ar. 248 Zwettes Blatt Sietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
Aus dem Kapitel „Kriegsausbruch" der Erinnerungen Kaiser Wilhelms II.
„Ereignisse und Gestalten".
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Unzählig find die Zeugnisse dasür. baß schon (m Frühjahr und Sommer 1914, als bei uns noch niemand an den Angriff der Entente dachte, der Krieg in Ruhland. Frankreich Belgien und England vorbereitet worden ist. Die wesentlichsten der mir bekannt gewordenen Beweise hierfür habe ich in die von mir zusammengestellten »Ver gleichenden Geschichtstabellen" ausgenommen. Aus ihrer groben Zahl möchte ich hier nur einige anführen. Wenn ich dabei nicht alle Flamen nenne, so geschieht das aus begreiflichen Gründen. Dieses ganze Material ist mir natürlich erst nachträglich, * T. während des Krieges, größtenteils erst nach dem Kriege, bekannt geworden.
1. Schon im April 1914 begann die Ansammlung von Goldreserven in den englischen Banken. Deutschland dagegen führt noch im Juli Gold und Getreide aus, auch nach den Entente»Ländern.
2. 3m April 1914 berichtet der deutsche Marineattach' tn Tokio, Korvettenkapitän von Knorr' »Er fei geradezu betroffen über die Gewißheit, mit der dort alles den Krieg der Tripelallianz gegen Deutschland tn naher Zeit für sicher halte ... Es liege etwa- in der Luft wie eine Art Beileid über ein noch nicht ausgesprochenes Todesurteil."
3. Ende März 1914 hält der General Schtscher- batschew, Direktor der Kriegsakademie In Petersburg, an seine Offiziere eine Ansprache, in der es u. a. hieß' »Der Krieg mit den Dreibundmächten sei infolge der gegen Rußlands 3nteressen gerichteten österreichischen Balkanpolitik unvermeidlich geworden . . . Höchstwahrscheinlich werde er noch m diesem Sommer zum Ausbruch kommen. Rußland sei die Ehre geworden, sofort die Offensive zu ergreifen.“
4. 3m Bericht des belgischen Gesandten in Berlin über eine aus Petersburg eingetroffene japanische Militärmission — April 1914 — heißt es u. a.: „3n den Regimentsmessen hatten die japanischen Offiziere ganz offen von einem nahe bevorstehenden Kriege gegen Oesterreich-Lingam und Deutschland reden hören. Man sagte dabei, daß die Armee bereit sei, ins Feld jju rücken, und der Augenblick sei ebenso günstig für die Russen, wie für ihre Verbündeten, die Franzosen."
5. Rach den in der Revue des Deux Mondes 1921 veröffentlichten Denkwürdigkeiten des damaligen französischen Botschafters in St. Petersburg, Herrn Palöologue, haben am 22. Juli 1914 in Tsarskoje Selo die Großfürstinnen Anastasia und Militza zu ihm geäußert: »Ihr Vater, der König von Montenegro, hätte ihnen in einem Ehisfretelegramrn mitgeteilt, »daß wir vor Monatsende (russischen Stils, also vor dem 13. August neuen Stils) Krieg haben toetben . . . Von Oesterreich wird nichts übrig bleiben . . . 3hr werdet Glsaß-Lothringen wiedemehmen . . . Untere Heere werden sich in Berlin treffen . Deutschland wird vernichtet werden"."
6. Der frühere serbische Geschäftsträger in Berlin Boghiischewitsch berichtet in seinem 1919 erschienenen Buche .Kriegsursachen" eine Aeuße- rung, die der damalige französische Botschafter in Berlin Eambon am 26. oder 27. Juli 1914 zu ihm getan habe: »Wenn Deutschland es aus einen Krieg ankommen lassen will, so wird es auch England gegen Jidj haben. Die englische Flotte wird Hamburg forcieren. Wir werden die Deutschen glatt schlagen." Doghitschewitsch sagt, er habe von dieser Unterredung die »Gewißheit" mitgenommen, daß der Krieg, falls nicht schon früher, so doch gewiß bei der Begegnung Poin- careS mit dem russischen Kaiser in Petersburg beschlossen worden war.
7. Ein hochgestellter Russe, Mitglied der Duma und guter Bekannter von Sasonow, erzählte mir später von dem geheimen Kronrat unter Vorsitz des Zaren im Februar 1914, was mir auch durch andere russische, in meinen .Geschichtstabellen" aufgeführte Quellen bestätigt worden ist: In diesem Kronrat hielt Sasonow einen Vortrag, in welchem er dem Zaren Vorschlag, Konstantinopel zu nehmen. Da der Dreibund das nicht Äigcben würde, werde daraus ein Krieg gegen Deutschland und Oesterreich folgen. 3talien werde von diesen abfallen: auf Frankreich könne man unbedingt rechnen, aus England wahrscheinlich. Der Zar habe zugestimmt und den Befehl gegeben, die nötigen Vorarbeiten zu beginnen. Der russische Finanzminister Graf Kokowzow hat dagegen eine Denkschrift an den Zaren gerichtet — diese ist mir nach dem Brester Frieden durch Gras Mirbach milgeteilt worden —, in der er dem Zaren ein festes Zusammengehen mit Deutschland empfahl und vor dem Kriege warnte, der unglücklich verlaufen und zur Revolution und zum Sturze der Dynastie führen werde. Der Zar ist diesem Rate nicht gefolgt, hat vielmehr den Krieg betrieben.
8. Derselbe Herr erzählte mir folgendes. Zwei Tage nach Kriegsausbruch fei er zu Sasonow zum Frühstück geladen gewesen. Dieser sei ihm freudestrahlend entgegengekommen und habe ihn, sich die Hände reibend, gefragt: »Run, lieber Baron, sie müssen doch zugeben, daß ich mir den Moment des Krieges vortrefflich gewählt habe?" Ms der Baron ihn etwas besorgt fragte, wie denn England sich dazu stellen werde, schlug der Minister lachend auf seine Tasche und flüsterte dem Baron mit listigem Augenzwinkern zu: „3d) habe etwas in meiner Tasche, was in den nächsten Erstaunen setzen wird: ich habe die englische Tagen ganz Rußland erfreuen und die Welt in Zusage erhalten, daß England mit Rußland gegen Deutschland gehen wird!"
9. Russische Gefangene der sibirischen Korps, die in Ostpreußen gefangen genommen wurden, sagten uns: Sie seien im Sommer 1913 mit der Bahn in die ilmgegenb von Moskau transportiert worden, well dort ein Manöver vor dem Zaren stattsinden solle. Das Manöver fand nicht statt. Die Truppen wurden aber nicht zurückbefördert, sondern für den Winter in der Ilmgegend von Moskau disloziert. 3m Sommer 1914 wurden sie in die Gegend von Wilna vorgesahren, weil dort ein großes Manöver vor dem Zaren stattfinden solle. 3n und bei Wilna seien sie aufmarschiert und dann seien plötzlich die scharfen Patronen (Kriegsmunition) audgegeben und ihnen mit- geteilt worden, nun sei Krieg gegen Deutschland. Warum and weshalb, das wußten sie nicht zu sagen.
10. 3n einem im Winter 1914/15 in der Presse veröffentlichten Bericht eines Amerikaners über seine Reise im Kaukas as im Frühjahr 1914 wird erzählt: Als er zu Anfang Mai 1914 im Kaukasus eingetroffen sei, seien ihm auf feiner Fahrt nach Tiflis lange Kolonnen von Truppen aller Waffengattungen in Knegsausrüstung begegnet. Er habe befürchtet, es sei im Kaukasus ein Aufstand aus- gebrochen. Als er bei der Paßrevision in Tiflis sich bei den Behörden danach erkundigte, erhielt er den beruhigenden Bescheid, der Kaukasus sei ganz ruhig, er könne reifen, wohin er wolle, es handle sich nur um ilebungömärfcße und Manöver. Rach Abschluß seiner Reise Ende Mai 1914 habe er sich in einem kaukasischen Hasen einschiffen wollen, aber alle Schiffe seien derart mit Truppen beseht gewesen, daß er nur mit Mühe noch eine Kajüte für sich und seine Frau erhalten tonnte. Die russischen Offiziere erzählten ihm, sie würden in Odessa landen und von da in die llfratne marschieren zu einem großen Manöver.
11. Der Fürst Tundutvw, Ataman der Kalmückenkosaken, zwischen Zarhzin und Astrachan residierend, vor und während des Krieges persönlicher Adjutant des Großfürsten Rilolai Riko» lajewitfch, kam im Sommer 1918 in das Hauptquartier in Bosmont, um Verbindung mit Deutschland zu suchen, da die Kosaken keine Slawen und durchaus Feinde der Bolschewiken seien. Er erzählte, er sei von Rikolai Ritolaje- witsch vor Kriegsausbruch zum Generalstab entsandt gewesen, um den Großfürsten über die dortigen Vorgänge auf dem laufenden zu halten. Auf diese Weise sei er Zeuge des berüchtigten Telephongespräches zwischen dem Zaren und dem Ches des Generalstabes General Ia- nuschkewitsch gewesen. Der Zar habe unter dem tiefen Eindruck des ernsten Telegrammes des Deutschen Kaisers beschlossen, die Mobilmachung zu inhihieren. Er habe Ianuschkewitsch telephonisch befohlen, die Mobilmachung nicht auszuführen bzw. rückgängig zu machen. Dieser habe diesen Haren Befehl nicht ausgeführt, sondern bei dem Minister des Auswärtigen Amtes Sasonow, mit dem er seit Wochen in Verbindung gestanden, intrigiert und zum Kriege gehetzt habe, telephonisch ungefragt, was er nun tun solle. Sasonow habe darauf geantwortet: Der Befehl des Zaren sei Hnfiirn, der General solle die Mobilmachung mit ausführen, er (Sasonow) werde den Zaren morgen schon wieder Herumkriegen und ihm daS dumme Telegramm be6 Deutschen Kaisers ausreden. Daraufhin meldete Ianuschkewitsch dem Zaren, die Mobilmachung sei schon im Gange und lllcht mehr rückgängig zu machen. Run fügte Fürst Tundutvw hinzu: Das war eine Lüge, denn ich habe selbst neben Ianuschkewitsch den Mobilmachungsbefehl auf seinem Schreibtisch liegen sehen, er war also noch gar nicht abgesandt.
Bei diesem Vorgänge ist psychologisch interessant, daß Zar Rikolaus, der den Weltkrieg vorbereiten hals und die Mobilmachung schon befohlen hatte, im letzten Moment noch umschwenken wollte. Es scheint, daß mein emstes warnendes Telegramm ihn zum ersten Male die ungeheure Verantwortung deutlich erkennen ließ, die er mit seinen kriegerischen Maßnahmen auf sich lud. Deshalb wollte er die völkermordende Kriegsmaschine, die er soeben in Bewegung gesetzt hatte, stoppen. Das wäre noch möglich, der Friede noch zu retten gewesen, wenn nicht Sasonow die Ausführung vereitelt hätte.
Auf meine Frage, ob der Großfürst, der als Deutschenhasser bekannt war, sehr zum Kriege gehetzt habe, erwiderte der Fürst: Der Großfürst habe allerdings eifrig für den Krieg gewirkt, aber ein Hetzen sei überhaupt überflüssig gewesen, well sowieso eine starke Kriegsstimmung gegen Deutschland hn ganzen russischen Offizierkorps geherrscht habe. Dieser Geist sei hauptsächlich aus der französischen Armee auf die russischen Offiziere übertragen worden. Man habe den Krieg eigentlich schon im Hahr 1908 09 (Bosnische Frage) machen wollen, aber Frankreich fei damals noch nicht fertig gewesen. Auch 1914 sei Rußland eigentlich noch nicht ganz fertig gewesen; Ianuschkewitsch und Suchomlinvw hätten den Krieg erst für 1917 geplant. Aber Sasonow und 3swolski sowie die Franzosen waren nicht mehr zu halten. Jene fürchteten die Revolution in Rußland und den Einfluß des Deutschen Kaisers auf den Zaren, durch den der Zar vielleicht vom Kriegsgedanken abgebracht werden könnte. Die Franzosen aber, die für den Augenblick der englischen Hilfe sicher waren, befürchteten. England lönnte sich später auf ihre Kosten mit Deutschland verständigen. Auf meine Frage, ob beim der Zar die Kriegs st immung gekannt und geduldet habe, aifttoorletc der Fürst Es sei bezcichnend, daß der Zar aus Gründen der Vorsicht ein für allemal verboten habe, deutsche Diplomaten oder Militärattaches zum Mittagoder Abendessen im Offizierkorps einzuladen, an denen er persönlich teilnahm.
Aus Stabt unb Laub.
Gießen, den 21. Oktober 1922.
Der Hausbesitzer-Protest gegen den Mictzuschlag von 614 Proz.
Eine Woche später als der Mieterverein haben nun auch die Hausbesitzer öffentlichen Protest erhoben gegen die von der Stadtverwaltung geplante Festsetzung der Mietzuschläge rach dem Reichsmietengesetz Der Einspruch erfolgte, wie gestern schon berichtet, am Donnerstagabend in einer vom Hausbesitzerverein einberufenen, außerordentlich stark besuchten Protestversammlung im Katholischen Vereinshaus.
Der Vorsitzende des Vereins, Malermeister Launsbach. der die Kundgebung leitete, erklärte in seiner Eröffnungsansprache, die Hausbesitzer konnten und dürften dieser Zuschlagssestsehung nicht zustimmen. Die Sätze hätten im Frühjahr ober im Frühsommer genügt Wie bie Teuerung heute geworden, fei mit dieser Bagatelle nichts mehr zu machen.
Als Hauptredner ergriff hieraus Architekt Rikolaus das Wort Er sagte u. a.: Aus der Versammlung des Mietervereins ist schon bekannt geworden, baß bie Stadtverwaltung den Mietzuschlag auf 614 Prozent bemessen will. Der Mieterverein hat diesen Zuschlag abgelehnt Auch unsererseits erfolgte Ablehnung. Der Mieterverein erachtet diese Zuschläge als zu hoch, wir finden sie zu gering. Bevor die Stadtverwaltung zu ihrem Entwurf gekommen ist. haben zwei Sitzungen unter dem Vorsitz des Beigeordneten Dr. Seid stattgefunden. Hausbesitzer- und Mietervertreter waren zugegen. Sehr bald zeigte sich dort, daß man auf der Gegenseite nicht das notwendige Verständnis hatte für bie Rotwendigkeiten des Hausbesihes. Wir kamen schnell zu ber Ueberdcugung, baß bie Verhanblungen nur Zeitverlust bebeuteten. Untere Forderung belief fick- auf 899 Prozent, ber Mieterverein schlug 180 Prozent vor. 3n ber Mieterversammlung wurde erklärt, daß das Angebot der Mieterver- tretung durch bie Entwicklung bereits überholt sei, und es wurde hinzugefügt, der Satz von 614 Proz. hätte dennoch abgelehnt werden müssen. Hierin liegt eine Inkonsequenz, zumal wenn man berücksichtigt, daß beide Vorschläge auf den Preisverhältnissen von Ende Juni basierten. Hätte man die Geldentwertung als Maßstab gelten lassen, bann hätte auch die Stadtverwaltung zu anderen Zuschlagsähen kommen müssen. Für die
Steigerung der Hypotheken kosten usw hat
die Stadtverwaltung 14 Prozent zugebilligt, wir hatten 19,1 Prozent verlangt. Die Berechtigung unserer Forderung wird durch bie Erhöhung ber Zinssätze bewiesen, außerbem bars man auch nicht vergessen, daß das Eigenkapital des Hausbesitzers verzinst werden muß. Für die Betriebskosten sind von der Stadt 120 Prozent vorgesehen, unsere Forderung erstreckte sich auf 190 Pcoz. Bei unserer Berechnung haben wir ausdrücklich auf die Preisverhältnisse von Ende Juni hingewiefen und uns Vorbehalten. Aenderungen unserer Ansprüche nach Maßgabe der Preisgestaltung vorzunehmen. Diese Aenderungen sind in einem Maße ein- getreten, wie niemand sie voraussehen konnte. Für laufende Unterhaltungskosten und Instand» sehungsarbeiten will die Stadtverwaltung 300 Prozent bewilligen, wir hatten unter Berücksichtigung ber Verhältnisse von Enbe Juni 415 Proz verlangt. Auch hier hat sich vieles geändert. Die damaligen Kosten für die Instandsetzung eines Zimmers beliefen sich nach meinen Berechnungen auf 2256 Mk., heute auf 8000 Mk., für eine Küche damals aus 3219 Mk. heute auf 10163 Mk., für die Speisekammer bamals auf 588 Mk., heute auf 1783 Mk. Wenn wir die Ausgaben einer Woh- nungsherstellung zusammenrechnen, so ergibt sich als Kostenpunkt für die Renovierung einer Fünfzimmerwohnung Anfang Juli ein Sah von 6400 Mark, heute von 22 500 Mk., oder gegenüber dem von ber Stabtverwaltung vorgesehenen Zuschläge von 300 Prozent pro Jahr ein solcher von 1004 Prozent. Aehnlich verhält es sich auch mit ben Zuschlägen für die großen Instandsehungsarbeiten. Diese find mit 180 Proz. von ber Stabtverwaltung angeseht. unsere Forberung betrug 275 Proz. Sie steigert sich angesichts ber Preisentwicklung, wie bei ben laufenben Instanbsehungsarbeiten, von 275 auf 665 Prozent. Die Situation ist heute nun so: Die Stabtverwaltung bietet uns 614 Proz., ber Mieterverein bot uns 180 Prvz., hält aber nicht mehr baran fest, bewilligte auch nicht bie 614 Prozent, sondern schweigt sich aus. Unsere Forderung belief sich nach dem Preisstande von Ende Iuni/Anfang Juli auf 899 Proz., und heute müssen wir angesichts der gewaltigen Preissteigerung für alle Materialien, Hanbwerker- lohne usw einen Mietzus chlag von 2045 Prozent verlangen. Das Reichsmietengesetz ist fast ausnahmslos am 1. Oktober in Kraft getreten, die hiernach berechneten Mieten laufen also vom 1. Oktober ab. Daraus ergibt sich, daß für die Bemessung der Mietzuschläge nicht die Verhältnisse von Ende Juni ober einem anbem vor Hem 1 Oktober liegenden Termin gelten können, sondern bie Verhältnisse zu Beginn bes Oktobers zugrunbe zu legen sinb unb hieraus ein Mittelsatz zu errechnen ist. Erst wenn ber Mieterverein bie Verhältnisse, in benen wir leben, bei seiner Stellungnahme gebührend berücksichtigt, unb wenn man auf dieser Seite an eine objektive Prüfung ber Tatsachen herantritt, kann es nicht schwer fein, zu einer Verständigung zu gelangen Die bisherigen Verhandlungen haben jedenfalls eine unüberbrückbare Kluft gezeigt unb deshalb sah sich die Stadtverwaltung gezwungen, von sich aus Sätze festzulegen. Um mich gegen den Vorwurf zu schützen, ich hätte bei meiner Berechnung Zahlen in Ansatz gebracht, die nicht aufrechtzuerhalten seien, mochte ich einige Zahlen nennen, an denen nicht zu rütteln ist; sie zeigen, wie im letzten Vierteljahre die Preise gestiegen sind. Ein Dachdeckergeselle erhielt im Juni 32,65 Mk., am
Samstag, 2\. (Moder 1922
1. Oktober 105 Mk., heute 115 Mk. pro Stunde, ein Quadratmeter Sch c er bad) kostete Ende 3 uni 400 Mk.. heute einschteßsich Schalung und Unterlage 2200 Mk., ohne Schalung 1300 Mk., ein Schiefer, mittelgroß. Ende Juni 5.60 Mk., heute 45 Mk., Spengler und Installateure berechneten Ende Juni bie Gesellenstunde mit 36 Mk., am 1. Oktober mit 63 Mk., heute mit 75 Mk. unb von morgen ab mit 100 Mk.. ein Quadratmeter! Zink kostete Ende Juni 368 Mk.. am 1. Oktober 3100 Mk., heute 3800 Mk.. eine Kloseltschüssel am 1. Juli 1050 Mk.. am 1. Oktober 5500 Mk., heute 7000 Ml., ein Spülkasten am 1. Juli 955 Mk., heute 6200 M!.. ein Zapfventil am 1. Juli 72.80 Marl, heute 490 Mk. Die Weißbinder- und Anstreichergesellenlöhne betrugen Ende Juni 36.50 Mk.. am 1. Oktober 70 Mk., heute 85 Mk. pro Stunde, ein Quadratmeter Oelfarbe, einmaliger Anstrich kostete Ende Juni 30 Mk., am 1. Oktober 90 Mk., heute HO Mk.. ein Quadratmeter Leimfarbenanstrich am 1. Juli 18 Mk., am 1. Oktober 45 Ml., heute 55 Mk. Und so setzt sich die Preiserhöhung überall fort. Diese Zahlen sprechen mehr als Worte, sie beweisen, daß wir zu dem Satze von 614 Prozent niemals unsere Zustimmung geben dürfen Der Vortragende trat hierauf an Hand des städtischen Verorbnungs- entwurfs in eine Spezialkritik der einzelnen Bestimmungen ein und machte hierbei noch mancherlei Beanstandungen geltend. Er erhob weiterhin Einspruch gegen die in ber Mieterversammlung erhobene Behauptung, bie Hausbesitzer hätten ihre Häuser verlottern lassen, unb betonte hierbei, die bisher gezahlten höheren Mieten hätten nur einen Ausgleich schaffen können gegen bie erhöhten.Belastungen bes Hausbesitzes burch Steuern und' sonstige Abgaben. Die Mieter hätten für Reparaturen tociig gewährt, ber Hausbesitzer aber habe immer dafür gesorgt, daß sein Anwesen in Ordnung blieb. Wenn mancher Hausbesitzer nichts mehr habe machen lasten können, so sei die geringe Miete daran schuld. Dafür sei in erster Linie bie Regierung verantwortlich zu machen, die burch bie Gesetzgebung ein An- passen der Mieten an bie ungünstigen Zeit Verhältnisse verhindert habe. RaH wie vor gelte eS auch für ben Gießener Hausbesih. einen schweren Kampf zu führen. Es gelte nicht nur um die gerechte Erhöhung der Mieten zu kämpfen, fonbem cs gelte auch Front zu machen gegen die ben heutigen Gesetzgebung zugrunde liegenden Bestrebungen, die auf eine Sozialisierung des gesamten Hausbesihes hinauslausen. Einig und geschlossen müßten bie Hausbesitzer, wenn es nottue, auch aus bie Straße ziehen vnb bori burch Massendemonstrationen für ihre Forderungen eintreten.
An den mit starkem Beifall aufgenommenen Vortrag knüpfte sich eine Au spräche, in der einhellig zum Ausdruck gebracht wurde, baß ber von der Stadtverwaltung geplante Mietzuschlag abzulehnen sei. Schließlich wurde die gestern von uns berichtete Resolution einstimmig angenommen.
Man beschloß sodann u. a. noch die Erhebung einer Beitragsnachzahlung für 1922 in Höhe von 100 Mark.
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Landkreis Gießen.
* Hungen, 20. Oft. Für Mittwoch, 1. November, ist die Abhaltung eines Vieh- Marktes Hierselbst genehmigt toorben.
Starkenburg und Rheinhessen.
* Mainz, 19. Oft Die Stabtvervrbneten bewilligten für Maßnahmen zur Defämpsung ber wirtschaftlichen R o t ber Minberbe m i t te l t en 4 Millionen Mark. Für die Errichtung einer Volksküche wurden 125 000 Mark zur Verfügung gestellt
* Mainz, 19. Oft. Der hiesige Zweig- verein vom Roten Kreuz ruft die Bürgerschaft in Stadt und Kreis Mainz zu einer großzügigen Hilfsaktion für die in Rot geratenen Kleinrentner auf. Eine umfassende Sammlung unter der Bezeichnung „Kleinrentner und Altershilfe" ist in die Wege geleitet worden. In dem Aufruf wird gebeten, die Gaben dem gesunkenen Geldwerte anzupassen.
Hessen-Rassau.
fpd. Höchst a. M., 19. Oft. Die städtischen Körperschaften haben den Preis für ein Kaufgrab von 2000 Mf. auf 2 0 000 Mf. erhöht.
Kirchliche Nachrichten.
Evangelische Gemeinde.
Sonntag. 22. Oft, 19. nach Trin. Stadtkirche. V,10: Pft. Mahr. — 11: Kivderiirche b. Matthäus- gemeinbe. - 21503. 6: Pfr. Becker. — IohanneS- kirche. ',10: Pfr. Dechtolsheimer. — 11: Kinder- kirche der Lukasgern. — Abds. 6: Pft. Ausfeld. — Kirchberg: 10. —11: Abendrn. f. d. Allen v. Staufen- cherg. Kollekte f. d. Verb. ev. kirchl. Frauenvereine i. Hess. Mainzlar: l^Heil. Abendm., Kollekte. Wieseck: Erntedankfest '/,10 Gottesd. (Frauenchor): 1.11 Äinöert.; *, ..8 Erntefeier (Opfer für die Gemeindeblattkasse).
Katholische Gemeinde.
Samst, 5 u. 8: Beicht. — Sonnt., 61/,: Beicht. 7: Messe: 6: Korn: 9: Hochamt m. Pr11: Messe m. Pr.-. 5'/,: Ehristenl. und Rosenkranz m. Segen. — Hungen: 8. — Lich: 10.
Alle praktischen Hausfrauen wissen eS längst, baß es zum ftätben von Kleidern, Blusen, (Aardmen, Strümpfen usw. nichis besseres gibt als bie weltberühmten „Heitmann's Warben", Marke „Huchskovf im Ltcrn": darum nehmen sie keine anberen.
ergiebig und wohlschmeckend
o E.


