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Nr. 221 Zweites Blatt

Das Buch eines Schwarzen.

(AuS der in Philadelphia erscheinenden Philadelphia-Gazette-Demokrat".)

Es war eineSensation", unvergleichlich größer als selbst die Derleihung des Nobelpreises an den Inder Nabindranatch Lagore. als die Pariser A k a d e m i e G v n c o u r l bin Preis für die ^hervorragendste französische literarische Leistung dem Neger Nene Maran erteilte. Als selbstverständlich wäre nun zu erwarten gef wesen, daß das auf diese Weise mit einem Schlage weltberühmt gemachte Tuch der Neger roman Cßatuala, einen Siegeszug um die Erde an­trat Statt dessen beobachtet man, daß die fröh­liche Pariser literarische Gesellschaft, die eben noch die Sektgläser erhoben hatte, um auf ihren neuesten Dich^r zu toasten, entsetzt auseinander- sliebt, als sei der steinerne Gast in den Festsaal getreten. Gestern noch hatten die Zeitungen das Bild des Dichters, eines sehr aufgeweckt, aber auch fanatisch dreinschauenden Vollblutnegers, ge­bracht, der auf Martinique geboren ist und als Kolonialbeamter am Kongo in französischen Dien­sten steht. Heute ist es plötzlich mäuschenstill um ihm, bis man schließlich einen verlegenen Aus­weg sucht, bei dem niemand rocht wohl ist. Was ist inzwischen geschehen, um diesen Umschwung hervorzurufen?

Nicht viel, nur etwas, was eigentlich hätte geschehen müssen, ehe man den ebenholzschwarzen Dichter feierte: Man hat den Nornan gelesen. Dieser von der Akademie Gvncvurt preisgekrönte Roman ist nämlich so, daß man schon den Inhalt nur andeutungsweise wiedergeben kann.

Batuala ist ein Häuptling am Kongo, der acht Frauen hat. Sieben von ihnen betrügen ihn mit Dissibingi, dem unwiderstehlichen Brecher aller Frauenherzen im Dorfe Datualas. Dissibingi hat nun den Ehrgeiz, alle Frauen z»u besitzen, und daß er 'Saffiginbja, die achte Frau Datualas, nicht ebenso leicht haben kann, wie alle übrigen, bildet in dem Roman (wenn man so sagen darf) dieSchürzung des Knotens". Hm Datuala ein­fach aus dem Wege zu räumen, dazu ist der schwarze Weiberheld zu feige. Der Häuptling, der sich aus den übrigen Weibern wenig macht, paßt aber auf die achte scharf auf. Dieserdra­matische Konflikt" (wenn man wieder so sagen darf), füllt lange Seiten des Buches aus. Wie er sichlöst", ist ebenfalls keimzeichnend. Die Neger veranstalten eine Jagd, d. h. sie brennen die Steppe an und schlachten die durch die Flammen zusammengetriebenen Tiere hausenweise ab. Plötzlich erscheint zwischen den flüchtenden Anti­lopen usw. ein Raubtier, ein Panther. Sofort haben die sämtlichen tapferen schwarzen Hager nur noch einen Gedanken:Rette sich, wer kann." Datuala, der nicht mehr rechtzeitig flüchten kann, faßt den Plan, seinen Nebenbuhler Dissibingi in der allgemeinen Verwirrung zu ermorden. Da dieser sich aber gerade in dem Augenblick, wo der Panther au.fspringt, bückt, so fliegt der Speer über ihn hinv>eg. Dafür schlitzt der Panther Datualas Leib mit einem Prankenhiebe auf. Da­tuala muß sterben. Während er in seiner Hütte verröchelt, stehlen ihm seine Stammesgenossen alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Seine Weiber verlassen ihn. Nur Passigindja ist in der Hütte zurückgeblieben, um sich mit Dissibingi zu vereinigen, und das muß der durch seine Ver­wundung hilflose Datuala vor seinem Verröcheln nach mitansehen.

Der Inhalt ist nur sehr andeutungsweise und zurückhaltend mitgeteilt worden. Immerhin erkennt der Leser, worum es sich handelt: Hm dumpfe, viehische Triebe, die das Seelenleben dieser Schwarzen so vollständig ausfüllen, daß daneben nichts anderes Platz hat. Die Art, wie sich Mann und Frau unterhalten, übersteigt an Rohheit und Gemeinheit alles, was sich ein Weißer vor-

Baalsfempel

Roman von Margarete v. Oertzen- F ü n f g e l d.

1 . Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Ohne sich noch einmal umzuwenden, ging er mit festen Schritten die bekannten Straßen nach seiner Wohnung. Da war ihm, als schwanke vor ihm her durch den nächtlichen Nebel ein schwarzer Rabenflügel.

Sein Herzschlag stockte sekundenlang.

Aber das Dild zerrann. Hnter seinen Füßen knisterte der glasharte Frost, unb über den Ne­beln blitzte der Himmel, in stählerner Klarheit.

* * *

Ein klein wenig herabgestimmt war Heinz nun doch schon: Er hatte die siebente Wohnung, war von Charlottenburg nach Hallensee, von Hallen­see nach Friedenau gezogen, ohne so etwas Aehn- liches wie ein Heim sich schaffen zu können. Heber- äll erdrückte ihn dermoderne Komfort", der so unbehaglich wirkte, störten ihn Hmgebangen, die ihm ihren Stil aufdrängten, anstatt von seiner Persönlichkeit ihren Stil zu leihen.

Nun faß er in der Wilhelmsaue, dem Himmel zunächst, in einem geräumigen Zimmer voll Sonnenhelle. Auf dem Dalkon hatte sein Vor­gänger eine Menge Blumen und Kettenpflanzen in Töpfen zurückgelassen, die wuchsen und ge­diehen, wie es ihnen beliebte. Der weiße Porizont des märkischen Landes leuchtete durch die blanken Scheiben.

Es war ein altes Haus, soweit in Berlin ein Haus überhaupt alt werden kann. Hnd Komfort hatte es Gott sei Dank gar keinen.

Heinz kannte seine Mitbewohner nicht, noch wurde er von ihnen gekannt. Das Gefühl, unter Millionen nur ein Stäubchen Mensch zu fein, bedeutete ihm eine Wohltat.

In der Mittelstraße hatte ihn fein Agent, mit einer dräuenden Wolke auf der Stirn empfangen.

Aber, Kind, Kindchen, was machen Sie für Sachen? Was soll ich denn, jetzt noch für Sie tun? Kurz vor Toresschluß. Aber nächste Sai­son warten Sie mal ist Tstadt frei."

Heinz funfeltc ihn empört an. Was fiel dem Mann ein? Tstadt? Der war ja wohl ganz Tja, mein Lieber, viel wählen werden wir nicht können solche dummen Geschichten reden sich verflucht herum mir erzählte es der Bas­sist von . . . von . . . von einem ganz anderen Ende. Also sehen Sie mal. Da muß erst Gras drüber wachsen! Die Sache an und für sich wär' es ja nicht einmal aber die Hrsachen I Der eine sagt so, und der andere sagt so. Der eine sagt: Sekt", und der andere

Heinz errötete dunkel. Er war also doch nicht nurein Stäubchen Mensch". Er war einer von jenen, die sich für Geld zur Schau stellen, für

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Mittwoch, 20. September (922

stellen kann. Auch in ethnographischen For­schungsberichten findet sich bishrnc nichts gedruckt, was an diese Schilderung entfernt heranreicht.

Dies alles erkannte man mit Grausen, nach­dem die Erteilung des Goncourtpreises nicht mehr rüdgänigg zu machen war. Hnd nun hätte man immer noch eine Ausrede gehabt. Warum sollen Negerplastiken nicht ihren Platz in einem Museumsraume haben, wo unmündige leinen Zu­tritt erhallen. Berufene aber die unbegreifliche Seele der Wilden zu enträtseln versuchen? Zwar nicht als literarische Leistung, aber als völker­kundliche Kuriosität war das Buch vielleicht doch einer besonderen Aufmerksamkeit wert, und die Akademie Goncourt konnte vielleicht kein anderer Vorwurf treffen, als daß sie Kunst und Abstrusi- tät verwechselt hatte, wie es jetzt öfter geschieht. Das wäre alles hingegangen, aber da blieb immer noch das Vorwort des Buches übrig.

In diesem Vorwort spricht der schwarze Ver­fasser offen aus, daß er ein Kampfbuch der schwar­zen gegen die weiße Rasse schreiben will. Seine Negerraffegenossen, das sind die wahren, die trieb­haften, die gottgeschaffenen Menschen. Die Zivili- . fation der Weißen, die er so genau kennen gelernt hat, daß er in ihrer Sprache ein Buch verfassen kann, welches einen französischen Literaturpreis erringt, die verachtet er aus tiefster lleberzeugung.

Als die Franzosen wirklich das Buch zu lesen begannen, faßte sie Entsetzen. Man redet so oft von der Verbohrtheit deutscher Gelehrter und deutscher Nichts-als-Kunst"-Schwärmer, aber was hier die Akademie Goncourt geleistet hat, das gibt allen verrannten deutschen Heberidealiften für ein paar Iah re Ablaß für ihre Torheiten. Aus England, Spanien, Holland, selbst aus Belgien kam ein sehr böses Echo, als dort das Buch bekannt wurde. He nach der Stellung schalt man erzürnt oder man rang die Hände. Hier haben wir den ersten lite­rarischen Kampfruf der äthioptischen Bewegung I Wie wird die Laune fr Amerika werden, wenn man dieses Buch dort lesen und hören wird, daß die Franzosen es mit ihrem vornehmen Preise für Dichtkunst ausgezeichnet haben?

Hnd vergesset eines nicht," so ruft man den Franzosen zu,die Deutschen werden sich dieser fürchterlichen Hrkunden der Rasseschande dieser Orgien des Blutvergießens und des Geschlechts- rausches bemächtigen, und sie werden der Welt zeigen: das sind die schwarzen Franzosen, die auf unsere Verwundeten in den Schütz mgräbcn, die auf unsere Frauen und Mädchei in der Pfalz und am Rhein losgelassen worden sind. So sehen sie, von einem der Ihrigen selbst,ungeschrnmk! und wahr­heitsliebend" geschi:dert, au.-. Tie e schaarzeBestie habt ihr geweckt und nun fletscht |ie die Zähne. Diese Datualas und Difsibingis sind es, denen ihr weiße Frauenleiber als Kampfpreis ver­sprochen habt. Habt ihr nicht bedacht, was ge­schehen wird, wenn die Deutschen sich des Gon- court-Preis-Duches bemächtigen und seinen In­halt allen Böllern mitteilen werden, in denen das Kulturbewußtsein und die Sittlichkeitsver­pflichtung der Weißen lebt?"

Da ist es peinlich sttll geworden in Frank­reich, ängstlich und bedrückt still um das neue Buch. Aber die Well wird um so aufmerksamer sein.

Sladtverordnetenwahlen und Kaufmannschaft.

Don der Handelskammer Gießen wird uns geschrieben:

In einer kürzlich in diesem Blatte veröffent­lichten Abhandlung der Handelskammer, betitelt Finanznot der Gemeinden und H^berspannung der Gewerbesteuer" wurde u. a. auch auf die altgem.lii zu beobachtendeErfcheinung hingewiesen, daß Handel und Industrie in den

Geld ihr Bestes geben, für Geld der Menge ge­hören so ganz gehören, daß sie das Recht daraus zieht, auf jeden Makel mit ihrer tausend- fingrigen Hand zu deuten, den letzten Schleier von der verhüllten Seele zu zerren.

In den anderen Agenturen war man sehr höflich, notierte sich seine Adressevorkommenden Falles" und bedauerte unendlich, daß natürlich momentan nichts frei sei.

Bald hielt Heinz es nicht mehr zu Hause aus. Die Vormittage verbrachte er bei den Agenten, in deren Vorzimmern die Zuzügler aus der Provinz sich mehrten, von jenen Theatern, die um Palmarum ihre Pforten schlossen.

Mitten unter ihnen faß Heinz Güldewin, der Verwöhnte, der Künstler mit der Anwartschaft auf höchste Ziele, von einem der besten Stadt­theater erzogen er, der nieSchmierenluft" geatmet, der nicht von der Pike auf gedient hatte.

Mißtrauisch von ihnen beobachtet, die jede Enttäuschung mit stoischer Ruhe tragen und so­gar noch eine fromme Lüge zu der Rettung ihres Rufes aufbrachten: Sie hatten nicht abgeschlos­sen nein das Theater paßte ihnen nicht sie hatten Besseres in Aussicht.

In diesen dunklen, im Vorzimmer durchdäm- merten Stunden, tat Heinz manch ungeahnten Blick in eine Well, die er zu kennen gemeint hatte und doch nur halb kannte. Hnd etwas von der Seelengröße, dem Kinderglauben ünd der unend­lichen Geduld dieser armen Komödianten rührte an sein Herz, zwang ihm Respekt ab, Respekt und - Neid.

Von dein einen wußte er, daß er nicht früh­stückte, um einmal des Tages warm essen zu kön­nen. Von dem anderen, daß er Nächte durch Adressen schrieb, um seine Familie durchzubrin­gen. Denn Familie hatten sie alle Hnd alle ohne Ausnahme waren große, große Künstler!

So ihr nicht werdet wie die Kinder . . dachte Heinz.

Hnd sie waren Kinder, und sie hatten auch ihr Himmelreich. Hnd spielten sie in einer Scheune jeder einzelne dünkte sich der Held.

Heinz faß und hörte zu.

Den Rest des Tages verbrachte er in einem Cafs der Friedrichstraße.

Dort schwirrten die großen Namen nur so. Die Alteingesessenen Berlins, alles, was genial, dä­monisch, geistvoll und arrogant war.

Hinter seiner Zeitung studierte er sie voll grimmiger Bosheit.

Eine entsetzliche Leere war in ihm.

Bald kannte er die meisten von Ansehen, sie kamen und gingen zu bestimmten Stunden.

Er wurde blaß und müde, von jener faulen Müdigkeit der Nichtstuer, die von brachliegenden Kräften geboren wird.

Hnd plötzlich gingen ihm die Augen auf. Der ganze Schrecken seiner Lage stürzte über ihn

städtischen Körperschaften bisher nicht die Vertretung gefunden haben, auf welche sie ihrer Bedeutung im Gesamtwirtschaftsleben nach recht wohl Anspruch erheben dürfen. Nun stehen die hessischen Gemeindewahlen bevor, und es dürste daher angebracht sein, die Kauf­mannschaft mit einem ernsten Mahnwort bekannt zu machen welches in einem unter der Anschrift Wirtschaft und Gemeindeverwaltung" betitelten Aussatz - veröffentlicht in der von der Handlls- kammer Düsseldorf herausgegebenenRheinische.. Wirtschaftszeitung" geschrieben steht. Es beißt dort über die Notwendigkeit, daß der Wirtschaft wieder der Einfluß auf die Gernejndeverwnitung unö Gemeindevertretung cingeräumt wird, die ihr als dem Nährboden des Gemeinwesens zu­kommt, wie folgt:

Er kommt daraus hinaus, Männer des Wirtschaftslebens wieder für eine tätig' Teil­nahme in der Gemeinde zu gewinnen. Das ist nötig, wenn man der Schwierigkeit Herr werden und die Gemeinden zu neuer Blüte bringen will. Das lehrt uns die Geschichte des deutschen Gemeindewesens. Die alteinge­sessenen Familien, die Leiter der großen Han­delshäuser und industriellen Werke, die Führer der Wirtschaft, waren Jahrhunderte hindurch die Führer der deutschen Gemeinwesen. Sie haben die besten Bürgermeister und Stadtver­ordneten gestellt. Das schuf die unmittelbare Verbindung zwischen der Gemeinde und der Wirtschaft ihrer Bannmeile, zum Vorteile bei­der, namentlich jener, die nun einmal mit ihrer Wirtschaft auf Gedeih und Verderb ver­bunden ist. Dieses natürliche innere Band hat die neue Zeit jäh zerrissen. Wir müssen es wieder knüpfen, wenn die Gemeinden hoch kom­men sollen. Nicht ohne Schuld sind freilich die Führer der Wirtschaft selbst, die sich bedauer­licherweise in den letzten Jahren von der Teilnahme an der öffentlichen Verwaltung auf­fallend zurückgezogen haben. Ihre Gründe mögen erklärlich sein, berechtigt sind sie nicht. Stellen sich erfahrene und bewährte Wirt- scha tsführer, angesehene Männer abseits, scha­den sie nicht nur der Gemeinde, der sie die bester und wertvollsten Kräfte vorenthalten, weniger guten um so mehr Aufstiegsmöglichkeiten bietend, sondern sie schaden im letzten Grunde und am meisten der Wirtschaft. Deshalb möge an sie die ernste Mahnung ergehen, sich ihrer Pflichten gegen das Gemeinwohl zu erinnern und gemeinsam mit Angehörigen des Arbeiter­standes eine tätige Mitwirkung in der Gemeinde wieder aufzunehmen. Die Zeit ist gekommen, in der gerade die angesehensten Kaufleute und Industriellen wie früher es sich zur höchsten Ehre anrechnen müssen. Stadtverordnete zu fein. Jede bürgerliche Partei wird sicher mit Freu­den solche Männer in ihre Reihen aufnehmen und sich ihrer Führung anverirauen."

Naturgemäß kann es niemals Aufgabe einer Handelskammer fein, selbst aktiv in den Wahl­kampf einzugreifen unb gar eigene Vorschlags­listen auszustellen: das verbietet schon der durch Gesetz gezogene Rahmen für das Fell» ihrer Tättg- feit Wohl aber sollten es die an keine solchen gesetzlichen Schranken gebundenen Arbeitgeber­verbände für Gewerbe, Handel und Industrie sich sehr angelegen sein lassen, so schnell wie möglich über geeignete Standesvertreter sich schässig zu machen und diese den verschiedenen Parteien zu präsentteren. Erste und einzige Vor­aussetzung für ein erfolgreiches Vorgehen ist allerdings eine lückenlose Geschlossenheit dieser Erwerbsstände unter Hintansetzung jeglicher par­teipolitischen Gesichtspuntte und Voranstellung nur rein gewerblicher und kaufmännischer Inter­essen.

herein wie ein ins Wanken geratener Stein- hügel.

Er stand draußen! Ein Arbeitsloser. Ein Mensch, den niemand mehr wollte. Die große Maschine ging auch ohne ihn weiter.

Das war die kalte, krasse Wahrheit. Er hatte sich alles verdorben. In einem Augenblick, wo er die Herrschaft über sich selbst verlor.

Er trank das fünfte Glas Kaffee. Der Kaffee schadete seinen Nerven, machte ihn schlaflos.

Daan faß Heinz eben bis zur Zeit des letzten Stadtbahnzuges oder des ersten Morgen­zuges und döste vor sich hin, während um ihn her die Kellner gähnten und die Plätze leer wurden. Sein graues, schlaffes Gesicht nahm nur noch selten einen Ausdruck geistiger Hochspannung an.

Endlich es war Anfang Capril da erhielt er eine Rohrpostkarte von Bertens, er möge sich nm 11 Hhr bei ihm einfinden, um einem Direktor vorzufingen.

Einem Direttor! Zauberwort!

Heinz, der noch Übel verkatert im Bette lag, fuhr hell wach aus den Federn und machte Toi­lette. Das Rasieren machte ihm heute wieder Freude. Fort mit dem alten Bart, fort mit dem ganzen alten verwilderten Kerl

Die Säcke unter den Augen waren nicht schön.

Beim Waschen noch probierte er seine Stimme.

Na ja, um 10 Hhr morgens! Was konnte man da verlangen?

Der Asphalt lag voll Sonne, am Potsdamer Platz wurde i Veilchen und Schneeglöckchen seil- geboten. Nicht die ersten hier in Berlin gab's ja den ganzen Winter Veilchen ivaldvcttenfremd, die feingebogenen Stengel in Silberpapier ver­packt.

Heinz konnte fil) nicht entschließen aus bau steifen Blumenausbun fürnur einen Groschen" eines jener Sträußchen zu erstehen. Er dachte an den Garten hinter seinem Vaterhaus, wo man schon im Februar wenn man die dürren Blätter sorgsam wcgschafste aus einem duften­den Beet aus Watomoder, Tannennadeln, Moos und kleinen Pilzen die ersten lila Köpfchen ent­decken konnte. Mit einem Finger hatte er sie hochgehoben, unb ein Dust war zu ihm auf­gestiegen, so zart, so keusch, so stisch.

Törichte, unbegreiflich naive Zeit!

Vor einem Schaufenster in ber Leipziger Straße blieb er stehen. Ganz gedankenlos, denn er wußte nicht einmal, was er sah. Fühlte nur bas aufwallenbe Leben ber großen, goldenen Stadt bas unter bem heißen Strahl des Avni über die Straßen schäumte fühlte mehr als er sie sah bie schonen Frauen unb die ganz, ganz jungen mit den noch dünnen Hälschen und un­erblühten Gliedern er horte das endlose Tuten der Autos, den schrlllen und doch so berußiaenben Ton der kleinen Schutzmamrsttompete.

Aus Stabt und Land.

Gießen, den 20. September 1922.

Bürgerlicher Unterricht int Heere.

Das Wehrgesetz schreibt vor, baß den Frei­willigen während ihrer Dienstzeit eine vorberei­tende Ausbilbung für ben Hebergang in bürger­liche Berufe gewährt werden soll. Der im Heere eingeführte bürgerliche Hnterricht gliederte sich bisher in die 1920 neu geschaffenen Heeresfach- fchulen für Gewerbe und Technik, für Landwirt-- schäft und in die von früher her übernommene Ausbildung für bie allgemeine Zivilbeamtenlauf­bahn. Nunmehr ist der letztgenannte Hnterricht in ttebereinstimmung mit ben Wünschen bes Reichstages und unter Mitarbeit von Vertretern der Ängestellten, der Behörden, des Wirischafts- lebens und eines parlamentarischen Beirats in eine Heeresfachschule f ü r V e r wa 11 u n g unb Wirtschaft umgeformt worden. Das Reichswehrministerium hat soeben bie Lehrgänge für diesen neuen Hnterrichtszweig bekanntgegeben. Der Hnterricht beginnt mit dem 4. Dienstjahr. Er gliedert sich in eine Hnterfhife, an der alle Freiwilligen teilzunehmen haben, die nicht auf Grund eines Zeugnisses oder in einer bei Be­ginn des Hnterrichts abzulegenden Prüfung bar­getan haben, baß sie eine über das Ziel ber Hnterflufe hinausgehende Bildung besitzen. Der Hnterricht ber Wittel- und Oberstufe ist frei» willig. Während Hnter- und Mittelstufe Kennt- nisse allgemeiner Art vermitteln, soll bie Ober­fl ufe unmittelbar auf ben künftigen Beruf tor- bereiten, unb zwar einmal auf bie Tätigkeit als Deamte des öffentlichen Dienstes, daneben aber auch auf ben Beruf eines Privatbeamten ober Kaufmanns. Der Hnterricht soll Hanb in Hand gehen mit der militärischen Erziehung. Persönlich­keiten mit Vaterlandsliebe unb positivem staats­bürgerlichem Willen heranbilben. Hm ben bis­herigen Hnterrichtszweig auf bie neue Form um­stellen zu können, mußte von ben ausschlaggeben­den beteiligten Stellen dem Ersatz der früheren vorwiegend formalen, bem Lebensalter ber aus» scheibenben Soldaten schwer anzupassendenEin. jährigenreife" burch eine anders geartete, abei mindestens gleichwertige Bildung zugestimmt wer. ben. Das ist auf Grund bes jetzt befanntgegebe- nen Lehrplans erfolgt

** Amtliche Personalnachrich- ten. Ernannt wurden am 11. September der Amtsgerichtsrat bei dem Amtsgericht Bingen Dr. Karl Goldschmidt unter vorläufiger Belassung in der Stelle eines Amtsrichters bei dem Amtsgericht Mainz zum Landgerichtsrat bei dem Landgericht Mainz; der Staats­anwalt bei dem Amtsgericht Mainz Max Locher unter Belassung in der Stelle eines Staatsanwalts bei der Staatsanwaltschaft in Gießen zum Staatsanwalt bei dem Amts­gericht Gießen; der Amtsgerichtsrat bei dem Amtsgericht Groß-Gerau Karl Mick- l e r zum Amtsgerichtsrat bei dem Amtsgericht Bingen mit Wirkung vom 1. Oktober 1922; der Staatsanwalt bei dem Amtsgericht Offen­bach Karl Eber zum Staatsanwalt bei der Staatsanwaltschaft in Darmstadt mit Wirkung vom 10. Oktober 1922; der Staatsanwalt bei dem Amtsgericht Gießen Wilhelm G e i ß - l e r zum Amtsgerichtsrat bei dem Amtsgericht Groß-Gerau mit Wirkung vom 1. Oktober 1922; der Gerichtsassessor Dr. Eurt Schmidt in Darmstadt unter Belassung in der Stelle eines Amtsrichters bei dem Amtsgericht Darmstadt II zum Staatsanwalt bei dem Amtsgericht Offenbach mit Wirkung von. 10. Oktober 1922, und der Gerichtsassessor Kari

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Vom stillen, vornehmen Tiergartenviertel wehte ein Geruch reicher Hhazinthenbeete in ber. Benzinodem ber hast eichen Welt; auf ber Sonnen­seite ber Straßen würbe es ber Menschheit heiß, unb man ging mit offenen Hebersießern und 3aden sommerlich leicht.

Im Wartezimmer des Agenten befiel Heinz em Schwindel. In ben Bureaus brannte noch das elektrische Licht, denn sie lagen nach bem Hof hinaus, ber wie ein Schacht alle bie hohen auern zusammenfaßte.

Die Ruhe unb Abgeschiedenheit hier war über alle Iahreszeiten erhaben, ob Frühling, ob Winter bas starre Angesicht veränderte sich nicht.

Drinnen fang eine Dame vor

Sieh mich vor Wonne beben."

Im Vorzimmer lächelte man diskret.

Nach einer Pause trat bie Wonnebebend« über bie Schwelle, ein blasses, mageres, hochschul- teriges Wesen, jeder Zoll eine Anfängerin.

Heinz betrachtete sie mit mitleidiger Auf­merksamkeit.

Da war wieder mal eine Hoffnung zunichte geworden. Fetzt kam er an die Reihe'.

Wenn ich bitten darf?" . .

Der joviale Agent stellte vor:Der Tenorist, von bem ich Ihnen sprach Herr Direktor . .

Aus wieder unverständlich. Täuschte Heinz sich nicht, so war das ein Nest in Böhmen

Er unterschied eine geblümte Weste, sehr viel Weste zwei fleischige Hände, die auf zwei gewaltigen Knien lagen unb zwei runde Brillengläser.

' .. Fangen wir an!"

Der junge Mensch am Klavier ließ bie blaffen Hänbe mir ben ausgeprägten Knöcheln auf bie Tasten fallen. Seine Finger waren wie Fort­setzungen dieser Tasten: feine langen Arme wie verwachsen mit bem Instrumem das Ganze selbst nur Instrument, ohne Seele, ohne Mei­nung.

Was haben Sie gesungen," fragte der Ge­waltige im Hintergrund barsch.

Rudolf - Faust Cavaradossi alte Verdis natürlich Flotow und - 3osi," fügte Heinz zögernd hinzu.

Der Herr fuhr aufgeregt in bie Höhe.

Bci mirr nicht! Bei rnirr nicht!" rief et laut.

Bertens lächelte biabolisch.

Bist bu's, lachendes Glück, oder so was," schlug er freundlich vor.Der Herr Direktor pflegt besonders die Operette hauptsächlich bie Zigeuneroperetten wie wär's mit Ioczi?"

Heinz sag den kurzen Satz des ersten Aktes ausZigeunerliebe":Glück hat als Gast nie lange Rast . . .

Tragödie!" knurrte ber GestrengeStil komische Oper. Seriös! So singt mgn das bei mirr nicht " (Fortsetzung folflL)