dürften die Beihilfen dieses Rachtragsetats nicht den höheren Beamten zufltehen.
Die freie Getreidewirtschaft
hat völlig versagt. Amerikanisches Weizenmehl ist heule billiger als hiesiges. Das Umlagegetreide ist zwar von den kleineren und mittleren Larrdwirten abgeliefert worden, nicht aber von den .Großagrariern, die gleichzeitig schlimmste Steuerhinterziehung undSteuersabota^e treiben. Ganze Familien müssen jetzt den Drot- nerbvauch rationieren, weil sie das Brot nicht mehr bezahlen können und weil die Erhöhung der Löhne in keinem Verhältnis zu dem Brvt- oreife steht. Bei den Kartoffeln und beim Zucker liegen die Verhältnisse nicht anders.
2Ibg. Tr. Hertz (USP.) wirft der Land- n>ittjd>jjt vor. daß sie kein DerantwortiichkeitS- gefühl besitze. Ihr Verhalten nötige die Regierung geradezu za Zwangsmaßnahmen. Durch ungeheure Betrügerei'N vieler Großagrarier sei die LandwirtsckKrft zu stark mit Mais beliefert worden. Di« Schuldigen seien immer noch nicht bestvast worden, obwohl das Ernährungsministerium daS Material in Händen habe.
Abg. Schiele (Dtschntl): 3n den Angriffen der Stornn.ii i ten und Unabhängigen zeigt sich die ganze ilnau rihtlgkeit unseres parlam n a i- scheu Eysteins. Tie Derteilir.ig der Maieschcme an Verhältnis von einem Zenter Getreide zu eineinhalb Zentner Mats ist auf Entschließung des Reichstages unter Zustimmung der Mehrheits- »oztalisten erfolgt. Durch das Brennen von Mais sind
Kartoffeln
iür die DolkSernährung frei geworden. Seit Rovember war aber infolge der Kälte die reguläre Belieferung der Großstädte mit Kartoffeln unmöglich. Dazu kam die mangelhafte Wagengeftellung und später infolge des Achtstundentages und des Sisenbahneistreiks der Verlust von 300 000 Tonnen Startoffeln durch Frost. Durch die Getreideumlage sind infolge 'chematischer Behandlung und ungerechter Veranlagung ungeheure Schwierigkei.en entstanden. Tie Umlege hat nicht die Brotvrrsorgung gesichert, sondern nur der Landwirtschaft eine ungeheure Steuer auferlegt. Ohne Umlage würde das Brot im freien Handel nur 5,40 Mart kosten. Tie Getreideerzeurung ist seit dem vorigen Sommer wesentlich gestiegen. Ter Minister sollte sich aber bei der Behandlung der Landwirtschast nickt von politischen Strömungen beeinflussen lassen.
Abg. Höllein (Komm.) behauptet, die ErfiillungSpolttik der Regierung Wirth bringe die Arbeilennassen zum Hungern. Die Folge der Erklärung Rathenaus in Cannes, daß die Regierung die Lebensmittelzuschüsse abbauen wolle, war der Eisenbahnerstreik. Der Reichstag hat den Beamten das Streikrecht abgesprochen. Wenn Sie aber 3hre Sklaven hungern lassen, dürfen Sie ihnen das Recht auf Rotwehr nicht rauben. Der Redner spricht dann von der schamlosen Mahregelungspolitik und sagt, man spreche davon, daß 50 000 Eisenbahner entlassen werden sollen. Dagegen höre man nichts von einer Beseitigung der Geheimratswirtschaft. Hier sollte der eiserne Besen angesetzt werden.
Minister Dr. Hermes stellt fest, daß bereits 2 205 000 Tonnen Getreide abgeliefert wor
den find. Das sei eine recht erhebliche Ablieferung und es werde mit Ausnahme weniger Gegenden gelingen, das gesamte Umlagesoll einzubringen. Er nehme Gelegenheit, zu bestätigen, daß es sich um eine Leistung der Landwirtschaft handelt. Er halte nach wie vor daran fest, daß die baldige Rückgabe der Bewegungsfreiheit an die Landwirtschaft erfolgen muh. Gegenwärtig könne aber diese Frage noch nicht entschieden werden. Der Streit „Zwangswirtschaft oder freie Wirtschaft" sei.unfruchtbar. 3n der freien Wirtschaft sei in manchen landwirtschaftlichen Produkten eine erhebliche Preissenkung erreicht worden. So sehr ich das Streben der Landwirtschaft nach freier Wirtschaft verstehe, mißbillige ich doch die über das Ziel hinausschiehenden Ausführungen auf dem Reichslandbund. Besonders weise ich die beleidigenden Reden gegen die Reichsgetreidestelle als ..verfluchte Iudenbande" zurück. Bei den Maisscheinen find bei den Kommunal verbänden tatsächlich Diel ach Unregelmäßigkeiten vorgekommen, gegen die disziplinarisch und strafrechtlich vorgegangen werden wird.
Abg Blum (Z.) tritt zunächst ebenfalls für die Beseitigung der Zwangswirtschaft ein und fährt dann fort: Minister Hermes ist zweifellos
der beste Diplomat im Kabinett
und niemand wird sagen fonnen, daß seine volkswirtschaftlichen Maßnahmen von Mißerfolg begleitet gewesen sei n. Er hat seine Ziele fonfequent verfolgt und Großes erreicht. Mit der freien Wirtschaft würde aber weit mehr Getreide auf den Markt gebracht werden formen. Als Stand wie als Bürger fühlen wir unS verpflichtet, das Aeußerste zu leisten, um die Rahrungsrnittelnvt zu beheben. Dazu müssen Sie uns aber bie Wege durch Dese.t gung der Zwangswirtschaft ebnen.
Damit schließt die Dwatung. Die Vorlage geht an den Hauptausschuh. Sodann werden die zurück- gestellten Abstimmungen zum Reichsmietengeseh vorgenommen. Die Vorlage wird im allgemeinen in der Fassung des Ausschußes angenommen.
Mittooch nachm t aq 2 Uhr: Ausfuhrdevisen. zweite Lesung des Reichsmietengesetzes und des Mietssteuergeseyes, Etatberatung.
Handel.
Berlin, 21. Februar. Börsen st im- mungSbild. Unter dem Einfluß des in Rcuyork eingetretenen scharfen Markrückganges setzte sich die Steigerung der Devisenpreise vormittags sprunghaft fort, so daß der Dollar bis 233 getrieben wurde. Als aber bei Börsenbeginn die Devisenpreise abbröckelten (Dollar 228), hielten die Börsenkreise Realisationen für geraten und befriedigten dadurch tellweise die nicht unbettächtlichcn Kaufaufträge des Publikums. Die Kursbildung hatte somit den Anstrich des Uneinheitlichen und eine gewisse Zurückhaltung der Spekulation, die auch damit zusammenhing, daß sich große Geldgeber bei der Ausleihung von Geldern zu Dörsenzwecken eine gewisse Reserve auferlegten, machte sich auch weiterhin geltend. Der Eingang von Kaufaufträgen des Publikums blieben noch immer groß, hat aber gegen gestern sich doch etwas vermindert. Die Kursrückgänge waren nicht bedeutend und erreichten nur vereinzelt am Montanmarkt bei einigen in den letzten Tagen besonders gestiegenen Papieren 50 Prvz. und darüber, bet Reu-Guinea 110, Westeregeln 125 Prvz. Ebenso verhielt eö sich mit den Kurssteigerungen. Oberschlestsche Werte waren heute erholt, so Laurahütte 300 höher. Das Geschäft hatte nicht mehr den großen Umfang wie gestern. Auch in den zu Einheitspapieren gehandelten Papieren, bei denen wieder mit neuen Kurssteigerungen bei verspäteter KurSfeststellung zu rechnen ist, war die Neigung der Spekulation zu Realisa- tinnen ebenfalls wahrzunehmen. Festverzinsliche Werte waren nur geringfügig verändett und ziemlich still. Danken und SchiffahrtS- werte jetzt höher.
Frankfurt a. M., 21. Febr Dörsen- stlmmungsbild. T e Ge'chäststäiigk.stt an der heutigen Börse war toieber lebhaft und tarn es bei Eröffnung auf allen Marktgebieten zu größeren Umsätzen. Tie Tendenz kennzeichnete sich in den ersten Börsenstunden als fest. Tie Rachfrage nach 3ndustriepapieren hält an. Am Devisenmärkte trat in den ersten Vormittagsstunden eine wesentliche Steigerung ein. Der Dollar wurde 225 genannt und zog bis 226 an. 3m Zusammenhang damit gestaltete sich die Stimmung für Auslandspapiere lebhaft und fest. 3m Freiverkehr war das Geschäft lebhaft. Die Umsätze verteilten sich
ziemlich gleichmäßig auf alle hier gehandelten Papiere. Rhenania 1145, Ufa 340. Rastatter Waggons 96?, Deutsche Petroleum 2103, Hansa Lloyd 445- 452 . 3nag 590, Benz 735. 3n Mon» tanpapieren blieben die Umsätze bescheidener. Har- pcner 1700; Laurahütte fest, 2400. Kali°Aschcrs- leben gaben nach, 1130. Bad. Anilin 810. Elektrowerte unregelmäßig, doch konnte sich etn Teil der Kurse befestigen. 3m Verlaufe mach'e llch aber eine Abschwächung geltend, von der insbesondere Montanpapiere ergriffen wurden. Der Schluß gestaltete sich ruhig. Privatdiskont 4y8 Prozent.
Frankfurt a M, 22. Februar,
Berliner Devisenmarkt.
Geld Brief Geld Brief
Datum: 20. Febr. 21. Febr.
Amsterdam-Rotterd. 8166,-30 8183,20 8516,45 8533,55 Brussel-Antwerpen. 19>>3,05 195 6,95 1933, 5 19d6,95 Ehristiania 3676, ’O 3683,70 3796,20 380 ,50 Kopenhagen 4485 50 4494,50 4G5r 3) 4681,70 Stockholm 5684,30 5595.70 5924,05 5925,95 tzelstngfors 431,55 *32,45 4b'.50 452,50 Italien 10fl3,9C 1101,10 1108,85 1111,15 London 951,50 953,5u 981,50 983,50 Reuyork 216,53 216,97 219,78 220,22 Paris 2007,95 2012 5 2007,95 2) 12,05 Schweiz . 4255,70 4254,30 4271,70 427 r3'J Spanien 3466,50 3473,50 3471,50347^50 Wien (alte-) ....
DeutschOesterr.. . . 4,83 4,87 4,18 4,22
Prag 405,55 406,45 407,55 403,15
Budapest 32,86 32,94 32,£6 52,64
Buenos Aires . . . 7h,90 80,10 82,40 82,60
Bulgarien 142,35 142,65 148, .5 148, 6
Konstantinopel . . .
Börsenkurse.
Frankfurt Berlin
Schluß- Schluß- Schluß- Schluß- Kurs Kurs Kurs Kurs
Datum: 2d. 2. 21.2. 2 >. 2. 21.2.
S'/<,Dtsch.KriegSanl. 77,50 77,5'1 77,50 77.50 4'„Dtfch.Reichsanl. 87.50 87,50 87 25 87,70 3'/oDtsch.Reichsanl. HO,- 110,- 109,90 110,- 4' . Preuß. KonsolS 75 50 74,75 73,60 73,80 Hamburg-Paketf.. . 620,- 500.- 505,— 519,- Rorddeutscher Lloyd 409,75 42 *,- 415,— 427,- Eomm.u.Privatbank 538,- 339,- 334,59 388,- Darmstädter Bank . 330,- 333,- 332,- 333,- Deutsche Bank . . . 536,- 650,- 550,- 555,- Disconto-Gesellfchaft 4 9,- 460, - 463,— 469,— Dresdner Bank. . . 395,— 389,- 3Su,- 380,- Mitteld. Ereditbank. 314,50 315,- 318,- 323, - Rationalbank f. D.. 338,- 338,- 341,- 312,- Boch.Gußstahlwerke 1300 - -.- 1330,- 1300,-
Bud -Eisenw.-Akt.. 1100 - 1050,- 1060,— 1049,56 D.-Luremb. Bergw.. 1200 - 12C0,- 1215,- 1205,- Gelsenkirch. Bergw.. 1225'- 1210,- 1270, - 1255,- Harvener Bergbau. 1.60'- 1725,- 1760,- 1715,- Oberschl. Eisenb.-B. 1310'- 13C0,- 1310,- 1290,- Ooerschles. Eisenind. 1120 - 1150 - 1100,- 1090,- Phönir-Dergb -Akt. lu40'- 12x5,- 1.05,- 1285,- Bad.Anilin-u. Soda 805,- 810,- 835,- 83»,- Höchster Farbwerke. 790*- 790,- 820,- 800,- ANg. Elektr.-Gef. . . 985*- 965,- 9,0,- 950,- Felten L Guilleaume 131t'- 1215,- 1310,- 1225,- Schuckert-Werke. . . 8 5 - 825, - 850,- 835, Adlerwerke 650^- 650,- 645.- 644,50 Daimler ....... 6 5,- 644.50 625, - 620,- 4' ° Hest. StaatSanl. 74,- 74,90 75,- 75,- Electton Griesheim 982,- 975,- 1000,- 990,- Dtfche. Dereinsbank 249,- 250,- —-,-
Züricher Devisenmarkt. 21.2. 22.2.
Wechsel auf Schweizer Franken
Holland 100 Fl. = 195.25 1j6.1ü
Deutschland 100 Qnt = 2,25 2.31
Wien lOu Str. = 0.11 0.11
Prag 100 Är. = 9.50 9.45
Pari« 100 Fr. = 46.85 46.50
London ....... 1 Z* *■ 22.52 22.15
Italien 100 L. =■ 25.75 25.50
Brüssel 100 Fr. = 44.45 44.40
Budapest 100 Kr. — 0.775 0.75
Reuyork 100 $ — 513.- 510 —
Agram .....100 Kr. = 1.55 1.575
Warschau 100 Är. — 0,14 0,14
Marknotierungen.
Für 100 deutsche Mark wurden gezahlt: Datum: 1.7.14, 20.2. 21.2.
Zürich Fr. 125 40 2,35 2,35
Amsterdam Fl. 59.20 1,20 1,23
Kopenhagen Kr. 88.80 2 27
Prag Kr. 117 80 24,45 23.12
Stockholm Kr. 88.80 1,78
Wien Kr. 117.80 2909,50 -,-
London Sh. 97.80 9,79 8.62
PariS Fr. 125.40 5,- 5,-
Reuyork S 23.80 -.45 -,45-
Märkte.
14. Sudwestdeutsche Zentral-Hauteauktion.
• Mainz, 21. Febr. Heute fand unter
sehr starker ‘Beteiligung die 14. Süd west
deutsche Zentralhäuteauktivn statt. Sie war beschickt mit ca. 11500 Großviehßäuten. ca. 13 000 Kalbfellen, ca. 2800 Hammclfellen. An der Zcntralaultion beteiligten sich wiederum die Häuteverwertungen Bingen. Ems-Lahn- stein. Kreuznach. Mainz, Obcrftein, Oestrich, Saarbrücken, Saarlouis, Schierstein. St. Goarshausen, Simmert», Trier. Bei flottem Zuschlag war eine allgemeine starke Anziehung der Preise von 30—40 Proz. gegenüber den Preisen der letzten Auktion fcst- zustellen. 3m Durchschnitt wurden erzielt für Schaffelle 15 Mk.: Kalbfelle, ohne Kopf 72 bis 77 Mk., mit Kopf 58—68 Mk.: Fresser, ohne Kopf bis 55 Mk., Blößen bis 12.25 Mk.: Grvßviehhäute, ohne Kopf bis 20 Pfund 38 bis 44 Mk., ohne Kopf 20—49 Pfund bis 44,35 Mk., mit Kopf über 50 Pfund 33 bis 39 Mk., mit Kopf 20—29 Pfund bis 30.30 QKL. mit Kopf 50—59 Pfund bis 33,50 Mk., mit Kopf über 80 Pfund über 27,95 Mk.
Büchcriisch.
— Hans Dethge: Deutsche Lyrik seit Liliencron. Verlag A.-fic und Decker, Leipzig. — Dclhges Vuch umfaßt in dieser neuen völlig umgearbeiteten Ausgabe die lyrische Entwicklung von etwa vier Zahrzehnten und sühtt von Liliencron bis zu Fran; Westfal. Eine innere Einbeit kann es also nicht besitzen. Aber es ist eine der gelungensten Anthologie », bie mit haben, und man muh anerkennen, daß Dethge, wenn man auch über die Auswahl im einzelnen verschiedener Meinung fein kann, nur Dichter zu Worte kommen läßt, die etwas zu fügen haben.
(In einem Teil der Auflage wiederholt.) Harding und das Diermächte-Abkvwmeu.
London, 21. Febr. (WTD) Reuter meldet aus Washington: Präsident Harding hat gestern dem Senat aus die am 6. Februar eingebrachte Resolution, worin ersucht wird, dem Senat ausführliche Mitteilungen betreffs des 2 i e r- mächte-Abkommens zu unterbreiten, geantwortet, es fei unmöglich, die geforderten Instruktionen zu liefern, da über den probten Teil der Verhandlungen kein Protokoll geführt worden sei-
Die Lage in Aegypten.
London, 21. Febr. (WTD.) Rach einer Meldung auS Kairo ist gestern vormittag eine Proklamation erlassen worden, worin die Devölkerung aufgeforbert wird, alle Waffen und Munition unverzüglich abzullefern. Böer im Deütz von Waffen oder Munition angetrofien wird, fetzt sich der Todesstrafe aus.
Die neueste Rieberfage der Koalition in England.
London, 21. Febr. (WTD) Die foaFtionS» gegnerische Presse be eichnet den Siea bei den Ersatzwahlen in Rorthcamberwell alZ einen neuen Schlag gegen bie Koalition. Laut „Daily RewS" ist das der 18. Sih, den bie Koalition seit den Diahlen von 1918 verloren hat. 12 Sitze davon hat die Arbeiterpartei gewonnen.'
Die Verlobung deS Königs von Serbien.
Bukarest, 21. Febr. (WTB.) König Alexander von Serbien ist in Begleitung von Pasitsch und dem Minister des Innern gestern in Bukarest cingetroffen. Am Bahnhof wurde er von der königlichen Familie und Mitgliedern der Regierung und Behörden empfangen. Die offizielle Verlobung mit Prinzessin Mariella fand gestern nachmittag statt.
Die dänische Arbeiterbewegung.
Kopenhagen, 20. Febr. (WTB.) Die Bergleichsverhandlungen in dem dänischen Arbeiterkonflikt haben dazu geführt, daß bisher 17 Organisationen, die zusammen 40 000 Arbeiter zählen, ein neues Ueberein» kommen eingegangen haben.
Die Polizeibeamten und das Etreikrecht.
Berlin, 21. Febr. Laut „Lokalanzeiger" hat der Vorstand deSBerbandeS der Polizeibeamten Preußens eine Entschließung gefaßt, in der ausdrücklich festgestellt wird, dcß es für die Pvliz ibeamten kein Streikrecht gibt. 3m Falle eines Beamtenftreiks haben die Beamten ihren Dienst zu versehen und sich jeder Einwirkung auf die Entschließungen der vorgesetzten Dienststellen zu enthalten. Die Anordnungen, die im Auftrag der verfassungsmäßigen Regierung erfolgten, müh'.en ausgeführt werden.
Die Blüchernichten.
Roman von HannSvvnZobeltitz.
33. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)
Ter von Dau.se hat's gut Reitet auf seinem tüchtigen Braunen querfeldein, nur mit einem Husar hinter sich: alles muß ihm Platz machen, braucht nur zu winken: .Ordre vom Herrn ®e- neralfeldmarschall!" kriegt überall nette Pferde, immer die besten, braucht nur zu befehlen: „Orbre vom Herrn Feldmarschall. Bericht an Seine Majestät!" Zagt weiter und weiter, und der 3-ibd über den großen Sieg ist um ihn, fliegt ihm voraus. wie vom Sommerwind getragen.
Wollte juerft gar kei-e Müdigkeit kommen. Tas gewaltige Erleben Helt ihn woch und frifch. Ritt Tag und Rächt. Tann, freilich, manchmal konunt's über ihn: die Augenlider senken sich wider Wi len, die Knochen schmerzten. Aber er dachte: ist Pflicht! Bericht an Seine Majestät! Und dachte, so nebenbei, doch noch an e.was andres: an fein süßes Mäulchen, an einen Goldhaarkringel über einer weißen Sttrn und an ein Paar lachende Augen. Eins und das andre rüttelt ihn immer wieder auf. Zagt weiter. Galopp und Trab, was die ®äu:e hergeben, braucht Spo en und Peitsche, nimmt sich kaum Zett z im E fen, sorgt nur, daß die Feldflasche immer gut ge.üllt Uebern Rhein, den deutschen Rhein, über We'er und Elbe. Bis er endlich durchs Brandend irger Tor in Berlin einreitet.
Dorn Pferde haben sie ihn herunterheben müssen, das Gehen wollt' gar nicht passen. Steht doch gleich bestaubt und bespritzt, aber straff und
fest, vor des Königs Ma'estät: ,Bericht Vvm Herrn Generalfeldrnarfchatt über unfern großen Sieg bei La Belle-Attiancel" Humpclt e'enb, stets wie ein ganz alter Mann, die Treppens u en hinunter, ruft den nächsten Wagen aiv läßt ihn bei Zagar, dem Weins ritzen Unter den Linden, halten, stürzt ein Glas Portwein hinuter und noch eins, reiht vom Büfett ein Brötchen, sitzt kauend wieder im Wagen und steht ein paar Minuten später.im Dlücherpalais tot der Frau Fürstin. Reicht ihr das Drieslein, sagt noch. „G.vßer Steg — der Fürst ist heil!" — wankt und tiaäre lang hingeschlagen, wenn ihm die Durchlaucht nicht schnell einen Stuhl untergeschoben hltte.
Tarauf sitzt er, der Riese, schläft tm Handumdrehen fest ein. Ganz fest: einen Kanonenschuß hätte man neben ihm abfeuern können, er wär' nicht erwacht. Und kaum sind ihm die Augen zu- gesallen, fo fängt er zu schnarchen an, wie eine Sägemühle.
Tie gute Fürstin hat den Brief gelesen, hat die Hände gefaltet, dankt Gott für rea Sieg uad daß ihr Geb.-ard Leberech! hell und ges»n) ist. Hat dabei eine Träne im Auge und muß lächeln, wie sie den gewaltigen Mann, den von Dause, sieht, lang hingestreckt im Ses el, den Kopf aus der Diaist und die Deine weitab: wie sie die Riesenmusll hört, die er macht. Lenkt unter ihrent Lächeln: »Mein Lovchen, an dem wirst du noch deine Freude erleben.“
Eine Stunde und darüber schläft er inb schnarcht. Tann ist er plötzlich wach, gähnt mäch.ig und erschrickt, als er die Frau F irftin vor sich sieht. .Wollen pardonierei, Tu.chlaucht!“ sagt er etwas beschämt, und wi.1 aussteyen.
Tiesmal lächelt sie nicht, sie muß lachen, als er die zerschlagenen Glieder kaum regieren kann. „Tiun aber ins Dttt, Duuse!" ertlärt sie. ,6»e bleiben bei uns. selb^verstä..dllch."
.Ins Bett?!" gibt er zurück und schüttelt den Kopf. „Ganz unmöglich, Turchlaich!. Ich hab' noch einen Gang vor — so dringend — so unaufschiebbar . .
»Ditte, lieber Dause, schauen Sie sich erst mal von Kopf bis zu Fuß an. So können ö.e grab den Weg, den Sie Vorhaben, nicht unternehmen, schätz' ich."
Er schaut sich wirklich an, schüttelt wieder den Kopf: »Din ja ein Trvckgespenst. Pfui Gcier."
»Run — frischer Trcck ziert den Soldaten, sagte mein 2llter. Aber ich schlage vor: erst und vor allem ein laues Dub. Hab' es schon beordert. Ter Zohann bürstet Ihnen i »zwischen die Mcn- tur, und Sie bürsten nachher den Str-rbbellopf. Auch ci» Barbier wird bestellt. Mck Stoppeln küßt sich's schlecht —"
So ist der Herr von Bause denn am Rach- mtttag sauber und forsch nach der Breilenstrale gefahren. In der Dlücherfchei (S ui;agc, hochfein, und da die in der ganzen Gegend bekannt gewesen, haben die Leutchen wieder die Rasen an die Fensterscheiben gebrückt unb gemeint: „2lba, zu den Gieses!'' Dacyten v ellcicht, es wäre die Frau Fürstin. Blüchers Matchen, unb waren enttäuscht, als sich ein rie iger Hu'ar steifbeinig aus der Kutsche entwickell hat. A'oer du nun mal schon feit Mittag die frohe Kunde ton dem großen Sieg sich verbreitet unb weil's boch eine Uniform gewesen, die ba zum Vorschetn Lim — manche behaupteten sogar: ton Blüchers Regi
ment —, so rissen sie pflichtschuldigst bie Fenster auf unb schrien Hurra.
Ter Dause war blitzsauber und „halbiert" bis z-um letzten Strppelhaar, zum Küsten fertig War auch wohlaufgelegt dazu, aber es kam e'.wuS anders, als er sich's gedacht. Als ob eS nicht immer im Leben anberä käme, wie man es bentt. Man muß aber bie Lose zu nehmen wissen, tote sie fallen.
Er stimmt also die Stiegen zur Manfarde,' und daS Herz schlägt ihm, nicht der S ufen holder, sondern in froher Erwartung. Er fch Ilt kräftig, hört, wie sich Tritte nahen, die Tür öifnet sich — unb vor ihm steht die Frau von Giese.
Erschrocken ist er gewesen, nicht zu leugnen. Mer wer tom Sch lach'.selbe von La Delle- Alliance Lommt, direktissime, der mutz auch Straft haben, aus ter Rot eine Tugend zu machen.
So umschlingt er die Frau von Giese mit seinen beiten Armen, fast als wäre sie das Liebste, was er hat, und ehe sie sich's noch versieht, brennt ibr ein tüchtiger Schmatz auf ter rechten Wunge: »Frau Schwiegermutter! Ta bin ich!" S e w ll f ch wehren, aber er hält sie so aLu rat, datz sie sich gar nicht rühren kann. „Za, ftau-.en Sie nur, liebe Freu Schwicgermutle .! Ich bin d leibhaft g, ter Le>i Dou e!“ Unb fchwapp — hat sie den zweiten Stuh auf ter linken Backe fort.
»Za aber) Rein aber!" kreischt sie. »Ich muß boch sehr bitten! Sinb das Manieren! llvas in Geiers Ramen füh^t Sie denn her?"
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